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Live Reviews – so war’s!

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Im Privatclub in Kreuzberg spielten am 28. Februar 2017 The Mystery Lights aus New York. Sie waren zum ersten Mal hier in Deutschland und in Berlin. Und es schien ihnen hier zu gefallen. Sänger und Gitarrist Mike Brandon gab seiner Begeisterung immer wieder Ausdruck und lobte Berlin, das Bier und das Publikum überschwänglich. Zwischendurch nahm er auch immer mal wieder einen kräftigen Schluck Schnaps. Die Jugend heute steht wohl nicht so auf psychedelische Drogen. Und jung ist diese Band, verdammt jung. Allesamt sind sie auch gute Musiker. Klasse Improvisationen an der Gitarre wurden da geboten. Und die Rhythmusgruppe wirkte grundsolide. Der Organist war wohl kurzfristig eingesprungen, wenn ich das richtig verstanden hab. Mit Zugaben stand die Band rund 75 Minuten auf der Bühne. Das komplette Debütalbum wurde geboten mit zum Teil verschärften Versionen. Und einen Ausblick auf’s zweite Album gab es auch schon. Das wollen die Jungs nach ihrer Europa Tour-nee in Angriff nehmen. Ziemlich wild aber auch ziemlich laut ging es zu im gut gefüllten Privatclub. Live klingt die Band dann doch noch härter als auf der Platte. Wie eine Mischung aus Thirteen Floor Elevators und Iron Butterfly. Das war manchem Sixties Puristen und Mod Fan dann doch zu heavy. Mir hat es sehr gut gefallen. Ich bin schon gespannt auf die zweite LP der Band.

 

 

 

 

 

 

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Allnighter2.jpgAm 4. März 2017 gab es im Quasimodo einen Beat und Soul Allnighter mit drei Bands. Meine Hoffnung, dass mit dem neuen Booker auch neue Anfangszeiten Einzug halten, wurde leider enttäuscht. Die erste Band Chill Faktor stand um 22 Uhr 30 auf der Bühne. Gepflegte Instrumentalmusik, die entfernt an Booker T. & The MG’s erinnerte, wurde da geboten. Solide aber unspektakulär. Danach dann The Berlin Beat Organization. Dieses Mal mit vier Sängerinnen, die teils gemeinsam und teils abwechselnd am Mikrofon standen. Und Bandleader Olivier bot ein paar Nummern auf Französisch wie üblich. Und wie üblich war das insgesamt ein erlesenes Programm, auch wenn die meisten Songs eher unbekannt sind. An der Gitarre entdeckte ich einen alten Bekannten von den Space Hobos. Inzwischen hat der gute Space auch schon graue Haare. Kinder, wie die Zeit vergeht. Übrigens plant die Beat Organization eine 7“EP, die noch in diesem Jahr auf Twang! erscheinen soll. Gegen Null Uhr 30 kamen dann The WhatFor! auf die Bühne. In der Urbesetzung, allerdings mit Mike Strauss an der Orgel, boten sie dies Mal auch mehr Soul und R&B als Beat. Und die Band war in Höchstform. So tight, so präzise, so druckvoll hab‘ ich die Jungs lange nicht gesehen. Ein gelungener Abend, der für mich nach der letzten Zugabe um ca. zwei Uhr morgens ein zufriedenes Ende fand.

 

 

Paul Orwell & The Nightfalls, The Thanes – live bei der Berlin Beat Explosion 11

 

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POlive.jpgBereits zum 11. Mal fand der dreitäge Mod und Sixties Garage Beat Allnighter nun in Berlin statt. Nur einmal wurde ein Jahr pausiert, und im vorigen Jahr zum 10. hieß es, das sei nun wohl das letzte Mal. Aber Gastgeber und Veranstalter Wolfman Stahl ist inzwischen selbst schon eine Art Legende in der europäischen Mod und Beat Szene. So etwas verpflichtet. Ich war lediglich am Sonnabend, dem 10. September 2016, im Bassy. Das Wetter war wunderbar, etwas tropisch vielleicht, was ja für den September in Berlin nicht unbedingt typisch ist. Doch an solche meteorologischen Phänomene werden wir uns nun gewöhnen müssen. Wie üblich ging es erst sehr spät los. Doch davor traf man sich draußen vor der Tür und begrüßte gute Bekannte von nah und fern. Diese Veranstaltungen haben ja auch immer etwas von einem Klassentreffen. Dabei fiel mir wieder auf, dass es besonders in dieser Szene unglaublich viele hübsche Frauen gibt. Und an Nachwuchs scheint kein Mangel. Paul Orwell, der neue Shooting Star der europäischen Beat Szene, war zum ersten Mal in Berlin. Während er seine Platten noch ganz allein im Studio im Playbackverfahren produziert hat, tritt er hier nun mit zwei Begleitern als Paul Orwell & The Nightfalls an. Alle drei um die Dreißig und sehr gut aussehend mit ihren schwarzen Klamotten und den Wuschelfrisuren. Natürlich klingt die Musik anders als von Platte. Druckvoll, wild, fast rockig, ein bisschen zu einheitlich auch. Doch Paul hat eine natürliche Ausstrahlung und Bühnenpräsenz. An Marc Bolan fühle ich mich erinnert. Die Instrumente natürlich Vintage, knackiger Beatles Bass, Gretsch Gitarre. Orwell spielt und singt seine „Hits“, als Zugabe dann James Brown in einer ziemlich rockigen Version. Alles in allem klasse! Umbaupause, Luft schnappen bei immer noch 21 Grad mitten in der Nacht auf dem überfüllten Trottoir der Schönhauser Allee. Dann The Thanes aus Schottland. Mitt Lenny Helsing hab ich noch kurz vorm Gig ein paar Worte gewechselt. Ich liebe ja seinen schnodderigen schottischen Akzent. Die Band ist so gut wie nie zuvor. Mit „No No No“ (The Sorrows) geht es los, und dann kommt  gleich die 12-saitige Gitarre zum Einsatz. Typischer Byrds Sound. Sie spielen relativ viele Cover, aber natürlich die guten, die heimlichen Hits der Sixties. Im Verlauf des Sets wird es wieder rockiger, Garage rockiger. Lenny singt fantastisch. Und die Band ist sehr tight und vielseitig. Nach einer guten Stunde ist Schluss. Vor der Bühne wird immer noch eifrig geklatscht und getanzt. Als allerletzte Zugabe dann „Gloria“ in der Version der Boots mit Fantaflasche. Lenny ist großer Boots Fan, wie ich weiß. Das Publikum wankt glücklich und beseelt nach draußen. Vor der Tür wird weiter geschwärmt, gefachsimpelt, werden Erinnerungen an alte Zeiten ausgetauscht. Drinnen geht es weiter bis zum Morgengrauen mit Szene DJs aus ganz Deutschland und Europa. Ich trolle mich Richtung U-Bahn und falle eine gute Stunde später gegen vier Uhr früh hundemüde ins Bett.

 

 

Music & Media in Tampere

 

Scenes.jpgDie Music & Media Messe in Tampere, Finnland, findet bereits seit 26 Jahren immer im Herbst statt. Ich war dieses Jahr zum ersten Mal dort, und um es gleich vorweg zu sagen, es hat mir gut gefallen. Die Veranstaltung ist angenehm überschaubar, und da Tampere nicht sehr groß ist und praktisch alle Venues im Zentrum liegen, ist es eine Messe der sehr kurzen Wege. Die ganze Veranstaltung ist so eine Mischung aus PopKomm und VUT Indie Days. Es fehlt die Gigantomanie, die sich ja heute die Musikindustrie eh nicht mehr leisten kann. Und zwischen Indie und Major wird nicht unterschieden, weil das in Finnland traditionell keine große Rolle spielt. Es gab sogar mal eine Zeit, da waren unabhängige Firmen wie Love Records oder Poko die alleinigen Trendsetter für einheimische Rock Musik in Finnland. Auf den Panels der Messe wird über aktuell interessierende Fragen diskutiert, wie die Entwicklung von Streaming und die zunehmende Bedeutung digitaler Medien. Um die neue Rolle von Musikverlagen KXP.jpggeht es ebenso, wie um die Organisation von Live Musik im internationalen Austausch. Und es besteht jede Menge Gelegenheit, neue Kontakte zu knüpfen und alte aufzufrischen. Wie immer bei solchen Veranstaltungen gibt es jeden Abend unzählige Showcases und Live Gigs. Insgesamt mehr als 150 Bands und Einzelkünstler treten an den drei Tagen auf. Und natürlich kann man die nicht alle sehen. Es ist mir jedoch gelungen, eine Reihe von Auftritten zu verfolgen, die mir mehrheitlich ausgesprochen gut gefallen haben. Was mir dabei immer wieder auffällt, finnische Bands gehen in aller Regel erst dann auf eine Bühne, wenn sie wirklich fit sind, d.h. wenn sie ihre Instrumente im Schlaf beherrschen und eine Show zu bieten haben.

