
Die Kurzen (Singles, EP) Longplay (LP, CD) Re-Issues Live Gigs Fanzines Unsigned Talent Album des Monats News Links
Album des Monats
Die Bewertungsskala:
* Materialverschwendung!
- ** muss man nicht kennen - *** sollte
man mal gehört haben - **** Anschaffung sehr zu empfehlen - ***** gehört
in jede Plattensammlung!
Album des Monats Februar 2010
Besetzung:
Marina Diamandis – vocals, keyboards
Most tracks arranged and
produced by Liam Howe
Diverse Gast- und Studiomusiker/innen
Trackliste:
01. Are You Satisfied?
02. Shampain
03. I Am Not A Robot
04. Girls
05. Mowgli’s
Road
06. Obsessions
07. Hollywood
08. The
Outsider
09. Hermit
The Frog
10. Oh No!
11. Rootless
12. Numb
13. Guilty
Ihr werdet nun vielleicht denken, „Der weiß auch
nicht, was er will!“, aber ich hab’ noch mal darüber nachgedacht
und bin zu dem Schluss gekommen, dass mein Album des Monats mein Album des
Monats bleiben sollte. Es ist nur eine Momentaufnahme, das ist wahr. Doch in
dem Monat, da ich es so festlege, da ist es das für mich wichtigste und
hörenswerteste Album. Wenn es dann am Jahresende in meiner Gunst gesunken ist,
dann ist das eben so. Vorhersehen kann ich das in aller Regel nicht.
Marina Diamandis ist eine
24-jährige Sängerin, geboren und aufgewachsen in Wales mit walisischer Mutter
und griechischem Vater. Seit 2005 lebt sie in London und versucht dort, mit
Musik erfolgreich zu sein. Im letzten Jahr hatte sie so etwas wie ihren
Durchbruch mit zwei Singles, deren Vinylversionen auf 300 bzw. 500 Stück
begrenzt waren und bereits für rund 50 Pfund den Besitzer wechseln. Inzwischen
ist sie bei Warner Music unter Vertrag, und ihr Debütalbum ist im UK gerade
erschienen, bisher leider nur als CD. In Deutschland ist der offizielle VÖ im
Mai. 13 Tracks sind auf der Platte zu hören. Mit dabei auch einige bereits auf
Singles oder EPs erschienene Songs, allerdings in Neuaufnahmen. Marinas Stimme
ist äußerst wandlungsfähig. Zumeist überzeugt sie jedoch mit einer kraftvollen
Altstimme, deren dunkles Timbre mitunter an Alexandra (Mein Freund der Baum)
erinnert. Oft jedoch pflegt die auch äußerlich höchst wandlungsfähige (die
Videos sind allesamt sehenswert) Sängerin einen manirierten,
ja sogar exaltierten Stil, bei dem ihre Stimme gluckst, vibriert und sich fast
überschlägt. Auch wechselt sie immer wieder kurz zu einer hohen Kopfstimme, was
ihrem Gesang eine zusätzliche Komponente von Entrücktheit verleiht. Sie
schreibt alle ihre Songs selbst und beweist dabei ein wirklich erstaunliches
Talent für eingängige Melodien, die dennoch unerwartete Haken und Wendungen
aufweisen. Wer für die Arrangements verantwortlich ist, weiß ich nicht.
Jedenfalls wird da viel mit synthetischen Klängen und Instrumenten gespielt.
Meist in durchaus positivem Sinn, möchte ich hinzufügen. Es kommen aber auch so
archaische Instrumente wie Piano, Cello, Bass, Schlagzeug und Mellotron zum Einsatz. Gitarren allerdings nur
ausnahmsweise. Musikalisch erinnert das Ganze einerseits an die 1970er Jahre
und Acts wie Sparks,
andererseits an New Wave der frühen 80er, ohne deren Kühle und Distanz. Disco,
New Romantic, aber trotz aller Mainstream
Tauglichkeit nie fad oder platt. Neben den bereits durch die Singles bekannt
gewordenen Songs „I Am Not A Robot“, „Mowgli’s
Road“, „Obsessions“ und „Hollywood“, die allesamt
großartig sind, überzeugen auch die meisten anderen Tracks des Albums durch
Originalität und hohen Wiedererkennungswert. Auf den
ersten Blick könnte man meinen, Marina ist nur noch eine weitere Hupfdohle wie
Kate Perry, Lady Gaga, Kate Nash, Lily Allen und wie
die alle heißen. Bei genauerem Hinsehen und vor allem Hinhören stellt man fest,
dass sie einfach mehr Substanz mitbringt. Wenn Joanna Newsom
die Zukunft des Pop ist, dann ist Marina Diamandis
seine Gegenwart. Eine höchst angenehme Gegenwart übrigens, die ruhig noch
einige Zeit dauern darf. ****
Album Tipp
des Monats Januar 2010
Motorpsycho – Heavy Metal Fruit (2LP, Stickman Records, www.myspace.com/motorpsychopage)
Besetzung:
Bent Saether – vocals, bass
Hans Magnus Ryan – vocals, guitar
Kenneth Kapstad – drums
Trackliste:
03. Starhammer
04. X-3 (Knuckleheads In Space) / The Getaway Special
03. The Bomb-Proof Roll and Beyond
04. Close Your Eyes
05. W.B.A.T.
06. Gullible’s Travails (Pt L-LV)
Ab sofort heißt mein Album des Monats nur noch Album Tipp des
Monats. Das entspricht mehr dem was es tatsächlich ist. Ein Tipp nämlich. Und
nicht unbedingt das beste Album des Monats.
Nachdem das geklärt ist, wenden wir uns der vorliegenden
Platte zu. Es war für mich gar nicht so leicht, unter den aktuellen Neuerscheinungen
eine passende zu finden. Seit über 20 Jahren machen die drei Musiker aus
Trondheim gemeinsam Musik. Wobei der Drummer immer mal wieder ausgetauscht
wurde und lange Zeit auch wechselnde Keyboarder mit von der Partie waren. Die
aktuelle Besetzung mit Bent Saether
(voc, bass), Hans Magnus Ryan (voc, git) und Kenneth Kapstad (drums) scheint mir die kompakteste zu sein. Der Sound der
Band ist nun bereinigt von allen Spielereien und allem unnötigen Beiwerk. Nicht
dass ich die eher poppigen und verspielteren Platten
der Jungs, „Let Them Eat Cake“ und die beiden
folgenden, nicht mochte. Im Gegenteil, durch sie wurde ich erst so richtig
aufmerksam auf die Band. Aber Motorpsycho sind so
viel mehr als eine Neo Psychedelic
Westcoast Band. Norwegische Westcoast
natürlich. Ihren eigenen Weg sind sie sowieso immer gegangen. Am Anfang eher
vom Metal beeinflusst als von Grunge oder so
genanntem Alternative Rock spielten sie ihre Version von wüstem Hardrock mit
Kiffer Komponente. Mit der Zeit wurde das dann ausgefeilter, filigraner und
manchmal auch leiser bis hin zu folkigen Passagen.
