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Album des Monats

Die Bewertungsskala:

* Materialverschwendung! -   ** muss man nicht kennen -   *** sollte man mal gehört haben -   **** Anschaffung sehr zu empfehlen -   ***** gehört in jede Plattensammlung!

Album des Monats Juni 2010

The Jaybirds – Naked As The Jaybirds (LP, Time For Action, www.myspace.com/bjjaybird)

Besetzung:

Bernhard Gold – vocals, harpNaked As The Jaybirds

Norb Payr – vocals, guitar 

Patrick Nagl – guitar

Markus Zöchling – vocals, bass

Thomas Schmitzberger – drums 

Trackliste:

 

01.   Over Your Shoulder

02.   Look Out Baby

03. Take Your Chance

04. Vented Feelings

05. I Try To Find

06. Most Likely You’ll Go Your Way

07. Anything You Do

 

01. Sixty Minutes (Of Your Love)

02. Femme Fatale

03. Naked As A Jaybird

04. Nancy’s Minuete

05. Mr. Ryan

06. A Big Thing

07. Boy Meets Girl Storyline

The Jaybirds aus Wien gehören zu den beständigsten und zugleich authentischsten Neo-Sixties bzw. R&B orientierten Mod Bands Europas. Gegründet 1989 sind sie bis auf einen Gitarristenwechsel 1994 nach wie vor in derselben Besetzung unterwegs. Und wenn ich sage unterwegs, dann meine ich das durchaus wörtlich. Die Band unternimmt immer wieder Ausflüge kreuz und quer durch Europa und spielt auch hier in Berlin mit gewisser Regelmäßigkeit live. Und dabei machen die Jungs das eigentlich doch mehr oder weniger in ihrer Freizeit. Leben von der Musik können sie nicht. Dafür ist das Interesse an diesem Soul, Beat, R&B und Freakbeat orientierten Sound letztlich nicht groß genug. In den Medien wird so etwas jenseits von speziellen Fanzines oder Internet Radios nicht wahrgenommen. Andererseits ist solchen Bands wie den Jaybirds die Aufmerksamkeit ihrer Szene ab-solut sicher. Und so wird auch dieses neue Album – es ist übrigens erst ihr drittes neben vier EPs und zwei Singles – zweifellos seine Käufer und begeisterten Hörer finden. Die Platte wirkt wie ein Artefakt aus den späten Sixties aus dem UK. Musikalisch sowieso mit diesem an Skip Bifferty, The Sorrows oder The V.I.P.’s erinnernden Sound, aber auch optisch mit dezenter Op bzw. Pop Art im Stil von Andy Warhol u.a. Die Songs auf der Platte wurden zum größten Teil von den Bandmitgliedern geschrieben. Zwei davon kennt man bereits von einer vor rund 18 Monaten erschienenen 7“ Single. Im Songwriting orientiert sich die Band natürlich an den Vorbildern. Und hin und wieder meint der geneigte Hörer Versatzstücke altbekannter Weisen wieder zu erkennen. Das geht allerdings nie soweit, dass man von Plagiat sprechen könnte. Im Gegenteil, es bereitet Freude, solche Parallelen zu entdecken. Drei Fremdkompistionen wurden für die Platte eingespielt. Bob Dylans “Most Likely You’ll Go Your Way” und die Porter / Hayes Nummer “Sixty Minutes (Of Your Love)“ erfahren das typische Mod Band Treatment mit Hammond Licks und satten Basslinien. Eine Überraschung ist die an The Eyes oder The Creation erinnernde Version der eher unbekannten Everly Brothers Single „Nancy’s Minuet“. Alles in allem sind das hier 14 Tracks feinsten Mod Sounds, der trotz aller Retro Bezüge frisch und modern rüberkommt. Die LP kommt in einem geschmackvollen Klappcover. Ein Poster liegt bei, und die ersten 100 Stück sind in farbigem Vinyl. ****

Album des Monats Mai 2010

Ganglians – Monster Head Room (DoLP/CD, Souterrain Transmissions, www.myspace.com/ganglian)

Besetzung:

Ryan Grubbs – vocals, guitar, keyboardsGanglians

Kyle Hoover – vocals, guitar 

Adrian Comenzind – vocals, bass

Alex Sowles – drums

Daniel Trudou – sax 

Trackliste:

 