The Scenes, die laut Info aus dem Norden Finnlands kommen, hatten mich auf einer CD, die ich irgendwann mal in die Finger bekam, nicht wirklich überzeugt. Netter Indie Pop halt. Live sieht das aber schon anders aus. Die Band ist noch ziemlich jung, so Anfang 20 schätze ich die Burschen ein. Der Sänger erinnert an eine Mischung aus Lauri von The Rasmus und Brian Molko von Placebo. Musikalisch ist das, naja, halt Indie Pop mit zum Teil ziemlich lauter Gitarre, eingängigen Melodien und mitunter ungewöhnlichen Breaks. Mich beeindruckt die Unbekümmertheit und Spielfreude der Jungs. Ich werde dem aktuellen Album also noch eine Chance geben. Erstaunlich übrigens, dass Platten von The Scenes bisher nur im Ausland veröffentlicht wurden.

Die Frauenband Ronya überzeugt mich ehrlich gesagt nicht so. Das klingt mir zu sehr nach Reißbrett. Mainstream Rock Pop ohne Ecken und Kanten. Nur ein hübsches Gesicht und sexy Outfit reicht halt nicht.

Schwer beeindruckt bin ich dagegen von K-X-P. Timo Kaukolampi kenne ich ja noch von Larry & The Lefthanded, deren LP „Quantum Rider“ seinerzeit auf Twang! erschien. K-X-P ist ein Trio bestehend aus Kaukolampi an Bass, Keyboards und Mikrophon sowie zwei Drummern. Die Band tritt in Mönchskutten auf. Dunkle völlig vernebelte Bühne, die nur von Stroboskoplichtern flackernd erhellt wird. Die beiden Drummer spielen sehr monoton, tribalistisch und effektvoll. Kaukolampi legt darüber repetitive Klangmuster aus dem Keyboard und gelegentlich einen wummernden Bass. Dazu singt er mit sonorer Stimme einzelne Worte und Slogans. Die Songs dauern zwischen fünf und zehn Minuten etwa. Das Ganze ist eine Mischung aus Techno und Krautrock. Live wie gesagt sehr beeindruckend. Ob mir das auf Platte auch so gut gefällt, muss ich noch ergründen. Die aktuelle dritte LP der Band ist in Finnland bei Svart Records erschienen, nur auf Vinyl.

deathhawks.jpgDeath Hawks aus Riihimäki können bereits auf zwei LPs verweisen, die dritte erscheint in Kürze. Die Band spielt ziemlich düsteren Psychedelic Rock irgendwo zwischen Black Sabbath und The Doors. Sehr souverän und abgeklärt agieren sie auf der Bühne, obwohl das Pakkahuone nur spärlich gefüllt ist. Im vergangenen Jahr waren die Death Hawks übrigens auf Europa Tour und sie werden mit dem neuen Album dann sicher auch mal nach Berlin kommen.

BLACKLIZARD.jpgIm Telakka, was eigentlich mehr eine Kneipe bzw. ein rustikales Restaurant ist, sehe ich dann die Band Black Lizard zum ersten Mal live, obwohl die Jungs wohl auch schon mal hier bei uns waren. Ebenfalls Psychedelic Rock wird da geboten, in diesem Fall eher an moderne Westcoast Psychedelia und britische Shoegazer Bands erinnernd. Ihr Debütalbum entstand übrigens in Berlin unter Mitwirkung von Anton Newcombe (Brian Jonestown Massacre) und Sonic Boom von The Spacemen 3. Die Band groovt erstaunlich gut, und die Gitarren mäandern und attackieren wie es gerade passt. Das zweite Album „Solarize“ erschien im Frühjahr bei Soliti in Finnland in einer Auflage von 300 Stück. Zugreifen lohnt sich!

Schließlich ist der Auftritt der Underwater Sleeping Society noch erwähnenswert. Die Band stand nach einer fast fünfjährigen Pause erstmals wieder auf der Bühne. Sehr melodischer und eher melancholischer Gitarrenrock wird da geboten. Der Sänger erinnert ein wenig an Thom Yorke, stimmlich jedenfalls, aussehen tut er eher wie ein Trapper aus dem Wilden Westen mit Schlapphut und Fransenweste. Musikalisch ist es aber zum Glück mehr Primal Scream oder Ride Anfang der 90er. Ein neues Album der Band ist in Planung.

Zu so einer Veranstaltung gehören natürlich auch Preise und Preisverleihungen. Und daher war dann am Samstagabend im Tampere Talo die große Gala Veranstaltung, auf der man sich wie bei solchen Galas üblich gegenseitig auf die Schultern klopft und versichert, wie toll alles war und wie wichtig man ist. Ähnlich wie beim VUT entscheiden hier wohl Fachjurys über Nominierungen und Preisvergabe. Insofern glaube ich schon, dass hier dann doch Leute gewürdigt werden, die es tatsächlich verdient haben. Die Liste der Kategorien ist lang und unübersichtlich. Daher greife ich nur drei Preise heraus, die ich bemerkenswert finde. Eppu Normaali, die wohl erfolgreichste finnischsprachige Band aller Zeiten, erhält einen Preis für ihr Lebenswerk, auch wenn der so nicht genannt wird. Die Band spielt auch einen kurzen Akustik Set. Radio Helsinki wird als Radio des Jahres geehrt, was deshalb bemerkenswert ist, weil der Sender das letzte verbliebene Independent Radio ist, das sich mittlerweile durch Anteilverkäufe an seine Hörer teilfinanziert. Als Dienstleister des Jahres wird die Laden und Mail Order Kette Levykauppa Äx ausgezeichnet. Es ist die einzige noch existierende landesweite Verkaufskette für Tonträger, insbesondere auch Vinyl, mit Ladengeschäften in allen größeren Städten Finnlands. Insofern auch bemerkenswert, da trotz Streaming und Download auch in Finnland Tonträger noch gekauft werden, gerade auf Vinyl.

 

Leeman 50

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Wer sich in der Berliner Musikszene ein bisschen auskennt, der kennt auch Leeman. Leeman50-02.jpgSeit spätestens Mitte der 80er ist dieser großartige Gitarrist nicht wegzudenken aus der eher bodenständigen Pop und Rock Szene Berlins. Und am 10. Oktober feierte der Mann seinen 50. Geburtstag auf der Bühne des Rickenbacker’s Music Inn in Wilmersdorf zusammen mit Musiker Kollegen und Freunden und zur Freude seiner Fans und Bewunderer. Es war ein gelungener und wirklich vielseitiger Abend. Um 21 Uhr ging es los. Und erst gegen 2 Uhr morgens war dann Schluss. Unterbrochen wurde das Programm lediglich durch kleine Umbau Pausen. Alle – na ja fast alle – mit denen Leeman in den vergangenen Jahren musikalisch zusammen gearbeitet hat, waren da. Es geht los mit Leeman & The Gang und Rock Klassikern von Hendrix bis T.Rex. Danach The Weirdo Stompers mit Surf und Beat Instrumentals. Bei den letzten zwei Stücken spielt Leeman sogar mit. Es folgen Rock’n’Roll Klassiker von Chuck Berry u.a. Tima die Göttliche singt ein paar Lieder begleitet vom erleuchteten Terzett, bei dem natürlich Leeman die Gitarre spielt. Der Exil-Brite Martin Gordon bringt ein paar eigene und ein geliehenes Stück dar. Gordon spielte auch mal bei den Sparks, und Leeman ist auf Gordons Solo Platten an der Gitarre dabei, wie auch nun auf der Bühne des Rickenbacker’s. Maren Kroymann, die bei ihrem Sixties Programm von Leeman begleitet wird, kommt auch für ein paar Songs auf die Bühne. Und es finden sich mehr oder weniger spontane Konstellationen von künstlerischen Individualisten und tollen musikalischen Solisten. Auch Tom Thiede, der Sänger des Berlin Beat Club, ist mit seiner anderen Band, der Bokkombo, dabei. Deren Version von Gilbert Bécauds „Nathalie“ ist schlicht umwerfend! Schließlich spielt Leeman mit seiner ersten Band aus den Achtzigern The Smash einen längeren Set, bis auf Gabi Mehlitz am Bass die Originalbesetzung. Man merkt hier jedenfalls, dass Leeman auch ein begnadeter Songschreiber und Sänger ist. Schade, dass es diese Band damals nicht zu einem Plattenvertrag gebracht hat, trotz UK Tour und guter Presse. Weit nach Mitternacht dann ein langer Auftritt des Berlin Beat Club. Darauf haben offenbar viele gewartet. Die Setliste besteht aus den Favoriten des Geburtstagskinds. Da dürfen die Beatles natürlich nicht fehlen, aber auch The Byrds, The Who, Spencer Davis Group, die Small Faces u.v.m. kommen zu Ehren. Als letzte Zugabe dann „Whole Lotta Love“, das die Band so authentisch spielt, dass man mit geschlossenen Augen fast der Illusion erliegen könnte, einem Led Zeppelin Gig beizuwohnen. Rund fünf Stunden abwechslungsreicher Pop und Rock Musik liegen hinter uns. Auf noch viele Jahre mit so toller Musik, Ralf!

