
Die Kurzen (Singles, EP) Longplay (LP, CD) Re-Issues Live Gigs Fanzines Unsigned Talent Album des Monats News Links
The Bevis
Frond im Bassy
„The Leaving Of London“ von Bevis Frond
war mein Album des Monats im Dezember. Und am 15. Januar 2012 war Nick Saloman
mit seiner Band im Bassy in der Schönhauser Allee und spielte einen großen Teil
des Albums ebenso wie ein paar Klassiker aus seinem umfangreichen Oeuvre. Mit
ihm auf der Bühne waren sein langjähriger Kumpel Adrian Shaw am Bass, sowie die
vergleichsweise jungen und neuen Bandmitglieder Dave Pearce (Drums) und Paul
Simmons an der zweiten Gitarre. Nicks Stil, sein Songwriting und seine Stimme
sind unverwechselbar. Und so fühlte man sich als Fan und Kenner wenigstens
eines größeren Teils seines Backkatalogs sofort wohl und heimisch. Aufgeräumt
und gut gelaunt wirkte der inzwischen ergraute langhaarige Londoner. Zwischen
den zum Teil recht langen Stücken erzählte er immer wieder Anekdoten aus der
guten alten Zeit, lieferte Erläuterungen zu den Songs. Dass sein Vater aus
Berlin stammte, war mir zum Beispiel neu. Auch dass Nick seinen Heimatort
Walthamstow im Nordosten Londons nach nunmehr bald 60 Jahren doch noch
verlassen hat, um fortan an der Küste im Süden Englands zu leben, erfuhr ich
aus seinem Mund während des Gigs im Bassy. Der Club war gut gefüllt. Das
Publikum eine bunte Mischung aus jungen Hipstern, ein paar Studenten,
Althippies, bekannten Gesichtern aus einschlägigen Plattenläden und den Sixties
und Psych Spezialisten, die nur zu Anlässen wie diesem noch aus ihren vier
Wänden kommen. Nick Salomans Gitarrenspiel ist ziemlich einmalig. Diese
Mischung aus Byrds Jangle, Hendrix Schwere und Greg Sage Schärfe überwältigt
einen immer wieder. Dazu die wunderbar getragenen Melodien, die nur er so
hinbekommt. Neben den Gitarrensoli – zumeist von Nick – gibt es
auch immer wieder kurze Duelle mit Pauls Gitarre. Zu loben ist auch die
psychedelische Lightshow, die ein mitgereister Freund der Band auf die Bühne
zauberte. Mit Zugaben dauert der Gig gute zwei Stunden. Und da ausnahmsweise
auch mal relativ pünktlich begonnen wurde, sind wir noch vor Mitternacht auf
dem Heimweg in der frostigen Berliner Nacht.
Foto copyright Klaus Dieter Götze
Dark Shadows
im White Trash
Am 17. November 2011, einem Donnerstag, hatte mein
Schwager Bernd uns – d.h. ein paar Stammkunden seines Ladens Rock Steady
Records und mich – zu einem Blind Date geladen. Wir wurden in ein
Großraumtaxi verfrachtet und zum White Trash Fast Food Restaurant gekarrt. Dass
wir eigentlich in den Live Club White Trash im Keller unter dem Lokal wollten,
stellte sich dann erst dort heraus. Und der Club war auch eigentlich noch
geschlossen. Durch die Hintertür kamen wir dann aber doch schon rein.
Vernünftiges Bier gab es leider nicht, und unsere Geduld wurde ebenfalls auf
eine harte Probe gestellt. Bernd hatte halt nicht bedacht, dass Konzerte in
solchen Läden selten vor Mitternacht beginnen. Wir vertrieben uns die Zeit mit
der Beobachtung des langsam eintrudelnden Publikums, einer Mischung aus
Rock’n’Roll Fans, Studenten und zufälligen Touristen. Außerdem
nahmen wir den Merchandising Stand schon mal in Augenschein. Ausliegende Vinyl
Tonträger wurden sicherheitshalber gleich geordert und sicher verstaut. Nach einer an The Jesus And Mary Chain orientierten zwei Mann
Support Band betraten dann endlich drei Ladies die Bühne, die wir bereits am Merch
Stand kennen gelernt hatten. Dark
Shadows nennen sie sich, früher noch Brigitte Handley & Dark Shadows.
Miss Handley singt uns spielt Gitarre. Besonders sie, aber auch ihre beiden
Kolleginnen an Bass und Schlagzeug, sehen sehr nach Psychobilly aus mit ihren
Tattoos, Button übersäten Nietenwesten und dazu passenden Frisuren. Die drei
stammen aus Sidney, wie wir erfuhren. Sie sind auf Welttournee, waren schon in
Japan und im UK, und werden nach Deutschland auch noch weitere europäische
Länder und später auch die USA bereisen. Ihre Musik ist ein druckvoller,
melodischer Rock’n’Roll, der seine Inspiration sowohl von
Rockabilly wie von Eighties Gothic Pop bezieht. Unglaublich was da an Energie,
Spielfreude und Musikalität rüberkommt! Eine tolle Band! Ein Album der Band
erschien bereits vor zwei Jahren, nur als CD. Aktuell gibt es eine 7“ 45
sowie ein 10“ EP, die beide sehr gut die musikalische Bandbreite und
Vielfalt der Damen wiedergeben. Auf einer ebenfalls gerade erschienenen CDEP
findet sich als Bonus ein Cover von Grauzones „Eisbär“. Das spielen
die Ladies auch im Konzert als Zugabe. Eine klasse Version, etwas womit man bei
so einer Band nun wirklich nicht gerechnet hätte.
22
Pistepirkko & Them Bird Things
Am 12. Januar 2011 fand das
zumindest von mir mit Spannung erwartete erste Konzert von Them Bird Things in Berlin und überhaupt in Deutschland statt. Aber
der Reihe nach. Die Band war ja nicht allein in den Festsaal Kreuzberg
gekommen. Der Festsaal war ganz gut gefüllt, aber bei weitem nicht ausverkauft.
150 bis maximal 200 Menschen waren dort, um die drei Bands zu erleben, wobei
sicher der größte Teil wegen 22
Pistepirkko da war. Erstaunt war ich über die große Zahl von Finnen im
Publikum, viele junge Leute, die offenbar in Berlin studieren oder arbeiten.
Ich kannte keinen davon. Dass sie allerdings der verbreiteten Unsitte folgten,
auch während des Konzerts munter weiter zu plaudern über Dies und Jenes, fand
ich weniger schön. Aber auch sonst kannte ich so gut wie niemanden im Publikum.
Weder Moabit Peter noch andere sonst auf fast jedem Konzert anzutreffenden
Musikfreunde waren dort. Die können unmöglich alle bei Schiller gewesen sein,
der am gleichen Abend in Berlin auftrat. Na egal, kommen wir zur Musik am 12.
Januar im Festsaal. Den Anfang machten Straight
From The Harp, ein Duo aus Dänemark, das aber in Berlin lebt. Vor dem Gig
sah ich die beiden noch mit einem höchstens zweijährigen Kind auf dem Arm im
Vorraum des Saals. Auf der Bühne war das Gör dann nicht dabei. Die Musik des
Duos wird als Electro Blues beschrieben. Nun ja, optisch wirkt das Paar wie aus
der TV Serie Mad Men entliehen, wobei er allerdings eine neckische Rockertolle
trägt. Wenn er nicht Harmonica spielt, bläst er in einen Schlauch, mit dem er
unter zu Hilfenahme weiterer Gerätschaften seltsam elektronische Geräusche
erzeugt. Sie singt meist und sieht hübsch aus. Insgesamt ist der Auftritt eher
anstrengend aber zum Glück nicht sehr lang.
Nach kurzer Pause folgt der von mir mit Vorfreude
erwartete Auftritt von Them Bird Things. Die Band eröffnet den Gig mit dem
Opener ihres aktuellen Albums „Northern Curve“. Kein leichter
Einstieg. Aber die Gespräche im Publikum verstummen schnell und man lauscht
– fast andächtig. Bis auf zwei Stücke stammen alle gespielten Songs von
Album „Wildlike Wonder“. Neben Countryhaftem wie „Silver
Oldsmobile“ gibt es viel melancholisch psychedelisch Atmosphärisches. Die
Band beschließt ihren rund 45 minütigen Auftritt mit einem Highlight vom
Debütalbum „Pocket Of Rain“. Großartig auch
„Marionette“ aus der Feder von Jake Holmes, der ja Jimmy Page
seinerzeit zu „Dazed And Confused“ inspirierte. Die Songs von Them
Bird Things sind ja alle US amerikanischen Ursprungs. Aber dennoch macht Salla
Day diese Lieder zu ihren eigenen. Und um „Northern Curve“ oder
„Raised In Bangor“ überzeugend vortragen zu können, muss man auch
nicht unbedingt im Nordosten der USA aufgewachsen sein. Tampere und die
finnische Landschaft tun’s auch. Die Band spielt die nicht
unkomplizierten Arrangements virtuos und quasi wie auf der Platte. Und das wäre
dann vielleicht der einzige Kritikpunkt. Es klingt alles sehr schön, aber
irgendwie nicht lebendig genug. Der letzte Funke will nicht überspringen. Und
so ist der Beifall freundlich aber nicht enthusiastisch. Für eine Zugabe
reicht’s leider nicht.
Schließlich kommen 22 Pistepirkko auf die Bühne. Die
drei aus dem nordfinnischen Utajärvi spielen seit ihrer Schulzeit gemeinsam in
einer Band, also seit gut 30 Jahren. Von Punk über Folk, Pop, Country, Garage
Rock bis hin zu Electronica haben sie schon alles gespielt. Meist in einer nur
ihnen eigenen besonderen Mischung. Nachmittags waren sie noch bei Radio Eins
zum Interview. Da lüftete Asko endlich das Geheimnis des Bandnamens. Damals in
Utajärvi am Gymnasium pflegte er in den Pausen auf dem Schulhof im Gras zu
liegen. Da setzte sich eines Tages ein gelber Marienkäfer auf sein Kinn und
ging da für mindestens eine Minute nicht weg. Das war ein Zeichen, befand Asko.
