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Letztes Update: 27. Mai 2016


Die Langspieltonträger

Die Bewertungsskala:

* Materialverschwendung! - ** muss man nicht kennen - *** sollte man mal gehört haben - **** Anschaffung sehr zu empfehlen - ***** gehört in jede Plattensammlung!

Mein Album des Monats ist hier zu finden!

LPBMIV.jpgBlack Mountain - IV (2LP, Jagjaguwar)

 

In den letzten Jahren hatte ich diese Band aus Vancouver, Kanada, schon wieder ziemlich aus den Ohren verloren. Dabei mochte ich ihre beiden ersten LPs eigentlich recht gern. Die dritte ist dann vor sechs Jahren völlig an mir vorbei gegangen. Hier nun ein neues Album, das mir zunächst härter und straighter vorkommt, als die ersten beiden Platten. Andererseits ist da noch immer so eine Mischung aus Space Rock, Stoner Rock, Psychedelia und fast gewöhnlichem Hard Rock mit zum Teil recht langen Tracks, die einen auch wieder in Trance versetzen können. Neben brachialen Gitarrenriffs erklingen immer mal alte Synthesizer, also solche, die Pink Floyd oder vielleicht auch Kraftwerk schon in den frühen Siebzigern verwendeten. Den Gesang teilen sich Amber Webber und Stephen McBean, wobei sie die eindeutig schönere Stimme hat, er dafür aber abgebrühter klingt. Am besten singen sie eh zusammen oder im steten Wechsel von Call und Response. Der erste Eindruck täuschte übrigens. Die Platte ist gar nicht so hart. Aber auch kein Prog, wie die Spex meint, trotz einiger längerer Stücke und einem gewissen Hang zum Ausufern manchmal. Also auch nicht so straight, wie ich nach „Florian Saucer Attack“ dachte. Tatsächlich klingt hier Manches eher nach Pink Floyd in den frühen Seventies oder sogar nach Krautrock. Vor allem beim grandiosen Schlusstrack „Space To Bakersfield“ muss ich an „Dark Side Of The Moon“ denken. Ich muss die beiden frühen LPs mal wieder auflegen zum Vergleich. Ich glaube, die waren besser. Doch schlecht ist „IV“ nun auch nicht. ***1/2

 

LPFutureE.jpgFuture Elevators – Future Elevators (LP, Comunicating Vessels / Rough Trade)

 

Ein Debütalbum einer Band aus Birmingham, Alabama. Das heißt eigentlich ist es wohl im Wesentlichen ein Typ namens Michael Shackelford, der hier in den großen Fußstapfen von Brian Wilson wandelt. Das Ergebnis seiner Bemühungen kann sich zum Teil durchaus hören lassen. Sixties Sunshine Pop trifft auf Eighties New Romantic. Manches ist wirklich sehr schön, wie etwa der „Alabama Song“ (nein, nicht der von Brecht / Weill). Anderes wirkt etwas zu zuckrig und leicht überambitioniert. Manchmal wird sogar eine angezerrte Gitarre bemüht. Dann erinnert Shackelford für einen kurzen Moment an Neil Young. An anderer Stelle gibt es Parallelen zu Tame Impala, wie etwa bei „Everything Everywhere“. So ganz bin ich mir noch nicht im Klaren über diese LP. Mir wäre wohl eine EP mit fünf Tracks sympathischer. Und der zehnminütige Schlusstrack „Aphrodite“, der eigentlich nur aus atmosphärischem Wabern besteht, muss da nicht drauf sein. So gibt es nur ***

 

LPLastSP.jpgThe Last Shadow Puppets – Everything You’ve Come To Expect (LP, Domino)

 

“The Age Of The Understatement” ist eines der besten Alben des Jahres 2008 und zweifellos ein sehr ambitioniertes Werk der beiden damals 22-jährigen Musiker aus Liverpool respektive Sheffield. Es war in gewisser Weise ein verspätetes Britpop Album mit gelungenen Anleihen in den Sixties und bei Morricone. Der mit Spannung erwartete Nachfolger acht Jahre später wirkt nun allerdings noch ambitionierter. Mit großem Orchester und ganz schön bombastischer Produktion will man hier auftrumpfen. Das gelingt meines Erachtens nur zum Teil. Der Opener „Aviation“ überzeugt nicht nur mit Soundeffekten, sondern auch mit Melodie. „Bad Habits“ ist der wohl beste Track des Albums mit seinen Sixties Garage Pop Anleihen. Anderes wie etwa der Titeltrack oder „Sweet Dreams, TN“ sind einfach over the top mit ihrem schon broadwayhaftem Sound. „Pattern“ dagegen hat dann wiederum die Klasse eines Northern Soul Tracks und überzeugt sofort. „The Dream Synopsis“ versöhnt die Zweifler mit einer wunderbaren Melodie und erfreulich zurückhaltendem Arrangement aus dezenten Streichern zu perfektem Crooning von Alex. ****

 

CDAngoloR.jpgAngola Rodeo – Far From Far (CD, Angola Rodeo)

 

Vier Jahre sind vergangen seit dem letzten Album von Angola Rodeo. Ich kann mich täuschen, aber diese neue Scheibe hier klingt noch viel mehr nach Amerika, nach Wüste, Prärie und Kakteen, als die vorige „Every Square A Dancer“. Herrlich entspannt kommt der Opener „“Tejano Wetlands“ daher. Bloß keinen Staub aufwirbeln. Entspannen, nach innen schauen, so ungefähr lautet die Botschaft. Der nächste Track ist ein bisschen seltsam. „Alien Vampire“ hat aber einen entwaffnenden Charme, der schließlich überzeugt. „Playmate Of The Century“ ist eigentlich nicht weniger schräg. Eigentlich. Doch der Song mäandert dann über mehr als sieben Minuten und phantastisch fabulierende Gitarren dahin, man merkt gar nicht, wie die Zeit verrinnt. Die Lead Gitarre wird hier übrigens von Kristof Hahn gespielt. Man hört deutlich, wie viel Spaß Kristof bei seinen Entspannungsübungen hatte. „Yuma“ lädt dann ein zum Mitsingen und zum Reisen in Gedanken von Oklahoma nach Arizona. Was Max dann aber mit seinem Taschentuch in „Handkerchief“ vorhat, das erschließt sich nicht ganz. Jedenfalls scheint er zu viel getrunken zu haben mit einem Mädel, das wegen einem ganz anderen Kerl Tränen vergießt. Musikalisch ansprechend umgesetzt und vom Erbrochenen im Text ablenkend. Der Song von der Blockflöte, die keine ist, erinnert mich an die großartigen Nightingales aus Rovaniemi. Ich kann mir nicht helfen, müssen diese Country Songs immer so traurig und existenzialistisch sein? „I Deserve It So Bad“ hört sich für mich allerdings eher wie eine Parodie an. Ich will aber niemandem zu nahe treten. „Poncho“ ist dann wieder fröhlich und – ja, auch ganz schön schräg, textlich jedenfalls. Auch der nächste Song bietet die Möglichkeit, sachte mitzusingen und zu schunkeln nach dem Motto: „ So we slide through the night, into the blue, you lead me, I lead you“. Und das dann über sechs Minuten lang. Im Begleitschreiben zur CD wird die angenehme Atmosphäre im Studio erwähnt, die eventuell dazu beitrug, dass die Aufnahmen ausuferten. Im letzten Track der Platte wird dann nochmal tief in die Truhe mit den alten Legenden und Traditionen gegriffen. Alles sehr entspannt und entspannend. Country und Western Musik mit einem Augenzwinkern. Warum nicht. ***1/2

 

LPSeeNoEvils.jpgThe See No Evils – Inner Voices (LP, Heavy Soul)

 

Aus Leeds stammt diese Band, deren Single und EP bereits für Aufsehen sorgten und natürlich längst vergriffen sind. Und auch das Debütalbum wird wohl schnell ausverkauft sein. Typischer Garage Beat mit Wurzeln in den Sixties des vorigen Jahrhunderts aber auch mit einem modernen Dreh. Obwohl die Band ja aus dem englischen Kernland kommt, klingt ihre Musik zuweilen eher amerikanisch. Allerdings sind so manche Anleihen bei den frühen Kinks oder Animals ebenso zu erkennen. Der Sound der Platte ist ziemlich rau und ungehobelt. Scheppernde Drums, quengelnde und twängelnde Gitarren, der Gesang eher raus gebellt als wirklich schön gesungen. Der „Werewolf Blues“ könnte aus dem Nordwesten der USA nach Leeds importiert worden sein. Ziemlich archaisch das Ganze und im Prinzip auf die wilden Vorstadtkeller der ganz frühen Sixties rekurrierend. Ich kann mir vorstellen, dass diese Combo live sogar noch mehr Spaß macht als aus der Konserve. Im Leserforum des deutschen Rolling Stone wurde die LP von den Usern zur Platte des Monats März gekürt. Schöne Sache. ****

 

LPTelegram.jpgTelegram – Operator (LP, Gram Gram)

 

Ihre Single „Aeons“ ließ aufhorchen im vergangenen Jahr. Und nun gibt es ein Debütalbum der Band aus London. Von Garage bis Glam Rock so ungefähr reicht die stilistische Spanne. Beim zweiten Track der Platte „Follow“ muss ich auch an Hawkwind denken, weil die Gitarren da mit viel Flanging Effekt herum wabern. Zwei der Musiker spielen in einer Roxy Music Cover Band so nebenbei, hab‘ ich gelesen. Auch das hört man hier irgendwie. Allerdings gehen Telegram mit weit mehr Punch und Druck zu Werke und vor allem mit mehr Power. Verspielt oder filigran klingt hier nichts. Nach viel Spaß und Freude aber schon. Trotzdem reitet ein Teil der englischen Kritiker auf dem Roxy Music Vergleich rum. Ok, Songwriting und unerwartete Rhythmuswechsel lassen auch mich hier und da an Brian Eno oder das Roxy Music Debütalbum denken. Aber letztlich ist der Sound von Telegram eher von Hawkwind oder auch T.Rex geprägt. Dazu kommt noch so was wie Punk Rock. „Taffy Come Home“, die aktuelle Single der Band, bietet mehr Slade als Roxy Music und hat ganz schön brachiale Gitarren und Drums. Das über sechs Minuten lange „Telegramme“ wirkt dagegen unentschlossen. Letztlich haben wir hier ein sehr kraftvolles Glam Punk Album, das manchmal nicht restlos überzeugt. Vielleicht sind ja Telegram eher eine Singles Band? ***1/2

 

Alex Puddu – In The Eye Of The Cat (LP, Schema)

 

LPAlexPuddu.jpgAlex Puddu ist ein italienischer Musiker und Komponist aus Rom. Seine Musik ist zwar nicht für konkrete Filme gemacht, doch ist sie inspiriert von Filmen und Filmmusiken. Insbesondere Mystery Thriller, B-Movies des italienischen Giallo Film Genres haben es ihm angetan. Filme, in denen schwarz behandschuhte Mörder prächtig ausschauenden jungen Damen im Dunkeln auflauern. Für diese Platte hier hat sich Alex eine erfahrene und schon legendäre Mitarbeiterin gesichert. Die inzwischen 80-jährige Edda Dell’Orso war in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Sängerin Ennio Morricones. Für seine Filmmusiken hat sie ihre Stimme wie ein Instrument eingesetzt, ohne konkrete Worte zu benutzen. Und nun tut sie dies hier wieder für Alex Puddu. Ihre Stimme klingt noch immer frisch und faszinierend. Sie hat sogar mit Alex gemeinsam komponiert und arrangiert. Die Musik klingt oft etwas geheimnisvoll, mitunter auch ausgesprochen groovy. Von afrikanischen und orientalischen Einflüssen bis zu Funk und Jazz reicht die musikalische Palette. Orgel, Moog Synthesizer, Flöte, Cello, Geige, aber auch Bouzouki, Zither, Bongos, afrikanische Trommeln, akustische und elektrische Gitarren, weitere Holz- und Blechbläser und ein äußerst vielseitiger Bass liefern ein fantasievolles Klanggemälde. Die Titel der einzelnen Tracks sind natürlich von imaginären Filmen inspiriert. „In The Eye Of The Cat“ ist ein eine wirklich gelungene und hörenswerte Platte. ***1/2

 

Hexvessel – When We Are Death (LP, Century Media)

 

LPHexvessel.jpgDas dritte Album der Band aus Helsinki ist nun in Deutschland erschienen. Und während die ersten beiden LPs noch bei Svart Records rauskamen, sind die Finnen jetzt bei Century Media beheimatet. Der Sänger und hauptsächliche Songschreiber der Band ist übrigens gar kein Finne. Mat McNerney stammt ursprünglich aus England. Er lebte aber auch schon einige Zeit in Holland und Norwegen und nun seit mindestens fünf Jahren in Helsinki. Ich gestehe, die ersten beiden LPs von Hexvessel nicht zu kennen. Das aktuelle hier bietet eine etwas kuriose Mischung aus Folk und zum Teil recht hartem Rock. Inhaltlich scheint McNerney okkulten Themen zugeneigt zu sein. Und so klingt manches hier dann auch ähnlich wie die frühen Sachen von Jess And The Ancient Ones. Andererseits hat die Band Hexvessel aber wohl auch einen Hang zu großen philosophischen Themen, die sie dann musikalisch verpackt, wie es Radiohead oder die frühen Van Der Graaf Generator nicht schöner hätten machen können. Sie selbst nennen ihre Musik übrigens Psychedelic Forest Folk, wobei ich hier aber Folk nur ansatzweise höre, Psychedelia zu gut wie gar nicht, und den Wald, na ja, den hört man ja nicht, aber es gibt ihn reichlich in Finnland, so viel ist klar. Interessant finde ich, dass Hexvessel erst kürzlich mit Coverversionen von Ultimate Spinach und Yoko Ono auftraten. Ok, an Spinach erinnert der eine oder andere Track hier entfernt, an Ono zum Glück nicht. Dafür erinnern die Stücke mit Orgel oder Piano wiederum ein wenig an The Doors oder gar Deep Purple.  Alles in allem ist das eine merkwürdige Platte. Obwohl die Tracks kaum länger als vier bis fünf Minuten sind und klar strukturiert wie Popsongs, wirkt die ganze Platte mehr wie ein vergessenes Werk des frühen 70er Jahre Prog Rock. Das Tempo ist meist eher verhalten und die Stimmung schwankt zwischen elegisch und theatralisch bis exaltiert. Und vielleicht soll es dann doch psychedelisch sein. Songtitel wie „Drugged Up On The Universe“ oder „Mushroom Spirit Doors“ deuten in diese Richtung. Wie gesagt, seltsame Platte. Aber irgendwie auch ganz interessant. ***

 

Motorpsycho – Here Be Monsters (LP, Stickman)

 

LPHereBeMonsters.jpgSeit den Anfängen um 1990 hat das Trio aus Trondheim weit über 20 Alben veröffentlicht. Die Bandbreite der Stilistik dieser unglaublichen Band ist dabei enorm. Mit ihrer neuen Platte haben sie sich aber wieder mal selbst übertroffen. Eigentlich müsste ja dies hier das Album des Monats sein. Was soll’s, die Scheibe ist so oder so eine der Platten des Jahres. Inhaltlich geht es um innere Dämonen, um Depression und Verletzungen der Seele. Harter Stoff. Doch scheint man ganz analytisch vorzugehen in den Texten, als Therapeut oder Psychiater sozusagen. Die Musik orientiert sich am Progressive Rock der frühen 1970er Jahre. Viel Pink Floyd aber auch King Crimson standen hier Pate. Aber Ryan und Saether wären nicht die exzellenten Musiker, die sie nun mal sind, wenn sie hier einfach was nachahmen würden. Ihre Kompositionen und Arrangements sind eigenständig und überaus spannend. Für die Single, die aus dem Album ausgekoppelt wurde, haben sie sich ein Stück der kurzlebigen Acid Rock Band H.P.Lovecraft aus Chicago ausgesucht. Die Motorpsycho Version klingt etwas dunkler und schwerer als das recht luftige Original. Dennoch strahlt auch die Aufnahme der Norweger eher positive Vibrationen aus. „Big Black Dog“ ist dann mit seinen fast 18 Minuten der Kulminationspunkt des Albums. Steven Wilson wäre vermutlich stolz auf so ein Werk, wäre es ihm eingefallen. Dieser Track klingt als hätten sie sich die besten Ideen von Genesis, Pink Floyd und Yes zu eigen gemacht, um daraus etwas ganz Neues zu entwickeln. Zur Unterstützung hatten sich die Trondheimer ursprünglich wieder der Mitarbeit des Keyboarders Ståle Storløkken versichert, mit dem sie bereits in der Vergangenheit perfekt kooperierten. Leider ließ es dessen Terminkalender nicht zu, mit ihnen ins Studio zu gehen, so dass die Keyboards nun von ihrem langjährigen Freund und Vertrauten Thomas Henriksen gespielt wurden, der im Übrigen auch als Toningenieur an der Produktion beteiligt war. Wer klassischen Prog Rock schätzt, kommt an dieser Platte auf keinen Fall vorbei. ****1/2

 

CDPristine.jpgPristine – Reboot (CD, Pristine Music)

 

Aus Tromsø ganz im Norden Norwegens stammt diese Band um die Blues und Rock Sängerin Heidi Solheim. Obwohl die Sängerin bereits solo Platten veröffentlicht hat, ist dies hier das gemeinsame Debüt der Band, die sich jedoch schon seit langer Zeit kennt. Man scheint sich nicht ganz einig zu sein über die musikalische Ausrichtung. Wie nicht zuletzt positive Reviews in diversen Metal Publikationen bezeugen, ist hier immer wieder harter Blues Rock, Hard Rock mit einem gewissen Hang zu Metal zu hören. Andererseits hört man aber auch hier und da psychedelische Untertöne. Und die Hammond Orgel, die hier gerne eingesetzt wird, schafft ebenso wie eine Flöte gewisse Bezüge zu frühem Siebzigerjahre Rock wenn nicht gar Prog Rock. Besonders deutlich wird das beim Titelsong und beim folgenden „The Middlemen“, dem längsten Track des Albums. Die Gitarre erinnert hier durchaus an David Gilmour, ohne so zu langweilen wie er selbst auf seiner letzten Platte. Vergleiche mit Led Zeppelin, Janis Joplin und Cream werden angestellt. Na ja, man kann vieles vergleichen. Ich finde, Pristine klingen trotz deutlicher Wurzeln im Blues und Hard Rock der frühen Siebziger ziemlich frisch und eigenständig. Eine gewisse Nähe zu den schwedischen Blues Pills kann man vielleicht ja konstatieren. Bei den einschlägigen Webseiten der vor allem deutschen Hard & Heavy Gemeinde macht man jedenfalls bereits vor Begeisterung unter sich. Und schlecht ist dieses Album wirklich nicht. Ein bisschen unausgewogen vielleicht. Obgleich hier die üblichen Hard Rock Klischees weitgehend fehlen, wäre mir etwas weniger Pose doch lieber. Mit „The Lemon Waltz“, einer fast poppigen Ballade, wird dann jedoch ein schöner Schlusspunkt gesetzt. ***1/2

