
Die Kurzen (Singles, EP) Longplay (LP, CD) Re-Issues Live Gigs Fanzines Unsigned Talent Album des Monats News Links
Album des Monats
Die Bewertungsskala:
* Materialverschwendung!
- ** muss man nicht kennen - *** sollte
man mal gehört haben - **** Anschaffung sehr zu empfehlen - ***** gehört
in jede Plattensammlung!
Album des Monats Juni 2010
The Jaybirds – Naked As The Jaybirds (LP, Time For Action, www.myspace.com/bjjaybird)
Besetzung:
Bernhard Gold – vocals,
harp
Norb Payr – vocals,
guitar
Patrick Nagl – guitar
Markus Zöchling – vocals, bass
Thomas Schmitzberger – drums
Trackliste:
01. Over Your Shoulder
02. Look Out Baby
03. Take Your Chance
04. Vented Feelings
05. I Try To Find
06. Most Likely You’ll Go Your Way
07. Anything You Do
01. Sixty Minutes (Of Your Love)
02. Femme Fatale
03. Naked As A Jaybird
04. Nancy’s Minuete
05. Mr. Ryan
06. A Big Thing
07. Boy Meets Girl Storyline
The Jaybirds aus Wien gehören zu den beständigsten und
zugleich authentischsten Neo-Sixties bzw. R&B orientierten Mod Bands
Europas. Gegründet 1989 sind sie bis auf einen Gitarristenwechsel 1994 nach wie
vor in derselben Besetzung unterwegs. Und wenn ich sage unterwegs, dann meine
ich das durchaus wörtlich. Die Band unternimmt immer wieder Ausflüge kreuz und quer
durch Europa und spielt auch hier in Berlin mit gewisser Regelmäßigkeit live.
Und dabei machen die Jungs das eigentlich doch mehr oder weniger in ihrer
Freizeit. Leben von der Musik können sie nicht. Dafür ist das Interesse an
diesem Soul, Beat, R&B und Freakbeat orientierten Sound letztlich nicht
groß genug. In den Medien wird so etwas jenseits von speziellen Fanzines oder
Internet Radios nicht wahrgenommen. Andererseits ist solchen Bands wie den
Jaybirds die Aufmerksamkeit ihrer Szene ab-solut sicher. Und so wird auch
dieses neue Album – es ist übrigens erst ihr drittes neben vier EPs und
zwei Singles – zweifellos seine Käufer und begeisterten Hörer finden. Die
Platte wirkt wie ein Artefakt aus den späten Sixties aus dem UK. Musikalisch sowieso
mit diesem an Skip Bifferty, The Sorrows oder The V.I.P.’s erinnernden
Sound, aber auch optisch mit dezenter Op bzw. Pop Art im Stil von Andy Warhol
u.a. Die Songs auf der Platte wurden zum größten Teil von den Bandmitgliedern
geschrieben. Zwei davon kennt man bereits von einer vor rund 18 Monaten
erschienenen 7“ Single. Im Songwriting orientiert sich die Band natürlich
an den Vorbildern. Und hin und wieder meint der geneigte Hörer Versatzstücke
altbekannter Weisen wieder zu erkennen. Das geht allerdings nie soweit, dass
man von Plagiat sprechen könnte. Im Gegenteil, es bereitet Freude, solche
Parallelen zu entdecken. Drei Fremdkompistionen wurden für die Platte
eingespielt. Bob Dylans “Most Likely You’ll Go Your Way” und
die Porter / Hayes Nummer “Sixty Minutes (Of Your Love)“ erfahren
das typische Mod Band Treatment mit Hammond Licks und satten Basslinien. Eine
Überraschung ist die an The Eyes oder The Creation erinnernde Version der eher
unbekannten Everly Brothers Single „Nancy’s Minuet“. Alles in
allem sind das hier 14 Tracks feinsten Mod Sounds, der trotz aller Retro Bezüge
frisch und modern rüberkommt. Die LP kommt in einem geschmackvollen Klappcover.
Ein Poster liegt bei, und die ersten 100 Stück sind in farbigem Vinyl. ****
Album des Monats Mai 2010
Ganglians – Monster Head Room (DoLP/CD, Souterrain Transmissions, www.myspace.com/ganglian)
Besetzung:
Ryan Grubbs – vocals,
guitar, keyboards
Kyle Hoover – vocals,
guitar
Adrian Comenzind –
vocals, bass
Alex Sowles – drums
Daniel Trudou –
sax
Trackliste:
01. Something Should Be Said
02. Voodoo
03. Lost Words
04. Candy Girl
05. Valient Brave
06. The Void
07. To June
08. 100 Years
09. Cryin’ Smoke
10. Modern African Queen
11. Try To Understand
12. Blood On The Sand
13. Make It Up
Da höre ich den a capella Opener dieses Albums und denke,
eine neue Scheibe der Fleet Foxes. Stimmt aber nicht. Das hier ist
versponnener, psychedelischer, unberechenbarer als der harmonische Barock Folk
der Kollegen aus dem nördlichen Nachbarstaat. Ganglians sind vier junge Musiker
aus Sacramento, Kalifornien. Dennoch ist die Musik auch sehr sehr catchy.