Und so nannte er die Band 22-Punkt Marienkäfer. Auch die Entstehungsgeschichte
ihres Single Hits von 1992 „Birdy“ wurde geklärt. Das ist die
Single mit den 40 Sekunden Vogelgezwitscher in der Mitte. Nur Vögel, sonst
nichts. Für das nächste Album, das weitgehend fertig ist und im März erscheinen
soll, haben sie sich den Blues vorgenommen. Einen Vorgeschmack gab es im Radio
Eins Studio mit einer spontanen Akustikversion von „Too Much Snow“.
Ein jahreszeitlich inspirierter Bluessong, so scheint es. Abends auf der Bühne
des Festsaals spielen sie überwiegend Garage Rock, oder besser gesagt Garage
Blues Rock. Neben dem Pistepirkko Klassiker "Frankenstein" kommen
überwiegend neue Stücke zur Aufführung. Nur hin und wieder wird es etwas
leiser. P.K.s Gesang ist nicht Jedermanns Sache. Aber Pistepirkko Fans wissen
das natürlich. Wie er mit seiner hohen brüchigen Stimme zarte Liebeslieder
singt, das ist so ergreifend wie gewöhnungsbedürftig. Hin und wieder singt auch
Espe am Schlagzeug. Und einmal kommt er sogar nach vorn, um ein kleines Lied zu
singen. Asko wiegt sich mit seinem Bass hin und her, vor und zurück. Er ist
völlig versunken in der Musik. Und P.K. holt aus den ständig wechselnden
Gitarren Töne, die außer ihm nur Jack White hervorzaubern kann. Was mir bei
Them Bird Things ein bisschen gefehlt hat, hier ist es da. Dieses Charisma,
dieses Einzigartige des Moments, dieses Aufgehen in der Musik während des
Spiels. Nach gut einer Stunde und zwei Zugaben ist Schluss. Ich bin sehr
gespannt auf die neue LP.
Berlin Beat Allstars 2010

Während sich die hippe Jugend anlässlich der Berlin
Music Week am Flughafen Tempelhof versammelte und drei Tage lang mit zumeist
moderner und vor allem junger Musik feierte, traf sich die reifere Jugend der
Stadt am Freitag dem 10. September 2010 im Festsaal Kreuzberg, um die eigene
Vergangenheit und ihre Idole der 60er Jahre hochleben zu lassen. Musiker aus 14
verschiedenen Berliner Sixties Bands waren mit dabei. Allerdings trat keine der
Bands
in Originalbesetzung auf. Viele der damaligen Musiker waren
entweder nicht aufzutreiben oder nicht zur Teilnahme zu bewegen. Manche sind
bereits verstorben. Aber es sind auch einige von weiter weg angereist. Der
Festsaal Kreuzberg ist wie geschaffen für solch eine Veranstaltung. Rote
Vorhänge links und rechts der Bühne, eine Galerie mit Balustrade, an den Seiten
Tische und Stühle zum Verschnaufen. Rund 400 Besucher sind gekommen. Viele im
gleichen Alter wie die Musiker auf der Bühne, also so um die 60-65, viele auch
erst in ihren Fifties, und ein paar ganz junge (Kinder oder Enkel vermutlich)
sind auch da. Das Programm beginnt pünktlich um 21 Uhr mit einer Formation, die
von Danny Wall (ex-Hound Dogs) an der Gitarre geleitet wird.
Rock’n’Roll Standards sowie R&B Klassiker spielt die Band. Die Stimmung
kommt in Fahrt, auch wenn das Ganze eher an einen Oldie Abend im Bierhaus am
Reichskanzlerplatz erinnert. Naja, irgendwie ist es das ja auch. Die Besetzung
auf der Bühne wechselt häufig. Mitunter stehen da bis zu acht Musiker
gleichzeitig. Besonders angenehm fallen die Tröten von Dieter Schaal und Ralf
Neujahr auf. Nach einer kleinen Umbaupause spielt eine komplett neue Besetzung,
die, so sagte man mir, hauptsächlich aus Mitgliedern von Edgar & The
Breathless besteht. Für ein paar eher schmusige Songs kommt der ehemalige
Sänger der Gloomys, Mike Sanden, dazu. Dann spielt die Band plötzlich
„Jeans On“ und andere 70er Oldies. Thema verfehlt, kann man da nur
sagen. Der harte Kern der damaligen Szene versammelt sich vor der Tür am
Bierstand. Der Zentralrat der Umherschweifenden Haschrebellen ist auch fast
vollständig anwesend. Nach einer weiteren kleinen Pause stehen The Allies nicht
ganz in Originalbesetzung auf der Bühne. Jürgen Pittack spielt Gitarre, singt
und macht immer wieder sympathische Ansagen zwischen den Songs. Unterstützt
wird die Combo von dem wirklich formidablen Gitarristen der Team Beats Berlin
Klaus Dreymann. Das Repertoire ist jetzt wirklich Beatmusik mit Songs der Kinks
und Small Faces u.a. Schließlich kommt der Höhepunkt des Abends. Plötzlich
fühlt man sich wie in einer Zeitreise mehr als 40 Jahre in die Vergangenheit
versetzt. Am Mikrofon steht nun Werner Krabbe, einst Sänger der legendären
Boots. „In The Midnight Hour“ und endlich auch
„G-L-O-R-I-A“! Der Saal tobt vor Begeisterung! Nach Mitternacht erklimmt
eine immer noch ansehnliche aber auch nicht mehr ganz junge Sängerin die Bühne,
und alle zusammen geben eine leider etwas schiefe und viel zu laute Version von
„Knockin’ On Heaven’s Door“ zum Besten. Trotzdem
war’s alles in allem ein schöner, nostalgischer Abend.
Konzertrückblick
Am letzten Sonnabend im
Mai, also am 31.5.08, feierte eine Berliner Institution 25-jähriges Jubiläum.
Die Rede ist vom Schallplattengeschäft „Mr. Dead & Mrs. Free“,
das seit 1983 in der Schöneberger Bülowstr. 5 unweit des Nollendorfplatzes in
einem hässlichen Neubau neben einem Getränke Spätkauf residiert. Der Laden ist
klein, 40 qm
schätze ich. Und doch findet man dort die wichtigsten
Neuerscheinungen und Re-Issues aus den Bereichen Americana, Britpop, Alternativ
und Independent Pop und Rock, nebst Klassikern aus Blues, Country, Jazz und
Rock’n’roll. Zum größeren Teil auf Vinyl, aber auch CDs und DVDs
und eine Vielzahl an Periodika zum Thema Musik in englischer und in deutscher
Sprache. Und was das wohl wichtigste ist, es ist so ziemlich der einzige Laden
in der Stadt mit regelmäßigem UK Import und einem großen Angebot an aktuellen
7“ 45s! Das möchte man trotz Internet und den dort vertretenen
zahlreichen Spezial Mail Ordern nicht missen. Ina Rüberg und Volker Quante
zogen damals aus dem Ruhrpott nach Berlin und wurden hier sesshaft. Ina zog
sich später aus familiären Gründen für etliche Jahre zurück aus dem Geschäft,
und Tim Schneck kam ins Boot. Heute betreiben sie zu dritt den Laden. Tim ist
auch noch Teil des Karrera Clubs, und so stand der Ort für die Jubiläumsfeier
auch schnell fest.
Im Kreuzberger Lido, dem
Stammsitz des Karrera Club und übrigens auch EM Übertragungshauptquartier in
den kommenden Wochen, wurde mit Freunden, Gästen und interessiertem Publikum
gefeiert. Les Hommes Sauvages, die Band des früheren Goldenen Vampirs
und zeitweiligen
Solo Künstlers Justice Hahn, eröffnete den Abend eher
verhalten mit einem kurzen fast besinnlichen Set. Der Zuschauerraum war erst
halb gefüllt. Einige Leute zogen es auch vor, im offenen Innenhof die frische
Luft oder ein Tabakprodukt zu genießen und sich zu unterhalten. Die folgende
Band war extra aus England angereist, um dem Laden die Ehre zu erweisen, der
die meisten ihrer Tonträger verkauft. Palm Springs zählen zu den vielen
neueren und/oder jüngeren britischen Bands, die ihr Schicksal weitgehend in die
eigenen Hände nehmen und ohne die Unterstützung von Verlagen oder Plattenfirmen
ihre Musik produzieren und veröffentlichen. Ihre Promotion läuft dann
weitgehend über das Internet und Mund-zu-Mund Propaganda. Durch den Einsatz des
Kollegen Wolfgang Doebeling, der die Platten von Palm Springs immer wieder lobt
und im Rundfunk spielt und damit eine zumindest kleine Kettenreaktion
hervorrief wurden die Singles und das Debütalbum der Band zu Bestsellern bei
Dead & Free“. Palm Springs traten in voller
Besetzung auf mit Gitarre, Bass, Schlagzeug (das überwiegend mit gepolsterten
Trommelstöcken sachte behandelt wurde), Keyboards und einem Cello. Sie sind
wohl auch nicht unbedingt die geborene Live Band und brauchten ein bisschen
Zeit, um sich einzugrooven. Aber ihre Musik ist sehr atmosphärisch schön und
eigentlich genau das richtige für einen lauen
Sommerabend zum andächtig lauschen und sich fallen
lassen. Als so ziemlich einzige uptempo Nummer spielten sie ihre letzte Single
„I Start Fires“, die auch gleich freudige Erregung vor der Bühne
hervorrief. Ihr letzter Song war ein neuer, der die Spannung auf das kommende
zweite Album erhöht. Nachdem sich der größte Teil des Publikums wieder im
Innenhof erfrischt hatte, bat Ina erneut herein zum Auftritt der einen Hälfte
von Travis, die ja in ihrer britischen Heimat zu den erfolgreichsten
Bands der letzten zehn Jahre gehören. Andy Dunlop an der elektrischen
Gitarre und Fran Healy mit Akustikklampfe und seinen Stimmbändern
bewehrt lieferten eine bunten Strauss von Melodien,
die allesamt Hits im UK waren und auch dem Radio Eins Hörer in Berlin bestens
vertraut sind. Frannie lebt ja mit seiner deutschen Frau neuerdings hier,
insofern war die Anreise für ihn nicht weit. Jedem anderen hätte das Berliner
Publikum wohl die ständig verstimmte Gitarre und die daraus resultierenden
Verzögerungen kaum nachgesehen, aber Frannie ist ein so liebenswerter Sunnyboy,
der so wortreich und
beinahe
unbeholfen mit seinen Fans kommuniziert, dass der Auftritt der beiden keine
Sekunde langweilig oder kritikwürdig schien. Bei Ray Davies’
„Lola“ erwies sich Frannie dann auch noch als nicht wirklich
textsicher, aber auch das wurde gnädig
überhört und mit begeistertem Beifall und Mitsingen
honoriert. Schließlich riss eine Saite vollends und die zigarrenkistenförmige
Ersatzgitarre widerstand allen Stimmversuchen vor vornherein. Macht nichts. Es
hat Spaß gemacht, und auch Fran und Andy spielten einen neuen „Song To Self“
und Fran kündigte das Erscheinen eines neuen rein analog aufgenommenen Albums
an. Was mich allerdings doch etwas wunderte, ist die Tatsache, dass eine Hälfte
von Travis, die ja hier in Berlin sonst die Columbiahalle problemlos füllen,
nicht mal das Lido richtig ausverkauft. Während die
Freunde der eher leiseren Töne nun wieder im Innenhof Erfrischung suchten,
lieferten Les Hommes Sauvages einen zweiten rockigen Set ab, der im
Gastauftritt des Die Ärzte Drummers Bela B. gipfelte. Bela brachte zwei
Songs von Lee Hazelwood zu Gehör, mit dem er ja noch kurz vor dessen Tod
zusammengearbeitet hatte. Und ganz der versierte
Showman war es dann auch Bela, der die Jubilare auf die Bühne holte und sie
gebührend feierte. In den Umbaupausen sorgte übrigens Mister Wolfgang Doebeling
höchstpersönlich für musikalische Unterhaltung von den Plattentellern. Viel
Fifties Rock’n’Roll und Artverwandtes war da zu hören. Nach Ein Uhr
morgens fand dann ein Publikumswechsel statt und die Party ging in die übliche
Karrera Club Disco Nacht über.