 

LPSunflowerBean.jpgSunflower Bean – Human Ceremony (LP, Fat Possum)

 

Das Debüt eines jungen Trios aus Brooklyn ist das hier. Eine hübsche Mixtur aus moderner Psychedelia, irrisierendem Shoegazer Pop und einem sympathischen Selbstbewusstsein. Die drei sind so jung, 2013 liegt für sie in ferner Vergangenheit. Aus den vergangenen vier bis fünf Jahrzehnten haben sie sich nur die besten Platten angehört, könnte man vermuten. Frühe Pink Floyd, The Smiths, Hüsker Dü, 70er und 80er Jahre Fleetwood Mac, The Velvet Underground. All das hat hier Spuren hinterlassen. Julia Cumming, die singende Bassistin, lässt auch Vergleiche mit Dum Dum Girls oder Best Coast aufkommen. Ziemlich abwechslungsreich und vielseitig klingt die Platte. Von naivem Kinderpop bis zu fast schon brachialem Rock geht hier vieles, gerne auch munter durcheinander. So unbekümmert können nur ganz junge Musiker mit dem Erbe der letzten 50 Jahre umgehen. Das macht zum großen Teil ziemlich viel Spaß. Gelegentlich lässt es aber auch nachsichtig den Kopf schütteln. ***1/2

 

CDUnderclass.jpgThe Underclass – Grey Zone (CD, Hiljaiset Levyt)

 

Eine klassische Punk Band aus Tampere, Finnland, sind The Underclass. Anders als die meisten finnischen Punk Bands singen sie jedoch nicht in ihrer Muttersprache sondern auf Englisch. Vorbilder, Einflüsse sind eindeutig The Clash, Sex Pistols, Sham 69, The Adverts. In ihren Songs nehmen sie eindeutig Stellung auf Seiten der Verlierer und Benachteiligten dieser Gesellschaft. Im Titelsong der Platte machen sie uns klar, dass es keine graue Zone gibt. Man muss sich klar positionieren, fordern sie. So ehrenwert das sein mag, etwas Rührendes hat ihr heiliger Zorn und ihre eindeutige Haltung irgendwie auch. Und mitunter wird das dann leider ziemlich klischeehaft. Vielleicht wäre ein bisschen Selbstironie nicht schlecht. Allenfalls ein gewisser Fatalismus scheint ab und zu durch. Doch ich bin sicher, man kann mit den Jungs prima feiern und das eine oder andere Bier verhaften. ***

 

Les Millionnaires – Pink’s Not Dead! (CD, 1969ok! Records)

 

CDMillionnaires.jpgGerade eben noch in meinem Briefkasten gelandet ist diese CD aus München. Christian Höck hat bei The Heartbeats in den 1990er Jahren Bass und Keyboards gespielt. The Heartbeats waren die beste Sixties orientierte Band, die aus der bayrischen Metropole stammte. Ach ist das schon wieder lange her. Christian betreibt seit Jahren ein Tonstudio in München. Und mit einer Band namens Phonoboy spielt er moderne Popmusik. Oder ist er selbst gar der Phonoboy? Wie auch immer, seine Partnerin im Studio heißt Fredo Ramone. Und nun ist sie auch seine Partnerin bei dieser Produktion hier. Fredo scheint Französin zu sein. Sie singt jedenfalls meistens Französisch. Christian spielt alle Instrumente und hat das Ganze aufgenommen, abgemischt, produziert. Das Ergebnis erinnert ein ganz klein wenig an Stereo Total. Meistens klingt es aber eher wie eine Mischung aus Plastic Bertrand, Jacques Dutronc, und französischem Yé Yé Pop. Sogar Serge Gainsbourg und Jane Birkin fallen einem dabei ein. Na ja, ist auch irgendwie naheliegend. Bei den schnellen punkigen Tracks macht das viel Spaß, auch wenn man kein Französisch versteht. Auch die Botschaft des Songs „Je suis Charlie“ ist klar. „Badgeman“ ist kein anderer als Batman, songtechnisch jedenfalls. Und diese Sixties Anleihen in Sound und Songwriting sind überhaupt sehr sympathisch. Diese leicht anarchistische Attitüde, die hier immer wieder anklingt, gefällt mir. Chanson Punk könnte man das nennen. Und wenn Fredo einmal deutsch singt mit ihrem niedlichen Akzent, dann ausgerechnet übers blond sein und über James Bond. Sehr unterhaltsame Platte. Wird sicher zu Sylvester oft gespielt werden, aber auch sonst auf diversen Parties landauf landab. ***1/2

 

LPLondonSouls.jpgThe London Souls – Here Come The Girls (LP, Round Hill Records)

 

Der Name der Band bzw. dieses Duos ist etwas irreführend. Sie sind nämlich in New York zuhause. „Here Come The Girls“ ist ihr zweites Album, das eigentlich schon vor zwei Jahren erscheinen sollte, aber aufgrund widriger Umstände erst im Sommer diesen Jahres rauskam. Tash Neal spielt Gitarre und Bass und singt Lead Vocals. Chris St. Hilaire spielt Schlagzeug, Piano und Bass, und er singt auch. Dazu kommen noch einige Gastmusiker u.a. an der Orgel und diversen Blasinstrumenten. Chris und Tash kennen sich seit der Schulzeit und machen auch schon seit damals (2008) zusammen Musik. Stilistisch ist das gar nicht so leicht einzuordnen, was die beiden hier bieten. Die Basis ist Rock, manchmal sogar ziemlich harter. Aber Pop und Soul sind auch dabei, und auch Folk Rock. Tash Neals Stimme erinnert mitunter an den jungen Rod Stewart. Das Songwriting lässt an Badfinger denken. Der Name The London Souls macht also schon Sinn. So richtig Soul ist das dann allerdings doch nicht. Dafür klingen die Gitarren zu sehr nach Rockgitarren, nach Paul Kossoff oder nach Mick Ralphs. Eben noch Blues Rock, dann schon wieder Beatles Pop oder Byrds Folk Rock. Eine schöne abwechslungsreiche Platte ist das mit überdurchschnittlich guten Songs. Und ja, Rod Stewart kommt einem auch immer wieder in den Sinn dabei. Nicht Rod The Mod, aber Rod als er noch gut war. ****

 

LPWhiteReaper.jpgWhite Reaper – Does It Again (LP, Polyvinyl Records)

 

Auch diese Platte ist schon im Sommer erschienen. Und jetzt bin auch ich darauf aufmerksam geworden dank der Sen-dung „Versus“ bei Stone.fm. Es ist ein Debütalbum. Die Band stammt aus Louisville, Kentucky. Sie klingt aber eigentlich mehr nach L.A. oder New York, will sagen großstädtischer. Andererseits was weiß ich schon über die Musikszene in Louisville. White Reaper sind vier Jungs in klassischer Besetzung mit Bass, Gitarre, Schlagzeug und Keyboards. Der Gitarrist ist der Leadsänger. Die Musik der Jungs ist Power Pop. Mal etwas mehr Punk orientiert, mal mehr Pop. Die schnellen, adrenalingetriebenen und durchweg fröhlichen Tracks lassen an die Dickies denken, falls die noch jemand kennt. Mitunter klingt die Gitarre dann auch wie bei Mick Ronson oder gar bei Marc Bolan. Zwölf Tracks sind hier zu hören. Alle flott und mit eingängigen Hooks, schicken Melo-dien und dem einen oder anderen Gimmick versehen. Songs wie „Candy“, „Sheila“, „Pills“ oder „Friday The 13th“ gehen sofort ins Ohr und setzen sich fest. Ohrwurm nennt man das. Eine prima Party Platte haben die Jungs da aufgenommen. ***1/2

 

Wanda – Bussi (LP/CD, Vertigo Berlin)

 

Die deutschsprachige Konsenskapelle des vergangenen Jahres ist nun beim Major aus Berlin unter Vertrag, und ihr zweites Album erntet begeisterte Reviews allüberall. Die Fans der ersten Stunde jedoch rümpfen ein wenig die Nase. Warum das ist so ist, will sich mir nicht so recht erschließen. Natürlich setzen die Jungs aus Wien Bewährtes fort. Und natürlich sind einige der Songs hier schon länger im Programm und bei der Auswahl fürs erste Album durch den Rost gefallen. Schlecht sind sie deshalb aber noch lange nicht. Insofern ist das ein Rummäkeln auf hohem Niveau. Wenn man grundsätzlich diesen lockeren Rockpop mit charmantem Wiener Schlager-Schmäh goutiert, dann  gibt es hier nichts zu meckern. Wer das erste Album toll fand, muss eigentlich auch dieses hier mögen. Es sei denn, er lehnt prinzipiell eine Wiederholung erfolgreicher Konzepte ab. Ich persönlich finde die Platte sympathisch. Musikalisch angenehm ohrwurmartig, dezent Britpop informiert und unaufdringlich einschmeichelnd. Der Gesang ist, obwohl man ihn ja eigentlich versteht, irgendwo unwichtig im Sound eingebettet. Will sagen, ich verstehe was da gesungen wird, aber es spielt für mich keine Rolle. Die Stimme ist für mich mehr Instrument als Botschaft. Insofern gefällt mir das Stück „Bussi Baby“ halt eigentlich fast so gut wie „Bologna“ vom ersten Album, obwohl dieses dann doch einen Deut origineller, charmanter ist. Beim Opener hier „1,2,3,4“ muss ich unwillkürlich an die aktuelle Almased Werbung kurz vor der Tagesschau denken. Irgendwie laden alle Songs gleich gut zum Mitsingen oder besser Mitgröhlen ein. Und alle Songs haben dieses Mitschunkeltempo, das man auch mit fünf Bier oder ner Flasche Rotwein noch mithalten kann. Keine Ahnung, ob man zwei Alben dieser Machart braucht. Die einen werden das Debüt bevorzugen, die anderen, die etwas länger brauchen, finden vielleicht dieses hier richtig toll und kaufen das erste trotzdem auch noch nach. Vielleicht reicht auch eine Best of Platte aus beiden. Für mich ist das angenehme Musik zum Nebenbeihören oder für den geselligen Abend mit Freunden, die Deutschsprachiges bevorzugen. Das Debüt ist insofern vorzuziehen, da dort die Songs insgesamt noch frischer und tatsächlich abwechslungsreicher sind. Aber alleine und zur Erbauung würde ich weder diese noch die andere Platte auflegen. ***

 

LPArcs.jpgThe Arcs – Yours, Dreamily (LP/CD, Nonesuch)

 

Dan Auerbachs Soloalbum „Keep It Hid“ erschien 2009. Das letzte Black Keys kam voriges Jahr raus und fügte dem genialen „El Camino“ von 2011 eigentlich nichts wirklich Neues mehr hinzu. Zeit also, was ganz anderes auszuprobieren. Mit einigen befreundeten Musikern, aber ohne seinen Partner Patrick Carney, nahm Dan Auerbach also an diversen Orten im Verlauf von nur wenigen Wochen ein Album auf, das hier nun unter dem Bandnamen The Arcs erscheint. Das Songwriting unterscheidet sich gar nicht so sehr von dem, was wir von Dan kennen. Aber die Arrangements sind filigraner, ausgefeilter. Die Atmosphäre changiert zwischen Südstaaten Flair mit einer Spur Soul und Westcoast Einflüssen von Country Rock bis Psychedelia. Sehr schön entspannt groovt das dahin. Und gelegentlich hört man sogar einen Anflug von Lounge Sounds. Doch bevor es zu trippy wird, erdet ein solides Blues Riff die Sache wieder. Nach der Cocktail Party lehnen wir uns zurück und hängen unseren Gedanken nach. Was bleibt? Was hat Bestand? Wir wissen es nicht, aber wir tauchen ein in unsere Träume und in die von The Arcs. Eine feine, eine entspannte und tatsächlich auch etwas verträumte Platte ist das. ****

 

LPMäkkelä.jpgMäkkelä – Last Of A Dying Breed (LP/CD, 9pm Records)

 

Mäkkelä, das ist eigentlich Martti Trillitzsch, Halbfinne aus Nürnberg, der seit vielen Jahren unorthodoxe Musik macht zwischen Punk Rock, Folk Rock und irgendwas sehr finnischem Eigenem. Für diese neue Sammlung von zwölf Tracks hat er sich Zeit gelassen. Vier Jahre ist es her, da erschien das Album „Church Of The Blue Nun“. Das war schon recht ungewöhnlich, aber letztlich doch ein Pop Rock Album mit eingängigen Melodien und fröhlicher Atmosphäre. Diese Platte jetzt ist vielschichtiger, doppelbödig, wenn man so will. Entstanden ist sie in Rovaniemi, in Berlin Köpenick, in Nürnberg und in Südfinnland. Und immer waren gute Bekannte, befreundete Musikerinnen und Musiker mit dabei. Alex Schicht von Throw That Beat In The Garbagecan, Anja Kröpke von der Frauenband The Shivas, Pentti Dassum von Cosmo Jones Beat Machine und neben vielen anderen schließlich auch zwei Musiker der finnischen Nightingales. Was dabei entstanden ist, das sind zwölf Tracks von schrägem Folk Rock, verschrobenem Singer Songwriter Pop und gelegentlich überkandideltem Akustik Jazz. Mäkkeläs Ge-sang ist noch manierierter geworden. Mal erinnert er mich an TV Smith und dann wieder an Billy Bragg. Die Songs könnten auch von eben diesen Herren sein. Manchmal auch von Tom Waits. Die Musik ist meist akustisch. Gitarre, irische Bouzouki, Akkordeon, Piano, Standbass, ein bisschen Percussion mit Kücheninstrumenten, und dann sind da noch ein Blechbläser gelegentlich. Mäkkelä erzählt Geschichten, erfundene, erlebte, absurde, unglaubliche, unkonventionelle und erheiternde, manchmal auch nachdenkliche. Americana wäre hierfür der falsche Ausdruck. „Last Of A Dying Breed“, der Titel passt. Diese Platte verströmt einen melancholischen Charme, so wie irgendein skurriles Roadmovie. ***1/2

 

Die Buben im Pelz & Freundinnen – s/t (LP/CD, Konkord)

 

LPBuben.jpgNun ja, diese Platte wird vermutlich nicht von allen gemocht werden. Aus der berühmten Banane auf dem Frontcover wird eine pralle Bratwurst. Und die eigentlich völlig unironische und natürlich absolut grandiose LP The Velvet Underground & Nico wird hier von ein paar Wiener Musikern und Kleinkünstlern auf sehr ironische und auch recht typisch weanerische Art gecovert. Musikalisch hält man sich weitgehend an die originalen Arrangements und Instrumentierungen. Und der Velvet Underground des New York der Sechziger lässt sich erstaunlich gut in die matt sepiagetönte Wiener Boheme der Gegenwart versetzen. Die Band hier ist weitgehend mit der inzwischen inaktiven Neigungsgruppe Sex, Gewalt & Gute Laune identisch, die ja schon Songs von Pete Doherty, Lana Del Rey u.a. ins Weanerische übertrug. Auch die Songs von Lou Reed werden sehr einfühlsam und sachdienlich ins Weanerische übersetzt. Wunderbar gelungen zum Beispiel „Tiaf wia a Spiagl“ bei dem eine gewisse Monsterheart mitsingt. Und „Das Todesengel Lied“ wird hier zu einem morbiden Kirmesgesang mit verrückter Bandbegleitung. Der European Son wir zum „Weana Bua“. Wie gesagt, nicht jeder wird das mögen oder überhaupt verstehen. Mir gefällt das sehr. Ich hab‘ eh eine Schwäche fürs Weanerische. Und eine meiner Lieblingsplatten auf Weanerisch, das ist klasse! Wenn man mal von der Bratwurst auf dem Frontcover absieht, ist auch die Gestaltung von Cover und Label eine Hommage ans Original. Ich glaube in anderen Mundarten würde das nicht funktionieren. Und so sehr die Musik das Original beschwört, so ist eben auch ein gerüttet Maß Wiener Schmäh mit dabei. Die Originalplatte klingt schroffer. Eben völlig unironisch. ****

 

LPBlockflöte.jpgBlockflöte des Todes – Fifty Shades Of Earl Grey (LP/CD, Revolver Distribution Services)

 

Es hat sich was verändert bei Matthias Schrei. Der Mann, der unter dem Namen Blockflöte des Todes firmiert, ist offenbar Vater geworden. Gleich der erste Song auf seinem neuen Album beschäftigt sich mit seiner kleinen Tochter. Und das tut er natürlich auf die typische Art des Matthias Schrei, ein bisschen sarkastisch. Aber der junge Vater spricht auch sehr einfühlsam und verständnisvoll mit dem kleinen Mädchen. Auch sonst merkt man der Platte an, dass der Künstler etwas älter und abgeklärter geworden ist. Musikalisch ist das hier chansonhafter deutscher Pop. Inhaltlich ist das irgendwo zwischen kabarettistischer Kleinkunst und hintersinniger Liedermacherei. Manche der Songs sind wirklich genial wie etwa „Das Gras auf der anderen Seite“. Andere sind ein bisschen zu sehr auf banale Wirkung hin konzipiert. Und einige sind einfach völlig überkandidelt. Früher war der Mann etwas direkter und vielleicht auch masochistischer. Inzwischen ist er im Ansatz wenigstens nachdenklicher. Na ja, manchmal. Das Problem mit seinen originellen Ideen und Wortspielen ist, sie wirken nur beim ersten Mal so richtig überraschend. Trotzdem kann man die Platte immer wieder hören, weil sie eben auch so charmant absurd ist. Und zum Schluss kommt dann nochmal die kleine Tochter ins Spiel, die nun endlich einschlafen soll, sonst wird das nichts mit einem Geschwisterkind. ***1/2

 

CDIrocco.jpgIrocco – Konstrukt (CD, Bel Äir)

 

Auch diese Band singt in ihrer Muttersprache Deutsch. Das ist dann auch schon die einzige Gemeinsamkeit mit der Blockflöte des Todes. Neuer deutscher Postrock, sagt die Band selbst. Na ja, was ist denn eigentlich Postrock? Klar, aktuelle, moderne Rockmusik, die eben nicht mehr typische Rock Klischees bedient. Doch die Rockmusik der letzten 20-30 Jahre hinterlässt natürlich trotzdem ihre Spuren im Klangbild dieser vier Hamburger. Das ist nicht immer leicht zuzuordnen. Eher Britisch als Amerikanisch im Ansatz. Letztlich und vor allem wegen des Gesangs aber doch ganz schön Deutsch. Irgendwo zwischen Hamburger Schule und DDR Rock der Achtziger. Das Erstaunliche hier ist allerdings, ich verstehe jedes Wort, aber ich weiß eigentlich nicht, was mir die Künstler sagen wollen. Woran erinnert mich diese Platte bloß? Es muss irgendwas Ungutes sein. Postrock? Nee, die Gitarren gniedeln zum Teil ganz schön klischeehaft. U2 lassen grüßen. Andererseits wirkt das Ganze auch nicht wirklich unsympathisch. Ich mag es jedoch eher nicht. **1/2

 

Hurricane Dean – N53° E7° (CD, Bright Wave/Soulfood)

 