Fotos: Klaus-Dieter Götze

 

Sommer in Finnland 2015

 

Wie jedes Jahr waren wir auch 2015 in Finnland im Sommer-urlaub. Und wie jedes Jahr wurde dabei die Gelegenheit genutzt, Konzerte zu besuchen, Flohmärkte und Plattenläden abzuklappern und natürlich finnische Freunde zu treffen. Unsere erste Station diesmal war Tampere. Mitte Juli findet dort immer das Tammerfest statt, ein dreitägiges Festival mit fast ausschließlich finnischer Musik. Am 18.07. waren wir im Pakkahuone und der Tullikamari. Das ist ein Veranstaltungszentrum im ehemaligen Zollgebäude direkt im Zentrum von Tampere gleich neben dem Bahnhof. Das Pakkahuone ist ein großer Saal, der ca. 1200 Zuschauer fasst, während die Tullikamari unmittelbar daneben etwas kleiner und verwinkelter schon bei 400 Leuten völlig überfüllt ist. An dem Abend spielten vier Bands immer abwechselnd in den beiden Räumen, so dass es kaum Wartezeiten zwischen den Auftritten gab. Kurz nach 21 Uhr ging es im kleineren Raum los mit Kauko Röyhkä, der allein nur mit seiner Gitarre auftrat. Er spielt sonst durchaus auch mit Band. Röyhkä ist seit Mitte der 80er aktiv und recht erfolgreich als so eine Art eigenwilliger Singer/Songwriter. Mein Fall ist er nicht, und so genoss ich das schöne Wetter und mein Bier auf der Terrasse vor dem Club, die auch um 22 Uhr noch von der Sonne beschienen war. Dann aber schnell rein in den großen Saal zu 22 Pistepirkko. Es ist einer ihrer letzten Gigs. Ende des Jahres, so heißt es, hören sie auf, denn die beiden Brüder Asko und P.K. sind nach nunmehr über 30 Jahren ernsthaft musikalisch zerstritten. Davon ist allerdings beim Auftritt nichts zu 22P150718spüren. Asko spielt Bass und diverse Tasteninstrumente und wiegt sich in seiner unnachahmliche Art ganz versonnen hin und her, vor und zurück. P.K. entlockt seiner Gitarre die wildesten, schrägsten aber auch schönsten Töne, die man sich vorstellen kann. Und Espe liefert ein sehr verhaltenes rhythmisches Grundgerüst und löst P.K. gelegentlich am Mikrofon ab.  Zu einigen Stücken kommt ein Saxofonist auf die Bühne. Das Programm bietet einen Querschnitt durch die 30-jährige Karriere der Band und in der letzten halben Stunde werden Wünsche aus dem Publikum erfüllt. So hören wir endlich auch mal wieder „Frankenstein“ und ihren größten Hit in Finnland „Birdy“. Diese unvergleichliche Mischung aus Blues, Garage Rock, Country und völlig verschrobenen Eigengewächsen finnischer Natur wird mir sehr fehlen künftig.

Auf der kleinen Bühne nebenan geht es weiter mit Melrose. Ich muss den Umweg über die Klos nehmen, denn der direkte Übergang zum kleineren Raum ist schon wegen Überfüllung gesperrt. Das Trio Melrose sah ich zum ersten Mal 1986 oder 1987 in Finnland live. In Berlin im Loft traten sie im Februar 1988 auf meine Vermittlung hin im Vorprogramm von The Screaming Blue Messiahs auf und nahmen das sonst eher coole Berliner Publikum im Sturm. Ein zwei Tage später im Ecstasy in Schöneberg kurzfristig anberaumter Gig der Band war nur durch Mundpropaganda so gut wie ausverkauft. Gitarrist und Sänger Tokela war damals 21 und sprang und tobte über die Bühne wie ein Derwisch. Und nun 27 Jahre später springt der Mann noch immer wie ein junger Hirsch über die Bühne, zerrt und quetscht die Saiten wie eh und je, dass es eine Freude ist, ihm zuzuschauen. Einziger Unterschied zu damals, hier in Finnland ist er zuhause. Hier redet er mit dem Publikum, animiert die Leute zum Tanzen und Mitmachen, was die sich auch nicht zweimal sagen lassen. Der Boden in der Tullikamari bebt. Bassist Roger steht Bill Wyman mäßig daneben. Und Jami an den Drums ist immer noch ein Tier. Präzise und locker, aber mit einem unglaublichen Punch spielt er nur die nötigsten Beats und Rolls ohne große Fisimatenten. Seine Koteletten sind inzwischen angegraut, und ein langer fusseliger Kinnbart ziert nun zusätzlich sein rundes, freundliches Gesicht. Dafür trägt er kaum noch Haupthaar. Auch Melrose spielen sich quer durch ihr Repertoire. Anfang diesen Jahres erschien ja mit „Got It Made“ nach 13 Jahren Pause eine neue und übrigens sehr hörenswerte LP. Zum Schluss spielen sie eine schier endlos wirkende Version von „Rich Little Bitch“, eine ihrer ersten Singles und in Finnland wohl ihr größter Hit. Unglaublich diese Spielfreude, diese Power. Danach muss ich erst mal wieder an die frische Luft.

Im großen Saal spielt zum Schluss dann Juliet Jonesin Sydän. Die Band aus Oulu hat sich dieses Jahr nochmal aufgerafft, aber die Originalbesetzung ist das nicht, was da auf der Bühne steht. In den 80ern und frühen 90ern hatte diese Postpunk Band einige Hits in Finnland, und eigentlich mochte ich sie immer ganz gern. 1987 erschien auf Gaga Goodies ihre einzige englischsprachige Platte, eine recht hörenswerte 10“ EP. Der Bandname geht übrigens auf den amerikanischen Comic Strip „The Heart Of Juliet Jones“ von Stan Drake aus den 50er Jahren zurück. Dieser Strip wird bis heute in finnischen Zeitungen immer mal wieder abgedruckt. Wie auch immer, der Auftritt der Band Juliet Jones reißt uns nicht mit, und so beschließen wir gegen Halb eins nachts noch ins Hemingway zu gehen, eine Café-Bar direkt am Tammerkoski, der zentralen Wasserverbindung zwischen den beiden großen Seen, an denen die Stadt Tampere gelegen ist.

 

Jukim150719.jpgAm nächsten Tag lassen wir das Festival Festival sein, denn unser alter Freund Jukka Junttila hat uns eingeladen zu einem Spaziergang durch Tampere. Genauer gesagt ist das eine Führung zu den für die popmusikalische Geschichte der Stadt bedeutsamen Orten. Tampere ist ja neben Helsinki die wohl wichtigste finnische Stadt in Bezug auf die Entwicklung der einheimischen Pop und Rock Musik. Die größte und wichtigste Musikzeitschrift Soundi wurde hier gegründet und hat ihre Büros nach wie vor in Tampere. Der erste Mail Order, der Direktimporte aus dem UK und den USA verkaufte, Epe’s Music, bietet hier seit 1972 seine Dienste an. Und seit 1977 gehört zu diesem Unternehmen auch das Label Poko Rekords, eine der erfolgreichsten finnischen Plattenfirmen, die allerdings seit Ende der 90er Teil der EMI Group ist. Mehrere kleinere und dann auch größere Tonstudios gibt es in der Stadt, in denen von 70er Jahre Rock über Punk und Postpunk viele wichtige und erfolgreiche finnische Produktionen entstanden. Einige der einfluss- und zugleich erfolgreichsten Rockmusiker Finnlands haben hier gewohnt oder waren bzw. sind hier aktiv. Einige legendäre Clubs, Bars und andere Lokalitäten gab oder gibt es zu besichtigen. Zwar ist die Stadt nicht sehr groß, aber wir sind dann doch gut zwei Stunden unterwegs, bevor wir eine kleine Pause in einem Gartenlokal im Zentrum einlegen. Wenn bloß nicht die Bierpreise so unverschämt hoch wären. Da es zu regnen beginnt, erzählt uns Jukka noch den Rest in der Kneipe ohne weiteren Spaziergang. Leider sehen wir so nun nicht den recht imposanten Grabstein von Juice Leskinen, der für den finnischsprachigen Rock eine wohl ähnliche Bedeutung hatte, wie Udo Lindenberg für den deutschsprachigen, wobei ich die beiden jetzt weder als Personen noch musikalisch miteinander vergleichen möchte. Über Juhani „Juice“ Leskinen muss ich wohl mal gesondert etwas mehr schreiben bei Gelegenheit. Jedenfalls war er 1977 einer der ersten, der die Talente einer jungen Band namens Eppu Normaali erkannte. Mit von der Partie bei unserem Rundgang und späterem Umtrunk, der dann noch bei Jukka zuhause fortgesetzt wurde, waren übrigens auch mein alter Freund Miettinen sowie seine Lebensgefährtin Ursula aus Hämeenlinna. Miettinen ist inzwischen weder als Musikjournalist noch als Label Mogul mehr tätig. Er schreibt jetzt Kriminalromane.