Am 1. Februar 2008 gab es im Festsaal Kreuzberg am
Kottbusser Tor gleich drei Bands zu besichtigen. Los ging’s wie gewohnt
spät. So gegen 22 Uhr 40 entern Les Hommes Sauvages aus Berlin die
Bühne. Die Band um Kristof Hahn und Viola Limpet ist ja fast schon eine Art
Berliner Institution. Gerade haben sie mit „Trafic“ ein zweites
Album veröffentlicht, das ich leider noch nicht kenne. Aber auf der Bühne sind
sie sowieso immer hörenswert. Viola kann aus gesundheitlichen Gründen immer noch
nicht wieder dabei sein. Dafür hat Kristof die Band mit drei neuen Musikern
verstärkt. Zwei Keyboarder spielen jetzt mit- und gegeneinander. Der Mann am
Electric
Piano ist
für mich ein unbeschriebenes Blatt, aber Michael Strauss an der Orgel kennen
wir von Dunkelrot und vom schon wieder legendären Gig der Boots im Quasimodo.
Der Bass wird bei den wilden Männern jetzt von Stephan Schulz (The What...For!)
gezupft und geschlagen. Insgesamt wirkt der Sound der Band nun kompakter, roher
und druckvoller. Aber die Atmosphäre dieses eigentümlichen Stilmixes von
Dekadenz, New Wave und Post Rock geht dennoch nicht verloren. Sehr schön. Die
nächste Combo ist kurzfristig ins Line-Up des Abends vorgestoßen. Singapore
Sling stammen eigentlich aus Island, leben jedoch zur
Zeit eher in Berlin und versuchen von hier aus, die nähere und weitere
Umgebung zu bespielen. Optisch beeindrucken vor allem der sehr große und sehr
dünne Gitarrist und Sänger, ganz in schwarz, sowie die ebenfalls relativ große
und schlanke Bassistin in schwarzem Ledermantel und hochhackigen Stiefeln, die
nur selten unter ihrem schwarzen Pony hervorschaut. Der wie ein Berserker
arbeitende Drummer ist kaum zu sehen hinter seinen Trommeln und der zweite
Gitarrist, blond und im Ringelpulli, wirkt wie von einer anderen Kapelle
ausgeliehen. Ein ständig an seinem Cocktailglas nuckelnder Tamburinspieler vervollständigt das Bild. Ansagen werden so
gut wie keine gemacht. Der Sound der Band erinnert stark an The Jesus &
Mary Chain, bleibt aber merkwürdig konturlos und fad. Moabit Peter versichert
mir später, dass er die Band schon besser gehört und gesehen hat. Schließlich
kommen so gegen Null Uhr Dreissig The Flaming Stars auf die Bühne. Nur
zu viert dieses Mal. Ihr Bassist musste sich einer Operation unterziehen, ist
aber wie wir hören bald wieder genesen und voll dabei. Gitarrist Huck Whitney
übernimmt also vorübergehend den Bass und überlässt die Gitarrenarbeit vollends
Mister Mark Hosking. Der Gesamtsound der Band verliert dadurch nicht unbedingt,
wirkt aber doch etwas rauer und spartanischer als sonst. Max Décharné liefert
eine sehr gute, professionelle und zugleich enthusiastische Performance.
Charmant und freundlich führt er durch das Programm, auch wenn er manchmal
einen etwas müden bzw. angestrengten Eindruck macht. Das trotz BVG Streiks sehr
zahlreich erschienene Publikum tanzt begeistert und fordert mehrere Zugaben,
die auch umstandslos gewährt werden. Wir sitzen später noch in einem Nachtcafé
mit der Band zusammen, und Max erzählt einige Anekdoten sowohl aus London wie
aus seiner Berliner Zeit. Hoffen wir, dass das großartige letzte Album
„Born Under A Bad Neon Sign“ doch noch irgendwann auch auf Vinyl
erscheint.
Den folgenden
Konzerteindruck vom 9. Oktober 2007 fand ich im Leser Forum des deutschen
Rolling Stone. Der Bericht von Roland Linde aus Münster erscheint hier
unwesentlich gekürzt. Vielen Dank, Roland!
The great unwanted: Pop kam nach Münster, doch nur ca. 60 Westfalen
folgten seinem süßen Lockruf, unter ihnen auch der Chronist.
Zunächst galt es aber, eine
halbe Stunde lang die ostfriesischen Keane zu überstehen, deren Name mir
entgangen ist. Der keyboardschwangere Sound war an sich ganz gefällig, wenn sie
nur so was wie Songs gehabt hätten und nicht so derart banal gefühlige Lyrik
unterhalb des Juli-Silbermond-Standards absondern würden. Am Schluss wurden wir
sogar aufgefordert, die Worte "Alles - wird - gut" mitzusingen. Da
sie aber mit einer Single debütiert haben, können sie immer noch die beste Band
aller Zeiten werden.
Die Überraschung des Abends war tatsächlich der
Hauptact: Lucky Soul eilt der Ruf des Lieblichen, Zuckersüßen voraus.
"Diese Platten sind so weich, sie zerfließen auf dem Teller" hat
jemand mal geschrieben. Umso erstaunlicher, wie kompakt, laut und mitreißend
die Briten klingen, keinen Lounge Sound, sondern Powerpop bieten. Als ich Ivor
am Merchandise Stand darauf anspreche, dass die Songs live noch viel besser
klingen, sagt er zustimmend: "More energy!"
Der Keyboarder ist
zurückhaltend, Geigen und Bläser vermisst man nicht. Ali Howard ist tatsächlich
eine tolle Sängerin und überraschend präsent, wo sie auf Platte zerbrechlich
klingt. (Und tatsächlich ist sie genauso hübsch und zierlich, wie es Fotos
suggerieren.) Allerdings ist Ali nicht der alleinige Star, ihre beiden
Gitarristen und Backgroundsänger Andrew und Ivor sind ausgesprochen charmante
und gutaussehende Sidekicks. Eigentlich hat diese Band alles für den großen
Erfolg, vor allem bestechend gute Songs. Sie spielen ihr Album fast komplett
und die tolle B-Seite "Give Me Love".
Trotz des übersichtlichen
Publikums waren sie bester Dinge und erläuterten beispielsweise, der nächste
Song hieße "Baby, I'm kaputt". Als Zugabe spielen Lucky Soul - wieder
Überraschung - Echo & The Bunnymens "Killing Moon" im
pulsierenden New Wave-Disco-"Heart Of Glass"-Sound. Die zweite Zugabe
durfte sich das Publikum aussuchen. Es war nicht sehr repertoiresicher, aber
schließlich einigte man sich auf "Add Your Light To Mine".
Fazit: Tolle Band, alle
Vorbehalte vergessen, hingehen! Und gespannt sein auf zukünftige
Veröffentlichungen.
Die Berlin Beat
Explosion #3 ist nun auch schon wieder Geschichte. Zumindest den zweiten
Tag dieses kleinen Berliner Mod Weekenders habe ich mir nicht entgehen lassen.
Das Live Programm begann diesmal erstaunlich pünktlich, so dass ich den Anfang
des Auftritts der Fay Hallam Trinity sogar verpasste, als ich kurz nach
23 Uhr im Lido eintraf. Die Trinity war an diesem Abend ein Quartett.
D.h. Fay Hallam an Orgel und Leadvocals wurde zusätzlich zu ihrer exzellenten
Rhythmusgruppe an Bass und Schlagzeug unterstützt von einem jungen Mann, der
ein Yamaha Keyboardbrett bediente. Soundmäßig ganz ok, optisch aber ziemlich
daneben. Der Auftritt Fay Hallams war alles in allem durchwachsen. Wie es
scheint schreibt sie immer die gleiche Art von Hammond Hymnen, die zwar sehr
schön sind, aber auch von gewisser Gleichförmigkeit in Harmonien und Melodien.