Auf Ostfriesland kommt man sicher nicht, wenn man diese Musik hört. Aber genau daher kommt diese Band, deren Debüt das hier ist. Im Info steht was von Dark Wave, Joy Division und Depeche Mode. Höre ich hier allerdings nicht. Höchstens dann, wenn man unter Dark Wave diesen Grafen und Unheilig versteht. Aber damit möchten die Jungs doch sicher nicht verglichen werden. Leider erinnert ihr Sound mitunter genau daran. Auch U2 fällt mir ein. Ja, die Achtziger hinterlassen hier schon deutliche Spuren. Leider eher die uncoolen, schlecht gealterten Achtziger. „‘Arsenal Of Colors‘ hat dank seines fluoreszierenden New Wave Sounds, einem hymnischen Refrain und White Lies Gitarren das Zeug zu einem kleinen Hit.“, schreibt der Musikexpress. Ja, mag sein. Aber die White Lies hatten auch nur eine äußerst kurze Halbwertszeit. Bei mir jedenfalls. Und Hurricane Dean will eigentlich gar nicht zünden. Einzig „Lampion“ erzeugt bei mir ein Gefühl der Zuneigung. Der Track evoziert Lana Del Rey erstaunlicherweise. Der Rest ist mir zu pathetisch und zu klischeehaft. Schade eigentlich. Da wollen die Jungs laut Info Klischees abbauen. Und dann bedienen sie wieder welche. Live sollen sie ja ganz knackig sein. **1/2

 

Ouzo Bazooka – Ouzo Bazooka (CD/LP, Helicon)

 

LPOuzo.jpgTel Aviv ist die Heimatstadt dieser Band um den Sänger und Songwriter Uri Brainer Kinrot, der sich Ouzo Bazooka nennt. Ich habe keine Ahnung wie Rock Musik aus Israel zu klingen hat. Die Musik auf diesem Debütalbum hier klingt jedenfalls sehr international. Kinrot hat bereits mit diversen Gruppen und Musikern aus aller Herren Länder zusammen gearbeitet. Surf Rock, Balkan Beat und Punk hat er gespielt. Die Musik von Ouzo Bazooka ist von all diesen Stilen inspiriert. Glam Rock mit einem gewissen orientalischen Flair, so könnte man sagen. Die Band selbst nennt es mediterranen Psych Rock. Nun, besonders psychedelisch finde ich den Sound nicht. Dann doch eher orientalisch, was ja auch durchaus seinen Reiz hat. 11 der 13 Songs hier hat Kinrot selbst geschrieben. Ein Song stammt aus der Feder des israelischen Singer / Songwriters Allan Moon. Und dann ist da noch „Children Of The Revolution“, im Original natürlich von T.Rex. Neben den Balkan Beats überzeugen mich am ehesten die Surf Beat orientierten Tracks, von denen es einige gibt auf der Platte. Twangy Gitarren treffen auf satten Bass und gelegentliche Keyboard Flächen. Darunter wie gesagt der Balkan Beat, der selbst vor Marc Bolans Komposition nicht Halt macht. ***1/2

 

Die Suurbiers  – Teenage Rebell (2LP, Verein für Suurbier Kultur und Handwerk)

 

Dieses Doppelalbum wurde von Freunden und Fans von Cäpt‘n Suurbier per Crowdfunding realisiert. Micha Wahler starb überraschend am Valentinstag 2014. Schon auf seiner Beerdigung entstand die Idee zu dieser Platte, die sein Vermächtnis werden sollte. Ehemalige Wegbegleiter und Mitmusiker des Cäpt’n trafen sich regelmäßig. Nachdem die Finanzierung des Projekts durch Crowdfunding gesichert war, wurden private Archive durchforstet, Fotos und Artikel gesichtet, zahlreiche Bänder abgehört. Schließlich wurde eine Auswahl von 24 Tracks festgelegt, die das Gesamtwerk der Band Die Suurbiers von den Anfängen in den frühen Achtzigern bis in die jüngere Vergangenheit gut repräsentieren und dokumentieren. Die Band war ja, was leider gar nicht viele Leute wissen, die Wiege und die Keimzelle des Fun Punk in Deutschland. Dirk Felsenheimer und Hans Runge spielten in der Urbesetzung der Suurbiers, bevor sie mit einem gewissen Jan Vetter eine Band namens Die Ärzte gründeten. Auch der langjährige Drummer der Toten Hosen, Wölli, verdiente sich erste Sporen bei den Suurbiers. Und der spätere Bassist der Rainbirds, Beckmann, zupfte seine vier Saiten zunächst im Verein mit Cäpt’n Suurbier. Micha Wahler war die einzige Konstante in der Band, die bis ins neue Jahrtausend immer mal wieder live auftrat und auch den einen oder anderen Tonträger veröffentlichte. Die Songs schrieb der Cäpt’n alle selbst. Immer auf Deutsch, weil er sich da am besten und verständlichsten ausdrücken konnte. Und bei allem Spaß und aller Dollerei hatte er durchaus auch was zu sagen. Seine Einflüsse musikalischer Art reichten von Johnny Cash und Jerry Lee Lewis über die Ramones und Jonathan Richman bis zu den Stray Cats und Billy Bragg. Seine Lyrik orientierte sich gerne mal an Heinz Ehrhardt. Die 24 Tracks sind mehr oder weniger chronologisch sortiert über vier LP Seiten. Gut ein Drittel wurde schon mal irgendwann und irgendwo veröffentlicht. Alle Aufnahmen wurden sorgfältig remastert. Natürlich hört man eine gewisse Entwicklung sowohl inhaltlich wie musikalisch. Schließlich werden hier rund 30 Jahre Suurbiers repräsentiert. Auf den Innenhüllen der beiden LPs sind alle Texte abgedruckt. Und ein großformatiges Beiheft erzählt die Geschichte von Micha Wahler und seiner Band. Zahlreiche Fotos gehören natürlich auch dazu. Dieses Doppelalbum dokumentiert ein Stück Berliner Pop Kultur und Zeitgeschichte. Gegen Ende werden die Songs etwas nachdenklicher, philosophischer. So wie Micha selbst. Er fehlt uns. Diese Platte dient seinem Andenken. Die 500 Exemplare sind übrigens schon ausverkauft. Vielleicht gibt es ja bald eine zweite Auflage? ****

 

The Truffauts – Sycamore (CD, TP9 Records)

 

CDSycamore.jpgSie sind wohl die dienstälteste frankophile Garage Pop Band in Deutschland, The Truffauts aus Nürnberg. Gegründet 1987 und benannt nach dem französischen Regisseur Francois Truffaut. Ihr zwölftes Album ist „Sycamore“, aber ihr Stil hat sich in den ganzen Jahren nicht grundlegend verändert. Sie spielen nach wie vor Garage Pop mit verzerrten Gitarren, die manchmal aber auch sehr hübsch jangeln. Mit flottem Beat und fluffigen Melodien, die meist mit französischen Lyrics vorgetragen werden, gelegentlich auch auf Englisch. Wenn sie Englisch singen, dann klingen sie hier auf diesem neuen Album mal wie The Replacements, mal wie der Teenage Fanclub. Bei „Catch 22“ hat sich eine Rückwärts-Gitarre eingeschlichen und ein ziemlich fettes Bass-Riff. Wenn sie Französisch singen, dann erinnern The Truffauts an Chanson Sänger, die eigentlich lieber rocken. „L’Amour en fuite“ lässt sogar einen Moment an ein Duett Bardot/Gainsbourg denken. In Wirklichkeit singt hier der Bassist der Band Jean-Jacques Boucher mit der zauberhaften Gastsängerin Julie La Colline gemeinsam. Das Stück „Combien de fois“ gibt es gleich dreimal auf der Platte in drei musikalisch ganz unterschiedlichen Versionen. Jede dieser Versionen hat was für sich. Schöne Idee. Alles in allem ein hörenswertes und recht angenehmes Album. Vielleicht ihr bestes. Aber das kann auch täuschen. Die anderen habe ich lange nicht gehört. Also ihr momentan bestes. ***1/2

 

Hodja The Band – Hodja The Band (CD/LP, Nois-o-lution Records)

 

Letztes Jahr habe ich in meiner Sendung bei Radio Alex in Berlin ein paar Mal Musik von der Reverend Snake Oil Company gespielt, einer amerikanischen Blues und Country Band, die in Kopenhagen ihre Zelte aufgeschlagen hat. Hodja ist ein Ableger von diesem Blues Kollektiv und macht etwas knapper und direkter im Prinzip ähnliche Musik wie das Mutterprojekt. Also Country, Blues und Noise Rock, der ziemlich roh und ungeschliffen daher kommt, aber damit mehr Gefühl transportiert, als so manche glattpolierte und durchgestylte Pop Produktion. Gospel, Soul und Voodoo haben hier ebenfalls Spuren hinterlassen. Schwarzer Rock’n’Roll, ja das trifft es ganz gut, denke ich. Auf einer LP mit zehn Tracks kann man sich das nun anhören. Die Gitarre stöhnt und schreit, dass es eine Lust ist. Und der Sänger macht es ganz ähnlich. Hin und wieder klingt es auch mal verhaltener. Man muss ja auch mal verschnaufen, um dann gleich wieder voll auf die Zwölf hauen zu können. Der Drummer F.W. Smolls ist bei Jerry Granelli, Drummer bei The Grateful Dead, in die Lehre gegangen. Und ein Hodja ist übrigens ein Lehrer  islamischer Religionslehre, bzw. die Anrede, die für einen solchen gebräuchlich ist. Was das mit der Musik hier zu tun hat? – Keine Ahnung. Aufgenommen wurde die Platte im ehemaligen Freistaat Christiana in Kopenhagen. Gute Platte: sinnlich, aufregend, manchmal auch nachdenklich. Live kann man Hodja The Band übrigens am 11. April 2015 bei der 20 Jahre Nois-o-lution Party im Tiefgrund in der Laskerstraße 5 (Nähe Bahnhof Ostkreuz) erleben. Da spielen auch Coogans Bluff und noch andere. Lohnt sich also. Die Platte hier lohnt sich auch. ***1/2

 

Noel Gallagher’s High Flying Birds – Chasing Yesterday (CD/LP, Sour Mash)

 

Das zweite Solo Album des großen Bruders. Bei den ersten Takten denkt man sofort an Oasis. Wie viele Songs der Band fangen so an? Akustische Gitarre spielt denselben Akkord durch, typisches Drum Intro, aber wenn dann Gesang beginnt, dann weiß man, Liam ist hier nicht dabei. Aber ist das wirklich so schlimm, wie uns der gewöhnliche Oasis Fan seit der Trennung der Band unermüdlich weiß machen will? Mir gefällt diese Platte hier. Und sie erinnert mich viel mehr an Oasis, als alle bisher von Liams Ableger veröffentlichten Aufnahmen, wie wohl die durchaus auch hörenswert sind. Noel hat halt nicht das Organ seines kleinen Bruders. Vielleicht fehlt ihm auch ein bisschen dessen unbekümmerte Lässigkeit beim Vortrag, aber genügend Chuzpe und und Selbstvertrauen hat er allemal. „In The Heat Of The Moment“ und „The Ballad Of The Mighty I“ sind würdige Singles, und mit “The Girl With X-Ray Eyes” ist der großartigste Track des Albums noch nicht mal als 7” erschienen. Vorhersehbar, langweilig, einfallslos – so das Verdikt der Kritiker. – Pah! Wer eine Noel Gallagher Platte kauft, bekommt Musik, wie sie ein Noel Gallagher nun mal schreibt, spielt und produziert. So what? Mir gefällt diese Platte. Und je öfter ich sie höre, desto besser gefällt sie mir. Natürlich gibt es hier keine Überraschungen, außer der, dass es Noel halt immer noch kann. Mir würde eine Re-Union von Oasis auch gefallen. Ist aber nicht mit zu rechnen. So lange bin ich mit dieser LP hochzufrieden. Die beste Oasis LP ohne Liam ist das bisher. Und wo bleibt nun was Neues von Beady Eye? „Chasing Yesterday“ bekommt ****

 

Steven Wilson  Hand, Cannot, Erase (CD/2LP, K-Scope)

 

Progressive Rock ist also wieder da. Richtig weg war er ja nie. Aber in den Charts so weit oben (Immerhin Platz Drei hier in Deutschland, und nach einer Woche nicht gleich wieder raus) war schon sehr lange keine LP mehr, die unter diesem Moniker geführt werden kann. Während Steven Wilson beim Vorgänger „The Raven That Refused To Sing“ doch sehr nah und vor allem zu ehrfürchtig an den Vorbildern klebte, ist diese Platte hier nun eine vollkommen selbstverständliche und eigenständige Angelegenheit, die ihre Vorbilder natürlich nicht verleugnet, aber doch sehr selbstbewusst und mit fast schon eigenem Stil daherkommt. Mal abgesehen davon, dass ein großes LP Klappcover und ein Beiheft in eben diesem Format natürlich viel mehr her machen, als so ein fipsiges CD Booklet, sollte man aber auch die Vinylversion hören, denn sie klingt tatsächlich runder, wärmer, in einem Wort angenehmer. „Hand, Cannot, Erase“ ist zwar kein klassisches Konzeptalbum, aber es beschäftigt sich schon durchgängig mit einem Thema. Das unbemerkte Verschwinden, der jahrelang unbemerkte Tod einer jungen Frau gab Steven Wilson so viel Anlass zum Nachdenken, beschäftigte ihn so sehr, dass er dieses Album daraufhin konzipierte. Was bleibt von einem Menschen, wenn sie/er verschwindet? Wie gleichgültig ist uns unsere Umgebung? Woran erinnern wir uns eigentlich, wenn jemand aus unserem Bekanntenkreis auf einmal nicht mehr da ist? Musikalisch ist das entlang den klassischen Mitteln des Seventies Prog Rock umgesetzt. Ein weitgehend ruhiges, melancholisches Album ist dabei entstanden. Natürlich hört der fachkundige Rezipient immer mal wieder Anleihen bei den Originalen der frühen Seventies. Ich nehme an, diese musikalischen Bezüge sind mehr oder weniger unbewusst in die Kompositionen und Arrangements Wilsons eingeflossen. Meine Assoziationen waren bei „3 Years Older“ die Moody Blues aber auch The Who. Natürlich beziehen sich solche Assoziationen eher auf einen bestimmten Gitarrensound, ein Melodieschnipsel oder einfach nur eine Stimmung. Später dann bei „Routine“ etwa fallen mir die frühen Genesis ein. Dann wieder Pete Townshends Gitarrensound bei „Home Invasion“ aber genauso natürlich auch Steve Howe. Und schließlich muss ich ELP und „Knife Edge“ denken an einer Stelle bei „Regret #9“, glaube ich. Das alles stört aber nicht. Warum auch? Es macht mir die Platte, die Musik gleich sympathisch. Hier ist was, das baut auf Dingen auf, die ich kenne und schätze. Und Wilson macht wie gesagt etwas ganz Eigenes daraus. Er spielt mit Traditionen, in diesem Fall vielleicht sogar ganz bewusst. Übrigens empfehle ich auch, die Platte am Stück zu hören und in der Reihenfolge wie vorgesehen. Es findet nämlich durchaus eine Entwicklung statt. Und die Balance zwischen den Stücken ist beabsichtigt. Griffe man einzelne Tracks heraus, erschlösse sich diese Balance nicht und das Hörerlebnis wäre zumindest gestört, wenn nicht sogar zerstört. Ich bin von der Platte durchaus beeindruckt. Und ich höre sie momentan sehr gern und immer wieder. ****

 

Brausepöter – Selbstauslöser (CD/LP, Überfall Records)

 

Vor einigen Wochen fand ich in meinem Postfach diese CD der deutschen Band Brausepöter. Ganz weit hinten in meinem Oberstübchen dämmerte es. Eine Single mit dem Titel „Liebe, Glück, Zufriedenheit“ auf dem ZickZack Label hatte ich Anfang der 80er mal von dieser Band. Fun Punk war das, auch wenn man es damals wahrscheinlich nicht so nannte. Wie ich jetzt hier im Waschzettel zur Platte lese erschien 2010 eine weitere Single von Brausepöter mit zwei Aufnahmen von damals. Und diese Single machte dann weltweit Furore. Das führende US Punk Fanzine Maximum Rock’n’ Roll zeigte sich begeistert. Und wie’s halt so ist, die Band tat sich wieder zusammen, alte Aufnahmen wurden entstaubt und auf einer „Komplett!“ CD rausgebracht. Und nun auch ein neues Album. Was mich schon damals für die Jungs einnahm, das ist ihr Hang zur Professionalität ohne es damit zu übertreiben, ihr Sinn für Humor und die Fähigkeit, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen. Diese neue Scheibe bietet eine Mischung aus Live- und Studioaufnahmen. Mit dabei straighter Rock’n’Roll, Punk Rock, eine Ramones Coverversion, deutsche Texte, die weder peinlich noch allzu hochtrabend sind. Brausepöter spielen deutschen Rock, aber eben keinen Deutschrock. Sie spielen ganz bewusst mit Klischees, aber immer mit einem gewissen Augenzwinkern. Besonders gefallen mir „Ich hör jetzt nur noch Pink Floyd“, das den alten Hippie Rock schön auf die Schippe nimmt, und „Schmutzig“, das ebenfalls eher breitbeinigen Siebziger Rock auf’s Korn nimmt. Die drei Brausepöter machen im Prinzip das, was die Toten Hosen inzwischen nicht mehr drauf haben, bodenständigen, volksnahen deutschsprachigen Rock.  Udo Lindenberg oder die Gebrüder Engel haben vor rund 40 Jahren ähnlich gute Musik gemacht. Aber Brausepöter machen ihre Musik im Hier und Jetzt, und das ist gut so. ***1/2

 

CDMargin.jpgMargin – Psychedelic Teatime (CD, Madvedge Records)

 

Margin ist eine Berliner Band. Ein psychedelisches Trio unter Federführung von Lutz Meinert, der alle Songs schrieb und arrangierte und dabei auch noch die meisten Instrumente spielte. Mit Pink Floyd werden sie gleich verglichen. Und sowohl die Babyblauen Seiten als auch das deutsche Classic Rock Magazin ziehen Margin dem Original vor. Zumindest wird im Vergleich zu „Atom Heart Mother“ und „The Endless River“ den Berlinern der Vorzug gegeben. Im zweiten Fall kann ich das sogar nachvollziehen. „Eine Stunde purer Psychedelic-Prog-Genuss, ganz ohne Drogen.“, schreibt das Blatt Eclipsed aus Aschaffenburg. Nun ja, der Einfluss von Drogen auf die psychedelische Rock und Pop Musik wurde schon immer überschätzt. Mit und ohne Drogen entstanden gute wie schlechte Platten. „A Mysterious Cup Of Tea“ in fünf Kapiteln hat tatsächlich viel von Pink Floyd zu Zeiten von „Atom Heart Mother“. Allerdings sind die frühen Genesis ebenso auszumachen, auch wenn das Theatralische, das Bombastische und das Vertrackte weitgehend fehlt. Trotz allen Mäanderns und Fließens bleibt Margin eher zurückhaltend und fast schlicht dem psychedelischen Folk Pop verpflichtet. „Landscapes In The Sky“ erinnert wieder an Pink Floyd und „Cymballine“ vom Soundtrack „More“. Und „Last Exit To Pluto“ evoziert Caravan mit „In The Land Of Grey And Pink“. Schließlich ist da noch der Track “Psychedelic Underground” in kurzer und langer Version, der bei mir Assoziationen mit Paul Roland auslöst. Eigentlich ist das alles recht hübsch anzuhören. Und doch will sich bei mir keine echte Begeisterung einstellen. Ich kann es nicht erklären, irgendwas fehlt. Irgendwie ist das Ganze zu brav, zu vorhersehbar? ***

