
Die Kurzen (Singles, EP) Longplay (LP, CD) Re-Issues Live Gigs Fanzines Unsigned Talent Album des Monats News Links
Letztes Update: 13. Oktober 2011
Through The Past Darkly
Die Bewertungsskala:
Materialverschwendung!
- ** muss man nicht kennen - *** sollte
man mal gehört haben - **** Anschaffung
wohlwollend erwägen - ***** gehört in jede
Plattensammlung!
The Gloomys – Daybreak (CD, Bear Family)
The Gloomys – Winds Of
Change (CD, Bear Family)
Erstaunlich, dass die beiden LPs der Gloomys nicht
längst schon wiederveröffentlicht wurden. Gehörten sie doch zu den kommerziell
eher erfolgreichen deutschen Beatbands. Andererseits gehörten sie auch nie
richtig dazu, galten eher als uncool, auch wenn man das damals noch nicht so
nannte. Die deutschen Bee Gees wurden sie genannt, und das war durchaus nicht
immer anerkennend gemeint. Die erste Single der Gloomys „Daybreak“
erschien 1967 und war ein kleinerer Hit. A und B Seite der Single wurden von
einem gewissen Ralph Siegel Jr. in Zusammenarbeit mit dem Texter Michael Kunze geschrieben.
Siegel produzierte auch die im selben Jahr veröffentlichte gleichnamige Debüt
LP der Band. Auf der LP finden sich neben vier Eigenkompositionen auch ein paar
Coverversionen. Die eigenen Songs hier – alle von Gitarrist Hans Joachim
Krebs geschrieben – sind leider nicht der Rede wert. Von den Covern ist
einzig „If I Were A Carpenter“ ganz gelungen. Erstaunlich ist die
Auswahl der Cover. Neben zwei Tim Hardin Songs gibt es da den Versuch, Motown
und Soul in den glatten Beat Pop Sound der Band zu überführen. Und recht kurios
ist auch ein Cover von John D. Loudermilks „It’s My Time“.
Unterm Strich bleiben eigentlich neben dem „Carpenter“ nur die
beiden Tracks der Single, die auch heute noch ganz ok klingen. Aber wer diesen
gefälligen, eingängigen Beat Pop mag, der hat die Single ja eh. Spannend wird
es dann allerdings bei den Bonus Tracks. Und wenn man das ausführliche Booklet
und die Geschichte der Band studiert, dann gibt es ein paar interessante
Erkenntnisse. Die Gloomy Moon Singers, wie sie ursprünglich hießen, begannen
als Skiffle Group und schärfste Konkurrenten der Lords, denen sie musikalisch
sogar weit überlegen waren, wenn man dem Zeitzeugen Lord Knud glaubt, der im
Booklet zitiert wird. Ein gewisser Frank Zander gehörte damals zum Line Up der
Band. Die frühen Decca Singles der Gruppe klingen auch noch durchaus nach
Skiffle Beat und erinnern mit ihren naiv ernsthaften deutschen Texten an den
DDR Beat der Sechziger. Und auch die auf verschiedenen Labels erschienenen
Singles mit Covern damals aktueller Hits zwischen Folk, Beat und
Rock’n’Roll haben ihren Charme. Die zweite LP der Gloomys wurde
wieder von Herrn Siegel produziert und erschien 1968. Die Platte heißt wie der
Single Hit daraus „Winds Of Change“. Von Change kann aber eigentlich
keine Rede sein. Das erfolgreiche Rezept des gefälligen Beat Pop wurde
fortgesetzt. Die Kompositionen kamen nun fast ausschließlich von Siegel und Co.
Während sich die internationale Beat Szene immer mehr verästelte, während sich
Rock vom Pop absonderte, Blues, Country Rock und experimenteller Underground
neben- und miteinander existierten, wurden die deutschen Charts von Heintje und
Bubble Gum Pop dominiert. Die Gloomys wurden währenddessen zur Englisch
singenden Schlagercombo. Diese zweite Gloomys LP ist ein ziemlicher Reinfall.
Nicht mal der Hit „Winds Of Change“ ist gut gealtert. D.h. wenn ich
mich recht erinnere, fand ich den damals schon doof. Auch die Bonus Tracks der
CD bieten keine positiven Überraschungen. Die späteren Singles der Band sind
purer Mainstream Pop, was ja an sich nicht schlimm wäre. Leider sind aber die
Songs nicht besonders originell und die Produktion ist zwar solide aber
inspirationslos und oft zu brav und gefällig. So gesehen ist die zweite CD
wirklich nur was für Komplettisten und auch die erste CD ist nicht
uneingeschränkt empfehlenswert. **1/2 und *1/2
Miettinen (4CD Box Set, Gaga
Goodies, www.poko.fi)
Miettinen ist ein finnischer Musikjournalist,
langjähriger Label Betreiber und mein guter Freund. Ich weiß gar nicht mehr,
wann und wie ich Miettinen genau kennen gelernt habe. Es muss aber irgendwann
so ca. 1985/86 gewesen sein. Da war er in der finnischen Independent Szene
durchaus schon eine Größe. 1978/79 begann Miettinens Karriere als Autor und
Herausgeber des Punk Fanzines Hilse. Und zu dem Fanzine gesellte sich sehr bald
auch das Schallplattenlabel Hilse Levyt.
