
Die Kurzen (Singles, EP) Longplay (LP, CD) Re-Issues Live Gigs Fanzines Unsigned Talent Album des Monats News Links
Album des Monats
Die Bewertungsskala:
* Materialverschwendung!
- ** muss man nicht kennen - *** sollte
man mal gehört haben - **** Anschaffung sehr zu empfehlen - ***** gehört
in jede Plattensammlung!
Album des Monats Dezember 2009
Bob Dylan – Christmas In The Heart (LP/CD,
Besetzung:
Bob Dylan – vocals, guitar, electric piano,
harmonica
Tony Garnier – bass
George Receli – drums,
percussion
Donnie Herron – steel
guitar, mandolin, violin, trumpet
David Hidalgo – guitar,
accordion, mandolin, violin
Phil Upchurch – guitar
Patrick Warren – piano,
organ, celeste
Trackliste:
01. Here Comes Santa Claus
02. Do You Hear What I Hear?
03. Winter Wonderland
04. Hark The Herald Angels Sing
05. I’ll Be Home For Christmas
06. Little Drummer Boy
07. The Christmas Blues
08. O’ Come All Ye Faithful (Adeste Fideles)
09. Have Yourself A Merry Little Christmas
10. Must Be Santa
11. Silver Bells
12. The First Noel
13. Christmas Island
14. The Christmas Song
15. O’ Little Town Of
Bethlehem
Ja, ich weiß, Weihnachten ist vorbei. Aber nach Weihnachten
ist vor Weihnachten, also bitte! Diese LP vom alten Grantler Bob ist mir in den
letzten Tagen und Wochen richtig ans Herz gewachsen. Man merkt einfach, dass es
ihm eine fast kindliche Freude bereitet hat, diese Standards und Klassiker zu
spielen und zu singen. Und man muss nicht mal unbedingt ein Bob-Cat ein, um
beim Zuhören daran Spaß zu haben. Was Mister Zimmerman hier als Jack Frost
zusammen gemixt hat kann man in feierlicher Stimmung am Heiligen Abend ebenso
genießen wie am folgenden Morgen mit einem Augenzwinkern und einem Lächeln auf
den Lippen. Er singt sogar eine Strophe auf Lateinisch. Trotz Glöckchen und
Engelschören wird es nie kitschig. Da sei Bobs Raspelorgan vor. Fast etwas
bizarr gerät die Stimmung bei der großartigen Polka „Must Be Santa“
und etwas später bei „Christmas Island“, nur echt mit Hawaii
Gitarren. Eingespielt wurde die Platte im Wesentlichen von Bobs aktueller
Tourband bzw. von den gleichen Musikern, die auch schon auf „Together
Through Life“ zu hören sind. Dazu kommen dann eben noch ein paar
zusätzliche Stimmen wegen der weihnachtlichen Stimmung. Kein einziger der Songs
stammt von Bob selbst. Alles mehr oder weniger Klassiker wie gesagt. Ok, wer
eine Weihnachtsphobie hat oder allergisch auf gewisse Stimmungen reagiert, der
wird mit dieser Platte nichts anfangen können. Andererseits werden wohl Leute,
die es so richtig feierlich und besinnlich mögen, auch etwas verstört reagieren
auf den einen oder anderen Track hier. Für mich ist das genau die richtige
Mischung aus Besinnlichkeit und ganz leicht verrückter Ausgelassenheit. Diese
Platte wird in Zukunft bei mir zuhause jedes Jahr an Weihnachten gehört. Die
Verkaufserlöse von „Christmas In The Heart“ gehen übrigens komplett
an die Hilfsorganisation Feeding
America. ****
Album des Monats November 2009
The Black Hollies – Softly Towards The Light (LP/CD, Ernest Jenning Record Co., www.myspace.com/theblackhollies)
Besetzung:
Justin Angelo Morey – lead vocals, bass, vibraphone,
mellotron
Jon Gonnelli – organ,
piano, mellotron, guitar
Herbert Joseph Wiley V
– guitars, mandolin, piano, vocals
Nicholas Ferrante –
drums
Trackliste:
03. Run With Me Run
04. Gloomy Monday Morning
05. When You’re Not There
06. Everything’s Fine
07. Number Ten Girl
08. Lead Me To our Fire
09. Look What You’ve Done
10. Can’t Stop These Tears
11. How Did We Get Here
12. Don’t Be Afraid To Ask
Aus Jersey City kommt dieses Quartett von Sixties
Connaisseuren, deren eigene Musik gleichwohl so modern und frisch klingt, wie
die ihrer Vorbilder aus Motown und Northern Soul sowie Artpop und Popsike
britischer Prägung damals. Die Band gibt es vielleicht drei oder vier Jahre.
Deutlich ist die Begeisterung der vier Jungs, von denen keiner älter als 25
sein dürfte, für originale 7“45s aus den Sixties, für Bands wie The Small
Faces, The Creation aber auch The Flirtations, The Supremes. Sie selbst nennen
auch spätere UK Bands wie The Charlatans als Einfluss oder die Lektüre der
Bücher von Richard Brautigan. Beste Referenzen also. „Softly Towards The
Light“ ist die dritte LP der Band, die übrigens auch regelmäßig
7“45s mit non-Album Tracks veröffentlicht. Wie es sich gehört. Und die
Band nimmt ihre Musik analog auf, weil sie es so will und den warmen Sound
klassischer 2-Zoll Bandmaschinen liebt. Aber widmen wir uns dem vorliegenden
Album. Wie gesagt, das klingt alles sehr nach den besten Momenten der späten
Sixties. Die englischen Hollies und ihr Album „Butterfly“ kommen
mir in den Sinn. Oder Simon Dupree & The Big Sound, The Marmalade, The
Flying Machine, The Herd, all diese an Beat und R&B geschulten Pop Bands
der späten 60er in England. Aber auch ihre US amerikanischen Äquivalente wie
The Strawberry Alarm Clock oder The Blues Magoos. Die von den Musikern selbst
ge-nannten Northern Soul Favoriten sind in ihrer Musik nicht so deutlich wieder
zu erkennen. Und ihr Gesamtsound ist wie bereits eingangs gesagt schon
moderner, geschult an den Produktionen des Britpop ebenso wie den vielen so
genannten The-Bands von The Strokes bis The Libertines. Die Songs der Band
überzeugen durch clevere Hooklines und hohen Mitsing- und Ohrwurm Charakter.
