
Twang-Bang-Wah-Wah-Zoing! – Das Flyer-Zine - seit 1999
Die Kurzen (Singles, EP) Longplay (LP, CD) Re-Issues Live Gigs Fanzines Unsigned Talent Album des Monats News Links
Letztes Update: 10. Dezember 2009
Die Langspieltonträger
Die Bewertungsskala:
* Materialverschwendung! -
** muss man nicht kennen - *** sollte man
mal gehört haben - ****
Anschaffung sehr zu
empfehlen - ***** gehört in jede
Plattensammlung!
Mein Album des Monats ist hier zu finden!
Long Tall Shorty – The
Sound Of Giffer City (LP, Time For Action, www.myspace.com/longtallshortyuk)
Long Tall Shorty ist eine
der legendären britischen Neo-Mod Bands der 70er/80er Jahre. Ich kenne nicht
viele Platten der Band, aber in einschlägigen Kreisen wird ihr Name nur
ehrfürchtig genannt, und ihre Liveauftritte seien energiegeladen und
spektakulär, heißt es. Seit 2002 ist die Band wieder aktiv, und von ihrer an
Punk geschulten Energie scheint nichts verloren gegangen zu sein, wie diese
soeben erschienene LP mit 15 klassischen und neuen Mod Punk Tracks beweist. Ich
kenne wie gesagt nur wenige Singles der Band aus ihrer Frühphase, aber diese
Platte hier rückt den Sound des Trios eher in die Nähe von so schnörkel- und
kompromisslosen Kapellen wie Jimmy Purseys Sham 69 oder der Heartbreakers von
Johnny Thunders, dessen „Born To Lose“ sie hier übrigens auch zum
Besten geben. Sie selbst nennen ihren Sound Giffer Punk. Ein Begriff der von
Gary Bushell in den Liner Notes zur Platte erklärt wird. Dabei wird allerdings
auch nur deutlich, dass dies der Sound von Gestern, Heute und Morgen ist. Na
dann ist ja alles klar! ***
The Low Frequency In Stereo – Futuro (LP/CD, Rune Grammofon, www.myspace.com/lowfrequencyinstereo)
Haugesund, Norwegen, ist
der Heimatort dieser Combo. Hört man jetzt nicht unbedingt raus. Aber die
norwegische Herkunft hört man bei Motorpsycho oder der Brimstone Solar
Radiation Band auch nicht. Seit knapp neun Jahren musiziert dieses Kollektiv
hier gemeinsam. „Futuro“ ist ihr viertes Album. Ich kenne die
ersten drei nicht. Das hier ist jedenfalls sehr schön abwechslungsreich und
musikalisch nicht so einfach in eine Schublade zu stecken. Der Gitarrensound
ist mitunter recht twangy und lässt ans Surfen denken. Die Länge der Tracks,
ihr Aufbau und die anderen Instrumente und Soundscapes evozieren jedoch viel
eher Krautrock, Post Rock, Trips und Träume. Meistens singt eine Frau. Und die
Songs, die sie singt, beschwören mitunter eine Leichtigkeit, die Kinderliedern
und luftigen Popmelodien zu eigen ist, und nicht Prog Ungetümen, mit denen
manche Rezensenten dieses Musikerkollektiv in Verbindung bringen wollen. Eine
meiner Entdeckungen dieses Jahr. Mir gefällt diese LP so gut, ich traue mich
gar, die älteren anzuhören. Muss ich ja auch nicht. ****
The Pikes –
Gegründet 2007 in einem Schallplattenladen
in Berlin Kreuzberg spielt dieses Quartett straighten Mod-Beat-Punk-Pop, der
The Who, The Jam und The Clash völlig zu recht als Vorbilder nennt. Sechs Songs
mit viel Aplomb und Energie vorgetragen. Alles up-tempo, rotzig und mit der richtigen
Attitüde. Dabei gibt es genügend Wiedererkennungswert, Hooks und
Mitsingmelodien, die nötig sind, um sich ein treues Publikum zu erspielen. Ein
viel versprechendes Debüt. Selbstverständlich auf Vinyl und mit 45 RPM. ***1/2
Saffer & The Jukes –
Nothing In Our Bellies But A Fire Down Below (CD, Rockwerk, www.myspace.com/stefansaffer)
Stefan Saffer, Singer/Songwriter aus Oberfranken, der
in Leipzig gestrandet ist, taucht mit seiner neuen Band und diesem neuen Album
noch tiefer ein in die amerikanische Roots Musik. Schon das erste Soloalbum
Saffers „The Dark Frontier“ orientierte sich musikalisch wie
thematisch sehr an Americana und Roots Rock. Hier nun wird eine noch breitere
Palette amerikanischer Roots Musik adaptiert. Vor allem wird nun überwiegend
akustisch musiziert mit den Instrumenten, die auch die europäischen Einwanderer
in den USA zu Beginn des vorigen Jahrhunderts zur Verfügung hatten, Banjo,
Fiddle, Akkordeon, Gitarre. Neben traditionell überlieferten Kompositionen
finden sich Songs von Stefan Saffer sowie ein Stück von Woody Guthrie, das von
Saffer und seinen Jukes wirklich sehr einfühlsam interpretiert wird. Meist ist
Saffers raspelige aber gefühlvolle Stimme zu hören, die sich inzwischen vom
großen Vorbild des Boss emanzipiert hat und ihren eigenen einprägsamen
Charakter offenbart. Ein Glanzlicht ist die Neuinterpretation des
„Kentucky Girl“, das schon immer zu Saffers besten Songs gehörte.
Ein weiteres Highlight der Platte, die im Übrigen keine Ausfälle enthält, ist
die eher dunkle, melancholische Interpretation des Standards „You Are My
Sunshine“. Hier von Angela Hofmann verhalten vorgetragen zu einem Arrangement in
Molltönen. Recht flott und mit Schmackes geht es bei „Everyday“ zur
Sache. Dagegen wird „Mary’s Garden“ mit viel Gefühl im Duett
vorgetragen. Wie gesagt, eine Platte, die vollkommen in der Tradition US
amerikanischer Volksmusik steht. Es gibt nicht viele deutsche Musiker, die in
dieser Szene überzeugen können. Aber Saffer & The Jukes gehören eindeutig
dazu. ***
Baby Woodrose – s/t (LP/CD, Bad Afro, www.badafro.dk, www.myspace.com/babywoodrose)
Auch schon im September
erschien die neue LP der dänischen Garage Rocker. Wieder etwas straighter und
nicht so verspielt psychedelisch wie die letzte Scheibe ist diese 12-Track
Sammlung, die von Lorenzo Woodrose beinahe im Alleingang eingespielt wurde. Mit
„Emily“ hat er den poppigsten, Radio freundlichsten Titel seiner
Karriere aufgenommen. Nicht, dass dies viel nützen wird, was deutsche
Radiosender betrifft. Insgesamt ist der Sound dieser LP wieder ganz an US
Garage der Sixties aber auch Neo-Sixties aus den 80ern orientiert. Dafür sorgen
neben Fuzzgitarre und hypnotischen Basslinien auch allerlei Effekte auf
Lorenzos Stimme, die allerdings auch so schon den typischen Snarl hat.
Akustische Gitarren und Background Chöre liefern den Pop Appeal. Und hier und
da wird auch wieder in die Trickkiste des professionellen Psychedelikers
gegriffen mit backwards Loops und so. Die Songs als solche sind meist relativ
schlicht aber sehr eingängig. Wäre diese Platte 1968 oder 1982 erschienen, wäre
sie vielleicht wegweisend gewesen. So ist es immer noch eine gelungene Garage
Pop Platte, an der kein Liebhaber des Genres vorbeikommt. ***1/2
The Micragirls – Wild Girl Walk (LP/CD,
Bone Voyage, www.myspace.com/micragirls)
Vermutlich sind sie immer noch ein Geheimtipp, die
drei Mädels aus Kuopio, Finnland. Dabei waren sie doch schon etliche Male hier
in Deutschland, um ihren Garage Trash Pop live zu präsentieren. Allerdings
nicht mehr mit ihrem Nissan Micra Bus, der für den Bandnamen Pate stand. Dafür
haben sie letztens als Support für Jon Spencers Heavy Trash gespielt. Und bei
der Gelegenheit konnten sie Jon Spencer persönlich in’s Studio lotsen,
damit er bei ein paar Tracks ihres neuen Albums Backing Vocals singt.
Produziert hat die Scheibe wieder Asko Keränen von 22 Pistepirkko, der so eine
Art Mentor der Girls ist. In Finnland erschien die Platte bereits im September,
und die Single „Summer’s Gone“ lief dort ständig im Radio.
Die Songs und der Sound sind wieder ganz typisch Micragirls. Also wild,
unbekümmert, aber auch ein bisschen schräg psychedelisch. Im Vergleich zu
früheren Aufnahmen klingt das hier nun eher durchdacht und ausgetüftelt. Aber
keine Bange, es macht nach wie vor großen Spaß. Neben elf eigenen Songs gibt es
eine sehr schöne Version von Wanda Jacksons „Funnel Of Love“. In
zumeist höllischem Tempo und mit viel Aplomb spielen sich die drei Mädels durch
ihr Repertoire. Wer die Micragirls immer noch nicht kennt, sollte das nun
endlich ändern. ***1/2
Haruko – Wild
Geese (LP/CD, Bracken Records, www.myspace.com/harukomyspace)
Susanne Stanglow ist eine
junge Frau aus Bremen, die leise, zerbrechlich wirkende, filigrane Folksongs
schreibt und aufführt. Nur mit einer akustischen Gitarre, ihrer klaren mädchenhaften
Stimme und hier und da von ein paar zusätzlichen Klängen von Glockenspiel
unterstützt trägt sie ihre Lieder vor. Lieder von goldenen Herbstblättern, von
morgendlichen Träumen, von einem Mann im Mond, von Liebe und zarten Gefühlen,
von einem einsamen und traurigen Drachen, vom Winter und vom Frühling.
Märchenhafte Lieder zumeist. Bei romantischen jungen Männern (und wohl nicht
nur jungen) kann das leicht eine Art Beschützerinstinkt auslösen. Und
tatsächlich möchte man unwillkürlich eine kuschelige Ecke auf dem Sofa für das
Mädel bereiten. Für manche Stimmungen an schummerigen Herbstabenden in der
molligen Stube im Schein einer Kerze ist diese Platte hervorragend geeignet.
Unter anderen Bedingungen könnte man die Scheibe auch für etwas naiv und auf die
Dauer langweilig halten. Mal so und mal so. ***1/2
Malakoff Kowalski – Neue deutsche Reiselieder (LP, Das Kowalski Komitee, www.myspace.com/malakoffkowalski)
Geboren 1979 als Aram Pirmoradi in Boston (USA), Sohn
persischer Eltern, aufgewachsen in Hamburg, in den 90ern bei der Hamburger Band Kinski, später eine
Hälfte von Jansen & Kowalski mit Majorvertrag. Inzwischen lebt der Junge in
Berlin und macht nun seine eigene Musik. Irgendwo zwischen Krautrock, NDW,
Chanson, Postrock und schräger Exzentrik. Inga Humpe (2Raumwohnung) und Danny
Dziuk (er selbst) finden ihn gut. Danny spielt auch Klavier auf dieser LP hier.
Herr Dziuk hat auch zwei Songs beigesteuert. Die meisten Titel schrieb Kowalski
allerdings selbst. „Auf einem anderen Stern“ gefällt mir. Das hat
so etwas Sci-Fi Retrohaftes. „Barfuß oder Lackschuh“, bei dem ein
gewisser Gregor Rottschalk (kennt den noch jemand?) als Co-Autor genannt wird,
nervt mich dagegen mit seiner Aufdringlichkeit. Andere Tracks vermitteln
durchaus intime, angenehme Stimmung. Überhaupt ist da eine große Dynamik, ein
Auf und Ab, laut und leise, einschmeichelnd und abstoßend. Die gesamte LP hat
was. Letztlich ist sie mir jedoch zu anstrengend. Ich weiß nicht, wie ich das
anders ausdrücken soll. Es ist nicht mal die deutsche Sprache, die mich ja bei
anderen Platten mitunter abtörnt. Musikalisch ist das hier zu unausgewogen und
teilweise zu unruhig. „Das Herz eines Seemanns“ zum Beispiel
verursacht mir Unbehagen, obwohl es in einem anderen Arrangement vermutlich
ziemlich ok wäre. Eine zwiespältige Platte also. ***
Litter & Leech
– Augmented Reality (CD, Trash Tone, www.LordLitter.de)
Schön wieder mal neue Songs
von Lord Litter zu hören. Unverkennbar sind Stil und Atmosphäre, und diese
sonore mitunter etwas raspelnde und doch warme Stimme ist eh einmalig. Mit
Lefty Leech, seinem alten Kumpel, hat der Lord hier zehn neue Tracks
produziert. Songs, die von den beiden schon das eine oder andere Mal live
aufgeführt wurden. Ich muss mir das endlich auch mal in echt anschauen und
anhören. Hauptsächlich akustische Instrumente, also Gitarren und ein bisschen
Perkussion, kommen zum Einsatz. Dazu ein paar Keyboardtupfer zur Untermalung.
Und den einen oder anderen Soundeffekt, das eine oder andere Sample zaubert der
Lord aus seinem Computer zur Erzeugung bzw. Verstärkung von Stimmungen. Eine
ganz eigene Nische ist es, in der sich Lord Litter da eingerichtet hat.
Letztlich ist er ein Singer / Songwriter, wie man so sagt. Mit einer Art Gothic
Background, leicht verschrobenen Songideen und großer Gelassenheit, um nicht zu
sagen Weisheit. Augmented Reality? Ist das jetzt Sarkasmus? Oder stehe ich auf
der Leitung? Neue Helden brauchen wir? Ich denke „Season Of The
Doomed“ trifft’s eher. Und was haben Paul (McCartney) und John
(Lennon) damit zu tun? Fragen über Fragen. Ich fürchte, diese zehn
verschrobenen aber auch anheimelnden, kurzweiligen und doch nachdenklichen Lieder
geben auch keine schlüssigen Antworten. Oder allenfalls eskapistische. Das
macht aber nichts. Ich fühle mich gut unterhalten in diesen rund 38 Minuten,
die vergehen während die CD läuft. „Dancing At The Gates Of Hell“,
der Schlusstrack fast es treffend zusammen. Ein Moralist ist er also, der Lord
Litter. Keine Ahnung wie viele Leute diese Platte kennen und hören. Viel zu
wenige, fürchte ich. Es sollten mehr werden. ****
Armstrong – Songs About The Weather (CD, Beautiful Music, www.myspace.com/armstrongwales)
Julian Pitt aus Südwales
hat die 12 Songs auf dieser Scheibe geschrieben, arrangiert und fast komplett
alleine aufgenommen. Lieblicher Jangle Pop erklingt hier. Wimpy Pop kann man auch
sagen. Sehr hübsch und fast ein bisschen zu lieblich für meinen Geschmack.
