
Die Kurzen (Singles, EP) Longplay (LP, CD) Re-Issues Live Gigs Fanzines Unsigned Talent Album des Monats News Links
Konzertrückblick
Am letzten Sonnabend im
Mai, also am 31.5.08, feierte eine Berliner Institution 25-jähriges Jubiläum.
Die Rede ist vom Schallplattengeschäft „Mr. Dead & Mrs. Free“, das seit
1983 in der Schöneberger Bülowstr. 5 unweit des Nollendorfplatzes in einem
hässlichen Neubau neben einem Getränke Spätkauf residiert. Der Laden ist klein,
40 qm
schätze ich.
Und doch findet man dort die wichtigsten Neuerscheinungen und Re-Issues aus den
Bereichen Americana, Britpop, Alternativ und Independent Pop und Rock, nebst
Klassikern aus Blues, Country, Jazz und Rock’n’roll. Zum größeren Teil auf Vinyl,
aber auch CDs und DVDs und eine Vielzahl an Periodika zum Thema Musik in
englischer und in deutscher Sprache. Und was das wohl wichtigste ist, es ist so
ziemlich der einzige Laden in der Stadt mit regelmäßigem UK Import und einem
großen Angebot an aktuellen 7“ 45s! Das möchte man trotz Internet und den dort
vertretenen zahlreichen Spezial Mail Ordern nicht missen. Ina Rüberg und Volker
Quante zogen damals aus dem Ruhrpott nach Berlin und wurden hier sesshaft. Ina
zog sich später aus familiären Gründen für etliche Jahre zurück aus dem
Geschäft, und Tim Schneck kam ins Boot. Heute betreiben sie zu dritt den Laden.
Tim ist auch noch Teil des Karrera Clubs, und so stand der Ort für die
Jubiläumsfeier auch schnell fest.
Im Kreuzberger Lido, dem
Stammsitz des Karrera Club und übrigens auch EM Übertragungshauptquartier in
den kommenden Wochen, wurde mit Freunden, Gästen und interessiertem Publikum
gefeiert. Les Hommes Sauvages, die Band des früheren Goldenen Vampirs
und zeitweiligen
Solo Künstlers
Justice Hahn, eröffnete den Abend eher verhalten mit einem kurzen fast
besinnlichen Set. Der Zuschauerraum war erst halb gefüllt. Einige Leute zogen
es auch vor, im offenen Innenhof die frische Luft oder ein Tabakprodukt zu
genießen und sich zu unterhalten. Die folgende Band war extra aus England
angereist, um dem Laden die Ehre zu erweisen, der die meisten ihrer Tonträger
verkauft. Palm Springs zählen zu den vielen neueren und/oder jüngeren
britischen Bands, die ihr Schicksal weitgehend in die eigenen Hände nehmen und
ohne die Unterstützung von Verlagen oder Plattenfirmen ihre Musik produzieren
und veröffentlichen. Ihre Promotion läuft dann weitgehend über das Internet und
Mund-zu-Mund Propaganda. Durch den Einsatz des Kollegen Wolfgang Doebeling, der
die Platten von Palm Springs immer wieder lobt und im Rundfunk spielt und damit
eine zumindest kleine Kettenreaktion hervorrief wurden die Singles und das
Debütalbum der Band zu Bestsellern bei Dead & Free“. Palm Springs traten in
voller Besetzung auf mit Gitarre, Bass, Schlagzeug (das überwiegend mit
gepolsterten Trommelstöcken sachte behandelt wurde), Keyboards und einem Cello.
Sie sind wohl auch nicht unbedingt die geborene Live Band und brauchten ein
bisschen Zeit, um sich einzugrooven. Aber ihre Musik ist sehr atmosphärisch
schön und eigentlich genau das richtige für einen lauen
Sommerabend zum andächtig lauschen und sich fallen
lassen. Als so ziemlich einzige uptempo Nummer spielten sie ihre letzte Single
„I Start Fires“, die auch gleich freudige Erregung vor der Bühne hervorrief.
Ihr letzter Song war ein neuer, der die Spannung auf das kommende zweite Album
erhöht. Nachdem sich der größte Teil des Publikums wieder im Innenhof erfrischt
hatte, bat Ina erneut herein zum Auftritt der einen Hälfte von Travis,
die ja in ihrer britischen Heimat zu den erfolgreichsten Bands der letzten zehn
Jahre gehören. Andy Dunlop an der elektrischen Gitarre und Fran Healy
mit Akustikklampfe und seinen Stimmbändern bewehrt lieferten eine bunten
Strauss von Melodien, die allesamt Hits im UK waren und auch dem Radio Eins
Hörer in Berlin bestens vertraut sind. Frannie lebt ja mit seiner deutschen
Frau neuerdings hier, insofern war die Anreise für ihn nicht weit. Jedem
anderen hätte das Berliner Publikum wohl die ständig verstimmte Gitarre und die
daraus resultierenden Verzögerungen kaum nachgesehen, aber Frannie ist ein so liebenswerter
Sunnyboy, der so wortreich und
beinahe unbeholfen mit seinen Fans kommuniziert, dass
der Auftritt der beiden keine Sekunde langweilig oder kritikwürdig schien. Bei
Ray Davies’ „Lola“ erwies sich Frannie dann auch noch als nicht wirklich
textsicher, aber auch das wurde gnädig
überhört und
mit begeistertem Beifall und Mitsingen honoriert. Schließlich riss eine Saite
vollends und die zigarrenkistenförmige Ersatzgitarre widerstand allen
Stimmversuchen vor vornherein. Macht nichts. Es hat Spaß gemacht, und auch Fran
und Andy spielten einen neuen „Song To Self“ und Fran kündigte das Erscheinen
eines neuen rein analog aufgenommenen Albums an. Was mich allerdings doch etwas
wunderte, ist die Tatsache, dass eine Hälfte von Travis, die ja hier in Berlin
sonst die Columbiahalle problemlos füllen, nicht mal das Lido richtig
ausverkauft. Während die Freunde der eher leiseren Töne nun wieder im Innenhof
Erfrischung suchten, lieferten Les Hommes Sauvages einen zweiten rockigen Set
ab, der im Gastauftritt des Die Ärzte Drummers Bela B. gipfelte. Bela
brachte zwei Songs von Lee Hazelwood zu Gehör, mit dem er ja noch kurz vor
dessen Tod zusammengearbeitet hatte. Und ganz der versierte Showman war es dann
auch Bela, der die Jubilare auf die Bühne holte und sie gebührend feierte. In
den Umbaupausen sorgte übrigens Mister Wolfgang Doebeling höchstpersönlich für
musikalische Unterhaltung von den Plattentellern. Viel Fifties Rock’n’Roll und
Artverwandtes war da zu hören. Nach Ein Uhr morgens fand dann ein Publikumswechsel
statt und die Party ging in die übliche Karrera Club Disco Nacht über.
Am 1. Februar 2008 gab es im Festsaal Kreuzberg am
Kottbusser Tor gleich drei Bands zu besichtigen. Los ging’s wie gewohnt spät.
So gegen 22 Uhr 40 entern Les Hommes Sauvages aus Berlin die Bühne. Die
Band um Kristof Hahn und Viola Limpet ist ja fast schon eine Art Berliner
Institution. Gerade haben sie mit „Trafic“ ein zweites Album veröffentlicht,
das ich leider noch nicht kenne. Aber auf der Bühne sind sie sowieso immer
hörenswert. Viola kann aus gesundheitlichen Gründen immer noch nicht wieder
dabei sein. Dafür hat Kristof die Band mit drei neuen Musikern verstärkt. Zwei
Keyboarder spielen jetzt mit- und gegeneinander. Der Mann am Electric
Piano ist
für mich ein unbeschriebenes Blatt, aber Michael Strauss an der Orgel kennen
wir von Dunkelrot und vom schon wieder legendären Gig der Boots im Quasimodo.
Der Bass wird bei den wilden Männern jetzt von Stephan Schulz (The What...For!)
gezupft und geschlagen. Insgesamt wirkt der Sound der Band nun kompakter, roher
und druckvoller. Aber die Atmosphäre dieses eigentümlichen Stilmixes von
Dekadenz, New Wave und Post Rock geht dennoch nicht verloren. Sehr schön. Die
nächste Combo ist kurzfristig ins Line-Up des Abends vorgestoßen. Singapore
Sling stammen eigentlich aus Island, leben jedoch zur Zeit eher in Berlin
und versuchen von hier aus, die nähere und weitere Umgebung zu bespielen.