Dabei bleibt immer Raum für kleine Studio Gimmicks, kleine Widerhaken im
Melodiefluss. Und auf abwechslungsreiche Instrumentierung wird ebenso Wert
gelegt wie auf schöne Harmonies. Es gibt Bands, die kopieren die Musik der
Sixties einfach. Und es gibt Bands, die entwickeln sie weiter, ohne sich von
ihr all zu weit zu entfernen. So eine Band sind The Black Hollies, deren Name
übrigens nichts mit der britischen Gruppe aus Manchester zu tun hat, sondern
auf einen Slangausdruck für Amphetamine zurückgeht. Abwechslungsreich,
vielseitig im Rahmen des Genres, mit wunderbaren Melodien spielen sich The
Black Hollies an die Spitze sowohl der internationalen Garage wie Power Pop
Szene. Und in meiner Jahresliste werden sie wohl auch eine nicht unwichtige
Rolle spielen. Ich bin begeistert von diesem gelungenen Album! ****
Album des
Monats Oktober 2009
Them Bird Things – Fly, Them Bird Things, Fly (CD, Playground, www.myspace.com/thembirdthings)
Besetzung:
Salla Day – vocals
Stephen Blodgett –
guitars, organ, vocals
Timo Vikkula – guitars,
bass, organ, vocals
Esa Jussila – guitars,
bass
Ville Särmä – drums,
percussion, vocals
Trackliste:
13. Like A Fire
14. Blood Bank
15.
16. Blue Parakeet
17. Dreaming The Dream
18. I Can See
19. Shame, Shame, Shame, Shame, Shame
20. Copper Bells
21. Your Baby’s Not Your Baby Anymore
22. Black Petals
23. Pockets Of Rain
24. Tomorrow
Diese Scheibe ist bereits im Spätsommer in Finnland
erschienen, leider nur als CD. Durch meinen Freund Esa wurde ich darauf aufmerksam
gemacht. Und nachdem ich die 12 Tracks nun viele Male gehört habe, bleibt mir
nicht anderes übrig, als „Fly, Them Bird Things, Fly“ zum Album des
Monats zu küren. Die Geschichte dieser Platte beginnt imgrunde bereits Mitte
der 50er Jahre in Northfield, Vermont, in den USA. Ein jugendlicher Michael
Brassard ist von dem neuen Sound namens Rock’n’Roll dermaßen
begeistert, dass er mit seinem Kumpel Stephen Blodgett eine Band gründet. Die
Garage Combo Mike & The Ravens hat in den frühen Sixties ein paar lokale
Hits, löst sich aber schon bald wieder auf. Blodgett und Brassard schreiben
jedoch weiter gemeinsam Songs und nehmen diese auch als Demos auf. Knappe 50
Jahre später lernt die Finnin Salla Day, Organistin der Band Branded Women aus
Helsinki, bei einem USA Aufenthalt durch Vermittlung von Monks Intimus und
Produzent Will Shade das immer noch produktive Songwriter Duo kennen. Salla ist
von den größtenteils unveröffentlichten Songs aus dem Archiv der Beiden so
angetan, dass sie kurzerhand beschließt, eine neue eigene Band zu gründen, um
diese Songs zu spielen und aufzunehmen. Und so kam es, dass Blodgett und
Brassard zusammen mit Will Shade im Winter 2008/9 nach Helsinki flogen, um
gemeinsam mit vier jungen finnischen Musikern diese wundervolle zeitlose Pop
Rock Platte zu produzieren. Obwohl die Songs zum großen Teil aus den Sixties
stammen, klingt diese Musik im Ergebnis überhaupt nicht retro. Aber natürlich
atmet die Musik jede Menge Americana. Sallas Stimme hat etwas countryhaftes
oder besser noch folkmäßiges. So laid back, so unaufdringlich, und doch so
einschmeichelnd und betörend bisweilen. Die Musik ist mal Folkrock, mal
Bossanova, mal Garage Pop, mal Acid Rock oder sogar Blues. Eine phantastische
und abwechslungsreiche Mischung. „I Can See Russia From Here“
enthält das originellste Gitarren-Nicht-Solo, das ich je gehört habe.
„Shame, Shame, Shame“ könnte direkt aus „Grease“ oder
einem ähnlichen Tanzfilm sein. „Like A Fire“ klingt als hätten sich
Peter Buck und Lloyd Cole zu einem kleinen Jam getroffen. Und „Blue
Parakeet“ verbindet Lounge mit Weird Folk. In der zweiten Hälfte des
Albums wird es leicht psychedelisch und melancholisch. Trennung,
Vergänglichkeit, Trostlosigkeit sind die Themen. Und doch schafft es die Musik,
Hoffnung zu wecken und eine gewisse Geborgenheit zu vermitteln. James Lowe,
Sänger und Gitarrist der Psych Punk Legende The Electric Prunes, fast es in
seinen Liner Notes zum Album unter der Überschrift „Visions in
Sound“ sehr schön zusammen. Salla Day hatte diese Vision. Sie ist mit
ihrer unvergleichlichen Stimme die Seele dieses Albums, die Seele, die alles
zusammenhält und mit dem wundervollen optimistischen „Tomorrow“ den
Bogen zu einem fast hymnischen Finale schließt. ****
Album des
Monats September 2009
The Bad Dogs
– Good Time, Bad Girl (CD, Bad Dogs, www.myspace.com/thebaddogs)
Besetzung:
Mathilda Buzaré
– vocals, bass
Marie Niquet – guitar
Paco Sery – drums
Adrien Shimizu – bass
plus brass section
Trackliste:
25. Funkier Than A Mosquito’s Tweeter
26. Je veux etre noir
27. Carry My Pain
28. Good Time, Bad Girl
29. Hold On I’m Coming
30. I Don’t Need No Western
31. Power To My Amp
32. Happy Birthday Mary
33. Have You Ever Loved A Woman?
34. I Can’t Explain
35. Groovin’
36. Cold Turkey
37. I Wanna Be A Black Star / Je veux etre noir
So ganz
genau weiß ich noch nicht, was ich von dieser Band und dieser Scheibe halten
soll. Spontan war ich allerdings ziemlich begeistert, als ich vor drei Wochen
einem Link in ihrer unverlangt zugestellten Werbemail folgte und einige
Kostproben des nun erschienenen Debütalbums hörte. Und nach mehrmaligem Anhören
des kompletten Albums bin ich immer noch ziemlich angetan von der Frische und
Unverkrampftheit einerseits, und von der Chuzpe und Unverfrorenheit dieser
jungen Leute andererseits. Möglicherweise stecken ja sogar ein paar erfahrene
ausgebuffte Musikprofis hinter dem Ganzen. Ich weiß es nicht. Wenn man den
Infos im Netz bei MySpace und YouTube traut, dann handelt es sich hier um zwei
junge Mädels aus einem Außenbezirk von Paris, Mathilda (Gesang, Bass, 16 Jahre)
und Marie (Gitarre, 18 Jahre), sowie ein paar kaum ältere Jungs an Schlagzeug
und diversen Blechblasinstrumenten. Zumindest im Studio waren bestimmt auch ein
paar Profimusiker dabei. Übrigens auch an einer schönen Schweineorgel, die immer
mal wieder auffällt im Gesamtbild. Und auch die bluesigen Gitarrenlicks hier
und da hören sich eigentlich nicht nach einer 18-jährigen Oberschülerin an. Ich
würde The Bad Dogs zu gerne mal richtig live sehen. Die 13 Tracks auf ihrer
Debüt CD klingen jedenfalls sehr schön. Manchmal vielleicht eine Spur zu
professionell, wenn ich das mal so sagen darf. Und eigentlich müsste diese
Musik ja auf Vinyl veröffentlicht werden. Ach ja, die Musik. Das ist eine
Mischung aus Soul, R&B, Funk, Ska und moderner Black Music mit einem Hang
zu Rock und Blues. Neben einigen recht gelungen Eigenkompositionen der beiden
Mädels gibt es Songs von Porter / Hayes, Bob Marley, John Lennon, Nino Ferrer
und noch anderen zu hören. Das klingt manchmal so, als wäre da eine coole mit allen
Wassern gewaschene Soul und R&B Combo zugange. „I Wanna Be A Black
Star“, singt Mathilda mit kräftiger Stimme, die allerdings bei vielen der
Titel wohl gedoppelt wurde. Und die Backgroundstimmen hören sich fast so an,
als wären sie ebenfalls von dem kleinen dunkelhäutigen Krauskopf eingesungen.
Bei „Carry My Pain“ gniedelt Marie auf der Gitarre rum, als hätte
sie seit Jahren nichts anderes gemacht. Das Titelstück „Good Time, Bad
Girl“ hört sich im Vergleich zu den meisten anderen Tracks sehr modern an.
Fast wie eine aktuelle Nummer der Black Eyed Peas etwa. „Hold On
I’m Coming“ wird solide vorgetragen. Originell ist „I
Don’t Need No Western“, das mit allerlei technischen Spielereien
und einem gepitchten Ska Rhythmus so eine Art Novelty Charakter hat. „Power
To My Amp“ ist moderner Garage Pop und mein momentaner Lieblingstrack.
Bei „Happy Birthday Mary“ muss ich irgendwie an „Happiness Is
A Warm Gun” denken. “Have You Ever Loved A Woman” ist wieder
ein Cover. Ich weiß nur
nicht, wer das Original spielte. Die Interpretation hier ist sehr traditionell
bluesig und nicht uncharmant. Dass hier eine 16-Jährige singt, macht die Sache
allerdings irgendwie – unglaubwürdig. „I Can’t Explain“
ist dann wieder sehr gelungen und erinnert mich spontan an Duffy.
„Groovin“ zitiert Bob
Marleys „Exodus“, kommt aber eher als Uptempo Dancehall Nummer
daher. Die Gitarre bei „Cold Turkey“ klingt exakt wie beim
Original. Und auch sonst orientiert sich die Version der Mädels zu sehr an der
Plastic Ono Band, ohne je deren Intensität auch nur annährend zu erreichen. Wir
wollen doch hoffen, dass Mathilda hier nicht aus eigener Erfahrung singt. Und
sie klingt auch nicht so. Zum Schluss gibt es noch mal eine gelungene lange
Version von „I Wanna Be A Black Star“, das in jedem Club ein sicherer
Floorfiller wäre. ****
Album des Monats August 2009
The XX – s/t (LP, XL Recordings, www.myspace.com/thexx)
Besetzung:
Romy Madley Croft – vocals, guitar
Oliver Sim – bass,
vocals
Jamie Smith – beats, MPC
Baria Qureshi –
keyboards, guitar
Trackliste:
Seite 1
38. Intro
39. VCR
40. Crystalised
41. Islands
42. Heart Skipped A Beat
43. Hot Like Fire
Seite 2
01. Fantasy
02. Shelter
03. Basic Space
04. Infinity
05. Night Time
06. Stars
Die Entscheidung für das Album des Monats ist mir dieses Mal
wirklich leicht gefallen. Ein schöneres, spannenderes, packenderes Debüt hab
ich seit Jahren nicht gehört. Und wie es scheint, geht es mir da nicht alleine
so. Eine Konsensplatte, die vielleicht gar Album des Jahres in vielen Listen
sein wird. Ich weiß nicht so recht, warum diese Platte so eine Wirkung auf
viele Menschen hat. Massenkompatibel klingt sie doch eigentlich nicht.
Andererseits, wenn ich es recht bedenke, bietet sie auch keinen Anlass, sich zu
reiben oder Abstand zu halten. Im Gegenteil. Diese leise und doch präsente
Musik ist so eigen, so speziell, dass man einfach hinhören muss. Und in ihrer
filigranen gleichsam zerbrechlichen Schönheit zwingt sie einen aufmerksam zu
sein. Da sind vier Teenager aus dem Süden Londons. Einige von ihnen offenbar mit
Migrationshintergrund. Nicht dass das eine Rolle spielte. Diese Band und ihre
Musik sind universell. Sie steht quasi über den Stilen, wenn man anerkennt,
dass sie in einem modernen popmusikalischen Kontext entstand. Die Vier sind
Fans von Aaliyah und Missy Elliott ebenso wie von The Cure oder The Kills. Und
übrigens ist das nur auf der Vinylversion des Albums enthaltene „Hot Like
Fire“ ein Cover eines Aaliyah Hits aus der Feder von Missy Elliott und
Timbaland. Eine ganz großartige Coverversion, die den Song völlig neu und auf
eigene Art interpretiert. In den vielen Reviews zu dem Album, die ich gelesen
habe, wird immer wieder versucht, die Band in irgendeine Schublade zu stecken,
sie in einer Tradition zu hören. Sei es die frühe 80er Gothic Szene oder die so
genannten Shoegazer der späten 80er. Sei es The Velvet Underground oder der
Triphop aus Bristol in den frühen 90ern. Ich weiß nicht, ob die vier Mädels und
Jungs diese vermeintlichen Vorbilder oder Stilbildner überhaupt alle kennen
oder je von ihnen gehört haben. Ich glaube es eigentlich eher nicht. Ihre
Platte klingt in meinen Ohren eher wie etwas vollkommen Eigenständiges,
Einzigartiges. Im ersten Moment kamen mir die Young Marble Giants und ihr
genauso einzigartiges Debüt aus dem Jahr 1980 in den Sinn. Aber die
vermeintliche Parallele ist letztlich auch nur eine eher äußerliche,
oberflächliche. Die Musik hier ist sehr ruhig, atmosphärisch klar,
stimmungsvoll, trotzdem rhythmisch und immer auf eine unaufdringliche Weise
optimistisch. Es sind die Harmonien, die Tonlagen im Verbund mit den sparsamen
doch äußerst effektiven Arrangements, die alle Tracks auf dieser LP so
eindringlich und unverwechselbar machen. Man muss gar nicht verstehen, was da
gesungen wird. Man wird unwillkürlich gefangen genommen von der positiven
Energie, die da aus den Lautsprechern kommt. Und es sind die unterschwelligen
Vibrationen, die warmen Basstöne, die einen mitnehmen und einfangen.