Da kamen ein paar Cover wie z.B. „Nothing But A Heartache“ gerade
recht zur Abwechslung. Nach rund 60 Minuten und zwei
Zugaben wurde die spröde Mod Queen mitsamt ihren Mannen vom Publikum mit freundlichem aber doch eher
verhaltenem Applaus entlassen. Ich hätte übrigens zu diesem Zeitpunkt schon
mehr Zuschauer als die ca. 200-250 erwartet, die sich im Raum übersichtlich
verteilten. Neben vielen Bekannten, die man bei diesen und ähnlichen
Veranstaltungen fast immer trifft, waren auch sehr viele auswärtige Besucher
zugegen. Und vor allem fiel mir auf, dass da – wie schon bei anderen Mod
und Beat Events zuvor – überdurchschnittlich viele junge und jung gebliebene
Mädels in authentischem oder zumindest Sixties inspiriertem Style zugegen
waren, die auch gerne und reichlich tanzten. Dass auch die Altvorderen
Interesse am Nachwuchs haben, bewies die Anwesenheit von Werner Krabbe (Sänger
der legendären Boots), den ich am Tresen fachsimpelnd antraf, als die Bühne
gerade für die nächste Band bereitet wurde. Diese zweite Band des Abends waren The
Jaybirds aus Wien, die ich vor gut zehn Jahren zuletzt live sah, und die
zwischenzeitlich wohl auch schon mal das Handtuch geworfen hatten. Ihr nach wie
vor authentischer weißer R&B ist inzwischen muskulöser und druckvoller
geworden. Sie sind eigentlich eine ideale Modband. Sowohl optisch als auch
musikalisch. TV-Auftritte von The Creation und sogar The Yardbirds damals in
„Beat Beat Beat“ kommen mir in den Sinn, wenn ich die Jungs auf der
Bühne sehe und höre. Aber The Jaybirds spielen inzwischen gar ihre eigenen
Klassiker wie „Going Our Own Ways“. Das Publikum im Lido gerät
zunehmend in Rage. Viele tanzen und shaken, und die Band muss mehrere Zugaben
spielen, bevor sie endlich nach gut 70 Minuten entlassen wird.
Erstaunlicherweise – oder auch nicht, wenn man die Ausgehrituale junger
Leute heute kennt – wird es immer noch voller im Lido. Die Party geht bis
in die frühen Morgenstunden mit wechselnden DJs, die überwiegend gut tanzbare
Insider Platten auflegen. Will sagen, selbst ich kenne nur einen Bruchteil der
gespielten Musik, was dem Spaß und der guten Laune jedoch keinen Abbruch tut.
Eine Woche vorher am 8.
September 2007 erfreute uns eine ganz andere Art von Sixties Revival Band. The
Hardbeat Five spielten im Rickenbacker’s
Inn in Wilmersdorf zum Tanz auf. Im Prinzip handelt es
sich hier um eine so genannte „Oldie Band“. Aber nicht vorschnell
die Nase rümpfen. Diese Kapelle ist keine dieser üblichen Bierhaus Combos, die
zum Schunkeln und Mitgröhlen alles spielen, was verlangt wird, von den Beatles
bis zu Roland Kaiser. Bei The Hardbeat Five sind echte Fans von Sixties Beat
zugange. Und zumindest Pit Mischke, der eine Gitarrist, hat wohl auch die 60er
bereits bewusst musikalisch miterlebt damals. Bei den anderen bin ich mir da
nicht so sicher. Auf jeden Fall sind sie alle exzellente
Musiker, die auch noch in anderen Formationen spielen und damit wohl zum großen
Teil ihren Lebensunterhalt bestreiten. Ok, auf dem Mod Weekender im Lido wären
The Hardbeat Five eher argwöhnisch beäugt worden. Ist ihr Outfit doch eher so
eine Mischung aus Beat, Flower Power und Glamrock Styles. Aber gegen ihre
großartigen Interpretationen von „I’m A Boy“,
„Substitute“, „The Last Time“ und vielen anderen
Klassikern bis hin zu „Satisfaction“ hätten auch Mod Puristen
nichts einwenden können. Insofern finde ich denn auch den Begriff Coverband
angemessener. Sie covern die Hits der Sixties, und ihre Auswahl ist dabei so
geschmackssicher wie zum Teil überraschend, wenn wir neben einer unglaublichen
durch Improvisationen veredelten Version von „Eight Miles
High“
auch ein fröhliches und authentisches „Poupée de cire, poupée de
son“ geboten bekommen. Gaby Mehlitz übernimmt dafür neben dem prägnanten
Bassspiel auch mal die Leadvocals. Ansonsten gibt Tom Thiede den sehr
sympathischen und kompetenten Frontmann am Mikrofon, der seinen Roger Daltrey
oder Mick Jagger so gut drauf hat, dass man mit geschlossenen Augen sofort die
Zeitreise antritt. LeeMan spielt meist die etwas schwierigeren Soli auf der
Gitarre und gibt uns auch mal den Pete Townshend mit dem Windmühlenarm. Vom
soliden Rückgrat der Band auf dem Schlagzeughocker ist meist nicht viel zu
sehen. Aber bei den Verbeugungen vor dem nicht enden wollenden Zugabenteil
strahlt der blond gelockte Karl Konermann wie ein Honigkuchenpferd. Drei Sets
spielt die Band, und das restlos begeisterte Publikum – großteils die
Teenager von 1962 bis 69 – kommt ganz schön ins Schwitzen beim Tanzen vor
der kleinen Bühne.
Am 6. September 2007 traten
am gleichen Ort bereits zum zweiten Mal The Weirdo Stompers auf. Ihre
Mischung aus Big Beat Nummern aus dem Repertoire der DDR und Ostblock Kapellen
der 60er Jahre, sowie international bekannten Surf und Instrumental Klassikern
von „Hawaii 5-0“ über „Apache“ bis zu „Green
Onions“, gut gemixt mit eigenen Kompositionen vermag immer wieder zu
begeistern. Positiv fiel auf, dass Professor Doktor Friebe an der linken
Sologitarre inzwischen sein persönliches Repertoire an verfrickelten und
schnellen Solopartien trefflich aus-gebaut hat. Aber auch Mastermind Sandy
Hobbs weiß immer wieder aufs Neue zu überzeugen mit Wimmerhaken und glasklaren
Glissandi. Joe Nailey am Bass ist nach wie vor optisch am überzeugendsten und
musikalisch zuverlässig wie ein Metronom. Herbie an der Schießbude trommelt
sich solide durchs Repertoire und verzieht dabei selten eine Miene. Da die
Combo nun schon seit etlichen Jahren ihr stetig wachsendes Programm auf den
Bühnen Berlins zum Vortrage bringt, haben ein paar ungeduldige Fans mittels
Transparenten diesmal das Erscheinen eines Tonträgers der Weirdo Stompers
angemahnt. Wir sind gespannt, ob das die Band nun antreibt, endlich mal
wenigstens eine EP zu veröffentlichen.
Während der British Music Week war ja so Mancher jeden Abend
in irgendeinem Club, um irgendeine junge britische Band zu erleben. Und ich
muss zugeben, die eine oder andere hätte mich auch noch gereizt. Allein, ich
hatte nur Zeit am Dienstag, 24. April 2007. Und so begab ich mich in den Magnet
Club, um wenigstens zwei Brit-Bands zu sehen, eine gehypte und eine weniger
bekannte. Die Voom Blooms sind ein Quartett aus der Kleinstadt
Loughborough im Herzen Englands. Alle vier wahrscheinlich noch keine Zwanzig gehen
sie mit viel Aplomb und Eifer zu Werke. Spielen können sie auf jeden Fall. Sehr
britisch klingen sie. Jedoch auch noch ein bisschen unfertig. Ihre ersten
beiden Singles sind recht hörenswert und werden natürlich auch live gespielt.
Der Rest des halbstündigen Sets, so ist zu vermuten, präsentiert die aktuelle
EP, die gerade erst erschienen ist. Alles übrigens von der Band in Eigenregie
gemanagt. Ohne Label und auch erst seit kurzem mit Vertrieb. Warum kriegen
deutsche Bands in dem Alter so was eigentlich nie hin? Aber deutsche Bands in
diesem Alter, die so vielversprechenden Punk Pop spielen, gibt es ja eh nicht.

Die zweite Band des Abends
wird seit einem guten halben Jahr in der britischen Musikpresse gehypt, wie das
eben nur dort möglich ist. The Horrors versuchen schon mal mit ihrem
Äußeren ihrem Namen alle Ehre zu machen. Selten hab’ ich eine hässlichere
Band auf einer Bühne gesehen. Spindeldürr alle fünf, ganz in schwarz gewandet.
Der Sänger ist dazu einen Kopf größer als der Rest und wirkt wie eine
Vogelscheuche aus einem Stephen King Roman. Singen kann er eigentlich nicht.
Dafür bellt, kreischt und grölt er ganz hübsch. Und er macht gerne mal Ausflüge
ins Publikum. Teils zu Fuß, teils auf den Armen der Zuschauer balancierend. Die
Band ist laut. Zu laut, um es genauer zu sagen. Mir singen noch Stunden später
die Ohren, und ich verstehe kaum, was mir Moabit Peter kurz nach dem Gig ins
Ohr brüllt. Er fand’s klasse. So viel hab ich mitbekommen. Ich bin etwas
zwiespältig. Also Attitüde, Performance, und so, das ist schon ok. Die Musik
hat mir aber letztlich zu wenig Substanz. Die Songs sind nicht prägnant genug.
Und mit ihrer Lautstärke und diesem brachialen Sound machen die Jungs leider
die paar guten Ansätze, die man auf den Singles hört, zunichte. Es war aber
insgesamt ein unterhaltsamer Abend. Bin gespannt, wie lange der Hype hält und
wann die Band anfängt, ernsthaft Musik zu machen.