Optisch beeindrucken vor allem der sehr große und sehr dünne Gitarrist und
Sänger, ganz in schwarz, sowie die ebenfalls relativ große und schlanke
Bassistin in schwarzem Ledermantel und hochhackigen Stiefeln, die nur selten
unter ihrem schwarzen Pony hervorschaut. Der wie ein Berserker arbeitende
Drummer ist kaum zu sehen hinter seinen Trommeln und der zweite Gitarrist,
blond und im Ringelpulli, wirkt wie von einer anderen Kapelle ausgeliehen. Ein
ständig an seinem Cocktailglas nuckelnder Tamburinspieler vervollständigt das Bild. Ansagen
werden so gut wie keine gemacht. Der Sound der Band erinnert stark an The Jesus
& Mary Chain, bleibt aber merkwürdig konturlos und fad. Moabit Peter
versichert mir später, dass er die Band schon besser gehört und gesehen hat.
Schließlich kommen so gegen Null Uhr Dreissig The Flaming Stars auf die
Bühne. Nur zu viert dieses Mal. Ihr Bassist musste sich einer Operation
unterziehen, ist aber wie wir hören bald wieder genesen und voll dabei.
Gitarrist Huck Whitney übernimmt also vorübergehend den Bass und überlässt die
Gitarrenarbeit vollends Mister Mark Hosking. Der Gesamtsound der Band verliert
dadurch nicht unbedingt, wirkt aber doch etwas rauer und spartanischer als
sonst. Max Décharné liefert eine sehr gute, professionelle und zugleich
enthusiastische Performance. Charmant und freundlich führt er durch das
Programm, auch wenn er manchmal einen etwas müden bzw. angestrengten Eindruck
macht. Das trotz BVG Streiks sehr zahlreich erschienene Publikum tanzt
begeistert und fordert mehrere Zugaben, die auch umstandslos gewährt werden.
Wir sitzen später noch in einem Nachtcafé mit der Band zusammen, und Max
erzählt einige Anekdoten sowohl aus London wie aus seiner Berliner Zeit. Hoffen
wir, dass das großartige letzte Album „Born Under A Bad Neon Sign“ doch noch
irgendwann auch auf Vinyl erscheint.
Den folgenden
Konzerteindruck vom 9. Oktober 2007 fand ich im Leser Forum des deutschen
Rolling Stone. Der Bericht von Roland Linde aus Münster erscheint hier
unwesentlich gekürzt. Vielen Dank, Roland!
The great unwanted: Pop kam nach Münster, doch nur ca. 60 Westfalen
folgten seinem süßen Lockruf, unter ihnen auch der Chronist.
Zunächst galt es aber, eine
halbe Stunde lang die ostfriesischen Keane zu überstehen, deren Name mir
entgangen ist. Der keyboardschwangere Sound war an sich ganz gefällig, wenn sie
nur so was wie Songs gehabt hätten und nicht so derart banal gefühlige Lyrik
unterhalb des Juli-Silbermond-Standards absondern würden. Am Schluss wurden wir
sogar aufgefordert, die Worte "Alles - wird - gut" mitzusingen. Da
sie aber mit einer Single debütiert haben, können sie immer noch die beste Band
aller Zeiten werden.
Die Überraschung des Abends war tatsächlich der
Hauptact: Lucky Soul eilt der Ruf des Lieblichen, Zuckersüßen voraus.
"Diese Platten sind so weich, sie zerfließen auf dem Teller" hat
jemand mal geschrieben. Umso erstaunlicher, wie kompakt, laut und mitreißend
die Briten klingen, keinen Lounge Sound, sondern Powerpop bieten. Als ich Ivor
am Merchandise Stand darauf anspreche, dass die Songs live noch viel besser
klingen, sagt er zustimmend: "More energy!"
Der Keyboarder ist
zurückhaltend, Geigen und Bläser vermisst man nicht. Ali Howard ist tatsächlich
eine tolle Sängerin und überraschend präsent, wo sie auf Platte zerbrechlich
klingt. (Und tatsächlich ist sie genauso hübsch und zierlich, wie es Fotos
suggerieren.) Allerdings ist Ali nicht der alleinige Star, ihre beiden
Gitarristen und Backgroundsänger Andrew und Ivor sind ausgesprochen charmante
und gutaussehende Sidekicks. Eigentlich hat diese Band alles für den großen
Erfolg, vor allem bestechend gute Songs. Sie spielen ihr Album fast komplett
und die tolle B-Seite "Give Me Love".
Trotz des übersichtlichen
Publikums waren sie bester Dinge und erläuterten beispielsweise, der nächste
Song hieße "Baby, I'm kaputt". Als Zugabe spielen Lucky Soul - wieder
Überraschung - Echo & The Bunnymens "Killing Moon" im
pulsierenden New Wave-Disco-"Heart Of Glass"-Sound. Die zweite Zugabe
durfte sich das Publikum aussuchen. Es war nicht sehr repertoiresicher, aber
schließlich einigte man sich auf "Add Your Light To Mine".
Fazit: Tolle Band, alle
Vorbehalte vergessen, hingehen! Und gespannt sein auf zukünftige
Veröffentlichungen.
Die Berlin Beat
Explosion #3 ist nun auch schon wieder Geschichte. Zumindest den zweiten
Tag dieses kleinen Berliner Mod Weekenders habe ich mir nicht entgehen lassen.
Das Live Programm begann diesmal erstaunlich pünktlich, so dass ich den Anfang
des Auftritts der Fay Hallam Trinity sogar verpasste, als ich kurz nach
23 Uhr im Lido eintraf. Die Trinity war an diesem Abend ein Quartett.
D.h. Fay Hallam an Orgel und Leadvocals wurde zusätzlich zu ihrer exzellenten
Rhythmusgruppe an Bass und Schlagzeug unterstützt von einem jungen Mann, der
ein Yamaha Keyboardbrett bediente. Soundmäßig ganz ok, optisch aber ziemlich
daneben. Der Auftritt Fay Hallams war alles in allem durchwachsen. Wie es
scheint schreibt sie immer die gleiche Art von Hammond Hymnen, die zwar sehr
schön sind, aber auch von gewisser Gleichförmigkeit in Harmonien und Melodien.
Da kamen ein paar Cover wie z.B. „Nothing But A Heartache“ gerade recht zur Abwechslung.
Nach rund 60 Minuten und zwei
Zugaben wurde die spröde Mod Queen mitsamt ihren
Mannen vom Publikum mit freundlichem aber doch eher verhaltenem Applaus
entlassen. Ich hätte übrigens zu diesem Zeitpunkt schon mehr Zuschauer als die
ca. 200-250 erwartet, die sich im Raum übersichtlich verteilten. Neben vielen
Bekannten, die man bei diesen und ähnlichen Veranstaltungen fast immer trifft,
waren auch sehr viele auswärtige Besucher zugegen. Und vor allem fiel mir auf,
dass da – wie schon bei anderen Mod und Beat Events zuvor –
überdurchschnittlich viele junge und jung gebliebene Mädels in authentischem
oder zumindest Sixties inspiriertem Style zugegen waren, die auch gerne und
reichlich tanzten. Dass auch die Altvorderen Interesse am Nachwuchs haben, bewies
die Anwesenheit von Werner Krabbe (Sänger der legendären Boots), den ich am
Tresen fachsimpelnd antraf, als die Bühne gerade für die nächste Band bereitet
wurde. Diese zweite Band des Abends waren The Jaybirds aus Wien, die ich
vor gut zehn Jahren zuletzt live sah, und die zwischenzeitlich wohl auch schon
mal das Handtuch geworfen hatten. Ihr nach wie vor authentischer weißer R&B
ist inzwischen muskulöser und druckvoller geworden. Sie sind eigentlich eine
ideale Modband. Sowohl optisch als auch musikalisch. TV-Auftritte von The
Creation und sogar The Yardbirds damals in „Beat Beat Beat“ kommen mir in den
Sinn, wenn ich die Jungs auf der Bühne sehe und höre. Aber The Jaybirds spielen
inzwischen gar ihre eigenen Klassiker wie „Going Our Own Ways“. Das Publikum im
Lido gerät zunehmend in Rage. Viele tanzen und shaken, und die Band muss
mehrere Zugaben spielen, bevor sie endlich nach gut 70 Minuten entlassen wird.