Manche der Songs sind jedoch wirklich gut. Der Albumtitel ist übrigens durchaus
wörtlich zu verstehen. Sonnenschein und Regen, Wolken und Wind wechseln sich
auf das Schönste ab. Wer die Musik der Pearlfishers aus Schottland und Bands
wie The Dream Academy oder The Pale Fountains mochte, dem wird auch gefallen,
was hier zu hören ist. Erschienen ist die CD beim Indie Pop Label Beautiful
Music in Kanada. ***
Black Night Crash – The Late Reply (CD, Fuego, www.myspace.com/blacknightcrashbremen)
Aus Bremen kommt diese
Band. Nach eigener Aussage spielen sie lauten dreckigen Gitarrenrock. Ja, kann
man so stehen lassen. Erinnern mich ein bisschen an die Donots aus Ibbenbüren.
Allerdings haben die vier Bremer wohl noch mehr Pubrock und Blues Rock aus den
70er Jahren gehört. Drei bärtige Jungs und ein Mädel am Schlagzeug. Eine immer
noch ungewöhnliche Konstellation. Pamela stammt ursprünglich aus Süddeutschland
und hat früher in einer Punkband getrommelt. Die Jungs dagegen waren schon
immer darauf aus, so wie Hendrix oder Clapton zu klingen. Die Gitarren müssen
zerren und rückkoppeln. Die 13 Tracks auf dieser Debüt Scheibe sind denn auch
in dieser Tradition entstanden. Eine Mundharmonika tritt öfters hinzu. Und der
Gesang ist ebenfalls schön bluesig dreckig. Gar nicht mal schlecht also das
Ganze. ***
Kensington
Road – A Story From Somewhere In Between (CD, E-lane Rec., www.myspace.com/kensingtonroadmusic)
Diese Band aus Berlin
hab’ ich, wenn ich mich recht erinnere, schon vor mehr als zehn Jahren
live im Wild At Heart gesehen. Schon damals war ihr Auftreten sehr professionell
und ihre Musik an klassischem Mainstream Rock orientiert. Sie bemühen sich
dabei, immer so ein Quentchen Indie und College Rock Authentizität
vorzugaukeln. Ich will den Jungs nicht unrecht tun. Sie können spielen. Ihre
Songs sind ok, die Arrangements ausgefeilt und radiokompatibel, die Produktion
wirklich professionell. Dass bei mir trotzdem kein Funke überspringt, liegt
wohl daran, dass ich solche Musik schon von so vielen US Rockbands gehört habe,
die alle auch noch professioneller und noch massenkompatibler sind. Und dabei
fehlt mir hier eben genau das Unberechenbare, das Rotzige und das wirklich
Eigenständige. Aber wer Gefallen an der letzten U2 Scheibe findet und selbst
Journey oder Toto nicht verachtet, der sollte sich Kensington Road ruhig mal anhören.
**
Kosmos – Vieraan Taivaan Alla (LP, Eigenvertrieb, www.nic.fi/~ovaltone/kosmos)
Auf diese Band aus Finnland bin ich nicht etwa in
Finnland gestoßen, sondern durch das Leserforum des deutschen Rolling Stone.
„Vieraan Taivaan Alla“ (Unter einem fremden Himmel) ist bereits ihr
drittes Album. Es hätte durchaus auch mein Album des Monats werden können. Aber
Päivi, meine Frau, findet die Platte langweilig. Hier wird halt nicht gerockt. Die
Band aus Turku steht viel mehr in einer Folk Rock und Prog Folk Tradition der
frühen 70er Jahre. Bands wie Trader Horne aber auch Mellow Candle oder Emtidi
aus Berlin fallen mir dazu ein. Akustische Gitarren, Flöten, Faggot, Zimbeln,
Mellotron, Glockenspiel und die wundervolle Altstimme von Päivi Kylmänen. Mit
dem finnischen Freak Folk jüngerer Zeit hat die Band eher nichts gemeinsam.
Während die erste LP Seite sehr ruhig und verträumt klingt, wird es bei dem
dreiteiligen über zwölf Minuten langen „Vieraat“ (Die Fremden) auf
Seite 2 dann schon recht heftig. Hier gibt es Schlagzeug und verzerrte
elektrische Gitarren. Die ganze Platte vermittelt eine etwas unwirkliche,
außerirdische Atmosphäre. Neben der psychedelischen Musik liegt das natürlich
auch ein bisschen am Gesang und an der finnischen Sprache, die wie ein
zusätzliches fremdartiges Instrument klingt, gerade wenn man nichts versteht.
Vielleicht bekomme ich die Band ja auch mal live zu sehen. Ich bin gespannt, ob
sie das auf der Bühne umsetzen kann. ***1/2
The Magnificent Brotherhood – Live Ammunition (CD, Herzberg Verlag, www.MagHood.com)
Der zweite
Longplayer der Berliner Psychedelic Garage Combo ist also eine Live Scheibe.
Eigentlich mag ich ja live Platten nicht so sehr. Wenn man selbst live dabei
war, ok. Meistens bieten jedoch Studio LPs besseren Sound, ausgefeiltere
Arrangements und präzisere Produktion. Aber natürlich gibt es Bands, die muss
man einfach live hören – und sehen. Ob diese Bruderschaft unbedingt dazu
gehört, da bin ich mir nicht wirklich sicher. Ich hab’ sie ja schon live
gesehen. Und meistens sind ihre Auftritte auch kurzweilig und sehenswert. Es
ist aber keineswegs so, dass diese Konzerte der Studio LP der Band unbedingt
vorzuziehen sind. Zwei Seiten einer Medaille sind es. Das hier ist nun der
Mitschnitt ihres Auftritts beim Burg Herzberg Festival letztes Jahr. Oder ein
Teil davon jedenfalls. Für Leute die dabei waren bestimmt eine schöne
Erinnerung. Und ein paar neue Songs der Band sowie vier Coverversionen eher
unbekannter Sixties Garage Titel sind auch zu hören. Der Sound – direkt
aus dem Mischpult vermutlich – ist mir aber ein bisschen zu blechern und
dünn. Lediglich das 18-minütige „The Drifter“ überzeugt durch seine
Einmaligkeit in Bezug auf Improvisation und Klangexperimente. Ansonsten warte
ich auf die nächste Studio LP der Jungs. Oder wie wär’s mal mit ner
7“ 45? **1/2
Sutcliffe – s/t (CD, Beste Unterhaltung /
Broken Silence, www.sutcliffe.de)
Liegt hier schon einige
Wochen rum diese CD der Kapelle aus Nürnberg. Warum haben die sich eigentlich
nach Stuart Sutcliffe benannt? Der leider viel zu früh an einem Hirntumor
verstorbene erste Beatles Bassist sollte wohl vor allem dem Vergessen entrissen
werden. War halt ein cooler Typ mit Existenzialisten Rolli, Sonnenbrille und
einem gewissen James Dean Flair. Die Musik der Band Sutcliffe dagegen hat mit
Großbritannien und Liverpool nur sehr mittelbar zu tun. Allenfalls der
Gitarrensound erinnert entfernt an den der Shadows. Ist übrigens auch alles
instrumental hier bei Sutcliffe. Das sollte man auf jeden Fall erwähnen.
Ansonsten sind das so Soundscapes wie bei Filmmusiken. Tarantino, you know?
Oder Morricone. Wobei letzterer ja Komponist ist und viele Musiken für
klassische Western geschrieben hat, während der erste eher tolle Musik für
seine Filme entdeckt. Tito & Tarantula zum Beispiel. Sutcliffe greifen das
auf. Ihre Musik erinnert an Wüsten, Texas, Saloons, Mexiko, lange Ritte über
die Prärie – oder die Autobahn. Wenn zu den verschiedenen Gitarren dann
noch Slide und schließlich Akkordeon dazu kommt, dann ist auch Kaurismäki mit
von der Partie. Feine Sache. ***
The Horrors – Primary Colours (DoLP,
XL Recordings, www.myspace.com/thehorrors)
Entstanden ist die Band The Horrors im Süden Englands
aus einer Clique von Schallplattenfans und Sixties Garage Freaks zu Beginn des
neuen Jahrtausends. Die ersten Songs in ihrem Repertoire waren dann auch Cover
von The Sonics, Screaming Lord Sutch oder The Syndicats. Das Horror und Garage
Punk Image wurde auch bei ihren Auftritten sowie den ersten
Plattenveröffentlichungen eifrig gepflegt. Während das live noch einigermaßen
unterhaltsam rüber kam, waren die erste LP und auch die meisten Singles eher
enttäuschend. Zu unausgegoren, zu klischeehaft, eine bizarre Comic Version von
Horror Punk mehr als echter Garage Rock. Den Majorvertrag sind sie inzwischen
wieder los. Und auf ihrer neuen beim Label der White Stripes erschienenen
Platte spielen sie jetzt eine Art Gothic Underground Garage Rock, der
erstaunlich stimmig und überzeugend klingt. Nichts Neues natürlich, aber die
Versatzstücke sind klug gewählt und clever zusammengefügt. Ein wenig The Jesus
And Mary Chain, eine Prise Joy Division, etwas Killing Joke oder The Cure. Aber auch eine ganze Menge eigener Songwriting Ideen
und ein überzeugender Gesamtsound. Etwas verhangen bis matschig mitunter, doch
auch dies gehört zu ihrer Art von Authentizität. Geoff Barrow von Portishead
hat produziert. Ob er für diese ganzen Eighties Reminiszenzen verantwortlich
ist? Wahrscheinlich eher nicht. Aber sicher hat er den Jungs geholfen, ihre
Vorstellungen so umzusetzen, dass es nach was Eigenem klingt. Und das Album
evoziert die spannenderen, besseren Seiten der oft gescholtenen 80er Jahre.
Schon deshalb macht es Spaß zu hören und zu überlegen, woher haben sie jetzt
dieses Riff, woher jenen Basslauf? Und dann merkt man eben, so direkt klauen
sie gar nicht. Sie empfinden lediglich sehr geschickt nach. Wem das nicht
langt, der soll halt seine alten Platten von Echo & The Bunnymen bis zu The
Cult vorholen und auflegen. Mach ich auch hin und wieder. Im Moment gefällt mir
dieser unterhaltsame Mix aus allen ziemlich gut. ***1/2
Art Brut – Art Brut vs. Satan (LP/CD, Cooking Vinyl, www.myspace.com/artbrut)
Die dritte LP der Punk Combo um Eddie Argos klingt
nicht viel anders als die ersten beiden. Aber während sie mit dem Debütalbum und
vor allem mit den ersten Singles noch überraschen konnten und für kurze Zeit
als die Sex Pistols des neuen Jahrtausends oder so was in der Art gehandelt
wurden, interessierte sich für die zweite LP schon kein Schwein mehr. Nun beim
dritten Album haben sie Frank Black, der ein Fan der Band von Beginn an war,
als Produzenten gewinnen können. Am Sound hat sich dadurch wie gesagt kaum
etwas geändert. Die Songs sind immer noch kurz, knackig, hingerotzt. Sehr
britisch, nicht nur wegen des deutlichen Cockney Akzents. Zwischen Jimmy Pursey
und Patrick Fitzgerald bewegen sich Stil und Attitüde der Band. Zwischen
Sarkasmus und Songs für’s Fußball Stadion. Nicht besonders
abwechslungsreich, aber mit einer sympathischen Ausstrahlung. Elf Tracks in
erstaunlichen 40 Minuten. „Mysterious Bruises“, der letzte Track,
ist mit über sieben Minuten auch deutlich zu lang. Insgesamt wohlwollende ***
The Gilligans – My Name Is Willy (CD, Ear Theory Records, www.myspace.com/thegilliganspop)
The Gilligans sind ein
Quartett aus Princeton, Illinois, USA. Dies ist ihr zweiter Longplayer. Die Cd
erreichte mich via Jam Records und Jeremy Morris, der seit Jahren unermüdlich
obskursten aber lohnenden Power Pop Kapellen ein Outlet bietet über sein Label
und seinen Mail Order. Die Musik der Band hier verbindet leichte Sixties
Orientierung, eine Prise Bubble Gum Pop und eben aktuellen Power Pop. Die Riffs
und Chords sind reichlich vorhanden. Der Sound stimmt. Aber obwohl eigentlich
alles passt, wirkt die Scheibe ein wenig beliebig. Ein echter Ohrwurm fehlt. So
ein Track, der schon beim zweiten Hören sofort Aha-Effekte auslöst.
„Fireflies In A Jar“ könnte so eine Nummer sein. Und auch
„Feels Alright To Me“ hat eigentlich alles, was man zum Hit
braucht, eingängiges Riff, einen ordentlichen Hook, schicke Uuaah-Chöre. Und
doch zündet es nicht so richtig. Das Songwriting ist wohl ein Schwachpunkt. Den
Melodien fehlt das gewisse Etwas, das Zwingende. Im besten Fall sind sie
geklaut wie bei „Look“, das verdächtig nach „Hang On
Sloopy“ klingt, was ja nun schon im Original zumindest vom Song her keine
Offenbarung ist. Schade eigentlich. **1/2
Glowfriends – To Have & To Hold (CD, Jam Records, www.myspace.com/glowfriends)
Bereits das
vierte Album der Band aus Michigan. April und Mark Morris sind Geschwister; die
Kids von Jeremy Morris übrigens, der ihre Platten auf seinem Label rausbringt.
Marks Ehefrau Holly gehört ebenso zur Band wie das Paar Jenn & J.W.
Hendrix. Eine große Familie also. Die Damen singen zumeist, bedienen aber auch
Glockenspiel, Vibraphone und Bassgitarre. Die Herren singen nur wenig und
spielen dafür Gitarren und Schlagzeug. Die Liste der Einflüsse, die von der Band
selbst erstellt wurde, ist beeindruckend. Aber Mazzy Star, Luna, Galaxy 500
sowie generell britischer Shoegazer Pop der frühen 90er ist schon recht
deutlich zu hören. Die Songs sind zwar überwiegend recht verträumt ätherisch
angelegt, aber durch kraftvolle Riffs und gelegentliches Akustikgitarren
Geschrammel entsteht ein reizvoller Gegensatz. Ob das jetzt ihr bestes Album
bisher ist, wie sie im Interview sagen, ich weiß es nicht. Ich müsste ihre
anderen Scheiben wieder mal anhören. Das habe ich schon lange nicht mehr
gemacht. Dieses neue Album ist mir fast ein wenig zu lang. Und auch bisschen zu
sauber, zu ordentlich. So schön die Harmonien klingen, so sehr dieser Klang
auch zum Träumen verleitet, mir fehlt da manchmal irgendwas Unerwartetes. Ok,
vielleicht sollte ich die Platte nächstes Mal morgens nach dem Aufstehen hören,
dann besteht nicht so sehr die Gefahr, dass ich dabei einschlafe. ***1/2
Eff Jott Krüger –
Fast Cars, Slow Guitars (LP,
Privatpressung)
Vor zwei Jahren starb Frank Jürgen Krüger im Alter von
59 Jahren nach langem Krebsleiden. Als Gitarrist von Ideal wurde er bekannt.
Sein Oldtimer Verleih brachte ihm sogar kleine Nebenrollen beim Film ein. Und
bis weit in die 90er Jahre war er ein gefragter Session und Studio Gitarrist.
