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Album des Monats

Die Bewertungsskala:

* Materialverschwendung! -   ** muss man nicht kennen -   *** sollte man mal gehört haben -   **** Anschaffung sehr zu empfehlen -   ***** gehört in jede Plattensammlung!

Album des Monats Dezember 2009

Bob Dylan – Christmas In The Heart (LP/CD, Columbia)

Besetzung:

Bob Dylan  – vocals, guitar, electric piano, harmonicaChristmas In The Heart

Tony Garnier – bass

George Receli – drums, percussion 

Donnie Herron – steel guitar, mandolin, violin, trumpet

David Hidalgo – guitar, accordion, mandolin, violin

Phil Upchurch – guitar

Patrick Warren – piano, organ, celeste

Trackliste:

 

01.   Here Comes Santa Claus

02.   Do You Hear What I Hear?

03. Winter Wonderland

04. Hark The Herald Angels Sing

05. I’ll Be Home For Christmas

06. Little Drummer Boy

07. The Christmas Blues

08. O’ Come All Ye Faithful (Adeste Fideles)

09. Have Yourself A Merry Little Christmas

10. Must Be Santa

11. Silver Bells

12. The First Noel

13. Christmas Island

14. The Christmas Song

15. O’ Little Town Of Bethlehem

Ja, ich weiß, Weihnachten ist vorbei. Aber nach Weihnachten ist vor Weihnachten, also bitte! Diese LP vom alten Grantler Bob ist mir in den letzten Tagen und Wochen richtig ans Herz gewachsen. Man merkt einfach, dass es ihm eine fast kindliche Freude bereitet hat, diese Standards und Klassiker zu spielen und zu singen. Und man muss nicht mal unbedingt ein Bob-Cat ein, um beim Zuhören daran Spaß zu haben. Was Mister Zimmerman hier als Jack Frost zusammen gemixt hat kann man in feierlicher Stimmung am Heiligen Abend ebenso genießen wie am folgenden Morgen mit einem Augenzwinkern und einem Lächeln auf den Lippen. Er singt sogar eine Strophe auf Lateinisch. Trotz Glöckchen und Engelschören wird es nie kitschig. Da sei Bobs Raspelorgan vor. Fast etwas bizarr gerät die Stimmung bei der großartigen Polka „Must Be Santa“ und etwas später bei „Christmas Island“, nur echt mit Hawaii Gitarren. Eingespielt wurde die Platte im Wesentlichen von Bobs aktueller Tourband bzw. von den gleichen Musikern, die auch schon auf „Together Through Life“ zu hören sind. Dazu kommen dann eben noch ein paar zusätzliche Stimmen wegen der weihnachtlichen Stimmung. Kein einziger der Songs stammt von Bob selbst. Alles mehr oder weniger Klassiker wie gesagt. Ok, wer eine Weihnachtsphobie hat oder allergisch auf gewisse Stimmungen reagiert, der wird mit dieser Platte nichts anfangen können. Andererseits werden wohl Leute, die es so richtig feierlich und besinnlich mögen, auch etwas verstört reagieren auf den einen oder anderen Track hier. Für mich ist das genau die richtige Mischung aus Besinnlichkeit und ganz leicht verrückter Ausgelassenheit. Diese Platte wird in Zukunft bei mir zuhause jedes Jahr an Weihnachten gehört. Die Verkaufserlöse von „Christmas In The Heart“ gehen übrigens komplett an die Hilfsorganisation Feeding  America. ****

Album des Monats November 2009

The Black Hollies – Softly Towards The Light (LP/CD, Ernest Jenning Record Co., www.myspace.com/theblackhollies)

Besetzung:

Justin Angelo Morey  – lead vocals, bass, vibraphone, mellotronThe Black Hollies

Jon Gonnelli – organ, piano, mellotron, guitar

Herbert Joseph Wiley V – guitars, mandolin, piano, vocals 

Nicholas Ferrante – drums

Trackliste:

 

03.   Run With Me Run

04.   Gloomy Monday Morning

05.   When You’re Not There

06.   Everything’s Fine

07.   Number Ten Girl

08.   Lead Me To our Fire

09.   Look What You’ve Done

10.   Can’t Stop These Tears

11.   How Did We Get Here

12.   Don’t Be Afraid To Ask

Aus Jersey City kommt dieses Quartett von Sixties Connaisseuren, deren eigene Musik gleichwohl so modern und frisch klingt, wie die ihrer Vorbilder aus Motown und Northern Soul sowie Artpop und Popsike britischer Prägung damals. Die Band gibt es vielleicht drei oder vier Jahre. Deutlich ist die Begeisterung der vier Jungs, von denen keiner älter als 25 sein dürfte, für originale 7“45s aus den Sixties, für Bands wie The Small Faces, The Creation aber auch The Flirtations, The Supremes. Sie selbst nennen auch spätere UK Bands wie The Charlatans als Einfluss oder die Lektüre der Bücher von Richard Brautigan. Beste Referenzen also. „Softly Towards The Light“ ist die dritte LP der Band, die übrigens auch regelmäßig 7“45s mit non-Album Tracks veröffentlicht. Wie es sich gehört. Und die Band nimmt ihre Musik analog auf, weil sie es so will und den warmen Sound klassischer 2-Zoll Bandmaschinen liebt. Aber widmen wir uns dem vorliegenden Album. Wie gesagt, das klingt alles sehr nach den besten Momenten der späten Sixties. Die englischen Hollies und ihr Album „Butterfly“ kommen mir in den Sinn. Oder Simon Dupree & The Big Sound, The Marmalade, The Flying Machine, The Herd, all diese an Beat und R&B geschulten Pop Bands der späten 60er in England. Aber auch ihre US amerikanischen Äquivalente wie The Strawberry Alarm Clock oder The Blues Magoos. Die von den Musikern selbst ge-nannten Northern Soul Favoriten sind in ihrer Musik nicht so deutlich wieder zu erkennen. Und ihr Gesamtsound ist wie bereits eingangs gesagt schon moderner, geschult an den Produktionen des Britpop ebenso wie den vielen so genannten The-Bands von The Strokes bis The Libertines. Die Songs der Band überzeugen durch clevere Hooklines und hohen Mitsing- und Ohrwurm Charakter. Dabei bleibt immer Raum für kleine Studio Gimmicks, kleine Widerhaken im Melodiefluss. Und auf abwechslungsreiche Instrumentierung wird ebenso Wert gelegt wie auf schöne Harmonies. Es gibt Bands, die kopieren die Musik der Sixties einfach. Und es gibt Bands, die entwickeln sie weiter, ohne sich von ihr all zu weit zu entfernen. So eine Band sind The Black Hollies, deren Name übrigens nichts mit der britischen Gruppe aus Manchester zu tun hat, sondern auf einen Slangausdruck für Amphetamine zurückgeht. Abwechslungsreich, vielseitig im Rahmen des Genres, mit wunderbaren Melodien spielen sich The Black Hollies an die Spitze sowohl der internationalen Garage wie Power Pop Szene. Und in meiner Jahresliste werden sie wohl auch eine nicht unwichtige Rolle spielen. Ich bin begeistert von diesem gelungenen Album! ****