Die beiden Hilse Sampler sind heute in der finnischen Punk und Indie Szene
legendär. Und Ismo Alankos erste Band Hassisen
Kone veröffentlichte ihre erste Single auf Hilse, bevor Miettinen das alles
zu groß und zu sehr Big Business wurde und er die Band Epe Helenius und Poko
überließ. Das ganze Hilse Label wurde an Poko verkauft, weil Geld Verdienen im
großen Stil nicht dem Punk Ideal entsprach. Nichtsdestotrotz gründete Miettinen
schon bald ein neues Label mit seinem damaligen Kumpel Kuusinen. Das Label hieß
demzufolge KuMiBeat. Neben Juliet Jonesin Sydän gehörten auch die Dogs d’Amour aus London zu den
Auserwählten, deren Musik auf KuMiBeat erschien. Leider war KuMiBeat ziemlich
schnell pleite. Epe Helenius sprang wieder in die Bresche und übernahm die
Schulden und einen Teil der Bands. Miettinen war inzwischen Autor bei der
14-tägig erscheinenden Musikzeitschrift Rumba und er hatte eine eigene Sendung
bei Radiomafia, dem Jugendprogramm des staatlichen finnischen Rundfunks.
Ungefähr zu dieser Zeit lernte ich Miettinen kennen, denn die finnische Szene
ist nicht groß genug, dass man sich nicht zwangsläufig früher oder später über
den Weg läuft. 1987 gründete Miettinen ein neues Label Gaga Goodies, weil es wie er selbst sagt so viele gute neue Bands
gab in Finnland, die niemand unter Vertrag nahm. Gaga Goodies war die
langlebigste von Miettinens Firmen. Fast zehn Jahre dauerte es, bis der
finanzielle Druck erneut einen Verkauf des Labels an – man ahnt es schon
– Epe Helenius und sein Firmen Konglomerat nötig machte. Auf Gaga Goodies
erschienen wirklich einige großartige Platten. Und auch wenn Miettinens
Vorlieben meist auf rüden, krachigen Independent Rock hinausliefen, so gab es
doch auch ruhige, rootsige und geradezu poppige Veröffentlichungen. 22 Pistepirkko machten eine Single auf
Gaga Goodies, Juliet Jonesin Sydän (inzwischen ja eigentlich bei Poko
erfolgreich) brachten ihre einzige englischsprachige Platte als 10“ bei
Miettinen raus. Die wunderbaren Wanna
Bees veröffentlichten ihren gesamten Katalog bei Gaga Goodies. Eine LP
davon erschien in Lizenz bei yours truly im Jahr 1991. Die Dolkows aus Malmö in Schweden brachten ihr großartiges Debüt auf
Gaga Goodies raus. 69 Eyes und Poverty Stinks machten Platten bei
Miettinen, ebenso die unvergleichlichen Jolly
Jumpers aus Tyrnävä bei Oulu. 1996 kam dann der Break. Miettinen wohnt mit
seiner Frau Ursula inzwischen in Sairio im eigenen Haus am Rande der Stadt Hämeenlinna,
auf dem Lande sozusagen. Das Haus wurde mit dem Geld, das beide als
Journalisten verdienten, bezahlt, betont Miettinen, nicht etwa mit dem Geld der
Bands auf seinen zahlreichen Labels. Aber 1997 juckt es wieder und Miettinen
gründet ein Singles-only-Label Rubber
Rabbit Rock’n’ Roll Records.
Von durchschlagendem Erfolg ist dieses Unternehmen nicht gerade gekrönt.
Schließlich will er es noch mal wissen und versucht mit Popatak ein reines Power Pop Label zu etablieren. Es gibt ein paar
tolle Singles auf Popatak und auch das eine oder andere hörenswerte Album von
Bands wie Sugarrush, Ben’s Diapers oder Mental Market. Doch die Kosten laufen
schnell aus dem Ruder und Epe Helenius ist mal wieder Retter in der Not.
Diesmal nimmt er Miettinen das Versprechen ab, keine neuen Labels mehr zu
gründen. Und Miettinen hält sich daran. Inzwischen schreibt er Romane. Reich
ist er damit allerdings auch noch nicht geworden. Die Idee zu dieser 4-CD Box,
die Miettinens musikalisches Leben würdigt, hatte Epe Helenius. Und ein sehr
interessanter und in weiten Teilen äußerst hörenswerter Überblick ist dabei
herausgekommen. 80 Tracks sind es insgesamt. Und es sind sogar zwei Tracks
dabei, die ich noch nicht kannte, weil sie schlicht bisher unveröffentlicht
waren. Das 48 Seiten Booklet kann allerdings nur lesen, wer des Finnischen
mächtig ist. Sehenswerte Fotos sind aber auch drin. So eine Box in Sternen zu
bewerten ist unmöglich und auch nicht sehr sinnvoll. Freunde des finnischen
Rock’n’Roll sollten jedoch zugreifen!
