
Die Kurzen (Singles, EP) Longplay (LP, CD) Re-Issues Live Gigs Fanzines Unsigned Talent Album des Monats News Links
Album des Monats
Die Bewertungsskala:
* Materialverschwendung!
- ** muss man nicht kennen - *** sollte
man mal gehört haben - **** Anschaffung sehr zu empfehlen - ***** gehört
in jede Plattensammlung!
Album des Monats Dezember 2011
The Bevis Frond – The Leaving Of
Besetzung:
Nick Saloman – vocals, guitars, keyboards
Adrian Shaw – bass
Paul Simmons – guitars 
Dave Pearce – drums
Trackliste:
Johnny Kwango
Speedboat
An Old Vice
More To This Than That
The Leaving Of
Hold The Fort
Why Have You Been Fighting Me?
The Divide
Reanimation
Stupid Circle
Son Of A Warm Gun
Barely Anthropoid
Testament
You’ll Come
Preservation Hill
Heavy Hand
Too Kind
True North
Walthamstow war schon immer mein Lieblingsbezirk in London.
Nicht zuletzt wegen Small Wonder Records. Label und Laden residierten dort in
den 1970er/80er Jahren. Nick Saloman ist ebenfalls in Walthamstow zuhause.
Seine Band The Bevis Frond gibt es schon eine kleine Ewigkeit, eigentlich seit
den späten 1960er Jahren. Großen Erfolg hatte die Band nie. Mitte der 1980er
Jahre brachte Saloman ein Album unter dem Namen The Bevis Frond raus, das er
ganz allein aufgenommen hatte. Die Musik darauf war eine Mischung aus Hendrix
und Byrds Gitarrensounds zu eingängigen leicht melancholischen Melodien, Songs
mit einem typisch britischen Feeling. Im Zuge des wieder erwachten Interesses
an der Musik der Sixties war The Bevis Frond weit erfolgreicher, als Saloman je
zu hoffen wagte. Seine auf 250 Stück limitierte LP wurde bald neu aufgelegt, und
auch die folgenden Alben waren durchaus erfolgreich, natürlich ohne je in
offiziellen Charts aufzutauchen. Ende der 1980er begann Saloman auch live zu
spielen, zum Teil mit alten Mitmusikern aus den 1970er Jahren. Als das
Interesse an Neo-Sixties Klängen in den 90ern wieder erlahmte bzw. sich auf
kleine Nischen beschränkte, wurde es auch um The Bevis Frond wieder etwas
ruhiger. Aber Saloman machte unermüdlich weiter. Und so ist „The Leaving
Of London“ bereits sein 21. Studioalbum, das dankenswerter Weise auch
wieder auf Vinyl erhältlich ist. Ich besitze längst nicht alle 21 LPs von Nick
Saloman und The Bevis Frond. Ja ich kenne glaube ich nicht mal alle. Aber
gerade die LPs aus den später 80ern wie „Inner Marshland“ oder
„Triptych“ gehören zu meinen Favoriten der 1980er insgesamt. Die
neue Platte klingt auf eine angenehme, wohlige Art sehr vertraut. Das ist
Salomans ganz eigener Kompositions- und Erzählstil, der auch hier wieder zum
Tragen kommt. Ja, das ist wieder diese Sache mit den pawlowschen Hunden und ihren
Reflexen. Diese rückwärts abgespielten Gitarren-Loops, diese schweren an
Hendrix erinnernden Riffs und Licks, dieser Wechsel von laut und leise, Diese
treibenden Bassläufe, und nicht zuletzt die Melodiebögen, die bei Saloman oft
ganz ähnlichen Mustern folgen. Das alles nimmt mich sofort ein für diese
Platte. Es ist übrigens die erste Veröffentlichung von The Bevis Frond seit
sieben Jahren. Saloman war zwischendurch wohl zu sehr mit dem Zusammenstellen
von Psych Samplern für verschiedene Reissue Labels beschäftigt. „The
Leaving Of London“ ist kein Konzeptalbum. Es ist eine Sammlung von 18
Tracks, die in den letzten Jahren entstanden, die natürlich alle von Nick
Saloman geschrieben wurden und die vom schlichten nur auf der Akustischen
begleiteten Folk Tune bis zum achtminütigen Psych Monster alles bieten, was Old
Nick so drauf hat. Hört man die ganze Platte in einem Zug, dann ist man
womöglich ziemlich erschlagen. Aber in kleineren Portionen genossen ist das
Album vorzüglich und durchaus entspannend. Feine Sache! ****
Album des Monats November 2011
The New Lines – All That We See And Seem (LP, The Great Pop Supplement, www.myspace.com/thenewlines)
Besetzung:
Hewson Chen
– vocals, guitars
Rene Dennis – keyboards
Michael Donofrio – drums
Trackliste:
The Convenience of Numbers 03:52
The Grim Smile of the Five Towns 03:50
Incidental 93 01:16
Strain Theory 04:06
The Year of the Nines 03:26
Incidental 121 00:50
Voyager Program 1977 03:38
All That We See And Seem 04:12
A Hunter's Penance 03:23
Incidental 34 00:55
A Structure of Repeated Displacements 03:40
Identity and Non-Identity 02:39
The Falaise Gap 02:58
Buildings
to Photograph 03:36
Ein Trio aus New Jersey veröffentlicht seine Debüt LP beim
britischen Kult Label in einer Auflage von 300 Stück. Vermutlich sind die
bereits alle vergriffen. Trotzdem will ich die Platte hier vorstellen, denn sie
ist wirklich ganz wundervoll. Die Band gibt es schon ein paar Jahre, und sie
hat auch bereits den einen oder anderen Track online veröffentlicht. Eine
7“ erschien im Frühjahr eine weitere als Split Single mit den Still
Corners im August. Nun also ein ganzes Album mit sphärischer, psychedelischer
zum Teil elektronischer Musik. Die Still Corners als Bezugsgröße sind gar nicht
so verkehrt. Dream Pop mit Jingle Jangle Gitarren, flirrender schwirrender
Orgel, alte analoge Synthesizer, die u.a. nach Oboe klingen. Darüber leicht
schwebende Gesangslinien. Zwischendurch dann immer mal so elektronische Spielereien,
die mich an The White Noise damals Ende der 1960er erinnern. Überhaupt erinnert
hier vieles an die späten Sixties. Syd Barretts Pink Floyd einerseits, aber
auch Sunshine Pop und Soft Psychedelia wie sie u.a. von Curt Boettcher in
Kalifornien produziert wurde. Und doch klingt das alles auch frisch und neu.