 

SNS150726Ein Wochenende später hatte ich dann in Kalajoki, meinem üblichen und regelmäßigen Urlaubsort, das Vergnügen, die Band Steve’n’Seagulls live zu sehen. Das sind fünf Jungs vom Land, die mit Banjo, Ziehharmonika, Westerngitarre, Standbass und ein paar Toms und Zimbeln sowie Mundharmonika und Fiedel Klassiker des Metal und Hard Rock spielen in einem Stil, den ich so unbedarft wie ich bin mal Bluegrass nennen möchte, wohl wissend, dass echter Bluegrass wohl doch noch anders klingt. Jedenfalls macht das live großen Spaß. Die Band liefert dabei auch noch optisch eine zünftige Show und wirkt ganz wie ein echter Trupp Hinterwäldler oder Waldschrate.

Schließlich gab es dann am ersten August Wochenende das schon traditionelle umsonst und draußen Festival Kajari im Zentrum von Kalajoki. Leider war dieses Jahr das Wetter nicht so doll, so dass weniger Zuschauer als sonst, den Darbietungen der verschiedenen lokalen Rock und Pop Kapellen folgten. Und ich muss auch sagen, dass die Qualität des Gebotenen auch schon besser war. Die meisten Bands spielten nur Cover, was an sich ja nichts Schlimmes ist. Aber die meisten beteiligten Musiker waren diesmal auch nicht sehr virtuos. Und so war man schon recht bald eher gelangweilt. Schade eigentlich.

 

Auf der Rückreise nach Helsinki und dann Berlin machten wir nochmal in Tampere Station. Dort erwarb ich einige schöne Schallplatten sowohl Second Hand als auch Neuware. Mein Album des Monats Juli war auch dabei.

 

Manifest 2013

 

Wie schon gesagt war ich wie jedes Jahr im Sommerurlaub in Finnland. Und auch dieses Jahr wurde die Gelegenheit genutzt ein Festival dort zu besuchen. Das „Manifest“ Open Air in Kokkola fand zum ersten Mal statt in diesem Jahr. Direkt am Meer in einem Park etwas außerhalb des Stadtzentrums waren der 5. und 6. Juli für das Festival reserviert. Kokkola ist eine Kleinstadt an der Küste des Bottnischen Meerbusens ungefähr 500 Kilometer nördlich von Helsinki. Angekündigt als Metal Festival war es das zum Glück aber nicht wirklich. Mit finnischen und deutschen Freunden war ich nur am ersten Tag dort. Dieser war für die eher Metal und/oder Gothic orientierten Bands vorgesehen. Der zweite Tag sollte dann mit Punk und Hardrock gefüllt werden. Für uns reichte aber ein Festivaltag. Von den acht Bands am Freitag waren leider nur drei wirklich hörenswert. Sehenswert als Ereignis war das Ganze aber allemal. Wir waren schon am Nachmittag an Ort und Stelle, weil unser finnischer Freund Esa unbedingt die erste Band sehen wollte. Ein Bekannter von ihm spielt da mit. Nach einem Spaziergang von rund 20 Minuten durch die Peripherie Kokkolas (in der Nähe des Festivalgeländes gibt es keine Parkplätze) erreichten wir den Meripuisto, der allerdings noch fast vollkommen leer war. Organisiert war die Veranstaltung sehr professionell. Es gab zwei gleichgroße Bühnen, die abwechselnd bespielt wurden. Zumindest zu Beginn gab es weit mehr Ordnungspersonal als Festivalbesucher. Die Catering Stände waren großzügig eingerichtet, und es gab für jeden Geschmack etwas zu den in Finnland üblichen Schnellimbiss Preisen, also 8-10 Euro für eine große Portion einer schmackhaften und sättigenden Mahlzeit. Alkoholische Getränke wurden nur in einem extra abgezäunten Bereich verkauft und durften auch von dort nicht mitgenommen werden auf das sonstige Festivalgelände. Der Zutritt zu diesem Bereich wurde streng kontrolliert. Wer keine 18 ist kommt da nicht rein. Pünktlich um 16:30 Uhr begann die erste Band zu spielen. Nicumo ist eine noch relativ neue junge Band aus Kokkola, die gerade ihr erstes Album in Eigenregie veröffentlicht hat. Dieses Album klingt gar nicht mal so schlecht und bietet eine zum Teil recht melodische Metal Mixtur. Live klang das leider nicht mehr so differenziert wie auf der Platte. Und der Sänger, der eigentlich eine ganz passable Stimme hat, fiel immer wieder in dieses gutturale Grunzen, das bei einigen Metal Spielarten sehr angesagt ist. Auch die folgenden drei Bands pflegten ähnliche Metal Substile, bei denen überwiegend gegrunzt oder gekreischt wurde. Nach und nach füllte sich das Festival Gelände. Allerdings blieb es bis zum Schluss relativ überschaubar und war mit rund 1000 Besuchern eigentlich nicht voll genug. Ob die Veranstalter bei einem Preis von 35 € für das Tagesticket und 45 € für beide Tage letztlich auf ihre Kosten kamen, ich weiß es nicht.

Um 20 Uhr stand dann die erste Band, die ich sehen wollte, auf der Bühne. Viikate aus Kouvola in Südfinnland gibt es seit 1996. Seit 2001 spielen sie zu viert. Alle vier Musiker tragen den Nachnamen Viikate (Sense) nach dem Vorbild der Ramones. Zwar wird die Band von der finnischen Musikpresse auch gern unter Metal einsortiert, aber ich höre da höchstens mal ein härteres Gitarrenriff, Metal jedenfalls nicht. Vielmehr orientieren sich die Jungs musikalisch eher an Rautalanka (der finnischen Version von Surfgitarren) einerseits und an Punk andererseits. Dazu kommen Melodien und Texte, die von finnischen Schlagern und Folklore der 1950er  und 60er Jahre inspiriert sind. Der Frontmann Kaarle Viikate versteht es wunderbar, das Publikum einzunehmen und zu animieren. Bald schon tanzt und singt die Menge vor der Bühne. Ein paar Regentropfen machen da gar nichts aus. Die Band war in den letzten Jahren recht erfolgreich in Finnland. Und ihre Hits werden natürlich inbrünstig mitgesungen. Nach einer knappen Stunde und zwei Zugaben geht es nahtlos weiter auf der anderen Bühne. The 69 Eyes dürften auch hierzulande ein Begriff sein. 1990 in Helsinki gegründet spielten sie zunächst eher Garage und Sleaze Rock, um dann nach dem Erfolg von HIM Ende der 90er verstärkt Gothic Rock Elemente in ihren Sound zu integrieren. In Kokkola lieferten sie einen sehr souveränen und an Highlights reichen Set ab. Leider wurde der Regen während ihres Auftritts teilweise so stark, dass ich mich lieber unter das Dach des Biertresens zurückzog. Als nächste waren CMX an der Reihe. Die Band gehört seit über 20 Jahren zu den erfolgreichsten Rockgruppen Finnlands. Mitte der 80er als Hardcore Punk Band in Tornio (Lappland) gegründet erweiterte die Gruppe um den Sänger und Songschreiber A.W. Yrjänä ihre stilistische Bandbreite bald schon in Richtung Metal und dann auch Progressive Rock und schließlich sogar Mainstream Rock und Pop. Ihre Musik kann sehr anstrengen und sogar nerven, aber es gibt immer wieder wirklich tolle melodische Stücke in ihrem Repertoire. In Kokkola boten sie erfreulicherweise einen Querschnitt durch ihr eher zugänglicheres Oeuvre, zu dem auch zahlreiche Chart Hits gehören. Trotz erneuter Regenschauer sangen vor allem die Mädels im Publikum eifrig mit und erwiesen sich dabei – soweit ich das beurteilen kann – als sehr textsicher. Als letzte Band betrat Amorphis die Bühne gegen 23:30 Uhr. In wechselnden Besetzungen besteht diese Gruppe auch schon seit 1990, und seit gut 15 Jahren ist sie auch international durchaus erfolgreich. Ihr Gothic Metal ist so gar nicht mein Fall, aber ich muss zugeben, dass sie eine perfekte Show auf die Bühne bringt. Der Sänger wirkt wie ein Gnom direkt aus der Unterwelt mit seinen bis zur Hüfte reichenden Dreadlocks, die er immer wieder wie einen Propeller kreisen lässt. Leider knurrt und grunzt er auch zu oft. Dem Publikum gefällt’s. Überhaupt ist das Festival Publikum sehr interessant. Was da für Typen rumlaufen – unglaublich! Und natürlich sind etliche schon recht früh sturzbetrunken, trotz der Bierpreise, die allerdings mit 5 € pro halbem Liter für finnische Verhältnisse noch sehr zivil sind. 