01.   Something Should Be Said

02.   Voodoo

03. Lost Words

04. Candy Girl

05. Valient Brave

06. The Void

07. To June

08. 100 Years

09. Cryin’ Smoke

10. Modern African Queen

11. Try To Understand

12. Blood On The Sand

13. Make It Up

Da höre ich den a capella Opener dieses Albums und denke, eine neue Scheibe der Fleet Foxes. Stimmt aber nicht. Das hier ist versponnener, psychedelischer, unberechenbarer als der harmonische Barock Folk der Kollegen aus dem nördlichen Nachbarstaat. Ganglians sind vier junge Musiker aus Sacramento, Kalifornien. Dennoch ist die Musik auch sehr sehr catchy. Leicht, locker, luftig zumeist. Wie bei „Candy Girl“ etwa, das sowohl von den Beach Boys als auch von Syd Barrett ein paar Inspirationen bezieht. Diese Art von modernem Psych Folk und Weird Folk ist ja ziemlich verbreitet zurzeit. Was mir diese Band und ihre Platte so sympathisch macht, das ist ihre offensichtliche Bodenständigkeit. Trotz schräger Sounds und Arrangements wirkt die Musik hier nie so zappelig und fisselig wie bei anderen verwandten Kapellen, wie bei Grizzly Bear etwa. Und obwohl z.B. „The Void“ ziemlich abgefahren und verrückt klingt, bleibt es ein wunder-schöner Song in einem ganz passenden Gewand. Christof Ellinghaus (Boss von City Slang und diesem Sublabel hier) empfahl mir die Platte mit den Worten „Electric Prunes trifft Beach Boys in einem Keller in Sacramento in 2010.“ Er muss die späten Electric Prunes meinen. Oder doch nicht? „100 Years“ könnte tatsächlich ein Enkel von „I Had Too Much To Dream Last Night“ sein. „Könnte Dir gefallen“, schrieb er noch. – Stimmt! – Gefällt mir. Gerade weil die Musik eben nicht genau so klingt wie damals. Und weil sie andererseits nicht versucht, total modern und futuristisch zu klingen. Keine Ausflüge in Bereiche von Elektro und Avantgarde. Aber auch kein traditioneller Folk oder Folkrock. So freundlich und einschmeichelnd einerseits, und doch auch mit Falltüren und Widerhaken versehen. „Drop the good kid attitude…“, singen sie in „Try To Understand“, aber auch: „a thousand frames of mind can’t take you there…“. Die Doppel-LP ist streng genommen eine Compilation, die den größten Teil ihres Outputs aus 2009 versammelt. Tracks, die in den USA auf einem Album, einem Mini-Album und einer Single erschienen. Hier erschien die Platte am 28. Mai. Die Band ist momentan live in Europa unterwegs. Am 22. Juni 2010 kann man sie im Bang Bang Club am Hackeschen Markt in Berlin erleben. Ich werde dort sein. ****

Album des Monats April 2010

Vermillion Sands – s/t (LP/CD, Alien Snatch Records, www.myspace.com/thevermillionsands)

Besetzung:

Anna Barattin – vocals, guitarVermillion Sands

Caio Miguel – drums 

Krano – guitars

Nene – bass, guitar, piano, organ

Trackliste:

 

03.   In The Wood

04.   Monsoon Blues

03. Wake Me When I Die

04. The Last Day

05. Peter Peter

06. Razors

 

07. Star Light Star Bright

08. Weary & Weak

09. Warm Up

10. Sew My Heart

11. Ghost Song

Eine schöne Überraschung! Diese Band hatte ich bis vor kurzer Zeit noch überhaupt nicht auf dem Schirm. Ihre Debüt Single aus dem Jahr 2008 fiel mir vor Monaten zufällig in die Hände. Ich war ganz angetan, sortierte die 7“ ein und vergaß sie. Nun also die Debüt LP. Der erste Eindruck: hübsch, schöne Melodien, eine weitere Garage Pop Band mit Sängerin. Aus Treviso, Norditalien. Ok, in den 1980er Jahren kamen ein paar ganz gute Neo-Sixties und Neo-Psych Bands aus Italien. Aber seitdem sind über 20 Jahre vergangen. Und Vermillion Sands sind auch keine Neo-Sixties Band. So etwas gibt es heute gar nicht mehr. Dazu sind die Einflüsse und stilistischen Verknüpfungen zu vielfältig. Americana-Folk-Garage-Pop, das Songwriting manchmal wirklich klassisch Sixties wie bei den Girlgroups aus dem Hause Morton oder Spector. Die Sounds mitunter wirklich psychedelisch. In erster Linie ist es aber eine recht straighte Folkrock Platte mit Leadsängerin, eine bluesy Blondie oder gothic Golightly in einem Vorstadt Gun Club. Die Band, lese ich, ist im Ausland weit erfolgreicher als zuhause in Italien. In den USA und Kanada laufen ihre Singles im Radio. Eine Club Tour durchs nördliche Mitteleuropa wurde gerade erfolgreich absolviert. Wenn sie auf der nächsten Tour hier vorbei kommen, werde ich da sein. Einstweilen höre ich die LP wieder und wieder. Diese verzerrten Orgelklänge, twangy Gitarren, diese leichte Schwere verbunden mit locker galoppierenden Rhythmen, all das klingt so vertraut und neu zugleich. Jeder Track ist stilistisch ein bisschen anders. Vom klassischen Orgel getrie-benen Garage Pop des Openers „In The Wood“ über den düsteren „Monsoon Blues“ und das Jugband artige „Wake Me When I Die“ bis zur Banjo begleiteten Geschichte des unglücklichen Frauenhelden „Peter“. Vom flotten „Star Light Star Bright“ über das mit Slide Guitar veredelte eher nach-denkliche „Weary And Weak“ und das verträumte „Sew My Heart“ bis hin zum psychedelischen Schlusstrack „Ghost Song“. Eine wunderbare Platte! Eine sehr amerikanische Platte. Kein Wunder, dass die College Radios von Austin bis Toronto darauf anspringen. Die Erstauflage der LP kommt in einem extra gefertigten Siebdruck Cover. ****

Album des Monats März 2010

The Courteeners – Falcon (LP/CD, A&M Records/Universal, www.myspace.com/thecourteeners)

Besetzung:

Liam Fray – vocals, guitarsFalcon

Daniel Moores – guitars 

Mark Cupello – bass guitars

Michael Campbell – drums

Trackliste:

 

05.   The Opener

06.   Take Over The World

03. Cross My Heart & Hope To Fly

04. You Overdid It Doll

05. Lullaby

06. Good Times Are Calling

 