Album des Monats Oktober 2009

Them Bird Things – Fly, Them Bird Things, Fly (CD, Playground, www.myspace.com/thembirdthings)

Besetzung:

Salla Day  – vocalsThem Bird Things

Stephen Blodgett – guitars, organ, vocals

Timo Vikkula – guitars, bass, organ, vocals 

Esa Jussila – guitars, bass

Ville Särmä – drums, percussion, vocals

Trackliste:

 

13.   Like A Fire

14.   Blood Bank

15.   Hudson Falling

16.   Blue Parakeet

17.   Dreaming The Dream

18.   I Can See Russia From Here

19.   Shame, Shame, Shame, Shame, Shame

20.   Copper Bells

21.   Your Baby’s Not Your Baby Anymore

22.   Black Petals

23.   Pockets Of Rain

24.   Tomorrow

Diese Scheibe ist bereits im Spätsommer in Finnland erschienen, leider nur als CD. Durch meinen Freund Esa wurde ich darauf aufmerksam gemacht. Und nachdem ich die 12 Tracks nun viele Male gehört habe, bleibt mir nicht anderes übrig, als „Fly, Them Bird Things, Fly“ zum Album des Monats zu küren. Die Geschichte dieser Platte beginnt imgrunde bereits Mitte der 50er Jahre in Northfield, Vermont, in den USA. Ein jugendlicher Michael Brassard ist von dem neuen Sound namens Rock’n’Roll dermaßen begeistert, dass er mit seinem Kumpel Stephen Blodgett eine Band gründet. Die Garage Combo Mike & The Ravens hat in den frühen Sixties ein paar lokale Hits, löst sich aber schon bald wieder auf. Blodgett und Brassard schreiben jedoch weiter gemeinsam Songs und nehmen diese auch als Demos auf. Knappe 50 Jahre später lernt die Finnin Salla Day, Organistin der Band Branded Women aus Helsinki, bei einem USA Aufenthalt durch Vermittlung von Monks Intimus und Produzent Will Shade das immer noch produktive Songwriter Duo kennen. Salla ist von den größtenteils unveröffentlichten Songs aus dem Archiv der Beiden so angetan, dass sie kurzerhand beschließt, eine neue eigene Band zu gründen, um diese Songs zu spielen und aufzunehmen. Und so kam es, dass Blodgett und Brassard zusammen mit Will Shade im Winter 2008/9 nach Helsinki flogen, um gemeinsam mit vier jungen finnischen Musikern diese wundervolle zeitlose Pop Rock Platte zu produzieren. Obwohl die Songs zum großen Teil aus den Sixties stammen, klingt diese Musik im Ergebnis überhaupt nicht retro. Aber natürlich atmet die Musik jede Menge Americana. Sallas Stimme hat etwas countryhaftes oder besser noch folkmäßiges. So laid back, so unaufdringlich, und doch so einschmeichelnd und betörend bisweilen. Die Musik ist mal Folkrock, mal Bossanova, mal Garage Pop, mal Acid Rock oder sogar Blues. Eine phantastische und abwechslungsreiche Mischung. „I Can See Russia From Here“ enthält das originellste Gitarren-Nicht-Solo, das ich je gehört habe. „Shame, Shame, Shame“ könnte direkt aus „Grease“ oder einem ähnlichen Tanzfilm sein. „Like A Fire“ klingt als hätten sich Peter Buck und Lloyd Cole zu einem kleinen Jam getroffen. Und „Blue Parakeet“ verbindet Lounge mit Weird Folk. In der zweiten Hälfte des Albums wird es leicht psychedelisch und melancholisch. Trennung, Vergänglichkeit, Trostlosigkeit sind die Themen. Und doch schafft es die Musik, Hoffnung zu wecken und eine gewisse Geborgenheit zu vermitteln. James Lowe, Sänger und Gitarrist der Psych Punk Legende The Electric Prunes, fast es in seinen Liner Notes zum Album unter der Überschrift „Visions in Sound“ sehr schön zusammen. Salla Day hatte diese Vision. Sie ist mit ihrer unvergleichlichen Stimme die Seele dieses Albums, die Seele, die alles zusammenhält und mit dem wundervollen optimistischen „Tomorrow“ den Bogen zu einem fast hymnischen Finale schließt. ****

Album des Monats September 2009

The Bad Dogs – Good Time, Bad Girl (CD, Bad Dogs, www.myspace.com/thebaddogs)

Besetzung:

Mathilda Buzaré  – vocals, bassThe Bad Dogs

Marie Niquet – guitar

Paco Sery – drums 

Adrien Shimizu – bass

plus brass section

Trackliste:

 