Wenigstens einen kurzen
Eindruck vom 10. November im Lovelite möchte ich vermitteln. Ich war natürlich
wieder viel zu früh dort. Um 22 Uhr ist eben gerade Einlass, aber die hippen
jungen Leute kommen selten vor Mitternacht. Erstaunt war ich mal wieder, wer
mich alten Sack alles so kennt. Einer der Betreiber des Lovelite sprach mich
mit Namen an, obwohl ich hätte schwören können, den jungen Mann nie zuvor
gesehen zu haben. Und der Manager der Cheeks outete sich als früherer
Twang-Tone Kunde, dessen musikalischen Werdegang ich maßgeblich mitgeprägt
hätte. Schön war es auch, mal mit Marc Forrest zu plaudern, der nun auch schon
seit Jahren seine legendären Northern Soul Allnighter unter dem Namen
„Hip City Soul Club“ veranstaltet. Zwar konnte mir Marc in der
knappen halben Stunde auch nicht endgültig erklären, was nun eigentlich der
ultimative Northern Soul ist, aber ich werde seinen nächsten Allnighter am 6.
Januar besuchen, habe ich mir fest vorgenommen. Bevor weit nach Mitternacht die
erste Band spielte, legte Mr. Blowfish etliche großartige 7“45s aus den
Bereichen Freakbeat, Psych Pop und Garage Beat auf. U.a.
hörte man The Vogue mit „Frozen Seas of Io“ und The Times’
„Red With Purple Flashes“!
The Cheeks standen dann als erste auf der kleinen Bühne des Lovelite. Blowfish,
der die Band zuvor gar nicht kannte und sie nur auf Bitten des Lovelite mit ins
Programm nahm, zeigte sich verblüfft und begeistert! „Das erinnert mich
an die besten Zeiten mit den Flamin’ Groovies und The Barracudas!“
entfuhr es ihm. Und tatsächlich spielten The Cheeks allerfeinsten leicht
psychedelisierten Power Pop mit jeder Menge phantastischer Hooks, einprägsamer
Riffs und betörender Melodien. Neben The Choir und The Left Banke coverten sie
auch Paul Collins Beat und bewiesen so nicht nur exzellente
Repertoire Kenntnis sondern auch exquisiten Geschmack. Dabei sind diese Cover
wirklich vor allem als Hommage an die Bands zu verstehen. Denn die eigenen
Songs der Cheeks sind großartig genug für ein abendfüllendes Programm. Ihr
Vortrag und ihre Bühnenpräsenz sehr professionell und mitreißend. Der Garage
Beat der Higher State danach wirkte dagegen fast ein bisschen
eindimensional. Allerdings kamen auch die Briten sehr schnell in Fahrt und
spielten im zweiten Teil ihres Sets zunehmend psychedelischer und
berauschender. Auch sie zollten einigen Vorbildern Tribut. Neben „Seven
And Seven Is“ (Love) kamen The Thirteenth Floor Elevators zu Ehren. Die
jungen und vor allem die weiblichen Fans gerieten zusehends aus dem Häuschen
und tanzten wie verrückt. Ein gelungener Abend! – Eigentlich ja eher eine
Nacht. Mit beiden Bands konnte ich mich nachher noch sehr ergiebig im Backstage
unterhalten. Gegen 5 Uhr früh war ich zuhause.
Am ersten August Wochenende trafen wir in unserem
alljährlichen Ferien Domizil in Kalajoki, 10.000 Seelen Gemeinde im Nordwesten
Finnlands, ein. Und just an jenem Sonnabend fand dort ein kleines lokales Open
Air Festival statt. Natürlich wollten wir uns das nicht entgehen lassen. Wir,
das waren in diesem Fall meine Frau Päivi, ihre Schwester mit Familie, ihr
Bruder mit Familie, unser Sohn Timo und meine Wenigkeit. Dass die Veranstaltung
„umsonst und draußen“ war, entlastete unsere Urlaubskasse, aber die
Einheimischen schien das eher abzuschrecken. Vielleicht lag es aber auch der
Nachmittagshitze oder am fehlenden Bierausschank. Jedenfalls waren in der
Mehrzahl Kinder und Jugendliche
unter 18
sowie Angehörige der auftretenden Kapellen erschienen. Die erste Band, die
unserer Aufmerksamkeit teilhaftig wird, ist eine Seventies Coverband. Die
Palette reicht von Funk bis Abba. Die jungen Musiker recht versiert, die
Sängerin scheint – ihrem Outfit nach zu urteilen – aus einer
Nachtbar St. Petersburgs entwischt zu sein. Ihre Stimme übrigens kraftvoll und
tadellos. Die nächste Combo mit Namen Jeavestone kann sogar ein Album
vorweisen und war in diesem Jahr auch beim Burg Herzberg Festival im Hessischen
zu Gast. Rock aus Kalajoki ist also durchaus international. Stilistisch
zwischen Hard- und Progrock mit einen sehr kräftigen
und präzisen Drummer und einem langhaarigen jungen Gitarristen, der ein
bisschen zu selbstverliebt scheint. Danach spielt eine Altherren Blues Band,
deren Keyboarder wohl mal mit meiner Schwägerin liiert war, was zu kurzer aber
eher unspektakulärer Wiedersehensfreude auf beiden Seiten nach dem Gig hinter
der Bühne führt. Die Band wirkt ebenso unspektakulär. Dann erscheint wieder die
Blonde aus der Nachtbar auf der Bühne. Ihre Begleitband, die sich zum Teil auch
aus anderen Combos der Gegend rekrutiert, nennt sich Nare (der Name hat
keine tiefere Bedeutung, soweit ich weiß). Wie es klingt, kann sich das
Orchester nicht so recht zwischen Catatonia informiertem Pop und Prog
infiziertem Rock entscheiden. Gesungen wird zum ersten Mal an diesem Tag
Finnisch. Es folgt die Hauptattraktion des Festes, für mich zumindest. Der
Drummer und der Rhythmus Gitarrist sind uns bereits von Jeavestone vertraut,
dazu kommt ein Bassist und ein dunkel gelockter junger
Mann mit offenem Holzfällerhemd und akustischer Gitarre, der dann auch ans
Mikrofon tritt. Überwiegend werden Songs von Neil Young intoniert. Undzwar aus
seiner Zeit mit Buffalo Springfield wie aus späteren Jahrzehnten. Sound Of
North heißt die Band, und auf ihrer selbst produzierten EP sind
ausschließlich eigene Werke zu hören, die zwar in Stil und Arrangement der Live
Darbietung nicht nachstehen, im Songwriting aber noch
ausbaufähig sind. Eine brandneue Single mit den Tracks „Midnight
Dancer“ und „Liar’s Eyes“ überzeugt noch mehr. Leider
gibt es beide Platten nur in digitalem Format. Die folgende zwischen Techno und
finnischem Hip Hop changierende Darbietung schenken wir uns. Und auch die
beiden Metal Bands, die den Abend beschließen, hören wir nur aus der Ferne,
während wir in der örtlichen Pizzeria australisches Foster’s Bier vom
Fass zu uns nehmen. Die Bands findet man unter www.jeavestone.com und unter www.soundofnorth.com.
Am Freitag, dem 21. Juli 2006, war es endlich soweit. Die
größte Rock’n’Roll Band der Welt gab sich mal wieder die Ehre. Was
hatte das für Diskussionen gegeben im Vorfeld. Sollen alte Männer noch den
Kasper geben auf der Bühne? Ist das denn noch glaubwürdig? Und überhaupt, die
Preise sind viel zu hoch.
Nun ja, der Vorverkauf lief wohl eher schleppend. Und die
Leipziger Fans wurden nach Berlin umdirigiert. Aber nachdem die völlig
farblose, nichtssagende Vorband Feeder
sich
verabschiedet hatte, war das Stadion doch zu fast 80% gefüllt. Selbst im
Oberring gab es nur noch wenige graue Flächen, die das blanke Plastikgestühl
erkennen ließen. Viele kahle oder leicht ergraute Häupter waren zu sehen. Unter
25 waren nur Catering Hilfskräfte oder die im Schlepptau von Mama und Papa
Gekommenen. Und dann geht’s los. Kawumm! Das unvergleichliche Riff von
„Jumping Jack Flash“ erschallt im Rund. Mick stürmt auf die Bühne
mit wehenden Rockschößen wie immer. Es geht Schlag auf Schlag. Auch drei Songs von aktuellen Album „A Bigger Bang“ kommen zur
Aufführung. Eigentlich bin ich ohne große Erwartungen hingegangen zu den
Stones. Schon deshalb, weil dieses Mal wirklich das letzte sein könnte. Umso
mehr bin ich überrascht und hocherfreut, dass sie mich wieder gekriegt haben.
Dass die Magie immer noch funktioniert. Dass ich am Ende erschöpft und
glücklich mitsinge, mitswinge, kaum genug bekommen kann. Höhepunkte, oder sagen
wir schönste Momente der Show, gibt es einige. Da ist zunächst
„Sway“ vom Album „Sticky Fingers“, das sie zum ersten
Mal hier live spielen. Ronnie spielt ein großartiges anrührendes Solo auf der
Slidegitarre. Dann die Hommage an Ray Charles „The Night Time Is The
Right Time” mit der wunderbaren Lisa Fisher als zweiter Leadstimme. Keefs
Solonummern „Before They Make Me Run“ und „Slipping
Away“ überzeugen auch den letzten Zweifler, dass er wieder auf der Höhe
seine Kräfte ist. Aus dem hinteren Innenraum winkt ihm eine riesige Plastikpalme
freundlich
zu. Keef lächelt verschmitzt. Irgendwie sieht er längst aus wie eine alte
Squaw. Das rote Stirnband und der wirr vom Hinterkopf abstehende Schopf
unterstreichen diesen Eindruck noch. Zu den pumpenden Disco Klängen von
„Miss You“ fährt die kleine B-Stage in die Mitte des Stadionrunds.
Mick und Keef und Charlie und Ronnie hautnah. Fast jedenfalls. „Sympathy
For The Devil“ ist immer dabei und immer ein Highlight. Genauso wie
„Paint It Black“. Charlie spielt ganz locker aus dem Handgelenk.
