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Letztes Update: 10. Dezember 2009


Die Langspieltonträger

Die Bewertungsskala:

* Materialverschwendung! - ** muss man nicht kennen - *** sollte man mal gehört haben - **** Anschaffung sehr zu empfehlen - ***** gehört in jede Plattensammlung!

Mein Album des Monats ist hier zu finden!

Long Tall Shorty – The Sound Of Giffer City (LP, Time For Action, www.myspace.com/longtallshortyuk)Long Tall Shorty

 

Long Tall Shorty ist eine der legendären britischen Neo-Mod Bands der 70er/80er Jahre. Ich kenne nicht viele Platten der Band, aber in einschlägigen Kreisen wird ihr Name nur ehrfürchtig genannt, und ihre Liveauftritte seien energiegeladen und spektakulär, heißt es. Seit 2002 ist die Band wieder aktiv, und von ihrer an Punk geschulten Energie scheint nichts verloren gegangen zu sein, wie diese soeben erschienene LP mit 15 klassischen und neuen Mod Punk Tracks beweist. Ich kenne wie gesagt nur wenige Singles der Band aus ihrer Frühphase, aber diese Platte hier rückt den Sound des Trios eher in die Nähe von so schnörkel- und kompromisslosen Kapellen wie Jimmy Purseys Sham 69 oder der Heartbreakers von Johnny Thunders, dessen „Born To Lose“ sie hier übrigens auch zum Besten geben. Sie selbst nennen ihren Sound Giffer Punk. Ein Begriff der von Gary Bushell in den Liner Notes zur Platte erklärt wird. Dabei wird allerdings auch nur deutlich, dass dies der Sound von Gestern, Heute und Morgen ist. Na dann ist ja alles klar! ***

 

The Low Frequency In Stereo – Futuro (LP/CD, Rune Grammofon, www.myspace.com/lowfrequencyinstereo)

 

Haugesund, Norwegen, ist der Heimatort dieser Combo. Hört man jetzt nicht unbedingt raus. Aber die norwegische Herkunft hört man bei Motorpsycho oder der Brimstone Solar Radiation Band auch nicht. Seit knapp neun Jahren musiziert dieses Kollektiv hier gemeinsam. „Futuro“ ist ihr viertes Album. Ich kenne die ersten drei nicht. Das hier ist jedenfalls sehr schön abwechslungsreich und musikalisch nicht so einfach in eine Schublade zu stecken. Der Gitarrensound ist mitunter recht twangy und lässt ans Surfen denken. Die Länge der Tracks, ihr Aufbau und die anderen Instrumente und Soundscapes evozieren jedoch viel eher Krautrock, Post Rock, Trips und Träume. Meistens singt eine Frau. Und die Songs, die sie singt, beschwören mitunter eine Leichtigkeit, die Kinderliedern und luftigen Popmelodien zu eigen ist, und nicht Prog Ungetümen, mit denen manche Rezensenten dieses Musikerkollektiv in Verbindung bringen wollen. Eine meiner Entdeckungen dieses Jahr. Mir gefällt diese LP so gut, ich traue mich gar, die älteren anzuhören. Muss ich ja auch nicht. ****

 

The PikesThe Pikes – No-Name Street (12” EP, Dirty Faces / Time For Action, www.myspace.com/thepikesfromberlin)

 

Gegründet 2007 in einem Schallplattenladen in Berlin Kreuzberg spielt dieses Quartett straighten Mod-Beat-Punk-Pop, der The Who, The Jam und The Clash völlig zu recht als Vorbilder nennt. Sechs Songs mit viel Aplomb und Energie vorgetragen. Alles up-tempo, rotzig und mit der richtigen Attitüde. Dabei gibt es genügend Wiedererkennungswert, Hooks und Mitsingmelodien, die nötig sind, um sich ein treues Publikum zu erspielen. Ein viel versprechendes Debüt. Selbstverständlich auf Vinyl und mit 45 RPM. ***1/2

 

Saffer & The Jukes – Nothing In Our Bellies But A Fire Down Below (CD, Rockwerk, www.myspace.com/stefansaffer)

 

Saffer & The JukesStefan Saffer, Singer/Songwriter aus Oberfranken, der in Leipzig gestrandet ist, taucht mit seiner neuen Band und diesem neuen Album noch tiefer ein in die amerikanische Roots Musik. Schon das erste Soloalbum Saffers „The Dark Frontier“ orientierte sich musikalisch wie thematisch sehr an Americana und Roots Rock. Hier nun wird eine noch breitere Palette amerikanischer Roots Musik adaptiert. Vor allem wird nun überwiegend akustisch musiziert mit den Instrumenten, die auch die europäischen Einwanderer in den USA zu Beginn des vorigen Jahrhunderts zur Verfügung hatten, Banjo, Fiddle, Akkordeon, Gitarre. Neben traditionell überlieferten Kompositionen finden sich Songs von Stefan Saffer sowie ein Stück von Woody Guthrie, das von Saffer und seinen Jukes wirklich sehr einfühlsam interpretiert wird. Meist ist Saffers raspelige aber gefühlvolle Stimme zu hören, die sich inzwischen vom großen Vorbild des Boss emanzipiert hat und ihren eigenen einprägsamen Charakter offenbart. Ein Glanzlicht ist die Neuinterpretation des „Kentucky Girl“, das schon immer zu Saffers besten Songs gehörte. Ein weiteres Highlight der Platte, die im Übrigen keine Ausfälle enthält, ist die eher dunkle, melancholische Interpretation des Standards „You Are My Sunshine“. Hier von Angela Hofmann verhalten  vorgetragen zu einem Arrangement in Molltönen. Recht flott und mit Schmackes geht es bei „Everyday“ zur Sache. Dagegen wird „Mary’s Garden“ mit viel Gefühl im Duett vorgetragen. Wie gesagt, eine Platte, die vollkommen in der Tradition US amerikanischer Volksmusik steht. Es gibt nicht viele deutsche Musiker, die in dieser Szene überzeugen können. Aber Saffer & The Jukes gehören eindeutig dazu. ***  

 

Baby Woodrose – s/t (LP/CD, Bad Afro, www.badafro.dk, www.myspace.com/babywoodrose)Baby Woodrose

 

Auch schon im September erschien die neue LP der dänischen Garage Rocker. Wieder etwas straighter und nicht so verspielt psychedelisch wie die letzte Scheibe ist diese 12-Track Sammlung, die von Lorenzo Woodrose beinahe im Alleingang eingespielt wurde. Mit „Emily“ hat er den poppigsten, Radio freundlichsten Titel seiner Karriere aufgenommen. Nicht, dass dies viel nützen wird, was deutsche Radiosender betrifft. Insgesamt ist der Sound dieser LP wieder ganz an US Garage der Sixties aber auch Neo-Sixties aus den 80ern orientiert. Dafür sorgen neben Fuzzgitarre und hypnotischen Basslinien auch allerlei Effekte auf Lorenzos Stimme, die allerdings auch so schon den typischen Snarl hat. Akustische Gitarren und Background Chöre liefern den Pop Appeal. Und hier und da wird auch wieder in die Trickkiste des professionellen Psychedelikers gegriffen mit backwards Loops und so. Die Songs als solche sind meist relativ schlicht aber sehr eingängig. Wäre diese Platte 1968 oder 1982 erschienen, wäre sie vielleicht wegweisend gewesen. So ist es immer noch eine gelungene Garage Pop Platte, an der kein Liebhaber des Genres vorbeikommt. ***1/2

 

The Micragirls – Wild Girl Walk (LP/CD, Bone Voyage, www.myspace.com/micragirls)

 

Wild Girl WalkVermutlich sind sie immer noch ein Geheimtipp, die drei Mädels aus Kuopio, Finnland. Dabei waren sie doch schon etliche Male hier in Deutschland, um ihren Garage Trash Pop live zu präsentieren. Allerdings nicht mehr mit ihrem Nissan Micra Bus, der für den Bandnamen Pate stand. Dafür haben sie letztens als Support für Jon Spencers Heavy Trash gespielt. Und bei der Gelegenheit konnten sie Jon Spencer persönlich in’s Studio lotsen, damit er bei ein paar Tracks ihres neuen Albums Backing Vocals singt. Produziert hat die Scheibe wieder Asko Keränen von 22 Pistepirkko, der so eine Art Mentor der Girls ist. In Finnland erschien die Platte bereits im September, und die Single „Summer’s Gone“ lief dort ständig im Radio. Die Songs und der Sound sind wieder ganz typisch Micragirls. Also wild, unbekümmert, aber auch ein bisschen schräg psychedelisch. Im Vergleich zu früheren Aufnahmen klingt das hier nun eher durchdacht und ausgetüftelt. Aber keine Bange, es macht nach wie vor großen Spaß. Neben elf eigenen Songs gibt es eine sehr schöne Version von Wanda Jacksons „Funnel Of Love“. In zumeist höllischem Tempo und mit viel Aplomb spielen sich die drei Mädels durch ihr Repertoire. Wer die Micragirls immer noch nicht kennt, sollte das nun endlich ändern. ***1/2

 

HarukoHaruko – Wild Geese (LP/CD, Bracken Records, www.myspace.com/harukomyspace)

 

Susanne Stanglow ist eine junge Frau aus Bremen, die leise, zerbrechlich wirkende, filigrane Folksongs schreibt und aufführt. Nur mit einer akustischen Gitarre, ihrer klaren mädchenhaften Stimme und hier und da von ein paar zusätzlichen Klängen von Glockenspiel unterstützt trägt sie ihre Lieder vor. Lieder von goldenen Herbstblättern, von morgendlichen Träumen, von einem Mann im Mond, von Liebe und zarten Gefühlen, von einem einsamen und traurigen Drachen, vom Winter und vom Frühling. Märchenhafte Lieder zumeist. Bei romantischen jungen Männern (und wohl nicht nur jungen) kann das leicht eine Art Beschützerinstinkt auslösen. Und tatsächlich möchte man unwillkürlich eine kuschelige Ecke auf dem Sofa für das Mädel bereiten. Für manche Stimmungen an schummerigen Herbstabenden in der molligen Stube im Schein einer Kerze ist diese Platte hervorragend geeignet. Unter anderen Bedingungen könnte man die Scheibe auch für etwas naiv und auf die Dauer langweilig halten. Mal so und mal so. ***1/2

 

Malakoff Kowalski – Neue deutsche Reiselieder (LP, Das Kowalski Komitee, www.myspace.com/malakoffkowalski)

 

Neue deutsche ReiseliederGeboren 1979 als Aram Pirmoradi in Boston (USA), Sohn persischer Eltern, aufgewachsen in Hamburg, in den 90ern  bei der Hamburger Band Kinski, später eine Hälfte von Jansen & Kowalski mit Majorvertrag. Inzwischen lebt der Junge in Berlin und macht nun seine eigene Musik. Irgendwo zwischen Krautrock, NDW, Chanson, Postrock und schräger Exzentrik. Inga Humpe (2Raumwohnung) und Danny Dziuk (er selbst) finden ihn gut. Danny spielt auch Klavier auf dieser LP hier. Herr Dziuk hat auch zwei Songs beigesteuert. Die meisten Titel schrieb Kowalski allerdings selbst. „Auf einem anderen Stern“ gefällt mir. Das hat so etwas Sci-Fi Retrohaftes. „Barfuß oder Lackschuh“, bei dem ein gewisser Gregor Rottschalk (kennt den noch jemand?) als Co-Autor genannt wird, nervt mich dagegen mit seiner Aufdringlichkeit. Andere Tracks vermitteln durchaus intime, angenehme Stimmung. Überhaupt ist da eine große Dynamik, ein Auf und Ab, laut und leise, einschmeichelnd und abstoßend. Die gesamte LP hat was. Letztlich ist sie mir jedoch zu anstrengend. Ich weiß nicht, wie ich das anders ausdrücken soll. Es ist nicht mal die deutsche Sprache, die mich ja bei anderen Platten mitunter abtörnt. Musikalisch ist das hier zu unausgewogen und teilweise zu unruhig. „Das Herz eines Seemanns“ zum Beispiel verursacht mir Unbehagen, obwohl es in einem anderen Arrangement vermutlich ziemlich ok wäre. Eine zwiespältige Platte also. ***

 

Litter & Leech – Augmented Reality (CD, Trash Tone, www.LordLitter.de)

 

Schön wieder mal neue Songs von Lord Litter zu hören. Unverkennbar sind Stil und Atmosphäre, und diese sonore mitunter etwas raspelnde und doch warme Stimme ist eh einmalig. Mit Lefty Leech, seinem alten Kumpel, hat der Lord hier zehn neue Tracks produziert. Songs, die von den beiden schon das eine oder andere Mal live aufgeführt wurden. Ich muss mir das endlich auch mal in echt anschauen und anhören. Hauptsächlich akustische Instrumente, also Gitarren und ein bisschen Perkussion, kommen zum Einsatz. Dazu ein paar Keyboardtupfer zur Untermalung. Und den einen oder anderen Soundeffekt, das eine oder andere Sample zaubert der Lord aus seinem Computer zur Erzeugung bzw. Verstärkung von Stimmungen. Eine ganz eigene Nische ist es, in der sich Lord Litter da eingerichtet hat. Letztlich ist er ein Singer / Songwriter, wie man so sagt. Mit einer Art Gothic Background, leicht verschrobenen Songideen und großer Gelassenheit, um nicht zu sagen Weisheit. Augmented Reality? Ist das jetzt Sarkasmus? Oder stehe ich auf der Leitung? Neue Helden brauchen wir? Ich denke „Season Of The Doomed“ trifft’s eher. Und was haben Paul (McCartney) und John (Lennon) damit zu tun? Fragen über Fragen. Ich fürchte, diese zehn verschrobenen aber auch anheimelnden, kurzweiligen und doch nachdenklichen Lieder geben auch keine schlüssigen Antworten. Oder allenfalls eskapistische. Das macht aber nichts. Ich fühle mich gut unterhalten in diesen rund 38 Minuten, die vergehen während die CD läuft. „Dancing At The Gates Of Hell“, der Schlusstrack fast es treffend zusammen. Ein Moralist ist er also, der Lord Litter. Keine Ahnung wie viele Leute diese Platte kennen und hören. Viel zu wenige, fürchte ich. Es sollten mehr werden. ****

 

ArmstrongArmstrong – Songs About The Weather (CD, Beautiful Music, www.myspace.com/armstrongwales)

 