25.   Funkier Than A Mosquito’s Tweeter

26.   Je veux etre noir

27.   Carry My Pain

28.   Good Time, Bad Girl

29.   Hold On I’m Coming

30.   I Don’t Need No Western

31.   Power To My Amp

32.   Happy Birthday Mary

33.   Have You Ever Loved A Woman?

34.   I Can’t Explain

35.   Groovin’

36.   Cold Turkey

37.   I Wanna Be A Black Star / Je veux etre noir

So ganz genau weiß ich noch nicht, was ich von dieser Band und dieser Scheibe halten soll. Spontan war ich allerdings ziemlich begeistert, als ich vor drei Wochen einem Link in ihrer unverlangt zugestellten Werbemail folgte und einige Kostproben des nun erschienenen Debütalbums hörte. Und nach mehrmaligem Anhören des kompletten Albums bin ich immer noch ziemlich angetan von der Frische und Unverkrampftheit einerseits, und von der Chuzpe und Unverfrorenheit dieser jungen Leute andererseits. Möglicherweise stecken ja sogar ein paar erfahrene ausgebuffte Musikprofis hinter dem Ganzen. Ich weiß es nicht. Wenn man den Infos im Netz bei MySpace und YouTube traut, dann handelt es sich hier um zwei junge Mädels aus einem Außenbezirk von Paris, Mathilda (Gesang, Bass, 16 Jahre) und Marie (Gitarre, 18 Jahre), sowie ein paar kaum ältere Jungs an Schlagzeug und diversen Blechblasinstrumenten. Zumindest im Studio waren bestimmt auch ein paar Profimusiker dabei. Übrigens auch an einer schönen Schweineorgel, die immer mal wieder auffällt im Gesamtbild. Und auch die bluesigen Gitarrenlicks hier und da hören sich eigentlich nicht nach einer 18-jährigen Oberschülerin an. Ich würde The Bad Dogs zu gerne mal richtig live sehen. Die 13 Tracks auf ihrer Debüt CD klingen jedenfalls sehr schön. Manchmal vielleicht eine Spur zu professionell, wenn ich das mal so sagen darf. Und eigentlich müsste diese Musik ja auf Vinyl veröffentlicht werden. Ach ja, die Musik. Das ist eine Mischung aus Soul, R&B, Funk, Ska und moderner Black Music mit einem Hang zu Rock und Blues. Neben einigen recht gelungen Eigenkompositionen der beiden Mädels gibt es Songs von Porter / Hayes, Bob Marley, John Lennon, Nino Ferrer und noch anderen zu hören. Das klingt manchmal so, als wäre da eine coole mit allen Wassern gewaschene Soul und R&B Combo zugange. „I Wanna Be A Black Star“, singt Mathilda mit kräftiger Stimme, die allerdings bei vielen der Titel wohl gedoppelt wurde. Und die Backgroundstimmen hören sich fast so an, als wären sie ebenfalls von dem kleinen dunkelhäutigen Krauskopf eingesungen. Bei „Carry My Pain“ gniedelt Marie auf der Gitarre rum, als hätte sie seit Jahren nichts anderes gemacht. Das Titelstück „Good Time, Bad Girl“ hört sich im Vergleich zu den meisten anderen Tracks sehr modern an. Fast wie eine aktuelle Nummer der Black Eyed Peas etwa. „Hold On I’m Coming“ wird solide vorgetragen. Originell ist „I Don’t Need No Western“, das mit allerlei technischen Spielereien und einem gepitchten Ska Rhythmus so eine Art Novelty Charakter hat. „Power To My Amp“ ist moderner Garage Pop und mein momentaner Lieblingstrack. Bei „Happy Birthday Mary“ muss ich irgendwie an „Happiness Is A Warm Gun” denken. “Have You Ever Loved A Woman” ist wieder ein Cover. Ich weiß nur nicht, wer das Original spielte. Die Interpretation hier ist sehr traditionell bluesig und nicht uncharmant. Dass hier eine 16-Jährige singt, macht die Sache allerdings irgendwie – unglaubwürdig. „I Can’t Explain“ ist dann wieder sehr gelungen und erinnert mich spontan an Duffy. „Groovin“ zitiert  Bob Marleys „Exodus“, kommt aber eher als Uptempo Dancehall Nummer daher. Die Gitarre bei „Cold Turkey“ klingt exakt wie beim Original. Und auch sonst orientiert sich die Version der Mädels zu sehr an der Plastic Ono Band, ohne je deren Intensität auch nur annährend zu erreichen. Wir wollen doch hoffen, dass Mathilda hier nicht aus eigener Erfahrung singt. Und sie klingt auch nicht so. Zum Schluss gibt es noch mal eine gelungene lange Version von „I Wanna Be A Black Star“, das in jedem Club ein sicherer Floorfiller wäre. ****

Album des Monats August 2009

The XX – s/t (LP, XL Recordings, www.myspace.com/thexx)

Besetzung:

Romy Madley Croft  – vocals, guitarThe XX

Oliver Sim – bass, vocals

Jamie Smith – beats, MPC 

Baria Qureshi – keyboards, guitar

Trackliste:

 

Seite 1

38.   Intro

39.   VCR

40.   Crystalised

41.   Islands

42.   Heart Skipped A Beat

43.   Hot Like Fire

Seite 2

01.   Fantasy

02.   Shelter

03.   Basic Space

04.   Infinity

05.   Night Time

06.   Stars

Die Entscheidung für das Album des Monats ist mir dieses Mal wirklich leicht gefallen. Ein schöneres, spannenderes, packenderes Debüt hab ich seit Jahren nicht gehört. Und wie es scheint, geht es mir da nicht alleine so. Eine Konsensplatte, die vielleicht gar Album des Jahres in vielen Listen sein wird. Ich weiß nicht so recht, warum diese Platte so eine Wirkung auf viele Menschen hat. Massenkompatibel klingt sie doch eigentlich nicht. Andererseits, wenn ich es recht bedenke, bietet sie auch keinen Anlass, sich zu reiben oder Abstand zu halten. Im Gegenteil. Diese leise und doch präsente Musik ist so eigen, so speziell, dass man einfach hinhören muss. Und in ihrer filigranen gleichsam zerbrechlichen Schönheit zwingt sie einen aufmerksam zu sein. Da sind vier Teenager aus dem Süden Londons. Einige von ihnen offenbar mit Migrationshintergrund. Nicht dass das eine Rolle spielte. Diese Band und ihre Musik sind universell. Sie steht quasi über den Stilen, wenn man anerkennt, dass sie in einem modernen popmusikalischen Kontext entstand. Die Vier sind Fans von Aaliyah und Missy Elliott ebenso wie von The Cure oder The Kills. Und übrigens ist das nur auf der Vinylversion des Albums enthaltene „Hot Like Fire“ ein Cover eines Aaliyah Hits aus der Feder von Missy Elliott und Timbaland. Eine ganz großartige Coverversion, die den Song völlig neu und auf eigene Art interpretiert. In den vielen Reviews zu dem Album, die ich gelesen habe, wird immer wieder versucht, die Band in irgendeine Schublade zu stecken, sie in einer Tradition zu hören. Sei es die frühe 80er Gothic Szene oder die so genannten Shoegazer der späten 80er. Sei es The Velvet Underground oder der Triphop aus Bristol in den frühen 90ern. Ich weiß nicht, ob die vier Mädels und Jungs diese vermeintlichen Vorbilder oder Stilbildner überhaupt alle kennen oder je von ihnen gehört haben. Ich glaube es eigentlich eher nicht. Ihre Platte klingt in meinen Ohren eher wie etwas vollkommen Eigenständiges, Einzigartiges. Im ersten Moment kamen mir die Young Marble Giants und ihr genauso einzigartiges Debüt aus dem Jahr 1980 in den Sinn. Aber die vermeintliche Parallele ist letztlich auch nur eine eher äußerliche, oberflächliche. Die Musik hier ist sehr ruhig, atmosphärisch klar, stimmungsvoll, trotzdem rhythmisch und immer auf eine unaufdringliche Weise optimistisch. Es sind die Harmonien, die Tonlagen im Verbund mit den sparsamen doch äußerst effektiven Arrangements, die alle Tracks auf dieser LP so eindringlich und unverwechselbar machen. Man muss gar nicht verstehen, was da gesungen wird. Man wird unwillkürlich gefangen genommen von der positiven Energie, die da aus den Lautsprechern kommt. Und es sind die unterschwelligen Vibrationen, die warmen Basstöne, die einen mitnehmen und einfangen. Erstaunlich, dass diese Wirkung sowohl bei Leuten auftritt, die sonst Musik eher analytisch und intellektuell wahrnehmen, wie auch bei Menschen, deren Rezeption zuerst mit dem Gefühl, dem Herzen stattfindet. Es wird sehr schwer sein für die Band, dieses vollkommen unvorbelastete und makellose Debüt irgendwann zu übertreffen. Und vielleicht wird das auch gar nicht nötig sein. Solche Platten entstehen nur, wenn man jung, unschuldig und voller Träume ist. *****