Erstaunlicherweise – oder auch nicht, wenn man die Ausgehrituale junger Leute
heute kennt – wird es immer noch voller im Lido. Die Party geht bis in die
frühen Morgenstunden mit wechselnden DJs, die überwiegend gut tanzbare Insider
Platten auflegen. Will sagen, selbst ich kenne nur einen Bruchteil der
gespielten Musik, was dem Spaß und der guten Laune jedoch keinen Abbruch tut.
Eine Woche vorher am 8.
September 2007 erfreute uns eine ganz andere Art von Sixties Revival Band. The
Hardbeat Five spielten im Rickenbacker’s
Inn in Wilmersdorf zum Tanz auf. Im Prinzip handelt es
sich hier um eine so genannte „Oldie Band“. Aber nicht vorschnell die Nase
rümpfen. Diese Kapelle ist keine dieser üblichen Bierhaus Combos, die zum
Schunkeln und Mitgröhlen alles spielen, was verlangt wird, von den Beatles bis
zu Roland Kaiser. Bei The Hardbeat Five sind echte Fans von Sixties Beat
zugange. Und zumindest Pit Mischke, der eine Gitarrist, hat wohl auch die 60er
bereits bewusst musikalisch miterlebt damals. Bei den anderen bin ich mir da
nicht so sicher. Auf jeden Fall sind sie alle exzellente Musiker, die auch noch
in anderen Formationen spielen und damit wohl zum großen Teil ihren
Lebensunterhalt bestreiten. Ok, auf dem Mod Weekender im Lido wären The
Hardbeat Five eher argwöhnisch beäugt worden. Ist ihr Outfit doch eher so eine
Mischung aus Beat, Flower Power und Glamrock Styles. Aber gegen ihre
großartigen Interpretationen von „I’m A Boy“, „Substitute“, „The Last Time“ und
vielen anderen Klassikern bis hin zu „Satisfaction“ hätten auch Mod Puristen
nichts einwenden können. Insofern finde ich denn auch den Begriff Coverband
angemessener. Sie covern die Hits der Sixties, und ihre Auswahl ist dabei so
geschmackssicher wie zum Teil überraschend, wenn wir neben einer unglaublichen
durch Improvisationen veredelten Version von „Eight Miles
High“ auch ein
fröhliches und authentisches „Poupée de cire, poupée de son“ geboten bekommen.
Gaby Mehlitz übernimmt dafür neben dem prägnanten Bassspiel auch mal die
Leadvocals. Ansonsten gibt Tom Thiede den sehr sympathischen und kompetenten
Frontmann am Mikrofon, der seinen Roger Daltrey oder Mick Jagger so gut drauf
hat, dass man mit geschlossenen Augen sofort die Zeitreise antritt. LeeMan
spielt meist die etwas schwierigeren Soli auf der Gitarre und gibt uns auch mal
den Pete Townshend mit dem Windmühlenarm. Vom soliden Rückgrat der Band auf dem
Schlagzeughocker ist meist nicht viel zu sehen. Aber bei den Verbeugungen vor
dem nicht enden wollenden Zugabenteil strahlt der blond gelockte Karl Konermann
wie ein Honigkuchenpferd. Drei Sets spielt die Band, und das restlos
begeisterte Publikum – großteils die Teenager von 1962 bis 69 – kommt ganz
schön ins Schwitzen beim Tanzen vor der kleinen Bühne.
Am 6. September 2007 traten
am gleichen Ort bereits zum zweiten Mal The Weirdo Stompers auf. Ihre
Mischung aus Big Beat Nummern aus dem Repertoire der DDR und Ostblock Kapellen
der 60er Jahre, sowie international bekannten Surf und Instrumental Klassikern
von „Hawaii 5-0“ über „Apache“ bis zu „Green Onions“, gut gemixt mit eigenen
Kompositionen vermag immer wieder zu begeistern. Positiv fiel auf, dass
Professor Doktor Friebe an der linken Sologitarre inzwischen sein persönliches
Repertoire an verfrickelten und schnellen Solopartien trefflich aus-gebaut hat.
Aber auch Mastermind Sandy Hobbs weiß immer wieder aufs Neue zu überzeugen mit
Wimmerhaken und glasklaren Glissandi. Joe Nailey am Bass ist nach wie vor
optisch am überzeugendsten und musikalisch zuverlässig wie ein Metronom. Herbie
an der Schießbude trommelt sich solide durchs Repertoire und verzieht dabei
selten eine Miene. Da die Combo nun schon seit etlichen Jahren ihr stetig
wachsendes Programm auf den Bühnen Berlins zum Vortrage bringt, haben ein paar
ungeduldige Fans mittels Transparenten diesmal das Erscheinen eines Tonträgers
der Weirdo Stompers angemahnt. Wir sind gespannt, ob das die Band nun antreibt,
endlich mal wenigstens eine EP zu veröffentlichen.
Während der British Music Week war ja so Mancher jeden Abend
in irgendeinem Club, um irgendeine junge britische Band zu erleben. Und ich
muss zugeben, die eine oder andere hätte mich auch noch gereizt. Allein, ich
hatte nur Zeit am Dienstag, 24. April 2007. Und so begab ich mich in den Magnet
Club, um wenigstens zwei Brit-Bands zu sehen, eine gehypte und eine weniger
bekannte. Die Voom Blooms sind ein Quartett aus der Kleinstadt Loughborough
im Herzen Englands. Alle vier wahrscheinlich noch keine Zwanzig gehen sie mit
viel Aplomb und Eifer zu Werke. Spielen können sie auf jeden Fall. Sehr
britisch klingen sie. Jedoch auch noch ein bisschen unfertig. Ihre ersten
beiden Singles sind recht hörenswert und werden natürlich auch live gespielt.
Der Rest des halbstündigen Sets, so ist zu vermuten, präsentiert die aktuelle
EP, die gerade erst erschienen ist. Alles übrigens von der Band in Eigenregie
gemanagt. Ohne Label und auch erst seit kurzem mit Vertrieb. Warum kriegen
deutsche Bands in dem Alter so was eigentlich nie hin? Aber deutsche Bands in
diesem Alter, die so vielversprechenden Punk Pop spielen, gibt es ja eh nicht.

Die zweite Band des Abends
wird seit einem guten halben Jahr in der britischen Musikpresse gehypt, wie das
eben nur dort möglich ist. The Horrors versuchen schon mal mit ihrem
Äußeren ihrem Namen alle Ehre zu machen. Selten hab’ ich eine hässlichere Band
auf einer Bühne gesehen. Spindeldürr alle fünf, ganz in schwarz gewandet. Der
Sänger ist dazu einen Kopf größer als der Rest und wirkt wie eine Vogelscheuche
aus einem Stephen King Roman. Singen kann er eigentlich nicht. Dafür bellt,
kreischt und grölt er ganz hübsch. Und er macht gerne mal Ausflüge ins
Publikum. Teils zu Fuß, teils auf den Armen der Zuschauer balancierend. Die
Band ist laut. Zu laut, um es genauer zu sagen. Mir singen noch Stunden später
die Ohren, und ich verstehe kaum, was mir Moabit Peter kurz nach dem Gig ins
Ohr brüllt. Er fand’s klasse. So viel hab ich mitbekommen. Ich bin etwas
zwiespältig. Also Attitüde, Performance, und so, das ist schon ok. Die Musik
hat mir aber letztlich zu wenig Substanz. Die Songs sind nicht prägnant genug.
Und mit ihrer Lautstärke und diesem brachialen Sound machen die Jungs leider
die paar guten Ansätze, die man auf den Singles hört, zunichte. Es war aber
insgesamt ein unterhaltsamer Abend. Bin gespannt, wie lange der Hype hält und
wann die Band anfängt, ernsthaft Musik zu machen.