Dann wie gesagt der Ausflug zu Psychedelia und Pop.
Und nun schließt sich der Kreis. Sie sind im Grunde wieder am Anfang
angekommen. Allerdings wirkt das nun bei allem Ungestüm, aller Kraft und Härte,
die ihre Musik widerspiegelt, so viel durchdachter und durchkomponierter.
„Heavy Metal Fruit“ heißt diese LP denn
auch. Es ist die Frucht einer langen Reife. Nahezu perfekt und doch so wild und
brachial in Teilen. In den ruhigen Momenten aber auch von einer tiefen
Schönheit und Ausgeglichenheit. Das erinnert mitunter sogar an frühe King Crimson Platten, meist aber eher an Hawkwind,
obwohl Motorpsycho nie so ausufern und sich
verlieren, wie es der Band um Dave Brock nur zu oft passierte. Nur sechs Tracks
finden sich auf den drei LP Seiten. Seite 1 ziert eine passende spacige Gravur. Bis auf die kurze Akustik Vignette „Close Your Eyes“ alles
längere Tracks. Und das Zentrum, der Kulminationspunkt ist das über 20-minütige
„Gullible’s Travails“
auf der letzten LP Seite. Ich habe erst kürzlich wieder die zweite und dritte
LP von Tangerine Dream
gehört („Alpha Centauri“ und
„Zeit“), und ich vermute sehr, dass die Norweger diese Platten auch
kennen. Manche Soundideen und Strukturen scheinen direkt von dort übernommen.
Möglicherweise kommt man auch zwangsläufig auf ähnliche Ideen, wenn man in
ähnlichen Sphären unterwegs ist. Neben den klassischen Instrumenten der Rock
Trio Besetzung kommen hier natürlich auch Keyboards und sogar eine Trompete zum
Einsatz. Und Hanne Hukkelberg ist als Background
Sängerin dabei. Dennoch ist es erstaunlich, dass alle Klänge, seien sie auch
noch so spacig und abgefahren, im Wesentlichen von
den drei Musikern der Stammbesetzung mit ihren Stamminstrumenten erzeugt
werden. Ich bin schon sehr gespannt darauf, wie das auf der Bühne klingen wird.
Bis jetzt waren Motorpsycho live noch nie eine
Enttäuschung. Wenn das moderner Prog
ist, dann bitte mehr davon! ****
Album des Monats Dezember 2009
Bob Dylan – Christmas In The Heart (LP/CD,
Besetzung:
Bob Dylan – vocals, guitar, electric piano,
harmonica
Tony Garnier
– bass
George Receli
– drums, percussion
Donnie Herron – steel
guitar, mandolin, violin, trumpet
David Hidalgo – guitar,
accordion, mandolin, violin
Phil Upchurch – guitar
Patrick Warren – piano,
organ, celeste
Trackliste:
01. Here Comes Santa Claus
02. Do You Hear What I Hear?
03. Winter Wonderland
04. Hark The Herald Angels Sing
05. I’ll Be Home For Christmas
06. Little Drummer Boy
07. The Christmas Blues
08. O’ Come All Ye Faithful (Adeste Fideles)
09. Have Yourself A Merry Little Christmas
10. Must Be Santa
11. Silver Bells
12. The First Noel
13.
14. The Christmas Song
15. O’ Little Town Of
Ja, ich weiß, Weihnachten ist vorbei. Aber nach Weihnachten
ist vor Weihnachten, also bitte! Diese LP vom alten Grantler
Bob ist mir in den letzten Tagen und Wochen richtig ans Herz gewachsen. Man
merkt einfach, dass es ihm eine fast kindliche Freude bereitet hat, diese
Standards und Klassiker zu spielen und zu singen. Und man muss nicht mal
unbedingt ein Bob-Cat ein, um beim Zuhören daran Spaß
zu haben. Was Mister Zimmerman hier als Jack Frost
zusammen gemixt hat kann man in feierlicher Stimmung am Heiligen Abend ebenso
genießen wie am folgenden Morgen mit einem Augenzwinkern und einem Lächeln auf
den Lippen. Er singt sogar eine Strophe auf Lateinisch. Trotz Glöckchen und
Engelschören wird es nie kitschig. Da sei Bobs Raspelorgan vor. Fast etwas
bizarr gerät die Stimmung bei der großartigen Polka „Must
Be Santa“ und etwas später bei „Christmas Island“, nur echt
mit Hawaii Gitarren. Eingespielt wurde die Platte im Wesentlichen von Bobs
aktueller Tourband bzw. von den gleichen Musikern, die auch schon auf „Together Through Life“ zu
hören sind. Dazu kommen dann eben noch ein paar zusätzliche Stimmen wegen der
weihnachtlichen Stimmung. Kein einziger der Songs stammt von Bob selbst. Alles
mehr oder weniger Klassiker wie gesagt. Ok, wer eine
Weihnachtsphobie hat oder allergisch auf gewisse Stimmungen reagiert, der wird
mit dieser Platte nichts anfangen können. Andererseits werden wohl Leute, die
es so richtig feierlich und besinnlich mögen, auch etwas verstört reagieren auf
den einen oder anderen Track hier. Für mich ist das genau die richtige Mischung
aus Besinnlichkeit und ganz leicht verrückter Ausgelassenheit. Diese Platte
wird in Zukunft bei mir zuhause jedes Jahr an Weihnachten gehört. Die
Verkaufserlöse von „Christmas In The Heart“ gehen übrigens komplett an die
Hilfsorganisation Feeding America. ****
Album des Monats November
2009
The Black Hollies – Softly Towards The Light (LP/CD, Ernest Jenning
Record Co., www.myspace.com/theblackhollies)
Besetzung:
Justin Angelo Morey – lead vocals, bass, vibraphone, mellotron
Jon Gonnelli
– organ, piano, mellotron, guitar
Herbert Joseph Wiley V
– guitars, mandolin, piano, vocals
Nicholas Ferrante
– drums
Trackliste:
03. Run With Me Run
04. Gloomy Monday Morning
05. When You’re Not There
06. Everything’s Fine
07. Number Ten Girl
08. Lead Me To our Fire