Julian Pitt aus Südwales hat die 12 Songs auf dieser Scheibe geschrieben, arrangiert und fast komplett alleine aufgenommen. Lieblicher Jangle Pop erklingt hier. Wimpy Pop kann man auch sagen. Sehr hübsch und fast ein bisschen zu lieblich für meinen Geschmack. Manche der Songs sind jedoch wirklich gut. Der Albumtitel ist übrigens durchaus wörtlich zu verstehen. Sonnenschein und Regen, Wolken und Wind wechseln sich auf das Schönste ab. Wer die Musik der Pearlfishers aus Schottland und Bands wie The Dream Academy oder The Pale Fountains mochte, dem wird auch gefallen, was hier zu hören ist. Erschienen ist die CD beim Indie Pop Label Beautiful Music in Kanada. ***

 

Black Night CrashBlack Night Crash – The Late Reply (CD, Fuego, www.myspace.com/blacknightcrashbremen)

 

Aus Bremen kommt diese Band. Nach eigener Aussage spielen sie lauten dreckigen Gitarrenrock. Ja, kann man so stehen lassen. Erinnern mich ein bisschen an die Donots aus Ibbenbüren. Allerdings haben die vier Bremer wohl noch mehr Pubrock und Blues Rock aus den 70er Jahren gehört. Drei bärtige Jungs und ein Mädel am Schlagzeug. Eine immer noch ungewöhnliche Konstellation. Pamela stammt ursprünglich aus Süddeutschland und hat früher in einer Punkband getrommelt. Die Jungs dagegen waren schon immer darauf aus, so wie Hendrix oder Clapton zu klingen. Die Gitarren müssen zerren und rückkoppeln. Die 13 Tracks auf dieser Debüt Scheibe sind denn auch in dieser Tradition entstanden. Eine Mundharmonika tritt öfters hinzu. Und der Gesang ist ebenfalls schön bluesig dreckig. Gar nicht mal schlecht also das Ganze. ***

 

Kensington RoadKensington Road – A Story From Somewhere In Between (CD, E-lane Rec., www.myspace.com/kensingtonroadmusic)

 

Diese Band aus Berlin hab’ ich, wenn ich mich recht erinnere, schon vor mehr als zehn Jahren live im Wild At Heart gesehen. Schon damals war ihr Auftreten sehr professionell und ihre Musik an klassischem Mainstream Rock orientiert. Sie bemühen sich dabei, immer so ein Quentchen Indie und College Rock Authentizität vorzugaukeln. Ich will den Jungs nicht unrecht tun. Sie können spielen. Ihre Songs sind ok, die Arrangements ausgefeilt und radiokompatibel, die Produktion wirklich professionell. Dass bei mir trotzdem kein Funke überspringt, liegt wohl daran, dass ich solche Musik schon von so vielen US Rockbands gehört habe, die alle auch noch professioneller und noch massenkompatibler sind. Und dabei fehlt mir hier eben genau das Unberechenbare, das Rotzige und das wirklich Eigenständige. Aber wer Gefallen an der letzten U2 Scheibe findet und selbst Journey oder Toto nicht verachtet, der sollte sich Kensington Road ruhig mal anhören. **

 

Kosmos – Vieraan Taivaan Alla (LP, Eigenvertrieb, www.nic.fi/~ovaltone/kosmos)

 

Kosmos 3Auf diese Band aus Finnland bin ich nicht etwa in Finnland gestoßen, sondern durch das Leserforum des deutschen Rolling Stone. „Vieraan Taivaan Alla“ (Unter einem fremden Himmel) ist bereits ihr drittes Album. Es hätte durchaus auch mein Album des Monats werden können. Aber Päivi, meine Frau, findet die Platte langweilig. Hier wird halt nicht gerockt. Die Band aus Turku steht viel mehr in einer Folk Rock und Prog Folk Tradition der frühen 70er Jahre. Bands wie Trader Horne aber auch Mellow Candle oder Emtidi aus Berlin fallen mir dazu ein. Akustische Gitarren, Flöten, Faggot, Zimbeln, Mellotron, Glockenspiel und die wundervolle Altstimme von Päivi Kylmänen. Mit dem finnischen Freak Folk jüngerer Zeit hat die Band eher nichts gemeinsam. Während die erste LP Seite sehr ruhig und verträumt klingt, wird es bei dem dreiteiligen über zwölf Minuten langen „Vieraat“ (Die Fremden) auf Seite 2 dann schon recht heftig. Hier gibt es Schlagzeug und verzerrte elektrische Gitarren. Die ganze Platte vermittelt eine etwas unwirkliche, außerirdische Atmosphäre. Neben der psychedelischen Musik liegt das natürlich auch ein bisschen am Gesang und an der finnischen Sprache, die wie ein zusätzliches fremdartiges Instrument klingt, gerade wenn man nichts versteht. Vielleicht bekomme ich die Band ja auch mal live zu sehen. Ich bin gespannt, ob sie das auf der Bühne umsetzen kann. ***1/2

 

The Magnificent Brotherhood – Live Ammunition (CD, Herzberg Verlag, www.MagHood.com)

 

Live Ammunition
Der zweite Longplayer der Berliner Psychedelic Garage Combo ist also eine Live Scheibe. Eigentlich mag ich ja live Platten nicht so sehr. Wenn man selbst live dabei war, ok. Meistens bieten jedoch Studio LPs besseren Sound, ausgefeiltere Arrangements und präzisere Produktion. Aber natürlich gibt es Bands, die muss man einfach live hören – und sehen. Ob diese Bruderschaft unbedingt dazu gehört, da bin ich mir nicht wirklich sicher. Ich hab’ sie ja schon live gesehen. Und meistens sind ihre Auftritte auch kurzweilig und sehenswert. Es ist aber keineswegs so, dass diese Konzerte der Studio LP der Band unbedingt vorzuziehen sind. Zwei Seiten einer Medaille sind es. Das hier ist nun der Mitschnitt ihres Auftritts beim Burg Herzberg Festival letztes Jahr. Oder ein Teil davon jedenfalls. Für Leute die dabei waren bestimmt eine schöne Erinnerung. Und ein paar neue Songs der Band sowie vier Coverversionen eher unbekannter Sixties Garage Titel sind auch zu hören. Der Sound – direkt aus dem Mischpult vermutlich – ist mir aber ein bisschen zu blechern und dünn. Lediglich das 18-minütige „The Drifter“ überzeugt durch seine Einmaligkeit in Bezug auf Improvisation und Klangexperimente. Ansonsten warte ich auf die nächste Studio LP der Jungs. Oder wie wär’s mal mit ner 7“ 45? **1/2

 

Sutcliffe – s/t (CD, Beste Unterhaltung / Broken Silence, www.sutcliffe.de)

 

Liegt hier schon einige Wochen rum diese CD der Kapelle aus Nürnberg. Warum haben die sich eigentlich nach Stuart Sutcliffe benannt? Der leider viel zu früh an einem Hirntumor verstorbene erste Beatles Bassist sollte wohl vor allem dem Vergessen entrissen werden. War halt ein cooler Typ mit Existenzialisten Rolli, Sonnenbrille und einem gewissen James Dean Flair. Die Musik der Band Sutcliffe dagegen hat mit Großbritannien und Liverpool nur sehr mittelbar zu tun. Allenfalls der Gitarrensound erinnert entfernt an den der Shadows. Ist übrigens auch alles instrumental hier bei Sutcliffe. Das sollte man auf jeden Fall erwähnen. Ansonsten sind das so Soundscapes wie bei Filmmusiken. Tarantino, you know? Oder Morricone. Wobei letzterer ja Komponist ist und viele Musiken für klassische Western geschrieben hat, während der erste eher tolle Musik für seine Filme entdeckt. Tito & Tarantula zum Beispiel. Sutcliffe greifen das auf. Ihre Musik erinnert an Wüsten, Texas, Saloons, Mexiko, lange Ritte über die Prärie – oder die Autobahn. Wenn zu den verschiedenen Gitarren dann noch Slide und schließlich Akkordeon dazu kommt, dann ist auch Kaurismäki mit von der Partie. Feine Sache. ***

 

The Horrors – Primary Colours (DoLP, XL Recordings, www.myspace.com/thehorrors)

 

Primary ColoursEntstanden ist die Band The Horrors im Süden Englands aus einer Clique von Schallplattenfans und Sixties Garage Freaks zu Beginn des neuen Jahrtausends. Die ersten Songs in ihrem Repertoire waren dann auch Cover von The Sonics, Screaming Lord Sutch oder The Syndicats. Das Horror und Garage Punk Image wurde auch bei ihren Auftritten sowie den ersten Plattenveröffentlichungen eifrig gepflegt. Während das live noch einigermaßen unterhaltsam rüber kam, waren die erste LP und auch die meisten Singles eher enttäuschend. Zu unausgegoren, zu klischeehaft, eine bizarre Comic Version von Horror Punk mehr als echter Garage Rock. Den Majorvertrag sind sie inzwischen wieder los. Und auf ihrer neuen beim Label der White Stripes erschienenen Platte spielen sie jetzt eine Art Gothic Underground Garage Rock, der erstaunlich stimmig und überzeugend klingt. Nichts Neues natürlich, aber die Versatzstücke sind klug gewählt und clever zusammengefügt. Ein wenig The Jesus And Mary Chain, eine Prise Joy Division, etwas Killing Joke oder The Cure. Aber auch eine ganze Menge eigener Songwriting Ideen und ein überzeugender Gesamtsound. Etwas verhangen bis matschig mitunter, doch auch dies gehört zu ihrer Art von Authentizität. Geoff Barrow von Portishead hat produziert. Ob er für diese ganzen Eighties Reminiszenzen verantwortlich ist? Wahrscheinlich eher nicht. Aber sicher hat er den Jungs geholfen, ihre Vorstellungen so umzusetzen, dass es nach was Eigenem klingt. Und das Album evoziert die spannenderen, besseren Seiten der oft gescholtenen 80er Jahre. Schon deshalb macht es Spaß zu hören und zu überlegen, woher haben sie jetzt dieses Riff, woher jenen Basslauf? Und dann merkt man eben, so direkt klauen sie gar nicht. Sie empfinden lediglich sehr geschickt nach. Wem das nicht langt, der soll halt seine alten Platten von Echo & The Bunnymen bis zu The Cult vorholen und auflegen. Mach ich auch hin und wieder. Im Moment gefällt mir dieser unterhaltsame Mix aus allen ziemlich gut. ***1/2

 

Art Brut – Art Brut vs. Satan (LP/CD, Cooking Vinyl, www.myspace.com/artbrut)

 

Art BrutDie dritte LP der Punk Combo um Eddie Argos klingt nicht viel anders als die ersten beiden. Aber während sie mit dem Debütalbum und vor allem mit den ersten Singles noch überraschen konnten und für kurze Zeit als die Sex Pistols des neuen Jahrtausends oder so was in der Art gehandelt wurden, interessierte sich für die zweite LP schon kein Schwein mehr. Nun beim dritten Album haben sie Frank Black, der ein Fan der Band von Beginn an war, als Produzenten gewinnen können. Am Sound hat sich dadurch wie gesagt kaum etwas geändert. Die Songs sind immer noch kurz, knackig, hingerotzt. Sehr britisch, nicht nur wegen des deutlichen Cockney Akzents. Zwischen Jimmy Pursey und Patrick Fitzgerald bewegen sich Stil und Attitüde der Band. Zwischen Sarkasmus und Songs für’s Fußball Stadion. Nicht besonders abwechslungsreich, aber mit einer sympathischen Ausstrahlung. Elf Tracks in erstaunlichen 40 Minuten. „Mysterious Bruises“, der letzte Track, ist mit über sieben Minuten auch deutlich zu lang. Insgesamt wohlwollende ***

 

The Gilligans – My Name Is Willy (CD, Ear Theory Records, www.myspace.com/thegilliganspop)

 

The Gilligans sind ein Quartett aus Princeton, Illinois, USA. Dies ist ihr zweiter Longplayer. Die Cd erreichte mich via Jam Records und Jeremy Morris, der seit Jahren unermüdlich obskursten aber lohnenden Power Pop Kapellen ein Outlet bietet über sein Label und seinen Mail Order. Die Musik der Band hier verbindet leichte Sixties Orientierung, eine Prise Bubble Gum Pop und eben aktuellen Power Pop. Die Riffs und Chords sind reichlich vorhanden. Der Sound stimmt. Aber obwohl eigentlich alles passt, wirkt die Scheibe ein wenig beliebig. Ein echter Ohrwurm fehlt. So ein Track, der schon beim zweiten Hören sofort Aha-Effekte auslöst. „Fireflies In A Jar“ könnte so eine Nummer sein. Und auch „Feels Alright To Me“ hat eigentlich alles, was man zum Hit braucht, eingängiges Riff, einen ordentlichen Hook, schicke Uuaah-Chöre. Und doch zündet es nicht so richtig. Das Songwriting ist wohl ein Schwachpunkt. Den Melodien fehlt das gewisse Etwas, das Zwingende. Im besten Fall sind sie geklaut wie bei „Look“, das verdächtig nach „Hang On Sloopy“ klingt, was ja nun schon im Original zumindest vom Song her keine Offenbarung ist. Schade eigentlich. **1/2

 

Glowfriends – To Have & To Hold (CD, Jam Records, www.myspace.com/glowfriends)

 

To Have & To HoldBereits das vierte Album der Band aus Michigan. April und Mark Morris sind Geschwister; die Kids von Jeremy Morris übrigens, der ihre Platten auf seinem Label rausbringt. Marks Ehefrau Holly gehört ebenso zur Band wie das Paar Jenn & J.W. Hendrix. Eine große Familie also. Die Damen singen zumeist, bedienen aber auch Glockenspiel, Vibraphone und Bassgitarre. Die Herren singen nur wenig und spielen dafür Gitarren und Schlagzeug. Die Liste der Einflüsse, die von der Band selbst erstellt wurde, ist beeindruckend. Aber Mazzy Star, Luna, Galaxy 500 sowie generell britischer Shoegazer Pop der frühen 90er ist schon recht deutlich zu hören. Die Songs sind zwar überwiegend recht verträumt ätherisch angelegt, aber durch kraftvolle Riffs und gelegentliches Akustikgitarren Geschrammel entsteht ein reizvoller Gegensatz. Ob das jetzt ihr bestes Album bisher ist, wie sie im Interview sagen, ich weiß es nicht. Ich müsste ihre anderen Scheiben wieder mal anhören. Das habe ich schon lange nicht mehr gemacht. Dieses neue Album ist mir fast ein wenig zu lang. Und auch bisschen zu sauber, zu ordentlich. So schön die Harmonien klingen, so sehr dieser Klang auch zum Träumen verleitet, mir fehlt da manchmal irgendwas Unerwartetes. Ok, vielleicht sollte ich die Platte nächstes Mal morgens nach dem Aufstehen hören, dann besteht nicht so sehr die Gefahr, dass ich dabei einschlafe. ***1/2

 