07. The Rest Of The World Has Gone Home

08. Sycophant

09. Cameo Brooch

10. Scratch Your Name Upon My Lips

11. Last Of The Ladies

12. Will It Be This Way Forever?

Ich bin selbst ein wenig überrascht, dass diese Platte nun mein Album des Monats ist. Es stimmt, man muss sie mehrfach hören. Und man muss zuhören, nicht einfach so nebenher laufen lassen. The Courteeners sind eine durch und durch britische Band. Im besten Sinne konservativ. Und neu ist hier wahrlich nichts. Neu ist höchstens die unaufdringliche Eleganz, die überwältigende Brillanz der Kompositionen und ihrer Umsetzung. Liam Fray heißt der junge Mann, der diese großartigen Songs schreibt. Aus Manchester kommt seine Band. – Woher auch sonst. Und die ganze musikalische Geschichte dieser Stadt in den letzten gut 30 Jahren steckt in diesem Album. The Smiths, The Stone Roses, The Verve, Oasis… ja sogar The Chameleons und The Happy Mondays standen hier in gewisser Weise Pate. Aber The Courteeners sind auf dem Sprung nach London. The Good Times Are Calling. „Falcon“ ist bereits ihr zweites Album. Und eine Reihe Singles gibt es auch schon. Alles mal wieder an mir vorbei gegangen. Insofern kann ich auch nicht vergleichen, eine Entwicklung ausmachen. Ich weiß nur, diese Platte hier ist groß. Diese Musik strahlt eine positive Wärme, eine ruhige Schönheit aus. Optimistische Lebensfreude, jedoch keine übertriebene Exaltiertheit. Vergleiche mit anderen aktuellen britischen Bands drängen sich auf. Glasvegas sind theatralischer, White Lies eindimensionaler, Coldplay viel beliebiger und langweiliger. Und doch klingt von der Musik all dieser Gruppen auch etwas an bei The Courteeners. Und schließlich steht diese Platte darüber auf eine unglaublich majestätische Weise. Liam Frays Bekenntnisse und Liebeserklärungen klingen einfach so viel ehrlicher und überzeugender auf eine ganz natürliche Art. Man ist bei dieser Platte immer wieder überrascht von der Vielseitigkeit der Band und des Sängers. Selten hat mich eine LP, die ich anfangs eher durchschnittlich fand, dann doch noch so überwältigt. Ich bin darauf gespannt, die Band live zu sehen. Der Magnet Club wird mal wieder viel zu klein sein. Denn bis zum 19. Mai sind die Jungs mit Sicherheit kein Insidertipp mehr. Und nun muss ich mich auf die Suche nach den älteren Platten der Band begeben. Diese hier bekommt ****1/2

Album des Monats Februar 2010

Marina & The Diamonds – The Family Jewels (CD, 679 Recordings, www.myspace.com/marinaandthediamonds)

Besetzung:

Marina Diamandis – vocals, keyboardsThe Family Jewels

Most tracks arranged and produced by Liam Howe

Diverse Gast- und Studiomusiker/innen

Trackliste:

 

07.   Are You Satisfied?

08.   Shampain

03. I Am Not A Robot

04. Girls

05. Mowgli’s Road

06. Obsessions

07. Hollywood

08. The Outsider

09. Hermit The Frog

10. Oh No!

11. Rootless

12. Numb

13. Guilty

Marina Diamandis ist eine 24-jährige Sängerin, geboren und aufgewachsen in Wales mit walisischer Mutter und griechischem Vater. Seit 2005 lebt sie in London und versucht dort, mit Musik erfolgreich zu sein. Im letzten Jahr hatte sie so etwas wie ihren Durchbruch mit zwei Singles, deren Vinylversionen auf 300 bzw. 500 Stück begrenzt waren und bereits für rund 50 Pfund den Besitzer wechseln. Inzwischen ist sie bei Warner Music unter Vertrag, und ihr Debütalbum ist im UK gerade erschienen, bisher leider nur als CD. In Deutschland ist der offizielle VÖ im Mai. 13 Tracks sind auf der Platte zu hören. Mit dabei auch einige bereits auf Singles oder EPs erschienene Songs, allerdings in Neuaufnahmen. Marinas Stimme ist äußerst wandlungsfähig. Zumeist überzeugt sie jedoch mit einer kraftvollen Altstimme, deren dunkles Timbre mitunter an Alexandra (Mein Freund der Baum) erinnert. Oft jedoch pflegt die auch äußerlich höchst wandlungsfähige (die Videos sind allesamt sehenswert) Sängerin einen manirierten, ja sogar exaltierten Stil, bei dem ihre Stimme gluckst, vibriert und sich fast überschlägt. Auch wechselt sie immer wieder kurz zu einer hohen Kopfstimme, was ihrem Gesang eine zusätzliche Komponente von Entrücktheit verleiht. Sie schreibt alle ihre Songs selbst und beweist dabei ein wirklich erstaunliches Talent für eingängige Melodien, die dennoch unerwartete Haken und Wendungen aufweisen. Wer für die Arrangements verantwortlich ist, weiß ich nicht. Jedenfalls wird da viel mit synthetischen Klängen und Instrumenten gespielt. Meist in durchaus positivem Sinn, möchte ich hinzufügen. Es kommen aber auch so archaische Instrumente wie Piano, Cello, Bass, Schlagzeug und Mellotron zum Einsatz. Gitarren allerdings nur ausnahmsweise. Musikalisch erinnert das Ganze einerseits an die 1970er Jahre und Acts wie Sparks, andererseits an New Wave der frühen 80er, ohne deren Kühle und Distanz. Disco, New Romantic, aber trotz aller Mainstream Tauglichkeit nie fad oder platt. Neben den bereits durch die Singles bekannt gewordenen Songs „I Am Not A Robot“, „Mowgli’s Road“, „Obsessions“ und „Hollywood“, die allesamt großartig sind, überzeugen auch die meisten anderen Tracks des Albums durch Originalität und hohen Wiedererkennungswert. Auf den ersten Blick könnte man meinen, Marina ist nur noch eine weitere Hupfdohle wie Kate Perry, Lady Gaga, Kate Nash, Lily Allen und wie die alle heißen. Bei genauerem Hinsehen und vor allem Hinhören stellt man fest, dass sie einfach mehr Substanz mitbringt. Wenn Joanna Newsom die Zukunft des Pop ist, dann ist Marina Diamandis seine Gegenwart. Eine höchst angenehme Gegenwart übrigens, die ruhig noch einige Zeit dauern darf. ****

