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Konzertrückblick

Am letzten Sonnabend im Mai, also am 31.5.08, feierte eine Berliner Institution 25-jähriges Jubiläum. Die Rede ist vom Schallplattengeschäft „Mr. Dead & Mrs. Free“, das seit 1983 in der Schöneberger Bülowstr. 5 unweit des Nollendorfplatzes in einem hässlichen Neubau neben einem Getränke Spätkauf residiert. Der Laden ist klein, 40 qm Moabit Peterschätze ich. Und doch findet man dort die wichtigsten Neuerscheinungen und Re-Issues aus den Bereichen Americana, Britpop, Alternativ und Independent Pop und Rock, nebst Klassikern aus Blues, Country, Jazz und Rock’n’roll. Zum größeren Teil auf Vinyl, aber auch CDs und DVDs und eine Vielzahl an Periodika zum Thema Musik in englischer und in deutscher Sprache. Und was das wohl wichtigste ist, es ist so ziemlich der einzige Laden in der Stadt mit regelmäßigem UK Import und einem großen Angebot an aktuellen 7“ 45s! Das möchte man trotz Internet und den dort vertretenen zahlreichen Spezial Mail Ordern nicht missen. Ina Rüberg und Volker Quante zogen damals aus dem Ruhrpott nach Berlin und wurden hier sesshaft. Ina zog sich später aus familiären Gründen für etliche Jahre zurück aus dem Geschäft, und Tim Schneck kam ins Boot. Heute betreiben sie zu dritt den Laden. Tim ist auch noch Teil des Karrera Clubs, und so stand der Ort für die Jubiläumsfeier auch schnell fest.

Im Kreuzberger Lido, dem Stammsitz des Karrera Club und übrigens auch EM Übertragungshauptquartier in den kommenden Wochen, wurde mit Freunden, Gästen und interessiertem Publikum gefeiert. Les Hommes Sauvages, die Band des früheren Goldenen Vampirs und zeitweiligen Palm SpringsSolo Künstlers Justice Hahn, eröffnete den Abend eher verhalten mit einem kurzen fast besinnlichen Set. Der Zuschauerraum war erst halb gefüllt. Einige Leute zogen es auch vor, im offenen Innenhof die frische Luft oder ein Tabakprodukt zu genießen und sich zu unterhalten. Die folgende Band war extra aus England angereist, um dem Laden die Ehre zu erweisen, der die meisten ihrer Tonträger verkauft. Palm Springs zählen zu den vielen neueren und/oder jüngeren britischen Bands, die ihr Schicksal weitgehend in die eigenen Hände nehmen und ohne die Unterstützung von Verlagen oder Plattenfirmen ihre Musik produzieren und veröffentlichen. Ihre Promotion läuft dann weitgehend über das Internet und Mund-zu-Mund Propaganda. Durch den Einsatz des Kollegen Wolfgang Doebeling, der die Platten von Palm Springs immer wieder lobt und im Rundfunk spielt und damit eine zumindest kleine Kettenreaktion hervorrief wurden die Singles und das Debütalbum der Band zu Bestsellern bei Dead & Free“. Palm Springs traten in voller Besetzung auf mit Gitarre, Bass, Schlagzeug (das überwiegend mit gepolsterten Trommelstöcken sachte behandelt wurde), Keyboards und einem Cello. Sie sind wohl auch nicht unbedingt die geborene Live Band und brauchten ein bisschen Zeit, um sich einzugrooven. Aber ihre Musik ist sehr atmosphärisch schön und eigentlich genau das richtige für einen lauen Andy Dunlop & Fran HealySommerabend zum andächtig lauschen und sich fallen lassen. Als so ziemlich einzige uptempo Nummer spielten sie ihre letzte Single „I Start Fires“, die auch gleich freudige Erregung vor der Bühne hervorrief. Ihr letzter Song war ein neuer, der die Spannung auf das kommende zweite Album erhöht. Nachdem sich der größte Teil des Publikums wieder im Innenhof erfrischt hatte, bat Ina erneut herein zum Auftritt der einen Hälfte von Travis, die ja in ihrer britischen Heimat zu den erfolgreichsten Bands der letzten zehn Jahre gehören. Andy Dunlop an der elektrischen Gitarre und Fran Healy mit Akustikklampfe und seinen Stimmbändern bewehrt lieferten eine bunten Strauss von Melodien, die allesamt Hits im UK waren und auch dem Radio Eins Hörer in Berlin bestens vertraut sind. Frannie lebt ja mit seiner deutschen Frau neuerdings hier, insofern war die Anreise für ihn nicht weit. Jedem anderen hätte das Berliner Publikum wohl die ständig verstimmte Gitarre und die daraus resultierenden Verzögerungen kaum nachgesehen, aber Frannie ist ein so liebenswerter Sunnyboy, der so wortreich und Tim, Ina, Volker & Bela B. - und Stephan Schulzbeinahe unbeholfen mit seinen Fans kommuniziert, dass der Auftritt der beiden keine Sekunde langweilig oder kritikwürdig schien. Bei Ray Davies’ „Lola“ erwies sich Frannie dann auch noch als nicht wirklich textsicher, aber auch das wurde gnädig Wolfgang Doebelingüberhört und mit begeistertem Beifall und Mitsingen honoriert. Schließlich riss eine Saite vollends und die zigarrenkistenförmige Ersatzgitarre widerstand allen Stimmversuchen vor vornherein. Macht nichts. Es hat Spaß gemacht, und auch Fran und Andy spielten einen neuen „Song To Self“ und Fran kündigte das Erscheinen eines neuen rein analog aufgenommenen Albums an. Was mich allerdings doch etwas wunderte, ist die Tatsache, dass eine Hälfte von Travis, die ja hier in Berlin sonst die Columbiahalle problemlos füllen, nicht mal das Lido richtig ausverkauft. Während die Freunde der eher leiseren Töne nun wieder im Innenhof Erfrischung suchten, lieferten Les Hommes Sauvages einen zweiten rockigen Set ab, der im Gastauftritt des Die Ärzte Drummers Bela B. gipfelte. Bela brachte zwei Songs von Lee Hazelwood zu Gehör, mit dem er ja noch kurz vor dessen Tod zusammengearbeitet hatte. Und ganz der versierte Showman war es dann auch Bela, der die Jubilare auf die Bühne holte und sie gebührend feierte. In den Umbaupausen sorgte übrigens Mister Wolfgang Doebeling höchstpersönlich für musikalische Unterhaltung von den Plattentellern. Viel Fifties Rock’n’Roll und Artverwandtes war da zu hören. Nach Ein Uhr morgens fand dann ein Publikumswechsel statt und die Party ging in die übliche Karrera Club Disco Nacht über.

 