Leicht, locker, luftig zumeist. Wie bei „Candy Girl“ etwa, das
sowohl von den Beach Boys als auch von Syd Barrett ein paar Inspirationen
bezieht. Diese Art von modernem Psych Folk und Weird Folk ist ja ziemlich
verbreitet zurzeit. Was mir diese Band und ihre Platte so sympathisch macht,
das ist ihre offensichtliche Bodenständigkeit. Trotz schräger Sounds und
Arrangements wirkt die Musik hier nie so zappelig und fisselig wie bei anderen
verwandten Kapellen, wie bei Grizzly Bear etwa. Und obwohl z.B. „The
Void“ ziemlich abgefahren und verrückt klingt, bleibt es ein
wunder-schöner Song in einem ganz passenden Gewand. Christof Ellinghaus (Boss
von City Slang und diesem Sublabel hier) empfahl mir die Platte mit den Worten
„Electric Prunes trifft Beach Boys in einem Keller in Sacramento in
2010.“ Er muss die späten Electric Prunes meinen. Oder doch nicht?
„100 Years“ könnte tatsächlich ein Enkel von „I Had Too Much
To Dream Last Night“ sein. „Könnte Dir gefallen“, schrieb er
noch. – Stimmt! – Gefällt mir. Gerade weil die Musik eben nicht
genau so klingt wie damals. Und weil sie andererseits nicht versucht, total
modern und futuristisch zu klingen. Keine Ausflüge in Bereiche von Elektro und
Avantgarde. Aber auch kein traditioneller Folk oder Folkrock. So freundlich und
einschmeichelnd einerseits, und doch auch mit Falltüren und Widerhaken
versehen. „Drop the good kid
attitude…“, singen sie in „Try To Understand“, aber
auch: „a thousand frames of mind can’t take you
there…“. Die Doppel-LP ist streng genommen eine Compilation,
die den größten Teil ihres Outputs aus 2009 versammelt. Tracks, die in den USA
auf einem Album, einem Mini-Album und einer Single erschienen. Hier erschien
die Platte am 28. Mai. Die Band ist momentan live in Europa unterwegs. Am 22.
Juni 2010 kann man sie im Bang Bang Club am Hackeschen Markt in Berlin erleben.
Ich werde dort sein. ****
Album des
Monats April 2010
Vermillion
Sands – s/t (LP/CD, Alien Snatch Records, www.myspace.com/thevermillionsands)
Besetzung:
Anna Barattin – vocals, guitar
Caio Miguel –
drums
Krano – guitars
Nene – bass, guitar,
piano, organ
Trackliste:
03. In The Wood
04. Monsoon Blues
03. Wake Me When I Die
04. The Last Day
05. Peter Peter
06. Razors
07. Star Light Star Bright
08. Weary & Weak
09. Warm Up
10. Sew My Heart
11. Ghost Song
Eine schöne Überraschung! Diese Band hatte ich bis vor
kurzer Zeit noch überhaupt nicht auf dem Schirm. Ihre Debüt Single aus dem Jahr
2008 fiel mir vor Monaten zufällig in die Hände. Ich war ganz angetan,
sortierte die 7“ ein und vergaß sie. Nun also die Debüt LP. Der erste
Eindruck: hübsch, schöne Melodien, eine weitere Garage Pop Band mit Sängerin.
Aus Treviso, Norditalien. Ok, in den 1980er Jahren kamen ein paar ganz gute
Neo-Sixties und Neo-Psych Bands aus Italien. Aber seitdem sind über 20 Jahre
vergangen. Und Vermillion Sands sind auch keine Neo-Sixties Band. So etwas gibt
es heute gar nicht mehr. Dazu sind die Einflüsse und stilistischen
Verknüpfungen zu vielfältig. Americana-Folk-Garage-Pop, das Songwriting
manchmal wirklich klassisch Sixties wie bei den Girlgroups aus dem Hause Morton
oder Spector. Die Sounds mitunter wirklich psychedelisch. In erster Linie ist
es aber eine recht straighte Folkrock Platte mit Leadsängerin, eine bluesy
Blondie oder gothic Golightly in einem Vorstadt Gun Club. Die Band, lese ich,
ist im Ausland weit erfolgreicher als zuhause in Italien. In den USA und Kanada
laufen ihre Singles im Radio. Eine Club Tour durchs nördliche Mitteleuropa
wurde gerade erfolgreich absolviert. Wenn sie auf der nächsten Tour hier vorbei
kommen, werde ich da sein. Einstweilen höre ich die LP wieder und wieder. Diese
verzerrten Orgelklänge, twangy Gitarren, diese leichte Schwere verbunden mit
locker galoppierenden Rhythmen, all das klingt so vertraut und neu zugleich.
Jeder Track ist stilistisch ein bisschen anders. Vom klassischen Orgel getrie-benen
Garage Pop des Openers „In The Wood“ über den düsteren
„Monsoon Blues“ und das Jugband artige „Wake Me When I
Die“ bis zur Banjo begleiteten Geschichte des unglücklichen Frauenhelden
„Peter“. Vom flotten „Star Light Star Bright“ über das
mit Slide Guitar veredelte eher nach-denkliche „Weary And Weak“ und
das verträumte „Sew My Heart“ bis hin zum psychedelischen
Schlusstrack „Ghost Song“. Eine wunderbare Platte! Eine sehr
amerikanische Platte. Kein Wunder, dass die College Radios von Austin bis
Toronto darauf anspringen. Die Erstauflage der LP kommt in einem extra
gefertigten Siebdruck Cover. ****
Album des Monats März 2010
The Courteeners – Falcon (LP/CD, A&M Records/Universal, www.myspace.com/thecourteeners)
Besetzung:
Liam Fray – vocals, guitars
Daniel Moores –
guitars
Mark Cupello – bass
guitars
Michael Campbell –
drums
Trackliste:
05. The Opener
06. Take Over The World
03. Cross My Heart & Hope To Fly
04. You Overdid It Doll
05. Lullaby
06. Good Times Are Calling
07. The Rest Of The World Has Gone Home
08. Sycophant
09. Cameo Brooch
10. Scratch Your Name Upon My Lips
11. Last Of The Ladies
12. Will It Be This Way Forever?
Ich bin selbst ein wenig überrascht, dass diese
Album des
Monats Februar 2010
Besetzung:
Marina Diamandis – vocals, keyboards
Most tracks arranged and
produced by Liam Howe
Diverse Gast- und Studiomusiker/innen
Trackliste:
07. Are You Satisfied?
08. Shampain
03. I Am Not A Robot
04. Girls
05. Mowgli’s Road
06. Obsessions
07. Hollywood
08. The Outsider
09. Hermit The Frog
10. Oh No!
11. Rootless
12. Numb
13. Guilty
Marina Diamandis ist eine 24-jährige Sängerin, geboren und
aufgewachsen in Wales mit walisischer Mutter und griechischem Vater. Seit 2005
lebt sie in London und versucht dort, mit Musik erfolgreich zu sein. Im letzten
Jahr hatte sie so etwas wie ihren Durchbruch mit zwei Singles, deren
Vinylversionen auf 300 bzw. 500 Stück begrenzt waren und bereits für rund 50
Pfund den Besitzer wechseln. Inzwischen ist sie bei Warner Music unter Vertrag,
und ihr Debütalbum ist im UK gerade erschienen, bisher leider nur als CD. In
Deutschland ist der offizielle VÖ im Mai. 13 Tracks sind auf der Platte zu
hören. Mit dabei auch einige bereits auf Singles oder EPs erschienene Songs, allerdings
in Neuaufnahmen. Marinas Stimme ist äußerst wandlungsfähig. Zumeist überzeugt
sie jedoch mit einer kraftvollen Altstimme, deren dunkles Timbre mitunter an
Alexandra (Mein Freund der Baum) erinnert. Oft jedoch pflegt die auch äußerlich
höchst wandlungsfähige (die Videos sind allesamt sehenswert) Sängerin einen
manirierten, ja sogar exaltierten Stil, bei dem ihre Stimme gluckst, vibriert
und sich fast überschlägt. Auch wechselt sie immer wieder kurz zu einer hohen
Kopfstimme, was ihrem Gesang eine zusätzliche Komponente von Entrücktheit
verleiht. Sie schreibt alle ihre Songs selbst und beweist dabei ein wirklich
erstaunliches Talent für eingängige Melodien, die dennoch unerwartete Haken und
Wendungen aufweisen. Wer für die Arrangements verantwortlich ist, weiß ich
nicht. Jedenfalls wird da viel mit synthetischen Klängen und Instrumenten
gespielt. Meist in durchaus positivem Sinn, möchte ich hinzufügen. Es kommen
aber auch so archaische Instrumente wie Piano, Cello, Bass, Schlagzeug und
Mellotron zum Einsatz. Gitarren allerdings nur ausnahmsweise. Musikalisch
erinnert das Ganze einerseits an die 1970er Jahre und Acts wie Sparks,
andererseits an New Wave der frühen 80er, ohne deren Kühle und Distanz. Disco,
New Romantic, aber trotz aller Mainstream Tauglichkeit nie fad oder platt.
Neben den bereits durch die Singles bekannt gewordenen Songs „I Am Not A
Robot“, „Mowgli’s Road“, „Obsessions“ und
„Hollywood“, die allesamt großartig sind, überzeugen auch die
meisten anderen Tracks des Albums durch Originalität und hohen
Wiedererkennungswert. Auf den ersten Blick könnte man meinen, Marina ist nur
noch eine weitere Hupfdohle wie Kate Perry, Lady Gaga, Kate Nash, Lily Allen
und wie die alle heißen. Bei genauerem Hinsehen und vor allem Hinhören stellt
man fest, dass sie einfach mehr Substanz mitbringt. Wenn Joanna Newsom die
Zukunft des Pop ist, dann ist Marina Diamandis seine Gegenwart. Eine höchst
angenehme Gegenwart übrigens, die ruhig noch einige Zeit dauern darf. ****
Album Tipp des Monats Januar 2010
Motorpsycho – Heavy Metal Fruit (2LP, Stickman Records, www.myspace.com/motorpsychopage)
Besetzung:
Bent Saether – vocals, bass
Hans Magnus Ryan – vocals, guitar
Kenneth Kapstad – drums
Trackliste:
09. Starhammer
10. X-3 (Knuckleheads In Space) / The Getaway Special
03. The Bomb-Proof Roll and Beyond
04. Close Your Eyes
05. W.B.A.T.
06. Gullible’s Travails (Pt L-LV)
Es war für mich gar nicht so leicht, unter den aktuellen Neuerscheinungen
eine passende zu finden. Seit über 20 Jahren machen die drei Musiker aus
Trondheim gemeinsam Musik. Wobei der Drummer immer mal wieder ausgetauscht
wurde und lange Zeit auch wechselnde Keyboarder mit von der Partie waren. Die
aktuelle Besetzung mit Bent Saether (voc, bass), Hans Magnus Ryan (voc, git)
und Kenneth Kapstad (drums) scheint mir die kompakteste zu sein. Der Sound der
Band ist nun bereinigt von allen Spielereien und allem unnötigen Beiwerk. Nicht
dass ich die eher poppigen und verspielteren Platten der Jungs, „Let Them
Eat Cake“ und die beiden folgenden, nicht mochte. Im Gegenteil, durch sie
wurde ich erst so richtig aufmerksam auf die Band. Aber Motorpsycho sind so
viel mehr als eine Neo Psychedelic Westcoast Band. Norwegische Westcoast
natürlich. Ihren eigenen Weg sind sie sowieso immer gegangen. Am Anfang eher
vom Metal beeinflusst als von Grunge oder so genanntem Alternative Rock
spielten sie ihre Version von wüstem Hardrock mit Kiffer Komponente. Mit der
Zeit wurde das dann ausgefeilter, filigraner und manchmal auch leiser bis hin
zu folkigen Passagen. Dann wie gesagt der Ausflug zu Psychedelia und Pop. Und
nun schließt sich der Kreis. Sie sind im Grunde wieder am Anfang angekommen.