09. Look What You’ve Done
10. Can’t Stop These Tears
11. How Did We Get Here
12. Don’t Be Afraid To Ask
Aus Jersey City kommt dieses Quartett von Sixties Connaisseuren, deren eigene Musik gleichwohl so modern
und frisch klingt, wie die ihrer Vorbilder aus Motown
und Northern Soul sowie Artpop und Popsike britischer
Prägung damals. Die Band gibt es vielleicht drei oder vier Jahre. Deutlich ist
die Begeisterung der vier Jungs, von denen keiner älter als 25 sein dürfte, für
originale 7“45s aus den Sixties, für Bands wie The Small Faces, The Creation aber auch The Flirtations, The Supremes. Sie selbst nennen auch spätere UK Bands wie The Charlatans als Einfluss oder die Lektüre der Bücher von
Richard Brautigan. Beste Referenzen also. „Softly Towards The Light“ ist die dritte LP der Band, die übrigens
auch regelmäßig 7“45s mit non-Album Tracks
veröffentlicht. Wie es sich gehört. Und die Band nimmt ihre Musik analog auf,
weil sie es so will und den warmen Sound klassischer 2-Zoll Bandmaschinen
liebt. Aber widmen wir uns dem vorliegenden Album. Wie gesagt, das klingt alles
sehr nach den besten Momenten der späten Sixties. Die
englischen Hollies und ihr Album
„Butterfly“ kommen mir in den Sinn. Oder Simon Dupree
& The Big Sound, The Marmalade, The Flying Machine, The Herd, all diese an
Beat und R&B geschulten Pop Bands der späten 60er in England. Aber auch
ihre US amerikanischen Äquivalente wie The Strawberry Alarm Clock oder The Blues Magoos. Die von den
Musikern selbst ge-nannten Northern Soul Favoriten
sind in ihrer Musik nicht so deutlich wieder zu erkennen. Und ihr Gesamtsound
ist wie bereits eingangs gesagt schon moderner, geschult an den Produktionen
des Britpop ebenso wie den vielen so genannten The-Bands von The Strokes bis The Libertines. Die Songs der Band überzeugen durch clevere Hooklines und hohen Mitsing- und Ohrwurm Charakter. Dabei
bleibt immer Raum für kleine Studio Gimmicks, kleine Widerhaken im
Melodiefluss. Und auf abwechslungsreiche Instrumentierung wird ebenso Wert
gelegt wie auf schöne Harmonies. Es gibt Bands, die
kopieren die Musik der Sixties einfach. Und es gibt
Bands, die entwickeln sie weiter, ohne sich von ihr all zu weit zu entfernen.
So eine Band sind The Black Hollies,
deren Name übrigens nichts mit der britischen Gruppe aus Manchester zu tun hat,
sondern auf einen Slangausdruck für Amphetamine zurückgeht. Abwechslungsreich,
vielseitig im Rahmen des Genres, mit wunderbaren Melodien spielen sich The Black Hollies an die Spitze
sowohl der internationalen Garage wie Power Pop Szene. Und in meiner
Jahresliste werden sie wohl auch eine nicht unwichtige Rolle spielen. Ich bin
begeistert von diesem gelungenen Album! ****
Album des
Monats Oktober 2009
Them Bird Things – Fly, Them Bird
Things, Fly (CD, Playground, www.myspace.com/thembirdthings)
Besetzung:
Salla Day –
vocals
Stephen Blodgett –
guitars, organ, vocals
Timo Vikkula – guitars,
bass, organ, vocals
Esa Jussila – guitars,
bass
Ville Särmä
– drums, percussion, vocals
Trackliste:
13. Like A Fire
14. Blood Bank
15.
16. Blue Parakeet
17. Dreaming The Dream
18. I Can See
19. Shame, Shame, Shame, Shame, Shame
20. Copper Bells
21. Your Baby’s Not Your Baby Anymore
22. Black Petals
23. Pockets Of Rain
24. Tomorrow
Diese Scheibe ist bereits im Spätsommer in Finnland
erschienen, leider nur als CD. Durch meinen Freund Esa wurde ich darauf
aufmerksam gemacht. Und nachdem ich die 12 Tracks nun viele Male gehört habe,
bleibt mir nicht anderes übrig, als „Fly, Them Bird Things, Fly“ zum Album des Monats zu küren. Die Geschichte
dieser Platte beginnt imgrunde bereits Mitte der 50er
Jahre in Northfield, Vermont, in den USA. Ein
jugendlicher Michael Brassard ist von dem neuen Sound
namens Rock’n’Roll dermaßen begeistert,
dass er mit seinem Kumpel Stephen Blodgett eine Band
gründet. Die Garage Combo Mike & The Ravens hat in den frühen Sixties
ein paar lokale Hits, löst sich aber schon bald wieder auf. Blodgett
und Brassard schreiben jedoch weiter gemeinsam Songs
und nehmen diese auch als Demos auf. Knappe 50 Jahre später lernt die Finnin Salla Day, Organistin der Band Branded
Women aus Helsinki, bei einem USA Aufenthalt durch
Vermittlung von Monks Intimus und Produzent Will Shade
das immer noch produktive Songwriter Duo kennen. Salla ist von den größtenteils unveröffentlichten Songs aus
dem Archiv der Beiden so angetan, dass sie kurzerhand beschließt, eine neue
eigene Band zu gründen, um diese Songs zu spielen und aufzunehmen. Und so kam
es, dass Blodgett und Brassard
zusammen mit Will Shade im Winter 2008/9 nach
Helsinki flogen, um gemeinsam mit vier jungen finnischen Musikern diese
wundervolle zeitlose Pop Rock Platte zu produzieren. Obwohl die Songs zum
großen Teil aus den Sixties stammen, klingt diese
Musik im Ergebnis überhaupt nicht retro. Aber
natürlich atmet die Musik jede Menge Americana. Sallas Stimme hat etwas countryhaftes
oder besser noch folkmäßiges. So laid
back, so unaufdringlich, und doch so einschmeichelnd und betörend bisweilen.