Caravan – In The Land Of Grey And Pink (LP, 1971)
Wenn ich diese
LP heute höre, kann ich gar nicht verstehen, dass sie damals so völlig an mir
vorbei gegangen ist. Von der Canterbury Szene hatte ich zwar mal gehört, aber
ich kannte nur die Platten von Soft Machine, und die waren mir eher zu
anstrengend. Caravan waren aber neben der Soft Machine die führende Band aus
Canterbury. „In The Land Of Grey And Pink“ gilt heute als ihr
Meisterwerk. Es ist ihre dritte LP und auch in meinen Ohren ihre beste. Auch
wenn die LP aus heutiger Sicht als der Durchbruch der Band betrachtet wird, so
war sie damals doch nur mäßig erfolgreich und konnte sich nicht in den
britischen oder gar anderen Charts platzieren. Die LP entwickelte sich aber
wohl über die Jahre zum Aushängeschild der Band, und sie war immer in print,
also lieferbar. Das von Tolkiens Hobbit Geschichten inspirierte Cover fiel mir
schon lange bevor ich die Musik kennen lernte auf. Und als ich dann endlich mal
die LP erstand und auflegte, da merkte ich, dass ich mindestens zwei der Tracks
längst kannte. Sowohl das „Golf Girl“ als auch den Titeltrack der
LP hatte ich schon früher gehört. Ob im Radio oder bei Freunden, ich weiß es
nicht mehr. Die erste LP Seite ist eigentlich recht poppig, die Melodien absolut
eingängig und die Tracks relativ kurz. Nur „Winter Wine“ ist mit
etwas über sieben Minuten und seinen schon leicht verschachtelten Mellotron
Passagen ein zeittypischer Prog Titel. „Golf Girl“ dagegen ist zwar
in gewisser Weise auch zeittypisch, aber doch locker und beschwingt und mit
seinem seltsamen Aufbau fast so eine Art Kinderlied. Der Song hätte wohl auch
von Syd Barrett sein können. Ähnlich „In The Land Of Grey And
Pink“, das mit seinen fünf Minuten vielleicht für eine Radiosingle ein
Quäntchen zu lang ist. Aber es hätte gut und gerne ein Radiohit sein können
anno 1971. Da war so etwas durchaus möglich. „Love To Love You“ ist
der dritte von vier Tracks auf der ersten LP Seite. Die Nummer wird von
Progfans meist als zu poppig oder zu seicht abgelehnt. Dabei ist es ein
wunderbarer Popsong, der vor Lust und guter Laune nur so strahlt! Überhaupt ist
Caravan eher eine fröhliche und manchmal auch ironische Band, will mir
scheinen. Selbst dem von besagten Progfans sehr geschätzten 23-minütigen
Kernstück der LP „Nine Feet Underground“, das die gesamte zweite LP
Seite einnimmt, fehlt der heilige Ernst und erst recht der Schwulst, der viele
LPs beliebter Prog Bands auszeichnet. Vor allem David Sinclairs einfallsreiches
Keyboardspiel sowie hier und da passende Einsprengsel von Saxophon und Flöte
machen dieses locker dahinfließende Stück zu einem progressiven Meisterwerk. Es
gibt zum 40. Jahrestag der Platte ein limitiertes Vinyl Doppelalbum mit
Bonustracks und einem neuen Mix von „Nine Feet Underground“, den
Steven Wilson (Porcupine Tree) hergestellt hat. Ob man das braucht, muss man
selbst entscheiden. Mir reicht im Grunde die Original LP. ****1/2
XTC – Skylarking (DoLP, 1986 / 2010)
XTC
gehören eigentlich seit ihrer ersten Single „Science Friction“ im Jahr
1977 zu meinen favorisierten britischen Bands der New Wave Ära und dann vor
allem der 1980er Jahre. Die LP „Skylarking“ aus dem Jahr 1986 ist
meiner Aufmerksamkeit damals dennoch entgangen. Lediglich die erste Single des
Albums „Grass“ hatte es mir angetan mit ihrer sehr relaxten
hippiesken Atmosphäre. Knüpfte die Band damit doch direkt an die ein Jahr zuvor
unter dem Pseudonym The Dukes Of Stratosphear erschienene LP „25
O’Clock“ an. Die LP „Skylarking“ ist zwar vordergründig
weit weniger psychedelisch und Sixties orientiert, aber Inspirationen und
Einflüsse solcher Sixties Ikonen wie The Kinks, Beach Boys und The Beatles sind
unverkennbar. „Skylarking“ ist gewissermaßen ein Konzeptalbum unter
dem Motto „A Day In The Life“. Aufgenommen und produziert wurde die
Platte von Todd Rundgren in seinem Studio in Woodstock nördlich von New York.