Am 1. Februar 2008 gab es im Festsaal Kreuzberg am Kottbusser Tor gleich drei Bands zu besichtigen. Los ging’s wie gewohnt spät. So gegen 22 Uhr 40 entern Les Hommes Sauvages aus Berlin die Bühne. Die Band um Kristof Hahn und Viola Limpet ist ja fast schon eine Art Berliner Institution. Gerade haben sie mit „Trafic“ ein zweites Album veröffentlicht, das ich leider noch nicht kenne. Aber auf der Bühne sind sie sowieso immer hörenswert. Viola kann aus gesundheitlichen Gründen immer noch nicht wieder dabei sein. Dafür hat Kristof die Band mit drei neuen Musikern verstärkt. Zwei Keyboarder spielen jetzt mit- und gegeneinander. Der Mann am Electric Singapore SlingPiano ist für mich ein unbeschriebenes Blatt, aber Michael Strauss an der Orgel kennen wir von Dunkelrot und vom schon wieder legendären Gig der Boots im Quasimodo. Der Bass wird bei den wilden Männern jetzt von Stephan Schulz (The What...For!) gezupft und geschlagen. Insgesamt wirkt der Sound der Band nun kompakter, roher und druckvoller. Aber die Atmosphäre dieses eigentümlichen Stilmixes von Dekadenz, New Wave und Post Rock geht dennoch nicht verloren. Sehr schön. Die nächste Combo ist kurzfristig ins Line-Up des Abends vorgestoßen. Singapore Sling stammen eigentlich aus Island, leben jedoch zur Zeit eher in Berlin und versuchen von hier aus, die nähere und weitere Umgebung zu bespielen. Optisch beeindrucken vor allem der sehr große und sehr dünne Gitarrist und Sänger, ganz in schwarz, sowie die ebenfalls relativ große und schlanke Bassistin in schwarzem Ledermantel und hochhackigen Stiefeln, die nur selten unter ihrem schwarzen Pony hervorschaut. Der wie ein Berserker arbeitende Drummer ist kaum zu sehen hinter seinen Trommeln und der zweite Gitarrist, blond und im Ringelpulli, wirkt wie von einer anderen Kapelle ausgeliehen. Ein ständig an seinem Cocktailglas nuckelnder Tamburinspieler  vervollständigt das Bild. Ansagen werden so gut wie keine gemacht. Der Sound der Band erinnert stark an The Jesus & Mary Chain, bleibt aber merkwürdig konturlos und fad. Moabit Peter versichert mir später, dass er die Band schon besser gehört und gesehen hat. Schließlich kommen so gegen Null Uhr Dreissig The Flaming Stars auf die Bühne. Nur zu viert dieses Mal. Ihr Bassist musste sich einer Operation unterziehen, ist aber wie wir hören bald wieder genesen und voll dabei. Gitarrist Huck Whitney übernimmt also vorübergehend den Bass und überlässt die Gitarrenarbeit vollends Mister Mark Hosking. Der Gesamtsound der Band verliert dadurch nicht unbedingt, wirkt aber doch etwas rauer und spartanischer als sonst. Max Décharné liefert eine sehr gute, professionelle und zugleich enthusiastische Performance. Charmant und freundlich führt er durch das Programm, auch wenn er manchmal einen etwas müden bzw. angestrengten Eindruck macht. Das trotz BVG Streiks sehr zahlreich erschienene Publikum tanzt begeistert und fordert mehrere Zugaben, die auch umstandslos gewährt werden. Wir sitzen später noch in einem Nachtcafé mit der Band zusammen, und Max erzählt einige Anekdoten sowohl aus London wie aus seiner Berliner Zeit. Hoffen wir, dass das großartige letzte Album „Born Under A Bad Neon Sign“ doch noch irgendwann auch auf Vinyl erscheint.

 

Den folgenden Konzerteindruck vom 9. Oktober 2007 fand ich im Leser Forum des deutschen Rolling Stone. Der Bericht von Roland Linde aus Münster erscheint hier unwesentlich gekürzt. Vielen Dank, Roland!

The great unwanted: Pop kam nach Münster, doch nur ca. 60 Westfalen folgten seinem süßen Lockruf, unter ihnen auch der Chronist.

Zunächst galt es aber, eine halbe Stunde lang die ostfriesischen Keane zu überstehen, deren Name mir entgangen ist. Der keyboardschwangere Sound war an sich ganz gefällig, wenn sie nur so was wie Songs gehabt hätten und nicht so derart banal gefühlige Lyrik unterhalb des Juli-Silbermond-Standards absondern würden. Am Schluss wurden wir sogar aufgefordert, die Worte "Alles - wird - gut" mitzusingen. Da sie aber mit einer Single debütiert haben, können sie immer noch die beste Band aller Zeiten werden.

Lucky SoulDie Überraschung des Abends war tatsächlich der Hauptact: Lucky Soul eilt der Ruf des Lieblichen, Zuckersüßen voraus. "Diese Platten sind so weich, sie zerfließen auf dem Teller" hat jemand mal geschrieben. Umso erstaunlicher, wie kompakt, laut und mitreißend die Briten klingen, keinen Lounge Sound, sondern Powerpop bieten. Als ich Ivor am Merchandise Stand darauf anspreche, dass die Songs live noch viel besser klingen, sagt er zustimmend: "More energy!"

Der Keyboarder ist zurückhaltend, Geigen und Bläser vermisst man nicht. Ali Howard ist tatsächlich eine tolle Sängerin und überraschend präsent, wo sie auf Platte zerbrechlich klingt. (Und tatsächlich ist sie genauso hübsch und zierlich, wie es Fotos suggerieren.) Allerdings ist Ali nicht der alleinige Star, ihre beiden Gitarristen und Backgroundsänger Andrew und Ivor sind ausgesprochen charmante und gutaussehende Sidekicks. Eigentlich hat diese Band alles für den großen Erfolg, vor allem bestechend gute Songs. Sie spielen ihr Album fast komplett und die tolle B-Seite "Give Me Love".

Trotz des übersichtlichen Publikums waren sie bester Dinge und erläuterten beispielsweise, der nächste Song hieße "Baby, I'm kaputt". Als Zugabe spielen Lucky Soul - wieder Überraschung - Echo & The Bunnymens "Killing Moon" im pulsierenden New Wave-Disco-"Heart Of Glass"-Sound. Die zweite Zugabe durfte sich das Publikum aussuchen. Es war nicht sehr repertoiresicher, aber schließlich einigte man sich auf "Add Your Light To Mine".

Fazit: Tolle Band, alle Vorbehalte vergessen, hingehen! Und gespannt sein auf zukünftige Veröffentlichungen.

 

Die Berlin Beat Explosion #3 ist nun auch schon wieder Geschichte. Zumindest den zweiten Tag dieses kleinen Berliner Mod Weekenders habe ich mir nicht entgehen lassen. Das Live Programm begann diesmal erstaunlich pünktlich, so dass ich den Anfang des Auftritts der Fay Hallam Trinity sogar verpasste, als ich kurz nach 23 Uhr im Lido eintraf. Die Trinity war an diesem Abend ein Quartett. D.h. Fay Hallam an Orgel und Leadvocals wurde zusätzlich zu ihrer exzellenten Rhythmusgruppe an Bass und Schlagzeug unterstützt von einem jungen Mann, der ein Yamaha Keyboardbrett bediente. Soundmäßig ganz ok, optisch aber ziemlich daneben. Der Auftritt Fay Hallams war alles in allem durchwachsen. Wie es scheint schreibt sie immer die gleiche Art von Hammond Hymnen, die zwar sehr schön sind, aber auch von gewisser Gleichförmigkeit in Harmonien und Melodien. Da kamen ein paar Cover wie z.B. „Nothing But A Heartache“ gerade recht zur Abwechslung. Nach rund 60 Minuten und zwei Jaybirds liveZugaben wurde die spröde Mod Queen mitsamt ihren Mannen vom Publikum mit freundlichem aber doch eher verhaltenem Applaus entlassen. Ich hätte übrigens zu diesem Zeitpunkt schon mehr Zuschauer als die ca. 200-250 erwartet, die sich im Raum übersichtlich verteilten. Neben vielen Bekannten, die man bei diesen und ähnlichen Veranstaltungen fast immer trifft, waren auch sehr viele auswärtige Besucher zugegen. Und vor allem fiel mir auf, dass da – wie schon bei anderen Mod und Beat Events zuvor – überdurchschnittlich viele junge und jung gebliebene Mädels in authentischem oder zumindest Sixties inspiriertem Style zugegen waren, die auch gerne und reichlich tanzten. Dass auch die Altvorderen Interesse am Nachwuchs haben, bewies die Anwesenheit von Werner Krabbe (Sänger der legendären Boots), den ich am Tresen fachsimpelnd antraf, als die Bühne gerade für die nächste Band bereitet wurde. Diese zweite Band des Abends waren The Jaybirds aus Wien, die ich vor gut zehn Jahren zuletzt live sah, und die zwischenzeitlich wohl auch schon mal das Handtuch geworfen hatten. Ihr nach wie vor authentischer weißer R&B ist inzwischen muskulöser und druckvoller geworden. Sie sind eigentlich eine ideale Modband. Sowohl optisch als auch musikalisch. TV-Auftritte von The Creation und sogar The Yardbirds damals in „Beat Beat Beat“ kommen mir in den Sinn, wenn ich die Jungs auf der Bühne sehe und höre. Aber The Jaybirds spielen inzwischen gar ihre eigenen Klassiker wie „Going Our Own Ways“. Das Publikum im Lido gerät zunehmend in Rage. Viele tanzen und shaken, und die Band muss mehrere Zugaben spielen, bevor sie endlich nach gut 70 Minuten entlassen wird. Erstaunlicherweise – oder auch nicht, wenn man die Ausgehrituale junger Leute heute kennt – wird es immer noch voller im Lido. Die Party geht bis in die frühen Morgenstunden mit wechselnden DJs, die überwiegend gut tanzbare Insider Platten auflegen. Will sagen, selbst ich kenne nur einen Bruchteil der gespielten Musik, was dem Spaß und der guten Laune jedoch keinen Abbruch tut.