Album des Monats Juli 2009

Portugal. The Man – The Satanic Satanist (LP/CD, Defiance Records, www.myspace.com/portugaltheman)

Besetzung:

John Gourley  – vocals, guitarThe Satanic Satanist

Zach Carothers – bass, vocals

Jason Sechrist – drums 

Ryan Neighbors – keyboards, vocals, percussion

Trackliste:

 

07.   People Say

08.   Work All Day

09.   Lovers In Love

10.   The Sun

11.   The Home

12.   The Woods

13.   Guns & Dogs

14.   Do You

15.   Everyone Is Golden

16.   Let You Down

17.   Mornings

Bis zur letzten Woche war ich mir überhaupt noch nicht im Klaren darüber, was mein Album des Monats Juli sein könnte. Die LP von The Dead Weather habe ich noch nicht. Aus Finnland habe ich keine wirklich aktuellen LPs mitgebracht. Warum also nicht Alaska? Zumindest der Breitengrad passt schon mal. Portugal. The Man gibt es erst seit fünf Jahren. Eine sehr produktive Band, denn dies ist bereits ihr viertes Album neben fünf Singles/EPs. Ich werde den Bandnamen jetzt nicht erklären. Ihr findet die entsprechenden Webseiten auch selbst. Ich schrieb eben Alaska, aber da wurde die Gruppe lediglich gegründet und von dort bezieht sie nach eigener Aussage ihre ständige Inspiration. Leben und arbeiten tun die vier Jungs in Portland, Oregon, wenn sie nicht – wie jetzt gerade – heftig auf Tournee sind. Ich bin völlig unvorbelastet was die Musik der Band betrifft. Ja, den einen oder anderen Track habe ich bei Radio Eins in den vergangenen zwei Jahren schon mal gehört. Tauchte der Name Portugal. The Man doch immer mal wieder auf der Playliste des Senders auf. Die Musik hinterließ jedoch bei mir offenbar keinen bleibenden Eindruck. Nett aber eher langweilig, hätte ich vor zwei Wochen noch geurteilt. Und nun dies. Eine Sommerplatte schlechthin. Jeder Song ein Ohrwurm. Entspannt und locker, hier und da leicht psychedelisch. Mitunter fast schon Mainstream Pop, oder zumindest so ein intelligenter, abgeklärter Pop, der sich nicht scheut von Steely Dan bis zu aktueller Sample und Hip Hop Kultur alles zu verarbeiten, was als cool gelten darf. Ich bin gespannt, ob sich die Gruppe mit dieser Platte auf breiter Front etabliert. Musikalisch spricht dagegen gar nichts. Aber die entsprechenden Medien sowohl in den USA und hier in Deutschland ignorieren die Platte bzw. bekommen sie gar nicht mit, weil eine gut geölte Major Promotion Maschine fehlt. Ob der Coolness Faktor für den Umweg über angesagte Szene Multiplikatoren ausreicht, wird sich zeigen müssen. Ich glaube, ein Problem der Jungs ist, dass sie ursprünglich als Indie Rock Band mit Prog Ambitionen angetreten sind. Davon ist nichts, aber auch gar nichts mehr übrig. Stattdessen Panorama Pop, Beach Boys Harmonien, hier ein Elektro Piano, dort ein kleines Gitarrensolo, wie es George Harrison Mitte der 60er nicht besser hätte einfallen können. Und über allem der oft falsettartige Gesang, der hin und wieder gar an John Lennon erinnert. Eine ausgesprochen abwechslungsreiche Pop Platte wie aus einem Guss. Dabei mit elf Tracks von durchschnittlich dreieinhalb Minuten Länge angenehm überschaubar. Wenn der letzte Ton der Streicher auf „Mornings“ verklungen ist, dreht man mit Freude die Scheibe wieder um und setzt die Nadel am Anfang von „People Say“ wieder auf, um gleich noch mal das geniale Eingangsriff von Orgel und Gitarre zu vernehmen. Und spätestens beim dritten Mal singt man mit. Übrigens ist auch die Aufmachung des Albums mit einem sehr psychedelischen Cover zum mehrfachen Ausfalten sowie einer limitierten Pressung in violettem Vinyl mit blaurotem Swirl Muster ganz hervorragend. Ob sie mir zum Jahresende hin noch immer so gut gefällt wie jetzt? ****

Album des Monat Juni 2009

The Pains Of Being Pure At Heart – s/t (LP, Fortuna Pop, www.myspace.com/thepainsofbeingpureatheart)

Besetzung:

Kip Berman  – vocals, guitarThe Pains Of Being Pure At Heart

Kurt Feldman – drums

Alex Naidus – bass

Peggy Wang – keyboards, vocals

Trackliste:

 

