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Zehn Jahre Nasoni Records
Am Sonnabend, dem 23.9.06,
wird auf der Insel der Jugend in Treptow ein kleines Festival
stattfinden.
Aus Anlass des 10-jährigen Jubiläums des Berliner Labels Nasoni
Records
treten dort acht Bands auf. Mit dabei sein werden La Ira De Dios
(Peru), Earthling Society (UK), Zone Six, Vibravoid
(beide
D), Atomic Workers (feat. Ramon / Sun Dial), Darxtar
(S), Polytoxicomane
Philharmonie (D). Schon die Bandnamen verraten die stilistische
Ausrichtung. Von Acid über Krautrock und Stoner bis zu Space und
Freeform
Progrock ist alles dabei, was sich unter einem Oberbegriff Heavy
Psychedelia
vereinen lässt. Mit dem Mann, der Nasoni Records betreibt und die
Seele vom
Ganzen ist, habe ich neulich ein kleines Interview geführt. Die
Erkenntnisse
aus meinem Gespräch mit Hans-Georg Bier folgen nun.
Geboren 1946 wächst Hans
in Ostberlin auf. Aber schon früh kommt er via AFN und BFBS (den
Sendern der in
Westberlin stationierten Besatzungssoldaten) mit Country, Rock’n’Roll
und Blues
in Kontakt. Auch in der DDR entsteht in den Sixties eine Beatszene.
Natürlich
haben es die Bands schwerer als im Westen, in fast jeder Beziehung.
Aber
zumindest live spielen einige ebenso wild und entschlossen wie ihre
Vorbilder
aus London, Liverpool und den USA. Die Sputniks, Joco Dev oder die
Diana Show
Band beeindrucken den Lehrling H.G. Bier sehr. Leider gibt es so gut
wie keine
Bild- oder Tondokumente, die diesen Eindruck bestätigen
könnten. 1973 hat Hans
vom „Realen Sozialismus“ die Nase voll. Er verlässt die DDR
Richtung Westen –
für immer. Die nun erlangte Reisefreiheit nutzt er weidlich aus.
Besser spät
als gar nicht, sagt er sich, als er durch die inzwischen in Glam und
Glitter
dekorierte Carnaby Street schlendert.
Irgendwann führte ihn sein
Weg dann auch in die USA und nach Texas. Dort fiel ihm eine
Musikkassette der Zendik
Farm Band in die Hände. Hans war begeistert! Doch es dauerte
noch fünf
Jahre, bis er sich ein Herz fasste und fragte, ob er eine LP der Band
rausbringen dürfe. Inzwischen schrieb man das Jahr 1996. Den
Labelnamen lieh
sich Hans von den Nasoni Indianern, einem Stamm der Caddos, der in der
Gegend
von Dallas, Texas, lebte. Hans hat dort auch einige sehr gute Freunde
gefunden.
Ein Anfang war gemacht. Bald folgten weitere LPs, auch von deutschen
und
Berliner Bands. Inzwischen sind es gut 60 Veröffentlichungen, die
unter dem
Label Nasoni erschienen. Zumeist Vinyl LPs, aufwändig gestaltet,
oft im
Klappcover oder mit besonderen Gimmicks ausgestattet, immer limitiert,
manche
Teilauflagen auch in farbigem Vinyl.
Nasoni ist weitgehend eine
Ein-Mann-Firma. Hans bekommt inzwischen aufgrund seiner bisherigen
Labelarbeit
um die 5-6 Demotapes im Monat zugeschickt. Die werden aufmerksam und
kritisch
gehört. Was dann veröffentlicht wird, das ist eine
Bauchentscheidung, sagt
Hans. Seine Bandbreite ist groß. Psychedelic Rock, Stoner, Jazz
Rock, Blues
u.v.a. ist möglich auf Nasoni. Die Bands liefern ein Mastertape
und das
Artwork. Die Herstellung der Platte übernimmt dann Nasoni. Die
Auflagen
übersteigen die Zahl 500 eigentlich nicht. Einen Teil der Auflage
bekommt die
Band zum Verkauf bei Konzerten zur Verfügung gestellt. Der Rest
wird im
Eigenvertrieb und über einige einschlägige Groß- und
Einzelhändler dem
geneigten Fan zugänglich gemacht. Ein mühseliges
Geschäft, wie ich aus eigener
Erfahrung bestätigen kann. Und ein Gewinn wird in aller Regel
nicht gemacht.