Wir treten gegen ein Uhr früh die Heimreise ins 67 Kilometer weiter nördlich gelegene Kalajoki an. Und obwohl es zwei Wochen nach Mittsommer ist, wird es fast dunkel, wegen des uns begleitenden Unwetters mit wolkenbruchartigen Regenfällen. Am nächsten Tag ist dann aber wunderbares Wetter, und wir sitzen im Schein der Mitternachtssonne am Lagerfeuer bis vier Uhr früh und hören finnische Rockmusik aus der Konserve.

 

Nick Waterhouse  - The Allah-Las

 

Am Montag, dem 26. November 2012, war Nick Waterhouse mit seiner Band bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr im Lido in Kreuzberg zu Gast. Wie schon der erste Gig vor neun Monaten war auch dieser wieder ausverkauft. Während der Auftritt im März im Rahmen eines Soul Funk Bogaloo eher ein Showcase um Mitternacht war, fand das erneute Gastspiel zu arbeitnehmerfreundlicher Tageszeit statt. Im Vorprogramm The Allah-Las aus L.A., deren Singles und Debüt LP von Nick produziert wurden. The Allah-Las wirken eher unspektakulär auf der Bühne, wenn man von ihren schönen Vintage Gitarren und dem breitkrempigen Hut des Drummers mal absieht. Ihre Musik klingt wie eine Mischung aus Byrds (weitgehend ohne deren Jangle und Harmoniegesang) und Seeds (ohne die Fuzzgitarre und die prägnante Stimme Sky Saxons). Mit anderen Worten sie klingen wie Hunderte andere US Garage Bands der Jahre 1965-67. Nun machen The Allah-Las ihre Musik allerdings heute, und die damaligen Musiker könnten ihre Väter sein. Ihr Auftritt war jedenfalls unspektakulär, was laut einiger Puristen im Publikum am Soundmann lag, der zu sehr am Rockpalast Klang geschult war. Aber auch ihre Singles und ihre LP, obschon klanglich sehr authentisch, bieten wenig wirklich im Gedächtnis bleibende Tracks. Immerhin kann man ihnen attestieren, dass ihre Platten als originale Sixties Garage Artefakte durchgehen würden, falls das ein Qualitätskriterium ist. An Nick Waterhouse und seiner Band störte die Puristen – neben dem angeblichen Rockpalast Sound – vor allem der „Hype“. Über den Mann wird schon zu viel in den Mainstream Medien berichtet. So etwas färbt nach Meinung jener Puristen unweigerlich auf die Qualität der Musik ab, weshalb sie bei ihren Allnightern ja auch grundsätzlich nur Platten auflegen, die mindestens einen dreistelligen Betrag kosten und die außer einer clandestinen In-Group keiner kennt. Zumindest die Debüt Single von Nick Waterhouse erfüllte bis vor kurzem das erste Kriterium. Am Merchandising Stand waren allerdings schnöde Nachpressungen mit weißem Etikett schon zum Schnäppchenpreis von 25 € zu haben. Der Auftritt von Nick Waterhouse unterschied sich von der Darbietung neun Monate zuvor am gleichen Ort nicht nur durch ein natürlich anderes Outfit der beiden Backgroundsängerinnen, sondern vor allem durch eine in meinen Ohren schlüssigere, kompaktere Darbietung. Mit anderen Worten, es groovte und swingte weit mehr. Was sicher auch dem in der Zwischenzeit weiter gereiften Zusammenspiel der Band geschuldet sein mag. Die Band spielt rein weißen R&B mit Stil und Klasse, die heutzutage ihresgleichen suchen. Die Bläser Parts sitzen perfekt, Nicks Gitarrenlicks perlen astrein. Seine Stimme ist kräftiger geworden, oder? Bei der Zugabe waren dann auch The Allah-Las wieder auf der Bühne. „It’s All Over Now“ – natürlich an der Stones Version orientiert – war ein schöner Abschluss eines gelungenen Abends.

 

10 Jahre HardBeat Five

 

Wer sich für Sixties Beat und Pop interessiert, womöglich in den 1960er Jahren aufgewachsen ist und nicht nur die völlig obskuren Freakbeat und Popsike Singles schätzt, sondern gerade auch die großen Hits der Jahre 1963 bis 1970, der hat bestimmt auch schon mal was von den HardBeat Five gehört. Die Band spielt seit nunmehr zehn Jahren in immer mal wechselnder Besetzung solche alten Hits von The Byrds bis The Yardbirds, von The Who bis The Small Faces, von The Kinks bis Manfred Mann, von The Beatles bis zu The Rolling Stones. Zwar sind The HardBeat Five „nur“ eine Coverband, aber sie spielen – im Gegensatz zu vielen anderen Bierhaus und Party Kapellen – die Hits von damals wirklich authentisch nach, so dass man, wenn man die Augen schließt, mitunter die Illusion des Originals hat. Am 7. September 2012 feierte die Band ihr 10-jähriges Jubiläum mit einem Spezialprogramm auf der Freilichtbühne Spandau. Dazu hatten sie einen 6. Mann an den Keyboards eingeladen, der es ihnen ermöglichte, viele neue alte Hits zu präsentieren, die ohne Orgel oder Piano nicht funktionieren. Außerdem waren zwei Go-Go Tänzerinnen mit von der Partie. Beste Voraussetzungen also für einen tollen Abend! Die Band spielte drei Sets von jeweils ca. 45 Minuten Länge. Und bei jedem Set waren die Musiker anders gekleidet. Sehr poppig farbenfroh und psychedelisch ging es da zu, was durch die Lightshow noch unterstützt wurde. Zwei Mankos hatte der Abend dennoch. Erstens es fiel immer wieder ein unangenehmer Nieselregen, der die Stimmung etwas dämpfte. Zweitens war der Sound leider zu unausgewogen. Ansagen und Gesang drangen oft nicht richtig durch, und auch die Keyboards waren besonders im dritten Set, als man die Lautstärke insgesamt noch mal drosselte, nicht immer richtig zu hören. Dass es trotzdem viel Spaß machte und ein letztlich toller Abend wurde, ist der Spielfreude, dem Können der Musiker und der großen Bandbreite des Repertoires, das viele Überraschungen bot, geschuldet. The HardBeat Five, das sind Gaby Mehlitz am Bass und gelegentlich Lead Vocals, wenn weiblicher Leadgesang gefordert ist. Ihre Grace Slick Darbietung bei „White Rabbit“ war dennoch nicht wirklich geglückt, sorry. Pit Mischke an der Rhythmus und gelegentlich auch Melodie Gitarre gilt als Bandgründer und organisatorischer Kopf des Ensembles. Ralf Leeman an der Lead Gitarre spielte schon in diversen auch eigenen Bands, gibt gerne mal den Hendrix mit allerlei Kunststückchen und baut auch mal ein zusätzliches Solo hier und dort ein. Einer der besten Gitarristen Deutschlands im Übrigen. Richard Koch an den Drums spielt locker und laid back wie Charlie Watts, aber auch unorthodox und exaltiert wie Keith Moon. Nur die Power eines John Bonham bringt er dann doch nicht ganz auf. Tom Thiede am Mikrofon ist der jüngste der Fünf. Er kann nicht nur unzählige Texte auswendig, er schafft es auch, die Phrasierungen Mick Jaggers ebenso zu imitieren wie den Stil Roger Daltreys oder Jim Morrisons. Wirklich unglaublich! Am 7.9. gab er dann auch noch den Robert Plant mit blonder Langhaarperücke und Stretchhosen im Leopardenmuster. Der Mann an den Keyboards am 7.9. war ein gewisser Mischka, der früher mal zur Rio Reiser Band gehörte. Durch seine Unterstützung wurden großartige Darbietungen von Titeln wie „Light My Fire“, „A Whiter Shade Of Pale“, „Riders On The Storm“ und „With A Little Help From My Friends“ (in der Joe Cocker Version) möglich, die allesamt zu den Highlights des Abends gehörten. Vielleicht treten die HardBeat Five ja künftig öfters als HardBeat Six auf. Fände ich gut!     