Erstaunlich, dass diese Wirkung sowohl bei Leuten auftritt, die sonst Musik
eher analytisch und intellektuell wahrnehmen, wie auch bei Menschen, deren
Rezeption zuerst mit dem Gefühl, dem Herzen stattfindet. Es wird sehr schwer
sein für die Band, dieses vollkommen unvorbelastete und makellose Debüt
irgendwann zu übertreffen. Und vielleicht wird das auch gar nicht nötig sein.
Solche Platten entstehen nur, wenn man jung, unschuldig und voller Träume ist. *****
Album des Monats Juli 2009
Besetzung:
John Gourley – vocals, guitar
Zach Carothers – bass,
vocals
Jason Sechrist –
drums
Ryan Neighbors –
keyboards, vocals, percussion
Trackliste:
07. People Say
08. Work All Day
09. Lovers In Love
10. The Sun
11. The Home
12. The Woods
13. Guns & Dogs
14. Do You
15. Everyone Is Golden
16. Let You Down
17. Mornings
Bis zur letzten Woche war ich mir überhaupt noch nicht im
Klaren darüber, was mein Album des Monats Juli sein könnte. Die LP von The Dead
Weather habe ich noch nicht. Aus Finnland habe ich keine wirklich aktuellen LPs
mitgebracht. Warum also nicht Alaska? Zumindest der Breitengrad passt schon
mal. Portugal. The Man gibt es erst seit fünf Jahren. Eine sehr produktive
Band, denn dies ist bereits ihr viertes Album neben fünf Singles/EPs. Ich werde
den Bandnamen jetzt nicht erklären. Ihr findet die entsprechenden Webseiten
auch selbst. Ich schrieb eben Alaska, aber da wurde die Gruppe lediglich
gegründet und von dort bezieht sie nach eigener Aussage ihre ständige
Inspiration. Leben und arbeiten tun die vier Jungs in Portland, Oregon, wenn
sie nicht – wie jetzt gerade – heftig auf Tournee sind. Ich bin
völlig unvorbelastet was die Musik der Band betrifft. Ja, den einen oder
anderen Track habe ich bei Radio Eins in den vergangenen zwei Jahren schon mal gehört.
Tauchte der Name Portugal. The Man doch immer mal wieder auf der Playliste des
Senders auf. Die Musik hinterließ jedoch bei mir offenbar keinen bleibenden
Eindruck. Nett aber eher langweilig, hätte ich vor zwei Wochen noch geurteilt.
Und nun dies. Eine Sommerplatte schlechthin. Jeder Song ein Ohrwurm. Entspannt
und locker, hier und da leicht psychedelisch. Mitunter fast schon Mainstream
Pop, oder zumindest so ein intelligenter, abgeklärter Pop, der sich nicht
scheut von Steely Dan bis zu aktueller Sample und Hip Hop Kultur alles zu
verarbeiten, was als cool gelten darf. Ich bin gespannt, ob sich die Gruppe mit
dieser Platte auf breiter Front etabliert. Musikalisch spricht dagegen gar
nichts. Aber die entsprechenden Medien sowohl in den USA und hier in
Deutschland ignorieren die Platte bzw. bekommen sie gar nicht mit, weil eine
gut geölte Major Promotion Maschine fehlt. Ob der Coolness Faktor für den Umweg
über angesagte Szene Multiplikatoren ausreicht, wird sich zeigen müssen. Ich
glaube, ein Problem der Jungs ist, dass sie ursprünglich als Indie Rock Band
mit Prog Ambitionen angetreten sind. Davon ist nichts, aber auch gar nichts
mehr übrig. Stattdessen Panorama Pop, Beach Boys Harmonien, hier ein Elektro
Piano, dort ein kleines Gitarrensolo, wie es George Harrison Mitte der 60er
nicht besser hätte einfallen können. Und über allem der oft falsettartige
Gesang, der hin und wieder gar an John Lennon erinnert. Eine ausgesprochen
abwechslungsreiche Pop Platte wie aus einem Guss. Dabei mit elf Tracks von durchschnittlich
dreieinhalb Minuten Länge angenehm überschaubar. Wenn der letzte Ton der
Streicher auf „Mornings“ verklungen ist, dreht man mit Freude die
Scheibe wieder um und setzt die Nadel am Anfang von „People Say“
wieder auf, um gleich noch mal das geniale Eingangsriff von Orgel und Gitarre
zu vernehmen. Und spätestens beim dritten Mal singt man mit. Übrigens ist auch
die Aufmachung des Albums mit einem sehr psychedelischen Cover zum mehrfachen
Ausfalten sowie einer limitierten Pressung in violettem Vinyl mit blaurotem
Swirl Muster ganz hervorragend. Ob sie mir zum Jahresende hin noch immer so gut
gefällt wie jetzt? ****
Album des Monat Juni 2009
The Pains Of Being Pure At
Heart – s/t (LP, Fortuna Pop, www.myspace.com/thepainsofbeingpureatheart)
Besetzung:
Kip Berman –
vocals, guitar
Kurt Feldman – drums
Alex Naidus – bass
Peggy Wang – keyboards,
vocals
Trackliste:
18.
Contender
19.
Come Saturday
20.