Eff Jott Krüger – Fast Cars, Slow Guitars (LP, Privatpressung)

 

Eff Jott KrügerVor zwei Jahren starb Frank Jürgen Krüger im Alter von 59 Jahren nach langem Krebsleiden. Als Gitarrist von Ideal wurde er bekannt. Sein Oldtimer Verleih brachte ihm sogar kleine Nebenrollen beim Film ein. Und bis weit in die 90er Jahre war er ein gefragter Session und Studio Gitarrist. Mit den Lassie Singers war Krüger 1994/95 auch live unterwegs. Die Aufnahmen zu dieser LP hier entstanden kurz vor seinem Tod in Berlin unter Mitwirkung alter Weggefährten und Freunde von Ernst Deuker und Thomas Wydler über Ralf Goldkind bis zu Ulrich Tukur, Emilio Winschetti und Annika Trost. Geschrieben hat Eff Jott die Songs wohl weitgehend allein. Herausgekommen ist nicht nur eine manchmal anrührende, fast beklemmende Erinnerung, sondern auch eine großartige Platte. Der einleitende Titelsong gibt quasi das Motto seines Lebens vor. Einige Instrumentalstücke sind stark an Stil der Shadows und anderer berühmter Gitarrenbands orientiert. Richtige Gänsehaut vermittelt der „Chemo Blues“ am Ende der ersten LP Seite. Aber Krüger hatte seinen Humor auch bis zum Schluss nicht verloren. Das beweisen Stücke wie „Dirty Old Men’s Club“. Ein besonders guter Sänger war Eff Jott ja nie, aber sein halber Sprechgesang ist so eine Art Trademark. Und die sonore Stimme, dieser beiläufige Snarl hat schon was. Herausragend sind jedoch die Gitarren, von der Fender Stratocaster über die Telecaster bis zur Jaguar. Dazu Gretsch, Gibson Les Paul und Flying V. Die konnte der Mann spielen wie nur wenige. Sehr effizient und ökonomisch und mit viel Gefühl. Je öfter ich diese Platte höre, desto sicherer bin ich mir. Wenn man nichts von Eff Jott Krüger braucht, keine Ideal Platten, keine Lassie Singers oder irgendeine der Scheiben, bei denen er als Gast dabei war, diese LP muss man haben. ****

 

Cecilia & die SauerkrautsCecilia und die Sauerkrauts – Sauerkraut, Wurst und Other Delights (LP/CD, Soundflat Records / Broken Silence, www.myspace.com/ccsauerkrauts)

 

Aus Würzburg stammt diese Kapelle. Das liegt in Franken und gehört zu Bayern. Die Sängerin nennt sich Cecilia, heißt aber eigentlich Gertrude und singt auf Französisch. Musikalisch orientieren sich die Dame und ihre begleitenden Herren an Sixties Beat mit viel Fuzzgitarre und schön quäkiger Orgel.  Cecilia / Gertrude kommt ursprünglich wohl tatsächlich von jenseits des Rheins. Und die Herren haben ihre Jugend und Lehrjahre in der Mehrzahl in den USA verbracht und dort in Combos mit Namen The Mummies, The Bobbyteens oder The Expoxies Erfahrungen gesammelt. Auch ein ehemaliger Mitstreiter des wilden King Khan ist hier mit von der Partie. So viel zum Stammbaum. Die Musik ist wie gesagt dem frankophilen Beat und Garage Pop entliehen. Dabei wurden zumeist originale Sixties Songs wie etwa „Midnight To Six Men“ von The Pretty Things mit neuem französischem Text versehen und ein bisschen auf Yé Yé Pop getrimmt. Dazu passende eigene Kompositionen kommen ebenfalls zur Aufführung. Und den Höhepunkt und Abschluss der Platte markiert Nino Ferrers „Alexander“ hier zur Abwechslung mal in deutscher Sprache vorgetragen. Das Cover greift zum wiederholten Male das Motiv von Herb Alperts „Whipped Cream & Other Delights“ auf. Mademoiselle Cecilia präsentiert sich hier statt in Schlagsahne in Unmengen von Sauerkraut. Na dann: Prost Mahlzeit! ***

 

The Gaslight AnthemThe Gaslight Anthem – The 59 Sound (LP/CD, Side One Dummy / Cargo, www.myspace.com/thegaslightanthem)

 

Diese Platte kam schon letztes Jahr im August raus. Aber erst jetzt bin ich darüber gestolpert. Ist schon das zweite Album dieser sympathischen, bodenständigen Band aus New Jersey. Wie soll ich diese Musik bezeichnen? Die Wurzeln liegen gleichermaßen im Punk wie im klassischen Singer/ Songwriter Rock ihres großen Kollegen Bruce Springsteen, der ja ebenfalls aus New Jersey stammt. Überhaupt erinnert diese Platte erstaunlich an den Springsteen von „Born To Run“. Das beginnt beim Gesang von Brian Fallon, der ähnlich rau und inbrünstig intoniert, und es endet noch nicht beim ebenso hymnischen und gerne mal Clichés bedienenden Charakter der Songs. Andererseits ist da eben auch diese lockere Punk Attitüde, die eher The Replacements heraufbeschwört oder sogar an Social Distortion erinnert. Je öfter ich The Gaslight Anthem höre, desto mehr überzeugen mich diese Jungs. Soul Punk? Könnte das eine passende Bezeichnung sein für diese Musik? – Eher nicht. Aber wozu Schubladen? Die Platte ist gut und macht Freude. Und wer mit den oben genannten Künstlern was anfangen kann, der wird auch The Gaslight Anthem nicht verachten. ***1/2

 

MokeMoke – Shorland (CD, Island, www.mokemusic.com)

 

Noch älter ist das Album der Holländer namens Moke aus Amsterdam. Ihr Debüt erschien in ihrer Heimat bereits vor zwei Jahren. Aber nun ist Paul Weller irgendwie auf die Jungs aufmerksam geworden und hat sie mit auf Tournee genommen. Und inzwischen haben sie sich auch bei uns einen Namen gemacht. Daher wird das Album „Shorland“ nun auch hier ganz offiziell veröffentlicht. Sänger und Gitarrist Felix Maginn sieht nicht nur Liam Gallagher verdammt ähnlich, die Musik, die er mit seinen Mitstreitern macht, klingt auch noch wenn schon nicht nach Oasis so doch sehr britisch. Kein Wunder, der Bandleader stammt wohl auch ursprünglich aus Britannien, genauer gesagt aus Nordirland. Die ganze Bande der jüngeren Britpop Generation fällt einem ein, bei diesen Songs und diesem Sound. Allerdings kommen die Holländer zum Glück weder so glatt und langweilig wie Keane oder Coldplay noch so verschwurbelt schwülstig wie Snow Patrol rüber. Aber auf der anderen Seite erreichen ihre Songs auch nicht die Qualität von Fran Healys. Am überzeugendsten sind hier tatsächlich die Uptempo Nummern, die mit satten Gitarrenriffs und einprägsamen Hooks aufwarten. Die eine oder andere Ballade ist dann vielleicht doch zu sehr auf Nummer sicher produziert oder klingt gar nach Reamonn. Live werden die Jungs überzeugen, denke ich. ***

 

The NorvinsThe Norvins – Time Machine (LP/CD, Soundflat Records, www.myspace.com/thenorvins)

 

Auch wenn man Franzosen in punkto Rock’n’Roll im Allgemeinen mit größter Vorsicht begegnen sollte, hier haben wir es mit einer der wenigen löblichen Ausnahmen zu tun. Diese Burschen aus Paris haben den originalen Garage Beat und Pop ganz offensichtlich sehr akribisch studiert und verinnerlicht. Keiner ihrer Tracks ist länger als drei Minuten. Oft sind sie sogar unter zwei Minuten. Und so hat auch das komplette 14 Track Album nur 28 Minuten Spielzeit. Gitarren von Mosrite und Fender, Bässe von Vox und Rickenbacker, Orgel Marke Farfisa, nur bei den Drums ist die Marke nicht ersichtlich. Die eigenen Songs der Boys kommen durchaus stilecht und hinreichend originell daher, jedoch die eindeutig besten Tracks sind die beiden Coverversionen „Nothin’“ (Ugly Ducklings) und „Abba“ (The Paragons). Insgesamt macht die Platte aber viel Spaß. Auch optisch legen die Herren Wert auf Authentizität. Schmale schwarze Krawatten, weißes Hemd bzw. dezentes Punkt oder Karo Design, dunkles Sakko oder Jacket, Chelsea Boots und enge schwarze Jeans. Bei der Haartracht ist eher Freestyle angesagt. Zwei der Musiker tragen ihr nur spärlich vorhandenes Haupthaar sehr kurz, zwei tragen ihre Wuschel in Existenzialisten Manier bis knapp über die Ohren, nur einer lässt die Loden lang und lockig hängen bis auf die Schultern. Am Freitag, dem 13. Februar 2009, spielen The Norvins übrigens im Bassy, im Prenzlauer Berg. Da kann man sich dann persönlich von ihren Qualitäten ein Bild machen. ***1/2

 

FreeshineFreeshine – All Blood Is Royal (LP/CD, Osito Records, www.myspace.com/freeshine)

 

Aus Oslo, Norwegen, kommt diese Band. „All Blood Is Royal“ ist bereits ihr zweites Album. Musikalisch zwischen allen Stühlen rocken die vier in einem Spannungsfeld zwischen Postpunk, Progrock, Psychedelia und Folk. Bisweilen erinnert das an ihre Landsmänner Motorpsycho. „To Kill A Child“ ist die beklemmende Vertonung einer Verkehrsunfalls. „Soothe Us“ dagegen ist eine beschaulich besinnliche Ballade, die Nirvanas unplugged Album evoziert. Und „End Of Sister Ray“ hat nichts mit dem Stück der Velvet Underground zu tun. Insgesamt sechs Tracks sind zu hören auf dieser LP. Keine leichte Kost alles in allem. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich die Platte nun genial oder einfach nur anstrengend finden soll. Einstweilen gebe ich unentschlossene ***

 

The French SemesterThe French Semester – Open Letter To The Disappointed (CD, Beyond Your Mind Records/Cargo, www.myspace.com/thefrenchsemester)

 

Diese Scheibe liegt hier schon eine ganze Weile rum. Das ist so ein typischer Fall von unspektakulärer doch durchaus hörenswerter Popmusik in einer Sixties und Anorak Pop Tradition. Die Band stammt aus Los Angeles. Nicht unbedingt ein typischer Ort für derartige Musik. Die einzelnem Bandmitglieder stammen denn auch aus Indien, Mexiko, Vietnam und Europa. Diese Platte hier klingt ausgesprochen abwechslungsreich. Das liegt nicht an der ethnischen Vielfalt der Musiker. Die scheinen alle mit einer ganz normalen College Radio Gitarrenpop Kost aufgewachsen zu sein. Doch das Songwriting ist erfreulich vielfältig. Und wenn man das vom Arrangement und der Produktion des Albums auch nicht unbedingt sagen kann, so klingt das alles letztlich doch sehr frisch und es macht richtig Spaß. Was die Kritiker da alles an Einflüssen und Ähnlichkeiten raushören. Pavement, Vampire Weekend, Stone Roses, Big Star und noch alles Mögliche. Kann man sicher heranziehen zum Vergleich. Zwingend ist das aber mitnichten. Ich höre da vor allem eine recht eigenständige Band. Und dabei belassen wir’s nun auch. Ne Single wäre mal ganz schön. ***1/2

 

NevermorePaul Roland – Nevermore (CD, Syborg Music / Nova Media, www.paulroland.de)

 

Paul Roland gilt als einer der Gründer der englischen Dark Romantic Szene in den 80ern. Seine Platten aus jener Zeit gehören zu meinen liebsten aus den 1980er Jahren. „The Werewolf Of London“, „Burnt Orchid“ oder „Danse Macabre”, aber auch Singles wie „Alice’s House“ oder „In The Opium Den“ vermitteln eine großartige Atmosphäre von Mystizismus und typisch britischer Romantik des 19. Jahrhunderts. Gothic Folkrock im besten Sinne ist da zu hören. Zu Beginn der 90er Jahre wurde die Musik Rolands dann rockiger und auch klischeehafter. Bald darauf hörte er ganz auf Musik zu machen, da sich vor allem in seiner englischen Heimat absolut niemand dafür interessierte. Paul Roland schrieb fortan Bücher, vornehmlich über esoterische und okkulte Themen. Erst 2004 ließ er sich von Fans aus Italien und Deutschland dazu überreden, wieder Songs zu schreiben und aufzunehmen. Seine erste Veröffentlichung nach langer Pause war allerdings zunächst ein Album mit Coverversionen von Syd Barrett über Led Zeppelin bis hin zu „Gary Gilmore’s Eyes“ von The Adverts. Einige dieser Cover hatte er wohl schon sehr viel früher aufgenommen. Manche waren auch schon mal veröffentlicht worden. Mit „Pavane“ folgte ein Album mit eigenem neuen Material, das zwar an seinen bekannten Stil anknüpfte, aber doch nicht vollends überzeugte. Mit „Re-Animator“ widmete er 2007 eine ganze LP dem amerikanischen Horrorschriftsteller H.P. Lovecraft, obwohl er diesen nach eigener Aussage für einen Betrüger hält, der seine Monstren nie beschreibt und den Leser mit umständlichen Wiederholungen und Andeutungen hinhält. Und so sind denn auch Rolands Texte auf dieser Platte voller ironischer Anspielungen ihrerseits. Musikalisch ist jedoch auf jeden Fall dieses neue Album hier eine Rückkehr zu alter Klasse und Vielseitigkeit. Der Albumtitel „Nevermore“ ist aus Edgar Allan Poes „The Raven“ entlehnt. Und gleich der erste Track ist Poe gewidmet bzw. rechnet er mit ihm ab, denn auch diesen Amerikaner mag Paul Roland nicht wirklich. Absolut großartig ist Rolands Bearbeitung von Jules Vernes Roman um Captain Nemo und die Nautilus hier in einer Trilogie von fast symphonischen Ausmaßen. Aufgenommen wurde die Musik übrigens bereits im vergangenen Herbst in England, kurz bevor Roland mit seiner Familie nach Südwestdeutschland übersiedelte, wo er dauerhaft zu bleiben gedenkt. Zu den Gründen seines Umzugs hat er sich in einem Interview mit der Webseite Nonpop.de ausführlich geäußert. Diese neue Platte Rolands ist imgrunde so etwas wie ein Best of Paul Roland, obwohl alle Titel neu sind und bisher unveröffentlicht. Auch seine eher rockige Seite kommt hier zum Zuge auf eine vollkommen neue und diesmal sehr gelungene Weise. „Leatherface“ ist eine Art von Folkpunk, den The Pogues auch nicht besser hinbekommen hätten. Und in „Great Deceiver“ werden Gitarrenlicks und –riffs geboten, die Jimi Page alle Ehre gemacht hätten. Ganz zu schweigen von Jon Lord inspirierten Orgel Breitseiten. Doch auch der akustische leicht verschrobene Folkpop, für den Roland so geschätzt wurde und wird, ist hier vertreten mit „Eight Little Whores“ etwa, einer recht eigenwilligen Erzählung um die Figur des Jack The Ripper. Und in „Tell-Tale Heart“ wird noch mal Edgar Allan Poe auf das Schönste vorgeführt. Die Platte schließt mit zwei gelungenen Adaptionen originaler englischer Folksongs „Sam Hall“ und „Foggy Dew“, wobei Paul Roland beweist, dass er ganz bodenständig traditionell zu musizieren und zu singen versteht. Hoffen wir, dass Black Widow bald die Vinylversion nachliefert. ****