Eine Woche vorher am 8. September 2007 erfreute uns eine ganz andere Art von Sixties Revival Band. The Hardbeat Five spielten im Rickenbacker’s Hardbeat Five

Foto copyright: Klaus Dieter GötzeInn in Wilmersdorf zum Tanz auf. Im Prinzip handelt es sich hier um eine so genannte „Oldie Band“. Aber nicht vorschnell die Nase rümpfen. Diese Kapelle ist keine dieser üblichen Bierhaus Combos, die zum Schunkeln und Mitgröhlen alles spielen, was verlangt wird, von den Beatles bis zu Roland Kaiser. Bei The Hardbeat Five sind echte Fans von Sixties Beat zugange. Und zumindest Pit Mischke, der eine Gitarrist, hat wohl auch die 60er bereits bewusst musikalisch miterlebt damals. Bei den anderen bin ich mir da nicht so sicher. Auf jeden Fall sind sie alle exzellente Musiker, die auch noch in anderen Formationen spielen und damit wohl zum großen Teil ihren Lebensunterhalt bestreiten. Ok, auf dem Mod Weekender im Lido wären The Hardbeat Five eher argwöhnisch beäugt worden. Ist ihr Outfit doch eher so eine Mischung aus Beat, Flower Power und Glamrock Styles. Aber gegen ihre großartigen Interpretationen von „I’m A Boy“, „Substitute“, „The Last Time“ und vielen anderen Klassikern bis hin zu „Satisfaction“ hätten auch Mod Puristen nichts einwenden können. Insofern finde ich denn auch den Begriff Coverband angemessener. Sie covern die Hits der Sixties, und ihre Auswahl ist dabei so geschmackssicher wie zum Teil überraschend, wenn wir neben einer unglaublichen durch Improvisationen veredelten Version von „Eight Miles Weirdo Stompers

Foto copyright: Dagmar ElmerHigh“ auch ein fröhliches und authentisches „Poupée de cire, poupée de son“ geboten bekommen. Gaby Mehlitz übernimmt dafür neben dem prägnanten Bassspiel auch mal die Leadvocals. Ansonsten gibt Tom Thiede den sehr sympathischen und kompetenten Frontmann am Mikrofon, der seinen Roger Daltrey oder Mick Jagger so gut drauf hat, dass man mit geschlossenen Augen sofort die Zeitreise antritt. LeeMan spielt meist die etwas schwierigeren Soli auf der Gitarre und gibt uns auch mal den Pete Townshend mit dem Windmühlenarm. Vom soliden Rückgrat der Band auf dem Schlagzeughocker ist meist nicht viel zu sehen. Aber bei den Verbeugungen vor dem nicht enden wollenden Zugabenteil strahlt der blond gelockte Karl Konermann wie ein Honigkuchenpferd. Drei Sets spielt die Band, und das restlos begeisterte Publikum – großteils die Teenager von 1962 bis 69 – kommt ganz schön ins Schwitzen beim Tanzen vor der kleinen Bühne.

Am 6. September 2007 traten am gleichen Ort bereits zum zweiten Mal The Weirdo Stompers auf. Ihre Mischung aus Big Beat Nummern aus dem Repertoire der DDR und Ostblock Kapellen der 60er Jahre, sowie international bekannten Surf und Instrumental Klassikern von „Hawaii 5-0“ über „Apache“ bis zu „Green Onions“, gut gemixt mit eigenen Kompositionen vermag immer wieder zu begeistern. Positiv fiel auf, dass Professor Doktor Friebe an der linken Sologitarre inzwischen sein persönliches Repertoire an verfrickelten und schnellen Solopartien trefflich aus-gebaut hat. Aber auch Mastermind Sandy Hobbs weiß immer wieder aufs Neue zu überzeugen mit Wimmerhaken und glasklaren Glissandi. Joe Nailey am Bass ist nach wie vor optisch am überzeugendsten und musikalisch zuverlässig wie ein Metronom. Herbie an der Schießbude trommelt sich solide durchs Repertoire und verzieht dabei selten eine Miene. Da die Combo nun schon seit etlichen Jahren ihr stetig wachsendes Programm auf den Bühnen Berlins zum Vortrage bringt, haben ein paar ungeduldige Fans mittels Transparenten diesmal das Erscheinen eines Tonträgers der Weirdo Stompers angemahnt. Wir sind gespannt, ob das die Band nun antreibt, endlich mal wenigstens eine EP zu veröffentlichen. 

Während der British Music Week war ja so Mancher jeden Abend in irgendeinem Club, um irgendeine junge britische Band zu erleben. Und ich muss zugeben, die eine oder andere hätte mich auch noch gereizt. Allein, ich hatte nur Zeit am Dienstag, 24. April 2007. Und so begab ich mich in den Magnet Club, um wenigstens zwei Brit-Bands zu sehen, eine gehypte und eine weniger bekannte. Die Voom Blooms sind ein Quartett aus der Kleinstadt Loughborough im Herzen Englands. Alle vier wahrscheinlich noch keine Zwanzig gehen sie mit viel Aplomb und Eifer zu Werke. Spielen können sie auf jeden Fall. Sehr britisch klingen sie. Jedoch auch noch ein bisschen unfertig. Ihre ersten beiden Singles sind recht hörenswert und werden natürlich auch live gespielt. Der Rest des halbstündigen Sets, so ist zu vermuten, präsentiert die aktuelle EP, die gerade erst erschienen ist. Alles übrigens von der Band in Eigenregie gemanagt. Ohne Label und auch erst seit kurzem mit Vertrieb. Warum kriegen deutsche Bands in dem Alter so was eigentlich nie hin? Aber deutsche Bands in diesem Alter, die so vielversprechenden Punk Pop spielen, gibt es ja eh nicht.

The Horrors, Magnet Club BerlinThe Horrors 24.4.07 BerlinDie zweite Band des Abends wird seit einem guten halben Jahr in der britischen Musikpresse gehypt, wie das eben nur dort möglich ist. The Horrors versuchen schon mal mit ihrem Äußeren ihrem Namen alle Ehre zu machen. Selten hab’ ich eine hässlichere Band auf einer Bühne gesehen. Spindeldürr alle fünf, ganz in schwarz gewandet. Der Sänger ist dazu einen Kopf größer als der Rest und wirkt wie eine Vogelscheuche aus einem Stephen King Roman. Singen kann er eigentlich nicht. Dafür bellt, kreischt und grölt er ganz hübsch. Und er macht gerne mal Ausflüge ins Publikum. Teils zu Fuß, teils auf den Armen der Zuschauer balancierend. Die Band ist laut. Zu laut, um es genauer zu sagen. Mir singen noch Stunden später die Ohren, und ich verstehe kaum, was mir Moabit Peter kurz nach dem Gig ins Ohr brüllt. Er fand’s klasse. So viel hab ich mitbekommen. Ich bin etwas zwiespältig. Also Attitüde, Performance, und so, das ist schon ok. Die Musik hat mir aber letztlich zu wenig Substanz. Die Songs sind nicht prägnant genug. Und mit ihrer Lautstärke und diesem brachialen Sound machen die Jungs leider die paar guten Ansätze, die man auf den Singles hört, zunichte. Es war aber insgesamt ein unterhaltsamer Abend. Bin gespannt, wie lange der Hype hält und wann die Band anfängt, ernsthaft Musik zu machen.