 

Räuberzivil – Tiefenschärfe (2CD, SPV)

 

Hinter dem Namen Räuberzivil verbirgt sich der Sänger, Musiker, Schriftsteller Heinz Rudolf Kunze. Wir wissen von ihm, dass er als Jugendlicher schwer beindruckt von englischer Beat Musik und Musikern wie Pete Townshend und Ray Davies war. In den Achtzigern war Kunze mit deutscher Pop und Rock Musik erfolgreich, die manchmal nah am Schlager, mitunter eher von Liedermachern inspiriert, oft auch etwas zu verkopft daherkam. Manche seiner Songs fand ich damals sogar gar nicht so schlecht. Was mich aber immer etwas verwundert hat, seine musikalischen Vorbilder aus dem angloamerikanischen Raum haben so gar keine Spuren hinterlassen in seinem eigenen Werk. Und die deutsche Version von Ray Davies‘ Lola ist einfach nur peinlich. In den letzten 25 Jahren hab ich kaum verfolgt, was Kunze so gemacht hat. Ok, sein Engagement für eine Deutschquote im Radio war nicht zu überhören. Angeblich wurde er da ja missverstanden. Lassen wir das also. Dass diese aktuelle Platte unter dem Namen Räuberzivil erscheint, hat, wenn ich das richtig verstehe, irgendwas mit Verträgen und Rechten zu tun. Ist aber auch egal. 23 Songs auf zwei CDs und rund 90 Minuten, das ist ganz schön heftig. Man sollte das Doppelalbum vielleicht in Portionen einteilen. Vinyl gibt es übrigens nicht, dafür aber jeden Track auch einzeln als Download. Ich denke Kunze Fans kommen hier voll auf ihre Kosten und werden diese Sammlung lieben. Musikalisch ist das hier tatsächlich recht vielseitig und abwechslungsreich. Manches steht sehr deutlich in einer deutschen Liedermacher Tradition, die bis zu Degenhardt oder Süverkrüp zurück reicht. Allerdings sind da dann tatsächlich auch Einflüsse von Americana, also nordamerikanischer Folklore zu hören. Anderes ist eher chansonhaft, vieles aber so typischer Deutschrock mit Anspruch, den Kunze eigentlich immer gerne gemacht hat. Na ja, die Texte sind natürlich auch anspruchsvoll. Das ist manchmal ehrlich gelungen und treffend wie im Opener „Robert Limpert“, der mit der brauen Vergangenheit ab-rechnet, die leider noch immer nicht überall aufgearbeitet ist. Manchmal ist es auch bemüht witzig und dann schon weniger gelungen. Das sind dann wieder solch typische Kunze Gedichte von hinten durch die Brust ins Auge wie in „Brot aus Gold“. Dabei ist Kunze durchaus in der Lage, schöne lyrische Texte zu schreiben, wie z.B. „Am Meer stehn“. Ob die dann unbedingt vertont und gesungen werden müssen, sei mal dahingestellt. Dass Kunze im Waschzettel der Plattenfirma in eine Reihe gestellt wird mit Songwriter-Legenden wie Bob Dylan, Leonard Cohen und Nick Cave ist allerdings nicht nur anmaßend sondern auch hochgradig lächerlich. Manche der Songs hier in dieser etwas ausufernden Sammlung sind einfach unnötig, wie das halt so ist, wenn man sich nicht dazu durchringen kann, die mittelmäßigen und unausgegorenen Sachen wegzulassen. Wie heißt es so schön? – Weniger ist mehr. Richtig geschmacklos ist allerdings „Willkommen liebe Mörder“, worin Kunze wohl zum Ausdruck bringen will, dass wir hier mit terroristischen Mördern zu freundlich umgehen. Das mag vielleicht sogar so sein. Dennoch ist sein gewollt lustiger Umgang mit dem Thema einfach nur daneben. Dabei zeigt er in „Nichts als offene Fragen“, dass er auch anders kann. Und in „Das Problem ist“ bringt er alles schön auf den Punkt. Der Titel passte wunderbar in ein spätabendliches Kabarett Programm wie „Neues aus der Anstalt“. Alles in allem ist das eine Doppel-CD, die Kunze Fans erfreuen wird. Aber wer sonst wird sich dafür interessieren? Auch wenn das Ganze insgesamt nicht so schrecklich ist wie befürchtet, ich brauche das nicht. **

 

CDUOE2.jpgThe Uschi Obermaier Experience – Welcome To The Panic Room (CD, Guerilla / Neat Neat Records)

 

Das Debüt der Jungs aus Bielefeld war mein Album des Monats vor ziemlich genau zwei Jahren. Die neue Scheibe hätte im Prinzip auch das Zeug zu einem Album des Monats. Was jetzt fehlt das ist das Überraschungsmoment. Viel verändert hat sich eigentlich nicht. Elf Songs von den Jungs selbst geschrieben und ein gut gewähltes Cover. „Waiting Round To Die“ von Townes van Zandt ist natürlich über jeden Zweifel erhaben. Und die Jungs spielen den Song mit dem nötigen Respekt und genügend Aplomb. Ansonsten hören wir hier wieder eine Mischung aus R&B, Rock’N’Roll und viel Stones Einfluss. „Angel Eyes“ ist zum Beispiel so eine typische selbst geschriebene Jagger/Richards Hommage mit toller Orgel und einschmeichelnder Melodie. Anderswo klingt der Punk durch. Und Graham Parker lässt grüßen. Eine weitere Dimension bringt ein Saxophon bei „Buried Alive“ etwa. Aber auch die weiblichen Backing Vocals erweitern das Klangspektrum der Band. „Straight 2.0“ erinnert mich in gewisser Weise an The Clash. Und „50 Minutes“ fasst noch mal schön alles zusammen, auch wieder mit gelungener Sax Einlage. Die neue Scheibe der Bielefelder Band mit dem Klasse Namen ist nicht besser als das Debüt, auch nicht wirklich anders, sie ist einfach gelungen und macht richtig Spaß. ****

 

LPLeave.jpgThe Flying Eyes  Leave It All Behind Sessions (LP/CD, Noisolution Records)

 

Das neue Album der vier Musiker aus Baltimore, ihr viertes übrigens, zeigt eine weitere und für Manchen vielleicht überraschende Seite der Band. Die ersten beiden LPs enthalten psychedelischen Blues Rock, der tief in den später Sixties wurzelt. Das Album „Lowlands“ dann orientierte sich auch Richtung Stoner Rock und klang insgesamt etwas moderner. Und nun gehen die Jungs so richtig zurück zu den Wurzeln. „Leave It All Behind“ ist ihr Americana Album. Mit Banjo, Harmonika, akustischen Gitarren, Akkordeon, Harmonium, Mandoline, Pedal Steel u.a. spielen sie Folk, Country, Blues und ganz einfach traditionelle amerikanische Musik. Aber natürlich sind die Songs ihre eigenen und das hier ist immer noch eine Flying Eyes Platte. Und gerade deshalb gefällt mir die Scheibe richtig gut. Diese Mischung aus Americana im Stil von Felice Brothers, Avett Brothers u.a. auf der einen Seite und diesen anderen Traditionen von Crazy Horse bis Arbouretum (übrigens auch eine Band aus Baltimore) machen für mich den Reiz der Platte aus. ****

 

LPFoxygen.jpgFoxygen  …And Star Power (2LP/2CD, Jagjaguwar)

 

Foxygen das sind die beiden 24-jährigen Musiker und Songwriter Sam France und Jonathan Rado aus Los Angeles. Vor fast zehn Jahren fingen sie an, gemeinsam Musik zu kom-ponieren und zu spielen. Anfang vorigen Jahres, im Januar 2013, erschien ihr drittes Album „We Are The 21st Century Ambassadors Of Peace And Magic“, das nicht nur ihren inter-nationalen Durchbruch brachte, sondern auch kommerziell durchaus erfolgreich war. Musikalisch war dieses Album eine Verbeugung vor San Francisco und dem psychedelischen Rock und Pop der Sixties in Kalifornien. Dieses neue Album „Foxygen And Star Power“ ist nun nicht einfach eine Fortsetzung dessen. Es ist vielmehr eine Hommage an all die Querköpfe und kleinen Genies des amerikanischen Pop und Rock der letzten 50 Jahre. Von Kim Fowley über Patti Smith, Pavement, The Flaming Lips bis zu aktuellen Bands wie z.B. Bleached. Über weite Strecken ist dieses Album von gut 82 Minuten ein Patchwork aus Songs, Melodiefetzen, genialen Soundideen, überkandidelten Arrangements, Zitaten und Anspielungen. Pitchfork setzt das Album in Bezug zu Todd Rundgrens Werken „Something/Anything“ und „A Wizard, A True Star“. An diese erinnere ich mich nur verschwommen. Ich weiß nur noch, dass ich sie damals reichlich überspannt und überladen fand. Und ja, das passt dann hier genauso. Man kann das natürlich auch genial, großartig finden. Die Chuzpe, mit der die Jungs zu Werke gehen, ist jedenfalls schon bewundernswert. Diese Collagen, vor allem auf der zweiten LP, erinnern auch immer mal wieder an Frank Zappa und seine Mothers Of Invention. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich diesen Parforce Ritt durch die Rock und Pop Geschichte nun klasse oder schlicht nervig finden soll. Aber eigentlich bin ich nicht genervt. Mir erschließt sich nur nicht der Zusammenhang des Ganzen, der tiefere Sinn. Gibt es überhaupt einen? Wahrscheinlich ist das nur ein großer Spaß für die beteiligten Musiker. Und dann auch für die Hörer, sofern sie sich darauf einlassen. Im Moment kann ich höchstens *** erübrigen. Das kann sich aber noch ändern. In beide Richtungen.

 

LPHeat.jpgHeat  Labyrinth (LP/CD, This Charming Man Records)

 

Der Hard Rock der früher Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts ist ja schon länger wieder en vogue. Auch und gerade hier in Deutschland erfreut er sich großer Beliebtheit. Die Berliner Band Kadavar ist längst auch international be-kannt und beliebt. Und nun bekommt das Trio aus Berlin Gesellschaft von diesem Quintett hier. Man kennt sich offenbar. Der Bassist von Heat ist der Live Mischer von Kadavar. Und wie ich im Netz lese ist das hier sogar schon die zweite LP von Heat. „Labyrinth“ ist weniger Black Sabbath orientiert als die Platten von Kadavar. Dafür erinnert das hier gelegentlich an Steppenwolf. Und die zwei Gitarristen liefern sich mitunter schöne Duelle, die wiederum Wishbone Ash evozieren. Trotz aller Spielfreude und Professionalität fehlt mir bei dieser LP was. Und das sind wirklich eingängige, wiedererkennbare Songs. Auch der Gesang ist nicht wirklich optimal. Abgesehen vom gelegentlich erkennbaren deutschen Akzent presst mir der Sänger oft zu sehr. Er versucht einen auf Klaus Meine zu machen, hat aber doch nicht die Stimme dazu. Trotzdem ist die Platte nicht schlecht. Ein paar gute Ansätze und Ideen sind schon da. Am besten gefällt mir das Titelstück, das ganz am Schluss erklingt. ***

 

The Wicked Whispers – Maps Of The Mystic (LP, Electone Records)LPWicked.png

 

Drei Jahre haben sie gebraucht, um ihre Debüt LP fertigzustellen, diese Psych Pop Mystiker aus Liverpool. Doch das Warten hat sich durchaus gelohnt. Das Album fällt insgesamt noch poppiger und gefälliger aus, als die beiden Singles und die EP, die bislang erschienen. Doch sind die Jungs ihrem Stil insgesamt treu geblieben. Die Melodien sind unverkennbar Mike Murphy. Der Sänger und Gitarrist der Band hat wieder alle Songs geschrieben. Die Instrumentierung ist an-gereichert durch Streicher und gelegentlich Bläser, Holz wie Blech. Die Arrangements sind einerseits zart und filigran, andererseits aber auch oft schwelgerisch und fast ein wenig zu lieblich mitunter. Das klingt alles sehr britisch, viktorianisch sogar. Barock Pop hat man das früher genannt. Und so weckt diese Platte Erinnerungen an The Left Banke, die zwar Amerikaner sind, aber diese Art Barock Pop am schönsten kreiert haben. Unter zeitgenössischen Bands finden The Wicked Whispers wohl vor allem in The Coral bzw. ihren inzwischen solo musizierenden Mitgliedern Gleichgesinnte. Man tut gut daran, diese wirklich gelungenen Psych Pop Törtchen in kleinen Häppchen zu genießen. Man könnte sonst an Überzuckerung leiden. Dennoch ist die LP insgesamt wirklich gelungen. Ein feineres, geschlosseneres und perfekteres Pop Album mit Sixties Bezug gibt es in diesem Jahr nicht. Und auch das fast etwas kitschige Gatefold Cover passt dazu. An einem sommerlichen Sumpfgewässer sitzt halb abgewandt eine nackte Nymphe. Halb im Vordergrund steht eine Standuhr im Wasser. Ein ebenfalls nackter Schwertkämpfer hält einen abgeschlagenen Frauenkopf in die Höhe. Mitten im Sumpf steht ein Globus auf einer Grasinsel. Im Hintergrund fährt eine alte Dampflok und ein altes Backsteingemäuer ragt aus dem Schilf auf. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was für eine Symbolik hinter all dem steckt. Vielleicht gar keine. Egal, die Platte bereitet mir Freude beim Hören. Ein wohliges, angenehmes Gefühl überkommt mich bei dieser Musik. ****

 

LPBlowUps.jpgThe Blow Ups – Turn On, Tune In, Blow Up! (LP, Teen Sound Records)

 

Als Garage Punk Trio 2004 in Berlin gegründet sind The Blow Ups vor drei Jahren zum Quartett angewachsen. Und nun legt die Band, deren Mitglieder alle keine unbeschriebenen Blätter mehr sind, ihre erste LP vor. The No-Counts, Liquid Visions, Johnny No & The No-Men, The Vampires und nicht zuletzt The Rhythm & Beat Organization, das sind die Stationen, die unsere vier Jungs einzeln oder gemeinsam durchlaufen haben. Ihre Musik wurzelt tatsächlich stark im US Garage Punk der Sixties. Aber wer genau hinhört, findet auch Spuren von Detroit Punk Rock und Einflüsse der diversen Garage Revivals von den Eighties bis in die Gegenwart. Trotz aller Anleihen ist durchaus eine gewisse Eigenständigkeit im Songwriting zu bemerken. Titel wie „Vampire Show Girls“, „Can You Touch The Rain“ oder “Make My Day” ragen heraus. Neben eigenen Garage und Beat Stompern spielen The Blow Ups auch Klassiker wie “Parchman Farm” oder “Barefootin“. Letzteren Song übrigens mit eingedeutschtem Refrain als „Barfuß Tanzen“. Zwölf Tracks, die allesamt in die Beine gehen und live vermutlich noch mehr Spaß machen! ***1/2

 

LPPaleCommunion.jpgOpeth  Pale Communion (LP/CD, Roadrunner Records)

 

1990 in Stockholm gegründet ist die Band um den Gitarristen Mikael Åkerfeldt mittlerweile fast schon eine Institution. Als Death Metal Combo haben sie mal angefangen, doch ging die Entwicklung spätestens nach der Jahrtausendwende immer mehr in Richtung klassischen Prog. Und mit der zunehmenden Rückbesinnung auf den Prog Rock der 1970er Jahre geriet die Band vor einigen Jahren auch in meinen Fokus. Schon ihr letztes Album „Heritage“ gefiel mir durchaus. Mit „Pale Communion“ sind Opeth aber nun vollkommen im klassischen Prog Rock angekommen, ohne wie viele andere Neo-Progger nur zu kopieren und sklavisch an den Vorbildern zu hängen. Aber natürlich sind auch hier alle typischen Elemente vorhanden. Laute und leise Passagen wechseln sich ab. Es gibt an Folkrock orientierte Stellen, die tatsächlich von CSN inspiriert sein könnten. Dann wieder mäandern Orgel und Mellotron über weite Klangflächen, um schließlich in ruhige Piano Melodien zu münden. Große Chöre und Harmoniegesänge wechseln mit beinahe grazilem Solo Gesang. Das erinnert natürlich immer wieder an die frühen Genesis oder auch an die ersten Alben von King Crimson, ohne jedoch in den Ruch reinen Epigonentums zu geraten. Åkerfeldts Gitarre ist sicher auch an den beiden Jimis Page und Hendrix geschult, doch geht seine Metal Vergangenheit hier und dort noch mit ihm durch, wenn er rasend schnelle kunstfertige Läufe hinlegt, die eigentlich nur seinem Ego und weniger dem Song dienen. Das Schöne an dieser Platte ist, man kann da so viele Bezüge zu den Helden der Seventies herstellen. Von Camel bis Wishbone Ash, von Yes bis selbst zu den Allman Brothers. Und doch bleibt das hier ein vollkommen eigenständiges Opeth Album, das auch immer wieder mit Überraschungen aufwartet. Pro-duziert hat Mikael Åkerfeldt wieder selbst. Aber er hat sich Steven Wilson als Toningenieur und als Mann für den finalen Mix dazu geholt. Wilson ist einer der intimsten Kenner und Erforscher des klassischen Prog, wie wir wissen. Auch das hat der Platte gut getan. „Pale Communion“ ist zweifellos die beste Prog Rock LP der letzten knapp 40 Jahre. ****

 

LPAbove.jpgThe Above – Waterbury Street (LP, Teen Sound Records)

 

Nach drei Singles und einer selbstgemachten CD ist das nun der erste offizielle Longplayer der vier Jungs aus Brooklyn. Es hat eine ganze Weile gedauert, obwohl die Aufnahmen schon längst letztes Jahr im Kasten waren. Aber man kennt das von Massimo Del Pozzo, der zwar ein großer Fan von Sixties und Garage Beat ist, aber auch ein ziemlicher Chaot. Immerhin betreibt er seine Labels Misty Lane und Teen Sound nun auch schon seit weit über 20 Jahren. Doch reden wir über die Musik auf dieser Platte. Die ist nämlich ganz wundervoll. Ihre stilistische Bandbreite hat die Band ziemlich erweitert. Neben sehr britischem für die frühen Sixties recht typischem R&B spielen sie auch hochmelodischen Mod Beat und eher amerikanischen Garage Pop. Wie beschreibt man diese Musik, ohne in die üblichen Stereotypen zu verfallen? Es fällt auf, dass The Above eben nicht wie eine Kopie der Beatles anno 1964 oder der Kinks ca. 1965 klingen. Aber man merkt natürlich, dass sie diese und viele andere britische Beatbands der mittleren Sixties aufmerksam studiert haben. Auch wie eine Neo-Sixties Band der 1980er Jahre klingen The Above nicht. Und doch haben auch Platten von The Cheepskates oder The Chesterfield Kings vermutlich die Aufmerksamkeit der jungen New Yorker erlangt. Es ist über-haupt erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit und doch ganz eigenen Rezeptionsweise die jungen Musiker heute die Platten vergangener Jahrzehnte hören und ver-arbeiten. Und so klingt eben diese Platte vor allem nach The Above und dann aber auch angenehm vertraut. ****