Wenigstens einen kurzen
Eindruck vom 10. November im Lovelite möchte ich vermitteln. Ich war natürlich
wieder viel zu früh dort. Um 22 Uhr ist eben gerade Einlass, aber die hippen
jungen Leute kommen selten vor Mitternacht. Erstaunt war ich mal wieder, wer
mich alten Sack alles so kennt. Einer der Betreiber des Lovelite sprach mich
mit Namen an, obwohl ich hätte schwören können, den jungen Mann nie zuvor
gesehen zu haben. Und der Manager der Cheeks outete sich als früherer
Twang-Tone Kunde, dessen musikalischen Werdegang ich maßgeblich mitgeprägt hätte.
Schön war es auch, mal mit Marc Forrest zu plaudern, der nun auch schon seit
Jahren seine legendären Northern Soul Allnighter unter dem Namen „Hip City Soul
Club“ veranstaltet. Zwar konnte mir Marc in der knappen halben Stunde auch
nicht endgültig erklären, was nun eigentlich der ultimative Northern Soul ist,
aber ich werde seinen nächsten Allnighter am 6. Januar besuchen, habe ich mir
fest vorgenommen. Bevor weit nach Mitternacht die erste Band spielte, legte Mr.
Blowfish etliche großartige 7“45s aus den Bereichen Freakbeat, Psych Pop und
Garage Beat auf. U.a. hörte man The Vogue mit „Frozen Seas of Io“
und The Times’ „Red With Purple Flashes“!
The Cheeks standen dann als erste auf der kleinen Bühne des Lovelite. Blowfish,
der die Band zuvor gar nicht kannte und sie nur auf Bitten des Lovelite mit ins
Programm nahm, zeigte sich verblüfft und begeistert! „Das erinnert mich an die
besten Zeiten mit den Flamin’ Groovies und The Barracudas!“ entfuhr es ihm. Und
tatsächlich spielten The Cheeks allerfeinsten leicht psychedelisierten Power
Pop mit jeder Menge phantastischer Hooks, einprägsamer Riffs und betörender
Melodien. Neben The Choir und The Left Banke coverten sie auch Paul Collins
Beat und bewiesen so nicht nur exzellente Repertoire Kenntnis sondern auch
exquisiten Geschmack. Dabei sind diese Cover wirklich vor allem als Hommage an
die Bands zu verstehen. Denn die eigenen Songs der Cheeks sind großartig genug
für ein abendfüllendes Programm. Ihr Vortrag und ihre Bühnenpräsenz sehr
professionell und mitreißend. Der Garage Beat der Higher State danach
wirkte dagegen fast ein bisschen eindimensional. Allerdings kamen auch die
Briten sehr schnell in Fahrt und spielten im zweiten Teil ihres Sets zunehmend
psychedelischer und berauschender. Auch sie zollten einigen Vorbildern Tribut. Neben „Seven And Seven Is“ (Love) kamen The Thirteenth Floor Elevators
zu Ehren. Die
jungen und vor allem die weiblichen Fans gerieten zusehends aus dem Häuschen
und tanzten wie verrückt. Ein gelungener Abend! – Eigentlich ja eher eine
Nacht. Mit beiden Bands konnte ich mich nachher noch sehr ergiebig im Backstage
unterhalten. Gegen 5 Uhr früh war ich zuhause.
Am ersten August Wochenende trafen wir in unserem
alljährlichen Ferien Domizil in Kalajoki, 10.000 Seelen Gemeinde im Nordwesten
Finnlands, ein. Und just an jenem Sonnabend fand dort ein kleines lokales Open
Air Festival statt. Natürlich wollten wir uns das nicht entgehen lassen. Wir,
das waren in diesem Fall meine Frau Päivi, ihre Schwester mit Familie, ihr
Bruder mit Familie, unser Sohn Timo und meine Wenigkeit. Dass die Veranstaltung
„umsonst und draußen“ war, entlastete unsere Urlaubskasse, aber die
Einheimischen schien das eher abzuschrecken. Vielleicht lag es aber auch der
Nachmittagshitze oder am fehlenden Bierausschank. Jedenfalls waren in der
Mehrzahl Kinder und Jugendliche
unter 18
sowie Angehörige der auftretenden Kapellen erschienen. Die erste Band, die
unserer Aufmerksamkeit teilhaftig wird, ist eine Seventies Coverband. Die
Palette reicht von Funk bis Abba. Die jungen Musiker recht versiert, die
Sängerin scheint – ihrem Outfit nach zu urteilen – aus einer Nachtbar St.
Petersburgs entwischt zu sein. Ihre Stimme übrigens kraftvoll und tadellos. Die
nächste Combo mit Namen Jeavestone kann sogar ein Album vorweisen und
war in diesem Jahr auch beim Burg Herzberg Festival im Hessischen zu Gast. Rock
aus Kalajoki ist also durchaus international. Stilistisch zwischen Hard- und
Progrock mit einen sehr kräftigen und präzisen Drummer und einem langhaarigen
jungen Gitarristen, der ein bisschen zu selbstverliebt scheint. Danach spielt
eine Altherren Blues Band, deren Keyboarder wohl mal mit meiner Schwägerin
liiert war, was zu kurzer aber eher unspektakulärer Wiedersehensfreude auf
beiden Seiten nach dem Gig hinter der Bühne führt. Die Band wirkt ebenso
unspektakulär. Dann erscheint wieder die Blonde aus der Nachtbar auf der Bühne.
Ihre Begleitband, die sich zum Teil auch aus anderen Combos der Gegend
rekrutiert, nennt sich Nare (der Name hat keine tiefere Bedeutung,
soweit ich weiß). Wie es klingt, kann sich das Orchester nicht so recht
zwischen Catatonia informiertem Pop und Prog infiziertem Rock entscheiden.
Gesungen wird zum ersten Mal an diesem Tag Finnisch. Es folgt die
Hauptattraktion des Festes, für mich zumindest. Der Drummer und der Rhythmus
Gitarrist sind uns bereits von Jeavestone vertraut, dazu kommt ein Bassist und
ein dunkel gelockter junger Mann mit offenem Holzfällerhemd und akustischer
Gitarre, der dann auch ans Mikrofon tritt. Überwiegend werden Songs von Neil Young
intoniert. Undzwar aus seiner Zeit mit Buffalo Springfield wie aus späteren
Jahrzehnten. Sound Of North heißt die Band, und auf ihrer selbst
produzierten EP sind ausschließlich eigene Werke zu hören, die zwar in Stil und
Arrangement der Live Darbietung nicht nachstehen, im Songwriting aber noch
ausbaufähig sind. Eine brandneue Single mit den Tracks „Midnight Dancer“ und
„Liar’s Eyes“ überzeugt noch mehr. Leider gibt es beide Platten nur in
digitalem Format. Die folgende zwischen Techno und finnischem Hip Hop
changierende Darbietung schenken wir uns. Und auch die beiden Metal Bands, die
den Abend beschließen, hören wir nur aus der Ferne, während wir in der
örtlichen Pizzeria australisches Foster’s Bier vom Fass zu uns nehmen. Die
Bands findet man unter www.jeavestone.com
und unter www.soundofnorth.com.
Am Freitag, dem 21. Juli 2006, war es endlich soweit. Die
größte Rock’n’Roll Band der Welt gab sich mal wieder die Ehre. Was hatte das
für Diskussionen gegeben im Vorfeld. Sollen alte Männer noch den Kasper geben
auf der Bühne? Ist das denn noch glaubwürdig? Und überhaupt, die Preise sind
viel zu hoch.
Nun ja, der Vorverkauf lief wohl eher schleppend. Und die
Leipziger Fans wurden nach Berlin umdirigiert. Aber nachdem die völlig
farblose, nichtssagende Vorband Feeder
sich
verabschiedet hatte, war das Stadion doch zu fast 80% gefüllt. Selbst im
Oberring gab es nur noch wenige graue Flächen, die das blanke Plastikgestühl
erkennen ließen. Viele kahle oder leicht ergraute Häupter waren zu sehen. Unter
25 waren nur Catering Hilfskräfte oder die im Schlepptau von Mama und Papa
Gekommenen. Und dann geht’s los. Kawumm! Das unvergleichliche Riff von „Jumping
Jack Flash“ erschallt im Rund. Mick stürmt auf die Bühne mit wehenden
Rockschößen wie immer. Es geht Schlag auf Schlag. Auch drei Songs von aktuellen
Album „A Bigger Bang“ kommen zur Aufführung. Eigentlich bin ich ohne große
Erwartungen hingegangen zu den Stones. Schon deshalb, weil dieses Mal wirklich
das letzte sein könnte. Umso mehr bin ich überrascht und hocherfreut, dass sie
mich wieder gekriegt haben. Dass die Magie immer noch funktioniert. Dass ich am
Ende erschöpft und glücklich mitsinge, mitswinge, kaum genug bekommen kann.