Die Musik ist mal Folkrock, mal Bossanova, mal Garage
Pop, mal Acid Rock oder sogar Blues. Eine
phantastische und abwechslungsreiche Mischung. „I Can
See Russia From Here“ enthält das originellste Gitarren-Nicht-Solo,
das ich je gehört habe. „Shame, Shame, Shame“ könnte direkt
aus „Grease“ oder einem ähnlichen
Tanzfilm sein. „Like A Fire“
klingt als hätten sich Peter Buck und Lloyd Cole zu einem kleinen Jam getroffen. Und „Blue Parakeet“
verbindet Lounge mit Weird Folk. In der zweiten
Hälfte des Albums wird es leicht psychedelisch und melancholisch. Trennung,
Vergänglichkeit, Trostlosigkeit sind die Themen. Und doch schafft es die Musik,
Hoffnung zu wecken und eine gewisse Geborgenheit zu vermitteln. James Lowe, Sänger und Gitarrist der Psych
Punk Legende The Electric Prunes,
fast es in seinen Liner Notes zum Album unter der Überschrift „Visions in Sound“ sehr schön zusammen. Salla Day hatte diese Vision. Sie ist mit ihrer
unvergleichlichen Stimme die Seele dieses Albums, die Seele, die alles
zusammenhält und mit dem wundervollen optimistischen „Tomorrow“
den Bogen zu einem fast hymnischen Finale schließt. ****
Album des Monats September 2009
The Bad Dogs
– Good Time, Bad Girl (CD, Bad Dogs, www.myspace.com/thebaddogs)
Besetzung:
Mathilda Buzaré – vocals,
bass
Marie Niquet
– guitar
Paco Sery – drums
Adrien Shimizu – bass
plus brass section
Trackliste:
25. Funkier Than A Mosquito’s Tweeter
26. Je veux etre noir
27. Carry My Pain
28. Good Time, Bad Girl
29. Hold On I’m Coming
30. I Don’t Need No Western
31. Power To My Amp
32. Happy Birthday Mary
33. Have You Ever Loved A Woman?
34. I Can’t Explain
35. Groovin’
36. Cold Turkey
37. I Wanna Be A Black Star / Je veux etre
noir
So ganz
genau weiß ich noch nicht, was ich von dieser Band und dieser Scheibe halten
soll. Spontan war ich allerdings ziemlich begeistert, als ich vor drei Wochen
einem Link in ihrer unverlangt zugestellten Werbemail folgte und einige
Kostproben des nun erschienenen Debütalbums hörte. Und nach mehrmaligem Anhören
des kompletten Albums bin ich immer noch ziemlich angetan von der Frische und
Unverkrampftheit einerseits, und von der Chuzpe und Unverfrorenheit dieser
jungen Leute andererseits. Möglicherweise stecken ja sogar ein paar erfahrene
ausgebuffte Musikprofis hinter dem Ganzen. Ich weiß es nicht. Wenn man den Infos
im Netz bei MySpace und YouTube
traut, dann handelt es sich hier um zwei junge Mädels aus einem Außenbezirk von
Paris, Mathilda (Gesang, Bass, 16 Jahre) und Marie (Gitarre, 18 Jahre), sowie
ein paar kaum ältere Jungs an Schlagzeug und diversen Blechblasinstrumenten.
Zumindest im Studio waren bestimmt auch ein paar Profimusiker dabei. Übrigens
auch an einer schönen Schweineorgel, die immer mal wieder auffällt im
Gesamtbild. Und auch die bluesigen Gitarrenlicks hier und da hören sich eigentlich nicht nach
einer 18-jährigen Oberschülerin an. Ich würde The Bad
Dogs zu gerne mal richtig live sehen. Die 13 Tracks auf ihrer Debüt CD klingen
jedenfalls sehr schön. Manchmal vielleicht eine Spur zu professionell, wenn ich
das mal so sagen darf. Und eigentlich müsste diese Musik ja auf Vinyl
veröffentlicht werden. Ach ja, die Musik. Das ist eine Mischung aus Soul,
R&B, Funk, Ska und moderner Black Music mit einem
Hang zu Rock und Blues. Neben einigen recht gelungen Eigenkompositionen der
beiden Mädels gibt es Songs von Porter / Hayes, Bob
Marley, John Lennon, Nino Ferrer und noch anderen zu
hören. Das klingt manchmal so, als wäre da eine coole mit allen Wassern
gewaschene Soul und R&B Combo zugange. „I Wanna
Be A Black Star“, singt Mathilda mit kräftiger Stimme, die allerdings bei
vielen der Titel wohl gedoppelt wurde. Und die Backgroundstimmen hören sich
fast so an, als wären sie ebenfalls von dem kleinen dunkelhäutigen Krauskopf
eingesungen. Bei „Carry My Pain“ gniedelt Marie auf der Gitarre rum, als hätte sie seit
Jahren nichts anderes gemacht. Das Titelstück „Good Time, Bad Girl“
hört sich im Vergleich zu den meisten anderen Tracks sehr modern an. Fast wie
eine aktuelle Nummer der Black Eyed Peas etwa. „Hold On I’m
Coming“ wird solide vorgetragen. Originell ist
„I Don’t Need
No Western“, das mit allerlei technischen Spielereien und einem gepitchten Ska Rhythmus so eine
Art Novelty Charakter hat. „Power
To My Amp“ ist moderner
Garage Pop und mein momentaner
Lieblingstrack. Bei
„Happy Birthday Mary“ muss ich irgendwie an „Happiness Is A Warm Gun” denken. “Have You Ever Loved A Woman” ist wieder ein
Cover. Ich weiß nur
nicht, wer das Original spielte. Die Interpretation hier ist sehr traditionell bluesig und nicht uncharmant. Dass hier eine 16-Jährige
singt, macht die Sache allerdings irgendwie – unglaubwürdig. „I Can’t Explain“ ist
dann wieder sehr gelungen und erinnert mich spontan an Duffy.
„Groovin“ zitiert Bob Marleys „Exodus“, kommt aber
eher als Uptempo Dancehall
Nummer daher. Die Gitarre bei „Cold Turkey“
klingt exakt wie beim Original. Und auch sonst orientiert sich die Version der
Mädels zu sehr an der Plastic Ono Band, ohne je deren
Intensität auch nur annährend zu erreichen. Wir wollen doch hoffen, dass
Mathilda hier nicht aus eigener Erfahrung singt. Und sie klingt auch nicht so.