18.   Contender

19.   Come Saturday

20.   Young Adult Friction

21.   This Love Is Fucking Right!

22.   The Tenure Itch

23.   Stay Alive

24.   Everything With You

25.   A Teenager In Love

26.   Hey Paul

27.   Gentle Sons

Auf diese Band aus New York wurde ich durch Moabit-Peter aufmerksam gemacht. Vielen Dank dafür. Ihr kennt Moabit-Peter nicht? Der ist ein Urgestein der Berliner Szene und geht auf fast jedes Rock Konzert in der Stadt seit über 40 Jahren. Bei den Stones in der Waldbühne war er schon dabei. Und er kauft natürlich nur Vinyl. Aber das nur am Rande. Auf Empfehlungen von Moabit-Peter kann man sich meist verlassen. So auch hier. Diese drei Jungs und das Mädel sind noch sehr jung. So um die 20 denke ich. Entsprechend unbedarft und ungestüm gehen sie zu Werke. Diese vier Teenager sind die Antipoden zu jedem Casting oder Popstar Wettbewerb. Und gerade deshalb sind sie der pure Pop! Songs wie „Young Adult Friction“ oder „This Love Is Fucking Right!“ stürmen mit einer Chuzpe und einen ungeheuren Charme vorwärts. Einfach wunderbar! Neu oder musikalisch innovativ ist an der Musik hier nichts. Und doch macht dieses Debütalbum so viel Spaß wie noch kein anderes in diesem Jahr. Gitarren Schrammeln herzallerliebst, fast jeder Akkord ein Hook! Die Melodien sind schlicht und einprägsam und dabei meist ein bisschen schief, so Kinderhymnen halt. Der Bass treibt und bollert, das Schlagzeug scheppert und kracht. Alles in Dur natürlich und in flottem Tempo. Auch wenn die Kids keine ausgebildeten Stimmen haben, so singen sie doch mit Gefühl und wirklich schön, manchmal einzeln, manchmal im Chor. Ab und zu jingeln und jangeln die Gitarren auch. Und eine fröhliche Quietscheorgel quäkt dazwischen. Wenn man die Einflüsse aufzählt, die hier rauszuhören sind, wird einem ganz schwummerig. The Smiths, The Television Personalities, Field Mice, My Bloody Valentine, The Jesus And Mary Chain, The Vaselines, Ramones, Kurt Cobain. Ja, die wurden alle schon genannt in Reviews und Artikeln über die Vier aus Brooklyn. Und das Schöne ist, man hört all diese musikalischen Einflüsse auch irgendwo auf der Platte. Zehn Tracks und eine Gesamtspielzeit von rund 35 Minuten, klassisch also. So fröhlich und unbeschwert die Musik klingt, so ernst und manchmal tragisch sind die Teenager Dramen, die hier besungen werden. Wie die Musik relativ direkt und gerade heraus und manchmal entwaffnend ehrlich und schonungslos. Die Musik von Bands wie Franz Ferdinand oder Maximo Park wirkt dagegen konstruiert und unspannend. Man könnte auch uninspiriert sagen. The Pains Of Being Pure At Heart, alleine der Bandname ist schon die halbe Erklärung dessen, was man hier hört. Ich hoffe die Vier kommen bald wieder nach Berlin. Ihren Auftritt im Frühjahr hab ich verpasst. Und live sind sie bestimmt genauso toll wie auf der LP. Die erschien bereits im März, aber ich wurde wie gesagt erst jetzt darauf aufmerksam gemacht. ****

Album des Monat Mai 2009

The Soundtrack Of Our Lives – Communion (DoLP, Haldern Pop, www.myspace.com/officialtsool)

Besetzung:

Ebbot Lundberg  – vocals, mellotron

Ian Person – guitarCommunion

Mattias Bärjed – guitar

Fredrik Sandsten – drums

Kalle Gustafsson Jerneholm – bass

Martin Hederos – keyboards 

Trackliste:

 