 

The Cheeks 2006Wenigstens einen kurzen Eindruck vom 10. November im Lovelite möchte ich vermitteln. Ich war natürlich wieder viel zu früh dort. Um 22 Uhr ist eben gerade Einlass, aber die hippen jungen Leute kommen selten vor Mitternacht. Erstaunt war ich mal wieder, wer mich alten Sack alles so kennt. Einer der Betreiber des Lovelite sprach mich mit Namen an, obwohl ich hätte schwören können, den jungen Mann nie zuvor gesehen zu haben. Und der Manager der Cheeks outete sich als früherer Twang-Tone Kunde, dessen musikalischen Werdegang ich maßgeblich mitgeprägt hätte. Schön war es auch, mal mit Marc Forrest zu plaudern, der nun auch schon seit Jahren seine legendären Northern Soul Allnighter unter dem Namen „Hip City Soul Club“ veranstaltet. Zwar konnte mir Marc in der knappen halben Stunde auch nicht endgültig erklären, was nun eigentlich der ultimative Northern Soul ist, aber ich werde seinen nächsten Allnighter am 6. Januar besuchen, habe ich mir fest vorgenommen. Bevor weit nach Mitternacht die erste Band spielte, legte Mr. Blowfish etliche großartige 7“45s aus den Bereichen Freakbeat, Psych Pop und Garage Beat auf. U.a. hörte man The Vogue mit „Frozen Seas of Io“ und The Times’ „Red With Purple Flashes“!

The Cheeks standen dann als erste auf der kleinen Bühne des Lovelite. Blowfish, der die Band zuvor gar nicht kannte und sie nur auf Bitten des Lovelite mit ins Programm nahm, zeigte sich verblüfft und begeistert! „Das erinnert mich an die besten Zeiten mit den Flamin’ Groovies und The Barracudas!“ entfuhr es ihm. Und tatsächlich spielten The Cheeks allerfeinsten leicht psychedelisierten Power Pop mit jeder Menge phantastischer Hooks, einprägsamer Riffs und betörender Melodien. Neben The Choir und The Left Banke coverten sie auch Paul Collins Beat und bewiesen so nicht nur exzellente Repertoire Kenntnis sondern auch exquisiten Geschmack. Dabei sind diese Cover wirklich vor allem als Hommage an die Bands zu verstehen. Denn die eigenen Songs der Cheeks sind großartig genug für ein abendfüllendes Programm. Ihr Vortrag und ihre Bühnenpräsenz sehr professionell und mitreißend. Der Garage Beat der Higher State danach wirkte dagegen fast ein bisschen eindimensional. Allerdings kamen auch die Briten sehr schnell in Fahrt und spielten im zweiten Teil ihres Sets zunehmend psychedelischer und berauschender. Auch sie zollten einigen Vorbildern Tribut. Neben „Seven And Seven Is“ (Love) kamen The Thirteenth Floor Elevators zu Ehren. Die jungen und vor allem die weiblichen Fans gerieten zusehends aus dem Häuschen und tanzten wie verrückt. Ein gelungener Abend! – Eigentlich ja eher eine Nacht. Mit beiden Bands konnte ich mich nachher noch sehr ergiebig im Backstage unterhalten. Gegen 5 Uhr früh war ich zuhause.

Am ersten August Wochenende trafen wir in unserem alljährlichen Ferien Domizil in Kalajoki, 10.000 Seelen Gemeinde im Nordwesten Finnlands, ein. Und just an jenem Sonnabend fand dort ein kleines lokales Open Air Festival statt. Natürlich wollten wir uns das nicht entgehen lassen. Wir, das waren in diesem Fall meine Frau Päivi, ihre Schwester mit Familie, ihr Bruder mit Familie, unser Sohn Timo und meine Wenigkeit. Dass die Veranstaltung „umsonst und draußen“ war, entlastete unsere Urlaubskasse, aber die Einheimischen schien das eher abzuschrecken. Vielleicht lag es aber auch der Nachmittagshitze oder am fehlenden Bierausschank. Jedenfalls waren in der Mehrzahl Kinder und Jugendliche Jeavestoneunter 18 sowie Angehörige der auftretenden Kapellen erschienen. Die erste Band, die unserer Aufmerksamkeit teilhaftig wird, ist eine Seventies Coverband. Die Palette reicht von Funk bis Abba. Die jungen Musiker recht versiert, die Sängerin scheint – ihrem Outfit nach zu urteilen – aus einer Nachtbar St. Petersburgs entwischt zu sein. Ihre Stimme übrigens kraftvoll und tadellos. Die nächste Combo mit Namen Jeavestone kann sogar ein Album vorweisen und war in diesem Jahr auch beim Burg Herzberg Festival im Hessischen zu Gast. Rock aus Kalajoki ist also durchaus international. Stilistisch zwischen Hard- und Progrock mit einen sehr kräftigen und präzisen Drummer und einem langhaarigen jungen Gitarristen, der ein bisschen zu selbstverliebt scheint. Danach spielt eine Altherren Blues Band, deren Keyboarder wohl mal mit meiner Schwägerin liiert war, was zu kurzer aber eher unspektakulärer Wiedersehensfreude auf beiden Seiten nach dem Gig hinter der Bühne führt. Die Band wirkt ebenso unspektakulär. Dann erscheint wieder die Blonde aus der Nachtbar auf der Bühne. Ihre Begleitband, die sich zum Teil auch aus anderen Combos der Gegend rekrutiert, nennt sich Nare (der Name hat keine tiefere Bedeutung, soweit ich weiß). Wie es klingt, kann sich das Orchester nicht so recht zwischen Catatonia informiertem Pop und Prog infiziertem Rock entscheiden. Gesungen wird zum ersten Mal an diesem Tag Finnisch. Es folgt die Hauptattraktion des Festes, für mich zumindest. Der Drummer und der Rhythmus Gitarrist sind uns bereits von Jeavestone vertraut, dazu kommt ein Bassist und ein dunkel gelockter junger Mann mit offenem Holzfällerhemd und akustischer Gitarre, der dann auch ans Mikrofon tritt. Überwiegend werden Songs von Neil Young intoniert. Undzwar aus seiner Zeit mit Buffalo Springfield wie aus späteren Jahrzehnten. Sound Of North heißt die Band, und auf ihrer selbst produzierten EP sind ausschließlich eigene Werke zu hören, die zwar in Stil und Arrangement der Live Darbietung nicht nachstehen, im Songwriting aber noch ausbaufähig sind. Eine brandneue Single mit den Tracks „Midnight Dancer“ und „Liar’s Eyes“ überzeugt noch mehr. Leider gibt es beide Platten nur in digitalem Format. Die folgende zwischen Techno und finnischem Hip Hop changierende Darbietung schenken wir uns. Und auch die beiden Metal Bands, die den Abend beschließen, hören wir nur aus der Ferne, während wir in der örtlichen Pizzeria australisches Foster’s Bier vom Fass zu uns nehmen. Die Bands findet man unter www.jeavestone.com und unter www.soundofnorth.com.

Am Freitag, dem 21. Juli 2006, war es endlich soweit. Die größte Rock’n’Roll Band der Welt gab sich mal wieder die Ehre. Was hatte das für Diskussionen gegeben im Vorfeld. Sollen alte Männer noch den Kasper geben auf der Bühne? Ist das denn noch glaubwürdig? Und überhaupt, die Preise sind viel zu hoch.