Zum Schluss gibt es noch mal eine gelungene lange Version von „I Wanna Be A Black Star“, das in jedem Club ein
sicherer Floorfiller wäre. ****
Album des Monats August 2009
The XX – s/t (LP, XL Recordings, www.myspace.com/thexx)
Besetzung:
Romy Madley Croft – vocals, guitar
Oliver Sim
– bass, vocals
Jamie Smith – beats,
MPC
Baria Qureshi – keyboards,
guitar
Trackliste:
Seite 1
38. Intro
39. VCR
40. Crystalised
41. Islands
42. Heart Skipped A Beat
43. Hot Like Fire
Seite 2
01. Fantasy
02. Shelter
03. Basic Space
04. Infinity
05. Night Time
06. Stars
Die Entscheidung für das Album des Monats ist mir dieses Mal
wirklich leicht gefallen. Ein schöneres, spannenderes, packenderes
Debüt hab ich seit Jahren nicht gehört. Und wie es scheint, geht es mir da
nicht alleine so. Eine Konsensplatte, die vielleicht gar Album des Jahres in
vielen Listen sein wird. Ich weiß nicht so recht, warum diese Platte so eine
Wirkung auf viele Menschen hat. Massenkompatibel klingt sie doch eigentlich nicht.
Andererseits, wenn ich es recht bedenke, bietet sie auch keinen Anlass, sich zu
reiben oder Abstand zu halten. Im Gegenteil. Diese leise und doch präsente
Musik ist so eigen, so speziell, dass man einfach hinhören muss. Und in ihrer
filigranen gleichsam zerbrechlichen Schönheit zwingt sie einen aufmerksam zu
sein. Da sind vier Teenager aus dem Süden Londons. Einige von ihnen offenbar
mit Migrationshintergrund. Nicht dass das eine Rolle
spielte. Diese Band und ihre Musik sind universell. Sie steht quasi über den
Stilen, wenn man anerkennt, dass sie in einem modernen popmusikalischen Kontext
entstand. Die Vier sind Fans von Aaliyah und Missy Elliott ebenso wie von The Cure oder The Kills.
Und übrigens ist das nur auf der Vinylversion des Albums enthaltene „Hot Like Fire“ ein Cover eines Aaliyah Hits aus der Feder von Missy
Elliott und Timbaland. Eine ganz großartige
Coverversion, die den Song völlig neu und auf eigene Art interpretiert. In den
vielen Reviews zu dem Album, die ich gelesen habe,
wird immer wieder versucht, die Band in irgendeine Schublade zu stecken, sie in
einer Tradition zu hören. Sei es die frühe 80er Gothic
Szene oder die so genannten Shoegazer der späten
80er. Sei es The Velvet
Underground oder der Triphop aus Bristol in den
frühen 90ern. Ich weiß nicht, ob die vier Mädels und Jungs diese vermeintlichen
Vorbilder oder Stilbildner überhaupt alle kennen oder
je von ihnen gehört haben. Ich glaube es eigentlich eher nicht. Ihre Platte
klingt in meinen Ohren eher wie etwas vollkommen Eigenständiges, Einzigartiges.
Im ersten Moment kamen mir die Young Marble Giants und ihr genauso einzigartiges Debüt aus dem Jahr
1980 in den Sinn. Aber die vermeintliche Parallele ist letztlich auch nur eine
eher äußerliche, oberflächliche. Die Musik hier ist sehr ruhig, atmosphärisch
klar, stimmungsvoll, trotzdem rhythmisch und immer auf eine unaufdringliche
Weise optimistisch. Es sind die Harmonien, die Tonlagen im Verbund mit den
sparsamen doch äußerst effektiven Arrangements, die alle Tracks auf dieser LP
so eindringlich und unverwechselbar machen. Man muss gar nicht verstehen, was
da gesungen wird. Man wird unwillkürlich gefangen genommen von der positiven
Energie, die da aus den Lautsprechern kommt. Und es sind die unterschwelligen
Vibrationen, die warmen Basstöne, die einen mitnehmen und einfangen.
Erstaunlich, dass diese Wirkung sowohl bei Leuten auftritt, die sonst Musik
eher analytisch und intellektuell wahrnehmen, wie auch bei Menschen, deren
Rezeption zuerst mit dem Gefühl, dem Herzen stattfindet. Es wird sehr schwer
sein für die Band, dieses vollkommen unvorbelastete und makellose Debüt
irgendwann zu übertreffen. Und vielleicht wird das auch gar nicht nötig sein.
Solche Platten entstehen nur, wenn man jung, unschuldig und voller Träume ist. *****
Album des Monats Juli 2009
Besetzung:
John Gourley – vocals, guitar
Zach Carothers
– bass, vocals
Jason Sechrist
– drums
Ryan Neighbors
– keyboards, vocals, percussion
Trackliste:
07. People Say
08. Work All Day
09. Lovers In Love
10. The Sun
11. The Home
12. The Woods
13. Guns & Dogs
14. Do You
15. Everyone Is Golden
16. Let You Down
17. Mornings
Bis zur letzten Woche war ich mir überhaupt noch nicht im
Klaren darüber, was mein Album des Monats Juli sein könnte. Die LP von The Dead Weather
habe ich noch nicht. Aus Finnland habe ich keine wirklich aktuellen LPs
mitgebracht. Warum also nicht Alaska? Zumindest der Breitengrad passt schon
mal. Portugal. The Man gibt es erst seit fünf Jahren.
Eine sehr produktive Band, denn dies ist bereits ihr viertes Album neben fünf
Singles/EPs. Ich werde den Bandnamen jetzt nicht erklären. Ihr findet die
entsprechenden Webseiten auch selbst. Ich schrieb eben Alaska, aber da wurde
die Gruppe lediglich gegründet und von dort bezieht sie nach eigener Aussage
ihre ständige Inspiration. Leben und arbeiten tun die vier Jungs in Portland,
Oregon, wenn sie nicht – wie jetzt gerade – heftig auf Tournee
sind. Ich bin völlig unvorbelastet was die Musik der Band betrifft. Ja, den
einen oder anderen Track habe ich bei Radio Eins in den vergangenen zwei Jahren
schon mal gehört. Tauchte der Name Portugal. The Man
doch immer mal wieder auf der Playliste des Senders
auf. Die Musik hinterließ jedoch bei mir offenbar keinen bleibenden Eindruck.