Und Rundgren hat einen wohl nicht unwesentlichen Anteil an Sound und
Arrangementideen. Er ist ja als genialer Studio Zauberer bekannt. Entstanden
ist so eine zwar von Ansatz und den Songs her sehr britische Platte, aber die
überbordenden Sunshine Pop Klänge, die Streichersätze, das ist wiederum sehr
amerikanisch. Beach Boys eben. Wie zu Zeiten des mythischen
„Smile“. Nachdem ich nun das ganze Album, so wie es ursprünglich
von Andy Partridge intendiert war, gehört habe, muss ich sagen, es ist
großartig. „Grass“ ist nicht mal der beste Track. Eine wundervoll
entspannte Atmosphäre zeichnet die gesamte Platte aus. Doch gibt es auch immer
wieder Momente der Überraschung, der Exaltiertheit. „Dear God“ ist
einer der Höhepunkte der DoLP. Auf der Original LP fehlte der Titel, weil die
Plattenfirma Proteste befürchtete. Handelt es sich doch um einen ziemlich
kritischen Song, der Gott letztlich stark anzweifelt. Und ausgerechnet dieser
Track wurde dann in den USA zur erfolgreichsten Single aus dem Album, weil die
Radio DJs ihn von der B-Seite der Single „Grass“ pickten. Die im
Jahr 2010 erschienene Doppel-LP ist die ultimative Version des Albums. Sie
enthält nicht nur alle Tracks wie ursprünglich vorgesehen, sie hat auch zum
ersten Mal die korrekte Sound Polarität der Aufnahmen, die beim ersten Mix im
Jahr 1986 versehentlich vertauscht wurde. Und das Album Cover ist nun auch das
ursprünglich von der Band intendierte, das Virgin damals ablehnte. ****
Califone – Roots &
Crowns (LP, Thrill Jockey Records, www.myspace.com/califonemusic)
Auf diese Band und diese LP bin ich durch einen Film
gestoßen. Jack Ketchums „The Lost“ ist ein anti-Woodstock Horror
Thriller, der einen psychopathischen fast noch jugendlichen Killer in einer
Kleinstadt in New Jersey im Jahr 1969 porträtiert. Der Film ist wirklich
sehenswert. Aber darum geht es hier nicht. Die Musik in diesem Film ist nämlich
ebenfalls durchweg hörenswert. Und während der Abspann läuft hört man ein
melancholisch folkiges Stück, das ganz vorzüglich die Leere widerspiegelt, die
man nach dem Ende des Films empfindet. Dieses Stück Musik konnte ich
schließlich als „3 Legged Animals“ identifizieren von der LP
„Roots & Crowns“ der Band Califone aus Chicago. Califone ist
die Band des Musikers und Filmkomponisten Tim Rutili. Eigentlich ist es mehr
oder weniger sein Solo Projekt, auch wenn es inzwischen wohl eine richtige Band
gibt, die auch live auftritt. Es gibt eine ganze Reihe Veröffentlichungen unter
dem Namen Califone auf verschiedenen Labels seit 1998. Die LP „Roots
& Crowns“ ist die bislang vorletzte LP der Gruppe um Tim Rutili. Das
Album erschien 2006, im gleichen Jahr wie der Film „The Lost“.
Rutilis erste Band war Red Red Meat, eine alternative Punk Blues Rock Band, die
wohl nicht sonderlich erfolgreich wurde. Mit Califone bemüht sich Rutili, an
traditionelle amerikanische Musik wie Blues und Folk anzuknüpfen, sie mit
modernen Mitteln von Elektronik und Collage zu bearbeiten. Außerdem nimmt er
Einflüsse solcher Bands wie Current 93 oder Psychic TV auf. „The
Orchids“ auf dieser LP hier ist ein Psychic TV Cover. Aus all dem
entsteht eine wirklich seltsame Atmosphäre, die einen beim Hören auf eine
absurde Weise beruhigt und mit Befriedigung erfüllt, obwohl die besungenen
Inhalte eigentlich viel mehr beunruhigen und erschrecken sollten. Andererseits
sind die Songs aber auch zum Teil recht esoterisch und ziemlich surreal. Die
Melodien sind mitunter wirklich Pop von der Art, die auch Brian Wilson hätte
schreiben können. Ich bin weit davon entfernt zu verstehen, was Tim Rutili und
seine Band hier wirklich mitteilen wollen. Doch die Melodien, diese verfremdete
Folk Musik üben einen eigentümlichen Reiz aus, dem ich mich nicht entziehen
kann. Ich kenne bisher nur diese LP der Band. Und ich weiß nicht, ob ich noch
weitere Platten der gleichen Art unbedingt hören will. Diese Platte jedoch ist
wirklich schön auf eine ganz eigene Art. ***1/2
The Matadors – s/t (LP, Supraphon,
CSSR 1969) The Matadors – Get Down
From The Tree (

Als jemand, der in Berlin geboren und aufgewachsen
ist, bin ich natürlich auch von den Auswirkungen westlicher Beatmusik in den
Ländern des real existierenden Sozialismus nicht verschont geblieben. Und ich
muss sagen, nicht alles dort war peinlich oder vollkommen indiskutabel. 1969
bekam ich von einer in Ostberlin lebenden Tante diese LP der führenden
tschechischen Beat Band The Matadors geschenkt. Es ist ihre einzige LP
geblieben. Aber für mich war diese LP damals eine Offenbarung. Durch sie lernte
ich das wunderbare „My Girl“ kennen. Für das Original von The
Temptations war ich entscheidende 2-3 Jahre zu jung. Und auch „It’s
All Over Now, Baby Blue“ im Arrangement von Them hörte ich hier zum
ersten Mal. Neben einer John Mayall Nummer und zwei Howlin’ Wolf Cover
sind dies dann aber auch schon alle Fremdkompositionen auf der LP. Die anderen
sieben der insgesamt zwölf Titel sind eigene Werke der Prager Band. Und was für