Album Tipp des Monats Januar 2010

Motorpsycho – Heavy Metal Fruit (2LP, Stickman Records, www.myspace.com/motorpsychopage)Heavy Metal Fruit

Besetzung:

Bent Saether – vocals, bass

Hans Magnus Ryan – vocals, guitar

Kenneth Kapstad – drums  

Trackliste:

 

09.   Starhammer

10.   X-3 (Knuckleheads In Space) / The Getaway Special

03. The Bomb-Proof Roll and Beyond

04. Close Your Eyes

05. W.B.A.T.

06. Gullible’s Travails (Pt L-LV)

Es war für mich gar nicht so leicht, unter den aktuellen Neuerscheinungen eine passende zu finden. Seit über 20 Jahren machen die drei Musiker aus Trondheim gemeinsam Musik. Wobei der Drummer immer mal wieder ausgetauscht wurde und lange Zeit auch wechselnde Keyboarder mit von der Partie waren. Die aktuelle Besetzung mit Bent Saether (voc, bass), Hans Magnus Ryan (voc, git) und Kenneth Kapstad (drums) scheint mir die kompakteste zu sein. Der Sound der Band ist nun bereinigt von allen Spielereien und allem unnötigen Beiwerk. Nicht dass ich die eher poppigen und verspielteren Platten der Jungs, „Let Them Eat Cake“ und die beiden folgenden, nicht mochte. Im Gegenteil, durch sie wurde ich erst so richtig aufmerksam auf die Band. Aber Motorpsycho sind so viel mehr als eine Neo Psychedelic Westcoast Band. Norwegische Westcoast natürlich. Ihren eigenen Weg sind sie sowieso immer gegangen. Am Anfang eher vom Metal beeinflusst als von Grunge oder so genanntem Alternative Rock spielten sie ihre Version von wüstem Hardrock mit Kiffer Komponente. Mit der Zeit wurde das dann ausgefeilter, filigraner und manchmal auch leiser bis hin zu folkigen Passagen. Dann wie gesagt der Ausflug zu Psychedelia und Pop. Und nun schließt sich der Kreis. Sie sind im Grunde wieder am Anfang angekommen. Allerdings wirkt das nun bei allem Ungestüm, aller Kraft und Härte, die ihre Musik widerspiegelt, so viel durchdachter und durchkomponierter. „Heavy Metal Fruit“ heißt diese LP denn auch. Es ist die Frucht einer langen Reife. Nahezu perfekt und doch so wild und brachial in Teilen. In den ruhigen Momenten aber auch von einer tiefen Schönheit und Ausgeglichenheit. Das erinnert mitunter sogar an frühe King Crimson Platten, meist aber eher an Hawkwind, obwohl Motorpsycho nie so ausufern und sich verlieren, wie es der Band um Dave Brock nur zu oft passierte. Nur sechs Tracks finden sich auf den drei LP Seiten. Seite 1 ziert eine passende spacige Gravur. Bis auf die kurze Akustik Vignette „Close Your Eyes“ alles längere Tracks. Und das Zentrum, der Kulminationspunkt ist das über 20-minütige „Gullible’s Travails“ auf der letzten LP Seite. Ich habe erst kürzlich wieder die zweite und dritte LP von Tangerine Dream gehört („Alpha Centauri“ und „Zeit“), und ich vermute sehr, dass die Norweger diese Platten auch kennen. Manche Soundideen und Strukturen scheinen direkt von dort übernommen. Möglicherweise kommt man auch zwangsläufig auf ähnliche Ideen, wenn man in ähnlichen Sphären unterwegs ist. Neben den klassischen Instrumenten der Rock Trio Besetzung kommen hier natürlich auch Keyboards und sogar eine Trompete zum Einsatz. Und Hanne Hukkelberg ist als Background Sängerin dabei. Dennoch ist es erstaunlich, dass alle Klänge, seien sie auch noch so spacig und abgefahren, im Wesentlichen von den drei Musikern der Stammbesetzung mit ihren Stamminstrumenten erzeugt werden. Ich bin schon sehr gespannt darauf, wie das auf der Bühne klingen wird. Bis jetzt waren Motorpsycho live noch nie eine Enttäuschung. Wenn das moderner Prog ist, dann bitte mehr davon! ****

Album des Monats Dezember 2009

Bob Dylan – Christmas In The Heart (LP/CD, Columbia)

Besetzung:

Bob Dylan  – vocals, guitar, electric piano, harmonicaChristmas In The Heart

Tony Garnier – bass

George Receli – drums, percussion 

Donnie Herron – steel guitar, mandolin, violin, trumpet

David Hidalgo – guitar, accordion, mandolin, violin

Phil Upchurch – guitar

Patrick Warren – piano, organ, celeste

Trackliste:

 