Nett aber eher langweilig, hätte ich vor zwei Wochen noch geurteilt. Und nun
dies. Eine Sommerplatte schlechthin. Jeder Song ein Ohrwurm. Entspannt und
locker, hier und da leicht psychedelisch. Mitunter fast schon Mainstream Pop, oder zumindest so ein intelligenter,
abgeklärter Pop, der sich nicht scheut von Steely Dan
bis zu aktueller Sample und Hip Hop Kultur alles zu
verarbeiten, was als cool gelten darf. Ich bin gespannt, ob sich die Gruppe mit
dieser Platte auf breiter Front etabliert. Musikalisch spricht dagegen gar
nichts. Aber die entsprechenden Medien sowohl in den USA und hier in
Deutschland ignorieren die Platte bzw. bekommen sie gar nicht mit, weil eine
gut geölte Major Promotion Maschine fehlt. Ob der Coolness Faktor für den Umweg
über angesagte Szene Multiplikatoren ausreicht, wird sich zeigen müssen. Ich
glaube, ein Problem der Jungs ist, dass sie ursprünglich als Indie Rock Band mit Prog
Ambitionen angetreten sind. Davon ist nichts, aber auch gar nichts mehr übrig.
Stattdessen Panorama Pop, Beach Boys Harmonien, hier ein Elektro
Piano, dort ein kleines Gitarrensolo, wie es George Harrison Mitte der 60er
nicht besser hätte einfallen können. Und über allem der oft falsettartige
Gesang, der hin und wieder gar an John Lennon erinnert. Eine ausgesprochen
abwechslungsreiche Pop Platte wie aus einem Guss. Dabei mit elf Tracks von
durchschnittlich dreieinhalb Minuten Länge angenehm überschaubar. Wenn der
letzte Ton der Streicher auf „Mornings“
verklungen ist, dreht man mit Freude die Scheibe wieder um und setzt die Nadel
am Anfang von „People Say“ wieder auf, um
gleich noch mal das geniale Eingangsriff von Orgel und Gitarre zu vernehmen.
Und spätestens beim dritten Mal singt man mit. Übrigens ist auch die Aufmachung
des Albums mit einem sehr psychedelischen Cover zum mehrfachen Ausfalten sowie
einer limitierten Pressung in violettem Vinyl mit blaurotem Swirl
Muster ganz hervorragend. Ob sie mir zum Jahresende hin noch immer so gut
gefällt wie jetzt? ****
Album des Monat Juni 2009
The Pains Of
Being Pure At Heart – s/t (LP, Fortuna Pop, www.myspace.com/thepainsofbeingpureatheart)
Besetzung:
Kip
Berman – vocals,
guitar
Kurt Feldman – drums
Alex Naidus
– bass
Peggy Wang – keyboards,
vocals
Trackliste:
18.
Contender
19.
Come Saturday
20.
Young Adult Friction
21. This Love Is Fucking Right!
22. The Tenure Itch
23. Stay Alive
24. Everything With You
25. A Teenager In Love
26. Hey Paul
27. Gentle Sons
Auf diese Band aus New York wurde ich durch Moabit-Peter
aufmerksam gemacht. Vielen Dank dafür. Ihr kennt Moabit-Peter nicht? Der ist
ein Urgestein der Berliner Szene und geht auf fast jedes Rock Konzert in der
Stadt seit über 40 Jahren. Bei den Stones in der Waldbühne war er schon dabei.
Und er kauft natürlich nur Vinyl. Aber das nur am Rande. Auf Empfehlungen von
Moabit-Peter kann man sich meist verlassen. So auch hier. Diese drei Jungs und
das Mädel sind noch sehr jung. So um die 20 denke ich. Entsprechend unbedarft
und ungestüm gehen sie zu Werke. Diese vier Teenager sind die Antipoden zu
jedem Casting oder Popstar Wettbewerb. Und gerade
deshalb sind sie der pure Pop! Songs wie „Young Adult
Friction“ oder „This
Love Is Fucking
Right!“ stürmen mit einer Chuzpe und einen ungeheuren Charme vorwärts.
Einfach wunderbar! Neu oder musikalisch innovativ ist an der Musik hier nichts.
Und doch macht dieses Debütalbum so viel Spaß wie noch kein anderes in diesem
Jahr. Gitarren Schrammeln herzallerliebst, fast jeder
Akkord ein Hook! Die Melodien sind schlicht und
einprägsam und dabei meist ein bisschen schief, so Kinderhymnen halt. Der Bass
treibt und bollert, das Schlagzeug scheppert und kracht. Alles in Dur natürlich
und in flottem Tempo. Auch wenn die Kids keine ausgebildeten Stimmen haben, so
singen sie doch mit Gefühl und wirklich schön, manchmal einzeln, manchmal im
Chor. Ab und zu jingeln und jangeln
die Gitarren auch. Und eine fröhliche Quietscheorgel
quäkt dazwischen. Wenn man die Einflüsse aufzählt, die hier rauszuhören sind,
wird einem ganz schwummerig. The
Smiths, The Television Personalities, Field Mice, My Bloody Valentine, The
Jesus And Mary Chain, The Vaselines, Ramones, Kurt Cobain. Ja, die wurden alle schon genannt
in Reviews und Artikeln über die Vier aus Brooklyn.
Und das Schöne ist, man hört all diese musikalischen Einflüsse auch irgendwo
auf der Platte. Zehn Tracks und eine Gesamtspielzeit von rund 35 Minuten,
klassisch also. So fröhlich und unbeschwert die Musik klingt, so ernst und
manchmal tragisch sind die Teenager Dramen, die hier besungen werden. Wie die
Musik relativ direkt und gerade heraus und manchmal entwaffnend ehrlich und
schonungslos. Die Musik von Bands wie Franz Ferdinand oder Maximo
Park wirkt dagegen konstruiert und unspannend. Man könnte auch uninspiriert
sagen. The Pains Of Being Pure At Heart, alleine der
Bandname ist schon die halbe Erklärung dessen, was man hier hört. Ich hoffe die
Vier kommen bald wieder nach Berlin. Ihren Auftritt im Frühjahr hab ich
verpasst. Und live sind sie bestimmt genauso toll wie auf der LP. Die erschien
bereits im März, aber ich wurde wie gesagt erst jetzt darauf aufmerksam
gemacht. ****
Album des Monat Mai 2009
The Soundtrack Of Our Lives
– Communion (DoLP, Haldern Pop, www.myspace.com/officialtsool)
Besetzung:
Ebbot Lundberg
– vocals, mellotron
Ian Person – guitar
Mattias Bärjed – guitar
Fredrik Sandsten
– drums
Kalle Gustafsson Jerneholm – bass
Martin Hederos
– keyboards
Trackliste:
01.