 

Viktoriapark – Was ist schon 1 Jahr? (CD mit Buch, Vikram, www.myspace.com/viktoriapark)

 

ViktoriaparkDass ich mit deutschsprachiger Popmusik nicht so gut klar komme, ist kein Geheimnis. Abgesehen von ein paar Beatschlagern aus den 60er Jahren, ganz wenigen Sachen aus den 70ern wie dem Stones inspirierten „ehrlichen“ Rock der Scherben sowie einzelnen Vertretern der so genannten ndW gibt es nur ein paar wenige Platten von Die Antwort, Nationalgalerie und Jan Plewka in verschiedenen Bands, mit denen ich etwas anfangen kann. Eine weitere Ausnahme von der Regel stellt Viktoriapark aus Berlin dar. Die Texte vom dünnen Mann (a.k.a. Tobi Friedrich) sind angenehm unaufdringlich. Und sie bilden mit der Musik so eine wunderbare Einheit, wie es im deutschsprachigen Pop und Rock leider selten vorkommt. Susie Pinkawa kann eigentlich nicht singen. D.h. sie trifft schon die Töne, aber sie hat eine Stimme – nun so ein bisschen wie Nena. Auch Tobi ist kein begnadeter Sänger, aber er trifft immer den richtigen Ton. Die Musik ist so eine seltsame Mischung von Ben Folds, den Eels, vielleicht auch Weezer und so Shoegazer Zeug. Entstanden sind diese 13 neuen Aufnahmen von Viktoriapark über einen Zeitraum von vier Jahren. Das Album versammelt die besten Songs der Band aus den letzten acht Jahren. Apropos Band. Ist Viktoriapark eigentlich eine richtige Band? Eher doch so ein Projekt von Tobi, Susie und Freunden. Die Liste der Musiker auf dieser Platte liest sich wie ein „Who is Who“ der Berliner Indie Pop Szene und darüber hinaus. Mit Moses Schneider und Ben Lauber sind zwei sehr erfahrene Produzenten und Arrangeure mit von der Partie. Diese Platte ist fröhlich und naiv, nachdenklich und introvertiert, besinnlich und spröde – mit einem Wort: abwechslungsreich. Die Aufmachung als kleines gebundenes Buch mit kleinen Comics darin, allen Texten und ein paar erläuternden Worten des Hauptschreibers Tobi zum Schluss ist opulent und sehr passend. Es macht Spaß, darin zu blättern. Es macht Freude, diese Songs zu hören. Immer wieder. Hiermit erkläre ich diese Veröffentlichung zur besten deutschsprachigen Veröffentlichung des Jahres! ****

 

The Flaming Sideburns – Back 2 The Grave (LP, El Beasto Recordings, www.myspace.com/theflamingsideburns)

 

Eigentlich keine richtig neue Platte, mehr so ein Schmankerl zwischendurch von unserer liebsten finnischen Rock’n Roll Kapelle. Acht Tracks, davon einige live aufgenommen, bis auf zwei neue Eigenkompositionen alles Cover. Es geht los mit einer kräftigen Version von „Meshkalina“, im Original von den südamerikanischen Traffic Sound aus den frühen Seventies. Der „Jailhouse Rock“ folgt sowie eine spanische Version von „Black Is Black“ (Los Bravos), beides natürlich ebenfalls in verschärftem Sound. Wir erinnern uns, Eduardo, der Sänger der Sideburns, ist gebürtiger Argentinier. Die beiden neuen eigenen Titel bieten gewohnt soliden R&B geprägten boden-ständigen Rock. Die zweite Seite der LP enthält live aufgenommene Cover von „Raw Power“ (Stooges) und „Let Me Try“ und „Sister Anne“ (MC5), bei denen Wayne Kramer an der Lead Gitarre mitwirkt. Sehr schön und recht beeindruckend. Die LP kommt im aufwändigen Klappcover mit vielen Fotos und in orangegelbem Vinyl. ***1/2

 

Monkeeman – Life In A Backseat (CD, Rookie Records/ Cargo, www.myspace.com/monkeemanmusic)

 

Ich verrate nicht zuviel, wenn ich sage, das ist Ralf Lübkes (a.k.a. Monkeeman) bisher überzeugendste Scheibe. Sein Songwriting orientiert Life In A Backseatsich nach wie vor an den Besten. Von Ray Davies über Marriott/Lane zu Paul Weller und Noel Gallagher. Modpop, Powerpop, Britpop im Sound nun aber roher und ungeschliffener als bisher. Noch mehr Druck und ein wenig mehr Live Atmosphäre ist hier zu spüren. Wenn ich sage „überzeugendste Scheibe“, dann meine ich den Gesamteindruck. Großartige ohrwurmartige Melodien gab es auf der letzten Scheibe beinahe mehr. Doch klangen die dann mitunter ein wenig zu brav. Elf Tracks enthält die neue Platte. Vom Lovesong bis zum sozialkritischen Statement, von der gefühlvollen Ballade bis zur trotzigen Uptempo Nummer. Viel elektrische Gitarren, meistens voll auf der Zwölf. Gemixt hat das Ganze übrigens Patrik „El Pattino“ Majer, der seine Produzenten Karriere mit den Lemonbabies begann und mit Wir Sind Helden richtig erfolgreich wurde. Aber das nur am Rande. Monkeeman braucht eigentlich keine Vergleiche. Seine Wurzeln sind so offensichtlich wie sein Stil und Sound eigenständig ist. Bleibt zu hoffen, dass er mit seiner Musik auch mal über einen Insiderstatus hinauskommt. ***1/2

Tina

Tina – Kuin yksi päivä (CD, Hiljaiset Levyt, www.myspace.com/tinasuomi)

 

Unermüdlich, unverwüstlich und immer sich selbst treu bleibend, so lässt sich diese Band aus Tampere, Finnland, treffend charakterisieren. Hervorgegangen aus Punk Lurex OK spielen diese zwei Frauen und zwei Männer eigentlich nach wie vor genau den gleichen melodischen Pop Punk mit finnischen Texten. Wer ein Faible für solchen trotzigen, teils melancholischen, fast immer optimistischen Emo Rock hat, wird hier bestens bedient. Die finnischen Texte sollten dabei nicht abschrecken. Auch wenn man sie nicht versteht, bleibt genug musikalische Substanz, die einen erfreuen kann. Die Musik erinnert an TV Smith, The Buzzcocks oder auch Bands wie Jimmy Eat World. Der Gesang bei Tina ist weiblich. Zwölf Tracks sind auf dieser CD versammelt. In Deutschland bekommt man sie übrigens bei www.kioski.de. ***

 

Unknown ComponentUnknown Component – In Direct Communication (CD, Eigenproduktion, www.myspace.com/unknowncomponent)

 

Eigentlich gehört diese CD ja in die Abteilung „ungebundene Talente“. Hinter Unknown Component verbirgt sich ein gewisser Keith Lynch aus Iowa City im Mittleren Westen der USA. Dies ist bereits sein siebentes selbst produziertes und veröffentlichtes Album. Und er scheint zumindest in seiner näheren Umgebung etliche Fans zu haben. Ich kenne den Back-Katalog des Mannes nicht, das neue Album klingt jedoch ziemlich unspektakulär. Midtempo Songs, mit Gitarre und Keyboard begleitet, meist ziemlich introvertiert. Mit Elliott Smith wird in einigen online Reviews verglichen. Ja, da ist was dran. Wer also den fatalistischen und oft pessimistischen Liedern des 2003 verstorbenen Smith etwas abgewinnen kann, sollte auch hier ruhig ein Ohr oder beide riskieren. Und depressiv ist Keith Lynch ganz sicher nicht. Auch wenn die Musik manchmal danach klingt. Auch Freunde der Musik Thom Yorkes könnten hier einen Seelenverwandten finden. Mir ist diese Scheibe ein wenig zu gleichförmig und – wie soll ich sagen – unspektakulär eben. ***

 

Goodnight Monsters – Summer Challenge (LP/CD, Bone Voyage, www.goodnightmonsters.com)Summer Challenge

 

Goodnight Monsters aus Turku sind die perfekte Jingle Jangle Sommer Pop Kapelle für die Strandparty am Wochenende oder den lauen Abend im Club um die Ecke. Sie sind inzwischen vom Home Recording Duo zur richtigen Band avanciert. Einer Band, die ihre Inspiration sowohl in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts (in Swinging London oder bei der California Beach Party) als auch im C86 Indie und Shoegazer Pop Großbritanniens findet. Hübsche kleine Melodien auf der Gitarre geschrammelt oder mit Melodica und Glockenspiel unterlegt. Auch eine Orgel quäkt und brummt mal dazwischen oder ein paar Bläser tröten im Hintergrund. Sehr charmant arrangiert und vorgetragen das alles. Auch wenn die Single „Drifting“ (s.u.) herausragt, ist das ein sehr schönes, fröhliches und abwechslungsreiches Album. ***1/2

 

Hollolasta teksasiinMarko Haavisto & Poutahaukat – Hollolasta Teksasiin (CD, Humppa Records, www.humppa-records.de)

 

Im Mai war die Band um Marko Haavisto aus Lahti ja hier in Berlin während des Festivals „Helsinki in Berlin“. Im Quasimodo lieferte die Combo einen souveränen und gelungenen Set von Rock’n’Roll, Americana und Country – alles mit finnischen Lyrics versteht sich. Der geneigte Kinogänger kennt die Band und ihre Musik eventuell aus dem Kaurismäki Streifen „Der Mann ohne Vergangenheit“. Und wenn nicht, dann wird es spätestens jetzt Zeit, die Combo näher kennenzulernen. Am 18. Juli erscheint ihr aktuelles Album nämlich auch hier in Deutschland. 14 Songs, bis auf einen alle aus der Feder von Marko Haavisto, und dazu als Bonus eine englischsprachige Version eines der größten Hits der Band „Haunted By The Devil“. In Finnland ist die vierköpfige Roots Rock Kapelle seit gut zehn Jahren recht erfolgreich unterwegs. Aber alle Bandmitglieder spielen schon seit den 80er Jahren in diversen Formationen. Musikalisch stehen sie natürlich in einer US Roots Rock Tradition. So veröffentlichte die Band als Marko & The Hanks vor drei Jahren ein Country Album voller Klassiker, wobei die Hank Williams Nummern besonders herausragen. Hier mit ihren eigenen Songs klingen die Poutahaukat (wörtlich: Zwergfalken, hier aber im übertragenen Sinn eher „Rumtreiber“) wie eine Mischung aus Tom Petty & The Heartbreakers und The Felice Brothers. Natürlich kann man darüber streiten, ob diese uramerikanische Musik mit finnischen Lyrics funktioniert. Für mich tut sie’s. ***1/2

 

Mazyfields – Where Sunshine’s Sold (CD, Firestation Records, www.myspace.com/mazyfields)

 

Die Stichworte in diesem Fall sind Indie Pop, Powerpop, Paisley Pop, tanzbar, energetisch, erfrischend! Am 27. Juni spielte die Combo aus Frankfurt/M auf der 10-Jahre-Firestation-Records-Party im NBI in Mitte. Ich hab’s leider verpasst. Soll aber ein gelungener Abend gewesen sein. Das Debütalbum der Band erschien ebenfalls am 27.6.08. Und es klingt tatsächlich so wie es die Stichworte oben nahelegen. Vom Sound her eine typische Sixties orientierte Indie Gitarrenpop Produktion. Na ja und wir kennen ja auch alle Firestation. Das Label steht für einen bestimmten Sound, eine gewisse Attitüde. Obwohl die Sixties Bezüge deutlich sind, klingt die Platte aber längst nicht so nach Garage wie man vermuten könnte, wenn man weiß, dass einige der Musiker vorher bei The Satelliters oder The Monochords aktiv waren. Neben den schrammelden und jangelnden Gitarren fällt ein Rhodes Piano angenehm auf. Insgesamt überwiegen die fröhlichen Uptempo Nummern auf der Platte. Das klingt alles sehr sympathisch auch wenn echte Höhepunkte eigentlich nicht auszumachen sind. Ok, hängegeblieben sind bei mir „If Socialism’s Right“, „Mr. Having A Good Time“, „No Coffee“, „There Goes The Summer“ und “She Took It All” als einzige ruhige und etwas längere Nummer. Immerhin knapp die Hälfte. Was soll ich nun sagen? Eine Band und eine Platte, die man sich jedenfalls mal anhören sollte. Ja, das ist sie. ***

 

The Strange Flowers – Aeroplanes In The Backyard (CD, Teen Sound, www.myspace.com/strangeflowers)

 

Ein neues Album der Strange Flowers aus Pisa ist immer willkommen in meinem Haushalt. Wie lange kenne ich diese Band jetzt schon? – Ziemlich von Beginn an, glaube ich. 1987 startete Michele Marinò das Projekt einer Sixties orientierten Psychedelic Band. Und nur drei Jahre später fiel mir die erste Single der Band positiv auf. Seither sind einige Platten der Strange Flowers erschienen. Manche verspielt psychedelisch und sehr poplastig, andere eher ausufernd und versponnen bis hin zu Progrock Ausflügen. Dieses ganz neue Album hat Rock und Pop Appeal gleichermaßen. Dabei klingt es sowohl abwechslungsreich mit stilistischen Anleihen quer durch die Rock und Pop Traditionen der vergangenen 50 Jahre, von Rock’n’Roll, Garage Pop bis zu Acid Rock, 90er Alternative Rock und sogar Americana. Und zugleich wirkt die Platte homogen, wie aus einem Guss, was sicher der professionellen und vergleichsweise modernen Produktion geschuldet ist. Der Titelsong eröffnet das Album und gehört auch gleich zu den Highlights der Scheibe. Hier muss ich unwillkürlich an die Hoodoo Gurus denken. Warum auch immer. Es gibt noch etliche Glanzlichter auf der CD (Vinyl scheint es leider nicht zu geben). „Children Don’t Mind“ etwa könnte fast als gut abgehangener Southern Rock durchgehen. „Yellow Of Sun“ steht dafür in bester Westcoast Paisley Pop Tradition. Und “My Girl Goes Shine” ist moderner Britpop infizierter Beat mit einer Spur Garage Pop. „Flaming Mirrors“ dagegen macht einen Abstecher zu Cowboys und Country Musik. Powerpop darf natürlich nicht fehlen. „Helen Says“ oder „Tomorrow You’ll Be Alone“ passen in diese Kategorie. „Clouds Of Blonde Girls“ knüpft an gute Psych Pop Traditionen an ebenso wie der einzige etwas längere Track „Everyone Has A Spot In The Sunshine“. Mein Favorit ist im Moment „You Don’t Know“, das einfach nur gut ist, ohne sich in irgendeine Schublade packen zu lassen. ***1/2