Fotos copyright Klaus Dieter Götze

 

 

Down By The Kemijoki 2012

 

The Nightingales1992 fand in Rovaniemi, der Hauptstadt finnisch Laplands, zum ersten Mal ein kleines Rock Festival unter dem Titel „Down By The Kemijoki“ statt. Nachdem das jährliche Event ab 2007 pausierte, gab es dieses Jahr am letzten Wochenende im Juli ein 20-jähriges Jubiläum in ähnlicher Besetzung wie beim Debüt. Zusammen mit Verwandten und finnischen Freunden reiste ich bis jenseits des nördlichen Polarkreises, um an dieser Veranstaltung teilzunehmen. Im Tivoli Club, der ca. 500 Besucher fasst und am Sonnabend auch gut gefüllt war, gab es zwei Bühnen. Die eine im großen Saal und eine zweite im Vorraum gegenüber der Bar, wo immerhin auch mindestens 200 Zuschauer Platz fanden. Man hatte den Eindruck einer Art Klassentreffens, denn erstens war der größte Teil der Besucher – wie übrigens auch die Musiker – deutlich jenseits der 40 und zweitens begrüßten sich viele alte Bekannte mit großem Hallo. Hatten sie sich offenbar schon längere Zeit nicht gesehen. Und wir waren wohl auch nicht die einzigen, die eine längere Anreise hinter sich hatten. Gegen 22 Uhr beginnt die Show auf der kleinen Bühne mit The Nightingales aus Rovaniemi. Die Band ist seit über 20 Jahren aktiv und hat eine Reihe von Singles und Alben – überwiegend bei Hiljaiset Levyt – veröffentlicht. Ihre Musik steht in einer Tradition britischer Vaudeville Bands von Lonnie Donegan bis zu den Kinks. Ihre Texte werden in Englisch gesungen und ihre Songs erzählen skurrile Geschichten von liebenswerten Außenseitern, Losern und dem alltäglichen Wahnsinn. Ray Davies’ „Mr. Pleasant“ kommt auch zum Vortrag. Zur Zugabe „Glad To Be Gay“ wird Labelboss Jukka Junttila auf die Bühne geholt und er singt auch tapfer mit.

Im großen Saal folgt der Auftritt der Band Kelpo Pojat aus Helsinki, die bereits seit 1985 in wechselnder Besetzung aktiv ist. Die Musik der „tüchtigen Jungs“ orientiert sich u.a. an Paul Weller, The Jam und The Undertones aber auch an typischem finnischem Pop Rock der 1980er Jahre. Seit 1994 ist zwar keine neue Platte mehr von ihnen erschienen, aber sie treten immer noch gelegentlich auf. Im Tivoli Club tanzen vor allem viele Zuschauerinnen zum eingängigen Power Pop der Band. Und mitgesungen wird ebenfalls kräftig.

Jalla JallaExtra für das Festival hat sich die Band Jalla Jalla aus Rovaniemi wieder zusammengetan. Ihr Auftritt wird mit großer Begeisterung aufgenommen. Frontmann und Sänger Harri springt, stampft und singt als wäre er noch immer 25 wie bei Gründung der Band 1987. Der Leadgitarrist trägt Gummistiefel (als käme er direkt aus dem Sumpf Laplands), muss aber die meiste Zeit im Sitzen spielen, weil es ihn nicht mehr so lange auf den Beinen hält. Viele der Songs sind absolute Gassenhauer, Power Pop und Punk orientiert an Ramones, Undertones und Stiff Little Fingers. Ich bin richtig gerührt von dem Auftritt. Nach der Zugabe falle ich Harri um den Hals und bedanke mich herzlich für den tollen Gig.

Während auf der großen Bühne die Gruppe Absoluuttinen Nollapiste aus Rovaniemi ihren exzentrischen Art-Prog-Rock zelebriert,  erfrischen wir uns im Backstage Bereich im Schein der Mitternachtssonne mit finnischem Bier und unterhalten uns mit den Musikern, die ebenfalls dort versammelt sind. Die Band „Absoluter Nullpunkt“ spielt seit 1991 zusammen und ist in Finnland bis heute einigermaßen erfolgreich. Ich kann mit ihrem Sound zwischen Radiohead und finnischem Prog der 1970er Jahre nicht so viel anfangen, obwohl ich Letzteren zum Teil ganz gern höre.

Jussi NykänenAuf der kleinen Bühne schließt sich ein furioser Gig der Band Greenhouse AC aus Rovaniemi an. Gegründet Ende der 1980er Jahre spielt die Band einen kraftvollen, rohen an Punk und Grunge orientierten Rock, der auf etlichen Singles und vier Alben zwischen 1990 und 1998 dokumentiert ist. Die Band tourte in den 90ern so ziemlich in ganz Europa. Inzwischen tritt sie jedoch nur noch gelegentlich in ihrer Heimat auf. Nichtsdestotrotz ist ihr Auftritt nach Mitternacht ob seiner schieren Kraft und Energie der beeindruckendste des ganzen Festivals. Sänger Jussi Nykänen hechtet ins Publikum und lässt sich über die Köpfe tragen, ganz wie Iggy Pop in seiner besten Zeit.

Schließlich ziehen Eläkeläiset in den frühen Morgenstunden des Sonntags ihre Show auf der großen Bühne ab. Die Band wurde Anfang der 90er in Joensuu (Ostfinnland) gegründet. Sie spielt meist international bekannte Hits in ihrem eigenen an Polka erinnernden Humppa Stil und singt dazu eigene finnische Texte. Die Rentner (so der Bandname auf deutsch) sehen dabei aus wie eine Mischung aus bayrischen Schuhplattlern und einer schottischen Dudelsack Kapelle. Meist sitzen sie beim Spielen, und nach jedem Stück gibt es erstmal einen Schluck aus der Pulle, die vor ihnen auf einem Tisch steht. Manchmal ist da Schnaps drin, manchmal auch nur Wasser. Das ist nicht viel anders als bei ihren Auftritten in Deutschland beim Wacken Festival oder im Berliner SO36. Es wird getanzt, geschunkelt, mitgegröhlt. Ich bin nicht mal sicher, ob die finnischen Mitgröhler zu dieser Stunde und mit diesem Alkoholpegel die Texte besser verstehen, die sie da gröhlen, als die deutschen. Der ausgelassenen Stimmung schadet das auf keinen Fall. Gegen vier Uhr morgens wanken wir Richtung Hotel. 

 

The Hangers im Stage Club Kalajoki

 

An unserem letzten Urlaubstag, am Sonnabend 11.08.2012, haben wir noch das Glück, die junge Rock’n’Roll Combo The Hangers zu erleben. Die Jungs sind um die 20 und zu viert. Ihre Vorbilder sind ganz eindeutig The Hurriganes, eine der wichtigsten und besten finnischen Bands der 1970er Jahre. Für die Hurriganes aus einem Arbeiterviertel Helsinkis war schon damals die Zeit stehen geblieben. Ihre Helden waren Little Richard, Bo Diddley, Freddy Cannon und natürlich Elvis Presley. Deren Songs spielten sie mit einer Attitüde, die eher 70er Pub Rock verbunden war, als authentischem Rockabilly. Ihre wenigen eigenen Songs klangen zwar wie Englisch, doch war das im Prinzip nur lautmalerische Zufallslyrik. Gestört hat das bis heute niemand. In Finnland schon gar nicht. Doch zurück zu The Hangers aus Kalajoki. Deren Repertoire besteht fast ausschließlich aus Titeln, die auch von The Hurriganes gespielt wurden. Dazu kommen ein paar wenige eigene Kompositionen, die sich stark an ihrem Vorbild orientieren. Bevor die Band die kleine Bühne im Stage Club entert, findet dort ein Karaoke Abend statt. Karaoke ist in Finnland mindestens so beliebt wie in Fernost. Gesungen wird fast ausschließlich Finnisch. Es gibt herzerweichende und haarsträubende Darbietungen. Die Eine oder der Andere kann aber sogar richtig singen. Kurz nach Mitternacht ist es dann endlich soweit. Die Band legt los und kommt schnell in Fahrt. Unglaublich, mit wie viel Druck, Spielfreude und Bühnenpräsenz die Jungs bei der Sache sind. Präzise satte Bassläufe, ein ziemlich unorthodoxer Drummer mit Sinn für unerwartete Fills und Rolls, der Gitarrist spielt die unvermeidlichen kleinen Schweinesoli und gefällt sich in typischen Rockerposen, ohne dabei peinlich zu wirken, der Sänger ein Shouter vor dem Herrn, mit Schiebermütze, weißem Unterhemd und zerrissener Jeans. Fast 90 Minuten spielen die Jungs, die Mädels (auch die schon etwas reiferen) tanzen zum Schluß sogar auf den Tischen. Rock’n’Roll in der finnischen Provinz, und wir mitten drin!