02. Universal Stalker
03. The Ego Delusion
04. Pineal Gland Hotel
05. RA 88
06. Second Life Replay
07. Thrill Me
08. Fly
09. Pictures Of Youth
10. Mensa’s
Marauders
11. Just A Brother
12. Distorted Child
13. Everything Beautiful Must
Die
14. The Fan Who Wasn’t
There
15. Flipside
16. Lost Prophets In Vain
17. Songs Of The Ocean
18. Digitarian
Riverbank
19. Reconnecting The Dots
20. Without Warning
21. Utopia
22. Saturation Wanderers
23. Lifeline
24. The Passover
Es ist ja
kein Geheimnis, dass diese Band seit Jahren zu meinen Favoriten gehört. Sowohl
auf der Bühne als auch im Studio haben mich die sechs Schweden immer wieder
begeistert. Und auch dieses neue fünfte reguläre Studioalbum der Band aus
Göteborg macht da keine Ausnahme. In ihrer Heimat erschien Communion
als Doppel-CD bereits Ende 2008. Nun ist es auch auf
Vinyl erhältlich beim deutschen Label Haldern Pop,
das wie es scheint mit dem gleichnamigen jährlichen Festival am Niederrhein eng
verbunden ist. Ich habe bisher nirgends einen Hinweis auf die Absicht hinter
der Covergestaltung gefunden. Während das Artwork
früherer LPs der Band mehr oder weniger zum Inhalt und der Musik passte, ist
man bei diesem Cover doch etwas ratlos. Aus einem Werbeprospekt für
Lebensversicherungen oder Familienplanung scheinen die Fotos von freundlichen
Menschen verschiedener Herkunft und jeden Alters entliehen. Könnte aber auch
eine Broschüre der Zeugen Jehovas oder
von Scientology sein. Ist das irgendein besonderer Humor, den ich nicht
verstehe? Oder sind da geheime Botschaften enthalten? Wir werden das hier jetzt
nicht klären. Und deshalb widmen wir uns der Musik. Die Jungs spielen hier im
Prinzip, die Musik, die sie immer schon gespielt haben. Sehr melodischen, fein
ziselierten, leicht psychedelischen, Sixties und Seventies orientierten Rock. Mitunter sehr rifflastig und an die Stones der 1970er Jahre erinnernd.
Dann wieder verspielt und akustisch verhalten mit kleinen melodischen Haken und
Ösen, die an Pink Floyd kurz nach Syd Barretts Ausscheiden denken lassen. Manchmal wirkt das auch
sehr verträumt, fast zart. Dann wieder hymnisch und kraftvoll. Die einzelnen
Songs sind von gewohnt hoher Qualität. Die Texte oft ähnlich fantasievoll und
mehrdeutig wie die Musik. Hin und wieder aber auch geradezu schlicht und
bodenständig und universell in ihrer Aussage. All zu bedeutende oder
tiefgründige Botschaften sollte man jedoch nicht erwarten. In aller Regel
bilden Text und Musik eine schöne Einheit, die vor allem das Gefühlszentrum anspricht.
Auch wenn vieles auf diesen beiden LPs so klingt, als hätte man es so oder
ähnlich schon vor Jahren in anderen Zusammenhängen gehört, die Wirkung ist doch
wieder eine höchst angenehme. In gewisser Weise ist diese Doppel-LP
eine Art Quintessenz der vielen direkten und indirekten Vorbilder. Die Stones
klingen sowieso an, aber auch The Who
(Zeitraum Who’s Next),
Pink Floyd (More), Led
Zeppelin III, British Folk und natürlich auch so eine bestimmte Art, das alles
zu verbinden und zu verarbeiten, die dann tatsächlich typisch TSOOL ist. Mit
den Worten des deutschen Rolling Stone Kolumnisten Benjamin von Stuckrad-Barre (dessen Kompetenz ich sonst eigentlich wenig
Vertrauen schenke) kann man auch schreiben: „Wer überhaupt keine
Rockplatte besitzt, sollte diese kaufen, sie enthält zehn verschiedene.“
Die einzige Coverversion auf der Platte passt ganz hervorragend in das
Gesamtbild. Nick Drakes „Fly“ klingt hier
zwar bombastischer als das sehr sparsame Original, aber genauso großartig und
hymnisch. Mit Communion haben die Neo-Hippies um den
bärtigen, weite Gewänder oder Kutten tragenden voluminösen Sänger Ebbot Lundberg die Platte für
einen langen heißen skandinavischen Sommer vorgelegt. Das wird wohl – u.a. – der Soundtrack meines Finnland Urlaubs werden
dies Jahr. ****
Zum meinem Album des Monats Mai
erreichte mich eine Mail des treuen Lesers Jens Kliem,
der ein Artikel aus dem „Musik Express“ als PDF angehängt war.
Darin erläutert Ebbot Lundberg
im Interview die Absicht hinter der Covergestaltung von „Communion“. Die Bilder von strahlenden, schönen und
gut gelaunten Menschen aus einem Foto-Pool für Werbeagenturen sollten in ihrer
aufgesetzten, künstlichen, ja bösartigen Vorspiegelung von heiler Welt den
Betrachter verunsichern und provozieren. Das ist – bei mir jedenfalls
– gelungen. Ebenso wie einige der Songtexte ist das Cover ein Kommentar
der Band zur Weltwirtschaftskrise. – Na dann…
Album des Monats April 2009
Norb Payr –
Besetzung:
Norb Payr – vocals, guitars, bass, blues-harp
Gernot Feldner – piano
Ed Schnabl
– guitars
Klaus Sypal
– accordion
Ara, Zarikian – drums
Trackliste:
01.
02. Hey Mister
03. Early In The Morning
04. Hiding Place
05. Last Night
06. Dark Man
07. On The Floor
08. No Question Of Time
09. Cloud 9
10. Dude On The Tree
11. Memory
12. Ordinary Guy
13. Running Up
14. In The Morning
15. You Better Stop
16. Time
Wir kennen Norb Payr als Gitarristen der Wiener Neo-Sixties,
Mod, R&B Band The Jaybirds, die nun auch schon bald 20 Jahre existiert. Bei The Subcandies, ebenfalls aus
Wien und ebenfalls den Sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zugetan, hat
er ausgeholfen als Songschreiber und an der Gitarre. Dies ist nun sein erstes
Soloalbum. Und es ist anders. Eigentlich ein klassisches Singer/Songwriter Album. Ein sehr britisches oder doch britisch
inspiriertes, stelle ich fest. „Early In The Morning“ z.B. klingt
ganz so, als käme es geradewegs aus englischer Folk Tradition. Die meisten
Songs hier machen den Eindruck, als hätte man sie schon unzählige Male gehört.