 

Irish Coffee – Live Rockpalast 2005 (CD/LP, Second Battle, www.myspace.com/irishcoffeeband, www.collectorrecords.de)

 

Irish Coffee ist eine belgische Hardrock und Acidrock Band. Gegründet 1970 veröffentliche die fünfköpfige Band damals nur eine LP auf einem kleinen lokalen Label. Eine Single mit dem Titel „Masterpiece“ wurde sogar in einigen Regionen Europas ein kleiner Hit und erschien auch in den USA. 1975 löste die Band sich auf. Aber 2004 kamen drei der originalen Bandmitglieder wieder zusammen und nahmen mit zwei weiteren jungen Musiker eine neue Platte auf. In der Folge spielte die Band auch wieder live, und kurz vor Weihnachten 2005 traten Irish Coffee in Bonn im Rahmen einer Rockpalast Show des WDR auf. Dieses Konzert liegt nun als CD vor. Die Vinyl Doppel-LP soll bald folgen. Was wir hier hören, das sind  fast alle alten Songs der Band aus den 70ern sowie einige neuere Kompositionen. Ein Unterschied ist stilistisch nicht auszumachen. 14 Tracks, gut eine Stunde Rockmusik der Art, die man in den frühen 70ern oft hörte. Feine Gitarrenriffs und –licks, Orgelbreitseiten, häufige Breaks, natürlich auch spannende Gitarrensoli und eine kräftige markante Leadstimme von Mastermind William Souffreau, die in einigen Momenten gar an Roger Chapman denken lässt. Was ein wenig irritiert, ist die Tatsache, dass die Band meist unter Progrock oder Krautrock geführt wird. Mit Krautrock haben die Belgier nun wirklich nichts zu tun. Und Prog spielen sie imgrunde auch nicht, obwohl sicher hier und da progtypische Elemente im Klangbild der Gruppe vorhanden sind. Neben der damaligen Single „Masterpiece“, die etwas an Uriah Heep erinnert, sind „Lovely Lisa“, „Dark Clouds“ und das elegische „A Day Like Today“ Höhepunkte des Programms. Ich werde mich mal um das Album von 1971 kümmern müssen. ***

 

Judge Bone & Doc Hill – Big Bear’s Fate (LP/CD, Bone Voyage, www.myspace.com/judgebone)

 

Judge Bone & Doc HillIn seiner finnischen Heimat ist Judge Bone (a.k.a. Tuomari Nurmio) längst eine Institution. Seit gut 30 Jahren macht der hagere große Mann mit den fisseligen Haaren und einer Erscheinung zwischen Clochard und Totengräber Musik. Mal allein, meist aber mit kompetenten und nicht weniger skurrilen Begleitmusikern. Mit Ehrfurcht denke ich noch immer an seinen Auftritt zusammen mit den Hämmern der Unterwelt (Alamaailman Vasarat) vor einigen Jahren in Tampere. Nur selten habe ich etwas Gewaltigeres und Anrührenderes erlebt. Im Rahmen von „Helsinki in Berlin“ trat er am 26.4.08 im Magnet Club auf. Ganz allein nur mit seiner an eine Zigarrenkiste erinnernden Gitarre. Bo Diddley spielte auf ähnlichen selbst gebauten Instrumenten. Der Richter (er hat tatsächlich einen Abschluss in Jura) ließ alte wie junge Clubgänger mit offenen Mündern dastehen. Mit so einer furiosen Ein-Mann-Rock’n’Roll Show hatte wohl niemand gerechnet. Diese LP ist die erste des Mannes, die außerhalb Finnlands veröffentlicht wird. Sie versammelt Songs aus seiner Feder, die zum Teil bereits mit finnischen Lyrics und in anderen Versionen veröffentlicht sind. Für Nicht-Finnen ist dies quasi sein Debüt. Die Songs stehen in einer Blues Tradition, die allerdings eher via Captain Beefheart und vielleicht auch Tom Waits nach Finnland gelangte. Zusammen mit einem gewissen Doc Hill, der ein spartanisches Drumset im Stehen bedient, hat Judge Bone die 13 Tracks eingespielt. Er selbst spielt dabei diese elektrisch verstärkte Zigarrenkistengitarre unter Verwendung etlicher Effektboxen und –pedale. Er singt mit knarziger rauer Stimme und stampft immer wieder rhythmisch mit dem Fuß dazu. Eine so rohe und trotzdem unter die Haut gehende Platte hört man selten. Klingt abgedroschen, es ist aber so. Unter rauer Schale, ein weiches Herz. Auch bei Herrn Richter Nurmio. Ein Großartiger Einstieg in eine internationale Karriere! ****

 

The Age Of UnderstatementThe Last Shadow Puppets – The Age Of The Understatement (LP / CD, Domino Recording, www.myspace.com/thelastshadowpuppets)

 

Auch ein dringender Anwärter für das Album des Monats. Dass ich mich dagegen entschieden habe, liegt an der Tatsache, dass diese LP von Null auf Eins in die UK Charts einstieg und sowieso in aller Ohren und Munde ist. Ein großartiges Album ist es trotzdem. Sehr schöne Popsongs in herrlich altmodischen Arrangements die von Joe Meek, John Barry und Sixties Soundtracks inspiriert sind. Und doch erweckt diese Scheibe keine Sekunde den Eindruck, eine Retro Platte zu sein. Den Einfluss von Scott Walker und David Bowie, den die beiden jungen Musiker Alex Turner und Miles Kane in Interviews nannten, kann ich nicht so recht hören. Wenn man von den zum Teil bombastischen Orchester Arrangements absieht, dann ist das hier letztlich doch eine eher bodenständige Platte, deren Reiz vor allem in der Qualität der Songs und der gefälligen gleichwohl passenden Instrumentierung begründet ist. Es fügt sich halt alles nahtlos zusammen. Mit den Arctic Monkeys (Alex Turners Band) hat das alles noch viel weniger zu tun, als mit der noch ganz neuen Band von Miles Kane aus Liverpool, The Rascals. Es steht zu vermuten, dass zumindest ein Teil des überwältigenden Erfolgs im UK trotzdem der Prominenz des Alex Turner geschuldet ist. Aber diese Platte ist so viel besser als alles, was The Arctic Monkeys je gemacht haben, da hofft man, es möge nicht nur ein Side Project bleiben. ****

 

The Magnificent Brotherhood – Same (CD, Magnificent Music, www.myspace.com/themagnificentbrotherhood)

 

The Magnificent BrotherhoodEin bisschen verspätet meine Würdigung dieser Berliner Band, die sich klammheimlich zu einer der besten Sixties orientierten Combos der Stadt entwickelt hat. Ihr Debüt Album erschien bereits Ende 2007, aber mir fiel es erst jetzt eher zufällig in die Hände. Als LP soll es wohl auch noch erscheinen. War zumindest so angekündigt. Die Musik ist weit weniger Rock und Spätsechziger Hippie Gegniedel, als ich glaubte. Die Tracks sind erfreulich kurz und prägnant strukturiert. Das ist Pop! Beat Pop, Rock Pop und manchmal auch Psych Pop. Kiryk Drewinski, der Gitarre spielt, singt und die etwa die Hälfte der Songs schreibt, kommt von den Liquid Visions. Gibt es die eigentlich noch? Kiryk ist auch für die tollen Bilder und Grafiken verantwortlich, die alle Poster der Band zieren. Die sind nun wirklich von der kalifornischen Poster Art der Psychedelic Ära inspiriert. Die Platte beginnt mit einem typischen Garage Pop Titel „Cracker“, der seine Vorbilder auf diversen Pebbles Samplern nicht leugnen kann. Ähnlich geht es zunächst weiter. Der amerikanische Einfluss überwiegt. Es erstaunt mich immer wieder, wie genau diese jungen Musiker die Sounds und Instrumentierung der alten Aufnahmen aus den Sixties studiert haben, um sie dann so originalgetreu wie möglich in ihren eigenen Werken zu verwenden. Erik Haegert singt auch, spielt eine wunderbare Orgel und schreibt die andere Hälfte der Songs. Sein an britischem Acid Pop orientiertes „No Mercy On Ravers“ ist ein Highlight der Platte. Auch die folgende Gemeinschaftskomposition „Can’t Remember“ wirkt sehr britisch. „Soma Shop“ hätte schon vor 40 Jahren ein Hit sein können. Ein schlichter aber effektiver Ohrwurm. Und so geht es weiter vergnügliche 37 Minuten lang insgesamt. ***1/2

 

The Black Crowes – Warpaint (Picture LP+7”/CD, Silver Arrow Records, www.blackcrowes.com)

 

Irgendwie habe ich die Black Crowes immer gemocht, aber auch immer ein bisschen vernachlässigt. Ihre ersten beiden LPs Warpaintbekam ich damals Anfang der 90er nur mit Verspätung mit. Dabei gehören sie inzwischen zu meinen liebsten Platten jener Jahre, als alle Welt nur Grunge oder Rave hörte. Inzwischen hatte ich die Jungs aber schon fast abgeschrieben. Sah es doch bis vor kurzem noch so aus, als würde nur noch ihr Nachlass verramscht. Und nun dies. Nach sieben Jahren eine neue Studio LP. Und eine richtig gute dazu. Das klingt immer noch so wie vor knapp 20 Jahren, als die Brüder Robinson und Co. auch schon klangen wie The Rolling Stones meet The Faces meet Lynyrd Skynyrd vor 35 Jahren. Inzwischen sind die Robinsons beinahe länger dabei als so manche ihrer Vorbilder zu Beginn ihrer Karriere es waren. Zurück zu den Wurzeln, sofern das hier überhaupt nötig ist, erwähnt zu werden. Blues und Country sind die Zutaten dieses Südstaaten Rocks. Und die Krähen haben diese Bestandteile quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Chris Robinson macht uns den Mick, die Gitarrenduelle mit Bruder Rich sind legendär. Die erste LP Seite steht ganz in dieser Tradition, wirkt fast wie aus einem Guss. Der Opener „Goodbye Daughters Of The Revolution” hat genau diesen Groove, dieses Feeling, das wir von den Klassikern der Band kennen. Und so geht es weiter. Feiner Bluesrock, mal wild aggressiv wie bei „Walk Believer Walk“, mal mit viel Gefühl wie in der Ballade „Oh Josephine“. „We Who See The Deep“ beschließt Seite Eins mit einer kraftvollen Southern Rock Ballade. Mit „Locust Street“, dem Opener der zweiten Seite, zeigt Chris Robinson, dass er auch Liebeslieder schreiben und singen kann. Zwar gibt es da auch ein oder zwei eher als Füller zu bezeichnende durchschnittliche Rocker und die zweite LP Seite wirkt ein bisschen zusammengeschustert, aber letztlich überwiegt das Positive. „Whoa Mule“ beschließt die Platte würdig mit einem Griff tief in die Traditionskiste. Folk, Gospel und noch mehr Blues. Auf der Bonus 7“ gibt es mit „Here Comes Daylight“ noch eine sehr schöne Folk Rock Ballade, die fast ein wenig psychedelisch anmutet, sowie ein bravouröses Cover von „Hole In Your Soul“ (Joe South). ***1/2

 

The Gutter Twins – Saturnalia (DoLP/CD, Sub Pop www.myspace.com/theguttertwins)

 

SaturnaliaZwei Überlebende der Generation X, zwei Grunge Veteranen  kehren in gewisser Weise zurück zu ihren Wurzeln, zumindest zu dem Plattenlabel, bei dem alles anfing. Ich will nicht behaupten, dass ich mit dem früheren Output der Afghan Wigs oder der Screaming Trees bestens vertraut bin, aber ich kenne einige ihrer Aufnahmen gut genug, um sagen zu können, dass diese gemeinsame Scheibe von Greg Dulli und Mark Lanegan damit nur noch wenig zu tun hat. Schon bei der leider nur als CD erhältlichen EP von The Twilight Singers im Herbst 2006 arbeiteten die beiden Sänger und Gitarristen zusammen. Und schon diese EP enthielt mit dem Massive Attack Cover „Live With Me“ eine sehr gelungene Aufnahme, die auf weitere fruchtbare Kollaboration hoffen ließ. Das Ergebnis „Saturnalia“ ist eine Rockplatte, eine sehr vielschichtige Rockplatte. Von Americana, Folk bis zu Psychedelia und Neo-Prog reichen die Assoziationen. Meist ist den Songs eine gewisse Schwere zu eigen. Trotz des häufigen Einsatzes von akustischen Gitarren und gelegentlichen Gastauftritten von Streichern, Lap Steel oder Mandoline klingt die ganze Platte eher düster und getragen. Leichte Momente wie etwa bei „Seven Stories Underground“ sind selten. Ein Wiederhören gibt es mit Mathias Schneeberger, der hier von Gitarren über Harmonium bis zu Mellotron Verschiedenes beisteuert. Schneeberger lebte Ende der 1980er Jahre in Berlin und war einer besten Toningenieure der Stadt. Anfang der 90er zog er an die Westküste der USA, um seine Fähigkeiten dort auszubauen und einzusetzen. Hier fungiert er auch als Co-Produzent der Platte neben den Herren Lanegan und Dulli, die sich übrigens die Songwriting Credits für die meisten Songs teilen. „Saturnalia“ ist eine sehr reife und erhabene Platte. Es gibt solche Platten in der Tradition des US Alternative Rock eigentlich gar nicht mehr. So abgeklärt und weise kann doch nur traditionelle Musik klingen, denkt man. Und doch ist hier auch viel Neues, Modernes zu hören, ebenso wie Altes und fast Vergessenes aus Zeiten als „alternative“ höchstens für die andere von zwei Meinungen stand. Diese Platte hier ist Alternative zum Mainstream Rock ebenso wie zum hippen Zeitgeist Sound der Feuilletons. ***1/2