 

LPSammal.jpegSammal – Sammal (LP/CD, Svart Records)

 

Auch die Band Sammal besteht aus noch relativ jungen Musikern. Und auch diese fünf jungen Finnen haben ihre musikalischen Vorbilder in der Vergangenheit gefunden. Im Wer-besticker der Plattenfirma werden skandinavische Bands wie Tasavallan Presidentti, Landberk, Haikara und Wigwam genannt. Ich höre hier allerdings direkte Einflüsse höchstens von Landberk. Dagegen klingt die Gitarre mitunter verdächtig nach Tony Iommi, manchmal auch nach Mikael Akerfeldt. Da fällt mir ein, das neue Opeth Album muss ich mir auch mal in Ruhe anhören. Sammal singen in ihrer Muttersprache, was ich ja eher angenehm finde. Für alle anderen liegt ein Inlay mit den englischen Lyrics bei. Sammal heißt übrigens Moos, und der Bandname soll wohl die besondere Verbundenheit der Band mit ihrer heimischen weitgehend unberührten Natur verdeutlichen. Die LP haben die Jungs in zwei Tagen weitgehend live im Studio aufgenommen, alles analog. Man hört das auch. Die Platte klingt ausgesprochen organisch. Alles fließt, ist miteinander verwoben. Eine erstaunliche Ruhe und Abgeklärtheit strahlt die Musik aus, obwohl es durchaus Dynamik und gelegentliche Ausbrüche vor allem der Gitarren gibt. Auch ein Duell mit der Hammond Orgel wird geboten. Aber trotz aller Einflüsse und Vorbilder, die Band entwickelt ihren ganz eigenen Stil zwischen Hard Rock und klassischem Prog. ***1/2

 

Make My Head SingJessica Lea Mayfield – Make My Head Sing (LP/CD, ATO Records)

 

Das dritte Album der jungen Musikerin aus Kent, Ohio, ist das hier. Eine Platte, die Freunde ihrer bisherigen Veröffentlichungen wohl eher etwas verstören wird. Dabei geht sie hier nur zurück zu ihren Wurzeln sozusagen, zu der Musik, die sie als kleines Mädchen vor allem gehört hat. Dave Grohl, Grunge, Alternative Rock, wie man das so ungenau und doch für Manchen recht treffend nannte. Bisher hat die junge Frau von Dan Auerbach produzierte Country Platten gemacht. Alternative Country natürlich. Jetzt lässt sie es ganz schön krachen, wobei ihre klare etwas verloren wirkende Mädchenstimme einen reizvollen Kontrast zu den Gitarrenriffs und –brechern darstellt. Ironischerweise klingt das jetzt viel eher so wie The Black Keys. Diese Platte hat sie zusammen mit ihrem Ehemann und Bassisten Jesse Newport produziert. Tatsächlich erinnern diese Aufnahmen mitunter an Nirvana. Nicht nur die lauten, auch die leisen. „I Wanna Love You“ hat sich zumindest das Eingangsriff von „Don’t Fear The Reaper“ geborgt. Aber das ist auch die einzige offensichtliche Anleihe. „No Fun“ heißt zwar so, hat aber eher mit Kevin Ayers zu tun als mit The Stooges. Überhaupt hat diese Platte auch was folky Psychedelisches. Mir gefällt diese Mischung sehr gut. Nur die Songs dürften etwas mehr Wiedererkennungswert haben. Manchmal geht der bei aller Liebe zu den vielen verschiedenen Gitarrensounds etwas verloren. ***1/2

The Vagoos

The Vagoos – The Vagoos (LP/CD, Off Label Records)

 

Neulich erst ließen Lynx Lynx aus Dortmund aufhorchen mit ihrer 10” von eben diesem Label hier. Eine Platte, die so gar nicht deutsch klingt. Und auch diese Debüt LP kommt aus Deutschland, aus Rosenheim genauer gesagt, und klingt überhaupt nicht danach. Psychedelic Garage Punk trifft es wohl am besten für das, was man hier zu hören bekommt. Etwas Surf Sounds sind auch dabei und ein wenig Blues via Captain Beefheart. Die Jungs sind schon ganz schön rumgekommen auf ihren Tourneen, alle Achtung! Frankreich, Spanien, Portugal, Österreich. Und in Berlin waren sie auch schon mal. Hab ich leider nicht mitbekommen. Dieser Gitarrensound zwischen Shadows Twang und 13th Floor Elevators Reverb klingt absolut überzeugend. Zwischen gepflegtem klarem Klang mit etwas Hall drauf und absolut ausgeflipptem sich überschlagendem Punk schwingt das Pendel. Unnahbar ist das „Graveyard Girl“, „Swept Away“ von überbordenden Tremolo Gitarren. Der „Dead Boy“ schreit sich die Seele aus dem Leib und stürmt mit einem Affenzahn davon. Beim „Abu Dhabi Blues“ gibt es kaum noch ein Halten. Tremolo, Fuzz und Wimmerhaken klingen um die Wette. Und dann stürzen sich alle zusammen in das Eingangsriff von „Bye Bye Love“, wie es The Stooges nicht schöner gekonnt hätten. Allerdings passiert es hier mit mindestens doppelter Geschwindigkeit. Eine wirklich grandiose Debüt LP! ****

 

CDBadger.jpgThe New Tigers – The Badger (LP/CD, Soliti Records)

 

In Finnland erschien das zweite Album der New Tigers bereits im vergangenen Herbst. Nun also auch hier ganz offiziell. Seit 2006 gibt es die Band. Ihr leicht verträumter Jingle Jangle Gitarrenpop erinnert an The Pastels, an C86 UK Indie Pop, aber auch an ihre Landsleute und Kollegen Goodnight Monsters oder Cats On Fire. Hübsche kleine Melodien, mal mit eher schrammelnden Akustikgitarren begleitet, dann wieder auf ganz doll verhallten Orgelklängen dahinschwebend. Mitunter wird so eine Arrangementidee dann aber auch etwas zu sehr ausgewalzt. Und die Tracks sind oft einfach zu lang mit ihren durchschnittlich vier Minuten. Kurz und knackig wäre mitunter passender. Schlampig entspannte Euphorie sei das, ein bisschen verspielt und verspult, so liest man im Waschzettel der Plattenfirma. Na dann. Ja, sympathisch die Jungs schon meistens, leider aber auch etwas zu beliebig mitunter. Finnische Bands sind oft live noch viel besser, als auf Platte. Im Herbst 2014 wollen uns The New Tigers davon überzeugen, dass es auch bei ihnen so ist. Einstweilen hören wir die Platte und warten. ***

 

CDStrangeFriend.jpgThe Phantom Band – Strange Friend (LP/CD, Chemikal Underground)

 

Das dritte Album der Schotten macht beim ersten Hören einen sehr zugänglichen und erfrischenden Eindruck. Hätte durchaus auch Album des Monats werden können. „Doom Patrol“ klingt richtig fröhlich. Und auch „Atacama“ verströmt positive Vibrationen, wenn auch deutlich verhaltener. Doch der schönste Track auf der Platte heißt „(Invisible) Friend“ und steht imgrunde repräsentativ für das überwiegende Gefühl der Platte. Eine Platte, die am besten mit psychedelischer Britpop beschrieben ist. Leichter, lockerer und poppiger als die beiden Vorgänger. Einzig „No Shoes Blues“ fällt ein bisschen ab. Zwar kein Blues, aber doch etwas zu ausufernd in seiner Eintönigkeit. Zum Schluss wird es mit „Galapagos“ doch wieder ziemlich krautig und verfrickelt. Alles in allem eine ganz schöne Platte, der aber weitgehend die Höhepunkte fehlen. ***1/2

 

CD420s.jpgThe Roaring 420s – What Is Psych? (LP/CD, Stoned Karma Records)

 

Ich bin ja immer wieder erfreut, wenn junge Leute die Musik der Sixties für sich entdecken und sie zu ihrer ganz eigenen machen. 2011 gründeten die Dresdner Beatpoeten Florian Hohmann und Martin Zerrenner The Roaring 420s. Bald kam die damals 18-jährige Luisa Mühl am Schlagzeug dazu und der Saitenzauberer Timo Eilert vervollständigt das Line-Up. 2012 erschien eine 7“ der Band, 2013 eine zweite und nun also das erste Album. Die vier haben sich mit ihren Vorbildern aus den Sixties offenbar sehr intensiv beschäftigt. Dabei sind es gar nicht so sehr die Beatles oder die Beach Boys, auch nicht Velvet Underground, wie im Info erwähnt, die hier anklingen. Letztere vielleicht noch am ehesten. Es sind vielmehr The Yardbirds, Them, Eric Burdons Animals oder auch US Garage Bands wie The Seeds, The Chocolate Watchband u.a., die ihre Spuren hinterlassen im Sound der Dresdner. Und dann kommt noch eine ganze Menge an eigenen Ideen dazu. Trotz einiger adaptierter Sounds und dem einen oder anderen geliehenen Gitarrenlick, das Songwriting ist schon sehr eigenständig, wenn auch an den klassischen Strukturen und Schemata orientiert. Insofern ist es dann auch etwas ganz Eigenes und Neues, was da entsteht. Keine Epigonen oder Kopisten, sondern eine junge frische Band mit einem eigenen Sound, der an alte Zeiten erinnert. Was will man mehr? Diese LP macht Spaß und Freude. What Is Psych? Vielleicht das hier? ***1/2

 

CDSpidergawd.jpgSpidergawd – Spidergawd (LP/CD, Crispin Glover Records)

 

Aus Trondheim kommt diese Band. Und zwei Bandmitglieder spielen auch bei Motorpsycho. Doch ist das hier nicht einfach ein Motorpsycho Ableger. Die Songs schreibt ein gewisser Per Borten, der in den 90ern eine Band namens Cadillac hatte. Da diese Gruppe vor einigen Jahren implodierte, Per aber weiter machen wollte, versprachen Bent und Kenneth (die Motorpsycho Rhythmus Sektion) ihm zu helfen. Und nun gesellte sich auch noch Rolf Martin Snustad am Saxophon dazu. Zeit für ein Debütalbum. Das klingt zunächst mal wie eine Hardrock Scheibe. Ein bisschen wie MC5 oder ZZ Top (als sie noch nicht kommerziell versaut waren), aber mit einem deutlichen Anteil Fuzz und Acid. Auch das hier ist Psych, um mal die Frage der Dresdner Kollegen aufzu-greifen. Die Gitarren sind aber deutlich wilder und beißender als bei den Dresdnern. Ok, der Vergleich ist unfair, weil ein ganz anderer Ansatz dahinter steckt. Doch während The Roaring 420s angenehme Musik mit Aha-Effekten spielen, lassen die Norweger so richtig die Sau raus und überraschen dennoch mit innovativen und unglaublichen Exkursionen in Gefilde, die mit Prog eigentlich eher unzureichend beschrie-ben sind. Der Name Spidergawd ist übrigens von einem Jerry Garcia Song entlehnt. Und wenn diese Platte hier auch keine Sekunde wie Grateful Dead klingt, Pers Gitarrenspiel ist dem großen Meister dennoch durchaus verpflichtet. Andererseits ist da das fast 15-minütige „Empty Rooms“, eine Tour de Force von Van der Graaf Generator bis Black Sabbath und wieder zurück zu Jerry Garcia. Sieben Tracks verteilt auf zwei LPs. Hätte Album des Monats sein können. ****

 

Joon Wolfsberg – The Deluxe Underdog (CD/DL, Cow Universe Records)

 

Joon Wolfsberg ist eine junge Rocksängerin aus Erfurt, die mit der Unterstützung ihres Vaters Joe und ihrer Band ihre Musik selbst produziert, selbst verlegt und vertreibt und auch selbst promotet. Dieses aktuelle Album ist bereits ihr drittes. Aufmerksam darauf wurde ich durch das Leserforum des deutschen Rolling Stone, wo Joon und der Gitarrist ihrer Band die Platte offensiv bewerben und die Leser auffordern, die Platte kostenlos runterzuladen und ihre Meinung dazu zu posten. Genau dies tue ich nun. Die Musik der Band klingt überhaupt nicht deutsch. Von Anfang an haben sich Joon und ihr Vater um Kontakte zu Musikern im Ausland, besonders in der US Rockszene, bemüht. Mit Erfolg wie es scheint. Der Erfahrungsaustausch und die Hilfe aus dieser Szene führen dazu, dass die aktuelle Scheibe der Band sehr international und sehr professionell klingt. Typischer US Rock knapp jenseits des Mainstream. Durchaus eingängige Songs kraft- und druckvoll arrangiert und vorgetragen. Drums und Bass treiben den Sound voran, die elektrischen Gitarren liefern schwere Breitseiten, schnelle kurze Läufe und hier da ein songdienliches Solo. Über allem aber thront die kräftige Rockröhre der Sängerin Joon. Anders kann man ihre Stimme nicht bezeichnen. Manchmal klingt sie fast wie Chrissie Hynde, oder sogar wie eine junge Inga Rumpf. Mitunter presst sie aber so heftig, dass ihr Gesang fast dem von Lemmy Konkurrenz macht. Jedenfalls ist Joons Stimme ziemlich wandlungsfähig, was die ganze Scheibe recht abwechslungsreich klingen lässt. Stilistisch ist das hier wohl am ehesten traditioneller Hardrock mit ein paar Anleihen aus der US Alternative Szene. Insgesamt eigentlich nicht unsympathisch. Die Platte gibt es wohl noch nicht physisch zu kaufen. Und wann das der Fall sein wird, konnte ich nirgends rausfinden. ***

 

Bela B & Smokestack Lightnin’ – Bye (LP/CD, B-sploitation)

 

Dirk Felsenheimer (a.k.a. Bela B) spielt auf seinem dritten Solo Album weiter die Musik, die er am liebsten mag. Das ist gediegener Rock’n’Roll und Rockabilly inspiriert nicht zuletzt von Lee Hazlewood, den Dirk sehr verehrt, und mit dem er ja auch noch kurz vor dessen Tod zusammen gearbeitet hat. Herausgekommen ist dabei eine schöne entspannte Platte. Dreizehn Tracks, die einerseits traditionell und amerikanisch klingen, die andererseits natürlich deutscher nicht sein könnten. Auch wenn Dirk bei „Der Sünder“ etwa den Stil von Lee Hazlewood gekonnt aufgreift, so erkennt man doch immer auch seine eigene Handschrift. Nicht zuletzt seine Stimme und seine Art Melodien zu formen sind sehr typisch für Bela B halt. Dass diese Songs dennoch wohl nicht auf einem Die Ärzte Album passen würden, liegt nicht so sehr an den Themen. Um harte Männer, One-Night-Stands und zwielichtige Typen geht es auch da mitunter. Aber die Art wie diese Dinge hier vorgeführt und serviert werden, das ist dann doch anders. Smokestack Lightning sind eine kompetente Rock’n ’Roll Band aus Nürnberg. Und die Zusammenarbeit mit Gastsängerinnen ist bei Dirk Felsenheimer schon Tradition. Peta Devlin (Hoo Doo Girl) singt hier mit und die Rock’n’Roll Chanteuse Lynda Kay aus Kalifornien. Alles in allem ein ziemlich gelungenes Album zwischen Americana, Kleinkunst Punkrock und Country auf Deutsch. ***1/2

 

Lizard – Big Road (CD, Phoenix)

 

Big RoadEigentlich nicht mehr so ganz neu ist dieses Album einer Band aus Südwestdeutschland. Aus Anlass eines Konzerts in Trebbin südlich von Berlin bekam ich die Scheibe zugesandt. Die Band gibt es seit bald 20 Jahren. Und sie spielt astreinen Southern Rock, Southern wie in Allman Brothers oder in Black Crowes oder in Lynyrd Skynyrd. Nachdem der langjährige Sänger und Frontmann der Band Georg Bayer im Frühjahr 2009 unerwartet einem Herzinfarkt erlag, standen alle Räder erst einmal still. Aber nachdem die Trauerarbeit geleistet war und mit Ruben Killian ein neuer Sänger gefunden, wurden wieder Pläne geschmiedet. Und 2013 erschien dann dieses Album, dessen Songs zum Teil schon 2007 zusammen mit Georg Bayer geschrieben und ausgearbeitet wurden. Die Musiker der Band sind allesamt erfahrene Profis, die als Studiomusiker und in Cover Bands ihr Geld verdienen. Mit Lizard verwirklichen sie dagegen den Traum der eigenen Band mit eigenen Songs. Und sie machen das wirklich sehr gut. Das Songwriting ist schon von den Klassikern des Genres inspiriert. Mir fehlt allerdings manchmal das rohe ungeschliffene Spiel, das den Sound der Black Crowes häufig auszeichnet. Dafür orientiert man sich hier eher an den makellosen Klängen solcher Bands wie Dire Straits etwa. Folk und Country Anklänge gibt es gelegentlich, Dobro und Steel Guitar. Und dann wieder volle Breitseiten sowohl von der Orgel wie von den elektrischen Gitarren. Erwähnte ich schon, dass die Band über zwei Drummer verfügt? Und auch der Bass treibt ganz ordentlich voran. Am besten gefallen mir jedoch die Gitarrenduelle. Und manchmal muss ich tatsächlich auch an Tom Petty denken. Alles in allem ein hörenswertes und eigenständiges Album, dem man die deutsche Herkunft nie anhört. ***1/2

 

Lord Litter – Still Dancin’ (CD, Trash Tone)

 

Still Dancin'Die letzte Platte, die ich von Lord Litter zu hören bekam, das war sein neues Projekt Meta Georgia im vorigen September, das er zusammen mit seiner Partnerin Hilke Hesse betreibt. „Still Dancin’“ dagegen ist eine Sammlung von Aufnahmen, die bereits vor drei Jahren entstanden. Inspiriert von einer Video Dokumentation mit dem Titel „Last Dance“, in der er auch selbst vorkommt, und die Leute zeigt, die ihren ganz eigenen Traum leben, hat der Lord sieben Songs geschrieben und aufgenommen. Die Aufnahmen blieben dann erstmal liegen, weil andere Dinge drängten und wichtiger wurden. Und dann gab es einen Festplatten Crash und die Sache schien unwiederbringlich verloren. Aber Hilke fand eine Kopie der Aufnahmen in ihrem Archiv. Und hier sind sie nun. Eine seltsamere und verschrobenere Kollektion von Musik hab ich schon sehr lange nicht mehr gehört. „Barego“ klingt wie eine Hommage an einen Phantasie Ort irgendwo im frühen 20. Jahrhundert, ein Exil womöglich. In Prag gibt es eine Bar mit diesem Namen. Wenn es die 1930 schon gab… dann vielleicht ist sie es. „The Concept“ erinnert mich irgendwo an Brian Wilson und die Beach Boys. Ein erst jetzt aufgetauchter Outtake der Smile Sessions? „Fate Is Rising“, einfach nur schrullig. „Reality came back to town, greetings with a frown…” klingt eigentlich gar nicht real. Eher schon wie eine Mischung aus – ja was eigentlich? Genauso „The Plot Kept Draggin’ On“, das erinnert mich an Robert Wyatt, an Canterbury, aber dann auch an Van Dyke Parks auf eine Art. Intime, ziemlich verschrobene aber auch irgendwie sehr schöne Songs sind das. Sehr zurückhaltend aber angemessen instrumentiert. Und dann singt der Lord mit sich selbst im Duett und man sitzt da und lächelt. Zum Schluss dann der wirklich schrulligste Track dieser kleinen Sammlung. „I’m so happy it all works out, I left the world of loud.” Dazu erklingen allerlei Perkussionsinstrumente, eine Mundorgel und wohl auch eine Gitarre. Schräg. ***1/2