Alles wirkt so vertraut, so angenehm unaufgeregt und so schön anheimelnd und
auf beruhigende Weise entspannt. Und doch sind es allesamt neue Songs,
geschrieben von Norb Payr höchstselbst. Arrangement und Instrumentierung wirken sehr
bodenständig. Wie bei solchen Folkrock und Rockpop Scheiben der späten 60er und
frühen 70er Jahre. Und natürlich schlägt der Sixties
Pop hier und da auch wieder durch. „Cloud 9“ wirkt durchaus Beatles
inspiriert. Und Norbs Stimme klingt in seltenen
Momenten fast ein bisschen nach John Lennon. Bei „Dude
On The Tree“ denkt
man unwillkürlich an den „Fool On The Hill“, aber auch an Syd
Barrett und mehr noch an Ronnie Lane,
den leider schon verstorbenen früheren Bassisten der Small Faces,
der mit seiner Band Slim Chance in den 1970er Jahren
einige tolle und ebenfalls vollkommen unscheinbare LPs aufgenommen hat. Norb kennt Ronnies Solowerk nicht, sagt er. Doch intuitiv
hat er wohl einen ähnlichen Weg eingeschlagen wie damals Ronnie vom Beat, Modsound und R&B zum Folk und anderen traditionellen
Spielarten. Herausgekommen ist eine wirklich hörenswerte Kollektion von Songs,
Geschichten, musikalischen Erzählungen, die in ihrer Schlichtheit bestechen.
Die Saiteninstrumente sowie Bluesharp und Kalimba spielt Norb zumeist
selbst. Und er singt natürlich. An Piano, Orgel, Drums
und gelegentlich einer zusätzlichen 12-Saitigen wird er von Freunden
unterstützt. 16 Tracks hat dieses Debütalbum. Eine feine Songsammlung wie aus
einem Guss. Von den einleitenden Pedal Steel Klängen bei „Wild Wild Sea“ über das fast ein
bisschen an Nick Drake erinnernde schwebende „Dark
Man“ bis zum bluesigen „You Better Stop“
und dem abschließenden leicht hymnischen „Time“. Diese Platte ist
– ich kann es nicht anders sagen – im besten Sinne zeitlos. ****
Album des Monats März 2009
The Decemberists
– The Hazards Of Love (2LP,
Rough Trade, www.myspace.com/thedecemberists)
Besetzung:
Colin Meloy – vocals, guitar
Chris Funk – guitar,
pedal steel guitar, keyboards
Jenny Conlee
– keyboards, accordeon
Nate Query – bass
John Moen – drums
Plus diverse Gastmusiker
Trackliste:
01. Prelude
02. The Hazards Of Love
03. A Bower Scene
04. Won’t Want For Love (Margaret In The Taiga)
05. The Hazards Of Love 2
06. The Queen’s
Approach
07. Isn’t It A Lovely
Night?
08. The Wanting Comes In
Waves / Repaid
09. An Interlude
10. The Rake’s Song
11. The Abduction Of Margaret
12. The Queen’s Rebuke
/ The Crossing
13. Annan
Water
14. Margaret In Captivity
15. The Hazards Of Love 3
16. The Wanting Comes In
Waves (reprise)
17. The Hazards
Of Love 4
Ich muss gestehen, dass dieses MusikerInnen-Kollektiv
aus Portland, Oregon, bislang ziemlich an mir vorbei musizierte. Zumindest habe
ich bis auf den einen oder anderen Promo-Track nichts
von der Band wahrgenommen, obwohl die ja nun auch schon seit bald einem
Jahrzehnt existiert und seit 2001 Tonträger veröffentlicht. Infolgedessen kann
ich zur musikalischen Entwicklung wenig sagen. Ich fand Vergleiche mit Wilco, die ich aufgrund der aktuellen Platte jedoch nicht
nachvollziehen kann. In einigen Reviews ist von der
Verschmelzung von Folk und Metal die Rede. Das, mit Verlaub, scheint ziemlich
absurd, wenn man die Platte hört. Allenfalls kann ich eine Verbindung von Folk
und Folkrock mit einigen an Progressive und Art Rock erinnernden Elementen
konstatieren. Möglicherweise wird aber eine gewisse Dichte und Schwere im
Gitarrensound hier und da schon als Metal Einfluss empfunden. Ein gewisser
Manierismus ist der Band zu eigen. Und die männlichen Gesangsparts erinnern
mitunter tatsächlich an eine Mischung aus Thom Yorke und Robert Plant. Die insgesamt 17 Tracks (einige nur
sehr kurze Vignetten) sind erstaunlich abwechslungsreich und unterschiedlich in
Kompositionsweise und Arrangement. Das ist schön. Tatsächlich war der
Ausgangspunkt des Albums eine britische Folk EP von Anne Briggs aus dem Jahr
1966 mit dem Titel „Hazards Of Love“, die
Colin Meloy (Mastermind der
Decemberists) zufällig entdeckte und zu der er eine
eigene ziemlich märchenhafte Geschichte erfand, um die er wiederum diesem
Songzyklus wob. Vor allem im zweiten Teil des Albums wird dann doch eine sehr
große Affinität zu britischem Progrock und Acid Rock deutlich. Da meint man hier und da Deep Purple aber eben auch Pink
Floyd oder gar die Incredible String Band
auszumachen. Von einem Konzeptalbum zu sprechen, wäre wohl etwas übertrieben,
aber ein roter Faden zieht sich wie gesagt durch die Songs, auch wenn dabei
nicht so recht klar wird, was uns der Künstler eigentlich sagen will. Es ist
halt eine echt sagenhafte Geschichte, die da von einer gewissen Margaret
erzählt. Natürlich wird auch immer wieder dasselbe musikalische Motiv
aufgegriffen in „The Hazards
Of Love“. Nicht umsonst gibt es vier Teile des gleichnamigen Songs. Der
zweifellos vorhandene Bombast und mitunter ins Absurde abgleitende Manierismus
der Band mag den einen oder die andere abstoßen. Mir gefällt das, weil die Band
zum Glück nie zu sehr übertreibt und immer wieder rechtzeitig die Kurve kriegt
mit einer Wendung zum schlichten und einfachen Folk. Ja selbst Pedal Steel
Gitarre kommt zum Einsatz und knüpft an die amerikanischen Wurzeln der Musiker
an. Die erste große angenehme Überraschung des Jahres ist dieses Album. In den
USA erschien es auf Capitol und stieg bereits in die Top 10 der Charts
ein, in Europa erscheint es bei Rough Trade und ist
wohl immer noch fast ein Geheimtipp. ****
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