11.   Here Comes Santa Claus

12.   Do You Hear What I Hear?

03. Winter Wonderland

04. Hark The Herald Angels Sing

05. I’ll Be Home For Christmas

06. Little Drummer Boy

07. The Christmas Blues

08. O’ Come All Ye Faithful (Adeste Fideles)

09. Have Yourself A Merry Little Christmas

10. Must Be Santa

11. Silver Bells

12. The First Noel

13. Christmas Island

14. The Christmas Song

15. O’ Little Town Of Bethlehem

Ja, ich weiß, Weihnachten ist vorbei. Aber nach Weihnachten ist vor Weihnachten, also bitte! Diese LP vom alten Grantler Bob ist mir in den letzten Tagen und Wochen richtig ans Herz gewachsen. Man merkt einfach, dass es ihm eine fast kindliche Freude bereitet hat, diese Standards und Klassiker zu spielen und zu singen. Und man muss nicht mal unbedingt ein Bob-Cat ein, um beim Zuhören daran Spaß zu haben. Was Mister Zimmerman hier als Jack Frost zusammen gemixt hat kann man in feierlicher Stimmung am Heiligen Abend ebenso genießen wie am folgenden Morgen mit einem Augenzwinkern und einem Lächeln auf den Lippen. Er singt sogar eine Strophe auf Lateinisch. Trotz Glöckchen und Engelschören wird es nie kitschig. Da sei Bobs Raspelorgan vor. Fast etwas bizarr gerät die Stimmung bei der großartigen Polka „Must Be Santa“ und etwas später bei „Christmas Island“, nur echt mit Hawaii Gitarren. Eingespielt wurde die Platte im Wesentlichen von Bobs aktueller Tourband bzw. von den gleichen Musikern, die auch schon auf „Together Through Life“ zu hören sind. Dazu kommen dann eben noch ein paar zusätzliche Stimmen wegen der weihnachtlichen Stimmung. Kein einziger der Songs stammt von Bob selbst. Alles mehr oder weniger Klassiker wie gesagt. Ok, wer eine Weihnachtsphobie hat oder allergisch auf gewisse Stimmungen reagiert, der wird mit dieser Platte nichts anfangen können. Andererseits werden wohl Leute, die es so richtig feierlich und besinnlich mögen, auch etwas verstört reagieren auf den einen oder anderen Track hier. Für mich ist das genau die richtige Mischung aus Besinnlichkeit und ganz leicht verrückter Ausgelassenheit. Diese Platte wird in Zukunft bei mir zuhause jedes Jahr an Weihnachten gehört. Die Verkaufserlöse von „Christmas In The Heart“ gehen übrigens komplett an die Hilfsorganisation Feeding  America. ****

Album des Monats November 2009

The Black Hollies – Softly Towards The Light (LP/CD, Ernest Jenning Record Co., www.myspace.com/theblackhollies)

Besetzung:

Justin Angelo Morey  – lead vocals, bass, vibraphone, mellotronThe Black Hollies

Jon Gonnelli – organ, piano, mellotron, guitar

Herbert Joseph Wiley V – guitars, mandolin, piano, vocals 

Nicholas Ferrante – drums

Trackliste:

 

13.   Run With Me Run

14.   Gloomy Monday Morning

15.   When You’re Not There

16.   Everything’s Fine

17.   Number Ten Girl

18.   Lead Me To our Fire

19.   Look What You’ve Done

20.   Can’t Stop These Tears

21.   How Did We Get Here

22.   Don’t Be Afraid To Ask

Aus Jersey City kommt dieses Quartett von Sixties Connaisseuren, deren eigene Musik gleichwohl so modern und frisch klingt, wie die ihrer Vorbilder aus Motown und Northern Soul sowie Artpop und Popsike britischer Prägung damals. Die Band gibt es vielleicht drei oder vier Jahre. Deutlich ist die Begeisterung der vier Jungs, von denen keiner älter als 25 sein dürfte, für originale 7“45s aus den Sixties, für Bands wie The Small Faces, The Creation aber auch The Flirtations, The Supremes. Sie selbst nennen auch spätere UK Bands wie The Charlatans als Einfluss oder die Lektüre der Bücher von Richard Brautigan. Beste Referenzen also. „Softly Towards The Light“ ist die dritte LP der Band, die übrigens auch regelmäßig 7“45s mit non-Album Tracks veröffentlicht. Wie es sich gehört. Und die Band nimmt ihre Musik analog auf, weil sie es so will und den warmen Sound klassischer 2-Zoll Bandmaschinen liebt. Aber widmen wir uns dem vorliegenden Album. Wie gesagt, das klingt alles sehr nach den besten Momenten der späten Sixties. Die englischen Hollies und ihr Album „Butterfly“ kommen mir in den Sinn. Oder Simon Dupree & The Big Sound, The Marmalade, The Flying Machine, The Herd, all diese an Beat und R&B geschulten Pop Bands der späten 60er in England. Aber auch ihre US amerikanischen Äquivalente wie The Strawberry Alarm Clock oder The Blues Magoos. Die von den Musikern selbst ge-nannten Northern Soul Favoriten sind in ihrer Musik nicht so deutlich wieder zu erkennen. Und ihr Gesamtsound ist wie bereits eingangs gesagt schon moderner, geschult an den Produktionen des Britpop ebenso wie den vielen so genannten The-Bands von The Strokes bis The Libertines. Die Songs der Band überzeugen durch clevere Hooklines und hohen Mitsing- und Ohrwurm Charakter. Dabei bleibt immer Raum für kleine Studio Gimmicks, kleine Widerhaken im Melodiefluss. Und auf abwechslungsreiche Instrumentierung wird ebenso Wert gelegt wie auf schöne Harmonies. Es gibt Bands, die kopieren die Musik der Sixties einfach. Und es gibt Bands, die entwickeln sie weiter, ohne sich von ihr all zu weit zu entfernen. So eine Band sind The Black Hollies, deren Name übrigens nichts mit der britischen Gruppe aus Manchester zu tun hat, sondern auf einen Slangausdruck für Amphetamine zurückgeht. Abwechslungsreich, vielseitig im Rahmen des Genres, mit wunderbaren Melodien spielen sich The Black Hollies an die Spitze sowohl der internationalen Garage wie Power Pop Szene. Und in meiner Jahresliste werden sie wohl auch eine nicht unwichtige Rolle spielen. Ich bin begeistert von diesem gelungenen Album! ****

Album des Monats Oktober 2009

Them Bird Things – Fly, Them Bird Things, Fly (CD, Playground, www.myspace.com/thembirdthings)

Besetzung:

Salla Day  – vocalsThem Bird Things

Stephen Blodgett – guitars, organ, vocals

Timo Vikkula – guitars, bass, organ, vocals 

Esa Jussila – guitars, bass

Ville Särmä – drums, percussion, vocals

Trackliste:

 