 

Coogans Bluff – Getting’ Dizzy (LP/CD, Nois-o-lution)

 

Das ist bereits das vierte Album dieser Band aus dem hohen Nordosten Deutschlands. Die ersten drei hab’ ich offenbar nicht mitbekommen. Auch wenn das hier ein Rock Album ist, eines dass seine Wurzeln in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern gar nicht leugnen kann, so ist es doch auch eine moderne Pop Platte. Kein Widerspruch. Alleine der Titeltrack vereint Peter Greens Fleetwood Mac mit Alice Cooper und Hawkwind auf das Schönste. Ihre Version des Yardbirds Klassikers „Heart Full Of Soul“ hat Popsensibilität und einen gewissen rotzigen Stoizismus zugleich. Die Sound Mixtur dieses Albums ist schon ziemlich erstaunlich. Eben noch glaubt man eine Stoner Rock Combo zu hören, dann erklingen schräge Bläsersätze, die spontan an James Chance & The Contortions denken lassen. Aber wirklich nur im ersten Moment. Rhythmus und Klanggewebe haben dann doch eher was von Krautrock. Oder sogar Progrock. Die Länge von „Too Late“ mit fast neun Minuten und die Song Struktur passen zu diesem Eindruck. Aber dann eher so von der Sorte Van Der Graaf Generator trifft auf Collosseum. Unglaublich. Und dann „Things I Could Do“, eine schlichte minimalistische Country Nummer. Geht’s noch? – Klar, als nächstes kommt eine klassische weiße R&B Nummer in der Tradition von Cream oder Keef Hartley. Der letzte Track heißt „Chicago“. Völlig entspannt und mit einer gewissen Nonchalance vorgetragen, eine Art Blues mit Wolfsgeheul und dezentem Saxophon. Dass diese Band aus Rostock stammt, hätte ich nie gedacht. Dass sie auf der Zappanale spielt, das passt. ***1/2

 

Polis - Sein (CD, Eigenproduktion)

 

Aus Plauen im Vogtland stammt die Band Polis. Ihr zweites Album hat sie wieder in Eigenregie veröffentlicht. Dass diese Band aus Deutschland kommt, hört man an der Sprache natürlich, in der gesungen wird. Aber auch die Kompositionstechnik, das Arrangement und der Gesamtklang deuten auf die Entstehung des Albums in Deutschland hin. Diese dem Augenschein nach noch recht junge Band musiziert jedoch ebenfalls ganz im Geiste von althergebrachtem Hippietum und Traditionen der frühen Siebziger Jahre aus West und Ost. Ja, aus Ostdeutschland. Nicht zuletzt die Art zu singen, zu texten und zu arrangieren evoziert klassischen DDR Rock von Renft  bis Uve Schikora, aber auch von Puhdys bis Electra. Dass die Jungs mit bestimmten DDR Traditionen nichts zu tun haben und auch nicht haben wollen, ändert daran nichts. Aber natürlich entsteht dieser Eindruck vor allem durch die Sprache. Musikalisch standen auch diverse internationale Musikerkollektive Pate, von den westdeutschen Novalis über die ungarischen Omega bis zu britischen Formationen wie Genesis, Caravan, vielleicht sogar Deep Purple. Die Band selbst nennt es auf ihrer Webseite psychodelische Rockmusik zwischen Pink Floyd und Selig. Ok, Selig singen auch auf Deutsch und haben eine Hammond Orgel prominent im Klangbild, ebenso wie Polis. Pink Floyd höre ich jetzt eher nicht, weder die mit Syd Barrett noch die ohne ihn. Der Gesang hier lässt mich übrigens mehr an Keimzeit denken. Die Bezeichnung „psychodelisch“ verstehe ich nicht so recht. Wann und wo sich das „o“ in die psychedelische Rockmusik eingeschlichen hat, lässt sich nicht mehr feststellen. Jedenfalls hat es da nichts zu suchen. Aber davon abgesehen klingt die Musik von Polis auch nicht wirklich psychedelisch. Eher schon nach konzertantem Prog-rock auf melodischer Blues Rock Basis. Auf eine seltsam nostalgische Art vertraut klingt hier Manches auf dieser Platte. Und zugleich auf eine Art naiv sympathisch, trotz des einen oder anderen Klischees, das auf Englisch und von Eloy vorgetragen unerträglich peinlich wäre. Gelungen ist vor allem die Instrumentalarbeit, insbesondere die Gitarrenparts, aber auch die Hammond Orgel und natürlich das rhythmische Grundgerüst. Manchmal wird etwas zu dick aufgetragen, aber wie gesagt auf sympathische Weise. ***

 

TurnerTurner – This Is Turner… (CD, Paisley Archive)

 

Louise Turner ist eine Sängerin aus Salford, Manchester. Bei der Mod Pop Band DC Fontana hat sie bereits als Gastsängerin mitgewirkt. Das hier ist nun ihr Debüt unter eigenem Namen. Sechs Tracks, mehr oder weniger klassisches Britpop, Sixties Girl Pop Songwriting. Sehr hübsch. Erinnert an Cilla Black, Sandie Shaw oder gar Dusty Springfield. Keine Ahnung wer die Songs geschrieben hat, ich hab hier nur eine promo CD ohne Booklet. D.h. „Oh You Pretty Things“ stammt aus der Feder von David Bowie, so viel weiß ich. Jedenfalls gefällt mir die Musik, die Stimme. Und als Bondgirl ginge die junge Dame auch durch. Warum macht Dizzy kein Vinyl? Und warum nur 200 CDs? So wenig Vertrauen in den guten Geschmack des Publikums? ***1/2

 

The CourtneysThe Courtneys – The Courtneys (LP, Conquest Of Noise)

 

Noch aus dem vergangenen Jahr stammt diese LP oder EP mit acht Tracks, die mit 45 Umdrehungen läuft im 12“ Format. Es handelt sich dabei um das Debüt von drei jungen Frauen aus Vancouver (Kanada), deren Musik mit Slacker Pop bezeichnet wird. D.h. 2012 erschien bereits eine Musikkassette auf Burger Records. Ja, es werden wieder analoge Tapes veröffentlicht. Das hier ist also nun das Vinyldebüt. Was aber ist Slacker Pop? Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich wirklich weiß was Slacker bedeutet. Die Musik ist schnell, punky, melodisch, sehr treibend und eher schlicht. Die drei Mädels tragen Sneakers, viel zu große T-shirts bzw. Jumper und Basecaps. Sie singen von „Insufficient Funds“, „Social Anxiety“, einem „Delivery Boy“ und von „Keanu Reeves“. Den scheinen sie zu mögen. Mit viel Schwung und Begeisterung sind sie bei der Sache. Auf Dauer fehlt mir ein bisschen die Abwechslung, obwohl die Platte ja eigentlich recht schnell zu Ende ist. Live macht das bestimmt noch mehr Spaß! ***1/2

 

The Higher StateThe Higher State – The Higher State (LP, 13 O’Clock Records)

 

Das vierte Album der Band aus Kent (UK), die ganz so klingt, als wäre sie gerade aus einer Zeitmaschine geklettert, die auf 1966 und Texas oder Kalifornien eingestellt war. Und natürlich ist die LP in mono und erscheint auf einem kleinen texanischen Label. Ich kenne einige Leute, die glauben sogar felsenfest, dass es sich hier um eine echte Ami Band aus den Sixties handelt. Nun, dann haben sie sich aber gut gehalten. Als ich sie vor drei Jahren live sah, schien keiner der Jungs älter als 35 zu sein. Na gut, höchstens 40. Gegründet wurde die Band 2005. Gitarrist und Hauptsongschreiber Martin Ratcliffe sowie Drummer Mole spielten schon in den Neunzigern bei The Mystreated zusammen. Die klangen so ähnlich, ein bisschen verspulter vielleicht. Auf dieser LP hier hört man wieder astreinen Garage Pop mit 12-saitiger Rickenbacker Gitarre, Harmonica, scheppernden Drums und solidem Bass. Oft erinnert das auch an den Folk Rock der Byrds oder Turtles. Ich bin immer wieder erstaunt und begeistert, wie sehr diese Band den Sound der US Garage Bands des Jahres 1966 verinnerlicht hat. Love, Elevators, Seeds, u.a. werden hier wieder zum Leben erweckt. Und dabei spielen The Higher State doch ihre eigene Musik, ihre eigenen Songs. ****

 

The ResonarsThe Resonars – The Greatest Songs Of The Resonars (LP, Trouble In Mind)

 

Eigentlich ja keine neue Platte, lediglich eine Compilation der besten Tracks dieser Band aus Tuscon, Arizona, die es nun auch schon seit über zwei Jahrzehnten gibt. Ich hab’ sie jedoch erst letztes Jahr entdeckt. The Resonars waren eine Sixties Band aus Tuscon, keine sehr bekannte oder erfolgreiche. Doch der jüngere Bruder eines dieser Sixties Veteranen beschloss 1992, das Erbe anzutreten und begann zunächst ganz allein Songs zu schreiben und aufzunehmen, wobei er alle Instrumente selbst spielte und im Multitrack Verfahren nacheinander aufnahm. 1998 veröffentlichte Matt Rendon das Ergenis seiner Bemühungen unter dem Namen The Resonars auf einer Kassette beim lokalen Label Star Time. Kurz darauf rekrutierte Matt dann auch weitere Musiker für Live Auftritte der Band. 1999 erschien eine zweite Platte, dieses Mal auf Vinyl und bei Get Hip, die wieder von Matt Rendon ganz allein eingespielt worden war. Dann passierte längere Zeit nichts. Es folgten weitere Platten auf Get Hip in größeren zeitlichen Abständen und schließlich ein Wechsel zu Burger Records in Kalifornien. Immer noch bestand die Band vor allem aus Matt Rendon, der zwischenzeitlich auch immer wieder mit anderen Bands zusammen arbeitete und so auch gelegentlich Musiker für The Resonars gewinnen konnte. Sechs LPs und etliche Singles und EPs sind so bis 2011 erschienen. Nun also hat das sehr rührige Label Trouble In Mind aus Chicago eine LP mit den besten Aufnahmen Matt Rendons zusammengestellt. Garage Rock und Power Pop ist das vor allem. Ich kenne natürlich nicht alle Platten der Resonars, also kann ich nicht beurteilen, ob das hier wirklich die besten Tracks sind. In meinen Ohren fehlt ein wenig die Abwechslung. Das Tempo ist eigentlich immer recht flott, der Sound und die Instrumentierung immer gleich. Und wirklich herausragende Songs höre ich nicht, obwohl das natürlich alles sehr schön und gefällig daherkommt. Ich hab mir sagen lassen, dass die Band inzwischen auch live auftritt. Augenzeugen berichten, dass Zusammenspiel und Bühnenpräsenz doch eher etwas schülerbandmäßig wirken, obwohl die Herren alle schon mindestens 50 sein dürften. Ach, was soll’s. Die Best Of LP ist so schlecht nicht. ***1/2

 

Talmud BeachTalmud Beach – Talmud Beach (CD, Bone Voyage)

 

Ein Trio aus Helsinki spielt psychedelischen Blues und groovy Folk Rock. Dieses Debütalbum erschien 2012 bereits in kleiner Auflage als Vinyl LP auf dem Label Helmi Levyt. Die Platten wurden allerdings nur in Finnland bei Gigs verkauft. Ende letzten Jahres hat nun Bone Voyage die Scheibe als CD veröffentlicht. Ich bin ja immer wieder begeistert von den innovativen Ideen finnischer Pop und Rock Musiker. Und auch diese drei machen da keine Ausnahme. Ihre Beschäftigung mit dem Blues solcher Bands wie Canned Heat zum Beispiel oder dem Folk Rock eines Bob Dylan etwa führt keineswegs zu einem schlichten nachspielen. Die Anregungen werden aufgenommen, verfremdet, weiterentwickelt. So ähnlich machen das auch Beck Hansen oder Mark Oliver Everett, die jedoch zu ziemlich anderen Ergebnissen kommen. Talmud Beach erinnern dafür gelegentlich an ihre Kollegen und Labelmates 22 Pistepirkko. Aber wirklich nur gelegentlich. Der Name Talmud Beach ist übrigens eine Reaktion auf antisemitische Anfeindungen, denen sich zwei der Jungs als Straßenmusiker in Lettland und Litauen ausgesetzt sahen, weil sie lange Bärte und schwarze Hüte trugen. Man hielt sie offenbar für gläubige Juden. Und weil die Band tatsächlich eine Reihe amerikanischer Künstler jüdischer Herkunft zu ihren Vorbildern zählt, schien ihnen der Name in gewisser Weise passend. Trotz Dylan und Lou Reed, den sie auch als Einfluss nennen, spielen die drei Finnen hier vor allem einen sehr eigenwilligen und modernen Blues. Dabei verbreiten sie mitunter eine sehr angenehme und intime Atmosphäre. Und dann gehen sie auch mal recht energisch zur Sache und lassen es sogar richtig krachen. Dabei rocken sie nicht, sie grooven hypnotisch, so ähnlich wie Can das ganz früher auch taten. ****

 

ChambersLorelle Meets The Obsolete – Chambers (LP/CD, Sonic Cathedral)

 

Hinter dieser Platte steckt ein Duo aus Mexiko, Lorena und Alberto, das schon seit Jahren zusammen psychedelische Rockmusik zwischen Krautrock und Stoner Drone spielt. Seit einiger Zeit leben die beiden unmittelbar südlich der Grenze zu den USA an der Pazifikküste in Ensenada. Ihr drittes Album hier nahmen sie in Chicago mit Cooper Crain von der Band Cave auf. Es ist das erste, das nun auch in Europa erscheint. Die Musik hier erinnert in gewisser Weise nicht nur an Stoner Acid Rock, sondern viel mehr an den Shoegazer Sound von My Bloody Valentine, nur dass der hier viel organischer klingt und so eine anarchistische Garage Rock Komponente aufweist. Erstaunlich ist, dass dieser ganze betörende Lärm von nur zwei Personen gemacht wird. Unter all dem Lärm scheinen übrigens immer wieder liebliche Melodien von weitem aus großen Hallen heran. Eine Platte, die man wirklich öfter hören muss, um alle Facetten zu erfassen. ***1/2

 

Black Lizard – Black Lizard (LP/CD, Soliti/Playground)

 

Aus Helsinki kommt die Band Black Lizard. Vier Jungs, die auf ihren Promofotos genauso aussehen wie junge Rockbands vor gut 40 Jahren, Jeansjacken, Pullunder, karierte Hemden oder gestreifte T-shirts, lange Haare. Die Musik der Jungs klingt auch wie ein Substrat psychedelischen Proto Punk Rocks der letzten 40 Jahre. Ein bisschen Spacemen 3 hier, etwas BRMC dort. Eine 10“ EP erschien 2012. Das hier ist nun das erste Album der Jungs, produziert in Teilen von Anton Newcombe von der Band The Brian Jonestown Massacre. „Love Is A Lie“ erinnert an The Jesus And Mary Chain aber auch an Suicide. Insgesamt hat die Musik der Finnen auf dieser LP etwas Hypnotisches, Einlullendes. Man macht die Augen zu oder einfach nur das Licht aus, irgendeine Lavalampe oder was Ähnliches sorgt für dezent fließende Beleuchtung, und nun dreht man die Anlage auf und lässt sich von der Musik forttragen auf einen Trip in Vergangenheit, Zukunft, andere Welten – ganz nach Belieben. Chemische Substanzen sind nicht nötig. Die Musik ist vollkommen ausreichend, einen abheben zu lassen. Selbst wenn die Jungs über „Some Drugs“ singen, das ist nur Show. Bei Tracks wie „Boundaries“ oder „Forever Gold“ kann man sogar T.Rex assoziieren, wie ein englischer Kolumnist. Und mir fällt Velvet Undergrounds erste LP spontan ein, wenn ich den Track „Thrill“ von Black Lizard höre. Alles in allem erfinden die jungen Finnen also die Rockmusik nicht gerade neu, aber sie erinnern sich und uns an einige der schönsten Beispiele vergangener Jahrzehnte. Und dabei haben sie auch noch genügend eigene Ideen bezüglich Songs und Vortrag. ****

 

Radiopuhelimet – Ein kenenkään maa (LP/CD, If Society)

 

RadiopuhelimetErstaunlich ist vor allem, dass es diese Band noch immer gibt. Mitte der 80er Jahre in Oulu gegründet, spielte die fünfköpfige Kapelle vor allem schnellen, kompromisslosen Hardcore Punk, der zwar bis nach Deutschland und in die USA begeisterte Anhänger fand, aber nie zu großen Auflagen führte oder die beteiligten Musiker gar ernährte. Im Lauf der Jahre wurde man auch im hohen Norden etwas ruhiger und scheinbar zumindest kompromissbereiter. Aber ich fürchte, zu Auftritten bei The Voice Of Finland oder Goldenen Schallplatten wird auch dieses rein akustische Alterswerk der Band nicht führen. Dazu haben die Herren einen viel zu schrägen Humor und auch ihre nicht elektrifizierte Musik klingt eher nach Punk und Underground, als nach gefälliger Unterhaltungsshow. Klar, man müsste die Texte verstehen, auch wenn die manchmal viel zu absurd sind. Und musikalisch ist das hier dann doch wieder nicht originell oder „abgefahren“ genug, um andere als eingefleischte Hardcore Fans zu überzeugen. Kleiner Textauszug gefällig? „Wir sind hier im Schiffshebewerk, in der Kabine des Wachmanns. Darf man hier sein? – Nein, darf man nicht. Aber die Tür war offen. Becher haben wir dabei. Draußen ist es zu kalt, 32 Grad unter Null. Kilju ist fertig. Das trinken wir jetzt.“ Vorher wird beschrieben, wie man Kilju herstellt. Das ist eine selbst gebrautes Getränk aus Hefe, Zucker und Zitronen, bei dem durch Gärung Alkohol entsteht. Stinkt furchtbar, schmeckt furchtbar und führt zu schlimmen Kopfschmerzen. Ist aber in Finnland recht beliebt, weil leicht und preiswert herzustellen. Weitere Songthemen sind: Tommis Pornohefte, wie man dem Tod entkommt oder die Nacht der Entscheidung, die dann niemanden überrascht. Diese Platte ist wohl wirklich nur was für Finnen oder solche, die es werden wollen. ***