Der Abverkauf dauert mitunter Jahre. Auf die Frage, ob es einen
Unterschied
zwischen deutschen und ausländischen Bands hinsichtlich der
Zusammenarbeit
gibt, antwortet Hans: „Ich habe
die Erfahrung gemacht, dass die ausländischen Bands sehr
straight sind und es kaum Diskussionspunkte gibt. Aber mir macht
die
Zusammenarbeit mit allen Bands sehr viel Spaß und hält mich
jung.“ Die Frage
nach der erfolgreichsten Platte beantwortet Hans sehr diplomatisch: „Jede Veröffentlichung ist auf ihre
Art ein Erfolg.
Ich möchte hier keine Band hervorheben, da jede Band ihr
Bestes gibt und
auf ihre Veröffentlichung stolz ist. Von der einen Band verkauft
man mehr, von
der anderen etwas weniger.“ Seine persönlichen Highlights auf
Nasoni sind die
beiden Alben der holländischen Psychedeliker Majestic Scene,
deren
Gitarren mal schwer rocken und dann wieder filigran und folky klingen.
Und die
Frage nach dem Wunschkandidaten für ein Nasoni Release wird ohne
Zögern
beantwortet: „Roky Erickson!“
Wie bei solchen Gesprächen
Usus fragte ich auch nach den drei
Lieblingssingles und LPs aller Zeiten. Hans-Georg Bier trifft eine
individuelle
wie auch exzellente Wahl. Singles:
1.
Neil McArthur – She’s Not There
2.
Dick & DeeDee – The
Mountain’s
High
3. Jürgen Kerth Quartett – Sie war mein Dämon
Alben:
1.
Thin Lizzy – s/t
2.
Nick Gravenites – My Labors
3.
Wanda Jackson – Rockin’ with
Wanda
Schließlich
frage ich auch immer nach Empfehlungen für den Nachwuchs, also in
diesem Fall
den enthusiastischen Labelgründer. Hans’ Antwort hierauf ist
ernüchternd: „Ich
glaube, es ist in der heutigen Zeit nicht mehr einfach, ein Label zu
gründen
ohne ein gewisses Grundkapital. Ich konnte meine ersten
Produktionen nur
so finanzieren, da ich einen geregelte Job hatte, und dann kannst
du auch
mal einen Flop wegstecken. Nur von dem Label zu existieren, stelle ich
mir sehr
schwierig vor. Im Zeitalter von mp3 und Downloads wird es immer
schwieriger,
die Veröffentlichungen von Nischen Produkten zu verkaufen.“
Alle Platten, die in den
letzten zehn
Jahren auf dem Nasoni Label erschienen, kann ich hier nicht vorstellen.
Aber
ein paar Beispiele will ich herausgreifen.
La Ira De Dios – Hacia el Sol Rojo (LP, 400 black vinyl, 100
colored, CD in Digipak)
Das
Trio aus Lima, der Hauptstadt Perus, spielt Stoner Rock mit reichlich
Anleihen
bei frühem Siebziger Space Rock und einer gewissen Kraut
Attitüde. Lange
Instrumentalpassagen werden von einem pumpenden Bass und heftigen Drum
Attacken
getrieben. Die Gitarre kommt meist riffig oder aber sehr verschwurbelt
daher.