welche! Komposition, Arrangement und Spieltechnik stehen den
angloamerikanischen Zeit-genossen nicht nach. Und im Vergleich zu den deutschen
Beat Bands der Sixties sind The Matadors ganz weit vorne. Der Opener „Get
Down From The Tree“ ist eine großartige R&B Nummer, deren Sound man
heute mit Freakbeat assoziiert. „Extraction“ ist ein fast
avantgardistischen Instrumental von sechs Minuten, das an Soft Machine und The
Doors zugleich denken lässt. In den Liner Notes der LP werden Them mit Van
Morrison, Eric Clapton und Jimi Hendrix als Vorbilder genannt. Man hört das
auch deutlich, ohne dass man je das Gefühl hat, hier wären reine Kopisten am
Werk. Viktor Sodoma hat eine wirklich tolle, ausdrucksstarke Stimme. Und auch
wenn er nicht immer völlig akzentfrei Englisch singt, so klingt seine Stimme
doch erstaunlich nach so großen Vorbildern wie Stevie Winwood, Otis Redding
oder Eric Burdon. Das Zusammenspiel von Piano, Orgel und Gitarren ist wirklich
unglaublich auf dieser Platte. Eben noch ganz traditionell im Blues verhaftet,
und im nächsten Moment experimentell aber auch poppig. Die trotzig
melancholischen Balladen überwiegen auf der Platte. Und ihre „Baby
Blue“ Version ist für mich die ultimative. Vielleicht weil ich Them erst
danach kennen lernte. So sehr unterscheiden sich die beiden Versionen auch gar
nicht. Bei The Matadors klingt das Ganze etwas weicher und versöhnlicher, nicht
zuletzt durch ein dezentes Streicherarrangement, das zwar in der Them Version
auch da ist, aber so dezent, dass es kaum auffällt. Was ich damals nicht
wusste, als die LP 1969 in der DDR und anderswo außerhalb der CSSR erschien,
existierte die Band, die das Album im Mai 1968 innerhalb einer Woche
aufgenommen hatte, schon nicht mehr. Schließlich hatten die Bruderarmeen im
August 1968 Prag besetzt. Das bedeutete auch für die Popmusik einen heftigen
Einschnitt. Der größte Teil der Band lebte inzwischen in München und bildete
das musikalische Rückgrat der deutschen Version des Musicals
„Hair“. Um die Mitte der 1970er Jahre dann bereicherten sie unter
dem Namen Emergency die bundesrepublikanische Jazz Rock Szene. Dass die Platte
von The Matadors dennoch im Ostblock weite Verbreitung fand, gehört zu den
vielen Widersprüchlichkeiten des dialektischen Materialismus. Die LP war für
mich immer ein Meilenstein vor allem auch meiner ganz persönlichen
musikalischen Entwicklung. Und wenn ich sie heute wieder höre, dann kommen
nicht nur jede Menge Erinnerungen hoch, ich freue mich auch über die
nuancenreiche und erfrischende Wirkung dieser Musik. Das spanische Label
Munster Records hat nun eine Doppel-LP veröffentlicht, die neben der LP auch
sämtliche Aufnahmen, die unter dem Namen The Matadors damals gemacht wurden,
enthält. Alles wurde von den originalen analogen Bändern remastert. Allerdings
wurden in zwei Fällen die besseren Mixe einer früheren EP den Album Versionen
vorgezogen. Die zusätzlichen Tracks von verschiedenen Singles, EPs und Samplern
bieten eine interessante Bereicherung und machen die Entwicklung der Band in
den zwei Jahren ihres Bestehens gut deutlich. Ausführliche Liner Notes in
englischer Sprache liefern die ganze Geschichte und Vorgeschichte der Band. Ich
kann die Anschaffung dieser Doppel LP wirklich empfehlen, würde mich aber von
der originalen LP trotzdem niemals trennen. Diese bekommt ****1/2
Psychotic Waltz – A Social Grace (DoLP, Century
Media, www.psychoticwaltz.com)
Die Bekanntschaft mit
Psychotic Waltz aus Kalifornien verdanke ich dem Leserforum des deutschen
Rolling Stone. Zwar war ich nie ein Fan von Heavy Metal, aber manche
Randbereiche des Genres fand ich immer schon interessant und hörenswert. Und
Psychotic Waltz sind auch keine typische Metal Band sondern nach eigener
Einschätzung eine „progressive hippie metal band“. Nun, Hippie war
ich vor langer Zeit auch mal. Und eine Ader für Progrock hatte ich in den
frühen 1970er Jahren schon und in letzter Zeit wieder. „A Social
Grace“ ist das Debütalbum der Band aus dem Jahr 1990. Unter dem Namen
Aslan begann die Gruppe als High School Band in den 1980er Jahren im
Südkalifornischen El Cajon bei San Diego. Da es bereits eine andere Band namens
Aslan gab, nannte man sich ab der ersten offiziellen Veröffentlichung nun
Psychotic Waltz. Eine Besonderheit der Band war, der Leadgitarrist Brian
McAlpin war infolge eines Autounfalls seit 1984 querschnittsgelähmt. Dennoch
trat er regelmäßig mit der Band auf und war reguläres Bandmitglied bis zum
Schluß 1997. Die Band hat sich dieses Jahr in ihrer Ur-Besetzung reformiert und
wird live auftreten sowie wohl auch eine neue Platte machen. Aus diesem Anlass
hat Century Media jetzt eine limitierte Box mit allen regulären LPs und den
Aslan Demos veröffentlicht. Aber zurück zum Debüt. Die CD (kein Vinyl) erschien
damals in Europa auf dem deutschen Label Rising Sun und erhielt positive
Kritiken in einschlägigen Zeitschriften. Obwohl das Album also recht
erfolgreich war, sah die Band außer einem Vorschuß kaum etwas von den Erlösen.