Als ginge ihn das alles eigentlich gar nichts an, so wirkt er. Und Mick ist
unermüdlich. Kurz vor seinem 63. Geburtstag läuft und tanzt er über die
Laufstege wie ein 20-Jähriger. Waschbrettbauch und kein Flattern in der Stimme,
obwohl er singt während er rennt. Nur in der Großaufnahme
der Videowand sieht man, dass seine Oberarme schon eine gewisse Schlaffheit
zeigen. Von den Gesichtsfalten reden wir gar nicht. Als Zugabe erklingt
„You Can’t Always Get What You Want“ und schließlich das
unvermeidliche „Satisfaction“. Es ist wie gesagt ganz große Klasse,
wie sie einen immer wieder kriegen. Keine Spur von Peinlichkeit. Wenn ihre
Gesundheit mitspielt, werden die noch in zehn Jahren auf der Bühne stehen.
Vielleicht nicht mehr in Stadien. Aber das wäre auch nicht das Schlimmste. Die
Stones im Quasimodo oder in der Kalkscheune. Das wär’s doch mal. –
Nö? – Man wird doch wohl mal träumen dürfen.
Am
folgenden Tag, dem Sonnabend 22. August, beginnt das kleine „Monsters of
Humppa” Festival bereits um 16 Uhr. Die brütende Hitze hat wohl so Manchen
zögern lassen, den Weg auf die Insel der Jugend anzutreten. Dabei ist der Ort
unter schattigen Kiefern und inmitten der kühlen Fluten der Spree ideal für ein
Open Air Konzert. Auch bei 35 Grad im Schatten, die hier nur noch gefühlte 28
sind. Höchstens. Als die Jolly Jumpers die kleine Bühne entern,
versammelt sich nur eine kleine Schar Interessierter davor. Die meiste Leute,
die schon da sind, sitzen im Biergarten oder am Ufer und lassen Beine und Seele
baumeln. Aber mit fortschreitendem Konzert recken sich einige Köpfe mehr
Richtung Bühne. Und der Applaus nimmt etwas zu. Die Jolly Jumpers gehören
eigentlich zu den Veteranen der finnischen Rock Szene. Seit 1984 spielen sie in
fast unveränderter Besetzung rootsigen Rock’n’Roll. Eindringlich und
leise, vehement und hypnotisch. Die Assoziationen reichen von Texas bis New
Orleans, von Finn-Folk zu archaischem Blues. Und Humor haben sie auch wie man
an ihren Trinksprüchen hört: „hölkyn kölkyn!“ eigentlich
„hölökyn kölökyn!“, ruft uns Petri Hannus, der ansonsten recht
wortkarge Sänger und Gitarrist zu. Und dass diese im richtigen Leben als
Landwirt oder Waldarbeiter, aber auch als Biochemiker und Computertechniker
schaffenden Familienväter den einen oder anderen Becher vertragen, habe ich
zahlreiche Male austesten dürfen.
Bei der zweiten Formation des Nachmittags trotten schon ein
paar mehr Gestalten vor die Bühne. Das Duo La Sega Del Canto ist den
einen oder anderen noch vom vorletzten Jahr in Erinnerung, als der ältere der
beiden Musiker und Schauspieler während des Auftritts der folgenden Band neben
dem Schlagzeug seinen Rausch ausschlief. Auch diesmal überzeugt der originelle
und unterhaltsame Vortrag. Dass eine Säge ähnlich wie eine Geige klingen kann,
ist ja schon eine für Viele neue Erkenntnis. Aber die unorthodoxe und im Rahmen
eines Rock Festivals eher exotische Performance der beiden Musiker tut ein
Übriges. Begleitet von einer Pump Organ trägt die Säge
Werke der klassischen Musik ebenso wie Volkslieder vor. Und zum Finale wird
„The Final Countdown“ auf Säge und Blockflöte gegeben. Bizarr!
Natürlich sind die meisten der rund 600 Besucher wegen der
Hauptband gekommen. Und Eläkeläiset (die Pensionäre) enttäuschen ihre
Fans auch dieses Mal nicht. Es ist immer wieder ein Bild für Götter, wenn
Punks, Metal Fans, Gruftis und Alternative, zumeist in Humppa T-Shirts oder mit
Humppa BaseCaps versehen, wild auf und ab hüpfen und Texte gröhlen, von denen
sie nicht ein Wort verstehen. Für nicht Eingeweihte: die Finnen spielen
internationale Hits im Humppa Stil. Das ist eine mit Akkordeon, Bass und Drums
sowie Schweineorgel vorgetragene der Polka ähnliche Tanzmusik. Gesungen wird in
Finnisch. Bei „Love Will Tear Us Apart“ erreichen es die Rentner
wieder, dass sich alle auf den Boden setzen. Und als Zugabe gibt es auch hier
„Satisfaction“! – „En saa millään humppatuksi!“
Auf Platte gibt es das übrigens leider nicht. Da waren Mick und Keith dagegen.
Also muss man im nächsten Jahr wieder auf die Insel kommen zum „Monsters
of Humppa“!
Voll war’s ja nicht gerade in der Kalkscheune am
Pfingstmontag (5.6.06). Karneval der Kulturen, andere Konzerte und der folgende
Werktag nach überlangem Wochenende sorgten dafür, dass der Halbkreis vor der
Bühne mit ca. 50-60 Leuten überschaubar blieb. Allen die nicht da waren kann
ich versichern: „Ihr habt was verpasst!“ Goodnight Monsters,
eigentlich ein Duo aus Turku, dessen Debüt mein Album des Monats Dezember war (GG114), traten zu viert als
solide Band an. Die britische C86 Szene können sie schon aufgrund ihres Alters
(20-25 Jahre) nicht bewusst selbst erlebt haben. Daher sind ihre Vorbilder und
Einflüsse vermutlich nur mittelbar dort zu suchen. Erstaunlich britisch klingen
sie trotzdem. Sehr charmant und selbstbewusst, auch wenn nicht immer alles
stimmt in Tonlage und -abfolge. Ihr erster Song klingt verdammt nach Windy von
The Association, aber ich bin mir nicht sicher, ob die Jungs diese Sixties
Sunshine Pop Gruppe aus Kalifornien überhaupt
kennen.
Zufall also? Bei ihrer Zugabe warten Goodnight Monsters kurioserweise mit einem
Crazy Horse Cover auf. Gitarre bleibt eben Gitarre, und Geschrammel bleibt
Geschrammel. Höchst unterhaltsames Geschrammel natürlich!
The Micragirls sind drei Mädels aus Kuopio in
Ostfinnland. Ihren ersten Berlin Gig
letztes Jahr im Wild At Heart, bei dem sie zwei Keyboards ruinierten, hab ich
leider verpasst. Jetzt ist mir auch klar, warum die Korg und Farfisa Orgeln
ständig in Gefahr sind bei Katariina, so wie sie damit rumfuhrwerkt. Die Performance
der drei Mädels ist unglaublich! Minimaler Trash Beat, spitze Schreie, dabei
ein ungestüme Spielfreude und eine unglaublich sympathische Ausstrahlung.
Kristiina an den Drums kommt ohne Hi-Hat und Becken aus. Mari an der Rhythmus
Gitarre hat die kräftigste Stimme der Drei. Ab und zu spielt sie sogar so eine
Art Solo. Ähnliches hab ich zuletzt in den Anfangstagen der Lemonbabies gesehen
oder noch früher bei Kleenex aus der Schweiz. Drei 7“ EPs von The
Micragirls gibt es. Ein Album ist für den Herbst angekündigt.
Schließlich die Hauptattraktion des Abends (auch wenn Joe
Becker da anderer Ansicht ist), The Others a.k.a. 22PP, die wie
eigentlich immer einen ganz einmaligen Gig abliefern! Was P.K. da aus seinen
Gitarren (Fender, Rickenbacker, Gibson) und aus diesem unscheinbaren und
geheimnisvollen Hall- und Effektgerät an Sounds herausholt, ist der schiere
Wahnsinn. Sein Bruder Asko umtänzelt seine Keyboards und sein riesiges Bass
Kabinett, wiegt sich vor und zurück, windet sich mit dem Bass im Arm wie mit einer
Geliebten und flüstert Beschwörungsformeln während er mit den Händen
entspre-chende Zeichen in die Luft malt. Das wabert, wummert und singt und
summt, als wäre ein Hornissenschwarm in eine Zeitmaschine geraten und nun zu
einem Bruchteil seiner eigentlichen Geschwindigkeit und Tonhöhe verdammt. Espe
trommelt präziser und kraftvoller denn je. Oft greift er zu den gepolsterten
gedämpften Trommelschlegeln oder er trommelt mit den reisgefüllten Maracas.
Gemäß ihrer Ankündigung spielen die drei Musiker nur Cover. Von The Troggs über
Link Wray bis zu Bob Dylan. Ein machtvoll dräuendes „Rumble“ geht
über in eine Version von „Just Like A Woman“, wie ich sie nie zuvor
gehört habe, und mutiert schließlich zu einem gebremsten aber nicht weniger
gefährlichen „Strichnyne“. Aber auch leisere Töne kommen zu ihrem
Recht. „Love Hurts“ wirkt so zerbrechlich und filigran wie es
diesem Song gebührt, und P.K.s spröde Stimme unterstreicht diesen Eindruck
sogar noch. Zwei Zugaben kann das begeisterte Publikum erklatschen. Da spielen
die Jungs einen „Swinging Creeper“, der einem wirklich eine
Gänsehaut verschafft. Und zur zweiten Zugabe sind dann die Micragirls wieder
auf der Bühne und singen mit schrillen sich fast überschlagenden Stimmen ein
brachiales umwerfendes „Psycho“ (Sonics) mit.
Man fasst es nicht – Babyshambles
Ich war aufgeregt. Seit Wochen. Mann, war ich aufgeregt.
Gestern schon um 14 Uhr bei 'nem Kumpel gewesen, gemeinsam das Album nochmal
ganz durchgehört und über den möglichen Verlauf des Babyshambles Gigs spekuliert.
Immerhin war Pete in Köln überhaupt nicht aufgetreten und in Berlin erst um
halb zwei Uhr nachts auf die Bühne gewankt. Trotzdem frohen Mutes den Zug um
17:21 h von Kiel nach Hamburg genommen, man kann ja nie wissen.