Höhepunkte, oder sagen wir schönste Momente der Show, gibt es einige. Da ist
zunächst „Sway“ vom Album „Sticky Fingers“, das sie zum ersten Mal hier live
spielen. Ronnie spielt ein großartiges anrührendes Solo auf der Slidegitarre.
Dann die Hommage an Ray Charles „The Night Time Is The Right Time” mit der
wunderbaren Lisa Fisher als zweiter Leadstimme. Keefs Solonummern „Before They
Make Me Run“ und „Slipping Away“ überzeugen auch den letzten Zweifler, dass er
wieder auf der Höhe seine Kräfte ist. Aus dem hinteren Innenraum winkt ihm eine
riesige Plastikpalme
freundlich
zu. Keef lächelt verschmitzt. Irgendwie sieht er längst aus wie eine alte
Squaw. Das rote Stirnband und der wirr vom Hinterkopf abstehende Schopf
unterstreichen diesen Eindruck noch. Zu den pumpenden Disco Klängen von „Miss
You“ fährt die kleine B-Stage in die Mitte des Stadionrunds. Mick und Keef und
Charlie und Ronnie hautnah. Fast jedenfalls. „Sympathy For The Devil“ ist immer
dabei und immer ein Highlight. Genauso
wie „Paint It Black“. Charlie spielt ganz locker aus dem Handgelenk. Als
ginge ihn das alles eigentlich gar nichts an, so wirkt er. Und Mick ist
unermüdlich. Kurz vor seinem 63. Geburtstag läuft und tanzt er über die
Laufstege wie ein 20-Jähriger. Waschbrettbauch und kein Flattern in der Stimme,
obwohl er singt während er rennt. Nur in der Großaufnahme der Videowand sieht
man, dass seine Oberarme schon eine gewisse Schlaffheit zeigen. Von den
Gesichtsfalten reden wir gar nicht. Als Zugabe erklingt „You Can’t Always Get
What You Want“ und schließlich das unvermeidliche „Satisfaction“. Es ist wie
gesagt ganz große Klasse, wie sie einen immer wieder kriegen. Keine Spur von
Peinlichkeit. Wenn ihre Gesundheit mitspielt, werden die noch in zehn Jahren
auf der Bühne stehen. Vielleicht nicht mehr in Stadien. Aber das wäre auch
nicht das Schlimmste. Die Stones im Quasimodo oder in der Kalkscheune. Das
wär’s doch mal. – Nö? – Man wird doch wohl mal träumen dürfen.
Am folgenden
Tag, dem Sonnabend 22. August, beginnt das kleine „Monsters of Humppa” Festival
bereits um 16 Uhr. Die brütende Hitze hat wohl so Manchen zögern lassen, den
Weg auf die Insel der Jugend anzutreten. Dabei ist der Ort unter schattigen
Kiefern und inmitten der kühlen Fluten der Spree ideal für ein Open Air
Konzert. Auch bei 35 Grad im Schatten, die hier nur noch gefühlte 28 sind.
Höchstens. Als die Jolly Jumpers die kleine Bühne entern, versammelt
sich nur eine kleine Schar Interessierter davor. Die meiste Leute, die schon da
sind, sitzen im Biergarten oder am Ufer und lassen Beine und Seele baumeln.
Aber mit fortschreitendem Konzert recken sich einige Köpfe mehr Richtung Bühne.
Und der Applaus nimmt etwas zu. Die Jolly Jumpers gehören eigentlich zu den
Veteranen der finnischen Rock Szene. Seit 1984 spielen sie in fast
unveränderter Besetzung rootsigen Rock’n’Roll. Eindringlich und leise, vehement
und hypnotisch. Die Assoziationen reichen von Texas bis New Orleans, von
Finn-Folk zu archaischem Blues. Und Humor haben sie auch wie man an ihren
Trinksprüchen hört: „hölkyn kölkyn!“ eigentlich „hölökyn kölökyn!“, ruft uns
Petri Hannus, der ansonsten recht wortkarge Sänger und Gitarrist zu. Und dass
diese im richtigen Leben als Landwirt oder Waldarbeiter, aber auch als
Biochemiker und Computertechniker schaffenden Familienväter den einen oder
anderen Becher vertragen, habe ich zahlreiche Male austesten dürfen.
Bei der zweiten Formation des Nachmittags trotten schon ein
paar mehr Gestalten vor die Bühne. Das Duo La Sega Del Canto ist den
einen oder anderen noch vom vorletzten Jahr in Erinnerung, als der ältere der
beiden Musiker und Schauspieler während des Auftritts der folgenden Band neben
dem Schlagzeug seinen Rausch ausschlief. Auch diesmal überzeugt der originelle
und unterhaltsame Vortrag. Dass eine Säge ähnlich wie eine Geige klingen kann,
ist ja schon eine für Viele neue Erkenntnis. Aber die unorthodoxe und im Rahmen
eines Rock Festivals eher exotische Performance der beiden Musiker tut ein
Übriges. Begleitet von einer Pump Organ trägt die Säge Werke der klassischen
Musik ebenso wie Volkslieder vor. Und zum Finale wird „The Final Countdown“ auf
Säge und Blockflöte gegeben. Bizarr!
Natürlich sind die meisten der rund 600 Besucher wegen der
Hauptband gekommen. Und Eläkeläiset (die Pensionäre) enttäuschen ihre
Fans auch dieses Mal nicht. Es ist immer wieder ein Bild für Götter, wenn
Punks, Metal Fans, Gruftis und Alternative, zumeist in Humppa T-Shirts oder mit
Humppa BaseCaps versehen, wild auf und ab hüpfen und Texte gröhlen, von denen
sie nicht ein Wort verstehen. Für nicht Eingeweihte: die Finnen spielen
internationale Hits im Humppa Stil. Das ist eine mit Akkordeon, Bass und Drums
sowie Schweineorgel vorgetragene der Polka ähnliche Tanzmusik. Gesungen wird in
Finnisch. Bei „Love Will Tear Us Apart“ erreichen es die Rentner wieder, dass
sich alle auf den Boden setzen. Und als Zugabe gibt es auch hier
„Satisfaction“! – „En saa millään humppatuksi!“ Auf Platte gibt es das übrigens
leider nicht. Da waren Mick und Keith dagegen. Also muss man im nächsten Jahr
wieder auf die Insel kommen zum „Monsters of Humppa“!
Voll war’s ja nicht gerade in der Kalkscheune am
Pfingstmontag (5.6.06). Karneval der Kulturen, andere Konzerte und der folgende
Werktag nach überlangem Wochenende sorgten dafür, dass der Halbkreis vor der
Bühne mit ca. 50-60 Leuten überschaubar blieb. Allen die nicht da waren kann
ich versichern: „Ihr habt was verpasst!“ Goodnight Monsters, eigentlich
ein Duo aus Turku, dessen Debüt mein Album des Monats Dezember war (GG114), traten zu viert als
solide Band an. Die britische C86 Szene können sie schon aufgrund ihres Alters
(20-25 Jahre) nicht bewusst selbst erlebt haben. Daher sind ihre Vorbilder und
Einflüsse vermutlich nur mittelbar dort zu suchen. Erstaunlich britisch klingen
sie trotzdem. Sehr charmant und selbstbewusst, auch wenn nicht immer alles
stimmt in Tonlage und -abfolge. Ihr erster Song klingt verdammt nach Windy von
The Association, aber ich bin mir nicht sicher, ob die Jungs diese Sixties
Sunshine Pop Gruppe aus Kalifornien überhaupt
kennen.