 

Riitaoja – Mantereelle (LP/CD, Svart Records)

 

Auch das ist eine Platte, deren Wirkung sich womöglich nur dem echt Finnland affinen Hörer erschließt. Die Band Riitaoja ist eine Art finnische Supergroup der alternativen Rockszene. Gitarrist Ari-Matti Jutila war früher Gründer der Rockabilly Punk Band Teenage Kicks in den 1980er Jahren. Zuletzt spielte er bei The Flaming Sideburns und dann den Jolly Jumpers, einer der besten und zugleich unterbewertetsten finnischen Bands, die es leider inzwischen nicht mehr gibt. Schlagzeuger Alf Forsman war früher mal bei Sielun Veljet, der Band von Ismo Alanko in den 80ern. Janne Westerlund war bzw. ist Sänger der finnischen Band Circle, die mit Prog Rock nicht wirklich treffend beschrieben ist. Und Arttu Tolonen spielte Bass bei Giant Robot und zuletzt Them BIrd Things, die zurzeit eine Babypause machen. Sängerin Vuk ist in Finnland sonst auch solo recht erfolgreich. Der Name der Band Riitaoja ist einem der bekanntesten und erfolgreichsten Nachkriegsromane des Landes entlehnt. „Der unbekannte Soldat“ von Väinö Linna wurde mehrfach verfilmt und ist Pflichtlektüre in Finnland. Einer der Hauptprotagonisten des Romans heißt Riitaoja. Was nun die Musik von Riitaoja betrifft, so könnte man natürlich meinen, es sei eine Mischung all dessen, was die einzelnen Musiker aus ihren anderen Bands und Projekten mitbringen. Letztlich ist es jedoch eher eine rootslastige Platte, die viele Anregungen aus der Welt der Americana mit typischen finnischen Musiktraditionen verbindet. Wobei es eher die melancholischen und düsteren Vorbilder sind, die hier zum Tragen kommen. Es ist keine Platte, die einen anspringt oder sofort mitreisst. Man muss schon zuhören, sich auf die Stimmungen einlassen, die hier vermittelt werden. Dabei ist es gar nicht mal so wichtig, die Texte zu verstehen. Man kann auch so an der Musik Freude haben und sich von ihrer Atmosphäre mitnehmen lassen. Allein die Arrangements, das Zusammenspiel der Musiker, die verschiedenen Klänge und Instrumente sind beeindruckend genug. Natürlich dominieren Gitarren der unterschiedlichsten Art. Elektrisch, akustisch, Lap Steel, dazu Mandoline, Banjo, Bass, Schlagzeug, Harmonika, gelegentlich ein elektronisch erzeugter Klang. Richtig schnelle und fröhliche Tracks gibt es eigentlich gar nicht auf der Platte. Dennoch ist sie kein Stimmungskiller. Man hört entspannt zu und genießt. ****

 

Meta GeorgiaMeta Georgia – Cream Of Tartar (CD, Trash Tone Records)

 

Lord Litter ist ein alter Bekannter. Wer mein Flyer-Zine von Beginn an regelmäßig verfolgt, sollte ihn kennen. In den 80ern aktiv in der Berliner und internationalen Kassetten Szene, eine eigene Radiosendung bei kleineren Alternativ Sendern und im Internet macht er seit Jahrzehnten inzwischen. Aber Lord Litter ist auch Musiker, wie wir wissen. Als Lord Litter hat er bisher seine Musik veröffentlicht. Nun hat der Lord eine Lady, eine Partnerin. Und mit ihr macht er nun gemeinsam Musik. Eine alte Bekannte ist seine Lady, zumindest für ihn selbst, wie er schreibt in den Liner Notes zur Platte. Wieder gefunden hat er sie. Und nun sind die beiden ein Duo, oder sollte man sagen ein Paar? Jedenfalls wurde ein neuer Name gefunden: Meta Georgia. Hilke Hesse, so heißt Litters Partnerin, schrieb die Songs. Sie singt und spielt akustische Gitarre. Lord Litter spielt auch Gitarre und gelegentlich noch anderes. Er singt auch im Hintergrund, und er hat produziert. Neue Instrumente haben sie gekauft und neue Kabel, teure gute Kabel. Die sind so wichtig, dass sie extra erwähnt werden. Vor gut einem Jahr begann die Arbeit an diesem Album. Neben allen alltäglichen Verpflichtungen und Notwendigkeiten logischerweise. Nun ist es fertig. Und das Ergebnis ist – sehr intim. Sehr sparsam, reduziert, ohne dass etwas fehlt. Wie nennt man so etwas? Kleinkunst? – Das ist ein Wort, das ich nicht mag. Als wäre diese Kunst kleiner als die einer lauten Band oder eines Orchesters. Aber natürlich ist das Musik, die nur im kleinen Rahmen funktioniert, bei der man zuhören muss, die Aufmerksamkeit erfordert. Während die früheren Platten Lord Litters meist verschroben und irgendwie schrullig waren, ist das hier eine sehr offene und klare Sache, trotz dieser gewissen Intimität, die aus den Songs spricht. Ich glaube, Hilke Hesse hat eine ganz andere Art Songs zu schreiben als der Lord. Und je öfter ich die Platte höre, desto sympathischer wird mir dieses Songwriting. Und Hilke hat eine tolle Stimme. Beim Arrangement und bei der Produktion wird dann aber auch des Lords Handschrift deutlich. Insofern ist diese Platte eben doch auch eine Fortsetzung. Hat man sich erstmal auf Meta Georgia eingelassen, dann macht diese Musik richtig Spaß. „Little Cat“ oder „Early Bird“ sind richtige kleine Pop Perlen. Wunderbar leicht und fröhlich. Und „Baby Bumble Bee“ ist herrlich übermütiger Sommerpop. Und selbst die nicht so fröhlichen Songs wie etwa „Leaf“ wirken doch noch auf ihre Art heiter, weise. Ja, das ist sie diese Platte, weise, abgeklärt und dabei fröhlich und manchmal nachdenklich. Diese Songs machen nicht bloß Spaß, sie machen auch Mut. ****

 

Girls Like UsPins – Girls Like Us (LP/CD, Bella Union)

 

Knapp zwei Jahre spielen die vier Mädels aus Manchester zusammen. Ausverkaufte lokale Underground Shows, zwei Singles, und nun das Debütalbum. Im ersten Moment muss ich an die Savages aus London denken. Nicht nur, weil das auch vier Frauen sind, die kompromisslos Musik machen. Nun, die Ähnlichkeiten sind bei genauerem Hinhören dann doch nicht so groß. Elastica, Punk, Post Punk, Joy Division, das sind so ein paar Stichworte, die mir dazu einfallen. Aber was sollen diese Vergleiche? Pins klingen erfreulich anders und eigen. Und jeder Track klingt anders. Sicher sind da diese düsteren Bassläufe und Powerchords. Stakkato Rhythmen, scharfe Riffs, und ein Gesang, der am besten eben mit kompromisslos beschrieben ist. Diese ganzen verschiedenen Einflüsse von Iggy & The Stooges über Siouxsie bis zu eben Elastica werden verarbeitet und zu einem ganz eigenen Pins Sound verwoben. „Velvet Morning“ mit seinen Rückwärts-Gitarren und dem monotonen Sprechgesang hat etwas sehr Beklemmendes. „Stay True“ wirkt danach wie eine Befreiung. „My heart aches“, singt Faith Holgate in „To You“. Aber wie sie das singt lässt einen frösteln. „Girls Like Us“ ist ein Kampfruf und ein Befreiungsschrei zugleich. Diese Band, diese Platte ist so viel aufregender als das Savages Debüt. Hoffentlich kommen die vier aus Manchester bald auch zu uns und spielen hier live. Savages mögen live überzeugen, ihre LP ist nicht halb so intensiv und mitreißend wie diese hier. ****1/2

 

Roy HarperRoy Harper – Man & Myth (LP/CD, Bella Union)

 

Roy Harper ist 72 Jahre alt. Sein erstes Album erschien vor 47 Jahren, sein letztes vor 13. Danach wollte er sich eigentlich schon zur Ruhe setzen. Led Zeppelin haben ihn in einem Song unsterblich gemacht. Für Pink Floyd sang er Leadvocals bei „Have A Cigar“, ohne dafür je bezahlt zu werden, wie er sich unlängst beschwerte. Jüngere Musiker des Freak-Folk sehen in ihm ihr Vorbild und ihren Ahnherren. Und nun hat der alte Mann tatsächlich noch ein 22. Album aufgenommen und veröffentlicht. Seine Stimme klingt frisch und kraftvoll wie eh und je. Die Musik ist traditionell, folky, freaky, proggy. In „The Stranger“ blickt er in den Spiegel und sieht doch nur einen Geist. „Cloud Cuckooland“ evoziert Neil Young ebenso wie es der Gesellschaft den Spiegel vorhält. Eine immer noch sarkastische und wütende Abrechnung mit den eigenen Weggefährten. Pete Townshend spielt dazu Gitarre. Die epische Suite „Heaven Is Here“ und „The Exile“ knüpft an bei alten eigenen Vorbildern. 23 Minuten Selbstreflektion und Nabelschau. Und doch ist man gebannt, gefangen von dieser eindrücklichen und beeindruckenden Musik, die dann doch nie langweilig wird. In gewisser Weise ist das Prog Rock, oder besser Prog Folk der besonderen Art. ***1/2

 

SnapshotThe Strypes – Snapshot (LP/CD, Virgin)

 

Das ist nun das Debütalbum der Strypes aus Irland. Seit 2008 spielen die vier Jungs zusammen Beat, R&B und Pubrock und sie sind übrigens immer noch nicht alle voll-jährig. Eine Reihe 7“ Singles und EPs gingen dieser LP voraus, und ein paar der Tracks auf diesem Album hier waren auch schon auf einer dieser 7“es. Insgesamt sind es 13 Tracks, ein paar Klassiker sind dabei wie „I’m A Hog For You Baby“ (Leiber/Stoller) oder „You Can’t Judge A Book By The Cover“ (Willie Dixon) oder „Heart Of The City“ von Nick Lowe. Auch die eigenen Kompositionen der Jungs klingen so, als wären sie so alt wie die Vorbilder. Die Stimme von Ross Farrelly hört sich an wie bei einem gestandenen Blues Shouter. Aber das war ja schon bei Stevie Winwood so, als er erst 15/16 war. Die Musik der Strypes ist wie gesagt so sehr im britischen Blues Boom der Sixties verwurzelt, dass man nur staunen kann. Blues und Pubrock sind die beiden Komponenten der Musik. Und die eigenen Kompositionen der Band müssen sich überhaupt nicht hinter den Klassikern verstecken. Was man der Platte anhört ist, dass es den Jungs Spaß macht, diese Musik zu spielen. Mit Aplomb und viel Energie gehen sie zur Sache. Trotzdem oder gerade deshalb sind The Strypes keine Retro-Band. Und in ihrem Sound ist auch mindestens so viel Punk wie Rock’n’Roll neben dem R&B. Vermutlich spielen sie auch in erster Linie für Gleichaltrige. Weder beim Schreiben noch beim Aufnehmen ihrer Musik hatten sie uns alte Säcke im Kopf, die wir umso begeisterter sind vom Ergebnis. Produziert hat die LP Chris Thomas, der schon für The Beatles, Pink Floyd, Roxy Music aber auch The Sex Pistols oder Pulp an der Reglern tätig war. Und auch das hört man der Platte irgendwie an, diese Mainstream Tauglichkeit meine ich. ***1/2

 

What A Rotter Of A DayThe Electric Crayon Set – What A Rotter Of A Day (LP, Psychotron Records)

 

Auch diese LP wäre ein Album des Monats gewesen. Sie traf leider etwas zu spät hier ein. Auch bin ich nicht sicher, ob man sie überhaupt als ein aktuelles Album bezeichnen kann. Die Aufnahmen zur Platte entstanden zwischen 2002 und 2007, was für sich genommen ja noch ok ist. Allerdings wurde das Album bereits 2007 als CD veröffentlicht mit einer etwas anderen Reihenfolge der Tracks. Und natürlich ist dies hier in jedem Fall die vorzuziehende Version, schon weil die Aufnahmen analog entstanden und nun erstmals rein analog gemastert wurden. Die Band stammt aus Pori in Finnland. Das ist die kleine Stadt an der finnischen Westküste, in der der schon seit 40 Jahren jedes Jahr im Juni ein feines Jazz und Blues Festival stattfindet. The Electric Crayon Set, der Name ist Volume 5 der legendären britischen Rubble LP Reihe entlehnt, kamen gegen Ende des letzten Jahrtausends zusammen. Mastermind und fast alleiniger Songschreiber ist Timo Pääkkö, der schon in den 1980er Jahren begann Gitarre zu spielen. Sei es Rockabilly, oder sei es der damals nicht nur in Finnland hoch geschätzte Power Pop australischer Prägung. Timo ist anglophil durch und durch, bis hin zu seiner Vorliebe für englischen Fußball. Eine Single von The Electric Crayon Set erschien im Jahr 2000 auf dem englischen Mod Label Detour. Und ein erstes Album kam ein Jahr später auf dem bandeigenen Label Soundhawk raus, leider nur als CD. Diese Platte hier erschien wie gesagt 2007 als CD auch auf Soundhawk. Bei den Vorlieben der Musiker wundert es nicht, dass die Musik absolut britisch klingt. Dabei dominiert nicht mal der Einfluss von Popsike und Sixties Freakbeat. Manches erinnert an XTC, anderes an die Bands des Creation Labels Ende der 1980er Jahre. Ja sogar an Paul Rolands Musik aus den späten 80ern muss ich denken, wenn ich Tracks wie „Angel Of Mons“ höre. Tim Burgess von The Charlatans war Ende der 80er übrigens Leadsänger einer Band mit Namen The Electric Crayons. Ob die auch so geklungen haben? Und ob Timo Pääkkö das weiß? Die einzige Fremdkomposition auf der LP hier ist übrigens „The Otherside“, im Original die B-Seite der ersten Single von The Apple aus dem Jahr 1968. Eine der schönsten Psych Pop Nummern der Sixties. Die Version von The Electric Crayon Set ist eine etwas zu gediegene Verbeugung vor dem natürlich unerreichbaren Original. Aber insgesamt ist das hier eine sehr schöne hörenswerte Britpop infizierte und Psych Pop informierte LP. ****

 

Live At WimbledonHoneyheads – Live At Wimbledon (LP, All Rock’n’Roll Speeds Up Records)

 

Diese LP hat nichts mit Tennis zu tun. Und live eingespielt wurde sie auch nicht. Es ist das zweite Studioalbum der Hamburger Band Honeyheads. Einer Band, die wohl lieber 25 Jahre früher auf der Bildfläche erschienen wäre. Als C86 den jungen Anorakträgern noch was bedeutete und man mit einer Schrammelgitarre und Hornbrille noch Mädels beeindrucken konnte. Obwohl, Letzteres soll sogar noch heute gelegentlich funktionieren. „Live At Wimbledon“ wurde durch Crowdfunding finanziert. Und wie man nun hört, hat das jedenfalls geklappt. Irgendjemand hat geschrieben, so hätten Vampire Weekend vor 25 Jahren geklungen. Na ich weiß nicht. Aber es spielt auch gar keine Rolle, wie Vampire Weekend irgendwann geklungen hätten. Honeyheads klingen jedenfalls nicht wie Vampire Weekend. Honeyheads klingen in ihren besten Momenten wie Jonathan Richman. Und ein Stück von Roky Erickson spielen sie hier, ein eher unspektakuläres Stück allerdings. Es heißt „(Wait) For You“. Leider klingen Honeyheads manchmal auch ganz schön unausgegoren, ja abstrus. Warum muss ein Track mit dem Titel „Autistic Artist“ denn unbedingt so klingen, als wären da lauter Autisten zugange gewesen? Irgendwie erinnert mich diese Platte auch an die Bartlebees aus München, falls die noch jemand kennt. Die wollten auch oft mehr als sie in der Lage waren zu liefern. Im besten Falle wirkt das charmant. Beim letzten Track zum Beispiel „Song Of Sealed Lips“. Manchmal nervt es aber auch. Bei „Make Out Captain“ etwa. Wie auch immer, Freunde des authentischen Schrammelpops werden diese Platte lieben. Alle anderen hören sicherheitshalber erstmal rein. ***

 

Stefan Saffer – This Is Not A Dark Ride (CD, Cactus Rock Records)

 

Seit fast 30 Jahren schon macht Stefan Saffer Musik. Als Straßenmusiker zwischen Bamberg und Schweinfurt fing er an Mitte der 1980er Jahre. Später war er Sänger und Gitarrist der Stranded Jaywalks, einer Garage und Alternative Rock Band aus Bamberg. Auch bei The Broken Jug spielte er kurze Zeit mit. Über den Umweg Berlin landete Stefan Ende des Jahrtausends in Leipzig. Wieder eine eigene Band. 2001 dann ein Album mit dem Titel „The Dark Frontier“. Sehr an Stefans Idol Bruce Springsteen orientiert. Nach Auslandsaufenthalten in den USA, Irland und Mexiko gründet Stefan in Leipzig The Jukes. Ein Folk und Americana orientiertes Album erscheint im Jahr 2009. Zwei Jahre später dann ein Solo Album unter dem Titel „From Rebellion To Redemption … And Then Back“. Zum Teil sehr persönliche Lieder, leise aber intensiv.