Üppiger Pop eingebettet in ein dezentes rhythmisches Gerüst. Die Stimmen
schweben darüber in Wolken von Hall. Gravitätisch aber doch leicht und auf
verhaltene Art heiter wirkt das auf mich. Vergleiche mit The Velvet Underground
oder The Jesus And Mary Chain, die hier und da gezogen werden, halte ich für
abwegig. Dazu sind die Gitarren viel zu klar, die Sounds insgesamt viel zu
locker, wie diese ganze Platte eigentlich total nach einem sonnigen aber leicht
diesigen Sommertag klingt. Man liegt auf einer blühenden Wiese im Halbschatten
eines Baumes und beobachtet die Insekten. Irgendwo in der Nähe plätschert ein
Bach und Eidechsen huschen über bemooste Steine. Das jedenfalls sind meine
Assoziationen bei dieser Musik. Verträumt, märchenhaft und wunderbar
entspannend. ****1/2
Album des Monats Oktober 2011
Noel Gallagher’s High Flying Birds – s/t (LP/CD, Sour Mash, www.noelgallagher.com)
Besetzung:
Noel Gallagher –
vocals, guitars, bass, keyboards
Jeremy Stacey – drums
Mikey Rowe – keyboards
Plus
a lot more guest musicians on various instruments
Trackliste:
Everybody’s
On The Run
Dream
On
If
I Had A Gun…
The
Death Of You And Me
(I
Wanna Live In A Dream In My) Record Machine
Aka…
What A Life!
Soldier
Boys And Jesus Freaks
Aka…
(Stranded
On) The
Stop The Clocks
„High Flying
Birds“ von Jefferson Airplane aus deren Debütalbum „Jefferson
Airplane Takes Off“ hat Noel im Radio gehört und sich davon zu seinem
neuen Bandnamen inspirieren lassen. So erzählte er es selbst in einem Interview
mit einem britischen Journalisten. Keine schlechte Referenz jedenfalls. Noel
Gallaghers erstes Soloalbum knüpft eigentlich ziemlich nahtlos an Oasis an.
Eher jedenfalls als die Platte von Beady Eye, die im Februar erschien. Der ganz
große Wurf ist diese Scheibe hier nicht. Jedoch klingt sie auch nicht so
langweilig und abgestanden, wie manche Kritiker sie machen. Klar waren die
Erwartungen hoch, höher jedenfalls als bei Beady Eye. Und hier ist eben nur
Noel verantwortlich als alleiniger Songschreiber, Arrangeur und Produzent,
gemeinsam mit David Sardy, mit dem er schon früher erfolgreich zusammen
arbeitete. Songwriting, Arrangement und Sound sind halt sehr typisch so wie man
es von Gallagher dem Älteren kennt. Insofern gibt es hier auch keine großen
Überraschungen. Und ich glaube, das ist es wohl, was ihm manch Kritiker übel
nimmt. Aber wer Oasis mochte, der sollte mit Noels Solo Projekt eigentlich kein
Problem haben. Er kann durchaus immer noch gute Melodien erfinden. „If I
Had A Gun“ ist nicht schlechter als „Wonderwall“ etwa.
„The Death Of You And Me“ bietet sogar eine lange nicht bei Noel
gehörte Unbeschwertheit, die an das erste Oasis Album denken lässt. Und auch
„Record Machine“ referenziert auf’s Angenehmste die Zeit von
„Morning Glory“. Klar ist das nicht neu, aber es hört sich vertraut
großartig an. Anders als früher kommen bei Noel inzwischen vermehrt Streicher
und Background Chöre zum Einsatz. Und auch wenn hier wieder Gitarrenspuren
ordentlich übereinander gelegt sind, so fällt doch auf, dass diese
Gitarrenbreitwände etwas in den Hintergrund getreten sind zugunsten von eben
Streichern, Chören und Bläsersätzen. Die ganze Platte klingt dadurch noch
stärker nach so typischen Spätsechziger Britpop Sounds wie sie von Bands wie
The Herd, Love Affair oder Marmalade damals produziert wurden. Aber keine
Bange, Noel pickt sich da nur die besseren Ideen aus jener Zeit. Insgesamt
klingt sein Solo Album sehr gut abgehangen, oder besser gesagt abgeklärt.
Vertraut einerseits und auf gediegene Weise neu und aufregend. „Stop The
Clocks“ ist der majestätische Höhe- und Schlusspunkt dieser Platte.