01. Babel On 

02. Universal Stalker

03. The Ego Delusion

04. Pineal Gland Hotel

05. RA 88

06. Second Life Replay

07. Thrill Me

08. Fly

09. Pictures Of Youth

10. Mensa’s Marauders

11. Just A Brother

12. Distorted Child

13. Everything Beautiful Must Die

14. The Fan Who Wasn’t There

15. Flipside

16. Lost Prophets In Vain

17. Songs Of The Ocean

18. Digitarian Riverbank

19. Reconnecting The Dots

20. Without Warning

21. Utopia

22. Saturation Wanderers

23. Lifeline

24. The Passover

Es ist ja kein Geheimnis, dass diese Band seit Jahren zu meinen Favoriten gehört. Sowohl auf der Bühne als auch im Studio haben mich die sechs Schweden immer wieder begeistert. Und auch dieses neue fünfte reguläre Studioalbum der Band aus Göteborg macht da keine Ausnahme. In ihrer Heimat erschien Communion als Doppel-CD bereits Ende 2008. Nun ist es auch auf Vinyl erhältlich beim deutschen Label Haldern Pop, das wie es scheint mit dem gleichnamigen jährlichen Festival am Niederrhein eng verbunden ist. Ich habe bisher nirgends einen Hinweis auf die Absicht hinter der Covergestaltung gefunden. Während das Artwork früherer LPs der Band mehr oder weniger zum Inhalt und der Musik passte, ist man bei diesem Cover doch etwas ratlos. Aus einem Werbeprospekt für Lebensversicherungen oder Familienplanung scheinen die Fotos von freundlichen Menschen verschiedener Herkunft und jeden Alters entliehen. Könnte aber auch eine Broschüre der Zeugen Jehovas oder  von Scientology sein. Ist das irgendein besonderer Humor, den ich nicht verstehe? Oder sind da geheime Botschaften enthalten? Wir werden das hier jetzt nicht klären. Und deshalb widmen wir uns der Musik. Die Jungs spielen hier im Prinzip, die Musik, die sie immer schon gespielt haben. Sehr melodischen, fein ziselierten, leicht psychedelischen, Sixties und Seventies orientierten Rock. Mitunter sehr rifflastig und an die Stones der 1970er Jahre erinnernd. Dann wieder verspielt und akustisch verhalten mit kleinen melodischen Haken und Ösen, die an Pink Floyd kurz nach Syd Barretts Ausscheiden denken lassen. Manchmal wirkt das auch sehr verträumt, fast zart. Dann wieder hymnisch und kraftvoll. Die einzelnen Songs sind von gewohnt hoher Qualität. Die Texte oft ähnlich fantasievoll und mehrdeutig wie die Musik. Hin und wieder aber auch geradezu schlicht und bodenständig und universell in ihrer Aussage. All zu bedeutende oder tiefgründige Botschaften sollte man jedoch nicht erwarten. In aller Regel bilden Text und Musik eine schöne Einheit, die vor allem das Gefühlszentrum anspricht. Auch wenn vieles auf diesen beiden LPs so klingt, als hätte man es so oder ähnlich schon vor Jahren in anderen Zusammenhängen gehört, die Wirkung ist doch wieder eine höchst angenehme. In gewisser Weise ist diese Doppel-LP eine Art Quintessenz der vielen direkten und indirekten Vorbilder. Die Stones klingen sowieso an, aber auch The Who (Zeitraum Who’s Next), Pink Floyd (More), Led Zeppelin III, British Folk und natürlich auch so eine bestimmte Art, das alles zu verbinden und zu verarbeiten, die dann tatsächlich typisch TSOOL ist. Mit den Worten des deutschen Rolling Stone Kolumnisten Benjamin von Stuckrad-Barre (dessen Kompetenz ich sonst eigentlich wenig Vertrauen schenke) kann man auch schreiben: „Wer überhaupt keine Rockplatte besitzt, sollte diese kaufen, sie enthält zehn verschiedene.“ Die einzige Coverversion auf der Platte passt ganz hervorragend in das Gesamtbild. Nick Drakes „Fly“ klingt hier zwar bombastischer als das sehr sparsame Original, aber genauso großartig und hymnisch. Mit Communion haben die Neo-Hippies um den bärtigen, weite Gewänder oder Kutten tragenden voluminösen Sänger Ebbot Lundberg die Platte für einen langen heißen skandinavischen Sommer vorgelegt. Das wird wohl – u.a. – der Soundtrack meines Finnland Urlaubs werden dies Jahr. ****

Zum meinem Album des Monats Mai erreichte mich eine Mail des treuen Lesers Jens Kliem, der ein Artikel aus dem „Musik Express“ als PDF angehängt war. Darin erläutert Ebbot Lundberg im Interview die Absicht hinter der Covergestaltung von „Communion“. Die Bilder von strahlenden, schönen und gut gelaunten Menschen aus einem Foto-Pool für Werbeagenturen sollten in ihrer aufgesetzten, künstlichen, ja bösartigen Vorspiegelung von heiler Welt den Betrachter verunsichern und provozieren. Das ist – bei mir jedenfalls – gelungen. Ebenso wie einige der Songtexte ist das Cover ein Kommentar der Band zur Weltwirtschaftskrise. – Na dann…

 

Album des Monats April 2009

Norb Payr – Hiding Place (CD, Pumpkin Records, www.myspace.com/norbpayr)

Besetzung:

Norb Payr  – vocals, guitars, bass, blues-harpHiding Place

Gernot Feldner – piano

Ed Schnabl – guitars

Klaus Sypal – accordion

Ara, Zarikian – drums

Trackliste:

 

01. Wild Wild Sea 

02. Hey Mister
03. Early In The Morning
04. Hiding Place

05. Last Night

06. Dark Man

07. On The Floor

08. No Question Of Time

09. Cloud 9

10. Dude On The Tree

11. Memory

12. Ordinary Guy

13. Running Up

14. In The Morning

15. You Better Stop

16. Time

Wir kennen Norb Payr als Gitarristen der Wiener Neo-Sixties, Mod, R&B Band The Jaybirds, die nun auch schon bald 20 Jahre existiert. Bei The Subcandies, ebenfalls aus Wien und ebenfalls den Sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zugetan, hat er ausgeholfen als Songschreiber und an der Gitarre. Dies ist nun sein erstes Soloalbum. Und es ist anders. Eigentlich ein klassisches Singer/Songwriter Album. Ein sehr britisches oder doch britisch inspiriertes, stelle ich fest. „Early In The Morning“ z.B. klingt ganz so, als käme es geradewegs aus englischer Folk Tradition. Die meisten Songs hier machen den Eindruck, als hätte man sie schon unzählige Male gehört. Alles wirkt so vertraut, so angenehm unaufgeregt und so schön anheimelnd und auf beruhigende Weise entspannt. Und doch sind es allesamt neue Songs, geschrieben von Norb Payr höchstselbst. Arrangement und Instrumentierung wirken sehr bodenständig. Wie bei solchen Folkrock und Rockpop Scheiben der späten 60er und frühen 70er Jahre. Und natürlich schlägt der Sixties Pop hier und da auch wieder durch. „Cloud 9“ wirkt durchaus Beatles inspiriert. Und Norbs Stimme klingt in seltenen Momenten fast ein bisschen nach John Lennon. Bei „Dude On The Tree“ denkt man unwillkürlich an den „Fool On The Hill“, aber auch an Syd Barrett und mehr noch an Ronnie Lane, den leider schon verstorbenen früheren Bassisten der Small Faces, der mit seiner Band Slim Chance in den 1970er Jahren einige tolle und ebenfalls vollkommen unscheinbare LPs aufgenommen hat. Norb kennt Ronnies Solowerk nicht, sagt er. Doch intuitiv hat er wohl einen ähnlichen Weg eingeschlagen wie damals Ronnie vom Beat, Modsound und R&B zum Folk und anderen traditionellen Spielarten. Herausgekommen ist eine wirklich hörenswerte Kollektion von Songs, Geschichten, musikalischen Erzählungen, die in ihrer Schlichtheit bestechen. Die Saiteninstrumente sowie Bluesharp und Kalimba spielt Norb zumeist selbst. Und er singt natürlich. An Piano, Orgel, Drums und gelegentlich einer zusätzlichen 12-Saitigen wird er von Freunden unterstützt. 16 Tracks hat dieses Debütalbum. Eine feine Songsammlung wie aus einem Guss. Von den einleitenden Pedal Steel Klängen bei „Wild Wild Sea“ über das fast ein bisschen an Nick Drake erinnernde schwebende „Dark Man“ bis zum bluesigen „You Better Stop“ und dem abschließenden leicht hymnischen „Time“. Diese Platte ist – ich kann es nicht anders sagen – im besten Sinne zeitlos. ****

Album des Monats März 2009

The Decemberists – The Hazards Of Love (2LP, Rough Trade, www.myspace.com/thedecemberists)