Young Adult Friction
21. This Love Is Fucking Right!
22. The Tenure Itch
23. Stay Alive
24. Everything With You
25. A Teenager In Love
26. Hey Paul
27. Gentle Sons
Auf diese Band aus New York wurde ich durch Moabit-Peter
aufmerksam gemacht. Vielen Dank dafür. Ihr kennt Moabit-Peter nicht? Der ist
ein Urgestein der Berliner Szene und geht auf fast jedes Rock Konzert in der
Stadt seit über 40 Jahren. Bei den Stones in der Waldbühne war er schon dabei.
Und er kauft natürlich nur Vinyl. Aber das nur am Rande. Auf Empfehlungen von
Moabit-Peter kann man sich meist verlassen. So auch hier. Diese drei Jungs und
das Mädel sind noch sehr jung. So um die 20 denke ich. Entsprechend unbedarft
und ungestüm gehen sie zu Werke. Diese vier Teenager sind die Antipoden zu
jedem Casting oder Popstar Wettbewerb. Und gerade deshalb sind sie der pure
Pop! Songs wie „Young Adult Friction“ oder „This Love Is
Fucking Right!“ stürmen mit einer Chuzpe und einen ungeheuren Charme
vorwärts. Einfach wunderbar! Neu oder musikalisch innovativ ist an der Musik
hier nichts. Und doch macht dieses Debütalbum so viel Spaß wie noch kein
anderes in diesem Jahr. Gitarren Schrammeln herzallerliebst, fast jeder Akkord
ein Hook! Die Melodien sind schlicht und einprägsam und dabei meist ein
bisschen schief, so Kinderhymnen halt. Der Bass treibt und bollert, das
Schlagzeug scheppert und kracht. Alles in Dur natürlich und in flottem Tempo.
Auch wenn die Kids keine ausgebildeten Stimmen haben, so singen sie doch mit
Gefühl und wirklich schön, manchmal einzeln, manchmal im Chor. Ab und zu
jingeln und jangeln die Gitarren auch. Und eine fröhliche Quietscheorgel quäkt
dazwischen. Wenn man die Einflüsse aufzählt, die hier rauszuhören sind, wird
einem ganz schwummerig. The
Smiths, The Television Personalities, Field Mice, My Bloody Valentine, The
Jesus And Mary Chain, The Vaselines, Ramones, Kurt Cobain. Ja, die
wurden alle schon genannt in Reviews und Artikeln über die Vier aus Brooklyn.
Und das Schöne ist, man hört all diese musikalischen Einflüsse auch irgendwo
auf der Platte. Zehn Tracks und eine Gesamtspielzeit von rund 35 Minuten,
klassisch also. So fröhlich und unbeschwert die Musik klingt, so ernst und
manchmal tragisch sind die Teenager Dramen, die hier besungen werden. Wie die
Musik relativ direkt und gerade heraus und manchmal entwaffnend ehrlich und
schonungslos. Die Musik von Bands wie Franz Ferdinand oder Maximo Park wirkt
dagegen konstruiert und unspannend. Man könnte auch uninspiriert sagen. The
Pains Of Being Pure At Heart, alleine der Bandname ist schon die halbe Erklärung
dessen, was man hier hört. Ich hoffe die Vier kommen bald wieder nach Berlin.
Ihren Auftritt im Frühjahr hab ich verpasst. Und live sind sie bestimmt genauso
toll wie auf der LP. Die erschien bereits im März, aber ich wurde wie gesagt
erst jetzt darauf aufmerksam gemacht. ****
Album des Monat Mai 2009
The Soundtrack Of Our Lives
– Communion (DoLP, Haldern Pop, www.myspace.com/officialtsool)
Besetzung:
Ebbot Lundberg – vocals, mellotron
Ian Person – guitar
Mattias Bärjed – guitar
Fredrik Sandsten –
drums
Kalle Gustafsson Jerneholm
– bass
Martin Hederos –
keyboards
Trackliste:
01.
02. Universal Stalker
03. The Ego Delusion
04. Pineal Gland Hotel
05. RA 88
06. Second Life Replay
07. Thrill Me
08. Fly
09. Pictures Of Youth
10. Mensa’s Marauders
11. Just A Brother
12. Distorted Child
13. Everything Beautiful Must
Die
14. The Fan Who Wasn’t
There
15. Flipside
16. Lost Prophets In Vain
17. Songs Of The Ocean
18. Digitarian Riverbank
19. Reconnecting The Dots
20. Without Warning
21. Utopia
22. Saturation Wanderers
23. Lifeline
24. The Passover
Es ist ja
kein Geheimnis, dass diese Band seit Jahren zu meinen Favoriten gehört. Sowohl
auf der Bühne als auch im Studio haben mich die sechs Schweden immer wieder
begeistert. Und auch dieses neue fünfte reguläre Studioalbum der Band aus
Göteborg macht da keine Ausnahme. In ihrer Heimat erschien Communion als
Doppel-CD bereits Ende 2008. Nun ist es auch auf Vinyl erhältlich beim
deutschen Label Haldern Pop, das wie es scheint mit dem gleichnamigen
jährlichen Festival am Niederrhein eng verbunden ist. Ich habe bisher nirgends
einen Hinweis auf die Absicht hinter der Covergestaltung gefunden. Während das
Artwork früherer LPs der Band mehr oder weniger zum Inhalt und der Musik
passte, ist man bei diesem Cover doch etwas ratlos. Aus einem Werbeprospekt für
Lebensversicherungen oder Familienplanung scheinen die Fotos von freundlichen
Menschen verschiedener Herkunft und jeden Alters entliehen. Könnte aber auch
eine Broschüre der Zeugen Jehovas oder
von Scientology sein. Ist das irgendein besonderer Humor, den ich nicht
verstehe? Oder sind da geheime Botschaften enthalten? Wir werden das hier jetzt
nicht klären. Und deshalb widmen wir uns der Musik. Die Jungs spielen hier im
Prinzip, die Musik, die sie immer schon gespielt haben. Sehr melodischen, fein
ziselierten, leicht psychedelischen, Sixties und Seventies orientierten Rock.
