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Psychedelic And Other Situations

Dies ist eine Sonderausgabe von Guitars Galore aus Anlass der ersten inoffiziellen Webseite für den Musiker, Songschreiber und Produzenten Jimmy Curtiss. Die Seite ist auf Englisch unter www.jimmycurtiss.com zu finden.

Die musikalische Karriere von Jimmy Curtiss

Mein erster Kontakt mit Jimmy Curtiss fand im Frühsommer 1967 statt. Im SF-Beat - der besten Radiosendung in Berlin seinerzeit - wurde seine Single "Psychedelic Situation" ein paarmal gespielt. Ich war damals Dreizehn und mein Taschengeld reichte nicht zum Kauf jeder tollen neuen 7“45. Daher wurde mitgeschnitten mit einem kleinen Spulentonbandgerät japanischen Ursprungs. "Psychedelic Situation" landete also auf einem meiner Partybänder und geriet dann irgendwann in Vergessenheit. Erst Jahre später, als ich durch die großartige "Nuggets" Compilation von Lenny Kaye wieder auf die 60's US Garage und Psych Szene gestoßen wurde, erinnerte ich mich an "Psychedelic Situation". Und damit begann eine Suche, die bis heute nicht wirklich beendet ist.

 

JCSingle4Die Single ersteigerte ich 1977 über den "Oldie Markt", damals die einzige Auktions- und Sammlerzeitschrift in Deutschland. Lange Zeit blieb diese 7“45 das einzige musikalische Zeugnis des Jimmy Curtiss für mich. Und aus Gründen, die ich gar nicht erklären kann, ist gerade diese Single, dieser Track für mich eine Art Obsession geworden und zugleich das beste Stück Popmusik aller Zeiten. Vordergründig ist es "nur" eine hübsche psychedelische Bubblegum Nummer, ein "period piece" sozusagen. Aber wenn man genau hinhört, beinhaltet diese Single alles was das Jahr 1967 für die Popmusik ausmachte. Die Nummer ist schnell, tanzbar, absolut catchy! Sie ist höchst originell, sprich unverwechselbar, und sie hat eine eingängige leicht mitzusingende Melodie. Das Arrangement und die verwendeten Soundeffekte sind typisch für die Zeit, einfach aber ziemlich clever. Jimmy Curtiss' Gesang, seine hohe Kopfstimme im Refrain, ist wohl einmalig und hat zumindest einen hohen Wiedererkennungswert. Damit wir uns nicht falsch verstehen, es gab gerade in den Jahren '66/'67 unglaublich viele großartige Tracks und Singles. Ob "Good Vibrations" von den Beach Boys, "Strawberry Fields Forever" der Beatles oder "Paint It Black" und "We Love You" von den Stones, um nur einige bekanntere zu nennen, alle diese Nummern sind natürlich nicht schlechter als "Psychedelic Situation". Aber für mich ist die Single ganz subjektiv über die Jahre zum Inbegriff dieses Zeitabschnitts geworden. Nicht zuletzt die Lyrics beschreiben auf simple naive Art, wie ein Teenager sich den ersten Trip vorstellt.

 

Dass Jimmy Curtiss auch bei einer Band namens The Hobbits federführend beteiligt war, fand ich ganz nebenbei heraus, als mir deren zweite LP „Men And Doors“ auf einer Plattenbörse in die Hände fiel. Aber das ganze Ausmaß seiner musikalisch vielseitigen Karriere wurde mir erst bewusst durch Recherchen, die ohne Internet und weltweite Vernetzung einer Sammler- und Liebhaberszene kaum möglich oder doch sehr viel langwieriger und mühseliger gewesen wären. Und auch so bedurfte es erst einer eigenen Webseite, auf der ich meine Erkenntnisse auch in englischer Sprache veröffentlichte, bis ich schließlich den Kontakt zu Mister Curtiss selbst fand. Oder er den zu mir, besser gesagt. Vor ein paar Jahren bekam ich eine E-Mail aus den USA, die mit den Worten begann „I’m still walking the planet…“

 

From Doo Wop to Protest Song and back

 

Jimmy Curtiss wurde als James Martin Stulberger im Jahr 1941 in New York geboren. Er wuchs auf in Manhattan, Brooklyn, Queens und Long Island. Noch in der High School schloss er sich einer Doo Wop Gruppe an mit dem Namen The EmJays. Die Band schrieb selbst einige Songs und veröffentlichte mindestens drei Singles in den Jahren 1958/59. Jimmys Beteiligung an der ersten dieser drei Singles wurde mir von ihm selbst bestätigt. „This Is My Love“ /bwWaitin’ (The Pitty Pitty Pat Song)“ erschien 1958 auf Greenwich Records. Die A-Seite ist eine zeittypische Doo Wop Ballade und war ein regionaler Hit in einigen Staaten an der Ostküste. Die B-Seite ist trotz ihres etwas kindischen Titels eine flotte Rockabilly informierte Nummer.