Auf’s Ganze gesehen steht es meines Erachtens unentschieden zwischen den
Brüdern Gallagher. Noel Gallagher’s High
Flying Birds bekommt ****
Album des Monats September 2011
The Duke Spirit – Bruiser (LP/CD, Fiction / Cooperative, www.thedukespirit.com)
Besetzung:
Liela Moss – vocals,
piano, harmonica, percussion
Luke Ford
– guitar, piano, organ
Oliver Betts – drums, percussion, piano, organ, guitar
Toby
Marc
Sallis – bass
Trackliste:
Cherry
Tree
Procession
Villain
Don’t
Wait
Surrender
Bodies
De
Lux
Sweet
Bitter Sweet
Running
Fire
Everybody’s
Under Your Spell
Northbound
Homecoming
Dieses Album wurde ja schon lange angekündigt. Und eine
12“ EP gab es bereits im Frühjahr als Vorboten. Leider tauchen zwei der EP
Tracks hier wieder auf. Nicht genug Material? Oder glaubt man im Duke Spirit
Camp, dass die limitierte 12“ eh kaum jemand besitzt? – Was gab es
da im Vorfeld alles zu lesen. Liela Moss würde aussteigen aus der Band, wenn
mit dieser LP kein großer Durchbruch gelingt. Jetzt kommt der Ausverkauf an den
Mainstream, heißt es irgendwo. Nach dem Ausstieg von Gitarrist Dan Higgins vor
zwei Jahren ginge es nur noch bergab. Der Sound sei nun kommerzieller,
langweiliger. Was für ein Bullshit! Ich war zwar nicht im Lido Ende September
und kann folglich nichts zum aktuellen Live Sound der Band sagen, meine
Gewährsleute (u.a. ein gewisser Moabit Peter) meinen jedoch, die Band war
klasse wie immer. Die Platte jedenfalls ist klasse! Lielas Stimme ist nach wie
vor großartig. Die Songs sind überwiegend ganz hervorragend. Und die Band
spielt immer noch diesen aufregenden psychedelisierten druckvollen independent
Rock, der haarscharf an allen Rockismen vorbei eben gerade nicht im Mainstream
landet. Obwohl ich zugeben muss, dass der Sound schon ein bisschen eingängiger,
vorhersehbarer geworden ist. Mich stört das nicht. Ich liebe es, wenn meine
Erwartungen bestätigt bzw. erfüllt werden. Im Übrigen bietet die LP mit ihren
zwölf Tracks immer noch genug Abwechslung an Tempo, Stimmung und Ausdruck, um
nicht als eintönig zu gelten. Neben solchen an Garage Rock und Freakbeat
erinnernden Krachern wie „Procession“ oder „Everybody’s
Under Your Spell“ gibt es auch sehr schöne ruhige balladeske Nummern wie
etwa „Villain“ und „Sweet Bitter Sweet“. Warum Lielas
Performance bei letzterem mit PJ Harvey verglichen wird, verstehe ich
allerdings nicht. Außer einer gewissen Ähnlichkeit im Timbre gibt es da keine
Gemeinsamkeiten. Aber um noch mal auf den Sound zurückzukommen, der ist schon vom
US Rock der 1990er Jahre (Smashing Pumpkins, Nirvana u.a.) beeinflusst, was
sicher am amerikanischen Produzenten der Platte Andrew Scheps liegt.
Möglicherweise ist es dieser Einfluss, der manchem alten Fan der Band nicht
schmeckt. Mich stört er wie gesagt überhaupt nicht. Und er wird ja auch niemals
zum Klischee hier. Nun hatten Liela und ihre Jungs die Messlatte selbst sehr
hoch gehängt mit ihren beiden Vorgänger LPs. Das Debüt „Cuts Across The
Land“ ist nach wie vor eine Platte des Jahrzehnts und auch „Neptune“
ist fast ein makelloses Top Album. Insofern fällt „Bruiser“ ganz
leicht ab. Es ist ein ganz kleiner Qualitätsverlust auf sehr hohem Niveau. Wenn
ich mir jedoch anhöre, was es da an Konkurrenz in diesem Jahr gibt, dann ist
„Bruiser“ ein Platz in meinen Top 10 relativ sicher. Beste Tracks:
„Running Fire“, „Procession“, „Villain“,
obwohl die LP eigentlich durchgängig gut ist. ****
Album des Monats August 2011
Ganglians – Still Living (DoLP, Souterrain Transmissions, www.myspace.com/ganglian)
Besetzung:
Ryan Grubbs, Kyle Hoover, Alex Sowles, Adrian Comenzind
Wer welches Instrument spielt ist nicht ersichtlich
Trackliste:
Drop
The Act
That’s
What I Want
Evil
Weave
Sleep
Jungle
Bradley
Things
To Know
Good
Times
The
Toad
Faster
My House
Im ersten Moment war ich von diesem zweiten Longplayer der
Ganglians aus Sacramento (Kalifornien) irgendwie enttäuscht. Während bei
„Monster Head Room“ im vorigen Jahr die Bezüge und Einflüsse recht
klar schienen (Beach Boys einerseits, Electric Prunes oder 13th Floor Elevators
andererseits), klingt die neue Platte längst nicht mehr so offensichtlich in
den Sixties verwurzelt. Und sie ist viel poppiger. Der Gesang lässt sogleich an
die Fleet Foxes denken. Aber sonst erinnert nichts an die Waldschrate aus dem
Nordwesten der USA. „Still Living“ ist eine leichte, luftig lockere
Sommerplatte. Im ersten Moment kann man jedenfalls diesen Eindruck gewinnen.
Und bisweilen sind die Songs tatsächlich von einer fast naiven hippiesken
Melodieseligkeit wie Kinderlieder. Mitunter glaubt man auch, Melodien oder
wenigstens einzelne Wendungen wieder zu erkennen. Hab’ ich das nicht
schon mal vor Jahren gehört? Wer war das gleich noch mal? – Ich komme
nicht drauf. Und dann wechselt der Takt und ein prägnanter Bass gibt das Thema
vor. Folk Pop bleibt es trotzdem, oder Folk Rock von mir aus. Musik zum
Chillen, manchmal auch zum Tanzen und natürlich zum Zuhören, zum dabei Träumen
und Wohlfühlen. „Good Times“ ist symptomatisch für dieses Gute
Laune Verbreiten der ganzen Platte. Und dann kommt „Toad“ und
konterkariert zumindest in den Lyrics die angenehme Stimmung. Und ja, auch die
Musik wird nun anders, störrischer gewissermaßen. Die vierte LP Seite versöhnt
dann wieder Post Punk und Garage Pop. Und das Tempo zieht merklich an;
„Faster“ ist eben das. Lo-Fi Pop ist es jedoch nicht, wie einige
Rezensenten meinen. Dazu ist das alles viel zu durcharrangiert und mit feinen
Klangideen rausgeputzt. Eine schöne Sommerplatte wie gesagt. Eine, die man auch
im Herbst noch gut hören kann. ****
Album des Monats Juli 2011
The Horrors – Skying (CD/DoLP,
XL Recordings, www.thehorrors.co.uk)
Besetzung:
Faris Badwan – vocals
Tom Furse – keyboards
Rhys Webb – bass, keyboards
Joshua Third – guitar
Coffin Joe – drums
Trackliste:
Changing
The Rain
You
Said
I
Can See Through You
Endless
Blue
Dive
In
Still
Life
Moving
Further Away
Wild
Eyed
Monica
Gems
Oceans Burning
Während ich in Finnland war im Juli sind etliche neue
Platten erschienen, von wegen Sommerloch. Allerdings sind es dann doch nicht
viele, die Kandidaten für mein Album des Monats wären. Und so fiel meine Wahl
ganz spontan auf die dritte LP von The Horrors aus Londons Southend, die ich
erst jetzt im August zum ersten Mal höre. 2007 erschien die erste LP der Jungs
noch sehr geprägt von anderen „The“ Bands der Nuller Jahre und der
Vorliebe der 7“45s sammelnden Bandmitglieder für obskuren Garage Beat der
Sixties. Trotz guter Vor- und Ansätze klang das leider nur wild und hingerotzt,
ohne wirklich zu überzeugen. Auf ihrem zweiten Album 2009 erkundeten The
Horrors dann unter fachlicher Anleitung durch Geoff Barrow (Portishead) die
düsteren Seiten der 1980er Jahre sowie ein wenig den Krautrock der 1970er. Das
hörte sich bereits stimmiger, überzeugender an.