Mitunter sehr rifflastig und an die Stones der 1970er Jahre erinnernd. Dann wieder
verspielt und akustisch verhalten mit kleinen melodischen Haken und Ösen, die
an Pink Floyd kurz nach Syd Barretts Ausscheiden denken lassen. Manchmal wirkt
das auch sehr verträumt, fast zart. Dann wieder hymnisch und kraftvoll. Die
einzelnen Songs sind von gewohnt hoher Qualität. Die Texte oft ähnlich
fantasievoll und mehrdeutig wie die Musik. Hin und wieder aber auch geradezu
schlicht und bodenständig und universell in ihrer Aussage. All zu bedeutende
oder tiefgründige Botschaften sollte man jedoch nicht erwarten. In aller Regel
bilden Text und Musik eine schöne Einheit, die vor allem das Gefühlszentrum
anspricht. Auch wenn vieles auf diesen beiden LPs so klingt, als hätte man es
so oder ähnlich schon vor Jahren in anderen Zusammenhängen gehört, die Wirkung
ist doch wieder eine höchst angenehme. In gewisser Weise ist diese Doppel-LP
eine Art Quintessenz der vielen direkten und indirekten Vorbilder. Die Stones
klingen sowieso an, aber auch The Who (Zeitraum Who’s Next), Pink Floyd
(More), Led Zeppelin III, British Folk und natürlich auch so eine bestimmte
Art, das alles zu verbinden und zu verarbeiten, die dann tatsächlich typisch
TSOOL ist. Mit den Worten des deutschen Rolling Stone Kolumnisten Benjamin von
Stuckrad-Barre (dessen Kompetenz ich sonst eigentlich wenig Vertrauen schenke)
kann man auch schreiben: „Wer überhaupt keine Rockplatte besitzt, sollte
diese kaufen, sie enthält zehn verschiedene.“ Die einzige Coverversion
auf der Platte passt ganz hervorragend in das Gesamtbild. Nick Drakes
„Fly“ klingt hier zwar bombastischer als das sehr sparsame
Original, aber genauso großartig und hymnisch. Mit Communion haben die
Neo-Hippies um den bärtigen, weite Gewänder oder Kutten tragenden voluminösen
Sänger Ebbot Lundberg die Platte für einen langen heißen skandinavischen Sommer
vorgelegt. Das wird wohl – u.a. – der Soundtrack meines Finnland
Urlaubs werden dies Jahr. ****
Zum meinem Album des Monats Mai
erreichte mich eine Mail des treuen Lesers Jens Kliem, der ein Artikel aus dem
„Musik Express“ als PDF angehängt war. Darin erläutert Ebbot
Lundberg im Interview die Absicht hinter der Covergestaltung von
„Communion“. Die Bilder von strahlenden, schönen und gut gelaunten
Menschen aus einem Foto-Pool für Werbeagenturen sollten in ihrer aufgesetzten,
künstlichen, ja bösartigen Vorspiegelung von heiler Welt den Betrachter
verunsichern und provozieren. Das ist – bei mir jedenfalls –
gelungen. Ebenso wie einige der Songtexte ist das Cover ein Kommentar der Band
zur Weltwirtschaftskrise. – Na dann…
Album des Monats April 2009
Norb Payr –
Besetzung:
Norb Payr – vocals, guitars, bass, blues-harp
Gernot Feldner – piano
Ed Schnabl – guitars
Klaus Sypal – accordion
Ara, Zarikian – drums
Trackliste:
01.
02. Hey Mister
03. Early In The Morning
04. Hiding Place
05. Last Night
06. Dark Man
07. On The Floor
08. No Question Of Time
09. Cloud 9
10. Dude On The Tree
11. Memory
12. Ordinary Guy
13. Running Up
14. In The Morning
15. You Better Stop
16. Time
Wir kennen Norb Payr als Gitarristen der Wiener Neo-Sixties,
Mod, R&B Band The Jaybirds, die nun auch schon bald 20 Jahre existiert. Bei
The Subcandies, ebenfalls aus Wien und ebenfalls den Sechziger Jahren des
vorigen Jahrhunderts zugetan, hat er ausgeholfen als Songschreiber und an der
Gitarre. Dies ist nun sein erstes Soloalbum. Und es ist anders. Eigentlich ein
klassisches Singer/Songwriter Album. Ein sehr britisches oder doch britisch
inspiriertes, stelle ich fest. „Early In The Morning“ z.B. klingt
ganz so, als käme es geradewegs aus englischer Folk Tradition. Die meisten
Songs hier machen den Eindruck, als hätte man sie schon unzählige Male gehört.
Alles wirkt so vertraut, so angenehm unaufgeregt und so schön anheimelnd und
auf beruhigende Weise entspannt. Und doch sind es allesamt neue Songs,
geschrieben von Norb Payr höchstselbst. Arrangement und Instrumentierung wirken
sehr bodenständig. Wie bei solchen Folkrock und Rockpop Scheiben der späten
60er und frühen 70er Jahre. Und natürlich schlägt der Sixties Pop hier und da
auch wieder durch. „Cloud 9“ wirkt durchaus Beatles inspiriert. Und
Norbs Stimme klingt in seltenen Momenten fast ein bisschen nach John Lennon.
Bei „Dude On The Tree“ denkt man unwillkürlich an den „Fool
On The Hill“, aber auch an Syd Barrett und mehr noch an Ronnie Lane, den
leider schon verstorbenen früheren Bassisten der Small Faces, der mit seiner
Band Slim Chance in den 1970er Jahren einige tolle und ebenfalls vollkommen
unscheinbare LPs aufgenommen hat. Norb kennt Ronnies Solowerk nicht, sagt er.
Doch intuitiv hat er wohl einen ähnlichen Weg eingeschlagen wie damals Ronnie
vom Beat, Modsound und R&B zum Folk und anderen traditionellen Spielarten.
Herausgekommen ist eine wirklich hörenswerte Kollektion von Songs, Geschichten,
musikalischen Erzählungen, die in ihrer Schlichtheit bestechen. Die
Saiteninstrumente sowie Bluesharp und Kalimba spielt Norb zumeist selbst. Und
er singt natürlich. An Piano, Orgel, Drums und gelegentlich einer zusätzlichen
12-Saitigen wird er von Freunden unterstützt. 16 Tracks hat dieses Debütalbum.
Eine feine Songsammlung wie aus einem Guss. Von den einleitenden Pedal Steel
Klängen bei „Wild Wild Sea“ über das fast ein bisschen an Nick
Drake erinnernde schwebende „Dark Man“ bis zum bluesigen „You
Better Stop“ und dem abschließenden leicht hymnischen „Time“.