Mit 18 Jahren begann Curtiss ein Studium in Kunst und Werbedesign am Marshall College in West Virginia. Zur gleichen Zeit wurde er von United Artists als Solo Künstler unter Vertrag genommen. 1960 erschien seine Debüt Solo JCSingle1bSingle „Without You“ /bw „The Simple Things“, die zwar im Radio gespielt wurde (u.a. in New York und Boston) aber wie schon das Debüt de EmJays nicht in den nationalen Charts auftauchte. „Without You“ ist Teen Pop, ähnlich den zeitgleichen Werken von Dion & The Belmonts etwa. 1961 folgte eine zweite Single „Love Sweet Love“ /bw „Miss Untrue“ wieder auf United Artists, die aber trotz aller Catchyness noch weniger Erfolg hatte als der Vorgänger. Im Frühjahr 1962 erschien eine dritte 7“45 „You Got What I Like“ /bwFive Smooth Stones“ auf Warner Brothers Records übrigens auch im UK. Diesmal war die A-Seite von Ellie Greenwich geschrieben. Mir gefällt allerdings die wie die vorangegangen Singles von Curtiss selbst komponierte Flipside besser. „Five Smooth Stones“ hat einen gewissen Novelty Charakter und ist auf eine naive Art äußerst charmanter Teen Pop. Übrigens schreibt Vernon Joynson in seinem Standardwerk „Fuzz Acid And Flowers“ über Jimmy Curtiss, dass dieser in den frühen Sixties seinerseits Songs an Bobby Darin und Ellie Greenwich verkaufte.

1963 schloss Curtiss seine College Ausbildung ab und begann in der Werbebranche zu arbeiten. Songs schrieb er aber weiter nebenher. Und im Jahr 1965 erschienen dann auch zwei weitere 7“45s auf Laurie Records. Das war zunächst „Not For You“ /bwYou’re What’s Happening Baby“, geschrieben von Ernie Maresca, der u.a. auch für einige Dion & The Belmonts Hits verantwortlich zeichnete und so eine Art Hausproduzent bei Laurie Records war. Maresca selbst war zuvor Mitglied der Doo Wop Gruppe The Regents. Und mit deren Unterstützung nahm Jimmy Curtiss seine folgende Single auf, „Girl From The Land Of 1000 Dances“ /bwLet’s Dance Close“, ebenfalls 1965 auf Laurie erschienen. Dies scheint die rarste seiner Singles zu sein. Zumindest ist es mir bis heute nicht geglückt, ein Original aufzutreiben.

 

1967 beschloss Jimmy Curtiss hauptberuflich Musik zu machen. Zusammen mit Ernie Maresca schrieb er „Psychedelic Situation“ und die B-Seite dieser Single „Gone But Not Forgotten“. Die Single erschien auf Laurie Records, wurde in Deutschland von Ariola veröffentlicht und lief damals nicht nur in Berlin im Radio sondern auch beim Hessischen Rundfunk und beim SWR. Ein Hit wurde sie zwar weder hier noch in den USA, aber dennoch war es die wohl erfolgreichste Single von Mister Curtiss. Eine weitere 7“45 war geplant „Laughing At The Rain“ /bw „Mr. Jingle Jangle Man“, aber es existieren davon nur Acetate. Ebenfalls 1967 erschien mit „Child Of Clay“ der größte Charterfolg, an dem Curtiss beteiligt war. Den Song hatte er zusammen mit Ernie Maresca geschrieben, und der US Pop Singer Jimmie Rodgers, zu dessen größten Hits „Honeycomb“ und „Kisses Sweeter Than Wine“ gehören, landete mit „Child Of Clay“ auf Platz 31 der US Charts im Sommer 1967.