 

The Bevis Frond im Bassy

 

Bevis Frond live„The Leaving Of London“ von Bevis Frond war mein Album des Monats im Dezember. Und am 15. Januar 2012 war Nick Saloman mit seiner Band im Bassy in der Schönhauser Allee und spielte einen großen Teil des Albums ebenso wie ein paar Klassiker aus seinem umfangreichen Oeuvre. Mit ihm auf der Bühne waren sein langjähriger Kumpel Adrian Shaw am Bass, sowie die vergleichsweise jungen und neuen Bandmitglieder Dave Pearce (Drums) und Paul Simmons an der zweiten Gitarre. Nicks Stil, sein Songwriting und seine Stimme sind unverwechselbar. Und so fühlte man sich als Fan und Kenner wenigstens eines größeren Teils seines Backkatalogs sofort wohl und heimisch. Aufgeräumt und gut gelaunt wirkte der inzwischen ergraute langhaarige Londoner. Zwischen den zum Teil recht langen Stücken erzählte er immer wieder Anekdoten aus der guten alten Zeit, lieferte Erläuterungen zu den Songs. Dass sein Vater aus Berlin stammte, war mir zum Beispiel neu. Auch dass Nick seinen Heimatort Walthamstow im Nordosten Londons nach nunmehr bald 60 Jahren doch noch verlassen hat, um fortan an der Küste im Süden Englands zu leben, erfuhr ich aus seinem Mund während des Gigs im Bassy. Der Club war gut gefüllt. Das Publikum eine bunte Mischung aus jungen Hipstern, ein paar Studenten, Althippies, bekannten Gesichtern aus einschlägigen Plattenläden und den Sixties und Psych Spezialisten, die nur zu Anlässen wie diesem noch aus ihren vier Wänden kommen. Nick Salomans Gitarrenspiel ist ziemlich einmalig. Diese Mischung aus Byrds Jangle, Hendrix Schwere und Greg Sage Schärfe überwältigt einen immer wieder. Dazu die wunderbar getragenen Melodien, die nur er so hinbekommt. Neben den Gitarrensoli – zumeist von Nick – gibt es auch immer wieder kurze Duelle mit Pauls Gitarre. Zu loben ist auch die psychedelische Lightshow, die ein mitgereister Freund der Band auf die Bühne zauberte. Mit Zugaben dauert der Gig gute zwei Stunden. Und da ausnahmsweise auch mal relativ pünktlich begonnen wurde, sind wir noch vor Mitternacht auf dem Heimweg in der frostigen Berliner Nacht.

Foto copyright Klaus Dieter Götze

 

Dark Shadows im White Trash

 

Am 17. November 2011, einem Donnerstag, hatte mein Schwager Bernd uns – d.h. ein paar Stammkunden seines Ladens Rock Steady Records und mich – zu einem Blind Date geladen. Wir wurden in ein Großraumtaxi verfrachtet und zum White Trash Fast Food Restaurant gekarrt. Dass wir eigentlich in den Live Club White Trash im Keller unter dem Lokal wollten, stellte sich dann erst dort heraus. Und der Club war auch eigentlich noch geschlossen. Durch die Hintertür kamen wir dann aber doch schon rein. Vernünftiges Bier gab es leider nicht, und unsere Geduld wurde ebenfalls auf eine harte Probe gestellt. Bernd hatte halt nicht bedacht, dass Konzerte in solchen Läden selten vor Mitternacht beginnen. Wir vertrieben uns die Zeit mit der Beobachtung des langsam eintrudelnden Publikums, einer Mischung aus Rock’n’Roll Fans, Studenten und zufälligen Touristen. Außerdem nahmen wir den Merchandising Stand schon mal in Augenschein. Ausliegende Vinyl Tonträger wurden sicherheitshalber gleich geordert und sicher verstaut. Nach einer an The Jesus And Mary Chain orientierten zwei Mann Support Band betraten dann endlich drei Ladies die Bühne, die wir bereits am Merch Stand kennen gelernt hatten. Dark Shadows nennen sie sich, früher noch Brigitte Handley & Dark Shadows. Miss Handley singt uns spielt Gitarre. Besonders sie, aber auch ihre beiden Kolleginnen an Bass und Schlagzeug, sehen sehr nach Psychobilly aus mit ihren Tattoos, Button übersäten Nietenwesten und dazu passenden Frisuren. Die drei stammen aus Sidney, wie wir erfuhren. Sie sind auf Welttournee, waren schon in Japan und im UK, und werden nach Deutschland auch noch weitere europäische Länder und später auch die USA bereisen. Ihre Musik ist ein druckvoller, melodischer Rock’n’Roll, der seine Inspiration sowohl von Rockabilly wie von Eighties Gothic Pop bezieht. Unglaublich was da an Energie, Spielfreude und Musikalität rüberkommt! Eine tolle Band! Ein Album der Band erschien bereits vor zwei Jahren, nur als CD. Aktuell gibt es eine 7“ 45 sowie ein 10“ EP, die beide sehr gut die musikalische Bandbreite und Vielfalt der Damen wiedergeben. Auf einer ebenfalls gerade erschienenen CDEP findet sich als Bonus ein Cover von Grauzones „Eisbär“. Das spielen die Ladies auch im Konzert als Zugabe. Eine klasse Version, etwas womit man bei so einer Band nun wirklich nicht gerechnet hätte.

 

22 Pistepirkko & Them Bird Things

 

Am 12. Januar 2011 fand das zumindest von mir mit Spannung erwartete erste Konzert von Them Bird Things in Berlin und überhaupt in Deutschland statt. Aber der Reihe nach. Die Band war ja nicht allein in den Festsaal Kreuzberg gekommen. Der Festsaal war ganz gut gefüllt, aber bei weitem nicht ausverkauft. 150 bis maximal 200 Menschen waren dort, um die drei Bands zu erleben, wobei sicher der größte Teil wegen 22 Pistepirkko da war. Erstaunt war ich über die große Zahl von Finnen im Publikum, viele junge Leute, die offenbar in Berlin studieren oder arbeiten. Ich kannte keinen davon. Dass sie allerdings der verbreiteten Unsitte folgten, auch während des Konzerts munter weiter zu plaudern über Dies und Jenes, fand ich weniger schön. Aber auch sonst kannte ich so gut wie niemanden im Publikum. Weder Moabit Peter noch andere sonst auf fast jedem Konzert anzutreffenden Musikfreunde waren dort. Die können unmöglich alle bei Schiller gewesen sein, der am gleichen Abend in Berlin auftrat. Na egal, kommen wir zur Musik am 12. Januar im Festsaal. Den Anfang machten Straight From The Harp, ein Duo aus Dänemark, das aber in Berlin lebt. Vor dem Gig sah ich die beiden noch mit einem höchstens zweijährigen Kind auf dem Arm im Vorraum des Saals. Auf der Bühne war das Gör dann nicht dabei. Die Musik des Duos wird als Electro Blues beschrieben. Nun ja, optisch wirkt das Paar wie aus der TV Serie Mad Men entliehen, wobei er allerdings eine neckische Rockertolle trägt. Wenn er nicht Harmonica spielt, bläst er in einen Schlauch, mit dem er unter zu Hilfenahme weiterer Gerätschaften seltsam elektronische Geräusche erzeugt. Sie singt meist und sieht hübsch aus. Insgesamt ist der Auftritt eher anstrengend aber zum Glück nicht sehr lang.

Salla DayNach kurzer Pause folgt der von mir mit Vorfreude erwartete Auftritt von Them Bird Things. Die Band eröffnet den Gig mit dem Opener ihres aktuellen Albums „Northern Curve“. Kein leichter Einstieg. Aber die Gespräche im Publikum verstummen schnell und man lauscht – fast andächtig. Bis auf zwei Stücke stammen alle gespielten Songs von Album „Wildlike Wonder“. Neben Countryhaftem wie „Silver Oldsmobile“ gibt es viel melancholisch psychedelisch Atmosphärisches. Die Band beschließt ihren rund 45 minütigen Auftritt mit einem Highlight vom Debütalbum „Pocket Of Rain“. Großartig auch „Marionette“ aus der Feder von Jake Holmes, der ja Jimmy Page seinerzeit zu „Dazed And Confused“ inspirierte. Die Songs von Them Bird Things sind ja alle US amerikanischen Ursprungs. Aber dennoch macht Salla Day diese Lieder zu ihren eigenen. Und um „Northern Curve“ oder „Raised In Bangor“ überzeugend vortragen zu können, muss man auch nicht unbedingt im Nordosten der USA aufgewachsen sein. Tampere und die finnische Landschaft tun’s auch. Die Band spielt die nicht unkomplizierten Arrangements virtuos und quasi wie auf der Platte. Und das wäre dann vielleicht der einzige Kritikpunkt. Es klingt alles sehr schön, aber irgendwie nicht lebendig genug. Der letzte Funke will nicht überspringen. Und so ist der Beifall freundlich aber nicht enthusiastisch. Für eine Zugabe reicht’s leider nicht.

