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Label Porträt: Nois-O-Lution
Ich
weiß gar nicht mehr, wann und wie ich Arne ursprünglich kennen lernte. Muss so
zur Zeit der Berlin Independent Days gewesen sein. Da arbeitete er auf jeden
Fall mit im Organisationsteam. Mitte der 90er Jahre spielte Arne in einer Band
mit Namen Slick. Die hätten meiner Meinung nach durchaus die deutschen Nirvana
werden können. Grunge Rock in klassischer Trio Formation. Songs mit Pop
Sensibilität. Live hatten die Jungs ein unglaubliche Power und Wucht. 2 ½
Alben und ein paar 7“45s – das ist das Vermächtnis der Combo.
Übrigens
ist Arne wenn ich mich recht erinnere für den Namen Guitars Galore
verantwortlich. So hiess nämlich der Newsletter, den wir mit ein paar Indie
Labels gemeinsam Mitte der 90er Jahre verteilten. Hat sich nicht lange gehalten.
Für mein Flyer Fanzine habe ich dann 1999 den Namen reaktiviert.
Arne
hat natürlich auch schon viel früher angefangen. Den ersten Kick bekam der
damals noch nicht mal 10-jährige durch den großen Bruder, der Stones, Hendrix,
Beatles, Neil Young, die Musik der Woodstock Generation eben, hörte. So richtig
selbst aktiv wurde Gesemann jr. dann aber erst Ende der 70er Jahre als Teenager
mit Punk und New Wave. 1980-81 gründete er ein Kassettenlabel für deutsche
Punk Bands, Chaos Records.
Nois-O-Lution
Records gibt es seit 1995. „Der Name“, sagt Arne, „ist
ein wenig unter Zeitdruck entstanden. Der Klang von der Yo-La Tengo Platte
Electr-o-pura gefiel mir. Ich suchte etwas in der Richtung und fand das
Wortspiel "Noise Solution" auch okay,
auch wenn ich kein "Noise" Label bin. Außerdem nervt es, wenn
Journalisten das E im Labelnamen lassen.“ Arnes Label ist eingebettet in die
Vielklang Label Familie. In Berlin Kreuzberg residiert dieses mittelständische
Unternehmen, zu dem auch ein modernes Tonstudio und ein Musikverlag gehören.
Auf
die Frage nach der stilistischen Bandbreite von Nois-O-Lution antwortet Arne:
„Hui... meine Lieblings-Antwort heißt: Alternative-Rock und Pop. Und
zwar
"Alternative" im ursprünglichen Sinne. Da sollte eben eine
Alternative geboten werden, zeitgemässe Rock und Popmusik zu präsentieren. Ich
komme aus der Punk-Ecke und stehe schon sehr auf Gitarren, aber auch coole
Elektronik (Rotoskop, No Underground) sind möglich. Grundsätzlich suche ich
Songs. Echte Songs. Melodien und Hooklines. Vorbilder sind alternative Labels,
die sich nicht stilistisch festlegen ließen und innovative Musik veröffentlichten,
wie z.B. SST, Homestead, etc.“ Und weiter auf die Frage nach der Auswahl der
Bands: „Klar bekommt man ne Menge Demos, aber ich suche. Ich bin Musikfan,
Sammler und bin immer auf der Suche. Wenn was "kickt", dann nehme ich
die Spur auf. Wenn mir jemand was erzählt... ebenso. Heutzutage muss man
schnell und vorne dabei sein und darf nicht warten, bis eine Band alles von
allein auf die Spur gebracht hat, denn dann sind meist andere Firmen schon dran
und es wird schwer. Andererseits habe ich in letzter Zeit viele "eingeführte"
und bekannte Künstler gesignt. Da gibt es klare Angebote und Anfragen und wir
sprechen, treffen und verhandeln. (Die Musik) muss mir gefallen. Die Band muss
eine eigene Vorstellung haben, was sie machen wollen, welches Image sie
transportieren... Nur gute Musik, aber sonst nichts, macht es mir sehr schwer,
etwas zu verkaufen. Wenn ich sehe, die "wollen", d.h. sie wollen
Touren, spielen und auch sonst etwas für die Veröffentlichung ihrer Platte
machen, dann kommen wir zusammen. Wenn´s dann noch "menschlich" passt...