HobbitsLPAusschnitt

Curtiss war nun also auch als Autor und Produzent für andere Künstler tätig. Es gab da, am Rande des Brill Building sozusagen, eine Szene junger Künstler, Songschreiber, Musiker und Produzenten, zu der auch Leute wie Lou Reed, Jack Vance, Terry Philips u.a. gehörten. Mit den letzteren beiden arbeite Curtiss bei dem Projekt The Hobbits zusammen. Das war eigentlich nur ein Studio Projekt dieser drei Komponisten und Arrangeure. Die erste LP „Down To Middle Earth“ erschien Ende 1967 auf Decca. Während die ausgekoppelte Single „Daffodil Days“ /bw „Sunny Day Girl“ wirklich reiner Sunshine Pop ist, gibt es auf der LP ein paar Tracks, die sowohl textlich wie auch musikalisch eine milde Art von Pseudo-Psychedelia herzustellen bemüht sind. Der Bezug zu J.R.R. Tolkiens Fantasy Epos ist lediglich in ein paar Schlagworten gegeben. Andererseits bemühen sich die drei Songwriter, in den Lyrics die Erlebniswelt von High School Kids des Jahres 1967 aufzugreifen. 1968 erschien wieder auf Decca die zweite LP der Hobbits unter dem Titel „Men And Doors, The Hobbits Communicate“. Es ist eindeutig die beste, musikalisch vielseitigste und anspruchsvollste LP der Gruppe, die zumindest auf dem Backcover nun auch im Foto zu sehen ist, auch wenn Live Auftritte weiterhin nicht stattfanden oder allenfalls im lokalen Fernsehen. Zu den Songwritern und Musikern der Gruppe gehörte inzwischen die New Yorker Studiomusikerin Marcia Hillman. Die weiteren Musikerinnen und Musiker entstammten der Blue Eyed Soul Szene New Yorks. Aus der zweiten Hobbits LP als Single ausgekoppelt wurde „Strawberry Children“ /bwPretty Young Thing“, beides J.Curtiss Kompositionen, die B-Seite nicht vom Album. „Strawberry Children“ ist eine wirklich schöne Psychedelic Pop Nummer, die ein Jahr zuvor vielleicht sogar Chancen gehabt hätte, neben „Incense And Peppermints“ (The Strawberry Alarm Clock) oder ähnlichen Singles in den Charts zu reüssieren. Ausgerechnet in Neuseeland erschien die Single in Lizenz, was aber nachweislich nichts mit Peter Jackson zu tun hat.

 

Terry Philips hatte inzwischen mit anderen die Firma Perception Productions gegründet, für die Jimmy Curtiss von Anfang an auch tätig war. Ab 1969 veröffentlichte die Firma ihre Produktionen auf dem eigenen Label Perception Records. Jimmy Curtiss war dort wie er selbst sagt: „executive vice president, creative director with response-bilities as art director, staff producer, writer and talent co-ordinator”. Unter seiner Ägide erschienen so unterschiedliche Platten wie das Album der New Yorker blue eyed Soul Gruppe The Bag „Real“ auf Decca oder die einzige LP der Acid Folk Rock Band Velvet Night auf Metromedia, sowie ein Album der kalifornischen Jazz und Rock Psychedeliker The Jon Bartel Thing auf Capitol, das Curtiss und Terry Philips co-produzierten.

JCLP2Die erste LP auf dem eigenen Perception Label war Jimmy Curtiss’ solo Album „Life“, das 1969 erschien. Im Vergleich zu den frühen Doo Wop Singles, dem psychedelisierten Sunshine Pop der Hobbits oder dem Proto-Bubblegum Pop von „Psychedelic Situation“ klingt diese LP gereifter, anspruchsvoller, mehr nach einem Singer / Songwriter Album. Der Opener des Albums ist Curtiss’ eigene Version von „Child Of Clay“. Die Grundstimmung der LP ist eher eine nachdenkliche, und mit „Johnny Get Your Gun“, das auch als Single erschien, und „Lack O’ Testicle Blues“ sind zwei explizite Antikriegssongs auf dem Album. Die Band rekrutiert sich aus dem Umfeld von JC und Perception. Mit dabei ist auch der Keyboard Spieler Howard Wyeth, der später u.a. als Sessionmusiker für Bob Dylan tätig war und mit seiner eigenen Band The Albert ein Album auf Perception veröffentlichte. Die LP „Life“ wurde erstaunlicherweise auch in Frankreich in Lizenz veröffentlicht mit einem weniger provokanten Cover. Wobei das US Originalcover eigentlich nicht wirklich provoziert, aber zumindest recht ungewöhnlich und fast dilettantistisch wirkt. Es muss glaube ich nicht extra erwähnt werden, dass der LP kein Erfolg beschieden war.