Mit den Lassie Singers war Krüger 1994/95 auch live unterwegs. Die Aufnahmen zu
dieser LP hier entstanden kurz vor seinem Tod in Berlin unter Mitwirkung alter
Weggefährten und Freunde von Ernst Deuker und Thomas Wydler über Ralf Goldkind
bis zu Ulrich Tukur, Emilio Winschetti und Annika Trost. Geschrieben hat Eff
Jott die Songs wohl weitgehend allein. Herausgekommen ist nicht nur eine
manchmal anrührende, fast beklemmende Erinnerung, sondern auch eine großartige
Platte. Der einleitende Titelsong gibt quasi das Motto seines Lebens vor.
Einige Instrumentalstücke sind stark an Stil der Shadows und anderer berühmter
Gitarrenbands orientiert. Richtige Gänsehaut vermittelt der „Chemo
Blues“ am Ende der ersten LP Seite. Aber Krüger hatte seinen Humor auch
bis zum Schluss nicht verloren. Das beweisen Stücke wie „Dirty Old
Men’s Club“. Ein besonders guter Sänger war Eff Jott ja nie, aber
sein halber Sprechgesang ist so eine Art Trademark. Und die sonore Stimme,
dieser beiläufige Snarl hat schon was. Herausragend sind jedoch die Gitarren,
von der Fender Stratocaster über die Telecaster bis zur Jaguar. Dazu Gretsch,
Gibson Les Paul und Flying V. Die konnte der Mann spielen wie nur wenige. Sehr
effizient und ökonomisch und mit viel Gefühl. Je öfter ich diese Platte höre,
desto sicherer bin ich mir. Wenn man nichts von Eff Jott Krüger braucht, keine
Ideal Platten, keine Lassie Singers oder irgendeine der Scheiben, bei denen er
als Gast dabei war, diese LP muss man haben. ****
Cecilia und die
Sauerkrauts – Sauerkraut, Wurst und Other Delights (LP/CD, Soundflat
Records / Broken Silence, www.myspace.com/ccsauerkrauts)
Aus Würzburg stammt diese
Kapelle. Das liegt in Franken und gehört zu Bayern. Die Sängerin nennt sich
Cecilia, heißt aber eigentlich Gertrude und singt auf Französisch. Musikalisch
orientieren sich die Dame und ihre begleitenden Herren an Sixties Beat mit viel
Fuzzgitarre und schön quäkiger Orgel.
Cecilia / Gertrude kommt ursprünglich wohl tatsächlich von jenseits des
Rheins. Und die Herren haben ihre Jugend und Lehrjahre in der Mehrzahl in den
USA verbracht und dort in Combos mit Namen The Mummies, The Bobbyteens oder The
Expoxies Erfahrungen gesammelt. Auch ein ehemaliger Mitstreiter des wilden King
Khan ist hier mit von der Partie. So viel zum Stammbaum. Die Musik ist wie
gesagt dem frankophilen Beat und Garage Pop entliehen. Dabei wurden zumeist
originale Sixties Songs wie etwa „Midnight To Six Men“ von The
Pretty Things mit neuem französischem Text versehen und ein bisschen auf Yé Yé
Pop getrimmt. Dazu passende eigene Kompositionen kommen ebenfalls zur
Aufführung. Und den Höhepunkt und Abschluss der Platte markiert Nino Ferrers
„Alexander“ hier zur Abwechslung mal in deutscher Sprache vorgetragen.
Das Cover greift zum wiederholten Male das Motiv von Herb Alperts
„Whipped Cream & Other Delights“ auf. Mademoiselle Cecilia
präsentiert sich hier statt in Schlagsahne in Unmengen von Sauerkraut. Na dann: Prost
Mahlzeit! ***
The Gaslight Anthem
– The 59 Sound (LP/CD, Side One Dummy / Cargo, www.myspace.com/thegaslightanthem)
Diese Platte kam schon
letztes Jahr im August raus. Aber erst jetzt bin ich darüber gestolpert. Ist
schon das zweite Album dieser sympathischen, bodenständigen Band aus New
Jersey. Wie soll ich diese Musik bezeichnen? Die Wurzeln liegen gleichermaßen
im Punk wie im klassischen Singer/ Songwriter Rock ihres großen Kollegen Bruce
Springsteen, der ja ebenfalls aus New Jersey stammt. Überhaupt erinnert diese
Platte erstaunlich an den Springsteen von „Born To Run“. Das
beginnt beim Gesang von Brian Fallon, der ähnlich rau und inbrünstig intoniert,
und es endet noch nicht beim ebenso hymnischen und gerne mal Clichés bedienenden
Charakter der Songs. Andererseits ist da eben auch diese lockere Punk Attitüde,
die eher The Replacements heraufbeschwört oder sogar an Social Distortion
erinnert. Je öfter ich The Gaslight Anthem höre, desto mehr überzeugen mich
diese Jungs. Soul Punk? Könnte das eine passende Bezeichnung sein für diese
Musik? – Eher nicht. Aber wozu Schubladen? Die Platte ist gut und macht
Freude. Und wer mit den oben genannten Künstlern was anfangen kann, der wird
auch The Gaslight Anthem nicht verachten. ***1/2
Moke – Shorland (CD, Island, www.mokemusic.com)
Noch älter ist das Album
der Holländer namens Moke aus Amsterdam. Ihr Debüt erschien in ihrer Heimat
bereits vor zwei Jahren. Aber nun ist Paul Weller irgendwie auf die Jungs
aufmerksam geworden und hat sie mit auf Tournee genommen. Und inzwischen haben
sie sich auch bei uns einen Namen gemacht. Daher wird das Album
„Shorland“ nun auch hier ganz offiziell veröffentlicht. Sänger und
Gitarrist Felix Maginn sieht nicht nur Liam Gallagher verdammt ähnlich, die
Musik, die er mit seinen Mitstreitern macht, klingt auch noch wenn schon nicht
nach Oasis so doch sehr britisch. Kein Wunder, der Bandleader stammt wohl auch
ursprünglich aus Britannien, genauer gesagt aus Nordirland. Die ganze Bande der
jüngeren Britpop Generation fällt einem ein, bei diesen Songs und diesem Sound.
Allerdings kommen die Holländer zum Glück weder so glatt und langweilig wie
Keane oder Coldplay noch so verschwurbelt schwülstig wie Snow Patrol rüber. Aber
auf der anderen Seite erreichen ihre Songs auch nicht die Qualität von Fran
Healys. Am überzeugendsten sind hier tatsächlich die Uptempo Nummern, die mit
satten Gitarrenriffs und einprägsamen Hooks aufwarten. Die eine oder andere
Ballade ist dann vielleicht doch zu sehr auf Nummer sicher produziert oder
klingt gar nach Reamonn. Live werden die Jungs überzeugen, denke ich. ***
The Norvins – Time Machine (LP/CD, Soundflat Records, www.myspace.com/thenorvins)
Auch wenn man Franzosen in
punkto Rock’n’Roll im Allgemeinen mit größter Vorsicht begegnen
sollte, hier haben wir es mit einer der wenigen löblichen Ausnahmen zu tun.
Diese Burschen aus Paris haben den originalen Garage Beat und Pop ganz
offensichtlich sehr akribisch studiert und verinnerlicht. Keiner ihrer Tracks
ist länger als drei Minuten. Oft sind sie sogar unter zwei Minuten. Und so hat
auch das komplette 14 Track Album nur 28 Minuten Spielzeit. Gitarren von
Mosrite und Fender, Bässe von Vox und Rickenbacker, Orgel Marke Farfisa, nur
bei den Drums ist die Marke nicht ersichtlich. Die eigenen Songs der Boys
kommen durchaus stilecht und hinreichend originell daher, jedoch die eindeutig
besten Tracks sind die beiden Coverversionen „Nothin’“ (Ugly
Ducklings) und „Abba“ (The Paragons). Insgesamt macht die Platte
aber viel Spaß. Auch optisch legen die Herren Wert auf Authentizität. Schmale
schwarze Krawatten, weißes Hemd bzw. dezentes Punkt oder Karo Design, dunkles
Sakko oder Jacket, Chelsea Boots und enge schwarze Jeans. Bei der Haartracht
ist eher Freestyle angesagt. Zwei der Musiker tragen ihr nur spärlich
vorhandenes Haupthaar sehr kurz, zwei tragen ihre Wuschel in Existenzialisten
Manier bis knapp über die Ohren, nur einer lässt die Loden lang und lockig
hängen bis auf die Schultern. Am Freitag, dem 13. Februar 2009, spielen The
Norvins übrigens im Bassy, im Prenzlauer Berg. Da kann man sich dann persönlich
von ihren Qualitäten ein Bild machen. ***1/2
Freeshine –
All Blood Is Royal (LP/CD, Osito Records, www.myspace.com/freeshine)
Aus Oslo, Norwegen, kommt
diese Band. „All Blood Is Royal“ ist bereits ihr zweites Album.
Musikalisch zwischen allen Stühlen rocken die vier in einem Spannungsfeld
zwischen Postpunk, Progrock, Psychedelia und Folk. Bisweilen erinnert das an
ihre Landsmänner Motorpsycho. „To Kill A Child“ ist die beklemmende
Vertonung einer Verkehrsunfalls. „Soothe Us“ dagegen ist eine
beschaulich besinnliche Ballade, die Nirvanas unplugged Album evoziert. Und
„End Of Sister Ray“ hat nichts mit dem Stück der Velvet Underground
zu tun. Insgesamt sechs Tracks sind zu hören auf dieser LP. Keine leichte Kost
alles in allem. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich die Platte nun genial
oder einfach nur anstrengend finden soll. Einstweilen gebe ich
unentschlossene ***
The French Semester
– Open Letter To The Disappointed (CD, Beyond Your Mind
Records/Cargo, www.myspace.com/thefrenchsemester)
Diese Scheibe liegt hier
schon eine ganze Weile rum. Das ist so ein typischer Fall von unspektakulärer
doch durchaus hörenswerter Popmusik in einer Sixties und Anorak Pop Tradition.
Die Band stammt aus Los Angeles. Nicht unbedingt ein typischer Ort für
derartige Musik. Die einzelnem Bandmitglieder stammen denn auch aus Indien,
Mexiko, Vietnam und Europa. Diese Platte hier klingt ausgesprochen
abwechslungsreich. Das liegt nicht an der ethnischen Vielfalt der Musiker. Die
scheinen alle mit einer ganz normalen College Radio Gitarrenpop Kost
aufgewachsen zu sein. Doch das Songwriting ist erfreulich vielfältig. Und wenn
man das vom Arrangement und der Produktion des Albums auch nicht unbedingt
sagen kann, so klingt das alles letztlich doch sehr frisch und es macht richtig
Spaß. Was die Kritiker da alles an Einflüssen und Ähnlichkeiten raushören.
Pavement, Vampire Weekend, Stone Roses, Big Star und noch alles Mögliche. Kann
man sicher heranziehen zum Vergleich. Zwingend ist das aber mitnichten. Ich höre
da vor allem eine recht eigenständige Band. Und dabei belassen wir’s nun
auch. Ne Single wäre mal ganz schön. ***1/2
Paul Roland – Nevermore (CD, Syborg Music / Nova Media, www.paulroland.de)
Paul Roland gilt als einer
der Gründer der englischen Dark Romantic Szene in den 80ern. Seine Platten aus
jener Zeit gehören zu meinen liebsten aus den 1980er Jahren. „The
Werewolf Of London“, „Burnt Orchid“ oder „Danse Macabre”,
aber auch Singles wie „Alice’s House“ oder „In The
Opium Den“ vermitteln eine großartige Atmosphäre von Mystizismus und
typisch britischer Romantik des 19. Jahrhunderts. Gothic Folkrock im besten
Sinne ist da zu hören. Zu Beginn der 90er Jahre wurde die Musik Rolands dann
rockiger und auch klischeehafter. Bald darauf hörte er ganz auf Musik zu
machen, da sich vor allem in seiner englischen Heimat absolut niemand dafür
interessierte. Paul Roland schrieb fortan Bücher, vornehmlich über esoterische
und okkulte Themen. Erst 2004 ließ er sich von Fans aus Italien und Deutschland
dazu überreden, wieder Songs zu schreiben und aufzunehmen. Seine erste
Veröffentlichung nach langer Pause war allerdings zunächst ein Album mit
Coverversionen von Syd Barrett über Led Zeppelin bis hin zu „Gary Gilmore’s
Eyes“ von The Adverts. Einige dieser Cover hatte er wohl schon sehr viel
früher aufgenommen. Manche waren auch schon mal veröffentlicht worden. Mit
„Pavane“ folgte ein Album mit eigenem neuen Material, das zwar an
seinen bekannten Stil anknüpfte, aber doch nicht vollends überzeugte. Mit
„Re-Animator“ widmete er 2007 eine ganze LP dem amerikanischen
Horrorschriftsteller H.P. Lovecraft, obwohl er diesen nach eigener Aussage für
einen Betrüger hält, der seine Monstren nie beschreibt und den Leser mit umständlichen
Wiederholungen und Andeutungen hinhält. Und so sind denn auch Rolands Texte auf
dieser Platte voller ironischer Anspielungen ihrerseits. Musikalisch ist jedoch
auf jeden Fall dieses neue Album hier eine Rückkehr zu alter Klasse und
Vielseitigkeit. Der Albumtitel „Nevermore“ ist aus Edgar Allan Poes
„The Raven“ entlehnt. Und gleich der erste Track ist Poe gewidmet
bzw. rechnet er mit ihm ab, denn auch diesen Amerikaner mag Paul Roland nicht
wirklich. Absolut großartig ist Rolands Bearbeitung von Jules Vernes Roman um
Captain Nemo und die Nautilus hier in einer Trilogie von fast symphonischen
Ausmaßen. Aufgenommen wurde die Musik übrigens bereits im vergangenen Herbst in
England, kurz bevor Roland mit seiner Familie nach Südwestdeutschland übersiedelte,
wo er dauerhaft zu bleiben gedenkt. Zu den Gründen seines Umzugs hat er sich in
einem Interview mit der Webseite Nonpop.de
ausführlich geäußert. Diese neue Platte Rolands ist imgrunde so etwas wie ein
Best of Paul Roland, obwohl alle Titel neu sind und bisher unveröffentlicht.