Wie auch immer, reden wir über die Musik. Wie ich schon sagte bin ich kein
Metal Fan und also auch kein Kenner des Genres. Was mir an dieser Platte
gefällt, das ist ihre Vielschichtigkeit. Natürlich erinnert da Manches an die
frühen 1970er Jahre. King Crimson fällt mir ein, Black Sabbath, Uriah Heep, sogar
Jethro Tull. Aber andererseits sind einige Gitarrenriffs typisch Metal. Bei
Iron Maiden oder auch bei den deutschen Helloween hab’ ich Ähnliches
schon gehört. Dazu gesellt sich der typische Falsettgesang und hier und da auch
eine unzweifelhaft an Jimi Hendrix geschulte Gitarre. Ich erinnere mich dunkel,
dass diese Art Prog Metal vor gut 20 Jahren recht angesagt war. Damals habe ich
ja schließlich neben Guns’n’Roses auch Mekong Delta und Celtic
Frost Platten in meinem Laden verkauft. Seltsam, dass mir Psychotic Waltz nicht
da schon untergekommen sind. Vermutlich lag es daran, dass es kein Vinyl gab.
Nun ja, besser spät als nie. Diese Platte wächst mit jedem Hören. ***1/2
22 Pistepirkko – The
Kings Of

Die drei
Burschen aus dem nordfinnischen Utajärvi gehören ja schon seit bald 25 Jahren
zu meinen Lieblingsfinnen. Vor längerer Zeit angekündigt, machen sie nun ernst
mit der Wiederveröffentlichung ihres Back-Katalogs auf Vinyl. Die erste
Langspielplatte der Marienkäfer erschien zwar bereits 1983 in finnischer
Sprache, aber die zählt hier in diesem Zusammenhang nicht. 1986 hatten sie ein
erstes Lebenszeichen von sich gegeben, nachdem sie monatelang in der Klausur
einer einsamen Waldhütte, mit Sauna und Scheune zum Proben, die Werke der
Ramones, Beach Boys sowie unzählige Pebbles Sampler studiert und verinnerlicht
hatten. Die 7“ EP „Ou Wee“ erschien auf dem kleinen Pygmi
Label in Helsinki. Dorthin waren die Jungs inzwischen auch gezogen, weil man da
doch wenigstens ein bisschen näher am musikalischen Geschehen ist, und sei es
auch nur am finnischen. Schon bald nach dem Erscheinen der EP und ersten
positiven Reaktionen in der einschlägigen finnischen Musikpresse und sogar aus
dem Ausland ging die Band daran, ihre Debüt LP aufzunehmen, ihre
englischsprachige Debüt LP wie gesagt. Pygmi Records war eine kleine Firma und
auch bereits so gut wie pleite, als die ersten Studio Sessions anstanden.
Dementsprechend chaotisch ging es zunächst zu. Man stand ständig unter
Zeitdruck und musste Studio Zeit nutzen, wenn gerade welche günstig zur
Verfügung stand. Etwas entspannte sich die Situation, als Euros Records in die
Bresche sprang und Riku Mattila, ein damals bereits erfahrener finnischer
Musiker und Produzent, für die Zusammenarbeit gewonnen werden konnte. Und so
wurde die Produktion der Platte im Frühjahr 1987 erfolgreich abgeschlossen. Die
drei Musiker, die Brüder P.K. (Gitarre, Gesang) und Asko (Bass, Keyboards)
sowie ihr Schulfreund Espe (Schlagzeug, Gesang), machten während dieser Zeit
enorme Fortschritte, d.h. sie lernten ständig hinzu, probten zum Teil wie die
Besessenen, und sie entdeckten andauernd neue Klänge und Spielweisen. Die LP
„The Kings Of Hong Kong“ ist einerseits noch stark von Sixties
Garage Beat geprägt. Asko war gerade dabei, die käsigen Töne seiner Farfisa
Orgel voll auszukosten. Andererseits weist die Platte aber bereits weit über
den Garage Horizont hinaus. Mit „Don’t Try To Tease Me“ findet
sich eine gelungene Hommage an Hank Williams Senior, dessen Platten P.K. gerade
erst kennen gelernt hatte, am Ende der ersten LP Seite. Und Espes
„Motorcycle Man“ kann den Einfluss der Velvet Underground nicht
leugnen. Was die LP zu etwas Besonderem macht, das ist die unglaubliche Spiel-
und Entdeckungsfreude der drei Musiker, die von Anfang an begierig waren, neue
Dinge zu probieren, unbekannte Wege zu beschreiten und dabei ständig
Musikhistorie auf- und abzuarbeiten. Der LP Titel ist übrigens der Tatsache
geschuldet, dass damals in Finnland (und vermutlich nicht nur dort) viele Dinge
des täglichen Gebrauchs „Made in Hong Kong“ waren. Die Band fand
das lustig. Und sie selbst waren demzufolge „The Kings Of Hong
Kong“. ****
22 Pistepirkko – Bare Bone Nest (LP, Bone Voyage)

Auf ihrer zweiten internationalen LP waren die
Marienkäfer zur Blues Combo mutiert. Aber natürlich nicht im traditionellen
Sinn Blues wie bei Muddy Waters, Lightnin’ Hopkins oder Captain
Beefheart. Die Jungs übernahmen jedoch diese hypnotische, vorwärts drängende
Spielweise, dieses sich wiegende Auf und Ab solcher Songs wie „I Wish You
Would“. Mit der Blues Adaption der britischen Musiker in den 1960er
Jahren hat das hier auch recht wenig zu tun. Nach eigener Aussage konnten die
Finnen das Spartanische, die archaischen Geschichten der alten Blues Songs und
diese raue Melancholie, zuweilen Tristesse, aufgrund ihrer Herkunft aus der
einsamen Kargheit des finnischen Nordens gut nachvollziehen. Obwohl diese Songs
von einem anderen Kontinent stammen, waren sie rein gefühlsmäßig gar nicht so
weit weg, sagt P.K. Beim Spielen der Blues Gitarre fühlt sich P.K.