Allerdings wirkt das nun bei allem Ungestüm, aller Kraft und Härte, die ihre
Musik widerspiegelt, so viel durchdachter und durchkomponierter. „Heavy
Metal Fruit“ heißt diese LP denn auch. Es ist die Frucht einer langen
Reife. Nahezu perfekt und doch so wild und brachial in Teilen. In den ruhigen
Momenten aber auch von einer tiefen Schönheit und Ausgeglichenheit. Das
erinnert mitunter sogar an frühe King Crimson Platten, meist aber eher an
Hawkwind, obwohl Motorpsycho nie so ausufern und sich verlieren, wie es der
Band um Dave Brock nur zu oft passierte. Nur sechs Tracks finden sich auf den
drei LP Seiten. Seite 1 ziert eine passende spacige Gravur. Bis auf die kurze
Akustik Vignette „Close Your Eyes“ alles längere Tracks. Und das
Zentrum, der Kulminationspunkt ist das über 20-minütige „Gullible’s
Travails“ auf der letzten LP Seite. Ich habe erst kürzlich wieder die
zweite und dritte LP von Tangerine Dream gehört („Alpha Centauri“
und „Zeit“), und ich vermute sehr, dass die Norweger diese Platten
auch kennen. Manche Soundideen und Strukturen scheinen direkt von dort
übernommen. Möglicherweise kommt man auch zwangsläufig auf ähnliche Ideen, wenn
man in ähnlichen Sphären unterwegs ist. Neben den klassischen Instrumenten der
Rock Trio Besetzung kommen hier natürlich auch Keyboards und sogar eine
Trompete zum Einsatz. Und Hanne Hukkelberg ist als Background Sängerin dabei.
Dennoch ist es erstaunlich, dass alle Klänge, seien sie auch noch so spacig und
abgefahren, im Wesentlichen von den drei Musikern der Stammbesetzung mit ihren
Stamminstrumenten erzeugt werden. Ich bin schon sehr gespannt darauf, wie das
auf der Bühne klingen wird. Bis jetzt waren Motorpsycho live noch nie eine
Enttäuschung. Wenn das moderner Prog ist, dann bitte mehr davon! ****
Album des Monats Dezember 2009
Bob Dylan – Christmas In The Heart (LP/CD,
Besetzung:
Bob Dylan – vocals, guitar, electric piano,
harmonica
Tony Garnier – bass
George Receli – drums,
percussion
Donnie Herron – steel
guitar, mandolin, violin, trumpet
David Hidalgo – guitar,
accordion, mandolin, violin
Phil Upchurch – guitar
Patrick Warren – piano,
organ, celeste
Trackliste:
11. Here Comes Santa Claus
12. Do You Hear What I Hear?
03. Winter Wonderland
04. Hark The Herald Angels Sing
05. I’ll Be Home For Christmas
06. Little Drummer Boy
07. The Christmas Blues
08. O’ Come All Ye Faithful (Adeste Fideles)
09. Have Yourself A Merry Little Christmas
10. Must Be Santa
11. Silver Bells
12. The First Noel
13.
14. The Christmas Song
15. O’ Little Town Of
Ja, ich weiß, Weihnachten ist vorbei. Aber nach Weihnachten
ist vor Weihnachten, also bitte! Diese LP vom alten Grantler Bob ist mir in den
letzten Tagen und Wochen richtig ans Herz gewachsen. Man merkt einfach, dass es
ihm eine fast kindliche Freude bereitet hat, diese Standards und Klassiker zu
spielen und zu singen. Und man muss nicht mal unbedingt ein Bob-Cat ein, um
beim Zuhören daran Spaß zu haben. Was Mister Zimmerman hier als Jack Frost
zusammen gemixt hat kann man in feierlicher Stimmung am Heiligen Abend ebenso
genießen wie am folgenden Morgen mit einem Augenzwinkern und einem Lächeln auf
den Lippen. Er singt sogar eine Strophe auf Lateinisch. Trotz Glöckchen und
Engelschören wird es nie kitschig. Da sei Bobs Raspelorgan vor. Fast etwas
bizarr gerät die Stimmung bei der großartigen Polka „Must Be Santa“
und etwas später bei „Christmas Island“, nur echt mit Hawaii
Gitarren. Eingespielt wurde die Platte im Wesentlichen von Bobs aktueller
Tourband bzw. von den gleichen Musikern, die auch schon auf „Together
Through Life“ zu hören sind. Dazu kommen dann eben noch ein paar
zusätzliche Stimmen wegen der weihnachtlichen Stimmung. Kein einziger der Songs
stammt von Bob selbst. Alles mehr oder weniger Klassiker wie gesagt. Ok, wer
eine Weihnachtsphobie hat oder allergisch auf gewisse Stimmungen reagiert, der
wird mit dieser Platte nichts anfangen können. Andererseits werden wohl Leute,
die es so richtig feierlich und besinnlich mögen, auch etwas verstört reagieren
auf den einen oder anderen Track hier. Für mich ist das genau die richtige
Mischung aus Besinnlichkeit und ganz leicht verrückter Ausgelassenheit. Diese
Platte wird in Zukunft bei mir zuhause jedes Jahr an Weihnachten gehört. Die
Verkaufserlöse von „Christmas In The Heart“ gehen übrigens komplett
an die Hilfsorganisation Feeding
America. ****
Album des Monats November 2009
The Black Hollies – Softly Towards The Light (LP/CD, Ernest Jenning Record Co., www.myspace.com/theblackhollies)
Besetzung:
Justin Angelo Morey – lead vocals, bass, vibraphone,
mellotron
Jon Gonnelli – organ,
piano, mellotron, guitar
Herbert Joseph Wiley V
– guitars, mandolin, piano, vocals
Nicholas Ferrante –
drums
Trackliste:
13. Run With Me Run
14. Gloomy Monday Morning
15. When You’re Not There
16. Everything’s Fine
17. Number Ten Girl
18. Lead Me To our Fire
19. Look What You’ve Done
20. Can’t Stop These Tears
21. How Did We Get Here
22. Don’t Be Afraid To Ask
Aus Jersey City kommt dieses Quartett von Sixties
Connaisseuren, deren eigene Musik gleichwohl so modern und frisch klingt, wie
die ihrer Vorbilder aus Motown und Northern Soul sowie Artpop und Popsike
britischer Prägung damals. Die Band gibt es vielleicht drei oder vier Jahre.