Nun ja, der Vorverkauf lief wohl eher schleppend. Und die Leipziger Fans wurden nach Berlin umdirigiert. Aber nachdem die völlig farblose, nichtssagende Vorband Feeder Keith & Ronniesich verabschiedet hatte, war das Stadion doch zu fast 80% gefüllt. Selbst im Oberring gab es nur noch wenige graue Flächen, die das blanke Plastikgestühl erkennen ließen. Viele kahle oder leicht ergraute Häupter waren zu sehen. Unter 25 waren nur Catering Hilfskräfte oder die im Schlepptau von Mama und Papa Gekommenen. Und dann geht’s los. Kawumm! Das unvergleichliche Riff von „Jumping Jack Flash“ erschallt im Rund. Mick stürmt auf die Bühne mit wehenden Rockschößen wie immer. Es geht Schlag auf Schlag. Auch drei Songs von aktuellen Album „A Bigger Bang“ kommen zur Aufführung. Eigentlich bin ich ohne große Erwartungen hingegangen zu den Stones. Schon deshalb, weil dieses Mal wirklich das letzte sein könnte. Umso mehr bin ich überrascht und hocherfreut, dass sie mich wieder gekriegt haben. Dass die Magie immer noch funktioniert. Dass ich am Ende erschöpft und glücklich mitsinge, mitswinge, kaum genug bekommen kann. Höhepunkte, oder sagen wir schönste Momente der Show, gibt es einige. Da ist zunächst „Sway“ vom Album „Sticky Fingers“, das sie zum ersten Mal hier live spielen. Ronnie spielt ein großartiges anrührendes Solo auf der Slidegitarre. Dann die Hommage an Ray Charles „The Night Time Is The Right Time” mit der wunderbaren Lisa Fisher als zweiter Leadstimme. Keefs Solonummern „Before They Make Me Run“ und „Slipping Away“ überzeugen auch den letzten Zweifler, dass er wieder auf der Höhe seine Kräfte ist. Aus dem hinteren Innenraum winkt ihm eine riesige Plastikpalme Mick Jaggerfreundlich zu. Keef lächelt verschmitzt. Irgendwie sieht er längst aus wie eine alte Squaw. Das rote Stirnband und der wirr vom Hinterkopf abstehende Schopf unterstreichen diesen Eindruck noch. Zu den pumpenden Disco Klängen von „Miss You“ fährt die kleine B-Stage in die Mitte des Stadionrunds. Mick und Keef und Charlie und Ronnie hautnah. Fast jedenfalls. „Sympathy For The Devil“ ist immer dabei und immer ein Highlight. Genauso wie „Paint It Black“. Charlie spielt ganz locker aus dem Handgelenk. Als ginge ihn das alles eigentlich gar nichts an, so wirkt er. Und Mick ist unermüdlich. Kurz vor seinem 63. Geburtstag läuft und tanzt er über die Laufstege wie ein 20-Jähriger. Waschbrettbauch und kein Flattern in der Stimme, obwohl er singt während er rennt. Nur in der Großaufnahme der Videowand sieht man, dass seine Oberarme schon eine gewisse Schlaffheit zeigen. Von den Gesichtsfalten reden wir gar nicht. Als Zugabe erklingt „You Can’t Always Get What You Want“ und schließlich das unvermeidliche „Satisfaction“. Es ist wie gesagt ganz große Klasse, wie sie einen immer wieder kriegen. Keine Spur von Peinlichkeit. Wenn ihre Gesundheit mitspielt, werden die noch in zehn Jahren auf der Bühne stehen. Vielleicht nicht mehr in Stadien. Aber das wäre auch nicht das Schlimmste. Die Stones im Quasimodo oder in der Kalkscheune. Das wär’s doch mal. – Nö? – Man wird doch wohl mal träumen dürfen.

Jolly JumpersAm folgenden Tag, dem Sonnabend 22. August, beginnt das kleine „Monsters of Humppa” Festival bereits um 16 Uhr. Die brütende Hitze hat wohl so Manchen zögern lassen, den Weg auf die Insel der Jugend anzutreten. Dabei ist der Ort unter schattigen Kiefern und inmitten der kühlen Fluten der Spree ideal für ein Open Air Konzert. Auch bei 35 Grad im Schatten, die hier nur noch gefühlte 28 sind. Höchstens. Als die Jolly Jumpers die kleine Bühne entern, versammelt sich nur eine kleine Schar Interessierter davor. Die meiste Leute, die schon da sind, sitzen im Biergarten oder am Ufer und lassen Beine und Seele baumeln. Aber mit fortschreitendem Konzert recken sich einige Köpfe mehr Richtung Bühne. Und der Applaus nimmt etwas zu. Die Jolly Jumpers gehören eigentlich zu den Veteranen der finnischen Rock Szene. Seit 1984 spielen sie in fast unveränderter Besetzung rootsigen Rock’n’Roll. Eindringlich und leise, vehement und hypnotisch. Die Assoziationen reichen von Texas bis New Orleans, von Finn-Folk zu archaischem Blues. Und Humor haben sie auch wie man an ihren Trinksprüchen hört: „hölkyn kölkyn!“ eigentlich „hölökyn kölökyn!“, ruft uns Petri Hannus, der ansonsten recht wortkarge Sänger und Gitarrist zu. Und dass diese im richtigen Leben als Landwirt oder Waldarbeiter, aber auch als Biochemiker und Computertechniker schaffenden Familienväter den einen oder anderen Becher vertragen, habe ich zahlreiche Male austesten dürfen.

Bei der zweiten Formation des Nachmittags trotten schon ein paar mehr Gestalten vor die Bühne. Das Duo La Sega Del Canto ist den einen oder anderen noch vom vorletzten Jahr in Erinnerung, als der ältere der beiden Musiker und Schauspieler während des Auftritts der folgenden Band neben dem Schlagzeug seinen Rausch ausschlief. Auch diesmal überzeugt der originelle und unterhaltsame Vortrag. Dass eine Säge ähnlich wie eine Geige klingen kann, ist ja schon eine für Viele neue Erkenntnis. Aber die unorthodoxe und im Rahmen eines Rock Festivals eher exotische Performance der beiden Musiker tut ein Übriges. Begleitet von einer Pump Organ trägt die Säge Werke der klassischen Musik ebenso wie Volkslieder vor. Und zum Finale wird „The Final Countdown“ auf Säge und Blockflöte gegeben. Bizarr!

Natürlich sind die meisten der rund 600 Besucher wegen der Hauptband gekommen. Und Eläkeläiset (die Pensionäre) enttäuschen ihre Fans auch dieses Mal nicht. Es ist immer wieder ein Bild für Götter, wenn Punks, Metal Fans, Gruftis und Alternative, zumeist in Humppa T-Shirts oder mit Humppa BaseCaps versehen, wild auf und ab hüpfen und Texte gröhlen, von denen sie nicht ein Wort verstehen. Für nicht Eingeweihte: die Finnen spielen internationale Hits im Humppa Stil. Das ist eine mit Akkordeon, Bass und Drums sowie Schweineorgel vorgetragene der Polka ähnliche Tanzmusik. Gesungen wird in Finnisch. Bei „Love Will Tear Us Apart“ erreichen es die Rentner wieder, dass sich alle auf den Boden setzen. Und als Zugabe gibt es auch hier „Satisfaction“! – „En saa millään humppatuksi!“ Auf Platte gibt es das übrigens leider nicht. Da waren Mick und Keith dagegen. Also muss man im nächsten Jahr wieder auf die Insel kommen zum „Monsters of Humppa“! 

Voll war’s ja nicht gerade in der Kalkscheune am Pfingstmontag (5.6.06). Karneval der Kulturen, andere Konzerte und der folgende Werktag nach überlangem Wochenende sorgten dafür, dass der Halbkreis vor der Bühne mit ca. 50-60 Leuten überschaubar blieb. Allen die nicht da waren kann ich versichern: „Ihr habt was verpasst!“ Goodnight Monsters, eigentlich ein Duo aus Turku, dessen Debüt mein Album des Monats Dezember war (GG114), traten zu viert als solide Band an. Die britische C86 Szene können sie schon aufgrund ihres Alters (20-25 Jahre) nicht bewusst selbst erlebt haben. Daher sind ihre Vorbilder und Einflüsse vermutlich nur mittelbar dort zu suchen. Erstaunlich britisch klingen sie trotzdem. Sehr charmant und selbstbewusst, auch wenn nicht immer alles stimmt in Tonlage und -abfolge. Ihr erster Song klingt verdammt nach Windy von The Association, aber ich bin mir nicht sicher, ob die Jungs diese Sixties Sunshine Pop Gruppe aus Kalifornien überhaupt Micragirlskennen. Zufall also? Bei ihrer Zugabe warten Goodnight Monsters kurioserweise mit einem Crazy Horse Cover auf. Gitarre bleibt eben Gitarre, und Geschrammel bleibt Geschrammel. Höchst unterhaltsames Geschrammel natürlich!