ausgesprochen wohl, wie man hört. Doch treten bei ihm diverse andere Elemente
hinzu. Das Sir Douglas Quintett hatte in den 1980er Jahren mal in Oulu gespielt,
und Asko war dort und fasziniert von Sound und Spieltechnik der Band. Speziell
sein Orgel und Synthesizer Spiel auf dieser LP hier ist vom Cajun und Texmex
Sound zumindest inspiriert. Die LP entstand im Winter 1988/89 wieder in enger
Zusammenarbeit mit Riku Mattila, der auch bei dem einen oder anderen Track an
der Gitarre aushalf. Wieder ist eine sehr vielschichtige, vielseitige Platte
entstanden. Neben dem Blues gehört Country zum Repertoire dieser Platte, sowie
allerlei exotische Klänge von Tablas, Congas und vorproduzierten Tape-Loops.
Der Opener „Frankenstein“ wurde damals zu einem richtigen kleinen
„Indie“ Hit – auch hier in Berlin dank Radio 100. Die
ätherische Country Ballade „Shot Bayou“ ist überirdisch schön. Und
die wilde Entschlossenheit solcher Tracks wie „Save My Soul“
erinnert in der Tat an die Kompromisslosigkeit des leider kürzlich verstorbenen
Captain Beefheart. Höhepunkt dieser Kompromisslosigkeit ist der Titelsong
„Bare Bone Nest“ am Ende der LP. Eine an Sonic Youth geschulte
Klangcollage aus Feedback und Fuzz Kaskaden. Alles mit Gitarren und ihren
Verstärkern und Effektgeräten erzeugt. Lediglich die Marseillaise und das Star
Spangled Banner wurden vom Band zugespielt. Grandios! Die LP erschien 1989 auf
dem eigens von Universal Finnland für solche Zwecke gegründeten Label Spirit.
Die Re-Issues auf Bone Voyage wurden übrigens von den analogen Originalbändern
gemastert. Covergestaltung und Liner Notes sind neu, die originalen Cover als
Faksimile beigefügt. Bare Bone Nest LP ****1/2
Various Artists – Die
Bremer Beatmusikanten (CD, Bear Family, www.bear-family.com)
Ihr erinnert euch bestimmt
an die “Smash! Boom! Bang!“ CD Reihe von Bear Family Records, diese
umfangreiche und unvergleichliche Dokumentation der Beatmusik der 60er Jahre in
Deutschland. Hier gibt es nun einen kleinen Nachschlag. Sieben Beat Bands aus
Bremen werden auf dieser CD vorgestellt und zum Teil erstmals ausführlicher
dokumentiert. Mit dabei sind die Germans,
deren Single „Angelique“ ich blöderweise vor vielen Jahren auf
einer Plattenbörse verkauft habe. Ihre Debüt 7“ „Mein Hobby sind
die Girls“ ist auch nicht so übel. Noch besser gefallen mir aber die Mushroams, deren „Dely“ ein
richtiger Ohrwurm ist und sich hinter britischen Beat Singles des Jahres 1965
nicht zu verstecken braucht. Auch die Pipelines
gehören zu den durchaus hörenswerten Kapellen dieser Auswahl. Ihre deutsche
Version des Renegades Hits „Cadillac“ hatte ich schon völlig
vergessen. Der Rest auf der CD von den Yankees
(Live Aufnahmen, die bereits auf ihrer Best of CD 2001 erschienen) und solchen
Bierzelt Combos wie den Rascals, Bobbies und Five Spots hat allenfalls dokumentarischen Wert. Die ausführlichen Liner
Notes stammen von einem gewissen Detlef Michelers. Hans-Jürgen Klitsch, der
sonst immer die kenntnisreichen und zuverlässigen Biographien lieferte, war
wohl verhindert. Oder was war los, Hans-Jürgen? Eine Bewertung ist bei so einem
Sampler natürlich nur für die einzelnen Tracks möglich. Und von ***1/2 für
„Dely“ bis zu * für die Live Tracks der Rascals ist alles drin. Mehr aber nicht.