 

Supergrass – Diamond Hoo Ha (LP/CD, Parlophone Records, www.myspace.com/supergrass)

 

SupergrassIhr sechstes Album und eine Rückkehr zum eher rockigen, schnörkellosen, unbeschwerten Sound ihrer Sturm und Drang Zeit auf der Höhe des Britpop Boom Mitte der 90er Jahre. Das zumindest ist der erste Eindruck. Aufgenommen haben die vier Jungs aus Oxford diese LP übrigens letztes Jahr in Berlin im Hansa Studio. Wenn man die LP genauer studiert, vermisst man allerdings wirklich herausragende Songs. Und auch die Arrangements, die Produktion wirken mitunter etwas glatt. Die beiden Singles „Diamond Hoo Ha Man“ und „Bad Blood“ sind tatsächlich die kräftigsten, überzeugendsten Tracks des Albums. Ok, „When I Needed You“ hat einen gewissen bowieesken Charme. Die technischen Synthi Keyboards bei „Rough Knuckles“ etwa erinnern jedoch an schlimme Eighties Vergangenheit. Und das ist leider kein Ausrutscher. Es gibt noch mehr solche Achtziger Klischees im Sound, auch bei anderen Tracks. Ein Lichtblick ist dann wieder „Whiskey & Green Tea“, das mit den Soundklischees so gekonnt umgeht, dass dabei dann tatsächlich ein herrlich überdrehter Britpop Ohrwurm mit kleinen Seventies Reminiszenzen herauskommt. Auch bei „Outside“ stören der klinische Synthi Sound und die weit nach vorn gemixten Drums nur marginal. Und bei „Butterfly“ zum Schluss der LP wird noch mal kräftig David Bowie bemüht. Im Moment bin ich mir noch nicht sicher, ob ich die LP deshalb mögen oder verachten soll. Erstmal gibt’s knappe ***

 

Sarabeth Tucek – Same (LP/CD, Three Crows Music, www.myspace.com/sarabethtucek)

 

Sarabeth TucekEigentlich wohl schon im vergangenen Jahr erschienen, taucht diese LP der New Yorker Sängerin und Songschreiberin erst jetzt in den Läden und in Internet Blogs und Foren auf. Ich weiß gar nicht, wie ich ihre Songs, ihre Musik beschreiben soll. Melancholisch – ja, schon. Aber auch kraftvoll und von einer seltsam eindringlichen, fast erhabenen Ausstrahlung. Und dann auch wieder so zart, so zurückhaltend leise und fast unscheinbar. Während mich das letzte Cat Power Album eher kalt ließ, mich gar nicht wirklich erreichte, bin ich hier gleich gefangen. Natürlich werden sofort Vergleiche gezogen. Von Karen Carpenter über Dusty Springfield bis zu Mazzy Star. Alles irgendwie nicht völlig verkehrt und doch falsch. Sarabeth Tucek klingt zuallererst wie Sarabeth Tucek. Ihre Songs sind zum Teil so schlicht und doch so schön, so eindrucksvoll. Wie kann man ein so ergreifendes, so wundervolles Lied über einen Luftballon singen, wie sie es hier in „Come Back, Balloon“ tut? Ihre Texte sind entwaffnend einfach, aber nie naiv oder simpel. Und die Musik ist den Texten erstaunlich perfekt angepasst. Wie aus einem Guss wirken die Lieder in ihrer Interpretation mit oder ohne Band hier. Eine wunderbare Platte ist das. Man muss sie wirklich immer wieder hören. Sie wächst. Das ist jetzt keiner von diesen üblichen Sprüchen, die Rezensenten und Plattenhändler gerne machen. Diese Platte wächst einem bei jedem Hören mehr ans Herz. Und man bemerkt jedes Mal irgendeine neue kleine Facette im Sound, in der Stimme und in einzelnen Songs. Diese Musik ist schön, ist ergreifend. Sie ist makellos. Ok, man muss zuhören, man muss sich Zeit nehmen und zuhören. Aber dann hat man Vierzig äußerst angenehme Minuten. Diese Platte entspannt und macht auf faszinierende Weise glücklich. ****1/2

 

The Duke Spirit – Neptune (LP/CD, Love Token / PIAS, www.myspace.com/thedukespirit)

Interessant mit wem The Duke Spirit so alles verglichen werden. Von My Bloody Valentine über The Gun Club bis zu den Pixies reicht die Palette. Sonic Youth, Grunge und The Spiritualized sollen auch Pate gestanden haben. Wie immer enthalten solche Aussagen schon ein Fünkchen Wahrheit. Aber grundsätzlich hat die Band um die bezaubernde und charismatische Liela Moss mit den angeführten Vorbildern so gar nichts gemein. Die Band war längere Zeit in den USA auf Tour im vergangenen Jahr. Man hört das der neuen LP an. Eine größere Souveränität, ein noch professionellerer Punch schlägt einem entgegen. Die Songs stehen denen des Debüts von vor drei Jahren kaum nach, wobei das auch als Single veröffentlichte „The Step And The Walk“ schon herausragt. Ebenso „Lassoo“, das es bereits letztes Jahr auf einer 10“ EP gab. Der Sound ist insgesamt kompakter auf dieser Platte. Der einzige Song, an dem Liela Moss nicht mitgeschrieben hat, „Wooden Heart“ ist eine schöne eher konventionelle Ballade, von Liela sehr einfühlsam vorgetragen. Die Musik auf dieser LP unterscheidet sich natürlich nicht grundsätzlich von älterem Material der Band. Ein ganz klein wenig vorhersehbarer bzw. klassifizierbarer wirken die neuen Aufnahmen. Eine der gängigen Schubladen bietet sich aber immer noch nicht an. Eine Unmittelbarkeit, ein Feuer, eine unbändige Kraft, ein unbedingter Wille springt einen an aus dieser Musik. Ich freue mich schon jetzt auf den nächsten Berlin Gig der Band am 5. Juni im Magnet Club. Die Platte werde ich bis dahin noch etliche Male auflegen. Im Moment höre ich sie bei ****

 

Firewater – The Golden Hour (CD, Nois-o-lution Records, www.myspace.com/realfirewater)

 

Tod A. ist New Yorker. Sein vorvorletztes Album mit Firewater „Psychopharmacology“ hatte mich seinerzeit ziemlich begeistert. Warum eigentlich? Wenn ich mich recht erinnere war es so eine Mischung aus Garage Rock, Folk, ein bisschen Acid und Punk und etwas, das man wohl Weltmusik nennen muss. 2004 hat Tod seinen Rucksack gepackt und ist losgezogen auf eine Weltreise. Er wollte vor allem mal die Länder kennenlernen, auf die seine Landsleute sonst nur Bomben abwerfen. Vier Jahre war er unterwegs in Afghanistan, Pakistan, Indien, in der Türkei und im Nahen Osten, in Israel. Dabei sind Songs entstanden, die er meist auch gleich mit Musikern in den jeweiligen Ländern aufgenommen hat. Auf „The Golden Hour“ hat Tod nun unter seinem alten Bandnamen 13 dieser Songs veröffentlicht. Einiges wurde zuhause in New York noch ergänzt und überarbeitet. Im Prinzip ist dies hier aber ein Reisebericht in Songs. Eine Dokumentation seiner Erlebnisse und Erfahrungen in den vergangenen vier Jahren in Vorder- und Mittelasien. Dass das Ergebnis immer noch erstaunlich vertraut klingt, nach einem Firewater Album eben, das liegt dann wohl an Tod und seinem Songwriting. Hier und da gibt es einen orientalischen Rhythmus, ein paar exotische Instrumente. Aber eigentlich klingt die ganze Scheibe recht vertraut, was sicher auch daran liegt, dass viele verschiedene ethnische Elemente in die moderne Popmusik längst Eingang gefunden haben. Manchmal hört man hier sogar Instrumente und Klänge, die man eher in der Karibik oder aber in Osteuropa vermutet hätte. Und so reicht die Palette von Samba bis Klezmer, von Rocksteady bis Panjabi. Hübsch abwechslungsreich und trotz zum Teil sehr ernster und politischer Texte auch unterhaltsam und zum Mitwippen geeignet. ***

 

The Higher Elevations – The Protestant Work Ethic (LP/ CD, Time For Action, www.myspace.com/thehigherelevations)

 

Time For Action ist ein neues deutsches Independent Label, das sich vor allem der in den Sixties wurzelnden Garage und Power Pop Musik widmen möchte. Im vorigen Jahr erschien bereits eine LP der Moving Sounds aus Schweden auf dem Label. Und nun kamen zeitgleich das Debüt der Subcandies aus Wien und der zweite Longplayer der schwedischen Higher Elevations in die Läden und Mail Order Listen. Die tolle Subcandies LP habe ich bereits in GG151 besprochen. Nun läuft „The Protestant Work Ethic“ auf meinem Technics Mark II seine Runden. Ich kenne die erste LP der Band nicht, die 2005 bei Little Teddy in München erschien. Mit The Only Ones und Peter Perrett wurde sie in den Reviews gerne in Zusammenhang gebracht. Für die zweite Platte halte ich solchen Vergleich für nicht angebracht. Andererseits sind The Higher Elevations weder eine typische Neo Garage Band noch eine klassische Power Pop Gruppe. Typisch skandinavisch hört sich ihre Musik aber schon an. In den Achtziger Jahren gab es etliche ähnlich orientierte Bands in Schweden und Finnland. Straffes Tempo, Power Pop Riffs, eingängige Melodien und ein gewisses New Wave Feeling. Schwer an konkreten Stilelementen festzumachen. Möglicherweise kommen daher die Only Ones Vergleiche. Zur klassischen Bandbesetzung mit Gitarren, Bass, Drums treten gelegentlich Keyboards oder Bläser hinzu. Obwohl die ganze Platte in sich stimmig und sehr angenehm klingt, bleibt kein einzelner Track bei mir im Gedächtnis haften. Es fehlt ein Highlight, schließe ich daraus. Oder die Platte besteht nur aus Highlights. ***1/2

 

I Walk The Line – Black Wave Rising! (CD, Combat Rock, www.myspace.com/iwtlfinland)

 

Das dritte Album einer finnischen Punk und Emo Rock Band. Ganz entfernt sind da Echos eines via Social Distortion adaptierten Country Einflusses zu vernehmen. Im wesentlichen haben wir es jedoch mit einer typischen skandinavischen Rock Band jüngerer Generation zu tun. Häufig emotionale und sehr melodische Songs werden mit viel Druck und Härte vorgetragen. Insofern ist der Social Distortion Vergleich gar nicht mal falsch. Rocket From The Crypt fällt mir auch noch ein. „Black Wave“ – auch als 7“ erhältlich – ragt eindeutig heraus. „The Metro“ ist offenbar von der Berliner U-Bahn inspiriert. Die Band war nämlich schon ein paar Mal hier auf Tourneen. Andere Tracks des Albums weisen Einflüsse der frühen Gothic Szene auf. Erstaunlich abwechslungsreich das alles. Am 25. April 2008 spielen die Jungs und das Mädel bei der Fullsteam Nacht im Columbia Club zusammen mit Lapko aus Helsinki und noch anderen finnischen Bands. ***

 

The Narcotics – All The Purple Pussies (CD, Teen Sound, www.myspace.com/xxxthenarcoticsxxx)

 

Hier haben wir ein Debüt, das sich im ersten Moment anhört als hätte es die letzten knapp 25 Jahre nicht gegeben. Ein Revival des Revivals! Aus Bologna stammt die 5-köpfige Band. Typischer Eighties Garage Sound tönt uns hier entgegen. So wie Bands wie The Miracle Workers, The Sick Rose und viele andere damals die Sixties so authentisch wie möglich zu adaptieren suchten und dabei doch eher unbewusst ihre Punk Erfahrung und modernere Studiotechnik einfließen ließen, so greifen diese Jungs hier alles auf, was sie aus der Glanzzeit des Eighties Garage Revivals kennen und transportieren es in die Gegenwart. Dabei nehmen sie wieder unbewusst ein ganz klein wenig an Erfahrung aus den letzten beiden Jahrzehnten an Entwicklung des Garage Punk Genres mit und klingen daher erstaunlich frisch in ihrer ganzen gewollten Authentizität. Inzwischen macht es wieder ordentlich Spaß, diese Fuzzgitarrenriffs, die schrille Farfisa Orgel und die teilweise zu weit nach vorne gemischten scheppernden Drums neben diesem typischen übertriebenen exaltierten Gesangsstil zu hören. Aber die Platte hat sogar noch mehr zu bieten. Einiges erinnert an britischen Beat, an Ray Davies oder The Pretty Things. Mit einem Cover der Miracle Workers „Love Has No Time“ beschließen die stilsicheren Italiener ihre Scheibe. ***

 

The Temponauts – A Million Year Picnic (CD, Teen Sound, www.myspace.com/temponauts)

 

Noch eine Debüt Scheibe aus Italien. Diese fünf Jungs aus Piacenza haben sich allerdings mehr dem Psych Pop britischer Prägung sowie einem an Byrds und Love geschulten Sunshine Pop verschrieben. Auch einige modernere Power Pop Bands mögen Pate gestanden haben. Viel Jingle Jangle ist hier zu hören neben feinem Harmoniegesang und einigen typischen Power Pop Akkorden. Einige der Tracks sind richtige Ohrwürmer. Und die Vielseitigkeit der Band – innerhalb der Genre Grenzen natürlich – ist erstaunlich. Ebenso überraschend ist ihre Power Pop Version des Otis Redding Klassikers „That’s How Strong My Love Is“. Vielseitigkeit, richtige Arrangements, passender Sound, recht passable Songs. So eine feine Scheibe bekommt man nicht alle Tage, möchte man meinen. Stimmt schon – eigentlich. Und doch haut mich die Platte nicht wirklich vom Hocker. Das klingt dann letztlich alles doch zu vorhersehbar, zu richtig. Könnt ihr mir folgen? Ein oder zwei Singles mit den besten Tracks hätten mir noch mehr gefallen. Insgesamt gibt es dennoch ***1/2

 

Van Der Graaf Generator – Trisector (CD, Virgin / EMI, www.vandergraafgenerator.co.uk)

 