Auch seine eher rockige Seite kommt hier zum Zuge auf eine vollkommen neue und
diesmal sehr gelungene Weise. „Leatherface“ ist eine Art von
Folkpunk, den The Pogues auch nicht besser hinbekommen hätten. Und in
„Great Deceiver“ werden Gitarrenlicks und –riffs geboten, die
Jimi Page alle Ehre gemacht hätten. Ganz zu schweigen von Jon Lord inspirierten
Orgel Breitseiten. Doch auch der akustische leicht verschrobene Folkpop, für
den Roland so geschätzt wurde und wird, ist hier vertreten mit „Eight
Little Whores“ etwa, einer recht eigenwilligen Erzählung um die Figur des
Jack The Ripper. Und in „Tell-Tale Heart“ wird noch mal Edgar Allan
Poe auf das Schönste vorgeführt. Die Platte schließt mit zwei gelungenen
Adaptionen originaler englischer Folksongs „Sam Hall“ und
„Foggy Dew“, wobei Paul Roland beweist, dass er ganz bodenständig
traditionell zu musizieren und zu singen versteht. Hoffen wir, dass Black Widow
bald die Vinylversion nachliefert. ****
Viktoriapark – Was
ist schon 1 Jahr? (CD mit Buch,
Vikram, www.myspace.com/viktoriapark)
Dass ich mit deutschsprachiger Popmusik nicht so gut
klar komme, ist kein Geheimnis. Abgesehen von ein paar Beatschlagern aus den
60er Jahren, ganz wenigen Sachen aus den 70ern wie dem Stones inspirierten
„ehrlichen“ Rock der Scherben sowie einzelnen Vertretern der so
genannten ndW gibt es nur ein paar wenige Platten von Die Antwort,
Nationalgalerie und Jan Plewka in verschiedenen Bands, mit denen ich etwas
anfangen kann. Eine weitere Ausnahme von der Regel stellt Viktoriapark aus
Berlin dar. Die Texte vom dünnen Mann (a.k.a. Tobi Friedrich) sind angenehm
unaufdringlich. Und sie bilden mit der Musik so eine wunderbare Einheit, wie es
im deutschsprachigen Pop und Rock leider selten vorkommt. Susie Pinkawa kann
eigentlich nicht singen. D.h. sie trifft schon die Töne, aber sie hat eine
Stimme – nun so ein bisschen wie Nena. Auch Tobi ist kein begnadeter
Sänger, aber er trifft immer den richtigen Ton. Die Musik ist so eine seltsame
Mischung von Ben Folds, den Eels, vielleicht auch Weezer und so Shoegazer Zeug.
Entstanden sind diese 13 neuen Aufnahmen von Viktoriapark über einen Zeitraum
von vier Jahren. Das Album versammelt die besten Songs der Band aus den letzten
acht Jahren. Apropos Band. Ist Viktoriapark eigentlich eine richtige Band? Eher
doch so ein Projekt von Tobi, Susie und Freunden. Die Liste der Musiker auf
dieser Platte liest sich wie ein „Who is Who“ der Berliner Indie
Pop Szene und darüber hinaus. Mit Moses Schneider und Ben Lauber sind zwei sehr
erfahrene Produzenten und Arrangeure mit von der Partie. Diese Platte ist fröhlich
und naiv, nachdenklich und introvertiert, besinnlich und spröde – mit
einem Wort: abwechslungsreich. Die Aufmachung als kleines gebundenes Buch mit
kleinen Comics darin, allen Texten und ein paar erläuternden Worten des
Hauptschreibers Tobi zum Schluss ist opulent und sehr passend. Es macht Spaß,
darin zu blättern. Es macht Freude, diese Songs zu hören. Immer wieder. Hiermit
erkläre ich diese Veröffentlichung zur besten deutschsprachigen
Veröffentlichung des Jahres! ****
The Flaming Sideburns – Back 2 The Grave (LP, El Beasto
Recordings, www.myspace.com/theflamingsideburns)
Eigentlich keine richtig
neue Platte, mehr so ein Schmankerl zwischendurch von unserer liebsten
finnischen Rock’n Roll Kapelle. Acht Tracks, davon einige live
aufgenommen, bis auf zwei neue Eigenkompositionen alles Cover. Es geht los mit
einer kräftigen Version von „Meshkalina“, im Original von den
südamerikanischen Traffic Sound aus den frühen Seventies. Der „Jailhouse
Rock“ folgt sowie eine spanische Version von „Black Is Black“
(Los Bravos), beides natürlich ebenfalls in verschärftem Sound. Wir erinnern
uns, Eduardo, der Sänger der Sideburns, ist gebürtiger Argentinier. Die beiden
neuen eigenen Titel bieten gewohnt soliden R&B geprägten boden-ständigen
Rock. Die zweite Seite der LP enthält live aufgenommene Cover von „Raw
Power“ (Stooges) und „Let Me Try“ und „Sister
Anne“ (MC5), bei denen Wayne Kramer an der Lead Gitarre mitwirkt. Sehr
schön und recht beeindruckend. Die LP kommt im aufwändigen Klappcover mit
vielen Fotos und in orangegelbem Vinyl. ***1/2
Monkeeman – Life In A Backseat (CD, Rookie Records/ Cargo, www.myspace.com/monkeemanmusic)
Ich verrate nicht zuviel,
wenn ich sage, das ist Ralf Lübkes (a.k.a. Monkeeman) bisher überzeugendste
Scheibe. Sein Songwriting orientiert
sich nach wie vor an den Besten. Von Ray Davies über
Marriott/Lane zu Paul Weller und Noel Gallagher. Modpop, Powerpop, Britpop im
Sound nun aber roher und ungeschliffener als bisher. Noch mehr Druck und ein
wenig mehr Live Atmosphäre ist hier zu spüren. Wenn ich sage
„überzeugendste Scheibe“, dann meine ich den Gesamteindruck.
Großartige ohrwurmartige Melodien gab es auf der letzten Scheibe beinahe mehr.
Doch klangen die dann mitunter ein wenig zu brav. Elf Tracks enthält die neue
Platte. Vom Lovesong bis zum sozialkritischen Statement, von der gefühlvollen
Ballade bis zur trotzigen Uptempo Nummer. Viel elektrische Gitarren, meistens
voll auf der Zwölf. Gemixt hat das Ganze übrigens Patrik „El
Pattino“ Majer, der seine Produzenten Karriere mit den Lemonbabies begann
und mit Wir Sind Helden richtig erfolgreich wurde. Aber das nur am Rande.
Monkeeman braucht eigentlich keine Vergleiche. Seine Wurzeln sind so
offensichtlich wie sein Stil und Sound eigenständig ist. Bleibt zu hoffen, dass
er mit seiner Musik auch mal über einen Insiderstatus hinauskommt. ***1/2

Tina – Kuin yksi päivä (CD, Hiljaiset Levyt, www.myspace.com/tinasuomi)
Unermüdlich, unverwüstlich
und immer sich selbst treu bleibend, so lässt sich diese Band aus Tampere,
Finnland, treffend charakterisieren. Hervorgegangen aus Punk Lurex OK spielen
diese zwei Frauen und zwei Männer eigentlich nach wie vor genau den gleichen
melodischen Pop Punk mit finnischen Texten. Wer ein Faible für solchen
trotzigen, teils melancholischen, fast immer optimistischen Emo Rock hat, wird
hier bestens bedient. Die finnischen Texte sollten dabei nicht abschrecken.
Auch wenn man sie nicht versteht, bleibt genug musikalische Substanz, die einen
erfreuen kann. Die Musik erinnert an TV Smith, The Buzzcocks oder auch Bands
wie Jimmy Eat World. Der Gesang bei Tina ist weiblich. Zwölf Tracks sind auf
dieser CD versammelt. In Deutschland bekommt man sie übrigens bei www.kioski.de. ***
Unknown Component
– In Direct Communication (CD, Eigenproduktion, www.myspace.com/unknowncomponent)
Eigentlich gehört diese CD
ja in die Abteilung „ungebundene Talente“. Hinter Unknown Component
verbirgt sich ein gewisser Keith Lynch aus Iowa City im Mittleren Westen der
USA. Dies ist bereits sein siebentes selbst produziertes und veröffentlichtes
Album. Und er scheint zumindest in seiner näheren Umgebung etliche Fans zu
haben. Ich kenne den Back-Katalog des Mannes nicht, das neue Album klingt
jedoch ziemlich unspektakulär. Midtempo Songs, mit Gitarre und Keyboard begleitet,
meist ziemlich introvertiert. Mit Elliott Smith wird in einigen online Reviews
verglichen. Ja, da ist was dran. Wer also den fatalistischen und oft
pessimistischen Liedern des 2003 verstorbenen Smith etwas abgewinnen kann,
sollte auch hier ruhig ein Ohr oder beide riskieren. Und depressiv ist Keith
Lynch ganz sicher nicht. Auch wenn die Musik manchmal danach klingt. Auch
Freunde der Musik Thom Yorkes könnten hier einen Seelenverwandten finden. Mir
ist diese Scheibe ein wenig zu gleichförmig und – wie soll ich sagen
– unspektakulär eben. ***
Goodnight Monsters – Summer Challenge (LP/CD, Bone Voyage, www.goodnightmonsters.com)
Goodnight Monsters aus
Turku sind die perfekte Jingle Jangle Sommer Pop Kapelle für die Strandparty am
Wochenende oder den lauen Abend im Club um die Ecke. Sie sind inzwischen vom
Home Recording Duo zur richtigen Band avanciert. Einer Band, die ihre
Inspiration sowohl in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts (in Swinging London
oder bei der California Beach Party) als auch im C86 Indie und Shoegazer Pop
Großbritanniens findet. Hübsche kleine Melodien auf der Gitarre geschrammelt
oder mit Melodica und Glockenspiel unterlegt. Auch eine Orgel quäkt und brummt
mal dazwischen oder ein paar Bläser tröten im Hintergrund. Sehr charmant
arrangiert und vorgetragen das alles. Auch wenn die Single
„Drifting“ (s.u.) herausragt, ist das ein sehr schönes, fröhliches
und abwechslungsreiches Album. ***1/2
Marko Haavisto
& Poutahaukat – Hollolasta Teksasiin (CD, Humppa Records, www.humppa-records.de)
Im Mai war die Band um
Marko Haavisto aus Lahti ja hier in Berlin während des Festivals
„Helsinki in Berlin“. Im Quasimodo lieferte die Combo einen souveränen
und gelungenen Set von Rock’n’Roll, Americana und Country –
alles mit finnischen Lyrics versteht sich. Der geneigte Kinogänger kennt die
Band und ihre Musik eventuell aus dem Kaurismäki Streifen „Der Mann ohne
Vergangenheit“. Und wenn nicht, dann wird es spätestens jetzt Zeit, die
Combo näher kennenzulernen. Am 18. Juli erscheint ihr aktuelles Album nämlich
auch hier in Deutschland. 14 Songs, bis auf einen alle aus der Feder von Marko
Haavisto, und dazu als Bonus eine englischsprachige Version eines der größten
Hits der Band „Haunted By The Devil“. In Finnland ist die
vierköpfige Roots Rock Kapelle seit gut zehn Jahren recht erfolgreich
unterwegs. Aber alle Bandmitglieder spielen schon seit den 80er Jahren in
diversen Formationen. Musikalisch stehen sie natürlich in einer US Roots Rock
Tradition. So veröffentlichte die Band als Marko & The Hanks vor drei
Jahren ein Country Album voller Klassiker, wobei die Hank Williams Nummern
besonders herausragen. Hier mit ihren eigenen Songs klingen die Poutahaukat
(wörtlich: Zwergfalken, hier aber im übertragenen Sinn eher
„Rumtreiber“) wie eine Mischung aus Tom Petty & The
Heartbreakers und The Felice Brothers. Natürlich kann man darüber streiten, ob
diese uramerikanische Musik mit finnischen Lyrics funktioniert. Für
Mazyfields – Where Sunshine’s Sold (CD, Firestation
Records, www.myspace.com/mazyfields)
Die Stichworte in diesem
Fall sind Indie Pop, Powerpop, Paisley Pop, tanzbar, energetisch, erfrischend!
Am 27. Juni spielte die Combo aus Frankfurt/M auf der
10-Jahre-Firestation-Records-Party im NBI in Mitte. Ich hab’s leider
verpasst. Soll aber ein gelungener Abend gewesen sein. Das Debütalbum der Band
erschien ebenfalls am 27.6.08. Und es klingt tatsächlich so wie es die
Stichworte oben nahelegen. Vom Sound her eine typische Sixties orientierte
Indie Gitarrenpop Produktion. Na ja und wir kennen ja auch alle Firestation.
Das Label steht für einen bestimmten Sound, eine gewisse Attitüde. Obwohl die
Sixties Bezüge deutlich sind, klingt die Platte aber längst nicht so nach
Garage wie man vermuten könnte, wenn man weiß, dass einige der Musiker vorher
bei The Satelliters oder The Monochords aktiv waren. Neben den schrammelden und
jangelnden Gitarren fällt ein Rhodes Piano angenehm auf. Insgesamt überwiegen
die fröhlichen Uptempo Nummern auf der Platte. Das klingt alles sehr
sympathisch auch wenn echte Höhepunkte eigentlich nicht auszumachen sind. Ok,
hängegeblieben sind bei mir „If Socialism’s Right“,
„Mr. Having A Good Time“, „No Coffee“, „There
Goes The Summer“ und “She Took It All” als einzige ruhige und
etwas längere Nummer. Immerhin knapp die Hälfte. Was soll ich nun sagen? Eine
Band und eine Platte, die man sich jedenfalls mal anhören sollte. Ja, das ist sie.
***
The Strange Flowers – Aeroplanes In The Backyard (CD, Teen Sound, www.myspace.com/strangeflowers)
Ein neues Album der Strange
Flowers aus Pisa ist immer willkommen in meinem Haushalt. Wie lange kenne ich
diese Band jetzt schon? – Ziemlich von Beginn an, glaube ich. 1987
startete Michele Marinò das Projekt einer Sixties orientierten Psychedelic
Band. Und nur drei Jahre später fiel mir die erste Single der Band positiv auf.
Seither sind einige Platten der Strange Flowers erschienen. Manche verspielt
psychedelisch und sehr poplastig, andere eher ausufernd und versponnen bis hin
zu Progrock Ausflügen. Dieses ganz neue Album hat Rock und Pop Appeal
gleichermaßen. Dabei klingt es sowohl abwechslungsreich mit stilistischen
Anleihen quer durch die Rock und Pop Traditionen der vergangenen 50 Jahre, von
Rock’n’Roll, Garage Pop bis zu Acid Rock, 90er Alternative Rock und
sogar Americana. Und zugleich wirkt die Platte homogen, wie aus einem Guss, was
sicher der professionellen und vergleichsweise modernen Produktion geschuldet
ist. Der Titelsong eröffnet das Album und gehört auch gleich zu den Highlights
der Scheibe. Hier muss ich unwillkürlich an die Hoodoo Gurus denken. Warum auch
immer. Es gibt noch etliche Glanzlichter auf der CD (Vinyl scheint es leider
nicht zu geben). „Children Don’t Mind“ etwa könnte fast als
gut abgehangener Southern Rock durchgehen. „Yellow Of Sun“
steht dafür in bester Westcoast Paisley Pop Tradition. Und “My Girl Goes Shine” ist moderner
Britpop infizierter Beat mit einer Spur Garage Pop. „Flaming
Mirrors“ dagegen macht einen Abstecher zu Cowboys und Country Musik.