Zufall also? Bei ihrer Zugabe warten Goodnight Monsters kurioserweise mit einem
Crazy Horse Cover auf. Gitarre bleibt eben Gitarre, und Geschrammel bleibt
Geschrammel. Höchst unterhaltsames Geschrammel natürlich!
The Micragirls sind drei Mädels aus Kuopio in
Ostfinnland. Ihren ersten Berlin
Gig letztes Jahr im Wild At Heart, bei dem sie zwei Keyboards ruinierten, hab
ich leider verpasst. Jetzt ist mir auch klar, warum die Korg und Farfisa Orgeln
ständig in Gefahr sind bei Katariina, so wie sie damit rumfuhrwerkt. Die
Performance der drei Mädels ist unglaublich! Minimaler Trash Beat, spitze
Schreie, dabei ein ungestüme Spielfreude und eine unglaublich sympathische
Ausstrahlung. Kristiina an den Drums kommt ohne Hi-Hat und Becken aus. Mari an
der Rhythmus Gitarre hat die kräftigste Stimme der Drei. Ab und zu spielt sie
sogar so eine Art Solo. Ähnliches hab ich zuletzt in den Anfangstagen der
Lemonbabies gesehen oder noch früher bei Kleenex aus der Schweiz. Drei 7“ EPs
von The Micragirls gibt es. Ein Album ist für den Herbst angekündigt.
Schließlich die Hauptattraktion des Abends (auch wenn Joe
Becker da anderer Ansicht ist), The Others a.k.a. 22PP, die wie
eigentlich immer einen ganz einmaligen Gig abliefern! Was P.K. da aus seinen
Gitarren (Fender, Rickenbacker, Gibson) und aus diesem unscheinbaren und
geheimnisvollen Hall- und Effektgerät an Sounds herausholt, ist der schiere
Wahnsinn. Sein Bruder Asko umtänzelt seine Keyboards und sein riesiges Bass
Kabinett, wiegt sich vor und zurück, windet sich mit dem Bass im Arm wie mit
einer Geliebten und flüstert Beschwörungsformeln während er mit den Händen
entspre-chende Zeichen in die Luft malt. Das wabert, wummert und singt und
summt, als wäre ein Hornissenschwarm in eine Zeitmaschine geraten und nun zu
einem Bruchteil seiner eigentlichen Geschwindigkeit und Tonhöhe verdammt. Espe
trommelt präziser und kraftvoller denn je. Oft greift er zu den gepolsterten gedämpften
Trommelschlegeln oder er trommelt mit den reisgefüllten Maracas. Gemäß ihrer
Ankündigung spielen die drei Musiker nur Cover. Von The Troggs über Link Wray
bis zu Bob Dylan. Ein machtvoll dräuendes „Rumble“ geht über in eine Version
von „Just Like A Woman“, wie ich sie nie zuvor gehört habe, und mutiert
schließlich zu einem gebremsten aber nicht weniger gefährlichen „Strichnyne“.
Aber auch leisere Töne kommen zu ihrem Recht. „Love Hurts“ wirkt so
zerbrechlich und filigran wie es diesem Song gebührt, und P.K.s spröde Stimme
unterstreicht diesen Eindruck sogar noch. Zwei Zugaben kann das begeisterte
Publikum erklatschen. Da spielen die Jungs einen „Swinging Creeper“, der einem
wirklich eine Gänsehaut verschafft. Und zur zweiten Zugabe sind dann die Micragirls
wieder auf der Bühne und singen mit schrillen sich fast überschlagenden Stimmen
ein brachiales umwerfendes „Psycho“ (Sonics) mit.
Man fasst es nicht – Babyshambles
Ich war aufgeregt. Seit Wochen. Mann, war ich aufgeregt.
Gestern schon um 14 Uhr bei 'nem Kumpel gewesen, gemeinsam das Album nochmal
ganz durchgehört und über den möglichen Verlauf des Babyshambles Gigs
spekuliert. Immerhin war Pete in Köln überhaupt nicht aufgetreten und in Berlin
erst um halb zwei Uhr nachts auf die Bühne gewankt. Trotzdem frohen Mutes den
Zug um 17:21 h von Kiel nach Hamburg genommen, man kann ja nie wissen.
Irgendwann gegen kurz vor sieben kam der Zug dann auch
(endlich) an. Ich habe dann ganz ernsthaft überlegt, ob es nicht vielleicht
sinnvoll wäre, vorher in die Große Freiheit zum Konzert von Belle and Sebastian
zu gehen. Pete kommt ja eh nicht vor eins. Wenn überhaupt. Kommt Pete? Diese
Frage entwickelte sich mehr und mehr zum Schlachtruf. Sich eine Karte für ein
Konzert der Babyshambles zu kaufen erinnert ja eigentlich mehr an die Teilnahme
an einer Lotterie. Dann am Grünspan angekommen: noch kein Einlass. Daraufhin
erstmal 'ne halbe Stunde Fußball auf einem zufälligerweise unmittelbar in der
Nähe der Halle liegenden Bolzplatz gespielt. Erkenntnis: Klinsmann sollte mich
mitnehmen.
Einlass. Viertel vor acht. Ungefähr. Wir haben ja Zeit. Pete
kommt eh erst um eins. Wenn überhaupt. Jacke abgegeben, man weiß ja nie. Am
Tresen Bier bestellt. Erste Info: "Pete gibt draußen Autogramme!" -
"Nee!!!" - "Doch!" - "Echt?" - "Ja!".
Er war also tatsächlich in town. Erstaunlich, ist sein neuestes Hobby
doch Flugzeuge verpassen. Um viertel vor acht fängt die Vorgruppe an. Mein
erster Gedanke: "Warum spielen die jetzt schon???". Immerhin würden
die Babyshambles allen Vorahnungen nach auf keinen Fall vor ein Uhr nachts auf
die Bühne kommen. Während die Vorband spielte unterhielt man sich mit den
umstehenden Menschen. Anscheinend waren viele nicht wegen der Musik, sondern
wegen des Events "Pete Doherty" da. Vorgruppe zu Ende. Halb neun. Bier
bestellt. Nochmal auf's Klo gegangen. Wo kann man hier eigentlich sitzen? Egal,
noch geht's ja.
Und dann,
es war gerade mal viertel vor neun, standen sie auf der Bühne. Und Pete auch!
Pete Doherty stand gestern um viertel vor neun in Hamburg auf der Bühne,
spielte, lachte ins Publikum, sah topfit aus und sprach deutsch!!! Die
knüppeldick gefüllte Halle staunte kollektiv. Und eigentlich kam die gesamt
Crowd aus dem Staunen nicht mehr heraus. Den ganzen Abend nicht. Pete Doherty
war glänzend aufgelegt, machte Späße mit dem Publikum, und auch ich bin
euphorisch direkt vor die Bühne zum Volk der Hüpfenden. Photoapparat dabei
gehabt. Zwischen zwei Songs rufe ich zu Pete: "Pete?" -
"Yes" - "Cheese!". Und Pete grinst in mein Objektiv. Die
Band selbst ist ungemein spielfreudig, anscheinend freuen sich seine Kumpels
sehr, live zu spielen. Irgendwann kommt der obligatorische Stagediver von Pete
und jeder freut sich, Pete auch tragen zu dürfen. Und dann spielen die
Babyshambles "Fuck Forever!". Die Halle ist kurz vorm platzen.
Ehrlich. Und Pete freut sich. Und das Publikum freut sich, weil Pete sich
freut. Und so weiter.
Irgendwann während des Gigs - ich glaube die Shambles
spielten gerade "Pipedown" - flog mir die Brille von der Nase. Ich
dachte, das sei wohl mein Opfer für die Kriegskasse. Mitnichten. Meine Brille
lag auf der Bühne! Irgendwer gab sie mir dann und ich konnte wieder sehen. Pete
und seine Jungs spielte ein paar neue Reggae-Nummern die begeistert vom
Publikum aufgenommen wurden und dann war Schluss. Dachte ich. Auf zum Tresen,
völlig durchnässt Biere bestellt. Und dann geben die Shambles doch tatsächlich
noch ein paar Zugaben. Pete mit lustigem Hut und Oberkörper frei. Dann war's
vorbei. Und alle, wirklich alle freuten sich. Was für ein tolles Konzert. Sie
waren wirklich da.
Danke Pete!