Ich hab die Karriere dieser Band gewiss nicht immer aufmerksam verfolgt. Einige ihrer frühen LPs mochte ich damals sehr. Ein paar besitze ich noch heute. Im Kant Kino sah ich die Band das letzte Mal live. Das muss Mitte der 70er Jahre gewesen sein. Peter Hamill sah ich danach noch ein oder zweimal solo. Seine Platten kaufte ich dennoch nicht. Das Re-Union Album von 2005 nahm ich nur am Rande wahr. Gehört hab ich es wohl, ist aber nicht hängen geblieben. Und nun dies hier. Nur noch zu dritt sind sie. Hugh Banton, Guy Evans und Peter Hammill. David Jackson ist nach der letzten Platte wieder ausgestiegen. Warum weiß ich nicht. Diese Musik klingt erstaunlich frisch. Sicher, wir haben es hier mit einem typischen VdGG Album zu tun. Hammill Stimme ist genauso unverkennbar wie Bantons Keyboard Patterns und die verschachtelten Rhythmen des Herrn Evans. Wunderbare Bassfiguren, perlenden Pianoklänge, wuchtige Orgelriffs und eine Stimme, die mal sachte flüstert, mal exaltiert schwelgt. Klassischer Progrock eben. Guter klassischer Progrock. So richtig beginnt die Platte übrigens erst mit „Only In A Whisper“ – davor ist Vorspiel, Einstimmung. Sie können’s noch, muss man konstatieren. Auch wenn vielleicht die manische Unbedingtheit früher Werke fehlt. „Over The Hill“ ist nahe dran an früherer Genialität. ***1/2

 

The Subcandies – Out Of The Blue (LP, Time for Action Records, www.myspace.com/subcandies)

 

Hätte eigentlich auch das Zeug gehabt zum Album des Monats, diese erste Langspielplatte der Subcandies aus Wien. Am 29. Februar stellten sie die Scheibe hier in Berlin live vor. Toller Gig! Tolle Band! Gute Stimmung. Es wurde von Anfang an getanzt vor der Bühne. Wie sich das gehört. Und wer „Father’s Name Is Dad“ im Repertoire hat, hat meine größten Sympathien. Die LP besteht leider nur zur Hälfte aus neuem Material. Aus ökonomischen Gründen kann man das verstehen. Wer aber bereits beide Singles der Band hat und sogar noch den Detour Sampler Vol. 3, der hört nur auf Seite 1 Neues. Wer diese bereits vergriffenen Platten verpennt hat freut sich nun, dass er die verpassten Tracks doch noch bekommt. Für alle, die die bereits veröffentlichten Tracks nicht kennen, beginnen wir bei Seite 2. „Hey You“ ist ein prima Opener, uptempo, mit viel Druck und Energie vorgetragen. Ein echter Stomper im Stil der Chesterfield Kings oder Miracle Workers. „Out Of Here“ ist dagegen fast „sophisticated“ mit seinem gepflegten E-Piano und dem leicht gedrosselten Tempo. „Little Man“ ist eine typische Artpop Nummer. Eine dezente Wah Wah Gitarre korrespondiert mit einer hübschen Kinderliedmelodie. „Hey Jules“ ist natürlich noch immer die großartige selbst geschriebene Hommage an so vieles Erinnerungswürdige der Sixties, von Hendrix bis Lennon, von Pop Art bis Psych Pop. Und „Dirty Names“ schließt die LP ab mit einer weiteren selbst verfassten Eloge auf ein exaltiertes und überdrehtes Bohème Leben. Auf der ersten Seite der Platte ist das neuere Material zu hören. Der Titelsong „Out Of The Blue“ eröffnet die LP mit einer vielleicht programmatischen Stellungnahme, die sich musikalisch am Besten orientiert, was der britische Beat um 1967/68 hervorbrachte. Eher beschaulich wie bei Ray Davies etwa. Bei „Over Your Shoulder“ wird dann das Tempo gesteigert und die Gitarrensaiten werden  mächtig gedehnt und gezerrt. US Garage lässt grüßen. „Captain John“ beginnt mit einem ganz ähnlichen Gitarrenlauf wie „My Friend Jack“, nimmt dann aber auch eher Kurs auf San Francisco und Acid Rock. „Give It A Try“ ist wieder eher konventioneller Britbeat mit groovender Orgel, gespielt von der schönen Katerina aus Griechenland. „Take A Chance“ lässt noch einmal die späten Sixties Revue passieren und blickt zugleich in das folgende Jahrzehnt, in dem aus Beat Rockmusik wurde. Die meisten Songs der LP wurden vom Gitarristen und Leadsänger Norb Payr geschrieben, den man übrigens von The Jaybirds bereits kennt. „Out Of The Blue“ ist eine sehr gelungene Platte. Wer sich beeilt bekommt sie eventuell noch in blauem Vinyl. ****

 

River Run DeepBoomhauer – River Run Deep (CD, TUG/Stupido Records / Broken Silence, www.myspace.com/boomhauermusic)

 

Dem aufmerksamen Leser dieser Zeilen sowie dem regelmäßigen Hörer der gleichnamigen Rundfunksendung sollte der Name Boomhauer durchaus ein Begriff sein. Allerdings gab es die letzten drei Jahre nichts Neues zu berichten über dieses Rock’nRoll Trio aus Turku, Finnland. Nun also eine neue Scheibe mit gewohnt solidem und simplem Trash & Roll für die nächste Party. Kurz und knackig (selten über drei Minuten) sind die Tracks. Meist auch schnell und deftig. Doch gelegentlich erklingt auch mal eine coutryeske Ballade dazwischen. Oder so eine feine folkige Akustiknummer wie „Choo Choo Pendolino“, eine Hommage an einen berühmten finnischen Eisenbahnzug. Auch der Titelsong „River Run Deep“ kommt zunächst verhalten daher, steigert sich dann jedoch zu einem fast hypnotischen Ohrwurm. Trash Rock mit Slide Gitarre bietet „Daddy Bear“. Obwohl die Band dem Lo-Fi Rock des Voodoo Rhythm Labels nahe steht, klingen ihre Aufnahmen doch insgesamt fetter. Andererseits höre ich neuerdings eine gewisse Nähe zu ihren großartigen Kollegen und Landsleuten von 22 Pistepirkko. Bei „Hard Luck Day“ etwa oder auch bei dem geheimnisvollen „Stranger On A Train“. 17 Tracks umfasst das Album. Schöne Sache. ***

 

Get Well Soon – Rest Now Weary Head! (LP/CD, City Slang, www.myspace.com/youwillgetwellsoon)

 

Die Kritiker von Spex bis TAZ, von Musikexpress bis Uncle Sally’s überschlagen sich vor Begeisterung: „Ein unfassbares Debüt, ...dass es einem süße Stiche in die Brust Get Well Soonversetzt.“ (TAZ), „...ein Genuss, den man am besten fassen kann, wenn man den Kopf ausschaltet und sich berauschen lässt.“ (Die Zeit), „Ein pastorales Stück Indie-Unvergänglichkeit“ (Musikexpress), „...SCHÖN...“ (Uncle Sally’s) usw. usf. – Ich muss gestehen, ich war zunächst skeptisch. Nach 1x Hören klang mir das alles zu perfekt, zu berechnend, zu maßgeschneidert. Meine Bessere Hälfte, die für gewöhnlich (aber nicht immer) ein feines Gespür für gute Rockmusik hat, war ähnlich entsetzt wie schon beim letzten Arcade Fire Album. Und ähnlich wie bei Neon Bible fasziniert mich dieser fast bombastische Kitsch auch hier beim zweiten Hören. Ok, wirklich vergleichen kann man die beiden Platten nicht. Konstantin Gropper fehlt die rockistische Komponente vollkommen. Obwohl ihm bzw. seiner Musik, vor allem seinen Arrangements, eine gewisse Hemdsärmeligkeit manchmal ganz gut täte. Auch muss man diese Gefühligkeit, diese leichte Theatralik in seinen Songs und Sounds nicht unbedingt als kitschig empfinden. Hart an der Grenze bewegt er sich aber schon. Einerseits finde auch ich diese Musik schön. Die Platte hat ohne Zweifel etwas Feierliches, Beruhigendes. Ich bin froh, dass ich mir die Vinylversion gekauft habe. So kann ich eine LP-Seite hören, mich entspannen, und mich dann anderen Dingen zuwenden. Die andere LP-Seite höre ich dann ein andermal. Der CD Hörer könnte natürlich auch eine Pause einlegen. Empfehle ich sogar dringend. Die ganze Platte in einem Durchgang Hören, das ist wie eine viel zu große Portion Erdbeeren mit Schlagsahne. Man kann danach Erdbeeren für die nächsten Wochen nicht ausstehen. Das Cover von „Born Slippy“ ist in meinen Ohren ein Schwachpunkt der LP, wie wohl Groppers Version durchaus etwas Eigenes hat. Mein Favorit ist zur Zeit „Your Endless Dream“, weil das sowohl ein toller Song ist wie auch die Interpretation hier wohltuend schlicht ausfällt. Dagegen ist der Track mit dem Sample aus „Hexen bis auf’s Blut gequält“ so übertrieben pathetisch, dass er schon wieder gut ist. Ich glaube, mich mag die Scheibe doch ganz gern. ***1/2

Yip YipVelvetone – Yip Yip! (CD, CrossCut Records, www.myspace.com/velvetoneroots)

Seit Mitte der Neunziger (mindestens) spielen Velvetone aus Bremen Roots Rock, Rockabilly, Country Rock und R&B. Mit einer 10“ LP legten sie 1996 ein großartiges Debüt vor. Wenn ich richtig gezählt habe, ist das nun schon ihr siebentes Album. Zweifellos die beste Band ihrer Art in Deutschland. Mit schenkelklopfendem Mainstream Country der Marke Western Union haben sie ebenso wenig zu tun wie mit einer allzu sehr auf die Originale und den authentischen Sound konzentrierten Neo-Rockabilly Szene. Und so bieten die 14 Tracks ihrer neuen Platte denn auch bei aller Roots Orientierung eine große Vielfalt, von der Wüstenrock Ballade „Desperate Heart“ bis zum fetzigen „Hot Rod Killer“, vom puren Rockabilly „Lil’ Bad Thing“ (auch als 7“ erschienen) bis zum sehr gediegenen Sanford Clark Cover „Go On Home“. Mit dem Titeltrack „Yip Yip!“ ist ihnen gar eine Art Psychobilly Nummer gelungen. ***

Thee Jenerators – The Kids Are Not Alright (CD, Twist Records, www.myspace.com/theejeneratorsmusic)

Mark Le Gallez betreibt das Label Twist Records von Guernsey, Channel Islands, aus seit bald zwei Jahrzehnten. In den letzten Jahren wohl nur noch allein ohne seine deutschen Partner in Münster. Thee Jenerators sind seine eigene Band, die hier mit viel Aplomb, Stilsicherheit und Elan typisch britischen Mod Pop und Power Pop liefert. 15 Tracks voller Energie, mit tollen Hooks und Riffs. Zur klassischen Bandbesetzung aus Gitarre, Bass, Drums gesellt sich hier ein Saxophon, das dann allerdings auch gleich recht dominant auftritt. Manchmal zu dominant, finde ich. Hin und wieder gibt es Ausflüge in Richtung Rock’n’Roll. Also so richtig alten Rock’n’Roll, wie ihn Cliff & The Drifters um 1958 gespielt haben. Manchmal klingt es auch ein bisschen nach Sweet Soul Music. ***

 

GlowfriendsGlowfriends – A Farewell To Fair-Weather (CD, Jam Records, www.myspace.com/glowfriends)

 

Die Glowfriends sind eine Shoegazer oder Twee Pop Band aus Kalamazoo, Michigan. Ein Geschwisterpaar und dann auch noch angeheiratete Bandmitglieder machen das Ganze zu einem Familienunternehmen. Und Papa Jeremy Morris betreibt das Plattenlabel. CD Label muss man genauer sagen. Dies ist ihr dritter Longplayer. Ihr vielseitigster und abwechslungsreichster Longplayer ist es auch. Von Folkpop über Post Rock Gedöns bis hin zu filigran orchestrierten Indie Pop Songs reicht die Palette. Das kommt alles recht gefällig und angenehm daher. Mitunter vielleicht eine Spur zu gefällig. Am besten gefallen mir die von April Morris gesungenen Tracks, deren Stimme mich an Nico erinnert. Wobei auch die Musik hin und wieder Velvet Underground via Galaxie 500 evoziert. Insgesamt eine unauffällig herausragende Scheibe. ***1/2

 

Courting AutumnPamela Wyn Shannon – Courting Autumn (CD, Girlhenge Records, www.myspace.com/pamelawynshannon)

 

Viele neue junge Frauenstimmen gibt es dieses Jahr in der Pop Musik und besonders im landläufig dem Folk zuzuordnenden Sub Genre. Manche finde ich eher merkwürdig, manche schlicht langweilig. Einige gefallen mir sehr gut. Zu dieser letzten Gruppe gehört auch Pamela Wyn Shannon aus Amherst, Massachusetts. Ihre Stimme klingt warm, unauffällig und doch überzeugend. Ihre Songs sind traditionell, beeinflusst von britischer Folk Musik von Pentangle bis zur Incredible String Band. Auch die Arrangements, die Instrumentierung sind weitgehend klassisch in diesem Sinne. Beinahe streng traditionalistisch mitunter. Neben zehn eigenen Kompositionen interpretiert sie hier auch zwei alte britische Folksongs. Wenn dann doch mal eine Sitar oder ein Cello zu den Dulcimern und akustischen Gitarren dazukommt, oder wenn ein Harmonium sanft im Hintergrund brummt, erhöht das den Reiz dieses ungewöhnlichen Debüts. ****

 

Various Artists – Jouluräyhää! (CD, Woimasointu / Hiljaiset Levyt, www.woimasointu.com, www.hiljaiset.sci.fi)

 

Gerade rechtzeitig vor Weihnachten ist diese CD bei mir eingetrudelt. Eine Gemeinschaftsproduktion der beiden finnischen Labels Woimasointu und Hiljaiset Levyt. Beide eher für Punk, Power Pop und poppig derben Stoff bekannt. Die hier versammelten Bands sind mit einer Ausnahme außerhalb Finnlands wohl ziemlich unbekannt. Die Ausnahme ist TV Smith, dessen „Xmas Bloody Xmas“ allerdings bereits vor zwei Jahren als 7“45 erschien. Die anderen sechs Tracks kommen von fünf finnischen Combos, deren Musik man prima unter Punk Pop einordnen kann. Alte Bekannte sind dabei, wie Tina aus Tampere. Eine Band um die Sängerin und Gitarristin Riitta Suojanen und die Sängerin und Bassistin Tiina Wesslin, hervorgegangen aus der Band Punk Lurex OK. Maaseudun Tulevaisuus sind mit dem „Adventtilaulu“ vertreten. Eine Aufnahme, die allerdings bereits vor 20 Jahren entstand. The Tarjas sowie Iskuryhmä existieren zwar nicht ganz so lange, aber seit gut zehn Jahren sind sie auch schon in ihrer Freizeit als Punk Rocker aktiv. Stilistisch orientieren sie sich an Bands wie The Queers oder Social Distortion und an den Ramones natürlich. Schließlich sind da noch 70-luvun Vihannekset, die The Hurriganes zum Vorbild haben. Deren Charisma und schlichte Genialität erreichen sie natürlich nicht, aber sie geben sich redlich Mühe. Alle sieben Tracks sind übrigens Weihnachtslieder, Weihnachtslieder der etwas anderen Art, die es mit der Besinnlichkeit nicht ganz so ernst und den üblichen Weihnachtskitsch gern auf’s Korn nehmen. Auch wenn man der finnischen Sprache nicht mächtig ist, hat man bei der Musik sicher Spaß. ***