Mitunter klingt das atmosphärisch und schön. Auf jeden Fall
steht bei den
Südamerikanern Sound über Song. Der spärliche Gesang
kommt in Spanisch. Nur ein
Track hat englische Lyrics. Live lädt dieser Ritt durch die Anden
sicher zu
heftigem Headbangen ein. ***
Darxtar – We Came Too Late (LP, 400 black vinyl, 100
colored, CD in
Digipak)
Aus
Schweden und schon seit ca. 1990 aktiv ist diese Band. Ebenfalls von
70er Acid
Rock und gemäßigtem Prog inspiriert ist die Musik der Band
doch viel mehr Song
orientiert. Tracks
wie „Pitiful Whining“ haben sogar Pop
Appeal. Die
Schweden klingen erstaunlich modern. D.h. was man so modern nennt.
Musikalisch
erinnert das manchmal an Muse, dann wieder an The Dukes Of Stratosfear,
die ja
ihrerseits schon eine formidable Mixtur diverser Sixties Einflüsse
zu Gehör
brachten. Am Anfang der LP klingt die Musik fast ein bisschen
düster. Mit der
Zeit wird es lockerer, und Seite 2 beginnt zwar sehr geheimnisvoll
aber auch
recht entspannt. Pink Floyd kurz nach Syd Barrets Weggang kommt mir
hier in den
Sinn. Und dann fangen sie an zu rocken. Die Gitarren klingen ganz
erstaunlich.
Als würden sie singen. Manchmal quaken oder blöken sie auch.
Eine schöne,
abwechslungsreiche Platte. ****
Eathling Society – Plastic Jesus
And The Third Eye Blind (LP, 400 black
vinyl, 100 colored, CD in lim. Digipak
500 Stck)
Space Rock aus Lancashire, UK. Die zweite LP des Quartetts
ist das bereits. Hier gibt es wieder die langen, ausufernden
Soundscapes. Das
Wah Wah Pedal hat reichlich zu tun. An den Keyboards bei diesen
Aufnahmen
Harvey Brainbridge von Hawkwind. „Girls Talk“ (nein, nicht der Elvis
Costello
Song) hat eine Leichtigkeit, die ich diesen Jungs gar nicht zugetraut
hätte.
Und dann folgt die fast 20-minütige „Kosmik Suite No. 2“. Ein
Werk, das wohl am
besten in abgedunkelten Räumen bei Räucherstäbchen,
gewürztem Tee oder
Wasserpfeife goutiert wird. Etwas Flackerlicht oder eine Lava Lampe
wäre auch
nicht schlecht. ***
Vibravoid – Void Vibration (LP, 400 black vinyl, 100 white,
Op-Art Picture
LP 500 Stck)
Diese
zweite LP der Band aus Düsseldorf erschien bereits 2002.
Dementsprechend ist
auch nur noch die Picture LP Version erhältlich. Vibravoid
gehören zu den
führenden Neo-Psychedelic Gruppen in Deutschland. Auch live immer
wieder ein
Erlebnis. Beeinflusst sind sie sicher von Pink Floyd und anderen vor
allem
britischen Psych Pop und Rock Bands. Allerdings hat Vibravoid ein
durchaus
eigenen Stil entwickelt. Eingängige Songs sind in aller Regel die
Grundlage auf
der die Band ihre spacigen, trippigen Klangwelten aufbaut. Neben der
Standard
Instrumentierung von Bass, Drums, Guitars kommen auch Sitar und
Theremin
verstärkt zum Einsatz. Vibravoid verstehen es sowohl zu grooven
wie zu rocken.
Und schließlich entführen sie den geneigten Hörer durch
Zeit und Raum in vibrierende,
fluoreszierende, schillernde Landschaften, die nur in der eigenen
Phantasie
entstehen können. Eine tolle Platte! *****
Polytoxicomane
Philharmonie – Plays “Psycho Erectus” (LP,
400 black vinyl, 100 colored)
2004
erschien diese erste LP einer Band aus der Gegend von Frankfurt/M.