Dank auch an Claudius Schnoor aus Kiel für diesen lebhaften
Live Report und das Foto vom
Hamburg Gig der Babyshambles am 12. Mai 2006. Ich hätte ja nicht gedacht, dass
Mister Doherty fähig ist, sich mal am Riemen zu reißen. Zu oft hat er uns das
Gegenteil bewiesen. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge muss ich an
den ersten Berlin Gig der Libertines anno 2002 denken. Vor allem an das
„Interview“, das ich wenige Stunden vorher bei Radio Eins mit Carl und Pete führte.
D.h. eigentlich kam es zu keinem Interview, weil vor allem Pete völlig bedröhnt
war. Auszüge aus dem Mitschnitt werde ich als Bonus auf den nächsten GG Sampler
packen.
Hier noch einen kleinen Nachtrag zum What...For! Re-Union
Konzert am 8. Oktober 2005. Michael Fielitz, der früher bei The Splashbeats
spielte, sandte mir folgenden Kommentar zum Konzert und meinem Review.
„Hallo Mike, danke für Deinen Newsletter - Guitars Galore
lese ich immer wieder gerne! Ich fand das What.. For! - Konzert gerade wegen des
Chaos und der Verspieler so klasse. Kann man eben gerade nicht vergleichen mit
anderen Darbietungen heutzutage. In meinen Augen war es wie früher, wo es
zwischen Perfektionismus und Dilettantentum noch Platz für sympathische
Zwischenstufen gab... Gruss, Michael“
Ich weiß was du meinst, Michael. Aber es gab eben schon
What...For! Gigs, die charismatischer
waren als dieses Jubiläums Konzert. Dieses Mal stand das Partymachen bei
den Musikanten selbst etwas zu sehr im Vordergrund. Dazu kamen technische Unzulänglichkeiten.
Schön war’s dennoch, so viele Leute mal wieder zu treffen. Und es war definitiv
kein vergeudeter Abend.
Vergeudet war auch nicht der Abend des 25. Oktober in der
Arena, auch wenn sich die Einlasskontrollen im strömenden Regen derartig hinzogen,
dass man klatschnass wurde und den ersten Song verpasste, weil der Meister
wieder super pünktlich auf der Bühne stand. Bob Dylan, diesmal mit Predigerhut
am Piano, schien guter Stimmung, nicht unbedingt guter Stimme. Jedenfalls fiel
mir nun zum ersten Mal auf, dass der Mann wohl so was wie einen
Altersstimmbruch hat. Anders kann ich mir die Kiekser und Abrutscher in seinem
Gesang nicht erklären. Ordentlich genuschelt hat er ja schon immer. Die Texte
versteht man also nur, wenn man die Songs kennt. Aber das dürfte für die
meisten Anwesenden kein Problem sein. Viele aus der Ü60 Riege sind da. Der
Durchschnitt im besten reifen Alter wie unsereins. Auffällig aber etliche
hübsche junge Mädels. Es werden da wohl die Songs, die Legende, das Charisma
sein, die ihn attraktiv machen. Die Band in grauen Straßenanzügen. Drei neue
Gitarristen, davon einer an der Slideguitar. Die Rhythmus Section ist dieselbe
wie vor drei Jahren. „Lay Lady Lay“ weckt Erinnerungen an meine erste
Bekanntschaft mit Bob. So romantisch und lieblich wie damals klingt der Song in
der heutigen Interpretation nicht mehr. Ob die Mädels sich angesprochen fühlen?
– „Highway 61“ rockt los wie ZZ Top. Heute mal in verschärfter Fassung. Aber
die Band kann auch anders. Manchmal klingt es wie in einer Bar in New Orleans.
Stell ich mir jedenfalls so vor. Dort war ich noch nicht. Das Schöne an Bob
Dylan und seiner schon seit Jahren währenden Tournee ist, kein Gig ist gleich.
Immer andere Songs. Immer andere Interpretationen. Nach anderthalb Stunden ist Schluss.
Als Zugabe noch eine vom Meister etwas verdaddelte Version von „Like A Rolling
Stone“. Trotzdem brandet Jubel auf, klar. Ist auch völlig in Ordnung. Ganz
zuletzt „Watchtower“. Wild und voodooartig. Fand ich vor drei Jahren aber doch
einen Tick besser. Na dann, bis zum nächsten Mal.
The Weirdo Stompers traten in den letzten vier Wochen
gleich zweimal auf. „Beat ohne Worte“, „Mondo Surf“ oder „Big Beat“, so
kündigen sie ihre sonst eher raren Gigs an. Insider
wissen
natürlich, dass es dabei um Instrumentalmusik im Stil von The Shadows, The
Ventures und ähnlicher großer Meister geht. Allerdings halten The Weirdo
Stompers auch gerne das Erbe nicht ganz so bekannter Ahnen hoch. So intonieren
sie etwa Werke der Sputniks, der Hunters u.a. Filmmusiken spielen in diesem
Zusammenhang auch eine große Rolle. Vom James Bond Theme über Hawaii 5-0 bis zu
Melo-dien aus DEFA Filmklassikern. Natürlich spielen The Weirdo Stompers auch
gern eigene Kompositionen, die bei aller Liebe zu den berühmten Vorbildern doch
eine durchaus eigene Note aufweisen. Ihr Auftritt im „Blauen Affen“ am
Herrmannplatz am 15. Oktober war noch relativ gut besucht. In drei Sets
brachten sie das Publikum nicht nur zum Mitwippen, einige Zuschauer/innen
schwangen sogar das Tanzbein. Am 29.10. in der “Kiste” in Hellersdorf fanden
sich dann leider nur sehr wenige Freunde des Surfsounds ein. Die Band aber war
in Höchstform und präsentierte ein zwar gekürztes aber dafür sehr verschärftes
Programm. Einer von vielen Höhepunkten an beiden Abenden waren die Titel „The
Sultan“ und „Aurora“, die zu Ehren von Neil Young, der am 12. November 60 wird,
aufgeführt wurden. Handelt es sich doch um Neils erste Eigenkompositionen, die
er 1963 mit seiner ersten Band The Squires in seiner kanadischen Heimatstadt
Winnipeg einspielte und als Single rausbrachte. Neil war ja damals ein großer
Verehrer von Hank Marvin und The Shadows. Das färbte na-türlich auf seine
frühen eigenen Versuche ab. Ein Exemplar dieser ersten 7“ von Neil Young mit
The Squires fand kürzlich für über 2000 US Dollar einen neuen Besitzer via
Ebay. War die Auflage doch damals recht gering und die Anzahl erhalten
gebliebener Exemplare noch viel geringer. Ob The Weirdo Stompers die beiden
Titel originalgetreu vortrugen, ist demzufolge auch schwer überprüfbar. Die
Songs sind leider bisher nicht offiziell wieder zugänglich gemacht worden.
Sandy Hobbs, Mastermind der WS, kennt sie auch nur durch ein Bootleg von
lausiger Qualität. Was man live hörte klang aber sehr nach The Shadows. Nicht
das Schlechteste übrigens. Bleibt nur zu hoffen, dass The Weirdo Stompers nach
mittlerweile über 15 Jahren Band Karriere auch mal eine Platte veröffentlichen.
Eine 7“ würde ja reichen für den Anfang.
Tja, nun ist das The What...For! Re-Union Konzert
also auch schon wieder Geschichte. Am 8. Oktober versammelten sich alle übrig
gebliebenen Neo-Mods (na ja, fast alle), Freunde und Verwandte der Band, sowie
ein ganze Reihe Neugierige aller Generationen von Liebhabern elektrisch
verstärkter Beatmusik im Roadrunners’ Paradise. Zum Anheizen war die Fucking
Star Club Band verpflichtet worden, die just in diesem Sommer den Beatles
Band Wettbewerb im Estrel gewann. Leadsänger und Gitarrist Christopher Robinson
wird manchem noch von The Spy bekannt sein. Die vier Jungs machten ihre Sache
gut. Trotz rauem Hals und Erkältung Christophers klappten die mehrstimmigen
Gesänge ganz prima. Die Band ging mit Elan und Aplomb zur Sache. Insgesamt
vielleicht ein bisschen zu brav. Und das typische Star Club Repertoire birgt
natürlich auch keine Überraschungen. The What...For! gingen dann nach 23
Uhr auf die Bühne. „Hold Tight“ ist ein gut gewählter Opener. Und diese relativ
simplen, riffbetonten Beatkracher beherrschen die Herren wohl auch immer noch
am besten. Phillipp Tausch konnte krankheitshalber leider nicht dabei sein,
aber die beiden Gitarristen Martin Küchler und Ecki Riese – die übrigens früher
nie gleichzeitig der Band angehörten – machten ihre Sache gut, wechselten sich
bei den Schweinesoli ab und verpassten beide gleichermaßen gelegentlich ihren
Einsatz. Urs hat sich kaum verändert. Er ist noch immer ein ausgezeichneter
Frontmann und Leadsänger. Leider drang er manchmal nicht laut genug durch.