Und nun haben sie mit „Skying“ ihr bisher bestes
Album veröffentlicht. Produziert haben die Jungs diesmal weitgehend allein und
in ihrem eigenen Studio. Vom brachialen Lärm des Debüts ist kaum noch was
übrig. Und die Düsternis von „Primary Colours“ ist einer
verträumten Eleganz und einer gewissen psychedelischen Lässigkeit gewichen. Der
Name The Horrors passt dazu eigentlich nicht mehr. Die LP beginnt mit
„Changing The Rain“, einem Stück, das einerseits fette Britpop
Produktionen von Tears For Fears bis Suede herauf beschwört, andererseits aber
auch durch die intensive Verwendung von Rückwärts-Gitarren-Clustern und Phasing
an Sixties Psychedelia denken lässt. „You Said“ wäre vor 15 Jahren
auf der Spitze des Britpop Hypes gut denkbar gewesen. Hier, wie eigentlich auf
dem ganzen Album, fällt der intensive und durchaus hörenswerte Gebrauch
diverser Keyboards und Synthesizer auf. „I Can See Through You“ ist
keine Coverversion der Psych Pop Nummer von The Episode Six aus dem Jahr 1967,
sondern eine Eigenkomposition von The Horrors, aber die Atmosphäre des Tracks
ist ganz ähnlich, auch wenn er wesentlich bombastischer klingt mit seinen
aufsteigenden Synthesizer Kaskaden und den Streichersätzen im Mittelteil. Bei
„Endless Blue“ treten die Gitarren mehr in den Vordergrund, sowohl
als Unterstützung des treibenden Rhythmus, als auch mit einem kurzen Solo. Und
auch „Dive In“ wird von einem hypnotischen Gitarrenriff
eingeleitet. The Stone Roses lassen grüßen. Bei „Still Life“ wird
wieder mit rückwärts laufenden Gitarrenloops gearbeitet, doch die Keyboards
erinnern hier an OMD oder Human League. „Moving Further Away“ lässt
im ersten Moment an Neu! oder La Düsseldorf denken, entwickelt sich aber dann
mehr zu einem Zwitter aus Britpop und Acid Rock. Ein Track, der live bestimmt
zu länglichen Improvisationen verleitet. Obwohl „Wild Eyed“ mit
rund vier Minuten der kürzeste Track des Albums ist, hat man beim Hören den
Eindruck endlos dahinzutreiben auf einem Strom von Klängen völlig entspannt.
„Monica Gems“ klingt dann so unverschämt nach Suede, dass ich mich
frage, ob sich Brett Anderson nun geschmeichelt fühlt oder eine Plagiatsklage
einreicht, oder beides? „Oceans Burning“ ist der krönende Abschluss
einer wirklich gelungenen Platte. Wie die meisten Tracks auf dem Album eher
Midtempo bzw. getragen, baut sich die Nummer ganz langsam auf bis zum furiosen
Crescendo von Gitarren und Keyboards unter Mithilfe von allerlei Soundeffekten.
Eine fast perfekte Mischung aus Melancholie und Ekstase. ****
Album
des Monats Juni 2011
Mike & The Ravens – From Pillar To Post (CD, Playground, www.myspace.com/miketheravens)
Besetzung:
Mike Brassard – vocals, guitar
Bo Blodgett – guitar,
bass
Steve Blodgett – guitar, bass, organ, vocals
Brian Lyford – bass,
guitar, vocals
Peter Yound – drums
Trackliste:
Jack
Of Diamonds
Helen Jones
Triple Dog Dare
A Real Sad Story
Trailer Park Girls
Greyhound Bus
Pretty Polly
What I Want To Tell You
Dog In Me
The Crosses
Karma
Kicker
Die Band Mike & The Ravens wurde im Herbst 1960 in
Northfield (Vermont) gegründet. Sie waren damit eine der ersten US Garage Bands
der Sixties. Drei 7“ 45s erschienen 1962/63 auf dem lokalen Label Empire.
Alle Songs eigene Kompositionen von Mike Brassard bzw. Steve Blodgett. Mike
& The Ravens waren quasi eine Beatband vor der British Invasion. Über einen
regionalen Erfolg im Nordosten der USA kamen sie jedoch nicht hinaus, denn ihre
Karriere wurde zunächst abrupt beendet durch ein Ereignis am 1. September 1963.
Drei der Jungs brachen um Mitternacht in die Stowe Community Church in Vermont
ein und spielten Rock’n’Roll Platten über die Verstärkeranlage der
Kirche. Solch Frevel blieb im gottesfürchtigen Amerika nicht ungesühnt. Man
verpasste den Burschen zunächst Jugendknast, und später wurden sie von ihren
Eltern auf verschiedene Colleges geschickt. Ende des ersten Kapitels der Band.