sauber.“
Was
macht nun Nois-O-Lution für die Bands? Welche Formate werden gepresst? Und wie
gelangen die runden Scheiben (ob schwarz oder silbern) an die Käufer? Lassen
wir Arne sprechen: „Ich bin im Vielklang Umfeld integriert und wir bieten den
Künstlern im Prinzip die klassische Labelarbeit. D.h. sie liefern ein fertiges
Band und bekommen Lizenzen, oder wir bezahlen sogar die Produktion (dann gibt´s
halt etwas weniger Lizenzen). Wir machen dann Promotion, Marketing,
Organisation, Touren (in Coop mit Booking Agenturen),... Es gab bislang Vinyl-
und CD-Singles und Alben (auf Nois-O-Lution). Vinyl ist kommerziell wenig
sinnvoll, aber spricht eben doch Fans an und bei ausgesuchten Bands kann man
diese Auflagen auch verkaufen. Am einfachsten übrigens bei Punkrock!!! Da gibt
es noch die besten Mailorder und Strukturen und scheinbar auch Fans, die so was
wollen. Ich bin alter Vinyl-Fan und da lasse ich mich gerne überzeugen, es muss
aber sinnvoll sein und ich mach es nicht bei jeder Band. (Was den Verkauf
betrifft) nutzen wir den klassischen Weg und arbeiten mit Independent Vertrieben
im In- und Ausland zusammen. Wir bieten denen unser Repertoire an, sie
entscheiden, ob sie das gut finden und wenn ja, dann liefern wir die Platten,
machen Promotion, etc und die Vertriebe bringen das in die Läden. Begonnen habe
ich bei EFA (was wenig innovativ und langsam war), dann wechselte ich kurz zu
Warner TIS (was sehr unglücklich lief, da nach unserem Wechsel die versprochene
Arbeit eingestellt wurde und wir wieder schnell weg wollten) und landete dann
bei Indigo, die tatsächlich ein Idealpartner sind. Hochmotiviert, interessiert,
aktiv, kreativ. Extrem gute Arbeit, die die Hamburger machen. Wir betreuen von
uns aus noch einige Mailorder und Auslandsvertriebe direkt. Das hat sich in der
Vergangenheit einfach so entwickelt und das habe ich mir bei Indigo auch
vertraglich zusichern lassen. Mailorder sind einfach gut, wichtig und für die
"echten" Musik-Nerds einfach unverzichtbar.“
Eine
spannende Frage ist auch immer die nach den Unterschieden zwischen deutschen und
internationalen Bands in Bezug auf Anspruch,
Arbeitseinstellung etc. Da Arne
sowohl diese wie jene auf Nois-O-Lution rausbringt, habe ich ihn danach gefragt.
Arne: „Pauschal ist so was immer schlecht zu sagen, aber ich merke schon, dass
US Bands eine ganz andere Einstellung zur Musik und zum Beruf Musiker haben.
Hier ist man in der Regel nur "Nebenbei-Musiker". Man studiert, hat
Jobs (die wichtiger sind), probt zweimal die Woche von 18 bis 22 Uhr, etc Die
Amis gehen da schon extremer dran. Wobei ich auch glaube, dass der Beruf (Pop
und Rock) Musiker in den Staaten, wie auch in England ein-flach traditionell
gewachsen und anerkannt ist. Die Bands nehmen mehr in Kauf und gehen da härter
ran. Aber sie sind eben auch härter bei Verhandlungen, und fordern mehr vom
Label. Aber es gibt auf beiden Seiten Gegenbeispiele, deswegen ist das ein sehr
pauschaler Eindruck.“
Arne
ist einer der ganz wenigen independent Label-Macher in Deutschland, der auch von
seiner Arbeit leben kann. Das liegt natürlich daran, dass Nois-O-Lution Teil
eines größeren Ganzen ist. Der Vielklang „Konzern“ fängt schon mal was
auf, wenn es eng wird. Aber alle Label unter dem Vielklang Dach müssen
letztlich auch aus eigener Kraft bestehen. Nur Flopps eines Sublabels würde die
Gesamtfirma wohl nicht tolerieren. Die bis dato erfolgreichste Platte auf
Nois-O-Lution ist „Streetlight“ von Mother Tongue. Die kalifornischen
Alternative Rocker stammen aus dem gleichen Umfeld wie Jane’s Addiction,
Fishbone oder die Chili Peppers. Ihre Musik ist erdig, bluesig, kraftvoll –
weist aber auch Soul und Funk Einflüsse auf. Die neue Platte „Ghost Note“
wird am 23. Juni erscheinen. Ich kenne sie noch nicht, aber die auf der Webseite
www.noisolution.de veröffentlichte
Vorab-Kritik von Dirk Siepe (Visions) lässt auf ein abwechslungsreiches,
gelungenes Werk schließen.