Deutlich ist die Begeisterung der vier Jungs, von denen keiner älter als 25 sein
dürfte, für originale 7“45s aus den Sixties, für Bands wie The Small
Faces, The Creation aber auch The Flirtations, The Supremes. Sie selbst nennen
auch spätere UK Bands wie The Charlatans als Einfluss oder die Lektüre der
Bücher von Richard Brautigan. Beste Referenzen also. „Softly Towards The
Light“ ist die dritte LP der Band, die übrigens auch regelmäßig
7“45s mit non-Album Tracks veröffentlicht. Wie es sich gehört. Und die
Band nimmt ihre Musik analog auf, weil sie es so will und den warmen Sound klassischer
2-Zoll Bandmaschinen liebt. Aber widmen wir uns dem vorliegenden Album. Wie
gesagt, das klingt alles sehr nach den besten Momenten der späten Sixties. Die
englischen Hollies und ihr Album „Butterfly“ kommen mir in den
Sinn. Oder Simon Dupree & The Big Sound, The Marmalade, The Flying Machine,
The Herd, all diese an Beat und R&B geschulten Pop Bands der späten 60er in
England. Aber auch ihre US amerikanischen Äquivalente wie The Strawberry Alarm
Clock oder The Blues Magoos. Die von den Musikern selbst ge-nannten Northern
Soul Favoriten sind in ihrer Musik nicht so deutlich wieder zu erkennen. Und
ihr Gesamtsound ist wie bereits eingangs gesagt schon moderner, geschult an den
Produktionen des Britpop ebenso wie den vielen so genannten The-Bands von The
Strokes bis The Libertines. Die Songs der Band überzeugen durch clevere
Hooklines und hohen Mitsing- und Ohrwurm Charakter. Dabei bleibt immer Raum für
kleine Studio Gimmicks, kleine Widerhaken im Melodiefluss. Und auf
abwechslungsreiche Instrumentierung wird ebenso Wert gelegt wie auf schöne
Harmonies. Es gibt Bands, die kopieren die Musik der Sixties einfach. Und es
gibt Bands, die entwickeln sie weiter, ohne sich von ihr all zu weit zu
entfernen. So eine Band sind The Black Hollies, deren Name übrigens nichts mit
der britischen Gruppe aus Manchester zu tun hat, sondern auf einen
Slangausdruck für Amphetamine zurückgeht. Abwechslungsreich, vielseitig im
Rahmen des Genres, mit wunderbaren Melodien spielen sich The Black Hollies an
die Spitze sowohl der internationalen Garage wie Power Pop Szene. Und in meiner
Jahresliste werden sie wohl auch eine nicht unwichtige Rolle spielen. Ich bin
begeistert von diesem gelungenen Album! ****
Album des
Monats Oktober 2009
Them Bird Things – Fly, Them Bird Things, Fly (CD, Playground, www.myspace.com/thembirdthings)
Besetzung:
Salla Day – vocals
Stephen Blodgett –
guitars, organ, vocals
Timo Vikkula – guitars,
bass, organ, vocals
Esa Jussila – guitars,
bass
Ville Särmä – drums,
percussion, vocals
Trackliste:
23. Like A Fire
24. Blood Bank
25.
26. Blue Parakeet
27. Dreaming The Dream
28. I Can See
29. Shame, Shame, Shame, Shame, Shame
30. Copper Bells
31. Your Baby’s Not Your Baby Anymore
32. Black Petals
33. Pockets Of Rain
34. Tomorrow
Diese Scheibe ist bereits im Spätsommer in Finnland
erschienen, leider nur als CD. Durch meinen Freund Esa wurde ich darauf
aufmerksam gemacht. Und nachdem ich die 12 Tracks nun viele Male gehört habe,
bleibt mir nicht anderes übrig, als „Fly, Them Bird Things, Fly“
zum Album des Monats zu küren. Die Geschichte dieser Platte beginnt imgrunde
bereits Mitte der 50er Jahre in Northfield, Vermont, in den USA. Ein
jugendlicher Michael Brassard ist von dem neuen Sound namens
Rock’n’Roll dermaßen begeistert, dass er mit seinem Kumpel Stephen
Blodgett eine Band gründet. Die Garage Combo Mike & The Ravens hat in den
frühen Sixties ein paar lokale Hits, löst sich aber schon bald wieder auf.