Mike und Steve trafen 1967 in New York wieder zusammen und
veröffentlichten als Fire & Brimstone eine Folkrock Single auf Decca.
Produzent war ein gewisser Terry Philips, der zur gleichen Zeit mit einem
gewissen Jimmy Curtiss an der ersten LP der Hobbits arbeitete und mit diesem später
auch für das Label Perception tätig war. Und so landeten die beiden Songs von
Fire & Brimstone „Underground“ und „I Can Hear The Grass
Growing“ 1969 auf der dritten Hobbits LP. Aber das ist eine andere
Geschichte.
2004 kamen Mike & The Ravens auf Initiative des Musik
Journalisten und Produzenten Will Shade wieder zusammen, in Originalbesetzung!
In der Folge erschienen zwei CDs mit Neuaufnahmen alter Songs aus ihrem
Repertoire aber auch neuen Kompositionen. Und alle alten Aufnahmen der Band aus
den Sixties wurden vom Label Bacchus Archives auf einer Doppel-CD zum größten
Teil erstmals veröffentlicht. Inzwischen arbeiten Mike und Steve als
Songschreiber mit der finnischen Band Them Bird Things eng zusammen. Deren
zweites Album war ja hier Album des Monats im vergangenen September und
außerdem mein Album des Jahres 2010. Und nun ist u.a. Salla Day von Them Bird
Things als Gastsängerin auf der neuen Platte von Mike & The Ravens zu
hören.
„From Pillar To Post“ ist erklärtermaßen das
letzte Album der Band. Entstanden ist es zum größten Teil in New York. Aber in
Helsinki wurde den Aufnahmen von Jürgen Hendlmeier der letzte Schliff verpasst.
Obwohl die Herren allesamt stramm auf die Siebzig zugehen, hat ihre Musik eine
Frische, eine Kraft, die jungen Rock’n’Rollern in nichts nachsteht.
Deutlich im R&B und Rock’n’Roll der späten Fifties verwurzelt
klingen die zwölf Tracks dieses Albums dennoch anders. Das erinnert mitunter
gar an The Monks, deren Karriere ja ähnlich merkwürdig verlief, wenn auch aus
ganz anderen Gründen. Und Eddie Shaw (Monks Bassist) hat sich auch bereits
anerkennend zu dieser Scheibe geäußert. Der Opener „Jack Of
Diamonds“ (ein Traditional) macht auf beklemmende Weise deutlich, dass
dies keine 08/15 Garage Rock Platte ist. Mike Brassards Stimme klingt mal
verzweifelt, verloren, dann aber energisch, böse, bizarr und schließlich
inbrünstig und selbstbewusst. Gitarren schneiden, klirren, verzerren, hallen,
treiben, nehmen mit. Bass und Drums halten die Sache zusammen. Hier und da
kommt eine Orgel, eine Harmonika eine Slidegitarre dazu. Die Songs erzählen
fast alle von eher bizarren bis tragischen Beziehungsgeschichten. Dabei kommt
„Greyhound Bus“ einem „normalen“ Popsong vermutlich
noch am nächsten. Daher habe ich diesen Track auch ausgewählt für eine 7“
45 auf Twang!, die am 29. Juli 2011 erscheinen wird. Das wird dann die erste
Vinylsingle der Band seit 48 Jahren. Ein weiteres Traditional „Pretty
Polly“ wird auf der Flipside erscheinen. Das komplette Album erscheint
leider nur als CD. Wer damit leben kann und ungewöhnlichen
Rock’n’Roll irgendwo zwischen Street Punk und Avantgarde Rock hören
möchte, besorgt sich diese Scheibe. Vinylfreunde warten auf die 7“
Single. ****1/2
Album
des Monats Mai 2011
22 Pistepirkko – Lime Green Delorean (DoLP/CD, Bone Voyage, www.22-pistepirkko.net)
Besetzung:
P-K Keränen – vocals, guitars
Asko Keränen – bass,
keys, vocals
Espe Haverinen – drums,
vocals
Trackliste:
Side
A
Lights By The Highway
Dream 1987
Ufo Girl
Side B
Stupid
So Much Snow
Sunny Days
Broken Toys
Side C
So Happy Today
Rodeo Heart
Find Me
Lime Green
Delorean
Ach was ist das wieder für eine schöne Platte, die unsere
verschrobenen Popstars aus dem Hinterwald (takamehtien mekatähtiä, um mal eine
andere finnische Kapelle zu zitieren) da produziert haben. Eine typische
Pistepirkko Platte ist es geworden. Eine, die bei Big Lupu und Rumble City La
La Land anknüpft, also bei den besten Werken, die unsere drei Helden im Laufe
ihrer Karriere aufgenommen haben. Die Hälfte der LP hab’ ich ja schon in
den letzten Guitars Galore Sendungen bei Alex Berlin gespielt. Hört da
eigentlich jemand zu? Lime Green Delorean ist nach einem Auto benannt. Nach
einem kuriosen Sportwagen von General Motors, der 1981 in Irland in Serie ging
und bereits nach 18 Monaten und 8600 gefertigten Exemplaren wieder ad acta
gelegt wurde. Auch 22 Pistepirkko gingen 1981 an den Start. Auch sie sind
ziemlich kurios, ziemlich selten, um nicht zu sagen einzigartig. Der Delorean
hatte Flügeltüren und wurde aus einem Spezialstahl gefertigt, der sich nur
schwer lackieren ließ. Daher wurde das Fahrzeug in der Regel unlackiert
ausgeliefert. Und ebenso unlackiert kommt die Musik von 22 Pistepirkko daher.