Irgendwann gegen kurz vor sieben kam der Zug dann auch
(endlich) an. Ich habe dann ganz ernsthaft überlegt, ob es nicht vielleicht
sinnvoll wäre, vorher in die Große Freiheit zum Konzert von Belle and Sebastian
zu gehen. Pete kommt ja eh nicht vor eins. Wenn überhaupt. Kommt Pete? Diese Frage
entwickelte sich mehr und mehr zum Schlachtruf. Sich eine Karte für ein Konzert
der Babyshambles zu kaufen erinnert ja eigentlich mehr an die Teilnahme an
einer Lotterie. Dann am Grünspan angekommen: noch kein Einlass. Daraufhin
erstmal 'ne halbe Stunde Fußball auf einem zufälligerweise unmittelbar in der
Nähe der Halle liegenden Bolzplatz gespielt. Erkenntnis: Klinsmann sollte mich
mitnehmen.
Einlass. Viertel vor acht. Ungefähr. Wir haben ja Zeit. Pete
kommt eh erst um eins. Wenn überhaupt. Jacke abgegeben, man weiß ja nie. Am
Tresen Bier bestellt. Erste Info: "Pete gibt draußen Autogramme!" -
"Nee!!!" - "Doch!" - "Echt?" - "Ja!".
Er war also tatsächlich in town. Erstaunlich, ist sein neuestes Hobby
doch Flugzeuge verpassen. Um viertel vor acht fängt die Vorgruppe an. Mein
erster Gedanke: "Warum spielen die jetzt schon???".
Immerhin würden die Babyshambles allen Vorahnungen nach auf keinen Fall vor ein
Uhr nachts auf die Bühne kommen. Während die Vorband spielte unterhielt man
sich mit den umstehenden Menschen. Anscheinend waren viele nicht wegen der
Musik, sondern wegen des Events "Pete Doherty" da. Vorgruppe zu Ende.
Halb neun. Bier bestellt. Nochmal auf's Klo gegangen. Wo kann man hier
eigentlich sitzen? Egal, noch geht's ja.
Und dann,
es war gerade mal viertel vor neun, standen sie auf der Bühne. Und Pete auch!
Pete Doherty stand gestern um viertel vor neun in Hamburg auf der Bühne,
spielte, lachte ins Publikum, sah topfit aus und sprach deutsch!!! Die
knüppeldick gefüllte Halle staunte kollektiv. Und eigentlich kam die gesamt
Crowd aus dem Staunen nicht mehr heraus. Den ganzen Abend nicht. Pete Doherty
war glänzend aufgelegt, machte Späße mit dem Publikum, und auch ich bin euphorisch
direkt vor die Bühne zum Volk der Hüpfenden. Photoapparat dabei gehabt.
Zwischen zwei Songs rufe ich zu Pete: "Pete?" - "Yes" -
"Cheese!". Und Pete grinst in mein Objektiv. Die Band selbst ist
ungemein spielfreudig, anscheinend freuen sich seine Kumpels sehr, live zu
spielen. Irgendwann kommt der obligatorische Stagediver von Pete und jeder
freut sich, Pete auch tragen zu dürfen. Und dann spielen die Babyshambles
"Fuck Forever!". Die Halle ist kurz vorm platzen. Ehrlich. Und Pete
freut sich. Und das Publikum freut sich, weil Pete sich freut. Und so weiter.
Irgendwann während des Gigs - ich glaube die Shambles
spielten gerade "Pipedown" - flog mir die Brille von der Nase. Ich
dachte, das sei wohl mein Opfer für die Kriegskasse. Mitnichten. Meine Brille
lag auf der Bühne! Irgendwer gab sie mir dann und ich konnte wieder sehen. Pete
und seine Jungs spielte ein paar neue Reggae-Nummern
die begeistert vom Publikum aufgenommen wurden und dann war Schluss. Dachte
ich. Auf zum Tresen, völlig durchnässt Biere bestellt. Und dann geben die
Shambles doch tatsächlich noch ein paar Zugaben. Pete mit lustigem Hut und
Oberkörper frei. Dann war's vorbei. Und alle, wirklich alle freuten sich. Was
für ein tolles Konzert. Sie waren wirklich da.
Danke Pete!
Dank auch an Claudius Schnoor aus Kiel für diesen lebhaften Live Report und das
Foto vom Hamburg Gig der Babyshambles am 12. Mai 2006. Ich hätte ja nicht
gedacht, dass Mister Doherty fähig ist, sich mal am Riemen zu reißen. Zu oft
hat er uns das Gegenteil bewiesen. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge
muss ich an den ersten Berlin Gig der Libertines anno 2002 denken. Vor allem an
das „Interview“, das ich wenige Stunden
vorher bei Radio Eins mit Carl und Pete führte. D.h. eigentlich kam es zu
keinem Interview, weil vor allem Pete völlig bedröhnt war. Auszüge aus dem
Mitschnitt werde ich als Bonus auf den nächsten GG Sampler packen.
Hier noch einen kleinen Nachtrag zum What...For! Re-Union
Konzert am 8. Oktober 2005. Michael Fielitz, der früher bei The Splashbeats
spielte, sandte mir folgenden Kommentar zum Konzert und meinem Review.
„Hallo Mike, danke für Deinen Newsletter - Guitars
Galore lese ich immer wieder gerne! Ich fand das What..
For! - Konzert gerade wegen des Chaos und der Verspieler so klasse. Kann man eben
gerade nicht vergleichen mit anderen Darbietungen heutzutage. In meinen Augen
war es wie früher, wo es zwischen Perfektionismus und Dilettantentum noch Platz
für sympathische Zwischenstufen gab... Gruss, Michael“
Ich weiß was du meinst, Michael. Aber es gab eben schon
What...For! Gigs, die charismatischer
waren als dieses Jubiläums Konzert. Dieses Mal stand das Partymachen bei
den Musikanten selbst etwas zu sehr im Vordergrund. Dazu kamen technische
Unzulänglichkeiten. Schön war’s dennoch, so viele Leute mal wieder zu
treffen. Und es war definitiv kein vergeudeter Abend.
Vergeudet war auch nicht der Abend des 25. Oktober in der
Arena, auch wenn sich die Einlasskontrollen im strömenden Regen derartig
hinzogen, dass man klatschnass wurde und den ersten Song verpasste, weil der
Meister wieder super pünktlich auf der Bühne stand. Bob Dylan, diesmal mit
Predigerhut am Piano, schien guter Stimmung, nicht unbedingt guter Stimme.
Jedenfalls fiel mir nun zum ersten Mal auf, dass der Mann wohl so was wie einen
Altersstimmbruch hat. Anders kann ich mir die Kiekser und Abrutscher in seinem
Gesang nicht erklären. Ordentlich genuschelt hat er ja schon immer. Die Texte
versteht man also nur, wenn man die Songs kennt. Aber das dürfte für die
meisten Anwesenden kein Problem sein. Viele aus der Ü60 Riege sind da. Der
Durchschnitt im besten reifen Alter wie unsereins. Auffällig aber etliche
hübsche junge Mädels. Es werden da wohl die Songs, die Legende, das Charisma
sein, die ihn attraktiv machen. Die Band in grauen Straßenanzügen. Drei neue
Gitarristen, davon einer an der Slideguitar. Die Rhythmus Section ist dieselbe
wie vor drei Jahren. „Lay Lady Lay“ weckt Erinnerungen an meine
erste Bekanntschaft mit Bob. So romantisch und lieblich wie damals klingt der Song
in der heutigen Interpretation nicht mehr. Ob die Mädels sich angesprochen
fühlen? – „Highway 61“ rockt los wie ZZ Top. Heute mal in
verschärfter Fassung. Aber die Band kann auch anders. Manchmal klingt es wie in
einer Bar in New Orleans. Stell ich mir jedenfalls so vor. Dort war ich noch
nicht. Das Schöne an Bob Dylan und seiner schon seit Jahren währenden Tournee
ist, kein Gig ist gleich. Immer andere Songs. Immer andere Interpretationen.
Nach anderthalb Stunden ist Schluss. Als Zugabe noch eine vom Meister etwas verdaddelte
Version von „Like A Rolling Stone“. Trotzdem brandet Jubel auf,
klar. Ist auch völlig in Ordnung. Ganz zuletzt „Watchtower“. Wild
und voodooartig. Fand ich vor drei Jahren aber doch einen Tick besser. Na dann,
bis zum nächsten Mal.
The Weirdo Stompers traten in den letzten vier Wochen
gleich zweimal auf. „Beat ohne Worte“, „Mondo Surf“
oder „Big Beat“, so kündigen sie ihre sonst eher raren Gigs an.
Insider
wissen
natürlich, dass es dabei um Instrumentalmusik im Stil von The Shadows, The
Ventures und ähnlicher großer Meister geht. Allerdings halten The Weirdo
Stompers auch gerne das Erbe nicht ganz so bekannter Ahnen hoch. So intonieren
sie etwa Werke der Sputniks, der Hunters u.a. Filmmusiken spielen in diesem
Zusammenhang auch eine große Rolle. Vom James Bond Theme über Hawaii 5-0 bis zu
Melo-dien aus DEFA Filmklassikern. Natürlich spielen The Weirdo Stompers auch
gern eigene Kompositionen, die bei aller Liebe zu den berühmten Vorbildern doch
eine durchaus eigene Note aufweisen. Ihr Auftritt im „Blauen Affen“
am Herrmannplatz am 15. Oktober war noch relativ gut besucht. In drei Sets
brachten sie das Publikum nicht nur zum Mitwippen, einige Zuschauer/innen
schwangen sogar das Tanzbein. Am 29.10. in der “Kiste” in Hellersdorf
fanden sich dann leider nur sehr wenige Freunde des Surfsounds ein. Die Band
aber war in Höchstform und präsentierte ein zwar gekürztes aber dafür sehr
verschärftes Programm. Einer von vielen Höhepunkten an beiden Abenden waren die
Titel „The Sultan“ und „Aurora“, die zu Ehren von Neil
Young, der am 12. November 60 wird, aufgeführt wurden. Handelt es sich doch um
Neils erste Eigenkompositionen, die er 1963 mit seiner ersten Band The Squires
in seiner kanadischen Heimatstadt Winnipeg einspielte und als Single
rausbrachte. Neil war ja damals ein großer Verehrer von Hank Marvin und The
Shadows. Das färbte na-türlich auf seine frühen eigenen Versuche ab. Ein
Exemplar dieser ersten 7“ von Neil Young mit The Squires fand kürzlich
für über 2000 US Dollar einen neuen Besitzer via Ebay. War die Auflage doch
damals recht gering und die Anzahl erhalten gebliebener Exemplare noch viel
geringer. Ob The Weirdo Stompers die beiden Titel originalgetreu vortrugen, ist
demzufolge auch schwer überprüfbar. Die Songs sind leider bisher nicht offiziell
wieder zugänglich gemacht worden. Sandy Hobbs, Mastermind der WS, kennt sie
auch nur durch ein Bootleg von lausiger Qualität. Was man live hörte klang aber
sehr nach The Shadows. Nicht das Schlechteste übrigens. Bleibt nur zu hoffen,
dass The Weirdo Stompers nach mittlerweile über 15 Jahren Band Karriere auch
mal eine Platte veröffentlichen. Eine 7“ würde ja reichen für den
Anfang.