Blodgett und Brassard schreiben jedoch weiter gemeinsam Songs und nehmen diese
auch als Demos auf. Knappe 50 Jahre später lernt die Finnin Salla Day,
Organistin der Band Branded Women aus Helsinki, bei einem USA Aufenthalt durch
Vermittlung von Monks Intimus und Produzent Will Shade das immer noch
produktive Songwriter Duo kennen. Salla ist von den größtenteils
unveröffentlichten Songs aus dem Archiv der Beiden so angetan, dass sie
kurzerhand beschließt, eine neue eigene Band zu gründen, um diese Songs zu
spielen und aufzunehmen. Und so kam es, dass Blodgett und Brassard zusammen mit
Will Shade im Winter 2008/9 nach Helsinki flogen, um gemeinsam mit vier jungen
finnischen Musikern diese wundervolle zeitlose Pop Rock Platte zu produzieren.
Obwohl die Songs zum großen Teil aus den Sixties stammen, klingt diese Musik im
Ergebnis überhaupt nicht retro. Aber natürlich atmet die Musik jede Menge
Americana. Sallas Stimme hat etwas countryhaftes oder besser noch folkmäßiges.
So laid back, so unaufdringlich, und doch so einschmeichelnd und betörend
bisweilen. Die Musik ist mal Folkrock, mal Bossanova, mal Garage Pop, mal Acid
Rock oder sogar Blues. Eine phantastische und abwechslungsreiche Mischung.
„I Can See Russia From Here“ enthält das originellste
Gitarren-Nicht-Solo, das ich je gehört habe. „Shame, Shame, Shame“
könnte direkt aus „Grease“ oder einem ähnlichen Tanzfilm sein.
„Like A Fire“ klingt als hätten sich Peter Buck und Lloyd Cole zu
einem kleinen Jam getroffen. Und „Blue Parakeet“ verbindet Lounge
mit Weird Folk. In der zweiten Hälfte des Albums wird es leicht psychedelisch und
melancholisch. Trennung, Vergänglichkeit, Trostlosigkeit sind die Themen. Und
doch schafft es die Musik, Hoffnung zu wecken und eine gewisse Geborgenheit zu
vermitteln. James Lowe, Sänger und Gitarrist der Psych Punk Legende The
Electric Prunes, fast es in seinen Liner Notes zum Album unter der Überschrift
„Visions in Sound“ sehr schön zusammen. Salla Day hatte diese
Vision. Sie ist mit ihrer unvergleichlichen Stimme die Seele dieses Albums, die
Seele, die alles zusammenhält und mit dem wundervollen optimistischen
„Tomorrow“ den Bogen zu einem fast hymnischen Finale schließt. ****
Album des Monats September 2009
The Bad Dogs
– Good Time, Bad Girl (CD, Bad Dogs, www.myspace.com/thebaddogs)
Besetzung:
Mathilda Buzaré
– vocals, bass
Marie Niquet – guitar
Paco Sery – drums
Adrien Shimizu – bass
plus brass section
Trackliste:
35. Funkier Than A Mosquito’s Tweeter
36. Je veux etre noir
37. Carry My Pain
38. Good Time, Bad Girl
39. Hold On I’m Coming
40. I Don’t Need No Western
41. Power To My Amp
42. Happy Birthday Mary
43. Have You Ever Loved A Woman?
44. I Can’t Explain
45. Groovin’
46. Cold Turkey
47. I Wanna Be A Black Star / Je veux etre noir
So ganz
genau weiß ich noch nicht, was ich von dieser Band und dieser Scheibe halten
soll. Spontan war ich allerdings ziemlich begeistert, als ich vor drei Wochen
einem Link in ihrer unverlangt zugestellten Werbemail folgte und einige
Kostproben des nun erschienenen Debütalbums hörte. Und nach mehrmaligem Anhören
des kompletten Albums bin ich immer noch ziemlich angetan von der Frische und
Unverkrampftheit einerseits, und von der Chuzpe und Unverfrorenheit dieser
jungen Leute andererseits. Möglicherweise stecken ja sogar ein paar erfahrene
ausgebuffte Musikprofis hinter dem Ganzen. Ich weiß es nicht. Wenn man den
Infos im Netz bei MySpace und YouTube traut, dann handelt es sich hier um zwei
junge Mädels aus einem Außenbezirk von Paris, Mathilda (Gesang, Bass, 16 Jahre)
und Marie (Gitarre, 18 Jahre), sowie ein paar kaum ältere Jungs an Schlagzeug und
diversen Blechblasinstrumenten. Zumindest im Studio waren bestimmt auch ein
paar Profimusiker dabei. Übrigens auch an einer schönen Schweineorgel, die
immer mal wieder auffällt im Gesamtbild. Und auch die bluesigen Gitarrenlicks
hier und da hören sich eigentlich nicht nach einer 18-jährigen Oberschülerin
an. Ich würde The Bad Dogs zu gerne mal richtig live sehen. Die 13 Tracks auf
ihrer Debüt CD klingen jedenfalls sehr schön. Manchmal vielleicht eine Spur zu
professionell, wenn ich das mal so sagen darf. Und eigentlich müsste diese
Musik ja auf Vinyl veröffentlicht werden. Ach ja, die Musik. Das ist eine
Mischung aus Soul, R&B, Funk, Ska und moderner Black Music mit einem Hang
zu Rock und Blues. Neben einigen recht gelungen Eigenkompositionen der beiden
Mädels gibt es Songs von Porter / Hayes, Bob Marley, John Lennon, Nino Ferrer
und noch anderen zu hören. Das klingt manchmal so, als wäre da eine coole mit
allen Wassern gewaschene Soul und R&B Combo zugange. „I Wanna Be A
Black Star“, singt Mathilda mit kräftiger Stimme, die allerdings bei
vielen der Titel wohl gedoppelt wurde. Und die Backgroundstimmen hören sich
fast so an, als wären sie ebenfalls von dem kleinen dunkelhäutigen Krauskopf
eingesungen. Bei „Carry My Pain“ gniedelt Marie auf der Gitarre
rum, als hätte sie seit Jahren nichts anderes gemacht. Das Titelstück
„Good Time, Bad Girl“ hört sich im Vergleich zu den meisten anderen
Tracks sehr modern an. Fast wie eine aktuelle Nummer der Black Eyed Peas etwa.