23.   Like A Fire

24.   Blood Bank

25.   Hudson Falling

26.   Blue Parakeet

27.   Dreaming The Dream

28.   I Can See Russia From Here

29.   Shame, Shame, Shame, Shame, Shame

30.   Copper Bells

31.   Your Baby’s Not Your Baby Anymore

32.   Black Petals

33.   Pockets Of Rain

34.   Tomorrow

Diese Scheibe ist bereits im Spätsommer in Finnland erschienen, leider nur als CD. Durch meinen Freund Esa wurde ich darauf aufmerksam gemacht. Und nachdem ich die 12 Tracks nun viele Male gehört habe, bleibt mir nicht anderes übrig, als „Fly, Them Bird Things, Fly“ zum Album des Monats zu küren. Die Geschichte dieser Platte beginnt imgrunde bereits Mitte der 50er Jahre in Northfield, Vermont, in den USA. Ein jugendlicher Michael Brassard ist von dem neuen Sound namens Rock’n’Roll dermaßen begeistert, dass er mit seinem Kumpel Stephen Blodgett eine Band gründet. Die Garage Combo Mike & The Ravens hat in den frühen Sixties ein paar lokale Hits, löst sich aber schon bald wieder auf. Blodgett und Brassard schreiben jedoch weiter gemeinsam Songs und nehmen diese auch als Demos auf. Knappe 50 Jahre später lernt die Finnin Salla Day, Organistin der Band Branded Women aus Helsinki, bei einem USA Aufenthalt durch Vermittlung von Monks Intimus und Produzent Will Shade das immer noch produktive Songwriter Duo kennen. Salla ist von den größtenteils unveröffentlichten Songs aus dem Archiv der Beiden so angetan, dass sie kurzerhand beschließt, eine neue eigene Band zu gründen, um diese Songs zu spielen und aufzunehmen. Und so kam es, dass Blodgett und Brassard zusammen mit Will Shade im Winter 2008/9 nach Helsinki flogen, um gemeinsam mit vier jungen finnischen Musikern diese wundervolle zeitlose Pop Rock Platte zu produzieren. Obwohl die Songs zum großen Teil aus den Sixties stammen, klingt diese Musik im Ergebnis überhaupt nicht retro. Aber natürlich atmet die Musik jede Menge Americana. Sallas Stimme hat etwas countryhaftes oder besser noch folkmäßiges. So laid back, so unaufdringlich, und doch so einschmeichelnd und betörend bisweilen. Die Musik ist mal Folkrock, mal Bossanova, mal Garage Pop, mal Acid Rock oder sogar Blues. Eine phantastische und abwechslungsreiche Mischung. „I Can See Russia From Here“ enthält das originellste Gitarren-Nicht-Solo, das ich je gehört habe. „Shame, Shame, Shame“ könnte direkt aus „Grease“ oder einem ähnlichen Tanzfilm sein. „Like A Fire“ klingt als hätten sich Peter Buck und Lloyd Cole zu einem kleinen Jam getroffen. Und „Blue Parakeet“ verbindet Lounge mit Weird Folk. In der zweiten Hälfte des Albums wird es leicht psychedelisch und melancholisch. Trennung, Vergänglichkeit, Trostlosigkeit sind die Themen. Und doch schafft es die Musik, Hoffnung zu wecken und eine gewisse Geborgenheit zu vermitteln. James Lowe, Sänger und Gitarrist der Psych Punk Legende The Electric Prunes, fast es in seinen Liner Notes zum Album unter der Überschrift „Visions in Sound“ sehr schön zusammen. Salla Day hatte diese Vision. Sie ist mit ihrer unvergleichlichen Stimme die Seele dieses Albums, die Seele, die alles zusammenhält und mit dem wundervollen optimistischen „Tomorrow“ den Bogen zu einem fast hymnischen Finale schließt. ****

Album des Monats September 2009

The Bad Dogs – Good Time, Bad Girl (CD, Bad Dogs, www.myspace.com/thebaddogs)

Besetzung:

Mathilda Buzaré  – vocals, bassThe Bad Dogs

Marie Niquet – guitar

Paco Sery – drums 

Adrien Shimizu – bass

plus brass section

Trackliste:

 