Tja, nun ist das The What...For! Re-Union Konzert
also auch schon wieder Geschichte. Am 8. Oktober versammelten sich alle übrig
gebliebenen Neo-Mods (na ja, fast alle), Freunde und Verwandte der Band, sowie
ein ganze Reihe Neugierige aller Generationen von Liebhabern elektrisch
verstärkter Beatmusik im Roadrunners’ Paradise. Zum Anheizen war die Fucking
Star Club Band verpflichtet worden, die just in diesem Sommer den Beatles
Band Wettbewerb im Estrel gewann. Leadsänger und Gitarrist Christopher Robinson
wird manchem noch von The Spy bekannt sein. Die vier Jungs machten ihre Sache
gut. Trotz rauem Hals und Erkältung Christophers klappten die mehrstimmigen
Gesänge ganz prima. Die Band ging mit Elan und Aplomb zur Sache. Insgesamt
vielleicht ein bisschen zu brav. Und das typische Star Club Repertoire birgt
natürlich auch keine Überraschungen. The What...For! gingen dann nach 23
Uhr auf die Bühne. „Hold Tight“ ist ein gut gewählter Opener. Und
diese relativ simplen, riffbetonten Beatkracher beherrschen die Herren wohl
auch immer noch am besten. Phillipp Tausch konnte krankheitshalber leider nicht
dabei sein, aber die beiden Gitarristen Martin Küchler und Ecki Riese –
die übrigens früher nie gleichzeitig der Band angehörten – machten ihre
Sache gut, wechselten sich bei den Schweinesoli ab und verpassten beide
gleichermaßen gelegentlich ihren Einsatz. Urs hat sich kaum verändert. Er ist
noch immer ein ausgezeichneter Frontmann und Leadsänger. Leider drang er
manchmal nicht laut genug durch. Weder die Anlage noch der Mann am Mixer sind
den Anforderungen des Clubs gewachsen. Bobo an der Orgel war der ruhende Pol
wie schon früher. Aber was für ein Instrument hatte er da? So ein flaches
hässliches womöglich digitales Elektronikteil geht gar nicht. Stephan
gab den Bandleader zunächst
souverän und jovial. Leider verhielt sich seine Souveränität am Bass und
Mikrofon reziprok zur Menge seines nicht unerheblichen Bierkonsums. Gegen Ende
musste man Befürchten, dass der Mann von der
recht hohen Bühne stürzt. Pete an den Drums war gut in Form und neben
dem sehr guten Harmonikaspieler Klotte, den man übrigens am wenigsten
wiedererkannt hat, der beste Musiker des Abends.
Foto:
Klaus-Dieter Götze
Alles in allem muss man sagen, es war ein typischer What...
For! Auftritt. Viel Spaß und Chaos auf der Bühne, ausgelassene Stimmung
unmittelbar vor der Bühne. Skepsis in den hinteren Reihen. Mit einigen Übungsterminen
zusätzlich wären ein paar unnötige Patzer zu verhindern gewesen. Mit etwas mehr
Disziplin auch. Und The Boots wissen schon, warum sie „Gaby“ nicht
live spielen. Diese perfekte Pop Art Studio Produktion auf der Bühne
hinzubekommen, dazu gehört einfach mehr als Fantum und der Mut zum
Scheitern. Wirklich gelungen waren
letztlich nur wenige Stücke. Aber bei Songs wie „She’s Gone“,
„Bad Night“, „Pride Of Town“, „I Want It
All“ und natürlich „Mach mich an“ bekam man einen Eindruck,
wie gut diese Band in ihren besseren Momenten sein kann. Und was soll’s.
In fünf Jahren treffen wir uns alle wieder zum 25-jährigen Bühnenjubiläum.

Am 13.10. waren The Duke Spirit aus London das erste Mal in Berlin. Der
Magnet Club war relativ gut gefüllt aber nicht ausverkauft. Die Band ist halt
schon noch eher Geheimtipp. Nach einer super anstrengenden Support Band, die
versuchte Hawkwind und Nu Metal unter einen Hut zu bringen, deren Name mir aber
schon wieder entfallen ist, stürmen die Fünf jungen Briten so kurz nach 10 auf
die Bühne. „Dark Is Light Enough“, ihre großartige Single vom
letzten Jahr, ist der Opener und fegt im Nu jeden Zweifel an der Klasse der
Band beiseite. Unglaubliche Power und Spielfreude schwappt über die rund 150
Zuhörer hinweg! Liela Moss ist eine tolle Sängerin, ein Energiebündel! 100%
positive Energie versprüht sie, strahlt, lacht, tanzt und macht Komplimente ans
Publikum, die ehrlich und überzeugend sind. 40 Minuten vergehen wie im Flug.
Die Jungs und das Mädel schalten kaum einmal einen Gang zurück. Schnelle
punkige Riffs, keine aufgesetzten Posen. Nur Druck, vorwärts, weiter, herrliche
Melodiefetzen. Und immer wieder Lielas etwas spröde aber reizende Stimme. Man
ist wie betäubt. Hinterher stehen sie vorn am Merchandisingstand. Geben Autogramme,
schwatzen mit den Fans. Absolut sympathisch und vollkommen natürlich. Tolles
Konzert!

Am
Sonnabend – 24.09. – war es endlich soweit. Das erste Konzert der
legendären Boots in ihrer Heimatstadt seit 37 Jahren. Gerammelt voll ist
das Quasimodo. Über ne Stunde haben die Fans draußen angestanden.
Durchschnittsalter ist so Mitte 50. Wie beim Klassentreffen ist das. Die Luft
ist Rauch und Bier geschwängert. Hinterm Tresen kommen sie mit dem Zapfen kaum
nach. Um Halbelf geht’s dann los. Jockel ist supernervös zu Anfang. Aber
schon beim zweiten Song wird er sicher. „But You Never Do It Babe“ klingt
so wie damals. Scharf schneidet die halbakustische Gibson. Kraftvoll und
akzentfrei Jockels Gesang. Bob spielt souverän seine Läufe auf dem Fünfsaiter.
Er ist der ruhende Pol, der Erfahrene, der die ganzen Jahre in R&B Bands in
seiner Freizeit spielte. Aber mit jedem Song wird Jockel ebenfalls souveräner.
Die Augen leuchten. Sowohl die der Musiker, wie die der Fans. Olivier, den wir
von der United Beat Organisation kennen und der Jockels Sohn sein könnte,
spielt eine wunderbare Mundharmonika. Legt sich mächtig ins Zeug der Junge.
Zeigt, dass er den Altvorderen nicht nachsteht. Michael Strauss an der Orgel
vertritt den letztes Jahr
verstorbenen
Ulli Grün würdig. Ein bisschen zu bescheiden im Hintergrund bleibt er. Seine
groovende Hammondriffs bei „Come On Children“
zum Beispiel sind großartig. Wolfgang Seidel am
Schlagwerk wirkt ein bisschen so wie Bill Wyman bei den Stones. Einer, der
daneben steht, seinen Job macht, sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. Er hat
vielleicht nicht den kräftigen Bumms von Heinz Hoff, dem leider viel zu früh
verstorbenen Drummer der Boots. Aber Seidel, der übrigens zur Ur-Besetzung von
Ton Steine Scherben gehörte, gibt dem Beat seine eigene mitunter swingende
Note. Bei ein paar Nummern spielt auch noch Boogie Pianist Ron aus Hamburg mit.
Karl-Heinz Hoff (Kalle) und Ulli Grün werden jeder mit einer deutsch gesungenen
Hommage bedacht. Die einzigen selbst verfassten Songs im Programm sind das.
Sonst hören wir nur altbekannte Live-Klassiker der Boots, aber auch einige eher
unbekannte Bob Dylan Songs. Jockel ist großer Fan des Meisters.
Es ist
schon lange nach Mitternacht und weit im zweiten Set.
Wo bleibt eigentlich Werner? – Werner Krabbe, Sänger der Boots in ihrer
erfolgreichsten Zeit, sollte doch auch dabei sein. Und da ist er plötzlich.
Ganz im schwarz mit schwarzem Hut und grauem Bärtchen. Und nun ist kein halten
mehr! Werner zelebriert sich und die Show! – „Remember Walking In
The Sand“, ein Song, den kein anderer so gefühlvoll singt!
„soooftly – soooftly“
– Wind, Meeresrauschen – schöön! „Boogie
Children“, fast sechs Minuten, geile Gitarrenlicks! Und wieder
„WernerWernerWerner!“ Und dann kommt der Höhepunkt:
Djschie-äll-oh-arr-ai-eij – Glooriaa! Fast der ganze Saal grölt mit!
Jockel packt die Fantaflasche aus und spielt das berühmte Slide-Solo. Nach über
zwei Stunden Live-Musik wanken wir glücklich in die kühle Nacht hinaus. Es gibt
noch eine After-Show-Party. Aber zehn Weizenbier sind genug für heute. Am 10.
Dezember spielen The Boots noch einmal. Im Roadrunner’s Paradise
in Prenzlauer Berg.
Boots
Fotos: Klaus-Dieter Götze
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