Powerpop darf natürlich nicht fehlen. „Helen Says“ oder
„Tomorrow You’ll Be Alone“ passen in diese Kategorie.
„Clouds Of Blonde Girls“ knüpft an gute Psych Pop Traditionen an
ebenso wie der einzige etwas längere Track „Everyone Has A Spot In The
Sunshine“. Mein Favorit ist im Moment „You Don’t Know“,
das einfach nur gut ist, ohne sich in irgendeine Schublade packen zu lassen. ***1/2
Irish Coffee – Live Rockpalast 2005 (CD/LP, Second Battle, www.myspace.com/irishcoffeeband,
www.collectorrecords.de)
Irish Coffee ist eine
belgische Hardrock und Acidrock Band. Gegründet 1970 veröffentliche die
fünfköpfige Band damals nur eine LP auf einem kleinen lokalen Label. Eine
Single mit dem Titel „Masterpiece“ wurde sogar in einigen Regionen
Europas ein kleiner Hit und erschien auch in den USA. 1975 löste die Band sich
auf. Aber 2004 kamen drei der originalen Bandmitglieder wieder zusammen und
nahmen mit zwei weiteren jungen Musiker eine neue Platte auf. In der Folge
spielte die Band auch wieder live, und kurz vor Weihnachten 2005 traten Irish
Coffee in Bonn im Rahmen einer Rockpalast Show des WDR auf. Dieses Konzert
liegt nun als CD vor. Die Vinyl Doppel-LP soll bald folgen. Was wir hier hören,
das sind fast alle alten Songs der Band
aus den 70ern sowie einige neuere Kompositionen. Ein Unterschied ist
stilistisch nicht auszumachen. 14 Tracks, gut eine Stunde Rockmusik der Art,
die man in den frühen 70ern oft hörte. Feine Gitarrenriffs und –licks,
Orgelbreitseiten, häufige Breaks, natürlich auch spannende Gitarrensoli und eine
kräftige markante Leadstimme von Mastermind William Souffreau, die in einigen
Momenten gar an Roger Chapman denken lässt. Was ein wenig irritiert, ist die
Tatsache, dass die Band meist unter Progrock oder Krautrock geführt wird. Mit
Krautrock haben die Belgier nun wirklich nichts zu tun. Und Prog spielen sie
imgrunde auch nicht, obwohl sicher hier und da progtypische Elemente im
Klangbild der Gruppe vorhanden sind. Neben der damaligen Single
„Masterpiece“, die etwas an Uriah Heep erinnert, sind „Lovely
Lisa“, „Dark Clouds“ und das elegische „A Day Like
Today“ Höhepunkte des Programms. Ich werde mich mal um das Album von 1971
kümmern müssen. ***
Judge Bone & Doc Hill – Big Bear’s Fate (LP/CD, Bone
Voyage, www.myspace.com/judgebone)
In seiner finnischen Heimat ist Judge Bone (a.k.a.
Tuomari Nurmio) längst eine Institution. Seit gut 30 Jahren macht der hagere
große Mann mit den fisseligen Haaren und einer Erscheinung zwischen Clochard
und Totengräber Musik. Mal allein, meist aber mit kompetenten und nicht weniger
skurrilen Begleitmusikern. Mit Ehrfurcht denke ich noch immer an seinen
Auftritt zusammen mit den Hämmern der Unterwelt (Alamaailman Vasarat) vor
einigen Jahren in Tampere. Nur selten habe ich etwas Gewaltigeres und
Anrührenderes erlebt. Im Rahmen von „Helsinki in Berlin“ trat er am
26.4.08 im Magnet Club auf. Ganz allein nur mit seiner an eine Zigarrenkiste
erinnernden Gitarre. Bo Diddley spielte auf ähnlichen selbst gebauten Instrumenten.
Der Richter (er hat tatsächlich einen Abschluss in Jura) ließ alte wie junge
Clubgänger mit offenen Mündern dastehen. Mit so einer furiosen
Ein-Mann-Rock’n’Roll Show hatte wohl niemand gerechnet. Diese LP
ist die erste des Mannes, die außerhalb Finnlands veröffentlicht wird. Sie
versammelt Songs aus seiner Feder, die zum Teil bereits mit finnischen Lyrics
und in anderen Versionen veröffentlicht sind. Für Nicht-Finnen ist dies quasi
sein Debüt. Die Songs stehen in einer Blues Tradition, die allerdings eher via
Captain Beefheart und vielleicht auch Tom Waits nach Finnland gelangte.
Zusammen mit einem gewissen Doc Hill, der ein spartanisches Drumset im Stehen
bedient, hat Judge Bone die 13 Tracks eingespielt. Er selbst spielt dabei diese
elektrisch verstärkte Zigarrenkistengitarre unter Verwendung etlicher
Effektboxen und –pedale. Er singt mit knarziger rauer Stimme und stampft
immer wieder rhythmisch mit dem Fuß dazu. Eine so rohe und trotzdem unter die
Haut gehende Platte hört man selten. Klingt abgedroschen, es ist aber so. Unter
rauer Schale, ein weiches Herz. Auch bei Herrn Richter Nurmio. Ein Großartiger
Einstieg in eine internationale Karriere! ****
The Last Shadow Puppets – The Age Of The
Understatement (LP / CD, Domino Recording, www.myspace.com/thelastshadowpuppets)
Auch ein dringender
Anwärter für das Album des Monats. Dass ich mich dagegen entschieden habe,
liegt an der Tatsache, dass diese LP von Null auf Eins in die UK Charts
einstieg und sowieso in aller Ohren und Munde ist. Ein großartiges Album ist es
trotzdem. Sehr schöne Popsongs in herrlich altmodischen Arrangements die von
Joe Meek, John Barry und Sixties Soundtracks inspiriert sind. Und doch erweckt
diese Scheibe keine Sekunde den Eindruck, eine Retro Platte zu sein. Den
Einfluss von Scott Walker und David Bowie, den die beiden jungen Musiker Alex
Turner und Miles Kane in Interviews nannten, kann ich nicht so recht hören.
Wenn man von den zum Teil bombastischen Orchester Arrangements absieht, dann
ist das hier letztlich doch eine eher bodenständige Platte, deren Reiz vor
allem in der Qualität der Songs und der gefälligen gleichwohl passenden
Instrumentierung begründet ist. Es fügt sich halt alles nahtlos zusammen. Mit
den Arctic Monkeys (Alex Turners Band) hat das alles noch viel weniger zu tun,
als mit der noch ganz neuen Band von Miles Kane aus Liverpool, The Rascals. Es
steht zu vermuten, dass zumindest ein Teil des überwältigenden Erfolgs im UK
trotzdem der Prominenz des Alex Turner geschuldet ist. Aber diese Platte ist so
viel besser als alles, was The Arctic Monkeys je gemacht haben, da hofft man,
es möge nicht nur ein Side Project bleiben. ****
The Magnificent Brotherhood – Same (CD, Magnificent Music, www.myspace.com/themagnificentbrotherhood)
Ein bisschen
verspätet meine Würdigung dieser Berliner Band, die sich klammheimlich zu einer
der besten Sixties orientierten Combos der Stadt entwickelt hat. Ihr Debüt
Album erschien bereits Ende 2007, aber mir fiel es erst jetzt eher zufällig in
die Hände. Als LP soll es wohl auch noch erscheinen. War zumindest so
angekündigt. Die Musik ist weit weniger Rock und Spätsechziger Hippie
Gegniedel, als ich glaubte. Die Tracks sind erfreulich kurz und prägnant
strukturiert. Das ist Pop! Beat Pop, Rock Pop und manchmal auch Psych Pop.
Kiryk Drewinski, der Gitarre spielt, singt und die etwa die Hälfte der Songs
schreibt, kommt von den Liquid Visions. Gibt es die eigentlich noch? Kiryk ist
auch für die tollen Bilder und Grafiken verantwortlich, die alle Poster der
Band zieren. Die sind nun wirklich von der kalifornischen Poster Art der
Psychedelic Ära inspiriert. Die Platte beginnt mit einem typischen Garage Pop
Titel „Cracker“, der seine Vorbilder auf diversen Pebbles Samplern
nicht leugnen kann. Ähnlich geht es zunächst weiter. Der amerikanische Einfluss
überwiegt. Es erstaunt mich immer wieder, wie genau diese jungen Musiker die
Sounds und Instrumentierung der alten Aufnahmen aus den Sixties studiert haben,
um sie dann so originalgetreu wie möglich in ihren eigenen Werken zu verwenden.
Erik Haegert singt auch, spielt eine wunderbare Orgel und schreibt die andere
Hälfte der Songs. Sein an britischem Acid Pop orientiertes „No Mercy On
Ravers“ ist ein Highlight der Platte. Auch die folgende
Gemeinschaftskomposition „Can’t Remember“ wirkt sehr
britisch. „Soma Shop“ hätte schon vor 40 Jahren ein Hit sein
können. Ein schlichter aber effektiver Ohrwurm. Und so geht es weiter
vergnügliche 37 Minuten lang insgesamt. ***1/2
The Black Crowes – Warpaint (Picture LP+7”/CD,
Silver Arrow Records, www.blackcrowes.com)
Irgendwie habe ich die
Black Crowes immer gemocht, aber auch immer ein bisschen vernachlässigt. Ihre
ersten beiden LPs
bekam ich damals Anfang der 90er nur mit Verspätung
mit. Dabei gehören sie inzwischen zu meinen liebsten Platten jener Jahre, als
alle Welt nur Grunge oder Rave hörte. Inzwischen hatte ich die Jungs aber schon
fast abgeschrieben. Sah es doch bis vor kurzem noch so aus, als würde nur noch
ihr Nachlass verramscht. Und nun dies. Nach sieben Jahren eine neue Studio LP.
Und eine richtig gute dazu. Das klingt immer noch so wie vor knapp 20 Jahren,
als die Brüder Robinson und Co. auch schon klangen wie The Rolling Stones meet
The Faces meet Lynyrd Skynyrd vor 35 Jahren. Inzwischen sind die Robinsons
beinahe länger dabei als so manche ihrer Vorbilder zu Beginn ihrer Karriere es
waren. Zurück zu den Wurzeln, sofern das hier überhaupt nötig ist, erwähnt zu
werden. Blues und Country sind die Zutaten dieses Südstaaten Rocks. Und die
Krähen haben diese Bestandteile quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Chris
Robinson macht uns den Mick, die Gitarrenduelle mit Bruder Rich sind legendär.
Die erste LP Seite steht ganz in dieser Tradition, wirkt fast wie aus einem
Guss. Der Opener „Goodbye Daughters Of The Revolution” hat genau
diesen Groove, dieses Feeling, das wir von den Klassikern der Band kennen. Und
so geht es weiter. Feiner Bluesrock, mal wild aggressiv wie bei „Walk
Believer Walk“, mal mit viel Gefühl wie in der Ballade „Oh
Josephine“. „We Who See The Deep“ beschließt Seite Eins mit
einer kraftvollen Southern Rock Ballade. Mit „Locust Street“, dem
Opener der zweiten Seite, zeigt Chris Robinson, dass er auch Liebeslieder
schreiben und singen kann. Zwar gibt es da auch ein oder zwei eher als Füller
zu bezeichnende durchschnittliche Rocker und die zweite LP Seite wirkt ein
bisschen zusammengeschustert, aber letztlich überwiegt das Positive.
„Whoa Mule“ beschließt die Platte würdig mit einem Griff tief in
die Traditionskiste. Folk, Gospel und noch mehr Blues. Auf der Bonus 7“
gibt es mit „Here Comes Daylight“ noch eine sehr schöne Folk Rock Ballade,
die fast ein wenig psychedelisch anmutet, sowie ein bravouröses Cover von
„Hole In Your Soul“ (Joe South). ***1/2
The Gutter Twins – Saturnalia (DoLP/CD, Sub Pop www.myspace.com/theguttertwins)
Zwei Überlebende der Generation X, zwei Grunge
Veteranen kehren in gewisser Weise
zurück zu ihren Wurzeln, zumindest zu dem Plattenlabel, bei dem alles anfing.
Ich will nicht behaupten, dass ich mit dem früheren Output der Afghan Wigs oder
der Screaming Trees bestens vertraut bin, aber ich kenne einige ihrer Aufnahmen
gut genug, um sagen zu können, dass diese gemeinsame Scheibe von Greg Dulli und
Mark Lanegan damit nur noch wenig zu tun hat. Schon bei der leider nur als CD
erhältlichen EP von The Twilight Singers im Herbst 2006 arbeiteten die beiden
Sänger und Gitarristen zusammen. Und schon diese EP enthielt mit dem Massive
Attack Cover „Live With Me“ eine sehr gelungene Aufnahme, die auf
weitere fruchtbare Kollaboration hoffen ließ. Das Ergebnis „Saturnalia“
ist eine Rockplatte, eine sehr vielschichtige Rockplatte. Von Americana, Folk
bis zu Psychedelia und Neo-Prog reichen die Assoziationen. Meist ist den Songs
eine gewisse Schwere zu eigen. Trotz des häufigen Einsatzes von akustischen
Gitarren und gelegentlichen Gastauftritten von Streichern, Lap Steel oder
Mandoline klingt die ganze Platte eher düster und getragen. Leichte Momente wie
etwa bei „Seven Stories Underground“ sind selten. Ein Wiederhören
gibt es mit Mathias Schneeberger, der hier von Gitarren über Harmonium bis zu
Mellotron Verschiedenes beisteuert. Schneeberger lebte Ende der 1980er Jahre in
Berlin und war einer besten Toningenieure der Stadt. Anfang der 90er zog er an
die Westküste der USA, um seine Fähigkeiten dort auszubauen und einzusetzen.
Hier fungiert er auch als Co-Produzent der Platte neben den Herren Lanegan und
Dulli, die sich übrigens die Songwriting Credits für die meisten Songs teilen.