Ungeschliffen und trotzdem stromlinienförmig. Kantig aber elegant. Wie
geschaffen für Roadmovies, skandinavische oder galaktische. Ganz nach Belieben
oder dem jeweiligen Standort des Rezipienten. Der Delorean wurde übrigens
berühmt durch die Film Trilogie „Zurück in die Zukunft“. Auch die
Musik auf diesem Album hier springt zwischen den Zeiten und klingt dabei
vollkommen zeitlos. Aber genug der schrägen Analogien. Das hier ist eine Platte
für finnische Sommerabende ebenso wie für andalusische Morgendämmerungen oder
fränkische Waldspaziergänge. Man kann sich wunderbar fallen lassen in diese
Musik zwischen Blues, Akustikpop, psychedelischen Space Balladen und Surf
Shanties. „Lights By The Highway“ eröffnet die LP mit sphärischen
Klängen zwischen Dreampop und mystifiziertem Shoegazertum. Die Beatles kommen als
fette Clowns zurück in „Dream 1987“. Dagegen ist das „Ufo
Girl“ dann geradezu bodenständig, wenn man denn eine klassische
Songstruktur mit Strophe / Refrain schon als bodenständig bezeichnen möchte.
Hypnotisch, catchy, unwiderstehlich. „Stupid“ ist dann Power Rock à
la Pistepirkko mit satten Riffs und schrägen „Hu-Huh“ Gesängen à la
„Sympathy For The Devil“. Und schräg geht es weiter mit einem an
Canned Heat geschulten Blues über die Schwernisse des skandinavischen
Tourlebens im Winter „Too Much Snow“. „Sunny Days“
könnte ein Pophymne aus der Feder von Neil Young sein. So schön! Und bei
„Broken Toys“ zeigen die Jungs Eddie Vedder mal, wie man einen
Ukulele Popsong spielt. Eine Kirmesorgel ist allerdings auch noch dabei.
Apropos Kirmes, so stelle ich mir grandiosen Kirmespop vor. Man sollte die
Platte Lady Gaga schenken, oder sie ihr wenigstens mal vorspielen. „So
Happy Today“ ist fulminanter Garage Pop, Surf Pop wie ihn The Drums nicht
besser hinbekämen. Und dann „Rodeo Heart“, so zart, so
hingebungsvoll, ein wundervolles Liebeslied. Es wird noch besinnlicher. Der
Rock’n’roller beschließt den Abend mit einer ruhigen Streicher und
Keyboard getragenen Ballade. „Find Me“ erinnert tatsächlich ein
bisschen an Bowie aber auch an Marc Bolan oder sogar an Lou Reed. Und dann
kommt das Titelstück „Lime Green Delorean“. „I’m
Waiting For My Man“ – ach nein, doch nicht. „Back To The
Future“, perfekter kann man diese Platte nicht abschließen. Der Rhythmus
trägt einer immer so weiter – endlos, ohne Zeitgefühl wiegt man sich zu
den spacigen Klängen: „Sha la la la la la la…” *****
Album des Monats April 2011
Eisley – The Valley (LP/CD,
Equal Vision Records, www.eisley.com)
Besetzung:
Stacy DuPree –
keyboards, vocals
Sherri DuPree – guitars,
vocals
Chauntelle DuPree –
guitars, vocals
Garron DuPree – bass guitar
Weston DuPree – drums
Trackliste:
Side
A
The Valley
Smarter
Watch It Die
Sad
Oxygen Mask
Better Love
Side B
I Wish
Kind
Mr. Moon
Please
Ambulance
Auf diese Band und diese LP bin ich eher zufällig gestoßen.
So richtig bekannt sind Eisley aus Texas hierzulande wohl nicht. Dabei gibt es
die Band schon seit über zehn Jahren. Und „The Valley“ ist bereits
ihr drittes Album. Eisley ist ein reines Familienunternehmen. Vier Geschwister
(drei Mädels und ein Junge) machen seit 1997 gemeinsam Musik. Damals war die
jüngste Schwester Stacy gerade mal acht. Sie und ihre ältere Schwester Sherri
schreiben die meisten Songs und singen sie auch. Lead Gitarre spielt die
älteste Schwester Chauntelle, die inzwischen gerade mal 30 ist. Bruder Weston
sitzt hinter dem Drum Kit, und der Cousin der vier Garron spielt Bass. Frühe
Inspirationen lieferten die Platten der Beatles aber auch von Radiohead, die im
Haushalt der Familie Dupree gehört wurden. Ich kenne die beiden ersten LPs der
Band nicht, und auch ihre frühen EPs habe ich nie gehört. Das Album „The
Valley“ entstand nach einer vierjährigen Pause und einem Wechsel vom
Major Label Warner zu einer kleineren Firma. Der Name Eisley ist übrigens von
Mos Eisley abgeleitet, einer fiktiven Stadt aus der Star Wars Saga. Musikalisch
lebt die Musik vor allem von den klaren Sopranstimmen der Schwestern und den
hübsch arrangierten, eingängigen und abwechslungsreichen Melodien. Neben akustischen
und elektrischen Gitarren, Bass und Schlagzeug kommen auch Streicher und
verschiedene Tasteninstrumente zum Einsatz. Die Band selbst nennt es Indie Pop.
Mich erinnert das mal an Coldplay, mal an Muse und manchmal auch an Marina
Diamandis. Eigentlich ist es fast schon Mainstream Pop. Aber immer auch mit
genug Haken und etwas Extravaganz. Die Songs, vor allem die von Sherri Dupree,
beschäftigen sich mit vergangener Liebe und zerbrochenen Beziehungen. Offenbar
werden da eigene Erfahrungen verarbeitet. Relativ zarte Liebeslieder wechseln
mit bittersüßen und fast schon bombastischen Rockballaden. Neben den zum Teil
regelrechten Ohrwurm Melodien sind es vor allem die wunderbar schwebenden und
gleitenden glockenhellen Stimmen der Schwestern, die überzeugen. Obwohl der
Gesang wie gesagt an Marina Diamandis oder auch Kate Bush erinnert, fehlt doch
deren Exaltiertheit fast völlig, ist höchstens mal angedeutet. Es fällt schwer,
einzelne Tracks herauszuheben. Das Niveau ist durchgängig recht hoch. Doch
neben dem Titelstück „The Valley“ gefallen mir besonders „Mr.