Diese Platte ist – ich kann es nicht anders sagen – im besten Sinne
zeitlos. ****
Album des Monats März 2009
The Decemberists – The
Hazards Of Love (2LP, Rough Trade, www.myspace.com/thedecemberists)
Besetzung:
Colin Meloy – vocals, guitar
Chris Funk – guitar,
pedal steel guitar, keyboards
Jenny Conlee –
keyboards, accordeon
Nate Query – bass
John Moen – drums
Plus diverse Gastmusiker
Trackliste:
01. Prelude
02. The Hazards Of Love
03. A Bower Scene
04. Won’t Want For Love (Margaret In The Taiga)
05. The Hazards Of Love 2
06. The Queen’s
Approach
07. Isn’t It A Lovely
Night?
08. The Wanting Comes In
Waves / Repaid
09. An Interlude
10. The Rake’s Song
11. The Abduction Of Margaret
12. The Queen’s Rebuke
/ The Crossing
13. Annan Water
14. Margaret In Captivity
15. The Hazards Of Love 3
16. The Wanting Comes In
Waves (reprise)
17. The Hazards Of Love 4
Ich muss gestehen, dass dieses MusikerInnen-Kollektiv aus
Portland, Oregon, bislang ziemlich an mir vorbei musizierte. Zumindest habe ich
bis auf den einen oder anderen Promo-Track nichts von der Band wahrgenommen,
obwohl die ja nun auch schon seit bald einem Jahrzehnt existiert und seit 2001
Tonträger veröffentlicht. Infolgedessen kann ich zur musikalischen Entwicklung
wenig sagen. Ich fand Vergleiche mit Wilco, die ich aufgrund der aktuellen
Platte jedoch nicht nachvollziehen kann. In einigen Reviews ist von der
Verschmelzung von Folk und Metal die Rede. Das, mit Verlaub, scheint ziemlich
absurd, wenn man die Platte hört. Allenfalls kann ich eine Verbindung von Folk
und Folkrock mit einigen an Progressive und Art Rock erinnernden Elementen
konstatieren. Möglicherweise wird aber eine gewisse Dichte und Schwere im
Gitarrensound hier und da schon als Metal Einfluss empfunden. Ein gewisser
Manierismus ist der Band zu eigen. Und die männlichen Gesangsparts erinnern
mitunter tatsächlich an eine Mischung aus Thom Yorke und Robert Plant. Die
insgesamt 17 Tracks (einige nur sehr kurze Vignetten) sind erstaunlich
abwechslungsreich und unterschiedlich in Kompositionsweise und Arrangement. Das
ist schön. Tatsächlich war der Ausgangspunkt des Albums eine britische Folk EP
von Anne Briggs aus dem Jahr 1966 mit dem Titel „Hazards Of Love“,
die Colin Meloy (Mastermind der Decemberists) zufällig entdeckte und zu der er
eine eigene ziemlich märchenhafte Geschichte erfand, um die er wiederum diesem
Songzyklus wob. Vor allem im zweiten Teil des Albums wird dann doch eine sehr
große Affinität zu britischem Progrock und Acid Rock deutlich. Da meint man
hier und da Deep Purple aber eben auch Pink Floyd oder gar die Incredible
String Band auszumachen. Von einem Konzeptalbum zu sprechen, wäre wohl etwas
übertrieben, aber ein roter Faden zieht sich wie gesagt durch die Songs, auch
wenn dabei nicht so recht klar wird, was uns der Künstler eigentlich sagen
will. Es ist halt eine echt sagenhafte Geschichte, die da von einer gewissen
Margaret erzählt. Natürlich wird auch immer wieder dasselbe musikalische Motiv
aufgegriffen in „The Hazards Of Love“. Nicht umsonst gibt es vier
Teile des gleichnamigen Songs. Der zweifellos vorhandene Bombast und mitunter
ins Absurde abgleitende Manierismus der Band mag den einen oder die andere
abstoßen. Mir gefällt das, weil die Band zum Glück nie zu sehr übertreibt und
immer wieder rechtzeitig die Kurve kriegt mit einer Wendung zum schlichten und
einfachen Folk. Ja selbst Pedal Steel Gitarre kommt zum Einsatz und knüpft an
die amerikanischen Wurzeln der Musiker an. Die erste große angenehme
Überraschung des Jahres ist dieses Album. In den USA erschien es auf
Capitol und stieg bereits in die Top 10
der Charts ein, in Europa erscheint es bei Rough Trade und ist wohl immer noch
fast ein Geheimtipp. ****
Album des Monats Februar 2009
Underwater Sleeping Society
– The Dead Vegas (CD,
Nordic Notes, www.myspace.com/uwssoc)
Besetzung:
Okko Nieminen –
vocals, guitar
Tomi Tiittanen – guitar
Jussi Hietala – bass,
vocals
Olli Varis – keyboards
Sampo Fagerlund – drums
Matti Olavi – sax,
clarinet, synth
Trackliste:
01. Saw You At My
Funeral
02. Hurry Or Worry
03. Trapdoors
04. Body Blues
05. Painting The Dead
06. Counting Stars
07. Antique
08. Accidents
09. Golem
10. This Might Have
Happenened…
11. The End Is Just A Dawn
Hab’ ich doch tatsächlich geglaubt, alles an Pop Musik
aus Finnland zu kennen. – Natürlich ein Irrtum. Diese Band zum Beispiel
ist bisher völlig an mir vorbei gegangen. Dabei ist das nun schon ihr drittes
Album. Was sofort auffällt, die Musik klingt überhaupt nicht finnisch. Mit
diesem Sound, diesem Songwriting, diesen Arrangements könnte die Gruppe ebenso aus
Leeds, Manchester oder London kommen. Britische Pop Musik klingt so. Doves,
Elbow sogar Radiohead fallen mir dazu ein. Vielleicht noch die Nits aus
Holland. Aber eh es zu verwirrend wird, bleiben wir lieber bei dieser Platte
und bei der Musik darauf. „I Saw You At My Funeral“ ist mitnichten
eine traurige oder irgendwie prätentiöse Angelegenheit. Es ist ein fast
fröhlicher, leicht surrealer Popsong mit Ohrwurm Qualität. Bei „Hurry Or
Worry“ setzt sich diese Leichtigkeit fort. Man kann dazu tanzen, auf jeden
Fall aber wippen und rumflippen. Eine gewisse Melancholie, oder besser
Ungewissheit schwingt mit bei „Trapdoors“. Noch seltsamer ist
„Body Blues“. Kein Blues natürlich. Eher so ein leicht
verschrobenes Stückchen Befindlichkeitspop mit einem Schuss Psychedelia. Hat
aber auch was Faszinierendes. Bei „Painting The Dead“ denke ich,
das könnte doch auch Morrissey sein, der da singt. Der Song passt allerdings
auch zu Andy Partridge und XTC. Und dann wird es doch fast progmäßig
anspruchsvoll bei „Counting Stars“. Nur das rasante Tempo und die
jubilierenden Dur Akkorde retten die Nummer. Auch bei „Antique“
muten uns die Jungs nichts weniger als die Frage nach dem Sinn des Lebens zu.