„Saturnalia“ ist eine sehr reife und erhabene Platte. Es gibt
solche Platten in der Tradition des US Alternative Rock eigentlich gar nicht
mehr. So abgeklärt und weise kann doch nur traditionelle Musik klingen, denkt
man. Und doch ist hier auch viel Neues, Modernes zu hören, ebenso wie Altes und
fast Vergessenes aus Zeiten als „alternative“ höchstens für die andere
von zwei Meinungen stand. Diese Platte hier ist Alternative zum Mainstream Rock
ebenso wie zum hippen Zeitgeist Sound der Feuilletons. ***1/2
Supergrass – Diamond Hoo Ha (LP/CD, Parlophone Records, www.myspace.com/supergrass)
Ihr sechstes Album und eine Rückkehr zum eher
rockigen, schnörkellosen, unbeschwerten Sound ihrer Sturm und Drang Zeit auf
der Höhe des Britpop Boom Mitte der 90er Jahre. Das zumindest ist der erste
Eindruck. Aufgenommen haben die vier Jungs aus Oxford diese LP übrigens letztes
Jahr in Berlin im Hansa Studio. Wenn man die LP genauer studiert, vermisst man
allerdings wirklich herausragende Songs. Und auch die Arrangements, die
Produktion wirken mitunter etwas glatt. Die beiden Singles „Diamond Hoo
Ha Man“ und „Bad Blood“ sind tatsächlich die kräftigsten,
überzeugendsten Tracks des Albums. Ok, „When I Needed You“ hat einen
gewissen bowieesken Charme. Die
technischen Synthi Keyboards bei „Rough Knuckles“ etwa erinnern
jedoch an schlimme Eighties Vergangenheit. Und das ist leider kein Ausrutscher.
Es gibt noch mehr solche Achtziger Klischees im Sound, auch bei anderen Tracks.
Ein Lichtblick ist dann wieder „Whiskey & Green Tea“, das mit
den Soundklischees so gekonnt umgeht, dass dabei dann tatsächlich ein herrlich
überdrehter Britpop Ohrwurm mit kleinen Seventies Reminiszenzen herauskommt.
Auch bei „Outside“ stören der klinische Synthi Sound und die weit
nach vorn gemixten Drums nur marginal. Und bei „Butterfly“ zum
Schluss der LP wird noch mal kräftig David Bowie bemüht. Im Moment bin ich mir
noch nicht sicher, ob ich die LP deshalb mögen oder verachten soll. Erstmal
gibt’s knappe ***
Sarabeth Tucek – Same (LP/CD, Three Crows Music, www.myspace.com/sarabethtucek)
Eigentlich wohl schon im vergangenen Jahr erschienen,
taucht diese LP der New Yorker Sängerin und Songschreiberin erst jetzt in den
Läden und in Internet Blogs und Foren auf. Ich weiß gar nicht, wie ich ihre
Songs, ihre Musik beschreiben soll. Melancholisch – ja, schon. Aber auch
kraftvoll und von einer seltsam eindringlichen, fast erhabenen Ausstrahlung.
Und dann auch wieder so zart, so zurückhaltend leise und fast unscheinbar.
Während mich das letzte Cat Power Album eher kalt ließ, mich gar nicht wirklich
erreichte, bin ich hier gleich gefangen. Natürlich werden sofort Vergleiche
gezogen. Von Karen Carpenter über Dusty Springfield bis zu Mazzy Star. Alles
irgendwie nicht völlig verkehrt und doch falsch. Sarabeth Tucek klingt
zuallererst wie Sarabeth Tucek. Ihre Songs sind zum Teil so schlicht und doch
so schön, so eindrucksvoll. Wie kann man ein so ergreifendes, so wundervolles
Lied über einen Luftballon singen, wie sie es hier in „Come Back,
Balloon“ tut? Ihre Texte sind entwaffnend einfach, aber nie naiv oder
simpel. Und die Musik ist den Texten erstaunlich perfekt angepasst. Wie aus
einem Guss wirken die Lieder in ihrer Interpretation mit oder ohne Band hier.
Eine wunderbare Platte ist das. Man muss sie wirklich immer wieder hören. Sie wächst.
Das ist jetzt keiner von diesen üblichen Sprüchen, die Rezensenten und
Plattenhändler gerne machen. Diese Platte wächst einem bei jedem Hören mehr ans
Herz. Und man bemerkt jedes Mal irgendeine neue kleine Facette im Sound, in der
Stimme und in einzelnen Songs. Diese Musik ist schön, ist ergreifend. Sie ist
makellos. Ok, man muss zuhören, man muss sich Zeit nehmen und zuhören. Aber
dann hat man Vierzig äußerst angenehme Minuten. Diese Platte entspannt und
macht auf faszinierende Weise glücklich. ****1/2
The Duke Spirit –
Neptune (LP/CD, Love Token / PIAS, www.myspace.com/thedukespirit)

Interessant mit wem The Duke Spirit so alles verglichen
werden. Von My Bloody Valentine über The Gun Club bis zu den Pixies reicht die
Palette. Sonic Youth, Grunge und The Spiritualized sollen auch Pate gestanden
haben. Wie immer enthalten solche Aussagen schon ein Fünkchen Wahrheit. Aber
grundsätzlich hat die Band um die bezaubernde und charismatische Liela Moss mit
den angeführten Vorbildern so gar nichts gemein. Die Band war längere Zeit in
den USA auf Tour im vergangenen Jahr. Man hört das der neuen LP an. Eine
größere Souveränität, ein noch professionellerer Punch schlägt einem entgegen.
Die Songs stehen denen des Debüts von vor drei Jahren kaum nach, wobei das auch
als Single veröffentlichte „The Step And The Walk“ schon
herausragt. Ebenso „Lassoo“, das es bereits letztes Jahr auf einer
10“ EP gab. Der Sound ist insgesamt kompakter auf dieser Platte. Der
einzige Song, an dem Liela Moss nicht mitgeschrieben hat, „Wooden
Heart“ ist eine schöne eher konventionelle Ballade, von Liela sehr
einfühlsam vorgetragen. Die Musik auf dieser LP unterscheidet sich natürlich
nicht grundsätzlich von älterem Material der Band. Ein ganz klein wenig
vorhersehbarer bzw. klassifizierbarer wirken die neuen Aufnahmen. Eine der
gängigen Schubladen bietet sich aber immer noch nicht an. Eine Unmittelbarkeit,
ein Feuer, eine unbändige Kraft, ein unbedingter Wille springt einen an aus
dieser Musik. Ich freue mich schon jetzt auf den nächsten Berlin Gig der Band
am 5. Juni im Magnet Club. Die Platte werde ich bis dahin noch etliche Male
auflegen. Im Moment höre ich sie bei ****
Firewater – The Golden Hour (CD,
Nois-o-lution Records, www.myspace.com/realfirewater)
Tod A. ist New Yorker. Sein vorvorletztes Album mit
Firewater „Psychopharmacology“ hatte mich seinerzeit ziemlich
begeistert. Warum eigentlich? Wenn ich mich recht erinnere war es so eine
Mischung aus Garage Rock, Folk, ein bisschen Acid und Punk und etwas, das man
wohl Weltmusik nennen muss. 2004 hat Tod seinen Rucksack gepackt und ist
losgezogen auf eine Weltreise. Er wollte vor allem mal die Länder kennenlernen,
auf die seine Landsleute sonst nur Bomben abwerfen. Vier Jahre war er unterwegs
in Afghanistan, Pakistan, Indien, in der Türkei und im Nahen Osten, in Israel.
Dabei sind Songs entstanden, die er meist auch gleich mit Musikern in den
jeweiligen Ländern aufgenommen hat. Auf „The Golden Hour“ hat Tod
nun unter seinem alten Bandnamen 13 dieser Songs veröffentlicht. Einiges wurde
zuhause in New York noch ergänzt und überarbeitet. Im Prinzip ist dies hier
aber ein Reisebericht in Songs. Eine Dokumentation seiner Erlebnisse und
Erfahrungen in den vergangenen vier Jahren in Vorder- und Mittelasien. Dass das
Ergebnis immer noch erstaunlich vertraut klingt, nach einem Firewater Album
eben, das liegt dann wohl an Tod und seinem Songwriting. Hier und da gibt es
einen orientalischen Rhythmus, ein paar exotische Instrumente. Aber eigentlich
klingt die ganze Scheibe recht vertraut, was sicher auch daran liegt, dass
viele verschiedene ethnische Elemente in die moderne Popmusik längst Eingang
gefunden haben. Manchmal hört man hier sogar Instrumente und Klänge, die man
eher in der Karibik oder aber in Osteuropa vermutet hätte. Und so reicht die
Palette von Samba bis Klezmer, von Rocksteady bis Panjabi. Hübsch
abwechslungsreich und trotz zum Teil sehr ernster und politischer Texte auch
unterhaltsam und zum Mitwippen geeignet. ***
The Higher Elevations –
The Protestant Work Ethic (LP/ CD,
Time For Action, www.myspace.com/thehigherelevations)
Time For Action ist ein neues deutsches Independent Label,
das sich vor allem der in den Sixties wurzelnden Garage und Power Pop Musik
widmen möchte. Im vorigen Jahr erschien bereits eine LP der Moving Sounds aus
Schweden auf dem Label. Und nun kamen zeitgleich das Debüt der Subcandies aus
Wien und der zweite Longplayer der schwedischen Higher Elevations in die Läden
und Mail Order Listen. Die tolle Subcandies LP habe ich bereits in GG151
besprochen. Nun läuft „The Protestant Work Ethic“ auf meinem Technics
Mark II seine Runden. Ich kenne die erste LP der Band nicht, die 2005 bei
Little Teddy in München erschien. Mit The Only Ones und Peter Perrett wurde sie
in den Reviews gerne in Zusammenhang gebracht. Für die zweite Platte halte ich
solchen Vergleich für nicht angebracht. Andererseits sind The Higher Elevations
weder eine typische Neo Garage Band noch eine klassische Power Pop Gruppe.
Typisch skandinavisch hört sich ihre Musik aber schon an. In den Achtziger
Jahren gab es etliche ähnlich orientierte Bands in Schweden und Finnland.
Straffes Tempo, Power Pop Riffs, eingängige Melodien und ein gewisses New Wave
Feeling. Schwer an konkreten Stilelementen festzumachen. Möglicherweise kommen
daher die Only Ones Vergleiche. Zur klassischen Bandbesetzung mit Gitarren,
Bass, Drums treten gelegentlich Keyboards oder Bläser hinzu. Obwohl die ganze
Platte in sich stimmig und sehr angenehm klingt, bleibt kein einzelner Track
bei mir im Gedächtnis haften. Es fehlt ein Highlight, schließe ich daraus. Oder
die Platte besteht nur aus Highlights. ***1/2
I Walk The Line – Black
Wave Rising! (CD, Combat Rock, www.myspace.com/iwtlfinland)
Das dritte Album einer finnischen Punk und Emo Rock Band. Ganz
entfernt sind da Echos eines via Social Distortion adaptierten Country
Einflusses zu vernehmen. Im wesentlichen haben wir es jedoch mit einer
typischen skandinavischen Rock Band jüngerer Generation zu tun. Häufig
emotionale und sehr melodische Songs werden mit viel Druck und Härte
vorgetragen. Insofern ist der Social Distortion Vergleich gar nicht mal falsch.
Rocket From The Crypt fällt mir auch noch ein. „Black Wave“ –
auch als 7“ erhältlich – ragt eindeutig heraus. „The
Metro“ ist offenbar von der Berliner U-Bahn inspiriert. Die Band war
nämlich schon ein paar Mal hier auf Tourneen. Andere Tracks des Albums weisen
Einflüsse der frühen Gothic Szene auf. Erstaunlich abwechslungsreich das alles.
Am 25. April 2008 spielen die Jungs und das Mädel bei der Fullsteam Nacht im
Columbia Club zusammen mit Lapko aus Helsinki und noch anderen finnischen
Bands. ***
The Narcotics – All The
Purple Pussies (CD, Teen Sound, www.myspace.com/xxxthenarcoticsxxx)
Hier haben wir ein Debüt,
das sich im ersten Moment anhört als hätte es die letzten knapp 25 Jahre nicht
gegeben. Ein Revival des Revivals! Aus Bologna stammt die 5-köpfige Band.
Typischer Eighties Garage Sound tönt uns hier entgegen. So wie Bands wie The Miracle
Workers, The Sick Rose und viele andere damals die Sixties so authentisch wie
möglich zu adaptieren suchten und dabei doch eher unbewusst ihre Punk Erfahrung
und modernere Studiotechnik einfließen ließen, so greifen diese Jungs hier
alles auf, was sie aus der Glanzzeit des Eighties Garage Revivals kennen und
transportieren es in die Gegenwart. Dabei nehmen sie wieder unbewusst ein ganz
klein wenig an Erfahrung aus den letzten beiden Jahrzehnten an Entwicklung des
Garage Punk Genres mit und klingen daher erstaunlich frisch in ihrer ganzen
gewollten Authentizität. Inzwischen macht es wieder ordentlich Spaß, diese
Fuzzgitarrenriffs, die schrille Farfisa Orgel und die teilweise zu weit nach
vorne gemischten scheppernden Drums neben diesem typischen übertriebenen
exaltierten Gesangsstil zu hören. Aber die Platte hat sogar noch mehr zu
bieten. Einiges erinnert an britischen Beat, an Ray Davies oder The Pretty
Things. Mit einem Cover der Miracle Workers „Love Has No Time“
beschließen die stilsicheren Italiener ihre Scheibe. ***
The Temponauts – A
Million Year Picnic (CD, Teen
Sound, www.myspace.com/temponauts)
Noch eine Debüt Scheibe aus
Italien. Diese fünf Jungs aus Piacenza haben sich allerdings mehr dem Psych Pop
britischer Prägung sowie einem an Byrds und Love geschulten Sunshine Pop
verschrieben. Auch einige modernere Power Pop Bands mögen Pate gestanden haben.
Viel Jingle Jangle ist hier zu hören neben feinem Harmoniegesang und einigen
typischen Power Pop Akkorden. Einige der Tracks sind richtige Ohrwürmer. Und
die Vielseitigkeit der Band – innerhalb der Genre Grenzen natürlich
– ist erstaunlich. Ebenso überraschend ist ihre Power Pop Version des
Otis Redding Klassikers „That’s How Strong My Love Is“. Vielseitigkeit,
richtige Arrangements, passender Sound, recht passable Songs. So eine feine
Scheibe bekommt man nicht alle Tage, möchte man meinen. Stimmt schon –
eigentlich. Und doch haut mich die Platte nicht wirklich vom Hocker. Das klingt
dann letztlich alles doch zu vorhersehbar, zu richtig. Könnt ihr mir folgen?
Ein oder zwei Singles mit den besten Tracks hätten mir noch mehr gefallen.
Insgesamt gibt es dennoch ***1/2
Van Der Graaf Generator – Trisector (CD,
Virgin / EMI, www.vandergraafgenerator.co.uk)
Ich hab die Karriere dieser Band gewiss nicht immer
aufmerksam verfolgt. Einige ihrer frühen LPs mochte ich damals sehr. Ein paar
besitze ich noch heute. Im Kant Kino sah ich die Band das letzte Mal live. Das
muss Mitte der 70er Jahre gewesen sein. Peter Hamill sah ich danach noch ein
oder zweimal solo. Seine Platten kaufte ich dennoch nicht. Das Re-Union Album
von 2005 nahm ich nur am Rande wahr. Gehört hab ich es wohl, ist aber nicht
hängen geblieben. Und nun dies hier. Nur noch zu dritt sind sie. Hugh Banton,
Guy Evans und Peter Hammill. David Jackson ist nach der letzten Platte wieder
ausgestiegen. Warum weiß ich nicht. Diese Musik klingt erstaunlich frisch.