Moon“ und „Ambulance“ auf der zweiten LP Seite. Insgesamt
eine sehr schöne Pop Rock Platte, die mal wieder zeigt, dass Mainstream nicht
langweilig oder doof sein muss. ****
Album des Monats März 2011
Lana Loveland – Order To Love (LP, Groovie Records, www.lanaloveland.com)
Besetzung:
Lana Loveland – vocals,
organ
Lenny Svilar – guitars
Rudi Protrudi –
bass
Alex Tenas – drums
Trackliste:
Side
A
Black Glove
Missing Illusions
Theater Of Dreams
Nervous People
Paranoia
Side B
Missing Link
Waiting
Silence Everywhere
Bandit
Constant
Furs
1995 gründeten ein paar recht junge Sixties Garage Beat Fans
in Berlin eine Band, um ihre Lieblingsmusik zu spielen; Cover vergessener
Klassiker, aber auch eigene Songs. Die Band nannten sie Cox Orange. Leider
blieb diese Band nicht sehr lange zusammen. Platten wurden nicht
veröffentlicht. Lana Loveland (deren richtigen Namen ich nicht kenne) war die
Organistin von Cox Orange. Im Jahr 2001 zog sie nach Los Angeles, und dort
wurde sie bald die Organistin von Sean Bonniwells reformierter Music Machine,
einer Band, deren Fan sie schon lange war. The Music Machine bestand inzwischen
neben dem Sänger Sean Bonniwell nur noch aus jüngeren Musikern. Trotzdem
– oder vielleicht gerade deshalb – bot die Band bei ihrem Gastspiel
im Roten Salon in Berlin vor einigen Jahren eine großartige Show, die sowohl
optisch wie soundmäßig absolut authentisch wirkte. In L.A. lernte Lana Rudi
Protrudi kennen, der sie bald darauf bat, bei The Fuzztones als Organistin
einzusteigen. Das tat sie dann auch. Inzwischen leben Lana und Rudi in Berlin,
wo sich nun das Hauptquartier der Fuzztones befindet. Die zweite LP dieser
„Berliner“ Fuzztones ist übrigens gerade erschienen. In Berlin traf
Lana auch wieder auf ihre alten Mitmusiker von Cox Orange. Und so entstand die
Idee, die alten Songs der Band sowie ein paar neue aufzunehmen. Neben Lana ist
der Gitarrist Lenny Svilar noch von damals dabei. Mit ihm und dem Texter Marcin
Zastrozny schrieb Lana die meisten Songs, viele davon wie gesagt schon in den
1990er Jahren. Vervollständigt wird die Band, die nun unter Lana Loveland
firmiert, von Rudi Protrudi am Bass und Alex Tenas an den Drums. Eine Single
erschien bereits letztes Jahr bei Butterfly Records in Barcelona. Die LP
„Order To Love“ kam jetzt auf dem portugiesischen Label Groovie
Records raus. Auf der iberischen Halbinsel gibt es inzwischen wohl die aktivste
und enthusiastischste Sixties Garage Szene. Zehn Stücke sind auf der LP, leider
auch beide Tracks der Single. Wäre diese Platte vor 25 Jahren erschienen, sie
wäre begeistert aufgenommen und rezensiert worden auch über einschlägige
Sixties Fanzines hinaus. Heute interessiert sich nur noch ein kleiner Kreis alter
aber auch jüngerer Genre Aficionados für so eine LP. Musikalisch orientiert
sich diese Platte allerdings auch sehr stark an den Vorbildern, namentlich
Bonniwell’s Music Machine. Dennoch bieten Tracks wie „Theater Of
Dreams“, „Missing Link“ oder „Silence Everywhere“
genügend eigene Ideen und einen überzeugenden Mix aus Hooks und Sounds. Es
fehlt vielleicht die eine herausragende Melodie, die sich sofort einprägt. Doch
nach mehrmaligem Hören bleiben auch hier nicht nur Sounds, Klangfarben in Erinnerung.
Lana Loveland bedient auf sehr sympathische Weise einschlägige Klischees. Das
ist mir mitunter lieber, als irgend so ein bedeutendes neues Projekt, das
nirgendwohin führt und nur Kopfschmerzen verursacht. Sixties Garage Sound rules, ok! ***1/2
Album des Monats Februar 2011
Beady Eye – Different Gear, Still Speeding (DoLP, Beady Eye Records, www.beadyeyemusic.com)
Besetzung:
Liam Gallagher – vocals
Andy Bell – guitars
Gem Archer – guitars
Chris Sharrock – drums
Jeff Wootton –
bass
Trackliste:
Side
A
Four Letter Word
Millionaire
The Roller
Side B
Beatles And Stones
Wind Up Dream
Bring The Light
For Anyone
Side C
Kill For A Dream
Standing On The Edge Of The Noise
Wigwam
Side D
Three Ring Circus
The Beat Goes On
The Morning Son
Eigentlich wollte ich ja das neue Album der High Dials aus
Kanada zum Album des Monats küren. Auch Moonsorrow aus Finnland waren in der
engeren Wahl. Doch dann landete diese Doppel-LP auf meinem Plattenteller und
ist da gar nicht mehr weg zu bekommen. Ich bin angenehm überrascht von der
Frische, Spielfreude und der Energie, die Oasis ohne Noel hier präsentieren.
Und eine Oasis Platte ist das hier nun mal. Wer Anderes behauptet, leidet unter
Wahrnehmungsstörungen. Die Jungs sind offenbar völlig befreit und hemmungslos
an diese Produktion gegangen. Das Songwriting ist gut! Zwar wird die Klasse der
frühen Oasis Platten nicht erreicht, aber selbst die letzte LP mit Noel, die ja
ansatzweise an frühere Größe anzuknüpfen vermochte, wirkt auf mich nicht so
geschlossen und durchgängig hörenswert wie dieses Werk der Restcombo. Natürlich
ist das eine Platte, die alle Inspiration aus den Sixties bezieht. Das war aber
bei Oasis im Prinzip schon immer so. Vielleicht war es nicht immer so offensichtlich
wie hier. Mich stört es jedenfalls keineswegs, dass man Bezüge zu The Who, The
Beatles, The Rolling Stones und was weiß ich wem noch hören kann. Und ich
glaube auch nicht, dass ich mir die Platte so schnell überhöre, weil es nichts
mehr zu entdecken gibt, weil alles so deutlich auf dem Präsentierteller
dargeboten wird. Die Melodien sind eingängig, es gibt Hooks Galore!