The Micragirls sind drei Mädels aus Kuopio in Ostfinnland.  Ihren ersten Berlin Gig letztes Jahr im Wild At Heart, bei dem sie zwei Keyboards ruinierten, hab ich leider verpasst. Jetzt ist mir auch klar, warum die Korg und Farfisa Orgeln ständig in Gefahr sind bei Katariina, so wie sie damit rumfuhrwerkt. Die Performance der drei Mädels ist unglaublich! Minimaler Trash Beat, spitze Schreie, dabei ein ungestüme Spielfreude und eine unglaublich sympathische Ausstrahlung. Kristiina an den Drums kommt ohne Hi-Hat und Becken aus. Mari an der Rhythmus Gitarre hat die kräftigste Stimme der Drei. Ab und zu spielt sie sogar so eine Art Solo. Ähnliches hab ich zuletzt in den Anfangstagen der Lemonbabies gesehen oder noch früher bei Kleenex aus der Schweiz. Drei 7“ EPs von The Micragirls gibt es. Ein Album ist für den Herbst angekündigt.

Schließlich die Hauptattraktion des Abends (auch wenn Joe Becker da anderer Ansicht ist), The Others a.k.a. 22PP, die wie eigentlich immer einen ganz einmaligen Gig abliefern! Was P.K. da aus seinen Gitarren (Fender, Rickenbacker, Gibson) und aus diesem unscheinbaren und geheimnisvollen Hall- und Effektgerät an Sounds herausholt, ist der schiere Wahnsinn. Sein Bruder Asko umtänzelt seine Keyboards und sein riesiges Bass Kabinett, wiegt sich vor und zurück, windet sich mit dem Bass im Arm wie mit einer Geliebten und flüstert Beschwörungsformeln während er mit den Händen entspre-chende Zeichen in die Luft malt. Das wabert, wummert und singt und summt, als wäre ein Hornissenschwarm in eine Zeitmaschine geraten und nun zu einem Bruchteil seiner eigentlichen Geschwindigkeit und Tonhöhe verdammt. Espe trommelt präziser und kraftvoller denn je. Oft greift er zu den gepolsterten gedämpften Trommelschlegeln oder er trommelt mit den reisgefüllten Maracas. Gemäß ihrer Ankündigung spielen die drei Musiker nur Cover. Von The Troggs über Link Wray bis zu Bob Dylan. Ein machtvoll dräuendes „Rumble“ geht über in eine Version von „Just Like A Woman“, wie ich sie nie zuvor gehört habe, und mutiert schließlich zu einem gebremsten aber nicht weniger gefährlichen „Strichnyne“. Aber auch leisere Töne kommen zu ihrem Recht. „Love Hurts“ wirkt so zerbrechlich und filigran wie es diesem Song gebührt, und P.K.s spröde Stimme unterstreicht diesen Eindruck sogar noch. Zwei Zugaben kann das begeisterte Publikum erklatschen. Da spielen die Jungs einen „Swinging Creeper“, der einem wirklich eine Gänsehaut verschafft. Und zur zweiten Zugabe sind dann die Micragirls wieder auf der Bühne und singen mit schrillen sich fast überschlagenden Stimmen ein brachiales umwerfendes „Psycho“ (Sonics) mit.

Man fasst es nicht – Babyshambles

Ich war aufgeregt. Seit Wochen. Mann, war ich aufgeregt. Gestern schon um 14 Uhr bei 'nem Kumpel gewesen, gemeinsam das Album nochmal ganz durchgehört und über den möglichen Verlauf des Babyshambles Gigs spekuliert. Immerhin war Pete in Köln überhaupt nicht aufgetreten und in Berlin erst um halb zwei Uhr nachts auf die Bühne gewankt. Trotzdem frohen Mutes den Zug um 17:21 h von Kiel nach Hamburg genommen, man kann ja nie wissen.

Irgendwann gegen kurz vor sieben kam der Zug dann auch (endlich) an. Ich habe dann ganz ernsthaft überlegt, ob es nicht vielleicht sinnvoll wäre, vorher in die Große Freiheit zum Konzert von Belle and Sebastian zu gehen. Pete kommt ja eh nicht vor eins. Wenn überhaupt. Kommt Pete? Diese Frage entwickelte sich mehr und mehr zum Schlachtruf. Sich eine Karte für ein Konzert der Babyshambles zu kaufen erinnert ja eigentlich mehr an die Teilnahme an einer Lotterie. Dann am Grünspan angekommen: noch kein Einlass. Daraufhin erstmal 'ne halbe Stunde Fußball auf einem zufälligerweise unmittelbar in der Nähe der Halle liegenden Bolzplatz gespielt. Erkenntnis: Klinsmann sollte mich mitnehmen.

Einlass. Viertel vor acht. Ungefähr. Wir haben ja Zeit. Pete kommt eh erst um eins. Wenn überhaupt. Jacke abgegeben, man weiß ja nie. Am Tresen Bier bestellt. Erste Info: "Pete gibt draußen Autogramme!" - "Nee!!!" - "Doch!" - "Echt?" - "Ja!". Er war also tatsächlich in town. Erstaunlich, ist sein neuestes Hobby doch Flugzeuge verpassen. Um viertel vor acht fängt die Vorgruppe an. Mein erster Gedanke: "Warum spielen die jetzt schon???". Immerhin würden die Babyshambles allen Vorahnungen nach auf keinen Fall vor ein Uhr nachts auf die Bühne kommen. Während die Vorband spielte unterhielt man sich mit den umstehenden Menschen. Anscheinend waren viele nicht wegen der Musik, sondern wegen des Events "Pete Doherty" da. Vorgruppe zu Ende. Halb neun. Bier bestellt. Nochmal auf's Klo gegangen. Wo kann man hier eigentlich sitzen? Egal, noch geht's ja.

Pete DohertyUnd dann, es war gerade mal viertel vor neun, standen sie auf der Bühne. Und Pete auch! Pete Doherty stand gestern um viertel vor neun in Hamburg auf der Bühne, spielte, lachte ins Publikum, sah topfit aus und sprach deutsch!!! Die knüppeldick gefüllte Halle staunte kollektiv. Und eigentlich kam die gesamt Crowd aus dem Staunen nicht mehr heraus. Den ganzen Abend nicht. Pete Doherty war glänzend aufgelegt, machte Späße mit dem Publikum, und auch ich bin euphorisch direkt vor die Bühne zum Volk der Hüpfenden. Photoapparat dabei gehabt. Zwischen zwei Songs rufe ich zu Pete: "Pete?" - "Yes" - "Cheese!". Und Pete grinst in mein Objektiv. Die Band selbst ist ungemein spielfreudig, anscheinend freuen sich seine Kumpels sehr, live zu spielen. Irgendwann kommt der obligatorische Stagediver von Pete und jeder freut sich, Pete auch tragen zu dürfen. Und dann spielen die Babyshambles "Fuck Forever!". Die Halle ist kurz vorm platzen. Ehrlich. Und Pete freut sich. Und das Publikum freut sich, weil Pete sich freut. Und so weiter.

Irgendwann während des Gigs - ich glaube die Shambles spielten gerade "Pipedown" - flog mir die Brille von der Nase. Ich dachte, das sei wohl mein Opfer für die Kriegskasse. Mitnichten. Meine Brille lag auf der Bühne! Irgendwer gab sie mir dann und ich konnte wieder sehen. Pete und seine Jungs spielte ein paar neue Reggae-Nummern die begeistert vom Publikum aufgenommen wurden und dann war Schluss. Dachte ich. Auf zum Tresen, völlig durchnässt Biere bestellt. Und dann geben die Shambles doch tatsächlich noch ein paar Zugaben. Pete mit lustigem Hut und Oberkörper frei. Dann war's vorbei. Und alle, wirklich alle freuten sich. Was für ein tolles Konzert. Sie waren wirklich da.