Besetzung:

Colin Meloy  – vocals, guitarThe Hazards Of Love

Chris Funk – guitar, pedal steel guitar, keyboards

Jenny Conlee – keyboards, accordeon

Nate Query – bass

John Moen – drums

Plus diverse Gastmusiker

Trackliste:

 

01. Prelude 

02. The Hazards Of Love
03. A Bower Scene
04. Won’t Want For Love (Margaret In The Taiga)

05. The Hazards Of Love 2

06. The Queen’s Approach

07. Isn’t It A Lovely Night?

08. The Wanting Comes In Waves / Repaid

09. An Interlude

10. The Rake’s Song

11. The Abduction Of Margaret

12. The Queen’s Rebuke / The Crossing

13. Annan Water

14. Margaret In Captivity

15. The Hazards Of Love 3

16. The Wanting Comes In Waves (reprise)

17. The Hazards Of Love 4

Ich muss gestehen, dass dieses MusikerInnen-Kollektiv aus Portland, Oregon, bislang ziemlich an mir vorbei musizierte. Zumindest habe ich bis auf den einen oder anderen Promo-Track nichts von der Band wahrgenommen, obwohl die ja nun auch schon seit bald einem Jahrzehnt existiert und seit 2001 Tonträger veröffentlicht. Infolgedessen kann ich zur musikalischen Entwicklung wenig sagen. Ich fand Vergleiche mit Wilco, die ich aufgrund der aktuellen Platte jedoch nicht nachvollziehen kann. In einigen Reviews ist von der Verschmelzung von Folk und Metal die Rede. Das, mit Verlaub, scheint ziemlich absurd, wenn man die Platte hört. Allenfalls kann ich eine Verbindung von Folk und Folkrock mit einigen an Progressive und Art Rock erinnernden Elementen konstatieren. Möglicherweise wird aber eine gewisse Dichte und Schwere im Gitarrensound hier und da schon als Metal Einfluss empfunden. Ein gewisser Manierismus ist der Band zu eigen. Und die männlichen Gesangsparts erinnern mitunter tatsächlich an eine Mischung aus Thom Yorke und Robert Plant. Die insgesamt 17 Tracks (einige nur sehr kurze Vignetten) sind erstaunlich abwechslungsreich und unterschiedlich in Kompositionsweise und Arrangement. Das ist schön. Tatsächlich war der Ausgangspunkt des Albums eine britische Folk EP von Anne Briggs aus dem Jahr 1966 mit dem Titel „Hazards Of Love“, die Colin Meloy (Mastermind der Decemberists) zufällig entdeckte und zu der er eine eigene ziemlich märchenhafte Geschichte erfand, um die er wiederum diesem Songzyklus wob. Vor allem im zweiten Teil des Albums wird dann doch eine sehr große Affinität zu britischem Progrock und Acid Rock deutlich. Da meint man hier und da Deep Purple aber eben auch Pink Floyd oder gar die Incredible String Band auszumachen. Von einem Konzeptalbum zu sprechen, wäre wohl etwas übertrieben, aber ein roter Faden zieht sich wie gesagt durch die Songs, auch wenn dabei nicht so recht klar wird, was uns der Künstler eigentlich sagen will. Es ist halt eine echt sagenhafte Geschichte, die da von einer gewissen Margaret erzählt. Natürlich wird auch immer wieder dasselbe musikalische Motiv aufgegriffen in „The Hazards Of Love“. Nicht umsonst gibt es vier Teile des gleichnamigen Songs. Der zweifellos vorhandene Bombast und mitunter ins Absurde abgleitende Manierismus der Band mag den einen oder die andere abstoßen. Mir gefällt das, weil die Band zum Glück nie zu sehr übertreibt und immer wieder rechtzeitig die Kurve kriegt mit einer Wendung zum schlichten und einfachen Folk. Ja selbst Pedal Steel Gitarre kommt zum Einsatz und knüpft an die amerikanischen Wurzeln der Musiker an. Die erste große angenehme Überraschung des Jahres ist dieses Album. In den USA erschien es auf Capitol  und stieg bereits in die Top 10 der Charts ein, in Europa erscheint es bei Rough Trade und ist wohl immer noch fast ein Geheimtipp. ****

Album des Monats Februar 2009

Underwater Sleeping Society – The Dead Vegas (CD, Nordic Notes, www.myspace.com/uwssoc)

Besetzung:

Okko Nieminen  – vocals, guitarUnderwater Sleeping Society

Tomi Tiittanen – guitar

Jussi Hietala – bass, vocals

Olli Varis – keyboards

Sampo Fagerlund – drums

Matti Olavi – sax, clarinet, synth

Trackliste:

 