Instrumentierung, Produktion, alles prima und auf den Punkt. Dass es nicht der
ganz große Wurf ist, der die Höchstwertung rechtfertigt, liegt zum einen an den
zum Teil wirklich banalen bis größenwahnsinnigen Texten. Aber mal ehrlich,
textet der große Bruder so viel intelligenter? Etwas galanter und
verklausulierter vielleicht. Und überhaupt, seit wann sind für mich Texte
entscheidend, wenn ich sie ganz gut ausblenden kann? Was jedoch wirklich schade
ist, es fehlt der Platte eine gewisse Raffinesse, irgendetwas Unerwartetes oder
Geheimnisvolles. Positiv überrascht war ich ja vor allem deshalb, weil im
Vorfeld so viel Häme über das Projekt ausgebreitet wurde. Die ist nun wirklich
absolut unberechtigt und zeugt nur von Neid, Unverständnis oder Vorurteil. Wer
mit Sixties orientiertem Rock, mit zumeist hohem Mitsing- und Mitwippcharakter,
wer mit Liams Stimme so gar nichts anfangen kann, die oder der sollte einfach
eine andere Platte hören. Es gibt genug Neuerscheinungen, die einem intensives
Hören und Anstrengung abfordern, die im wahrsten Sinne des Wortes erarbeitet
werden wollen. Wer so eine Herausforderung braucht, ist hier falsch. Hier geht
es nur um den sofortigen, schnellen Hörgenuss bei gleichzeitigem Wohlgefühl und
jeder Menge Aha Erlebnis. Sogar „Wigwam“ gefällt mir gut. Eben weil
es ein bisschen anders ist als der Rest. Zeit zum Verschnaufen sozusagen. Und
es sind ja vier LP Seiten mit jeweils drei oder auch mal vier Tracks. Die muss
man ja nicht in einem Rutsch hören. Zwischendurch legt man halt mal Adele, oder
PJ Harvey oder The Decemberists auf, oder die neue 12“ EP
„Kusama“ von The Duke Spirit. – Alles klar? Beady Eye ****
Album des Monats Januar 2011
Social Distortion – Hard Times And Nursery Rhymes (DoLP, Epitaph, www.socialdistortion.com)
Besetzung:
Mike Ness – vocals,
guitars
Jonny Wickersham –
guitars 
Brent Harding – bass
David Hidalgo Jr. – drums
Danny McGough – piano,
organ
Trackliste:
Side
A
Road Zombie
Gimme The Sweet And Lowdown
Side B
Diamond In The Rough
Machine Gun Blues
Side C
Far Side Of Nowhere
Alone And Forsaken
Writing On The Wall
Side D
Can’t Take It With You
Still Alive
Take Care Of Yourself
I
Won’t Run No More
Die Meinungen zu dieser Platte gehen offenbar ziemlich
auseinander. Ich weiß nicht, was da für Erwartungen gepflegt wurden. Social
Distortion und vor allem Mastermind Mike Ness sind für bodenständigen,
traditionsbewussten, rauen aber herzlichen Rock’n’Roll bekannt. Als
Punk Band haben sie vor 33 Jahren in Kalifornien angefangen. Zwischendurch gab
es eine kleine Pause wegen Mikes Problemen mit den Drogen und dem Gesetz. Aber
seit nunmehr 25 Jahren ist die Band mehr oder weniger aktiv, und sie hat sich
dabei freilich nach und nach vom Punk gelöst, ohne ihre Wurzeln je zu
verleugnen. Mike Ness hat schon immer die Roots der populären US-amerikanischen
Musik geliebt und aufgearbeitet, nicht zuletzt mit zwei tollen Solo Platten
1999. Country Musik auf der einen Seite und via Großbritannien in die USA
zurückgekehrter R&B auf der anderen, das sind die Grundfesten des Social
Distortion Rocks. Das klingt weder spektakulär neu, noch ist es sonst irgendwie
hip. Und dennoch ist es absolut hörenswert. Im besten Sinn ehrlicher
Rock’n’Roll ist das. Die Songs sind einfach anrührend. Geschichten,
die das Leben schreibt. Von Mike Ness wunderbar in Töne gesetzt und mit seiner
unvergleichlichen – zugegeben eher limitierten – rauen Stimme
inbrünstig vorgetragen. Arrangement, Sound, das Spiel der Musiker folgen
bewährten Mustern. Das erinnert durchaus an den Boss. Und doch klingt es hier
noch ein bisschen authentischer, ehrlicher als bei der E-Street Band. Wer das
langweilig findet, dem ist nicht zu helfen. Der soll dann eben andere Musik
hören. Ich kann gar nicht genug bekommen von dieser Platte, diesen Songs, die
bei mir ganz im Innersten Gefühle auslösen, die ich nur selten bei Musik
verspüre. Ich könnte heulen beim Hören der Platte! Vor Begeisterung oder von
mir aus vor Ergriffenheit, ich weiß nicht genau. Es sind eben gerade bestimmte
Harmonien in Verbindung mit dem eher ungeschliffenen Vortrag und auch die eine
oder andere Textzeile, die das bei mir auslösen. Sicher ist das auch
stimmungsabhängig, situationsbedingt. Aber eine schlechte Platte kann diese
Band gar nicht machen. Und auch wenn sich meine Euphorie inzwischen nach
mehreren Durchläufen ein bisschen gelegt hat, diese Platte wird zu den besten
des Jahres gehören. Bei mir jedenfalls. ****1/2