Nun also wieder eine richtig rockende Band. The Clash, Hüsker Dü, The Who und natürlich Springsteens E-Street Band nennt das Info zur Platte als Referenz. Ja, Stefans Phrasierung, selbst sein Songwriting sind immer noch dem Boss verpflichtet. Andererseits ist eine Entwicklung nicht zu leugnen. Die Songs sind dies Mal nicht so sehr persönlicher Natur, wie wohl sie natürlich ein persönliches Anliegen aus- drücken. Es sind größtenteils wütende Songs, die sich zum Teil allgemein, zum Teil auch an ganz konkreten Beispielen mit Gewalt, Armut, Unterdrückung und Ungerechtigkeit beschäftigen. Zorn ist da zu spüren. Aber auch Zuspruch und Hoffnung. Dabei muss ich unwillkürlich an Tim TV Smith denken, den früheren Frontmann der Adverts, der ja auch nach wie vor unermüdlich für eine gerechtere Welt unterwegs ist mit seinen Songs. Zumindest die Attitüde ist sehr ähnlich. Aber auch musikalisch sind die beiden Musiker gar nicht so weit voneinander entfernt. Mit Alex Wurlitzer hat Stefan nicht nur einen fulminanten Duelpartner an der Gitarre gefunden, sondern auch einen Mitstreiter an den Reglern im Studio. Marcus Heinzig heisst der neue Drummer, der für einen kraftvollen wie exakten Beat sorgt. Und aus alten Broken Jug Tagen konnte Jimmy Warwas am Bass reaktiviert werden. Die beiden Jukes Ladies Angela Hofmann und Kerstin Braun singen Backing Vocals. Auf diese Weise ist ein sehr heftiges wie vielschichtiges Album entstanden. Ein Album, das rockt im besten Sinn, ohne breitbeiniges Posieren, aber mit energischen Riffs und der nötigen Emphase. Zehn Tracks in rund 50 Minuten, da wird es schon mal auch richtig episch, ohne auszuufern. Stefan Saffers beste Platte bis jetzt! ****

 

Nadine ShahNadine Shah – Love Your Dum And Mad (LP/CD, Apollo)

 

Sehr intensiv und eindrucksvoll, manchmal auch wütend ist das Debütalbum von Nadine Shah aus Newcastle. Ihre Mutter kam aus Norwegen in die nordenglische Hafenstadt. Ihr Vater kommt aus Pakistan. Eine spannende Mischung. Auch musikalisch. An Marianne Faithfull erinnert die Stimme der jungen Frau tatsächlich ein bisschen, wie es einige Rezensenten schreiben. Und klar, PJ Harvey fällt einem auch gleich ein als Referenz. Aber sonst ist das doch eine sehr eigene, eine eigenständige Platte. Kein Sommeralbum. Nicht mal ein Spätsommeralbum. Diese Musik, die Stimmung und auch die Stimme passen nur in den Herbst, wenn es trübe ist, regnerisch, nasskalt. Man fröstelt mitunter bei diesen Klängen. Auf den Fotos der Beilage trägt die Sängerin stets einen Mantel mit hochgeschlagenem Kragen. Und auch die Coverzeichnung lässt mich frösteln. Und doch hat diese Stimme manchmal auch etwas Tröstliches. Eine trügerische Hoffnung keimt bei so einem Track wie „Dreary Town“. Mein Favorit ist „Runaway“. Vermutlich weil es musikalisch noch am ehesten als konventioneller Rockpop Track durchgeht. Aber auch wegen der trotzig sarkastischen Attitüde der Protagonistin, die ihrem fremdgehenden Mann nachdem die Kinder aus dem Haus sind hinterher ruft, renn doch zu deiner Hure. Von einer fragilen und auch trügerischen Schönheit ist der Schlusstrack „Winter Reigns“. Diese Platte ist überwältigend, schön und verstörend zugleich. Man muss da schon zuhören. Aber allzu oft möchte ich das glaube ich nicht. ***1/2

 

The SoundcarriersThe Soundcarriers – The Other World Of(LP, The Great Pop Supplement)

 

OK, dieses Review kommt schon etwas zu spät. Die Platte ist eh bereits vergriffen. Und dabei ist es eine remixte und remasterte Version des noch gar nicht erschienen CD Albums, wenn ich die Infos der Band und des Labels richtig verstanden habe. The Soundcarriers sind eine psychedelische Instrumental Band aus Nottingham. Und die Musik auf dieser LP hier ist psychedelische Lounge Music. Fast unauffällig gleiten die Töne an einem vorbei. Repetitive Rhythmen, Orgel-Cluster, Flöten, perkussive Klänge, Gitarren-Loops. Ei-gentlich ganz schön seltsam, aber irgendwie auch angenehm und einnehmend. Erinnert mich doch sehr an die frühen Siebziger. Ian McDonald und Michael Giles, Gründungsmit-glieder von King Crimson, brachten 1971 zusammen ein Album raus. Daran musste ich eben denken. Und auch die Musik von Joseph Byrd And The Field Hippies klang etwa so ähnlich. Hypnotische Kiffermusik sagte mein Kumpel Bernd damals dazu. Das passt. Und doch geht diese Platte hier auch gut und gerne als Hintergrundmusik für das Testbild im Fernsehen durch. Bloß gibt es das heute ja gar nicht mehr. Selbst das Aquarium oder die nächtlichen S-Bahn Fahrten im TV sind inzwischen Geschichte. Schade eigentlich. Die Musik der Soundcarriers wäre der perfekte Soundtrack dazu. ***1/2

 

Wolf PeopleWolf People – Fain (CD/LP, Jagjaguwar)

 

Ich weiß gar nicht mehr genau wie ich auf diese Band und ihre neue LP „Fain“ gekommen bin. Könnte sein, dass ich sie bei stone.fm gehört habe, oder doch nicht? Es ist jedenfalls eine ganz erstaunliche Platte. Die dritte wohl schon neben zahlreichen Singles und EPs, die seit 2006 erschienen sind. Die Band kommt aus London. Ihre Musik ist eine Mischung aus dezentem Prog Rock und psychedelischem Folk Rock. Sehr britisch auf jeden Fall mit vielen Anleihen bei oder Bezügen zu britischer Musik der späten Sixties und frühen Seventies. Und doch hat man nie das Gefühl, das hier wäre irgendwie retro. Erstaunt bin ich ja immer über die vielen Vergleiche, die man in den Reviews so findet. Aber bei manchen davon muss ich auch freundlich nicken. Das Songwriting der Band orientiert sich oft wirklich an solchen Größen wie Fairport Convention. Andererseits haben die Arrangements aber oft eine dunkle und schwere Seite, deren Ursprung mir nicht ganz klar ist. Comus? Oder die Schweden Dungen? Nee, nicht wirklich. Aber die Platte transportiert eine faszinierende Atmosphäre, die mir in den besten Momenten unheimlich vertraut erscheint. Übrigens hat der Drummer der Band Tom Watt ein Faible für finnischen Prog und Acid Rock der frühen Siebziger. Unter  www.wolfpeople.co.uk findet man etliche völlig obskure Singles aus Finnland in Wort und Musik vorgestellt. Und womöglich hat auch der eine oder andere dieser Klänge abgefärbt auf die Wolf People. ****

 

WoodlandsWoodlands – Woodlands (CD/LP, Ingrid)

 

Schweden in den Achtzigern war stetig sprudelnde Quelle feinsten Garage Pops und Gitarrenrocks mit wunderbaren Melodien, aufregendem Sound jenseits des Mainstreams und höllisch infektiösem Ohrwurm Charakter. Die meisten der Bands von damals sind inzwischen fast vergessen. Und nun kommt hier so ein junges Musikertrio aus Stockholm und legt eine Debüt LP vor, die all das wieder aufleben lässt! Da ist zunächst die charismatische Sängerin Sara Wilson, deren Stimme allein schon jedes Herz erwärmen muss. Dazu spielt sie auch noch leidenschaftlich Gitarre. Marcus Holmberg aus Umeå zupft den Bass so solide und songdienlich, wie er es schon in verschiedenen Indie Bands zuvor tat. Und Saras Lebensgefährte Niklas Korssell trommelt sehr locker und luftig aber auch kraftvoll, wenn es passt. Aufgenommen wurde das Album der Band Woodlands in Malmö vom früheren Eggstone Sänger und Bassisten Per Sunding, der auch schon die Cardigans produzierte. Die Musik ist reich an Abwechslungen. Zwischen Americana, Grunge infiziertem Rock und perlendem Pop ist alles möglich. Eine sehr intensive Platte und ein paar echt tolle Songs. „Housebuilding“, „River Running Wild“ und „Kids“ sind meine Favoriten. Allein diese drei zeigen die enorme Vielseitigkeit der Band. ****

 

13Black Sabbath – 13 (LP/CD, Vertigo)

 

Diese Platte müsste eigentlich Album des Monats Juni sein. Aber bis zur nächsten Ausgabe von Guitars Galore will ich nicht warten. Und außerdem sollte den Top Spot dann vielleicht doch ein eher unbekannter Nachwuchskünstler bekommen. Also feiern wir das Comeback des Jahres hier und jetzt! Acht Tracks sind auf „13“, was übrigens mitnichten das 13. Studioalbum der Band ist. Auch nicht das 13. mit Ozzy. Es ist wohl das 19. Album. Auf jeden Fall ist es eine ganz erstaunliche Platte, die da anknüpft, wo der Output der Originalbesetzung begann erratisch zu werden. Ich weiß noch ziemlich genau, wie ich das Debüt der Band zum ersten Mal hörte. Irgendwann im Frühsommer 1970 muss das gewesen sein. Ich war schon von Led Zeppelin beeindruckt. Deren erste beiden LPs hörte ich rauf und runter. Deep Purple in Rock stand mir erst noch bevor. Und dann kam da diese Platte mit der schwarz gekleideten bleichen Figur auf dem Cover, halb im Unterholz neben einem knorrigen alten Baum stehend, am Rande eines Teiches, hinter dem wiederum ein altes Gemäuer emporragt vor einem grauen, rotstichigen Himmel. Dazu die altmodische Schrift und dann das auf dem Kopf stehende Kreuz, wenn man das Klappcover aufschlägt. Die Musik erklingt wie nichts was ich zuvor gehört habe. Dagegen sind Led Zeppelin harmlos. Aber auch hier sind noch die Wurzeln des Blues erkennbar. Archaischer, urwüchsiger und zugleich viel dunkler und drohender. Und dann das Konzert Ende Juni im Audimax der FU. Eines meiner ersten größeren Konzerte überhaupt. Leider sind die Erinnerungen daran verschwommen, aber eines weiß ich ganz sicher, die auf den Plakaten angekündigten deutschen Bands Frumpy und Hairy Chapter habe ich dort nicht gesehen. Genug davon. Diese und die folgenden LPs von Black Sabbath setzten den Standard für schweren, brachialen Rock. Die Dämonen und das Spiel mit Symbolen des Satanismus nahm man schon damals nicht ernst. Andererseits konnte man damit aber noch provozieren im Jahr 1970. Sabbath, Zeppelin und Purple waren zum die-Sau-rauslassen wie geschaffen. Neil Young, Cat Stevens und The Moody Blues waren mehr fürs Gefühl und die Abende zu zweit. Aber zurück zu Black Sabbath. Nach der vierten LP hab ich die Band seinerzeit aus den Augen und Ohren verloren. Ozzy war dann irgendwann mehr Skandalnudel und Witzfigur. Und nun dies. Unter der Leitung von Rick Rubin hat sich die Originalbesetzung von Black Sabbath wieder zusammen gefunden. Na fast die Originalbesetzung. Drummer Bill Ward ist wohl einerseits zu fertig und andererseits wollte er einen dezidierten Vertrag haben, heißt es. In Brad Wilk von Rage Against The Machine haben die drei übrigen Bandmitglieder einen vollwertigen Ersatz gefunden. Diese Scheibe hier ist ein Phänomen. Ich weiß, es hört sich abgedroschen an. Aber die Platte klingt so, als wäre es jetzt 1972 und das hier die aktuelle fünfte LP von Black Sabbath. Ozzys Stimme klingt noch immer so wie auf den ersten LPs. Tony Iommis Riffs und seine schweren Akkorde haben immer noch diesen dräuenden, fast lähmenden Druck in die Magengrube. Des-gleichen der Bass von Geezer Butler, der auch hier wieder hauptverantwortlich für die Texte zeichnet. Neben den typischen schwer groovenden Tracks, die meist auch mit den typischen Breaks und Tempowechseln aufwarten, die man von Sabbath kennt, gibt es mit „Zeitgeist“ einen akustischen Track, der leise aber umso nachdenklicher daherkommt. Und immer wieder die so typischen Heavy Riffs, die stählernen Bassläufe, die treibenden Drums. Rick Rubin hat die alten Männer wieder zu sich selbst finden lassen, so scheint es. Er hat die alten Platten mit ihnen zusammen gehört und sie dann tagelang einfach nur jammen lassen, liest man. Schließlich kommt auch die Harmonika wieder zu Ehren in dem düsteren und doch abgeklärten „Damaged Soul“. Wie wir wissen ist Tony Iommi dem Sensenmann ja gerade erst noch mal entkommen. Sein Krebs ist vorläufig besiegt. In „Dear Father“ rechnet Geezer Butler mit seinem eigenen Vater ab, der ihn wohl als Kind missbrauchte. Und mit dem Donnergrollen und der Glocke vom ersten Album schließt sich der Kreis. Diese Platte ist schwer beeindruckend und geradezu apokalyptisch. ****1/2

 

Crayola LecternCrayola Lectern – The Fall And Rise Of Crayola Lectern (DoLP/CD, Bleeding Heart Recordings)

 

Ein Debütalbum, das einige Zeit beansprucht, das man öfter hören muss. Crayola Lectern ist ein Typ, eine Figur und zugleich Name der Band. Mastermind ist ein gewisser Chris Anderson aus Worthing. Das liegt an der Südküste Englands westlich von Brighton. Musik macht der Mann wohl schon eine ganze Weile. Seit mehr als zwanzig Jahren sogar. Klavierspielen fand er als Teenager wohl doof. Und nun spielt er fast nur noch Klavier. Das Instrument dominiert diese Platte ganz ohne Zweifel. Im Übrigen ist diese Platte sehr Englisch. Ein bisschen verspielt, ein bisschen verträumt, schräg auch manchmal, jedoch unaufdringlich. Der „Goldfish Song“ sticht zunächst hervor. Erinnert an The Beatles. Die Beatles, die den Rock’n’Roll verrieten. Andererseits schwebt der Geist von Kevin Ayers über der Musik. Manchmal. Und Robert Wyatt lugt ab und zu auch hinter einem Soundschnipsel hervor. Diese musikalische Nähe zur frühen Canterbury Szene verwundert nicht weiter, wenn man sieht wer hier alles mitmacht bei Crayola Lectern. Einige der Musiker waren früher in der Band The Cardiacs (noch früher Cardiac Arrest) aktiv. Diese Londoner Band wurde zwar 1977 im Zuge der Punk und New Wave Bewegung gegründet, orientierte sich aber eher an den weniger bombastischen, mehr verschrobenen Vertretern von Prog und Art Rock wie eben auch den Canterbury Bands der späten Sixties und frühen Seventies. Und genau diese Einflüsse finden sich, wenn auch ein paar Mal gefiltert, hier wieder. Fünf Jahre haben Anderson und seine Mitmusiker an diesem Album gearbeitet. Dabei ist ein wirklich filigranes, schönes und sehr hörenswertes Werk entstanden. Man muss sich wie gesagt etwas Zeit nehmen. Mehrmals und genauer hinhören. Ein BBC Radio Moderator, Billy Reeves, hat gesagt: If the Beatles were German and had scored a porno with Gruff Rhys.“ Eine drollige Vorstellung. Ich weiß nicht, was dieser BBC Mann sich unter deutschen Beatles, die mit Gruff Rhys (Super Furry Animals) Porno Musik spielen, vorstellt. Ich finde jedenfalls, diese Platte klingt vielleicht nach all dem so ein wenig. Aber dann auch wieder nicht. Es ist und bleibt eine sehr englische Platte. ***1/2

 

Just Like ThatSky Dee And The Demons – Just Like That (CD, Stupido Records)

 

Gerade erschienen ist dieses Debütalbum einer Band aus Helsinki. Es gibt sie schon seit ein paar Jahren und zwei EPs sind auch bereits erschienen. Musikalisch haben wir es hier mit einer Grundlage von Fifties Rock’n’Roll zu tun, die bereichert wird durch Sixties Pop und Beat. Neben einer recht dominanten Orgel (keine Hammond, eher Dr. Böhm) hört man klare Elektro Gitarren, die meist sehr nach The Shadows klingen, gelegentlich auch Bläser. Man könnte also sagen, The Shadows meet The Tornados to play Fifties Rock’n’Roll and Rhythm & Blues. Allerdings fehlt so ein bisschen der Rock, was ja im Prinzip nicht schlimm ist. Die klassische Rhythmus Sektion swingt eher statt zu rocken. Und gelegentlich fällt man gar in einen Rocksteady Rhythmus. Soweit alles prima. Allerdings fehlen die zündenden Songs. Und die Dr. Böhm Orgel ist dann vielleicht doch zu aufdringlich auf die Dauer. 12 Tracks und eine Spielzeit von insgesamt 32 Minuten, in jeder Beziehung ein ganz durchschnittliches Angebot. Der Titelsong sowie „Gonna Set The House Ablaze“ stechen hervor aus dem bunten Allerlei. ***

 

The Telstar Sound DroneThe Telstar Sound Drone – Comedown (LP/CD, Bad Afro)

 

Ich finde es interessant, wie das Vorhandensein eines bestimmten Schallplattenlabels die Gründung und Existenz bestimmter Bands fördert und beeinflusst. Das gilt natürlich auch umgekehrt. Naja, jedenfalls gibt es in Kopenhagen das Bad Afro Label, das seit inzwischen zwei Jahrzehnten die Heimat aller dänischen und sogar weiterer skandinavischer Garage und Psych Rock Bands ist. Jüngstes Mitglied dieser Gemeinde ist die Band The Telstar Sound Drone, deren Debütalbum Ende Mai erschien. Gegründet wurde die Gruppe bereits 2007, und so ganz jung sind ihre Musiker sicher auch nicht. Zwei der aktuellen Bandmitglieder spielen auch bei Baby Woodrose, die ja wohl das größte Zugpferd des Labels seit Jahren sind. Die LP klingt genau so wie man es bei diesem Bandnamen erwartet. Schwer psychedelische Sound Drones, die ursprünglich mal als Soundtrack zu alten Lehrfilmen dänischer Schulen oder Universitäten entstanden. Auf was für Ideen die Leute kommen. Feedback, Hall und allerlei Klangeffekte werden sehr exzessiv eingesetzt. Der Gesang ist so verzerrt oder verhallt, dass er eigentlich mehr als zusätzliches Instrument wirkt. Richtig zu verstehen ist er jedenfalls nicht. Erstaunlicherweise werden nur die klassischen Rockinstrumente eingesetzt, Gitarren, Bass und Schlagzeug. Die werden aber dermaßen verfremdet, dass eine völlig entrückt wirkende, hypnotische Sound Collage entsteht. Das ist manchmal schon etwas zu viel des Guten. Live aber vermutlich sehr beeindruckend, wenn dann noch die entsprechende Lightshow dazukommt. ***

 

Tropical PopsicleTropical Popsicle – Dawn Of Delight (LP/CD, Talitres)

 

Der Begriff Garage Rock wird ja inzwischen gerne mal auf alles Mögliche angewandt. So auch auf diese Band und ihre Debüt-LP. Dabei hat Tim Hines, der u.a. mit den Stereotypes aus San Diego hübschen Indie Pop spielte, mit Sixties Garage Rock eigentlich eher wenig zu tun. Natürlich ist sein neues Projekt von britischem Psych Pop der Sixties und von US Sunshine Pop eben jener Dekade des vorigen Jahrhunderts durchaus inspiriert. Aber ebenso haben Twee Pop und Shoegazing ihre Spuren hinterlassen in der Musik von Tropical Popsicle. Übrigens ein sehr passender und laut-malerischer Name für diese Band. Hübsche Melodien werden von jangelnden Gitarren und Casio ähnlichen Keyboards vorgetragen. Wie hier eine Brücke geschlagen wird vom kalifornischen Folk Rock und Pop von The Byrds oder The Association zu britischen Eighties Gitarren Pop Ikonen wie Echo & The Bunnymen oder The Jesus And Mary Chain und dabei dann sogar noch ein durchaus eigenes Profil entsteht, das ist schon erstaunlich und ganz famos. ***1/2

 

 

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