„Hold On I’m Coming“ wird solide vorgetragen. Originell ist
„I Don’t Need No Western“, das mit allerlei technischen
Spielereien und einem gepitchten Ska Rhythmus so eine Art Novelty Charakter
hat. „Power To My Amp“ ist moderner Garage Pop
und mein momentaner Lieblingstrack. Bei „Happy Birthday Mary“ muss
ich irgendwie an „Happiness Is A Warm Gun” denken. “Have You
Ever Loved A Woman” ist wieder ein Cover. Ich weiß nur nicht, wer das Original spielte. Die
Interpretation hier ist sehr traditionell bluesig und nicht uncharmant. Dass
hier eine 16-Jährige singt, macht die Sache allerdings irgendwie –
unglaubwürdig. „I Can’t Explain“ ist dann wieder sehr
gelungen und erinnert mich spontan an Duffy. „Groovin“ zitiert Bob Marleys „Exodus“, kommt aber
eher als Uptempo Dancehall Nummer daher. Die Gitarre bei „Cold
Turkey“ klingt exakt wie beim Original. Und auch sonst orientiert sich
die Version der Mädels zu sehr an der Plastic Ono Band, ohne je deren
Intensität auch nur annährend zu erreichen. Wir wollen doch hoffen, dass
Mathilda hier nicht aus eigener Erfahrung singt. Und sie klingt auch nicht so.
Zum Schluss gibt es noch mal eine gelungene lange Version von „I Wanna Be
A Black Star“, das in jedem Club ein sicherer Floorfiller wäre. ****
Album des Monats August 2009
The XX – s/t (LP, XL Recordings, www.myspace.com/thexx)
Besetzung:
Romy Madley Croft – vocals, guitar
Oliver Sim – bass,
vocals
Jamie Smith – beats,
MPC
Baria Qureshi –
keyboards, guitar
Trackliste:
Seite 1
48. Intro
49. VCR
50. Crystalised
51. Islands
52. Heart Skipped A Beat
53. Hot Like Fire
Seite 2
01. Fantasy
02. Shelter
03. Basic Space
04. Infinity
05. Night Time
06. Stars
Die Entscheidung für das Album des Monats ist mir dieses Mal
wirklich leicht gefallen. Ein schöneres, spannenderes, packenderes Debüt hab
ich seit Jahren nicht gehört. Und wie es scheint, geht es mir da nicht alleine
so. Eine Konsensplatte, die vielleicht gar Album des Jahres in vielen Listen
sein wird. Ich weiß nicht so recht, warum diese Platte so eine Wirkung auf
viele Menschen hat. Massenkompatibel klingt sie doch eigentlich nicht.
Andererseits, wenn ich es recht bedenke, bietet sie auch keinen Anlass, sich zu
reiben oder Abstand zu halten. Im Gegenteil. Diese leise und doch präsente
Musik ist so eigen, so speziell, dass man einfach hinhören muss. Und in ihrer
filigranen gleichsam zerbrechlichen Schönheit zwingt sie einen aufmerksam zu
sein. Da sind vier Teenager aus dem Süden Londons. Einige von ihnen offenbar
mit Migrationshintergrund. Nicht dass das eine Rolle spielte. Diese Band und
ihre Musik sind universell. Sie steht quasi über den Stilen, wenn man
anerkennt, dass sie in einem modernen popmusikalischen Kontext entstand. Die
Vier sind Fans von Aaliyah und Missy Elliott ebenso wie von The Cure oder The
Kills. Und übrigens ist das nur auf der Vinylversion des Albums enthaltene
„Hot Like Fire“ ein Cover eines Aaliyah Hits aus der Feder von
Missy Elliott und Timbaland. Eine ganz großartige Coverversion, die den Song
völlig neu und auf eigene Art interpretiert. In den vielen Reviews zu dem
Album, die ich gelesen habe, wird immer wieder versucht, die Band in irgendeine
Schublade zu stecken, sie in einer Tradition zu hören. Sei es die frühe 80er
Gothic Szene oder die so genannten Shoegazer der späten 80er. Sei es The Velvet
Underground oder der Triphop aus Bristol in den frühen 90ern. Ich weiß nicht,
ob die vier Mädels und Jungs diese vermeintlichen Vorbilder oder Stilbildner
überhaupt alle kennen oder je von ihnen gehört haben. Ich glaube es eigentlich
eher nicht. Ihre Platte klingt in meinen Ohren eher wie etwas vollkommen
Eigenständiges, Einzigartiges. Im ersten Moment kamen mir die Young Marble
Giants und ihr genauso einzigartiges Debüt aus dem Jahr 1980 in den Sinn. Aber
die vermeintliche Parallele ist letztlich auch nur eine eher äußerliche,
oberflächliche. Die Musik hier ist sehr ruhig, atmosphärisch klar,
stimmungsvoll, trotzdem rhythmisch und immer auf eine unaufdringliche Weise
optimistisch. Es sind die Harmonien, die Tonlagen im Verbund mit den sparsamen
doch äußerst effektiven Arrangements, die alle Tracks auf dieser LP so
eindringlich und unverwechselbar machen. Man muss gar nicht verstehen, was da
gesungen wird. Man wird unwillkürlich gefangen genommen von der positiven
Energie, die da aus den Lautsprechern kommt. Und es sind die unterschwelligen
Vibrationen, die warmen Basstöne, die einen mitnehmen und einfangen.