Verspielt,
schräg, überdreht – mit einem Wort: bemerkenswert! Die Band
existiert als lose
Formation bereits seit den späten 80er Jahren. Sicher hat man in
den Wäldern
außerhalb Frankfurts auch Pink Floyd, Hawkwind und andere Space
und Psych
Kapellen gehört. Manches hier klingt sogar recht zappaesk. So
originell und
extrovertiert die Klanggebilde und Einfälle der hessischen
Philharmoniker auch
sind, mir fehlen hier ein bisschen die Songs. Sinn für Humor haben
sie aber.
Und sie nehmen sich und ihre Musik wohl auch selbst nicht allzu ernst.
Das
gefällt mir dann wieder. Sehr schön ist auch das liebevoll
gestaltete
Klappcover. Die Bilder sind zwar aus einem Kinderbuch der 50er Jahre
entliehen,
aber sie sind herzallerliebst. Die zweite Seite der LP ist
übrigens etwas
ruhiger und hat ein gewisses jazziges Feeling. Neben der Standard
Bandbesetzung
gehören auch E-Piano und einige z.T. exotische Bläser zum
Gesamtklangkörper. ****
Strange Flowers –
Ortoflorovivaistica (LP, 400 black vinyl, 100
colored)
Aus Pisa (Italien) stammt
dieses Quartett. Die Band gibt es bereits seit den 80er Jahren. Mitte
der 90er
löste sie sich zunächst auf, um nun im neuen Jahrtausend umso
eleganter und
strahlender wieder zu erstehen. Italienische Neo-Psychedelic Bands
gehörten
schon vor 20 Jahren zu den besten des internationalen Sixties Revivals.
Inzwischen ist diese ganze Revival Sache obsolet geworden. Es gibt
nicht alt
oder neu, Original oder Nachahmung. Es gibt nur großartige
zeitlose Musik. Und
die Strange Flowers gehören zu denen, die solche Musik sehr
überzeugend zu
spielen verstehen. Diese ganz aktuelle LP ist wohl ein kleines
Meisterwerk! Syd
Barrett hat seine Spuren hinterlassen. Mehr aber noch Arthur Lee oder
auch The
Zombies mit ihrem Album „Odessey and Oracle“. Soundmäßig und
produktionstechnisch ist diese LP auf der höhe der Zeit. Das
heißt sie klingt
warm und voll aber auch transparent und klar. Hin und wieder hört
man noch ein
Byrds inspiriertes Jingle Jangle. Meist klingen die Gitarren aber
satter und
voller, ohne dass die Musik an Luftigkeit verliert. Insgesamt ist dies
eine
sehr eigenständige Platte, die die besten Elemente internationaler
Psychedelia
sieben Tracks vereint. Sechs davon weisen konventionelle Songstruktur
und Länge
auf. Der siebte Track jedoch ist eine Tour de Force durch exotische
Klangwelten
und tribalistische Rhythmus Strukturen in 16 Minuten und 50 Sekunden.
Phantastisch! Faszinierend! Sensationell! *****
Am 23.9.06 also „10 Jahre
Nasoni Records“ auf der „Insel der Jugend“ ab 20 Uhr. Der Eintritt
kostet 20
Euro. Dafür bekommt man die eingangs genannten Bands live zu sehen
und
zusätzlich noch einen CD Sampler von Nasoni mit einem
repräsentativen
Querschnitt durch das Label Programm. Noch ein paar Worte zu Zone
Six
und Atomic Workers, die beide auch am 23.9. spielen. Zone Six
ist die
Band des früheren Liquid Visions Bassisten Dave Schmidt. Dave ist
großer Fan
von Hawkwind. Und das hört man auch. Schwebende, fließende
Keyboards, singende
Gitarren und treibende Bassläufe über gleichförmigen
Drum Patterns. Atomic
Workers wiederum (bestehend aus italienischen Musikern und Gary Ramon
von Sun
Dial) spielen exzentrische Psychdelia mit viel Orgel und Mellotron
Einsatz
sowie mitunter richtig schweren Rock.
Mehr unter www.nasoni-records.com.
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