Tribute to the Television PersonalitiesVarious Artists – If I Could Write Poetry, A Tribute to Television Personalities (CD, The Beautiful Music)

Various Artists – I Would Write A Thousand Words, TVP Tribute Vol. 2 (CD, www.thebeautifulmusic.com)

The Beautiful Music ist ein kanadisches Indie Pop Label, das von Wally Salem in Ottawa betrieben wird. Wally ist offenbar ein sehr großer Fan von Dan Treacy und The Television Personalities. Auf der Homepage des Labels finden sich natürlich auch etliche Links zu Gleichgesinnten. Man staunt immer wieder, wie verzweigt und weitreichend solche Netzwerke tatsächlich sind. Und was und wen man so alles findet durch ein bisschen Surfen von Link zu Link. Wäre ein Thema für einen eigenen Artikel. Aber zurück zu diesen beiden Samplern. Eigentlich sind es sogar drei, denn dem Volume 2 liegt noch eine Bonus CD mit weiteren 18 Tracks bei. Insgesamt haben wir es hier also mit 58 Tracks von Dan Treacy Songs zu tun. Halt, nein. Einer von Ed Ball ist auch dabei. Und es gibt nicht mal so sehr viele Doppellungen. Dan Treacy ist immer noch einer der größten Songschreiber der letzten 30 Jahre aus England. Dass außer ein paar üblichen Verdächtigen wie John Peel oder Alan McGee z.B. davon keine größere Öffentlichkeit Kenntnis erlangt hat, gehört neben seinen Drogenproblemen und ihren Konsequenzen zur unendlichen Tragik dieses Mannes. Tendenziell werden wohl auch diese drei CD Sampler nichts an dieser Tatsache ändern. Wer die TVPs bereits kennt und schätzt, wird nicht umhinkommen, auch diese wunderbaren Tribute CDs zu kaufen. Noch nicht Initiierte haben hier die Chance zu einem Einstieg in die faszinierende Welt des Dan Treacy. Einige bekanntere und viele unbekannte Namen aus der weltweiten Twee und Indie Pop Szene sind hier vertreten. Von Nikki Sudden und seinem Bruder Epic Soundtracks, die mit The Swell Maps zeitgleich mit Dan Treacy starteten 1977, über die schon notorischen Bartlebees aus München, The Thanes aus Edinburgh, Alan McGees Biff Bang Pow, Colin Swan, The Shambles aus San Diego, BMX Bandits bis hin zu Berlins größtem Dan Treacy Fan Olaf Schumacher und seiner Band The Groovy Cellar. Großartige Songs in zum Teil wundervollen Interpretationen. Oft natürlich im zu erwartenden Jingle Jangle Schrammelpop Sound, manchmal fast ein bisschen punky aber immer dem Song dienlich, ohne stur das Original zu kopieren. Eine seltene Aufnahme der TVPs selbst ist übrigens auch dabei, „Honey For The Bears“, live in New York 1992. Und das ist alles erst ein Anfang. Auf zehn Sampler mit insgesamt 200 Tracks möchte es Wally letztlich bringen. Hoffen wir, dass er den hohen Standard dieser ersten 58 Tracks halten kann. Durchschnittlich ***1/2

 

Johnny Casino & The Secrets – New Clothes Old Shoes (CD, Off The Hip,  www.myspace.com/therealjohnnycasino)

 

John Spittles, a.k.a. Johnny Casino, ist so eine Art Mike Ness Australiens. Mit der Band Asteroid B612 spielte er vor Jahren rauen, dreckigen Rock’n’Roll. Und in einigen weiteren losen Formationen spielt er auch immer wieder gerne live für ein paar Dollar oder Bier. Hauptsache laut, schnell, bodenständig. Auch the Secrets sind eine eher unbeständige Band, in der u.a. Brad Shepherd (Hoodoo Gurus), Kent Steedman (Celibate Rifles) und Bill Gibson (Eastern Dark) mitspielen. Diese Scheibe hier haben sie gemeinsam Anfang diesen Jahres aufgenommen. Im Mai kam sie in Australien bereits raus. Und dort wird sie von einigen Musikjournalisten auch schon als Platte des Jahres gefeiert. Nun, eine ordentliche im frühen Rock’n’Roll verwurzelte Platte ist es auf jeden Fall. Hin und wieder klingt auch mal Country Rock an. „Everybody Loves Me“ aus der Feder von Alejandro Escovedo eröffnet die Scheibe. Und von der Motor City in Detroit ausgehend  umspannt die musikalische Reise auch Abstecher zu den Kakteen Hainen beim Joshua Tree. Dylans „Ballad Of A Thin Man“ erfährt eine spezielle Soul informierte und Rock induzierte Behandlung. Die meisten Songs sind jedoch von Johnny selbst verfasst. Sein „Cowboys And Indians“, ein unglaublich eingängiger Uptempo Rocker, hätte auch Tom Petty zur Ehre gereicht. In Spanien treibt er sich zur Zeit mit seiner Band rum. Hier muss man mit dieser alles in allem recht angenehmen Platte vorlieb nehmen. ***1/2

The Puddle

The Puddle – No Love – Not Hate (CD, Fishrider Records, www.myspace.com/thepuddlenz)

 

Ich weiß nicht, wer das sehr umfangreiche und detaillierte Info verfasst hat, das der CD beilag, die ich vor ein paar Wochen aus Dunedin, von der Südinsel Neuseelands, erhielt. Vielleicht George Henderson selbst, der ja im Prinzip The Puddle ist. Fishrider Records ist ein kleines Label mit bisher nur wenigen Veröffentlichungen. The Dark Beaks, ebenfalls aus Dunedin, hatten mich vor anderthalb Jahren so begeistert, dass ich ihre Platte spontan zum Album des Monats machte. Und auch diese Veröffentlichung des Labels hat einen ganz eigenen Reiz. Auch hier hört man eine Musik, die es in dieser Art und Konstellation wohl kein zweites Mal gibt. Und doch ist auch eine gewisse Nähe zu The Dark Beaks zu spüren. Kann man da bereits von einem Labelsound sprechen? Dem Flying Nun Label, dem bekanntesten und kultigsten Label des Landes, wurde ein solcher eigener Sound nachgesagt. Und The Puddle, die als Band seit 1984 existieren, sollen in den frühen 90er Jahren diesen Flying Nun Sound repräsentiert haben. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich kenne die Puddle Musik jener Zeit nicht. Ich kenne aber typische Flying Nun Bands und auch die Flying Nun Box, die im vergangenen Jahr erschien. The Puddle klingen auf dieser Platte hier wie nichts davon. Und eigentlich klingt auf der Scheibe nicht mal ein Track wie der andere. Ich meine, nicht mal stilistisch festlegen kann man diese Band, diese Platte. Genau das macht auch einen Teil des Reizes aus, den „No Love – No Hate“ zweifellos verströmt. Manchmal klingen die Gitarren wie bei Television. Dann wieder ertönt fast konventionell zu nennender Indie Pop aus den Lautsprechern, um bald erneut psychedelisierten Post Rock Tönen Raum zu geben. So, jetzt aber genug der Schlagworte. Für einen Schnellschuss, eine Platte im Übergang, wie das Info sagt, klingt diese Sammlung von neun recht ungewöhnlichen aber auch besinnlichen Tracks ganz prima. Henderson hat die Songs  in den vergangenen Jahren geschrieben und sie in diesem Frühjahr allein aufgenommen. Alle Instrumente selbst gespielt im Overdub Verfahren. Nächstes Jahr soll es eine richtig neue Platte geben, mit Band dann. Diese hier bekommt ***1/2

 

The IzzysThe Izzys – The Violent Bear It Away (CD, Fat Man Records, www.myspace.com/theizzys)

Das zweite Album dieser New Yorker Rock’n’Roll und R&B Band erscheint wieder vollkommen selbst produziert auf ihrem eigenen Label. Wahrscheinlich das einträglichste und sinnvollste Geschäftsmodell für Musiker, die eben nicht nur Musik machen können. Während die ersten beiden Tracks der Scheibe schweißtreibendem erdigen Bluesrock bieten, beweist der nächste Titel „I’m A Rounder“, dass Country Musik ebenfalls zu den Grundlagen gehört, die The Izzys verinnerlicht haben. Und so geht es abwechslungsreich weiter. Wem seine Stones LPs auf die Dauer nicht ausreichen, aber die vielen jungen „The“ Bands nicht abgehangen genug klingen, der liegt bei The Izzys goldrichig. Alles in Allem eine mitreissend raue Mischung traditionellen Rock’n’Rolls der an die Replacements ebenso wie an Steve Earle denken lässt. ***

 

Mark & The Spies – Mark & The Spies (LP/CD, Screaming Apple Records, www.myspace.com/markandthespies)Mark & The Spies

 

Was mir neuerdings immer wieder auffällt, diese jungen Beat, Mod und Garage Bands wie Mark & The Spies zum Beispiel geben auf ihren Webseiten “Garage House” als Stil an. Was zum Teufel ist das? Was soll das „House“ da? – Aber egal. Die Jungen Holländer hier haben nach einer 7“EP für Butterfly Records in Barcelona nun ihre Debüt LP rausgebracht. Eine recht hörenswerte Mischung aus – nun eben Beat, Garage Pop, Mod Sounds. Alles eigene Stücke bis auf ein Cover eines José Feliciano Songs „If I Really Bug You“. Einige Nummern hören sich sehr nach klassischem Merseybeat an, mit einer Spur mehr Druck und Punch. Im Moment touren sie noch kreuz und quer durch die Niederlande, aber vielleicht lassen sie sich ja auch mal hier bei uns blicken. ***

Marmalade Souls

Marmalade Souls – Marmalade Souls (CD, Rainbow Quartz, www.myspace.com/marmaladesouls)

 

Noch mehr Sixties Einflüsse. In diesem Fall eher Pop und Flower Power. Johanna und Michael trafen sich in ihrer schwedischen Heimatstadt Östersund im Jahr 2000 zum ersten Mal und entdeckten bald, dass sie nicht nur wie füreinander sondern auch noch zum Musizieren geschaffen sind. Inzwischen sind die beiden ein Paar, haben ganz viele fröhliche Popsongs geschrieben und in Paddy aus Dublin haben sie einen Drummer gefunden, der mit ihnen 14 dieser eingängigen Ohrwürmer eingespielt hat, damit auch der Rest der Welt an den schönen Harmonien und dem enthusiastischen Jingle Jangle teilhaben kann. Erstaunlich wie genau diese jungen Musiker heutzutage das Songwriting und die Sounds der Sechziger Jahre hinbekommen. Man meint, die Hollies, Unit 4 Plus 2 oder The Marmalade zu hören. Dabei sind es nur die Marmalade Souls. ***

 

Veagaz – New Suburban White Trash Soul Music (CD, Schallplattenmanufaktur Hameln, www.myspace.com/veagaz)

Veagaz

Der zweite Longplayer des Trios aus Hameln setzt den guten Standard des ersten fort. Schwer, eindringlich, beindruckend. Der Gesang – und nicht nur der – erinnert nach wie vor an Madrugada. In geringerem Maße auch an Nick Cave. Melancholie und eine gewisse Düsternis hängt über den Songs und der Produktion. Aber auch Härte und Kompromisslosigkeit. Das war bei der ersten Platte „Gold“ vor vier Jahren noch nicht so stark zu spüren. Sind die Zeiten härter geworden? Mir gefallen ja diese schwebenden, in Hall und Echo badenden Klänge wie bei „Chrome Gene“ besser. Manchmal tritt auch ein bodenständiges, erdiges Element hinzu, das auf gewisse Weise sogar Country evoziert. Veagaz sind also doch noch vielseitiger geworden. „Nobody Knows This Is Nowhere“ – nein, das ist nicht Neil Young. Na ja, der Song könnte sogar von ihm sein. Dieses Verlorensein, diese Verlassenheit kommt auch bei ihm immer wieder vor. Aber die Stimme von Tom Schindler klingt bestimmt nicht wie die Neils. Auch nicht wie die von Johnny Cash. Trotz mancher raspeliger Rauheit mitunter. Und wieder krachen Bass, Drums und Gitarre schwer und dräuend aus den Boxen bei „My Crusade“. Zum Schluss wird es dann jedoch versöhnlich, abgeklärt und fast feierlich. „Life Is Just A Long Time To Get Weary“ wiegt uns in einen erschöpften und zufriedenen Traumzustand. Eine beeindruckende Platte, wahrlich. ****     

 

Artichoke – Never Mind The Bollocks Here’s The Sex Pistols (CD, Greeen Records, www.artichoketheband.com)

 

Is ja ne dolle Idee, denkt man zunächst. Da kommt so’ne Indie Truppe aus L.A. und präsentiert uns zum 30. Jubiläum die Sex Pistols neu. Aber dann hört man diese völlig veränderten Songs und erliegt tatsächlich dem Charme der Stimme von Ema Tuennerman oder den freundlich naiven an eine Mischung aus Incredible String Band und Moldy Peaches erinnernden Arrangements. Es klingt unglaublich, aber diese Platte schafft es, mich zu überraschen. Diese Ukulele und das Kazoo bei „God Save The Queen“, dazu dann die süße Mädchenstimme und ein im Hintergrund dräuender metallischer Halleffekt. Etwas derartig Bizarres hört man selten. Oft erkennt man die Songs gar nicht wieder. Zumindest wenn man nicht sehr textsicher ist. „Anarchy In The UK“ beginnt mit blökenden Schafen und einer Posaune bevor ein akustischer Bass und eine Art Handclap Computer einsetzen. Phantastisch! Und es wird noch besser. Oder schräger – ganz wie man will. Das ist viel mehr als irgendso’ne Hausfrauen Therapie Gruppe, die zufällig ein paar akustische Instrumente in die Finger bekommt. Das ist wirklich Klasse! Bandleader, Mastermind ist Timothy Sellers aus Highland Park, Nordost Los Angeles. Er ist Naturwissenschaftler und Künstler. In seinem alten Haus am Rande der Stadt produziert er schon seit Jahren seltsame Folklore mit einer losen Bandbesetzung. Das hier ist die Krönung! ***1/2

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