Erstaunlich, dass diese Wirkung sowohl bei Leuten auftritt, die sonst Musik
eher analytisch und intellektuell wahrnehmen, wie auch bei Menschen, deren
Rezeption zuerst mit dem Gefühl, dem Herzen stattfindet. Es wird sehr schwer
sein für die Band, dieses vollkommen unvorbelastete und makellose Debüt
irgendwann zu übertreffen. Und vielleicht wird das auch gar nicht nötig sein.
Solche Platten entstehen nur, wenn man jung, unschuldig und voller Träume ist. *****
Album des Monats Juli 2009
Besetzung:
John Gourley – vocals, guitar
Zach Carothers – bass,
vocals
Jason Sechrist –
drums
Ryan Neighbors –
keyboards, vocals, percussion
Trackliste:
07. People Say
08. Work All Day
09. Lovers In Love
10. The Sun
11. The Home
12. The Woods
13. Guns & Dogs
14. Do You
15. Everyone Is Golden
16. Let You Down
17. Mornings
Bis zur letzten Woche war ich mir überhaupt noch nicht im
Klaren darüber, was mein Album des Monats Juli sein könnte. Die LP von The Dead
Weather habe ich noch nicht. Aus Finnland habe ich keine wirklich aktuellen LPs
mitgebracht. Warum also nicht Alaska? Zumindest der Breitengrad passt schon
mal. Portugal. The Man gibt es erst seit fünf Jahren. Eine sehr produktive
Band, denn dies ist bereits ihr viertes Album neben fünf Singles/EPs. Ich werde
den Bandnamen jetzt nicht erklären. Ihr findet die entsprechenden Webseiten
auch selbst. Ich schrieb eben Alaska, aber da wurde die Gruppe lediglich
gegründet und von dort bezieht sie nach eigener Aussage ihre ständige
Inspiration. Leben und arbeiten tun die vier Jungs in Portland, Oregon, wenn
sie nicht – wie jetzt gerade – heftig auf Tournee sind. Ich bin
völlig unvorbelastet was die Musik der Band betrifft. Ja, den einen oder
anderen Track habe ich bei Radio Eins in den vergangenen zwei Jahren schon mal
gehört. Tauchte der Name Portugal. The Man doch immer mal wieder auf der
Playliste des Senders auf. Die Musik hinterließ jedoch bei mir offenbar keinen
bleibenden Eindruck. Nett aber eher langweilig, hätte ich vor zwei Wochen noch
geurteilt. Und nun dies. Eine Sommerplatte schlechthin. Jeder Song ein Ohrwurm.
Entspannt und locker, hier und da leicht psychedelisch. Mitunter fast schon
Mainstream Pop, oder zumindest so ein intelligenter, abgeklärter Pop, der sich
nicht scheut von Steely Dan bis zu aktueller Sample und Hip Hop Kultur alles zu
verarbeiten, was als cool gelten darf. Ich bin gespannt, ob sich die Gruppe mit
dieser Platte auf breiter Front etabliert. Musikalisch spricht dagegen gar
nichts. Aber die entsprechenden Medien sowohl in den USA und hier in
Deutschland ignorieren die Platte bzw. bekommen sie gar nicht mit, weil eine
gut geölte Major Promotion Maschine fehlt. Ob der Coolness Faktor für den Umweg
über angesagte Szene Multiplikatoren ausreicht, wird sich zeigen müssen. Ich
glaube, ein Problem der Jungs ist, dass sie ursprünglich als Indie Rock Band
mit Prog Ambitionen angetreten sind. Davon ist nichts, aber auch gar nichts
mehr übrig. Stattdessen Panorama Pop, Beach Boys Harmonien, hier ein Elektro
Piano, dort ein kleines Gitarrensolo, wie es George Harrison Mitte der 60er
nicht besser hätte einfallen können. Und über allem der oft falsettartige
Gesang, der hin und wieder gar an John Lennon erinnert. Eine ausgesprochen
abwechslungsreiche Pop Platte wie aus einem Guss. Dabei mit elf Tracks von
durchschnittlich dreieinhalb Minuten Länge angenehm überschaubar. Wenn der
letzte Ton der Streicher auf „Mornings“ verklungen ist, dreht man
mit Freude die Scheibe wieder um und setzt die Nadel am Anfang von
„People Say“ wieder auf, um gleich noch mal das geniale
Eingangsriff von Orgel und Gitarre zu vernehmen. Und spätestens beim dritten
Mal singt man mit. Übrigens ist auch die Aufmachung des Albums mit einem sehr
psychedelischen Cover zum mehrfachen Ausfalten sowie einer limitierten Pressung
in violettem Vinyl mit blaurotem Swirl Muster ganz hervorragend. Ob sie mir zum
Jahresende hin noch immer so gut gefällt wie jetzt? ****
Zurück zu
Twang! News Singles Longplayer Re-Issues Konzertrückschau Fanzine Reviews Unsigned Talent Links