Und sie beantworten sie sogleich auf durchaus charmante und vor allem sehr
unterhaltsame Weise. All zu ernst wollen sie dabei bestimmt nicht genommen
werden, wie das folgende „Accidents“ beweist, in dem locker flockig
ein Missgeschick auf das nächste folgt. Danach wird der „Golem“ wie
ein tragischer, bemitleidenswerter aber unvermeidbarer und letztlich guter
Bekannter sehr einfühlsam und fast liebevoll besungen. „This Might Have Happened If We Made Your Home Ours“ ist der
beste Radiohead Track, den Radiohead nicht zu verantworten haben. Natürlich
eher getragen mit Streichern und einem gewissen verhaltenen Pomp, angemessen
prätentiös in diesem Fall. Angenehm schlicht und eher wie ein Folksong kommt
dann zum guten Schluss „The End Is Just A Dawn“. – Wie wahr.
Bei aller vermeintlichen Tragik, die hier besungen wird, dies ist eine
positive, eine fröhliche Platte. Die unglaublichen Geschichten werden mit einem
Funken Ironie versehen. Neben der klassischen Rockinstrumentierung kommen
diverse Keyboards aber auch Saxophon und
Klarinette zum Einsatz. Produziert hat die Band selbst. Gemischt hat Kalle
Gustafsson Jerneholm, der Bassist von The Soundtrack Of Our Lives. Auf der CD
befindet sich übrigens oben eine Vinylschicht, auf der ein Bonustrack zu hören
ist. Damit haben wir hier die erste Platte im Bi-Format. Der Vinyltrack
„Palindrome“ erzählt eine wahre Geschichte, in der ein Haus
niederbrennt. Die Soundqualität dieses Tracks lässt allerdings zu wünschen
übrig. Und ein bisschen eiert die Platte auch, was bei ihrer geringen Größe zu
weiteren soundtechnischen Beeinträchtigungen führt. Eher ein Gag also. Die
Musiker sehen übrigens aus wie die Waldschrate von den Fleet Foxes. Finnische
Hippies. Oder doch einfach nur Indie Kids? Schöne Platte auf alle Fälle. Werde
mir die Vorgänger auch noch besorgen. ****
Album des
Monats Januar 2009
The Puddle – The
Shakespeare Monkey (CD,
Fishrider Records, www.myspace.com/thepuddlenz)
Besetzung:
George D. Henderson – vocals, guitars, keyboards, bass
Gavin Shaw – bass
Ian Henderson – drums,
percussion, bass, keyboards
Alan Starrett – violin,
viola
Trackliste:
01. As It Was
02. So Good
03. Friends
04. Dylanesque
05. You’re So Pretty
06. Shivver
07. Solace
08. The Shakespeare Monkey
09. One Romantic Gesture
10. Parasol
11. Seduced By Virgins
12. High On The Hog
13. Milk
14. Trauma Bear
15. No Good
16. Naked
17. Don’t Kill The Golden Goose
George D. Henderson aus Dunedin, Neuseeland, macht mit
wechselnden Musikern unter dem Namen The Puddle seit 1984 Musik. Davon leben
konnte er mit Sicherheit bis heute nicht. Keine Ahnung was der Mann sonst so
treibt zur Sicherung seines Ein- und Auskommens. Jedenfalls scheint er nicht
nur ein rechter Eigenbrötler zu sein, ein ziemlich verkannter aber genialer
Songwriter ist er auch. Beim legendären Label Flying Nun erschienen bis 1993
drei LPs und eine 7“ Single von ihm bzw. The Puddle. Dann verlor sich
seine Spur zunächst, wenn man von einer 7“ für ein französisches Indie
Label 1995 absieht. In den Jahren seither entstanden nichtsdestotrotz etliche
bis heute unveröffentlichte Aufnahmen, die – so hört man – in
absehbarer Zeit auf Vinyl gepresst werden sollen. 2007 jedenfalls meldete sich
The Puddle / Henderson mit dem Album „No Love No Hate“ zurück, das
bei Fishrider als CD erschien und einige bemerkenswerte Kritiken einheimste.
Und nun, nicht mal zwei Jahre später, ein brandneues Album mit 17 neuen Songs.
Eingespielt mit der Unterstützung von seinem Bruder Ian am Schlagzeug und
gelegentlich Keyboards oder Gitarre, sowie Gavin Shaw am Bass und Alan Starret
an Violine und Viola in Dunedin zwischen Dezember 2007 und Juni 2008, bietet
dieses Album eine erstaunliche Mischung aus klassischem Singer/Songwriter Pop,
Psych Folk und einer gehörigen Portion Exzentrik. So bezieht sich der Titel des
Albums – wie auch der Song gleichen Namens – auf die Vorstellung,
es gäbe da so literarische Kobolde oder Ghostwriter im Hinterstübchen, die mehr
oder weniger Sinnvolles in eine imaginäre Tastatur hauen. Und der Poet, der
Songwriter bedient sich dann. Klappt meistens jedoch nicht so recht. Eine Krux
ist das mit diesen „Shakespeare Affen“. Ansonsten sind Hendersons
Songs eher von einer recht abgeklärten und doch lyrischen Art. Originell,
persönlich und doch allgemeingültig und im besten Sinn aufklärend und
kurzweilig. Die Musik passt sich da an, ohne sich unterzuordnen. Etliche Songs
haben echten Ohrwurm Charakter. Und stilistisch bewegt sich diese Musik
vollkommen unabhängig und jenseits aller Genres und Kategorien. Wer unbedingt
Vergleiche braucht, der stelle sich XTC vor ohne den vordergründigen Pop
Appeal, von mir aus auch Nick Drake oder Elliott Smith mit mehr
Selbstbewusstsein und fast rockiger Attitüde. Aber nein, George Henderson mit
seiner Band The Puddle ist einmalig. Und sehr neuseeländisch, falls es das
gibt. Eine insgesamt unaufdringliche und unspektakuläre, vollkommen entspannte
Platte, die dennoch Freude macht und nie langweilig wird. Zuhören muss man
allerdings. ****
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