35.   Funkier Than A Mosquito’s Tweeter

36.   Je veux etre noir

37.   Carry My Pain

38.   Good Time, Bad Girl

39.   Hold On I’m Coming

40.   I Don’t Need No Western

41.   Power To My Amp

42.   Happy Birthday Mary

43.   Have You Ever Loved A Woman?

44.   I Can’t Explain

45.   Groovin’

46.   Cold Turkey

47.   I Wanna Be A Black Star / Je veux etre noir

So ganz genau weiß ich noch nicht, was ich von dieser Band und dieser Scheibe halten soll. Spontan war ich allerdings ziemlich begeistert, als ich vor drei Wochen einem Link in ihrer unverlangt zugestellten Werbemail folgte und einige Kostproben des nun erschienenen Debütalbums hörte. Und nach mehrmaligem Anhören des kompletten Albums bin ich immer noch ziemlich angetan von der Frische und Unverkrampftheit einerseits, und von der Chuzpe und Unverfrorenheit dieser jungen Leute andererseits. Möglicherweise stecken ja sogar ein paar erfahrene ausgebuffte Musikprofis hinter dem Ganzen. Ich weiß es nicht. Wenn man den Infos im Netz bei MySpace und YouTube traut, dann handelt es sich hier um zwei junge Mädels aus einem Außenbezirk von Paris, Mathilda (Gesang, Bass, 16 Jahre) und Marie (Gitarre, 18 Jahre), sowie ein paar kaum ältere Jungs an Schlagzeug und diversen Blechblasinstrumenten. Zumindest im Studio waren bestimmt auch ein paar Profimusiker dabei. Übrigens auch an einer schönen Schweineorgel, die immer mal wieder auffällt im Gesamtbild. Und auch die bluesigen Gitarrenlicks hier und da hören sich eigentlich nicht nach einer 18-jährigen Oberschülerin an. Ich würde The Bad Dogs zu gerne mal richtig live sehen. Die 13 Tracks auf ihrer Debüt CD klingen jedenfalls sehr schön. Manchmal vielleicht eine Spur zu professionell, wenn ich das mal so sagen darf. Und eigentlich müsste diese Musik ja auf Vinyl veröffentlicht werden. Ach ja, die Musik. Das ist eine Mischung aus Soul, R&B, Funk, Ska und moderner Black Music mit einem Hang zu Rock und Blues. Neben einigen recht gelungen Eigenkompositionen der beiden Mädels gibt es Songs von Porter / Hayes, Bob Marley, John Lennon, Nino Ferrer und noch anderen zu hören. Das klingt manchmal so, als wäre da eine coole mit allen Wassern gewaschene Soul und R&B Combo zugange. „I Wanna Be A Black Star“, singt Mathilda mit kräftiger Stimme, die allerdings bei vielen der Titel wohl gedoppelt wurde. Und die Backgroundstimmen hören sich fast so an, als wären sie ebenfalls von dem kleinen dunkelhäutigen Krauskopf eingesungen. Bei „Carry My Pain“ gniedelt Marie auf der Gitarre rum, als hätte sie seit Jahren nichts anderes gemacht. Das Titelstück „Good Time, Bad Girl“ hört sich im Vergleich zu den meisten anderen Tracks sehr modern an. Fast wie eine aktuelle Nummer der Black Eyed Peas etwa. „Hold On I’m Coming“ wird solide vorgetragen. Originell ist „I Don’t Need No Western“, das mit allerlei technischen Spielereien und einem gepitchten Ska Rhythmus so eine Art Novelty Charakter hat. „Power To My Amp“ ist moderner Garage Pop und mein momentaner Lieblingstrack. Bei „Happy Birthday Mary“ muss ich irgendwie an „Happiness Is A Warm Gun” denken. “Have You Ever Loved A Woman” ist wieder ein Cover. Ich weiß nur nicht, wer das Original spielte. Die Interpretation hier ist sehr traditionell bluesig und nicht uncharmant. Dass hier eine 16-Jährige singt, macht die Sache allerdings irgendwie – unglaubwürdig. „I Can’t Explain“ ist dann wieder sehr gelungen und erinnert mich spontan an Duffy. „Groovin“ zitiert  Bob Marleys „Exodus“, kommt aber eher als Uptempo Dancehall Nummer daher. Die Gitarre bei „Cold Turkey“ klingt exakt wie beim Original. Und auch sonst orientiert sich die Version der Mädels zu sehr an der Plastic Ono Band, ohne je deren Intensität auch nur annährend zu erreichen. Wir wollen doch hoffen, dass Mathilda hier nicht aus eigener Erfahrung singt. Und sie klingt auch nicht so. Zum Schluss gibt es noch mal eine gelungene lange Version von „I Wanna Be A Black Star“, das in jedem Club ein sicherer Floorfiller wäre. ****

Album des Monats August 2009

The XX – s/t (LP, XL Recordings, www.myspace.com/thexx)

Besetzung:

Romy Madley Croft  – vocals, guitarThe XX

Oliver Sim – bass, vocals

Jamie Smith – beats, MPC 

Baria Qureshi – keyboards, guitar

Trackliste:

 

Seite 1

48.   Intro

49.   VCR

50.   Crystalised

51.   Islands

52.   Heart Skipped A Beat

53.   Hot Like Fire

Seite 2

01.   Fantasy

02.   Shelter

03.   Basic Space

04.   Infinity

05.   Night Time

06.   Stars

Die Entscheidung für das Album des Monats ist mir dieses Mal wirklich leicht gefallen. Ein schöneres, spannenderes, packenderes Debüt hab ich seit Jahren nicht gehört. Und wie es scheint, geht es mir da nicht alleine so. Eine Konsensplatte, die vielleicht gar Album des Jahres in vielen Listen sein wird. Ich weiß nicht so recht, warum diese Platte so eine Wirkung auf viele Menschen hat. Massenkompatibel klingt sie doch eigentlich nicht. Andererseits, wenn ich es recht bedenke, bietet sie auch keinen Anlass, sich zu reiben oder Abstand zu halten. Im Gegenteil. Diese leise und doch präsente Musik ist so eigen, so speziell, dass man einfach hinhören muss. Und in ihrer filigranen gleichsam zerbrechlichen Schönheit zwingt sie einen aufmerksam zu sein. Da sind vier Teenager aus dem Süden Londons. Einige von ihnen offenbar mit Migrationshintergrund. Nicht dass das eine Rolle spielte. Diese Band und ihre Musik sind universell. Sie steht quasi über den Stilen, wenn man anerkennt, dass sie in einem modernen popmusikalischen Kontext entstand. Die Vier sind Fans von Aaliyah und Missy Elliott ebenso wie von The Cure oder The Kills. Und übrigens ist das nur auf der Vinylversion des Albums enthaltene „Hot Like Fire“ ein Cover eines Aaliyah Hits aus der Feder von Missy Elliott und Timbaland. Eine ganz großartige Coverversion, die den Song völlig neu und auf eigene Art interpretiert. In den vielen Reviews zu dem Album, die ich gelesen habe, wird immer wieder versucht, die Band in irgendeine Schublade zu stecken, sie in einer Tradition zu hören. Sei es die frühe 80er Gothic Szene oder die so genannten Shoegazer der späten 80er. Sei es The Velvet Underground oder der Triphop aus Bristol in den frühen 90ern. Ich weiß nicht, ob die vier Mädels und Jungs diese vermeintlichen Vorbilder oder Stilbildner überhaupt alle kennen oder je von ihnen gehört haben. Ich glaube es eigentlich eher nicht. Ihre Platte klingt in meinen Ohren eher wie etwas vollkommen Eigenständiges, Einzigartiges. Im ersten Moment kamen mir die Young Marble Giants und ihr genauso einzigartiges Debüt aus dem Jahr 1980 in den Sinn. Aber die vermeintliche Parallele ist letztlich auch nur eine eher äußerliche, oberflächliche. Die Musik hier ist sehr ruhig, atmosphärisch klar, stimmungsvoll, trotzdem rhythmisch und immer auf eine unaufdringliche Weise optimistisch. Es sind die Harmonien, die Tonlagen im Verbund mit den sparsamen doch äußerst effektiven Arrangements, die alle Tracks auf dieser LP so eindringlich und unverwechselbar machen. Man muss gar nicht verstehen, was da gesungen wird. Man wird unwillkürlich gefangen genommen von der positiven Energie, die da aus den Lautsprechern kommt. Und es sind die unterschwelligen Vibrationen, die warmen Basstöne, die einen mitnehmen und einfangen. Erstaunlich, dass diese Wirkung sowohl bei Leuten auftritt, die sonst Musik eher analytisch und intellektuell wahrnehmen, wie auch bei Menschen, deren Rezeption zuerst mit dem Gefühl, dem Herzen stattfindet. Es wird sehr schwer sein für die Band, dieses vollkommen unvorbelastete und makellose Debüt irgendwann zu übertreffen. Und vielleicht wird das auch gar nicht nötig sein. Solche Platten entstehen nur, wenn man jung, unschuldig und voller Träume ist. *****