Ebenfalls 1969 wurden The Hobbits als The New Hobbits von Curtiss wiederbelebt. Eine LP unter dem Titel „Back From Middle Earth“ wurde produziert. Das Material war bunt zusammen gewürfelt. Ältere Songs von Curtiss sowie neuere, die seiner Zusammenarbeit mit Musikern von The Bag und The Albert entstammten, wurden aufgenommen. Die besten Tracks des Albums sind jedoch „I Could Hear The Grass Growin“ und „Underground“, zwei Songs, die von Mike Brassard und Steve Blodgett geschrieben wurden und 1967 unter dem Namen Fire & Brimstone als Single auf Decca erschienen. Die beiden Komponisten waren ursprünglich Mitglieder der Garage und Rock’n’Roll Band Mike & The Ravens aus Plattsburgh, New York. Aber das ist eine andere Geschichte. Terry Philips hatte die Fire & Brimstone Single produziert, und so lernte Jimmy Curtiss die Songs kennen, die ihm offensichtlich so gut gefielen, dass er sie für die dritte Hobbits LP einfach übernahm, und zwar die Originalaufnahmen von Blodgett und Brassard, wie ein direkter Vergleich der veröffentlichten Tonträger beweist. Mit nur 23 Minuten Spielzeit geriet die LP der New Hobbits ziemlich kurz. Und musikalisch oder inhaltlich stringent ist sie auch nicht. Es ist fraglich, ob die LP überhaupt regulär veröffentlicht wurde. Alle Exemplare, die ich gesehen habe oder von denen ich hörte, sind promo copies.Vermutlich hat dieser Status der Rarität auch dazu geführt, dass diese LP als einzige von einem britischen Reissue Label auf CD rausgebracht wurde vor einigen Jahren.

 

Perception Records entwickelte sich mehr und mehr zu einem reinen R&B und Jazz Label, das Dizzy Gillespie, Wanda Robinson und The Fatback Band zu seinen Künstlern zählte. Dieser Tage ist eine Doppel-LP bei BBE Records erschienen unter dem Titel „The Best Of Perception and Today Records“, die genau diese Seite des Labels präsentiert. Vereinzelt produzierte Mister Curtiss für Perception auch Soul und R&B Acts. Anderes lag ihm aber offensichtlich mehr. So schrieb er etwa Songs für den indianischen Musiker Floyd Westerman, dessen Debütalbum „Custer Died For Your Sins“ er 1970 produzierte. Und die LP „We Can Be Everything“ des jungen Singer / Songwriters John Simson produzierte Curtiss gemeinsam mit Terry Philips ebenfalls 1970. Ein Teil dieses Albums wurde in England in den Morgan Sound Studios aufgenommen mit britischen Session Musikern, zu denen u.a. ein gewisser Mike Kellie an den Drums gehörte, der damals bei Spooky Tooth spielte und später bei The Only Ones.

Zu den kuriosesten Veröffentlichungen auf Perception gehört vermutlich eine rein instrumentale LP von Jimmy Curtiss, die in drei langen Tracks Variationen auf Gitarren und anderen Instrumenten unter heftigem Einsatz des Wah Wah Pedals präsentiert. „Concerto For Wah Wah“ by Century Expanded, so der offizielle Titel. Nichts für schwache Nerven, fürchte ich. 

In den Jahren 1969-72 schrieb Jimmy Curtiss auch verschiedene Bubblegum Songs für Bands wie z.B. The Sweet Bippies oder The Changing Colours. Keiner davon wurde ein Hit, aber es gibt Lizenzveröffentlichungen in Europa und diese Tracks tauchen auch hin und wieder auf einschlägigen Samplern auf. Sie beweisen jedenfalls, dass Mister Curtiss immer ein Händchen für eingängige Melodien und catchy Hooks hatte. Und bei Perception erschien unter dem Bandnamen Mirror eine LP „The History Of Bubblegum Music“ mit überwiegend Jimmy Curtiss Kompositionen.

 

1974 zog sich Curtiss aus dem Musik Business zurück und arbeitete wieder ausschließlich in der Werbung, vor allem als Texter und Grafiker, aber auch als Komponist von Werbe-songs. „I never considered myself a musician. I played good enough to write, but not perform.”, so schrieb er mir in einer E-mail vor acht Jahren. Ein erneuter Kontaktversuch meinerseits war bislang nicht von Erfolg gekrönt. Damals 2007 lebte Mister Curtiss respektive Stulberger mit seiner Frau und seinem Hund Zip in Florida im wohl verdienten Ruhestand. Sein letztes musikalisches Projekt ist ein Weihnachtsalbum, das in Disney World verkauft wurde.   

 

Zum nächsten Guitars Galore Jubiläumsband werde ich eine streng limitierte 7“ EP von Jimmy Curtiss mit den Tracks der „Hit“ Single „Psychedelic Situation“ und „Gone But Not Forgotten“ sowie den beiden unveröffentlichten Tracks aus dem Jahr 1967 „Laughing At The Rain“ und „Jingle Jangle Man“ herausbringen. Näheres dann zu gegebener Zeit.

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