01. Saw You At My Funeral 

02. Hurry Or Worry
03. Trapdoors
04. Body Blues

05. Painting The Dead

06. Counting Stars

07. Antique

08. Accidents

09. Golem

10. This Might Have Happenened…

11. The End Is Just A Dawn

Hab’ ich doch tatsächlich geglaubt, alles an Pop Musik aus Finnland zu kennen. – Natürlich ein Irrtum. Diese Band zum Beispiel ist bisher völlig an mir vorbei gegangen. Dabei ist das nun schon ihr drittes Album. Was sofort auffällt, die Musik klingt überhaupt nicht finnisch. Mit diesem Sound, diesem Songwriting, diesen Arrangements könnte die Gruppe ebenso aus Leeds, Manchester oder London kommen. Britische Pop Musik klingt so. Doves, Elbow sogar Radiohead fallen mir dazu ein. Vielleicht noch die Nits aus Holland. Aber eh es zu verwirrend wird, bleiben wir lieber bei dieser Platte und bei der Musik darauf. „I Saw You At My Funeral“ ist mitnichten eine traurige oder irgendwie prätentiöse Angelegenheit. Es ist ein fast fröhlicher, leicht surrealer Popsong mit Ohrwurm Qualität. Bei „Hurry Or Worry“ setzt sich diese Leichtigkeit fort. Man kann dazu tanzen, auf jeden Fall aber wippen und rumflippen. Eine gewisse Melancholie, oder besser Ungewissheit schwingt mit bei „Trapdoors“. Noch seltsamer ist „Body Blues“. Kein Blues natürlich. Eher so ein leicht verschrobenes Stückchen Befindlichkeitspop mit einem Schuss Psychedelia. Hat aber auch was Faszinierendes. Bei „Painting The Dead“ denke ich, das könnte doch auch Morrissey sein, der da singt. Der Song passt allerdings auch zu Andy Partridge und XTC. Und dann wird es doch fast progmäßig anspruchsvoll bei „Counting Stars“. Nur das rasante Tempo und die jubilierenden Dur Akkorde retten die Nummer. Auch bei „Antique“ muten uns die Jungs nichts weniger als die Frage nach dem Sinn des Lebens zu. Und sie beantworten sie sogleich auf durchaus charmante und vor allem sehr unterhaltsame Weise. All zu ernst wollen sie dabei bestimmt nicht genommen werden, wie das folgende „Accidents“ beweist, in dem locker flockig ein Missgeschick auf das nächste folgt. Danach wird der „Golem“ wie ein tragischer, bemitleidenswerter aber unvermeidbarer und letztlich guter Bekannter sehr einfühlsam und fast liebevoll besungen. „This Might Have Happened If We Made Your Home Ours“ ist der beste Radiohead Track, den Radiohead nicht zu verantworten haben. Natürlich eher getragen mit Streichern und einem gewissen verhaltenen Pomp, angemessen prätentiös in diesem Fall. Angenehm schlicht und eher wie ein Folksong kommt dann zum guten Schluss „The End Is Just A Dawn“. – Wie wahr. Bei aller vermeintlichen Tragik, die hier besungen wird, dies ist eine positive, eine fröhliche Platte. Die unglaublichen Geschichten werden mit einem Funken Ironie versehen. Neben der klassischen Rockinstrumentierung kommen diverse Keyboards  aber auch Saxophon und Klarinette zum Einsatz. Produziert hat die Band selbst. Gemischt hat Kalle Gustafsson Jerneholm, der Bassist von The Soundtrack Of Our Lives. Auf der CD befindet sich übrigens oben eine Vinylschicht, auf der ein Bonustrack zu hören ist. Damit haben wir hier die erste Platte im Bi-Format. Der Vinyltrack „Palindrome“ erzählt eine wahre Geschichte, in der ein Haus niederbrennt. Die Soundqualität dieses Tracks lässt allerdings zu wünschen übrig. Und ein bisschen eiert die Platte auch, was bei ihrer geringen Größe zu weiteren soundtechnischen Beeinträchtigungen führt. Eher ein Gag also. Die Musiker sehen übrigens aus wie die Waldschrate von den Fleet Foxes. Finnische Hippies. Oder doch einfach nur Indie Kids? Schöne Platte auf alle Fälle. Werde mir die Vorgänger auch noch besorgen. ****

Album des Monats Januar 2009

The Puddle – The Shakespeare Monkey (CD, Fishrider Records, www.myspace.com/thepuddlenz)

Besetzung:

George D. Henderson  – vocals, guitars, keyboards, bass

Gavin Shaw – bassThe Puddle

Ian Henderson – drums, percussion, bass, keyboards

Alan Starrett – violin, viola

Trackliste:

 

01. As It Was 

02. So Good
03. Friends
04. Dylanesque

05. You’re So Pretty

06. Shivver

07. Solace

08. The Shakespeare Monkey

09. One Romantic Gesture

10. Parasol

11. Seduced By Virgins

12. High On The Hog

13. Milk

14. Trauma Bear

15. No Good

16. Naked

17. Don’t Kill The Golden Goose

George D. Henderson aus Dunedin, Neuseeland, macht mit wechselnden Musikern unter dem Namen The Puddle seit 1984 Musik. Davon leben konnte er mit Sicherheit bis heute nicht. Keine Ahnung was der Mann sonst so treibt zur Sicherung seines Ein- und Auskommens. Jedenfalls scheint er nicht nur ein rechter Eigenbrötler zu sein, ein ziemlich verkannter aber genialer Songwriter ist er auch. Beim legendären Label Flying Nun erschienen bis 1993 drei LPs und eine 7“ Single von ihm bzw. The Puddle. Dann verlor sich seine Spur zunächst, wenn man von einer 7“ für ein französisches Indie Label 1995 absieht. In den Jahren seither entstanden nichtsdestotrotz etliche bis heute unveröffentlichte Aufnahmen, die – so hört man – in absehbarer Zeit auf Vinyl gepresst werden sollen. 2007 jedenfalls meldete sich The Puddle / Henderson mit dem Album „No Love No Hate“ zurück, das bei Fishrider als CD erschien und einige bemerkenswerte Kritiken einheimste. Und nun, nicht mal zwei Jahre später, ein brandneues Album mit 17 neuen Songs. Eingespielt mit der Unterstützung von seinem Bruder Ian am Schlagzeug und gelegentlich Keyboards oder Gitarre, sowie Gavin Shaw am Bass und Alan Starret an Violine und Viola in Dunedin zwischen Dezember 2007 und Juni 2008, bietet dieses Album eine erstaunliche Mischung aus klassischem Singer/Songwriter Pop, Psych Folk und einer gehörigen Portion Exzentrik. So bezieht sich der Titel des Albums – wie auch der Song gleichen Namens – auf die Vorstellung, es gäbe da so literarische Kobolde oder Ghostwriter im Hinterstübchen, die mehr oder weniger Sinnvolles in eine imaginäre Tastatur hauen. Und der Poet, der Songwriter bedient sich dann. Klappt meistens jedoch nicht so recht. Eine Krux ist das mit diesen „Shakespeare Affen“. Ansonsten sind Hendersons Songs eher von einer recht abgeklärten und doch lyrischen Art. Originell, persönlich und doch allgemeingültig und im besten Sinn aufklärend und kurzweilig. Die Musik passt sich da an, ohne sich unterzuordnen. Etliche Songs haben echten Ohrwurm Charakter. Und stilistisch bewegt sich diese Musik vollkommen unabhängig und jenseits aller Genres und Kategorien. Wer unbedingt Vergleiche braucht, der stelle sich XTC vor ohne den vordergründigen Pop Appeal, von mir aus auch Nick Drake oder Elliott Smith mit mehr Selbstbewusstsein und fast rockiger Attitüde. Aber nein, George Henderson mit seiner Band The Puddle ist einmalig. Und sehr neuseeländisch, falls es das gibt. Eine insgesamt unaufdringliche und unspektakuläre, vollkommen entspannte Platte, die dennoch Freude macht und nie langweilig wird. Zuhören muss man allerdings. ****

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