Sicher, wir haben es hier mit einem typischen VdGG Album zu tun. Hammill Stimme
ist genauso unverkennbar wie Bantons Keyboard Patterns und die verschachtelten
Rhythmen des Herrn Evans. Wunderbare Bassfiguren, perlenden Pianoklänge,
wuchtige Orgelriffs und eine Stimme, die mal sachte flüstert, mal exaltiert
schwelgt. Klassischer Progrock eben. Guter klassischer Progrock. So richtig
beginnt die Platte übrigens erst mit „Only In A Whisper“ –
davor ist Vorspiel, Einstimmung. Sie können’s noch, muss man
konstatieren. Auch wenn vielleicht die manische Unbedingtheit früher Werke
fehlt. „Over The Hill“ ist nahe
dran an früherer Genialität. ***1/2
The Subcandies – Out Of
The Blue (LP, Time for Action Records,
www.myspace.com/subcandies)
Hätte
eigentlich auch das Zeug gehabt zum Album des Monats, diese erste
Langspielplatte der Subcandies aus Wien. Am 29. Februar stellten sie die
Scheibe hier in Berlin live vor. Toller Gig! Tolle Band! Gute Stimmung. Es
wurde von Anfang an getanzt vor der Bühne. Wie sich das gehört. Und wer
„Father’s Name Is Dad“ im Repertoire hat, hat meine größten
Sympathien. Die LP besteht leider nur zur Hälfte aus neuem Material. Aus
ökonomischen Gründen kann man das verstehen. Wer aber bereits beide Singles der
Band hat und sogar noch den Detour Sampler Vol. 3, der hört nur auf Seite 1
Neues. Wer diese bereits vergriffenen Platten verpennt hat freut sich nun, dass
er die verpassten Tracks doch noch bekommt. Für alle, die die bereits
veröffentlichten Tracks nicht kennen, beginnen wir bei Seite 2. „Hey
You“ ist ein prima Opener, uptempo, mit viel Druck und Energie
vorgetragen. Ein echter Stomper im Stil der Chesterfield Kings oder Miracle
Workers. „Out Of Here“ ist dagegen fast „sophisticated“
mit seinem gepflegten E-Piano und dem leicht gedrosselten Tempo. „Little
Man“ ist eine typische Artpop Nummer. Eine dezente Wah Wah Gitarre
korrespondiert mit einer hübschen Kinderliedmelodie. „Hey Jules“
ist natürlich noch immer die großartige selbst geschriebene Hommage an so
vieles Erinnerungswürdige der Sixties, von Hendrix bis Lennon, von Pop Art bis
Psych Pop. Und „Dirty Names“ schließt die LP ab mit einer weiteren
selbst verfassten Eloge auf ein exaltiertes und überdrehtes Bohème Leben. Auf
der ersten Seite der Platte ist das neuere Material zu hören. Der Titelsong
„Out Of The Blue“ eröffnet die LP mit einer vielleicht
programmatischen Stellungnahme, die sich musikalisch am Besten orientiert, was
der britische Beat um 1967/68 hervorbrachte. Eher beschaulich wie bei Ray
Davies etwa. Bei „Over Your Shoulder“ wird dann das Tempo
gesteigert und die Gitarrensaiten werden
mächtig gedehnt und gezerrt. US Garage lässt grüßen. „Captain
John“ beginnt mit einem ganz ähnlichen Gitarrenlauf wie „My Friend
Jack“, nimmt dann aber auch eher Kurs auf San Francisco und Acid Rock.
„Give It A Try“ ist wieder eher konventioneller Britbeat mit
groovender Orgel, gespielt von der schönen Katerina aus Griechenland.
„Take A Chance“ lässt noch einmal die späten Sixties Revue
passieren und blickt zugleich in das folgende Jahrzehnt, in dem aus Beat
Rockmusik wurde. Die meisten Songs der LP wurden vom Gitarristen und Leadsänger
Norb Payr geschrieben, den man übrigens von The Jaybirds bereits kennt.
„Out Of The Blue“ ist eine sehr gelungene Platte. Wer sich beeilt
bekommt sie eventuell noch in blauem Vinyl. ****
Boomhauer – River Run Deep (CD,
TUG/Stupido Records / Broken Silence, www.myspace.com/boomhauermusic)
Dem
aufmerksamen Leser dieser Zeilen sowie dem regelmäßigen Hörer der gleichnamigen
Rundfunksendung sollte der Name Boomhauer durchaus ein Begriff sein. Allerdings
gab es die letzten drei Jahre nichts Neues zu berichten über dieses
Rock’nRoll Trio aus Turku, Finnland. Nun also eine neue Scheibe mit
gewohnt solidem und simplem Trash & Roll für die nächste Party. Kurz und
knackig (selten über drei Minuten) sind die Tracks. Meist auch schnell und
deftig. Doch gelegentlich erklingt auch mal eine coutryeske Ballade dazwischen.
Oder so eine feine folkige Akustiknummer wie „Choo Choo Pendolino“,
eine Hommage an einen berühmten finnischen Eisenbahnzug. Auch der Titelsong
„River Run Deep“ kommt zunächst verhalten daher, steigert sich dann
jedoch zu einem fast hypnotischen Ohrwurm. Trash Rock mit Slide Gitarre bietet
„Daddy Bear“. Obwohl die Band dem Lo-Fi Rock des Voodoo Rhythm
Labels nahe steht, klingen ihre Aufnahmen doch insgesamt fetter. Andererseits
höre ich neuerdings eine gewisse Nähe zu ihren großartigen Kollegen und
Landsleuten von 22 Pistepirkko. Bei „Hard Luck Day“ etwa oder auch
bei dem geheimnisvollen „Stranger On A Train“. 17 Tracks umfasst das Album. Schöne Sache. ***
Get Well Soon – Rest Now Weary Head! (LP/CD, City Slang, www.myspace.com/youwillgetwellsoon)
Die
Kritiker von Spex bis TAZ, von Musikexpress bis Uncle Sally’s
überschlagen sich vor Begeisterung: „Ein unfassbares Debüt, ...dass es
einem süße Stiche in die Brust
versetzt.“ (TAZ),
„...ein Genuss, den man am besten fassen kann, wenn man den Kopf
ausschaltet und sich berauschen lässt.“ (Die Zeit), „Ein pastorales
Stück Indie-Unvergänglichkeit“ (Musikexpress), „...SCHÖN...“
(Uncle Sally’s) usw. usf. – Ich muss gestehen, ich war zunächst
skeptisch. Nach 1x Hören klang mir das alles zu perfekt, zu berechnend, zu
maßgeschneidert. Meine Bessere Hälfte, die für gewöhnlich (aber nicht immer)
ein feines Gespür für gute Rockmusik hat, war ähnlich entsetzt wie schon beim
letzten Arcade Fire Album. Und ähnlich wie bei Neon Bible fasziniert mich
dieser fast bombastische Kitsch auch hier beim zweiten Hören. Ok, wirklich
vergleichen kann man die beiden Platten nicht. Konstantin Gropper fehlt die
rockistische Komponente vollkommen. Obwohl ihm bzw. seiner Musik, vor allem
seinen Arrangements, eine gewisse Hemdsärmeligkeit manchmal ganz gut täte. Auch
muss man diese Gefühligkeit, diese leichte Theatralik in seinen Songs und
Sounds nicht unbedingt als kitschig empfinden. Hart an der Grenze bewegt er
sich aber schon. Einerseits finde auch ich diese Musik schön. Die Platte hat
ohne Zweifel etwas Feierliches, Beruhigendes. Ich bin froh, dass ich mir die
Vinylversion gekauft habe. So kann ich eine LP-Seite hören, mich entspannen,
und mich dann anderen Dingen zuwenden. Die andere LP-Seite höre ich dann ein
andermal. Der CD Hörer könnte natürlich auch eine Pause einlegen. Empfehle ich
sogar dringend. Die ganze Platte in einem Durchgang Hören, das ist wie eine
viel zu große Portion Erdbeeren mit Schlagsahne. Man kann danach Erdbeeren für
die nächsten Wochen nicht ausstehen. Das Cover von „Born Slippy“
ist in meinen Ohren ein Schwachpunkt der LP, wie wohl Groppers Version durchaus
etwas Eigenes hat. Mein Favorit ist zur Zeit „Your Endless Dream“, weil
das sowohl ein toller Song ist wie auch die Interpretation hier wohltuend
schlicht ausfällt. Dagegen ist der Track mit dem Sample aus „Hexen bis
auf’s Blut gequält“ so übertrieben pathetisch, dass er schon wieder
gut ist. Ich glaube, mich mag die Scheibe doch ganz gern. ***1/2
Velvetone – Yip Yip! (CD, CrossCut Records, www.myspace.com/velvetoneroots)
Seit Mitte der Neunziger
(mindestens) spielen Velvetone aus Bremen Roots Rock, Rockabilly, Country Rock
und R&B. Mit einer 10“ LP legten sie 1996 ein großartiges Debüt vor.
Wenn ich richtig gezählt habe, ist das nun schon ihr siebentes Album.
Zweifellos die beste Band ihrer Art in Deutschland. Mit schenkelklopfendem
Mainstream Country der Marke Western Union haben sie ebenso wenig zu tun wie
mit einer allzu sehr auf die Originale und den authentischen Sound
konzentrierten Neo-Rockabilly Szene. Und so bieten die 14 Tracks ihrer neuen
Platte denn auch bei aller Roots Orientierung eine große Vielfalt, von der
Wüstenrock Ballade „Desperate Heart“ bis zum fetzigen „Hot
Rod Killer“, vom puren Rockabilly „Lil’ Bad Thing“
(auch als 7“ erschienen) bis zum sehr gediegenen Sanford Clark Cover
„Go On Home“. Mit dem Titeltrack „Yip Yip!“ ist ihnen
gar eine Art Psychobilly Nummer gelungen. ***
Thee Jenerators – The Kids Are Not Alright (CD, Twist Records, www.myspace.com/theejeneratorsmusic)
Mark
Le Gallez betreibt das Label Twist Records von Guernsey, Channel Islands, aus
seit bald zwei Jahrzehnten. In den letzten Jahren wohl nur noch allein ohne
seine deutschen Partner in Münster. Thee Jenerators sind seine eigene Band, die
hier mit viel Aplomb, Stilsicherheit und Elan typisch britischen Mod Pop und
Power Pop liefert. 15 Tracks voller Energie, mit tollen Hooks und Riffs. Zur
klassischen Bandbesetzung aus Gitarre, Bass, Drums gesellt sich hier ein
Saxophon, das dann allerdings auch gleich recht dominant auftritt. Manchmal zu
dominant, finde ich. Hin und wieder gibt es Ausflüge in Richtung
Rock’n’Roll. Also so richtig alten Rock’n’Roll, wie ihn
Cliff & The Drifters um 1958 gespielt haben. Manchmal klingt es auch ein
bisschen nach Sweet Soul Music. ***
Glowfriends – A Farewell To Fair-Weather (CD, Jam Records, www.myspace.com/glowfriends)
Die
Glowfriends sind eine Shoegazer oder Twee Pop Band aus Kalamazoo, Michigan. Ein
Geschwisterpaar und dann auch noch angeheiratete Bandmitglieder machen das
Ganze zu einem Familienunternehmen. Und Papa Jeremy Morris betreibt das
Plattenlabel. CD Label muss man genauer sagen. Dies ist ihr dritter Longplayer.
Ihr vielseitigster und abwechslungsreichster Longplayer ist es auch. Von
Folkpop über Post Rock Gedöns bis hin zu filigran orchestrierten Indie Pop
Songs reicht die Palette. Das kommt alles recht gefällig und angenehm daher.
Mitunter vielleicht eine Spur zu gefällig. Am besten gefallen mir die von April
Morris gesungenen Tracks, deren Stimme mich an Nico erinnert. Wobei auch die
Musik hin und wieder Velvet Underground via Galaxie 500 evoziert. Insgesamt
eine unauffällig herausragende Scheibe. ***1/2
Pamela Wyn Shannon –
Courting Autumn (CD, Girlhenge Records, www.myspace.com/pamelawynshannon)
Viele
neue junge Frauenstimmen gibt es dieses Jahr in der Pop Musik und besonders im
landläufig dem Folk zuzuordnenden Sub Genre. Manche finde ich eher merkwürdig,
manche schlicht langweilig. Einige gefallen mir sehr gut. Zu dieser letzten
Gruppe gehört auch Pamela Wyn Shannon aus Amherst, Massachusetts. Ihre Stimme
klingt warm, unauffällig und doch überzeugend. Ihre Songs sind traditionell,
beeinflusst von britischer Folk Musik von Pentangle bis zur Incredible String
Band. Auch die Arrangements, die Instrumentierung sind weitgehend klassisch in
diesem Sinne. Beinahe streng traditionalistisch mitunter. Neben zehn eigenen
Kompositionen interpretiert sie hier auch zwei alte britische Folksongs. Wenn
dann doch mal eine Sitar oder ein Cello zu den Dulcimern und akustischen
Gitarren dazukommt, oder wenn ein Harmonium sanft im Hintergrund brummt, erhöht
das den Reiz dieses ungewöhnlichen Debüts. ****
Various Artists – Jouluräyhää! (CD, Woimasointu / Hiljaiset Levyt, www.woimasointu.com,
www.hiljaiset.sci.fi)
Gerade
rechtzeitig vor Weihnachten ist diese CD bei mir eingetrudelt. Eine
Gemeinschaftsproduktion der beiden finnischen Labels Woimasointu und Hiljaiset
Levyt. Beide eher für Punk, Power Pop und poppig derben Stoff bekannt. Die hier
versammelten Bands sind mit einer Ausnahme außerhalb Finnlands wohl ziemlich
unbekannt. Die Ausnahme ist TV Smith, dessen „Xmas Bloody
Xmas“ allerdings bereits vor zwei Jahren als 7“45 erschien. Die
anderen sechs Tracks kommen von fünf finnischen Combos, deren Musik man prima
unter Punk Pop einordnen kann. Alte Bekannte sind dabei, wie Tina aus
Tampere. Eine Band um die Sängerin und Gitarristin Riitta Suojanen und die Sängerin
und Bassistin Tiina Wesslin, hervorgegangen aus der Band Punk Lurex OK. Maaseudun
Tulevaisuus sind mit dem „Adventtilaulu“ vertreten. Eine
Aufnahme, die allerdings bereits vor 20 Jahren entstand. The Tarjas
sowie Iskuryhmä existieren zwar nicht ganz so lange, aber seit gut zehn
Jahren sind sie auch schon in ihrer Freizeit als Punk Rocker aktiv. Stilistisch
orientieren sie sich an Bands wie The Queers oder Social Distortion und an den
Ramones natürlich. Schließlich sind da noch 70-luvun Vihannekset, die
The Hurriganes zum Vorbild haben. Deren Charisma und schlichte Genialität
erreichen sie natürlich nicht, aber sie geben sich redlich Mühe. Alle sieben
Tracks sind übrigens Weihnachtslieder, Weihnachtslieder der etwas anderen Art,
die es mit der Besinnlichkeit nicht ganz so ernst und den üblichen
Weihnachtskitsch gern auf’s Korn nehmen. Auch wenn man der finnischen
Sprache nicht mächtig ist, hat man bei der Musik sicher Spaß. ***
Various
Artists – If I Could Write Poetry, A Tribute to Television Personalities (CD, The Beautiful Music)
Various Artists – I Would Write A Thousand Words, TVP Tribute Vol.