Weder die Anlage noch der Mann am Mixer sind den Anforderungen des Clubs
gewachsen. Bobo an der Orgel war der ruhende Pol wie schon früher. Aber was für
ein Instrument hatte er da? So ein flaches hässliches womöglich digitales
Elektronikteil geht gar nicht. Stephan
gab den Bandleader zunächst
souverän und jovial. Leider verhielt sich seine Souveränität am Bass und
Mikrofon reziprok zur Menge seines nicht unerheblichen Bierkonsums. Gegen Ende
musste man Befürchten, dass der Mann von der recht hohen Bühne stürzt. Pete an den Drums war gut in Form
und neben dem sehr guten Harmonikaspieler Klotte, den man übrigens am wenigsten
wiedererkannt hat, der beste Musiker des Abends.
Foto:
Klaus-Dieter Götze
Alles in allem muss man sagen, es war ein typischer What...
For! Auftritt. Viel Spaß und Chaos auf der Bühne, ausgelassene Stimmung
unmittelbar vor der Bühne. Skepsis in den hinteren Reihen. Mit einigen
Übungsterminen zusätzlich wären ein paar unnötige Patzer zu verhindern gewesen.
Mit etwas mehr Disziplin auch. Und The Boots wissen schon, warum sie „Gaby“
nicht live spielen. Diese perfekte Pop Art Studio Produktion auf der Bühne
hinzubekommen, dazu gehört einfach mehr als Fantum und der Mut zum
Scheitern. Wirklich gelungen waren
letztlich nur wenige Stücke. Aber bei Songs wie „She’s Gone“, „Bad Night“,
„Pride Of Town“, „I Want It All“ und natürlich „Mach mich an“ bekam man einen
Eindruck, wie gut diese Band in ihren besseren Momenten sein kann. Und was
soll’s. In fünf Jahren treffen wir uns alle wieder zum 25-jährigen
Bühnenjubiläum.

Am 13.10. waren The Duke
Spirit aus London das erste Mal in Berlin. Der Magnet Club
war relativ gut gefüllt aber nicht ausverkauft. Die Band ist halt schon noch
eher Geheimtipp. Nach einer super anstrengenden Support Band, die versuchte
Hawkwind und Nu Metal unter einen Hut zu bringen, deren Name mir aber schon
wieder entfallen ist, stürmen die Fünf jungen Briten so kurz nach 10 auf die
Bühne. „Dark Is Light Enough“, ihre großartige Single vom letzten Jahr, ist der
Opener und fegt im Nu jeden Zweifel an der Klasse der Band beiseite. Unglaubliche
Power und Spielfreude schwappt über die rund 150 Zuhörer hinweg! Liela Moss ist
eine tolle Sängerin, ein Energiebündel! 100% positive Energie versprüht sie,
strahlt, lacht, tanzt und macht Komplimente ans Publikum, die ehrlich und
überzeugend sind. 40 Minuten vergehen wie im Flug. Die Jungs und das Mädel
schalten kaum einmal einen Gang zurück. Schnelle punkige Riffs, keine
aufgesetzten Posen. Nur Druck, vorwärts, weiter, herrliche Melodiefetzen. Und
immer wieder Lielas etwas spröde aber reizende Stimme. Man ist wie betäubt.
Hinterher stehen sie vorn am Merchandisingstand. Geben Autogramme, schwatzen
mit den Fans. Absolut sympathisch und vollkommen natürlich. Tolles Konzert!

Am
Sonnabend – 24.09. – war es endlich soweit. Das erste Konzert der legendären Boots
in ihrer Heimatstadt seit 37 Jahren. Gerammelt voll ist das Quasimodo. Über ne
Stunde haben die Fans draußen angestanden. Durchschnittsalter ist so Mitte 50.
Wie beim Klassentreffen ist das. Die Luft ist Rauch und Bier geschwängert.
Hinterm Tresen kommen sie mit dem Zapfen kaum nach. Um Halbelf geht’s dann los.
Jockel ist supernervös zu Anfang. Aber schon beim zweiten Song wird er sicher. „But You Never Do It Babe“ klingt so wie damals. Scharf schneidet
die halbakustische Gibson. Kraftvoll und akzentfrei Jockels Gesang. Bob spielt
souverän seine Läufe auf dem Fünfsaiter. Er ist der ruhende Pol, der Erfahrene,
der die ganzen Jahre in R&B Bands in seiner Freizeit spielte. Aber mit
jedem Song wird Jockel ebenfalls souveräner. Die Augen leuchten. Sowohl die der
Musiker, wie die der Fans. Olivier, den wir von der United Beat Organisation
kennen und der Jockels Sohn sein könnte, spielt eine wunderbare Mundharmonika.
Legt sich mächtig ins Zeug der Junge. Zeigt, dass er den Altvorderen nicht
nachsteht. Michael Strauss an der Orgel vertritt den letztes Jahr
verstorbenen
Ulli Grün würdig. Ein bisschen zu bescheiden im Hintergrund bleibt er. Seine
groovende Hammondriffs bei „Come On Children“
zum Beispiel sind großartig. Wolfgang Seidel am
Schlagwerk wirkt ein bisschen so wie Bill Wyman bei den Stones. Einer, der
daneben steht, seinen Job macht, sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. Er hat
vielleicht nicht den kräftigen Bumms von Heinz Hoff, dem leider viel zu früh
verstorbenen Drummer der Boots. Aber Seidel, der übrigens zur Ur-Besetzung von
Ton Steine Scherben gehörte, gibt dem Beat seine eigene mitunter swingende
Note. Bei ein paar Nummern spielt auch noch Boogie Pianist Ron aus Hamburg mit.
Karl-Heinz Hoff (Kalle) und Ulli Grün werden jeder mit einer deutsch gesungenen
Hommage bedacht. Die einzigen selbst verfassten Songs im Programm sind das.
Sonst hören wir nur altbekannte Live-Klassiker der Boots, aber auch einige eher
unbekannte Bob Dylan Songs. Jockel ist großer Fan des Meisters.
Es ist
schon lange nach Mitternacht und weit im zweiten Set.
Wo bleibt eigentlich Werner? – Werner Krabbe, Sänger der Boots in ihrer
erfolgreichsten Zeit, sollte doch auch dabei sein. Und da ist er plötzlich.
Ganz im schwarz mit schwarzem Hut und grauem Bärtchen. Und nun ist kein halten
mehr! Werner zelebriert sich und die Show! – „Remember Walking In The Sand“,
ein Song, den kein anderer so gefühlvoll singt! „soooftly – soooftly“ – Wind, Meeresrauschen – schöön!
„Boogie Children“, fast sechs Minuten, geile Gitarrenlicks! Und wieder
„WernerWernerWerner!“ Und dann kommt der Höhepunkt: Djschie-äll-oh-arr-ai-eij –
Glooriaa! Fast der ganze Saal grölt mit! Jockel packt die Fantaflasche aus und
spielt das berühmte Slide-Solo. Nach über zwei Stunden Live-Musik wanken wir
glücklich in die kühle Nacht hinaus. Es gibt noch eine After-Show-Party. Aber
zehn Weizenbier sind genug für heute. Am 10. Dezember spielen The Boots
noch einmal. Im Roadrunner’s Paradise in Prenzlauer Berg.
Boots Fotos:
Klaus-Dieter Götze
Zurück zu Twang! News Singles Longplayer Re-Issues Konzertrückschau Fanzine Reviews Unsigned Talent Links Album des Monats