Danke Pete!

Dank auch an Claudius Schnoor aus Kiel für diesen lebhaften Live Report  und das Foto vom Hamburg Gig der Babyshambles am 12. Mai 2006. Ich hätte ja nicht gedacht, dass Mister Doherty fähig ist, sich mal am Riemen zu reißen. Zu oft hat er uns das Gegenteil bewiesen. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge muss ich an den ersten Berlin Gig der Libertines anno 2002 denken. Vor allem an das „Interview“, das ich wenige Stunden vorher bei Radio Eins mit Carl und Pete führte. D.h. eigentlich kam es zu keinem Interview, weil vor allem Pete völlig bedröhnt war. Auszüge aus dem Mitschnitt werde ich als Bonus auf den nächsten GG Sampler packen.

Hier noch einen kleinen Nachtrag zum What...For! Re-Union Konzert am 8. Oktober 2005. Michael Fielitz, der früher bei The Splashbeats spielte, sandte mir folgenden Kommentar zum Konzert und meinem Review.

„Hallo Mike, danke für Deinen Newsletter - Guitars Galore lese ich immer wieder gerne! Ich fand das What.. For! - Konzert gerade wegen des Chaos und der Verspieler so klasse. Kann man eben gerade nicht vergleichen mit anderen Darbietungen heutzutage. In meinen Augen war es wie früher, wo es zwischen Perfektionismus und Dilettantentum noch Platz für sympathische Zwischenstufen gab... Gruss, Michael“

Ich weiß was du meinst, Michael. Aber es gab eben schon What...For! Gigs, die charismatischer  waren als dieses Jubiläums Konzert. Dieses Mal stand das Partymachen bei den Musikanten selbst etwas zu sehr im Vordergrund. Dazu kamen technische Unzulänglichkeiten. Schön war’s dennoch, so viele Leute mal wieder zu treffen. Und es war definitiv kein vergeudeter Abend.

Vergeudet war auch nicht der Abend des 25. Oktober in der Arena, auch wenn sich die Einlasskontrollen im strömenden Regen derartig hinzogen, dass man klatschnass wurde und den ersten Song verpasste, weil der Meister wieder super pünktlich auf der Bühne stand. Bob Dylan, diesmal mit Predigerhut am Piano, schien guter Stimmung, nicht unbedingt guter Stimme. Jedenfalls fiel mir nun zum ersten Mal auf, dass der Mann wohl so was wie einen Altersstimmbruch hat. Anders kann ich mir die Kiekser und Abrutscher in seinem Gesang nicht erklären. Ordentlich genuschelt hat er ja schon immer. Die Texte versteht man also nur, wenn man die Songs kennt. Aber das dürfte für die meisten Anwesenden kein Problem sein. Viele aus der Ü60 Riege sind da. Der Durchschnitt im besten reifen Alter wie unsereins. Auffällig aber etliche hübsche junge Mädels. Es werden da wohl die Songs, die Legende, das Charisma sein, die ihn attraktiv machen. Die Band in grauen Straßenanzügen. Drei neue Gitarristen, davon einer an der Slideguitar. Die Rhythmus Section ist dieselbe wie vor drei Jahren. „Lay Lady Lay“ weckt Erinnerungen an meine erste Bekanntschaft mit Bob. So romantisch und lieblich wie damals klingt der Song in der heutigen Interpretation nicht mehr. Ob die Mädels sich angesprochen fühlen? – „Highway 61“ rockt los wie ZZ Top. Heute mal in verschärfter Fassung. Aber die Band kann auch anders. Manchmal klingt es wie in einer Bar in New Orleans. Stell ich mir jedenfalls so vor. Dort war ich noch nicht. Das Schöne an Bob Dylan und seiner schon seit Jahren währenden Tournee ist, kein Gig ist gleich. Immer andere Songs. Immer andere Interpretationen. Nach anderthalb Stunden ist Schluss. Als Zugabe noch eine vom Meister etwas verdaddelte Version von „Like A Rolling Stone“. Trotzdem brandet Jubel auf, klar. Ist auch völlig in Ordnung. Ganz zuletzt „Watchtower“. Wild und voodooartig. Fand ich vor drei Jahren aber doch einen Tick besser. Na dann, bis zum nächsten Mal.

The Weirdo Stompers traten in den letzten vier Wochen gleich zweimal auf. „Beat ohne Worte“, „Mondo Surf“ oder „Big Beat“, so kündigen sie ihre sonst eher raren Gigs an. Insider Joe & Sandywissen natürlich, dass es dabei um Instrumentalmusik im Stil von The Shadows, The Ventures und ähnlicher großer Meister geht. Allerdings halten The Weirdo Stompers auch gerne das Erbe nicht ganz so bekannter Ahnen hoch. So intonieren sie etwa Werke der Sputniks, der Hunters u.a. Filmmusiken spielen in diesem Zusammenhang auch eine große Rolle. Vom James Bond Theme über Hawaii 5-0 bis zu Melo-dien aus DEFA Filmklassikern. Natürlich spielen The Weirdo Stompers auch gern eigene Kompositionen, die bei aller Liebe zu den berühmten Vorbildern doch eine durchaus eigene Note aufweisen. Ihr Auftritt im „Blauen Affen“ am Herrmannplatz am 15. Oktober war noch relativ gut besucht. In drei Sets brachten sie das Publikum nicht nur zum Mitwippen, einige Zuschauer/innen schwangen sogar das Tanzbein. Am 29.10. in der “Kiste” in Hellersdorf fanden sich dann leider nur sehr wenige Freunde des Surfsounds ein. Die Band aber war in Höchstform und präsentierte ein zwar gekürztes aber dafür sehr verschärftes Programm. Einer von vielen Höhepunkten an beiden Abenden waren die Titel „The Sultan“ und „Aurora“, die zu Ehren von Neil Young, der am 12. November 60 wird, aufgeführt wurden. Handelt es sich doch um Neils erste Eigenkompositionen, die er 1963 mit seiner ersten Band The Squires in seiner kanadischen Heimatstadt Winnipeg einspielte und als Single rausbrachte. Neil war ja damals ein großer Verehrer von Hank Marvin und The Shadows. Das färbte na-türlich auf seine frühen eigenen Versuche ab. Ein Exemplar dieser ersten 7“ von Neil Young mit The Squires fand kürzlich für über 2000 US Dollar einen neuen Besitzer via Ebay. War die Auflage doch damals recht gering und die Anzahl erhalten gebliebener Exemplare noch viel geringer. Ob The Weirdo Stompers die beiden Titel originalgetreu vortrugen, ist demzufolge auch schwer überprüfbar. Die Songs sind leider bisher nicht offiziell wieder zugänglich gemacht worden. Sandy Hobbs, Mastermind der WS, kennt sie auch nur durch ein Bootleg von lausiger Qualität. Was man live hörte klang aber sehr nach The Shadows. Nicht das Schlechteste übrigens. Bleibt nur zu hoffen, dass The Weirdo Stompers nach mittlerweile über 15 Jahren Band Karriere auch mal eine Platte veröffentlichen. Eine 7“ würde ja reichen für den Anfang.     