Die
Bandbreite der Nois-O-Lution Releases reicht von den Kieler Prollrockern Smoke
Blow über den Noise Pop der Belgier Fence bis zu Industrial Sounds
von Foetus. Meine persönlichen Favoriten sind Firewater, deren
letztes Album „Psychopharmacology“ eine unglaubliche Bandbreite von Garage
Pop über Psychedelic Rock bis zu Alt. Rock und Alt. Country aufweist. No
Underground aus Berlin und aus Koblenz Scumbucket (so ne Art alter
Ego von Blackmail, zumindest spielt Kurt Ebelhäuser in beiden Combos) machen -
wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise – ganz großartige Musik. Und
besonders freut mich, dass nun Miles aus Würzburg – eine der besten
deutschen Gitarrenbands von der Sorte, der man die Herkunft gar nicht anhört
– bei Arne eine neue Heimstatt gefunden haben. „Don’t Let The Cold In“
ist das bislang beste Album der Band und auch das bisher beste aus Deutschland
dies Jahr.
Auf
der sehr umfangreichen und ansprechend übersichtlich gestalteten Homepage www.noisolution.de
findet man zu jeder Band auf dem Label Biographien, Diskographien, aktuelle
Reviews, Tourdaten, Fotos, Soundclips und noch mehr. Am besten Ihr schaut Euch
das selber an.
Arnes
Favoriten auf eigenem Label sind „Mother Tongue und Scumbucket - Aficionados.
Beides Bands, vor denen ich einen Höllenrespekt habe. Große, Innovative
Musiker, tolle Menschen, tolle Platten.“ Auf die Frage: „Wen würdest Du
gerne mal veröffentlichen?“, antwortet Arne: „Das ist ne schwere Frage.
Kommerziell.... musikalisch.. als Fan... ?? Ich glaube ich würde gerne ein
Butthole Surfers Album veröffentlichen, weil es zwischen Rock, Pop, Wahnsinn
und Innovation mein Labelkonzept widerspiegelt. Die Surfers sind ne coole Band,
mit der ich irgendwie aufgewachsen bin.“
Naja,
vielleicht klappt das sogar. Könnte ich mir jedenfalls durchaus vorstellen. Wie
alle anderen, die in dieser Rubrik in den nächsten Wochen und Monaten
vorgestellt werden, habe ich Arne nach seinen drei Lieblingssingles und –LPs
aller Zeiten gefragt. Seine Antwort:
Singles:
Black Flag - Six Pack (weil´s die erste gekaufte war...), Jesus & Mary
Chain - Never Understanding (weil´s für mich ne Single-Philosophie verkörpert),
Clash - 1977 (weil´s einfach das beste ist, was man hören kann),
LPs:
Clash – London Calling, Clash – Sandinista, Clash – Clash.
Wusste
gar nicht, dass Arne so ein großer Clash Fan ist. Aber das geht voll in
Ordnung. Und in der Labelpolitik spiegelt es sich auch wider. Bei Nois-O-Lution
ist also jemand am Werk, der seine Ideale, seinen Spaß und sein Fantum bewahrt
hat. Um nichts Anderes geht es in dieser Rubrik und in diesem Flyer Fanzine!
Zum
Schluss die obligatorische Frage: „Was würdest Du jemandem raten, der selbst
ein Label gründen will?“ – Arne: „Mach
es!!! Halt es klein und fein, der Erfolg kommt von allein! Lehn dich nicht aus
dem Fenster, sonst wird es schnell frustrierend. Bewahre dir den Spaß. Denk
nicht daran, sofort Geld zu verdienen. Mach es nur, wenn du ein Musik-Weirdo
bist.“
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