P.K.Schließlich kommen 22 Pistepirkko auf die Bühne. Die drei aus dem nordfinnischen Utajärvi spielen seit ihrer Schulzeit gemeinsam in einer Band, also seit gut 30 Jahren. Von Punk über Folk, Pop, Country, Garage Rock bis hin zu Electronica haben sie schon alles gespielt. Meist in einer nur ihnen eigenen besonderen Mischung. Nachmittags waren sie noch bei Radio Eins zum Interview. Da lüftete Asko endlich das Geheimnis des Bandnamens. Damals in Utajärvi am Gymnasium pflegte er in den Pausen auf dem Schulhof im Gras zu liegen. Da setzte sich eines Tages ein gelber Marienkäfer auf sein Kinn und ging da für mindestens eine Minute nicht weg. Das war ein Zeichen, befand Asko. Und so nannte er die Band 22-Punkt Marienkäfer. Auch die Entstehungsgeschichte ihres Single Hits von 1992 „Birdy“ wurde geklärt. Das ist die Single mit den 40 Sekunden Vogelgezwitscher in der Mitte. Nur Vögel, sonst nichts. Für das nächste Album, das weitgehend fertig ist und im März erscheinen soll, haben sie sich den Blues vorgenommen. Einen Vorgeschmack gab es im Radio Eins Studio mit einer spontanen Akustikversion von „Too Much Snow“. Ein jahreszeitlich inspirierter Bluessong, so scheint es. Abends auf der Bühne des Festsaals spielen sie überwiegend Garage Rock, oder besser gesagt Garage Blues Rock. Neben dem Pistepirkko Klassiker "Frankenstein" kommen überwiegend neue Stücke zur Aufführung. Nur hin und wieder wird es etwas leiser. P.K.s Gesang ist nicht Jedermanns Sache. Aber Pistepirkko Fans wissen das natürlich. Wie er mit seiner hohen brüchigen Stimme zarte Liebeslieder singt, das ist so ergreifend wie gewöhnungsbedürftig. Hin und wieder singt auch Espe am Schlagzeug. Und einmal kommt er sogar nach vorn, um ein kleines Lied zu singen. Asko wiegt sich mit seinem Bass hin und her, vor und zurück. Er ist völlig versunken in der Musik. Und P.K. holt aus den ständig wechselnden Gitarren Töne, die außer ihm nur Jack White hervorzaubern kann. Was mir bei Them Bird Things ein bisschen gefehlt hat, hier ist es da. Dieses Charisma, dieses Einzigartige des Moments, dieses Aufgehen in der Musik während des Spiels. Nach gut einer Stunde und zwei Zugaben ist Schluss. Ich bin sehr gespannt auf die neue LP.

 

Berlin Beat Allstars 2010

 

Während sich die hippe Jugend anlässlich der Berlin Music Week am Flughafen Tempelhof versammelte und drei Tage lang mit zumeist moderner und vor allem junger Musik feierte, traf sich die reifere Jugend der Stadt am Freitag dem 10. September 2010 im Festsaal Kreuzberg, um die eigene Vergangenheit und ihre Idole der 60er Jahre hochleben zu lassen. Musiker aus 14 verschiedenen Berliner Sixties Bands waren mit dabei. Allerdings trat keine der Bands in Originalbesetzung auf. Viele der damaligen Musiker waren entweder nicht aufzutreiben oder nicht zur Teilnahme zu bewegen. Manche sind bereits verstorben. Aber es sind auch einige von weiter weg angereist. Der Festsaal Kreuzberg ist wie geschaffen für solch eine Veranstaltung. Rote Vorhänge links und rechts der Bühne, eine Galerie mit Balustrade, an den Seiten Tische und Stühle zum Verschnaufen. Rund 400 Besucher sind gekommen. Viele im gleichen Alter wie die Musiker auf der Bühne, also so um die 60-65, viele auch erst in ihren Fifties, und ein paar ganz junge (Kinder oder Enkel vermutlich) sind auch da. Das Programm beginnt pünktlich um 21 Uhr mit einer Formation, die von Danny Wall (ex-Hound Dogs) an der Gitarre geleitet wird. Rock’n’Roll Standards sowie R&B Klassiker spielt die Band. Die Stimmung kommt in Fahrt, auch wenn das Ganze eher an einen Oldie Abend im Bierhaus am Reichskanzlerplatz erinnert. Naja, irgendwie ist es das ja auch. Die Besetzung auf der Bühne wechselt häufig. Mitunter stehen da bis zu acht Musiker gleichzeitig. Besonders angenehm fallen die Tröten von Dieter Schaal und Ralf Neujahr auf. Nach einer kleinen Umbaupause spielt eine komplett neue Besetzung, die, so sagte man mir, hauptsächlich aus Mitgliedern von Edgar & The Breathless besteht. Für ein paar eher schmusige Songs kommt der ehemalige Sänger der Gloomys, Mike Sanden, dazu. Dann spielt die Band plötzlich „Jeans On“ und andere 70er Oldies. Thema verfehlt, kann man da nur sagen. Der harte Kern der damaligen Szene versammelt sich vor der Tür am Bierstand. Der Zentralrat der Umherschweifenden Haschrebellen ist auch fast vollständig anwesend. Nach einer weiteren kleinen Pause stehen The Allies nicht ganz in Originalbesetzung auf der Bühne. Jürgen Pittack spielt Gitarre, singt und macht immer wieder sympathische Ansagen zwischen den Songs. Unterstützt wird die Combo von dem wirklich formidablen Gitarristen der Team Beats Berlin Klaus Dreymann. Das Repertoire ist jetzt wirklich Beatmusik mit Songs der Kinks und Small Faces u.a. Schließlich kommt der Höhepunkt des Abends. Plötzlich fühlt man sich wie in einer Zeitreise mehr als 40 Jahre in die Vergangenheit versetzt. Am Mikrofon steht nun Werner Krabbe, einst Sänger der legendären Boots. „In The Midnight Hour“ und endlich auch „G-L-O-R-I-A“! Der Saal tobt vor Begeisterung! Nach Mitternacht erklimmt eine immer noch ansehnliche aber auch nicht mehr ganz junge Sängerin die Bühne, und alle zusammen geben eine leider etwas schiefe und viel zu laute Version von „Knockin’ On Heaven’s Door“ zum Besten. Trotzdem war’s alles in allem ein schöner, nostalgischer Abend.

 

The Boots Reunion im Quasimodo

Bob BresserJörg "Jockel" Schulte-Eckel Am Sonnabend – 24.09.2005 – war es endlich soweit. Das erste Konzert der legendären Boots in ihrer Heimatstadt seit 37 Jahren. Gerammelt voll ist das Quasimodo. Über ne Stunde haben die Fans draußen angestanden. Durchschnittsalter ist so Mitte 50. Wie beim Klassentreffen ist das. Die Luft ist Rauch und Bier geschwängert. Hinterm Tresen kommen sie mit dem Zapfen kaum nach. Um Halbelf geht’s dann los. Jockel ist supernervös zu Anfang. Aber schon beim zweiten Song wird er sicher. „But You Never Do It Babeklingt so wie damals. Scharf schneidet die halbakustische Gibson. Kraftvoll und akzentfrei Jockels Gesang. Bob spielt souverän seine Läufe auf dem Fünfsaiter. Er ist der ruhende Pol, der Erfahrene, der die ganzen Jahre in R&B Bands in seiner Freizeit spielte. Aber mit jedem Song wird Jockel ebenfalls souveräner. Die Augen leuchten. Sowohl die der Musiker, wie die der Fans. Olivier, den wir von der United Beat Organisation kennen und der Jockels Sohn sein könnte, spielt eine wunderbare Mundharmonika. Legt sich mächtig ins Zeug der Junge. Zeigt, dass er den Altvorderen nicht nachsteht. Michael Strauss an der Orgel vertritt den letztes Jahr Werner Krabbeverstorbenen Ulli Grün würdig. Ein bisschen zu bescheiden im Hintergrund bleibt er. Seine groovende Hammondriffs bei „Come On ChildrenOlivier, Michael Strausszum Beispiel sind großartig. Wolfgang Seidel am Schlagwerk wirkt ein bisschen so wie Bill Wyman bei den Stones. Einer, der daneben steht, seinen Job macht, sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. Er hat vielleicht nicht den kräftigen Bumms von Heinz Hoff, dem leider viel zu früh verstorbenen Drummer der Boots. Aber Seidel, der übrigens zur Ur-Besetzung von Ton Steine Scherben gehörte, gibt dem Beat seine eigene mitunter swingende Note. Bei ein paar Nummern spielt auch noch Boogie Pianist Ron aus Hamburg mit. Karl-Heinz Hoff (Kalle) und Ulli Grün werden jeder mit einer deutsch gesungenen Hommage bedacht. Die einzigen selbst verfassten Songs im Programm sind das. Sonst hören wir nur altbekannte Live-Klassiker der Boots, aber auch einige eher unbekannte Bob Dylan Songs. Jockel ist großer Fan des Meisters.

Es ist schon lange nach Mitternacht und weit im zweiten Set. Wo bleibt eigentlich Werner? – Werner Krabbe, Sänger der Boots in ihrer erfolgreichsten Zeit, sollte doch auch dabei sein. Und da ist er plötzlich. Ganz im schwarz mit schwarzem Hut und grauem Bärtchen. Und nun ist kein halten mehr! Werner zelebriert sich und die Show! – „Remember Walking In The Sand“, ein Song, den kein anderer so gefühlvoll singt! „soooftlysoooftly  – Wind, Meeresrauschen – schöön! „Boogie Children“, fast sechs Minuten, geile Gitarrenlicks! Und wieder „WernerWernerWerner!“ Und dann kommt der Höhepunkt: Djschie-äll-oh-arr-ai-eijGlooriaa! Fast der ganze Saal grölt mit! Jockel packt die Fantaflasche aus und spielt das berühmte Slide-Solo. Nach über zwei Stunden Live-Musik wanken wir glücklich in die kühle Nacht hinaus. Es gibt noch eine After-Show-Party. Aber zehn Weizenbier sind genug für heute.

Boots Fotos: Klaus-Dieter Götze

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