Tja, nun ist das The What...For! Re-Union Konzert also auch schon wieder Geschichte. Am 8. Oktober versammelten sich alle übrig gebliebenen Neo-Mods (na ja, fast alle), Freunde und Verwandte der Band, sowie ein ganze Reihe Neugierige aller Generationen von Liebhabern elektrisch verstärkter Beatmusik im Roadrunners’ Paradise. Zum Anheizen war die Fucking Star Club Band verpflichtet worden, die just in diesem Sommer den Beatles Band Wettbewerb im Estrel gewann. Leadsänger und Gitarrist Christopher Robinson wird manchem noch von The Spy bekannt sein. Die vier Jungs machten ihre Sache gut. Trotz rauem Hals und Erkältung Christophers klappten die mehrstimmigen Gesänge ganz prima. Die Band ging mit Elan und Aplomb zur Sache. Insgesamt vielleicht ein bisschen zu brav. Und das typische Star Club Repertoire birgt natürlich auch keine Überraschungen. The What...For! gingen dann nach 23 Uhr auf die Bühne. „Hold Tight“ ist ein gut gewählter Opener. Und diese relativ simplen, riffbetonten Beatkracher beherrschen die Herren wohl auch immer noch am besten. Phillipp Tausch konnte krankheitshalber leider nicht dabei sein, aber die beiden Gitarristen Martin Küchler und Ecki Riese – die übrigens früher nie gleichzeitig der Band angehörten – machten ihre Sache gut, wechselten sich bei den Schweinesoli ab und verpassten beide gleichermaßen gelegentlich ihren Einsatz. Urs hat sich kaum verändert. Er ist noch immer ein ausgezeichneter Frontmann und Leadsänger. Leider drang er manchmal nicht laut genug durch. Weder die Anlage noch der Mann am Mixer sind den Anforderungen des Clubs gewachsen. Bobo an der Orgel war der ruhende Pol wie schon früher. Aber was für ein Instrument hatte er da? So ein flaches hässliches womöglich digitales Elektronikteil geht gar nicht. Stephan gab den Bandleader zunächst souverän und jovial. Leider verhielt sich seine Souveränität am Bass und Mikrofon reziprok zur Menge seines nicht unerheblichen Bierkonsums. Gegen Ende musste man Befürchten, dass der Mann von der  recht hohen Bühne stürzt. Pete an den Drums war gut in Form und neben dem sehr guten Harmonikaspieler Klotte, den man übrigens am wenigsten wiedererkannt hat, der beste Musiker des Abends.

Foto: Klaus-Dieter Götze

Alles in allem muss man sagen, es war ein typischer What... For! Auftritt. Viel Spaß und Chaos auf der Bühne, ausgelassene Stimmung unmittelbar vor der Bühne. Skepsis in den hinteren Reihen. Mit einigen Übungsterminen zusätzlich wären ein paar unnötige Patzer zu verhindern gewesen. Mit etwas mehr Disziplin auch. Und The Boots wissen schon, warum sie „Gaby“ nicht live spielen. Diese perfekte Pop Art Studio Produktion auf der Bühne hinzubekommen, dazu gehört einfach mehr als Fantum und der Mut zum Scheitern.  Wirklich gelungen waren letztlich nur wenige Stücke. Aber bei Songs wie „She’s Gone“, „Bad Night“, „Pride Of Town“, „I Want It All“ und natürlich „Mach mich an“ bekam man einen Eindruck, wie gut diese Band in ihren besseren Momenten sein kann. Und was soll’s. In fünf Jahren treffen wir uns alle wieder zum 25-jährigen Bühnenjubiläum.

 

 

 

Am 13.10. waren The Duke Spirit aus London das erste Mal in Berlin. Der Magnet Club war relativ gut gefüllt aber nicht ausverkauft. Die Band ist halt schon noch eher Geheimtipp. Nach einer super anstrengenden Support Band, die versuchte Hawkwind und Nu Metal unter einen Hut zu bringen, deren Name mir aber schon wieder entfallen ist, stürmen die Fünf jungen Briten so kurz nach 10 auf die Bühne. „Dark Is Light Enough“, ihre großartige Single vom letzten Jahr, ist der Opener und fegt im Nu jeden Zweifel an der Klasse der Band beiseite. Unglaubliche Power und Spielfreude schwappt über die rund 150 Zuhörer hinweg! Liela Moss ist eine tolle Sängerin, ein Energiebündel! 100% positive Energie versprüht sie, strahlt, lacht, tanzt und macht Komplimente ans Publikum, die ehrlich und überzeugend sind. 40 Minuten vergehen wie im Flug. Die Jungs und das Mädel schalten kaum einmal einen Gang zurück. Schnelle punkige Riffs, keine aufgesetzten Posen. Nur Druck, vorwärts, weiter, herrliche Melodiefetzen. Und immer wieder Lielas etwas spröde aber reizende Stimme. Man ist wie betäubt. Hinterher stehen sie vorn am Merchandisingstand. Geben Autogramme, schwatzen mit den Fans. Absolut sympathisch und vollkommen natürlich. Tolles Konzert!

 

 

Bob BresserJörg "Jockel" Schulte-Eckel Am Sonnabend – 24.09. – war es endlich soweit. Das erste Konzert der legendären Boots in ihrer Heimatstadt seit 37 Jahren. Gerammelt voll ist das Quasimodo. Über ne Stunde haben die Fans draußen angestanden. Durchschnittsalter ist so Mitte 50. Wie beim Klassentreffen ist das. Die Luft ist Rauch und Bier geschwängert. Hinterm Tresen kommen sie mit dem Zapfen kaum nach. Um Halbelf geht’s dann los. Jockel ist supernervös zu Anfang. Aber schon beim zweiten Song wird er sicher. „But You Never Do It Babe“ klingt so wie damals. Scharf schneidet die halbakustische Gibson. Kraftvoll und akzentfrei Jockels Gesang. Bob spielt souverän seine Läufe auf dem Fünfsaiter. Er ist der ruhende Pol, der Erfahrene, der die ganzen Jahre in R&B Bands in seiner Freizeit spielte. Aber mit jedem Song wird Jockel ebenfalls souveräner. Die Augen leuchten. Sowohl die der Musiker, wie die der Fans. Olivier, den wir von der United Beat Organisation kennen und der Jockels Sohn sein könnte, spielt eine wunderbare Mundharmonika. Legt sich mächtig ins Zeug der Junge. Zeigt, dass er den Altvorderen nicht nachsteht. Michael Strauss an der Orgel vertritt den letztes Jahr Werner Krabbeverstorbenen Ulli Grün würdig. Ein bisschen zu bescheiden im Hintergrund bleibt er. Seine groovende Hammondriffs bei „Come On Children“ Olivier, Michael Strausszum Beispiel sind großartig. Wolfgang Seidel am Schlagwerk wirkt ein bisschen so wie Bill Wyman bei den Stones. Einer, der daneben steht, seinen Job macht, sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. Er hat vielleicht nicht den kräftigen Bumms von Heinz Hoff, dem leider viel zu früh verstorbenen Drummer der Boots. Aber Seidel, der übrigens zur Ur-Besetzung von Ton Steine Scherben gehörte, gibt dem Beat seine eigene mitunter swingende Note. Bei ein paar Nummern spielt auch noch Boogie Pianist Ron aus Hamburg mit. Karl-Heinz Hoff (Kalle) und Ulli Grün werden jeder mit einer deutsch gesungenen Hommage bedacht. Die einzigen selbst verfassten Songs im Programm sind das. Sonst hören wir nur altbekannte Live-Klassiker der Boots, aber auch einige eher unbekannte Bob Dylan Songs. Jockel ist großer Fan des Meisters.

Wolfgang Seidel, JockelEs ist Bob, Werner, Jockelschon lange nach Mitternacht und weit im zweiten Set. Wo bleibt eigentlich Werner? – Werner Krabbe, Sänger der Boots in ihrer erfolgreichsten Zeit, sollte doch auch dabei sein. Und da ist er plötzlich. Ganz im schwarz mit schwarzem Hut und grauem Bärtchen. Und nun ist kein halten mehr! Werner zelebriert sich und die Show! – „Remember Walking In The Sand“, ein Song, den kein anderer so gefühlvoll singt! „soooftly – soooftly“  – Wind, Meeresrauschen – schöön! „Boogie Children“, fast sechs Minuten, geile Gitarrenlicks! Und wieder „WernerWernerWerner!“ Und dann kommt der Höhepunkt: Djschie-äll-oh-arr-ai-eij – Glooriaa! Fast der ganze Saal grölt mit! Jockel packt die Fantaflasche aus und spielt das berühmte Slide-Solo. Nach über zwei Stunden Live-Musik wanken wir glücklich in die kühle Nacht hinaus. Es gibt noch eine After-Show-Party. Aber zehn Weizenbier sind genug für heute. Am 10. Dezember spielen The Boots noch einmal. Im Roadrunner’s Paradise in Prenzlauer Berg.

Boots Fotos: Klaus-Dieter Götze

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