2 (CD, www.thebeautifulmusic.com)
The
Beautiful Music ist ein kanadisches Indie Pop Label, das von Wally Salem in
Ottawa betrieben wird. Wally ist offenbar ein sehr großer Fan von Dan Treacy
und The Television Personalities. Auf der Homepage des Labels finden sich
natürlich auch etliche Links zu Gleichgesinnten. Man staunt immer wieder, wie
verzweigt und weitreichend solche Netzwerke tatsächlich sind. Und was und wen
man so alles findet durch ein bisschen Surfen von Link zu Link. Wäre ein Thema
für einen eigenen Artikel. Aber zurück zu diesen beiden Samplern. Eigentlich
sind es sogar drei, denn dem Volume 2 liegt noch eine Bonus CD mit weiteren 18
Tracks bei. Insgesamt haben wir es hier also mit 58 Tracks von Dan Treacy Songs
zu tun. Halt, nein. Einer von Ed Ball ist auch dabei. Und es gibt nicht mal so
sehr viele Doppellungen. Dan Treacy ist immer noch einer der größten
Songschreiber der letzten 30 Jahre aus England. Dass außer ein paar üblichen
Verdächtigen wie John Peel oder Alan McGee z.B. davon keine größere
Öffentlichkeit Kenntnis erlangt hat, gehört neben seinen Drogenproblemen und
ihren Konsequenzen zur unendlichen Tragik dieses Mannes. Tendenziell werden
wohl auch diese drei CD Sampler nichts an dieser Tatsache ändern. Wer die TVPs
bereits kennt und schätzt, wird nicht umhinkommen, auch diese wunderbaren
Tribute CDs zu kaufen. Noch nicht Initiierte haben hier die Chance zu einem
Einstieg in die faszinierende Welt des Dan Treacy. Einige bekanntere und viele
unbekannte Namen aus der weltweiten Twee und Indie Pop Szene sind hier
vertreten. Von Nikki Sudden und seinem Bruder Epic Soundtracks, die mit The
Swell Maps zeitgleich mit Dan Treacy starteten 1977, über die schon notorischen
Bartlebees aus München, The Thanes aus Edinburgh, Alan McGees Biff Bang Pow,
Colin Swan, The Shambles aus San Diego, BMX Bandits bis hin zu Berlins größtem
Dan Treacy Fan Olaf Schumacher und seiner Band The Groovy Cellar. Großartige
Songs in zum Teil wundervollen Interpretationen. Oft natürlich im zu
erwartenden Jingle Jangle Schrammelpop Sound, manchmal fast ein bisschen punky
aber immer dem Song dienlich, ohne stur das Original zu kopieren. Eine seltene
Aufnahme der TVPs selbst ist übrigens auch dabei, „Honey For The
Bears“, live in New York 1992. Und das ist alles erst ein Anfang. Auf
zehn Sampler mit insgesamt 200 Tracks möchte es Wally letztlich bringen. Hoffen
wir, dass er den hohen Standard dieser ersten 58 Tracks halten kann. Durchschnittlich ***1/2
John
Spittles, a.k.a. Johnny Casino, ist so eine Art Mike Ness Australiens. Mit der
Band Asteroid B612 spielte er vor Jahren rauen, dreckigen
Rock’n’Roll. Und in einigen weiteren losen Formationen spielt er
auch immer wieder gerne live für ein paar Dollar oder Bier. Hauptsache laut,
schnell, bodenständig. Auch the Secrets sind eine eher unbeständige Band, in
der u.a. Brad Shepherd (Hoodoo Gurus), Kent Steedman (Celibate Rifles) und Bill
Gibson (Eastern Dark) mitspielen. Diese Scheibe hier haben sie gemeinsam Anfang
diesen Jahres aufgenommen. Im Mai kam sie in Australien bereits raus. Und dort
wird sie von einigen Musikjournalisten auch schon als Platte des Jahres
gefeiert. Nun, eine ordentliche im frühen Rock’n’Roll verwurzelte
Platte ist es auf jeden Fall. Hin und wieder klingt auch mal Country Rock an.
„Everybody Loves Me“ aus der Feder von Alejandro Escovedo eröffnet
die Scheibe. Und von der Motor City in Detroit ausgehend umspannt die musikalische Reise auch
Abstecher zu den Kakteen Hainen beim Joshua Tree. Dylans „Ballad Of A
Thin Man“ erfährt eine spezielle Soul informierte und Rock induzierte
Behandlung. Die meisten Songs sind jedoch von Johnny selbst verfasst. Sein
„Cowboys And Indians“, ein unglaublich eingängiger Uptempo Rocker,
hätte auch Tom Petty zur Ehre gereicht. In Spanien treibt er sich zur Zeit mit
seiner Band rum. Hier muss man mit dieser alles in allem recht angenehmen
Platte vorlieb nehmen. ***1/2
The Puddle – No Love – Not Hate (CD, Fishrider Records, www.myspace.com/thepuddlenz)
Ich
weiß nicht, wer das sehr umfangreiche und detaillierte Info verfasst hat, das
der CD beilag, die ich vor ein paar Wochen aus Dunedin, von der Südinsel
Neuseelands, erhielt. Vielleicht George Henderson selbst, der ja im Prinzip The
Puddle ist. Fishrider Records ist ein kleines Label mit bisher nur wenigen
Veröffentlichungen. The Dark Beaks, ebenfalls aus Dunedin, hatten mich vor
anderthalb Jahren so begeistert, dass ich ihre Platte spontan zum Album des
Monats machte. Und auch diese Veröffentlichung des Labels hat einen ganz
eigenen Reiz. Auch hier hört man eine Musik, die es in dieser Art und
Konstellation wohl kein zweites Mal gibt. Und doch ist auch eine gewisse Nähe
zu The Dark Beaks zu spüren. Kann man da bereits von einem Labelsound sprechen?
Dem Flying Nun Label, dem bekanntesten und kultigsten Label des Landes, wurde
ein solcher eigener Sound nachgesagt. Und The Puddle, die als Band seit 1984 existieren,
sollen in den frühen 90er Jahren diesen Flying Nun Sound repräsentiert haben.
Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich kenne die Puddle Musik jener Zeit nicht. Ich
kenne aber typische Flying Nun Bands und auch die Flying Nun Box, die im
vergangenen Jahr erschien. The Puddle klingen auf dieser Platte hier wie nichts
davon. Und eigentlich klingt auf der Scheibe nicht mal ein Track wie der
andere. Ich meine, nicht mal stilistisch festlegen kann man diese Band, diese
Platte. Genau das macht auch einen Teil des Reizes aus, den „No Love
– No Hate“ zweifellos verströmt. Manchmal klingen die Gitarren wie
bei Television. Dann wieder ertönt fast konventionell zu nennender Indie Pop
aus den Lautsprechern, um bald erneut psychedelisierten Post Rock Tönen Raum zu
geben. So, jetzt aber genug der Schlagworte. Für einen Schnellschuss, eine
Platte im Übergang, wie das Info sagt, klingt diese Sammlung von neun recht
ungewöhnlichen aber auch besinnlichen Tracks ganz prima. Henderson hat die
Songs in den vergangenen Jahren geschrieben
und sie in diesem Frühjahr allein aufgenommen. Alle Instrumente selbst gespielt
im Overdub Verfahren. Nächstes Jahr soll es eine richtig neue Platte geben, mit
Band dann. Diese hier bekommt ***1/2
The Izzys
– The Violent Bear It Away (CD, Fat Man Records, www.myspace.com/theizzys)
Das
zweite Album dieser New Yorker Rock’n’Roll und R&B Band
erscheint wieder vollkommen selbst produziert auf ihrem eigenen Label.
Wahrscheinlich das einträglichste und sinnvollste Geschäftsmodell für Musiker,
die eben nicht nur Musik machen können. Während die ersten beiden Tracks der
Scheibe schweißtreibendem erdigen Bluesrock bieten, beweist der nächste Titel
„I’m A Rounder“, dass Country Musik ebenfalls zu den Grundlagen
gehört, die The Izzys verinnerlicht haben. Und so geht es abwechslungsreich
weiter. Wem seine Stones LPs auf die Dauer nicht ausreichen, aber die vielen
jungen „The“ Bands nicht abgehangen genug klingen, der liegt bei
The Izzys goldrichig. Alles in Allem eine mitreissend raue Mischung
traditionellen Rock’n’Rolls der an die Replacements ebenso wie an
Steve Earle denken lässt. ***
Mark & The Spies – Mark & The
Spies (LP/CD, Screaming Apple Records, www.myspace.com/markandthespies)
Was
mir neuerdings immer wieder auffällt, diese jungen Beat, Mod und Garage Bands
wie Mark & The Spies zum Beispiel geben auf ihren Webseiten “Garage
House” als Stil an. Was zum Teufel ist das? Was soll das
„House“ da? – Aber egal. Die Jungen Holländer hier haben nach
einer 7“EP für Butterfly Records in Barcelona nun ihre Debüt LP
rausgebracht. Eine recht hörenswerte Mischung aus – nun eben Beat, Garage
Pop, Mod Sounds. Alles eigene Stücke bis auf ein Cover eines José Feliciano
Songs „If I Really Bug You“. Einige Nummern hören sich sehr nach
klassischem Merseybeat an, mit einer Spur mehr Druck und Punch. Im Moment
touren sie noch kreuz und quer durch die Niederlande, aber vielleicht lassen
sie sich ja auch mal hier bei uns blicken. ***

Marmalade Souls – Marmalade Souls (CD, Rainbow Quartz, www.myspace.com/marmaladesouls)
Noch
mehr Sixties Einflüsse. In diesem Fall eher Pop und Flower Power. Johanna und Michael
trafen sich in ihrer schwedischen Heimatstadt Östersund im Jahr 2000 zum ersten
Mal und entdeckten bald, dass sie nicht nur wie füreinander sondern auch noch
zum Musizieren geschaffen sind. Inzwischen sind die beiden ein Paar, haben ganz
viele fröhliche Popsongs geschrieben und in Paddy aus Dublin haben sie einen
Drummer gefunden, der mit ihnen 14 dieser eingängigen Ohrwürmer eingespielt
hat, damit auch der Rest der Welt an den schönen Harmonien und dem
enthusiastischen Jingle Jangle teilhaben kann. Erstaunlich wie genau diese
jungen Musiker heutzutage das Songwriting und die Sounds der Sechziger Jahre
hinbekommen. Man meint, die Hollies, Unit 4 Plus 2 oder The Marmalade zu hören.
Dabei sind es nur die Marmalade Souls. ***
Veagaz – New Suburban White Trash Soul Music (CD,
Schallplattenmanufaktur Hameln, www.myspace.com/veagaz)

Der
zweite Longplayer des Trios aus Hameln setzt den guten Standard des ersten
fort. Schwer, eindringlich, beindruckend. Der Gesang – und nicht nur der
– erinnert nach wie vor an Madrugada. In geringerem Maße auch an Nick
Cave. Melancholie und eine gewisse Düsternis hängt über den Songs und der
Produktion. Aber auch Härte und Kompromisslosigkeit. Das war bei der ersten
Platte „Gold“ vor vier Jahren noch nicht so stark zu spüren. Sind
die Zeiten härter geworden? Mir gefallen ja diese schwebenden, in Hall und Echo
badenden Klänge wie bei „Chrome Gene“ besser. Manchmal tritt auch
ein bodenständiges, erdiges Element hinzu, das auf gewisse Weise sogar Country
evoziert. Veagaz sind also doch noch vielseitiger geworden. „Nobody Knows
This Is Nowhere“ – nein, das ist nicht Neil Young. Na ja, der Song
könnte sogar von ihm sein. Dieses Verlorensein, diese Verlassenheit kommt auch
bei ihm immer wieder vor. Aber die Stimme von Tom Schindler klingt bestimmt
nicht wie die Neils. Auch nicht wie die von Johnny Cash. Trotz mancher
raspeliger Rauheit mitunter. Und wieder krachen Bass, Drums und Gitarre schwer
und dräuend aus den Boxen bei „My Crusade“. Zum Schluss wird es
dann jedoch versöhnlich, abgeklärt und fast feierlich. „Life Is Just A
Long Time To Get Weary“ wiegt uns in einen erschöpften und zufriedenen
Traumzustand. Eine beeindruckende Platte, wahrlich. ****
Artichoke
– Never Mind The Bollocks Here’s The Sex Pistols (CD, Greeen Records, www.artichoketheband.com)
Is ja ne dolle Idee, denkt man zunächst. Da kommt
so’ne Indie Truppe aus L.A. und präsentiert uns zum 30. Jubiläum die Sex
Pistols neu. Aber dann hört man diese völlig veränderten Songs und erliegt
tatsächlich dem Charme der Stimme von Ema Tuennerman oder den freundlich naiven
an eine Mischung aus Incredible String Band und Moldy Peaches erinnernden
Arrangements. Es klingt unglaublich, aber diese Platte schafft es, mich zu
überraschen. Diese Ukulele und das Kazoo bei „God Save The Queen“,
dazu dann die süße Mädchenstimme und ein im Hintergrund dräuender metallischer
Halleffekt. Etwas derartig Bizarres hört man selten. Oft erkennt man die Songs
gar nicht wieder. Zumindest wenn man nicht sehr textsicher ist. „Anarchy
In The UK“ beginnt mit blökenden Schafen und einer Posaune bevor ein
akustischer Bass und eine Art Handclap Computer einsetzen. Phantastisch! Und es
wird noch besser. Oder schräger – ganz wie man will. Das ist viel mehr
als irgendso’ne Hausfrauen Therapie Gruppe, die zufällig ein paar
akustische Instrumente in die Finger bekommt. Das ist wirklich Klasse!
Bandleader, Mastermind ist Timothy Sellers aus Highland Park, Nordost Los
Angeles. Er ist Naturwissenschaftler und Künstler. In seinem alten Haus am
Rande der Stadt produziert er schon seit Jahren seltsame Folklore mit einer
losen Bandbesetzung. Das
hier ist die Krönung! ***1/2
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