Album des Monats Juli 2009

Portugal. The Man – The Satanic Satanist (LP/CD, Defiance Records, www.myspace.com/portugaltheman)

Besetzung:

John Gourley  – vocals, guitarThe Satanic Satanist

Zach Carothers – bass, vocals

Jason Sechrist – drums 

Ryan Neighbors – keyboards, vocals, percussion

Trackliste:

 

07.   People Say

08.   Work All Day

09.   Lovers In Love

10.   The Sun

11.   The Home

12.   The Woods

13.   Guns & Dogs

14.   Do You

15.   Everyone Is Golden

16.   Let You Down

17.   Mornings

Bis zur letzten Woche war ich mir überhaupt noch nicht im Klaren darüber, was mein Album des Monats Juli sein könnte. Die LP von The Dead Weather habe ich noch nicht. Aus Finnland habe ich keine wirklich aktuellen LPs mitgebracht. Warum also nicht Alaska? Zumindest der Breitengrad passt schon mal. Portugal. The Man gibt es erst seit fünf Jahren. Eine sehr produktive Band, denn dies ist bereits ihr viertes Album neben fünf Singles/EPs. Ich werde den Bandnamen jetzt nicht erklären. Ihr findet die entsprechenden Webseiten auch selbst. Ich schrieb eben Alaska, aber da wurde die Gruppe lediglich gegründet und von dort bezieht sie nach eigener Aussage ihre ständige Inspiration. Leben und arbeiten tun die vier Jungs in Portland, Oregon, wenn sie nicht – wie jetzt gerade – heftig auf Tournee sind. Ich bin völlig unvorbelastet was die Musik der Band betrifft. Ja, den einen oder anderen Track habe ich bei Radio Eins in den vergangenen zwei Jahren schon mal gehört. Tauchte der Name Portugal. The Man doch immer mal wieder auf der Playliste des Senders auf. Die Musik hinterließ jedoch bei mir offenbar keinen bleibenden Eindruck. Nett aber eher langweilig, hätte ich vor zwei Wochen noch geurteilt. Und nun dies. Eine Sommerplatte schlechthin. Jeder Song ein Ohrwurm. Entspannt und locker, hier und da leicht psychedelisch. Mitunter fast schon Mainstream Pop, oder zumindest so ein intelligenter, abgeklärter Pop, der sich nicht scheut von Steely Dan bis zu aktueller Sample und Hip Hop Kultur alles zu verarbeiten, was als cool gelten darf. Ich bin gespannt, ob sich die Gruppe mit dieser Platte auf breiter Front etabliert. Musikalisch spricht dagegen gar nichts. Aber die entsprechenden Medien sowohl in den USA und hier in Deutschland ignorieren die Platte bzw. bekommen sie gar nicht mit, weil eine gut geölte Major Promotion Maschine fehlt. Ob der Coolness Faktor für den Umweg über angesagte Szene Multiplikatoren ausreicht, wird sich zeigen müssen. Ich glaube, ein Problem der Jungs ist, dass sie ursprünglich als Indie Rock Band mit Prog Ambitionen angetreten sind. Davon ist nichts, aber auch gar nichts mehr übrig. Stattdessen Panorama Pop, Beach Boys Harmonien, hier ein Elektro Piano, dort ein kleines Gitarrensolo, wie es George Harrison Mitte der 60er nicht besser hätte einfallen können. Und über allem der oft falsettartige Gesang, der hin und wieder gar an John Lennon erinnert. Eine ausgesprochen abwechslungsreiche Pop Platte wie aus einem Guss. Dabei mit elf Tracks von durchschnittlich dreieinhalb Minuten Länge angenehm überschaubar. Wenn der letzte Ton der Streicher auf „Mornings“ verklungen ist, dreht man mit Freude die Scheibe wieder um und setzt die Nadel am Anfang von „People Say“ wieder auf, um gleich noch mal das geniale Eingangsriff von Orgel und Gitarre zu vernehmen. Und spätestens beim dritten Mal singt man mit. Übrigens ist auch die Aufmachung des Albums mit einem sehr psychedelischen Cover zum mehrfachen Ausfalten sowie einer limitierten Pressung in violettem Vinyl mit blaurotem Swirl Muster ganz hervorragend. Ob sie mir zum Jahresende hin noch immer so gut gefällt wie jetzt? ****

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