Spiritualized
– Ladies and Gentlemen We Are Floating in Space (DoLP, Dedicated,
1997)
Diese Doppel-LP gilt
vollkommen zu recht als das zentrale Werk der Band um Jason Pierce. Aus
Gründen, die ich nicht mehr nachvollziehen kann, ging die Scheibe im Jahr ihres
Erscheinens vollkommen an mir vorbei. Und so war ich hoch erfreut, als nun in
diesem Jahr ein Vinyl Re-Issue erschien. Spiritualized ging aus The Spacemen 3
hervor, die Ende der 1980er Jahre zu den bekanntesten Space Rock und Trance
Bands des UK gehörten. Ihre Musik klang meist so, als wären Musiker und
Toningenieur völlig stoned gewesen im Studio und letzterer nahm die Session mit
halber Geschwindigkeit auf. Ein bisschen so klingt auch diese Platte noch. Doch
ist das hier nun weit mehr, als Trance Rock von Shoegazern für zugedröhnte
Kiffer. Allein die umfangreiche Instrumentierung mit diversen elektrischen
Gitarren, Keyboards, verschiedenen Streich-, Blas-, und Zupfinstrumenten und
nicht zuletzt dem London Community Gospel Chor weist über schlichten Space Rock
weit hinaus. Aber natürlich ist es eine Platte, die im Club oder in der Disco
ihre Wirkung genauso entfaltet, wie daheim unter Kopfhörern oder über die
Wohnzimmeranlage genossen. Anders als Radioheads „Ok Computer“, das
im gleichen Jahr erschien und zumeist die Top Listen anführte, vermittelt diese
Platte eine geradezu majestätische Erhabenheit, deren Wirkung sich
kontinuierlich steigert, ohne durch Brüche oder melancholische Wendungen
gestört zu werden. Es mag seltsam klingen, aber diese Platte hier ist viel eher
im Blues und im ursprünglichen R&B geerdet, als der Neo-Prog von Radiohead
u.a. Nicht zuletzt beim Opus Magnum des Albums, dem 17 minütigen „Cop
Shoot Cop“, wird das deutlich. Und hier ist ja auch Dr. John als Gast am
Piano und Mikrofon dabei. Alles in allem ist „Ladies and
Gentlemen…“ ein psychedelisches Gospel Album über die Liebe und den
Drogenmissbrauch. Bei aller Erhabenheit ist es doch auch wild und ekstatisch.
Ein Wahnsinnsalbum. ****
Mike &
The Ravens
Salla Day aus Finnland, die damals noch mit der Gruppe
Branded Women gemeinsam musizierte, traf
bei einem USA Aufenthalt vor ein paar Jahren auf Mike Brassard und Steve
Blodgett, die in den frühen Sixties mit der Band Mike & The Ravens im Nordosten der USA aktiv waren. Salla und
die beiden älteren Herren, die gut und gern ihre Väter sein könnten, schlossen
Freundschaft, und bei ihrer Rückkehr nach Finnland verließ Salla die Branded
Women und gründete eine neue Band Them
Bird Things, deren Repertoire ausschließlich aus Songs der beiden
Songwriter Senioren besteht. Für das Debütalbum von Them Bird Things wurde
„Like A Fire“ aufgenommen, das Mike & The Ravens bereits 1962
live im Rollerland in Plattsburgh, New York, spielten. Die anderen Songs wurden
von Mike und Steve zumeist neu für Them Bird Things geschrieben. Auf dem
aktuellen zweiten Album stammen wieder alle Songs aus der Feder der Herren
Brassard und Blodgett, die übrigens auch an den Aufnahmen zur Platte unter der
Regie des Musikjournalisten und Produzenten Will Shade beteiligt waren. Shade
war es auch, der Salla ursprünglich mit Mike und Steve bekannt machte. Einer
der Songs auf dem Album „Wildlike Wonder“, nämlich
„Underground“, wurde von Mike und Steve bereits 1967 als Single auf
Decca unter dem Namen Fire &
Brimstone veröffentlicht. Und diese Single wurde von einem gewissen Terry
Phillips produziert, der seinerseits kurz darauf mit einem gewissen Jimmy
Curtiss Perception Productions gründete. So schließen sich Kreise! Und zu allem
Überfluss muss ich feststellen, dass die beiden Songs jener Fire &
Brimstone 7“ zwei Jahre später auf der New Hobbits LP von Jimmy Curtiss
wieder auftauchen. Nun weiß ich auch, warum mir „Underground“
sofort so vertraut und bekannt vorkam. Aber zurück zu Mike & The Ravens.
Die Band wurde Ende der 1950er Jahre als Mike & The Throbs gegründet. Ab
1962 spielten sie unter dem neuen Namen Mike & The Ravens (inspiriert von
der Lektüre der Werke Edgar Allan Poes) regelmäßig bei Schulfesten und in
solchen Lokalen wie dem Rollerland in Plattsburgh, NY, oder The Saxony im
benachbarten Vermont. Drei Singles erschienen auf dem lokalen Label Empire
Records. Ihre Hymne an das örtliche Venue „Rollerland“ war nicht
darunter. Den nahmen stattdessen etwas später The Twilighters auf und machten
ihn zum Garage Punk Klassiker. Das Ende der Ravens war besiegelt, nachdem Steve
zusammen mit ihrem Bassisten Brian Lyford und Drummer Peter Young in die
örtliche Stowe Community
Church eingebrochen war und über die Verstärkeranlage
des Gotteshauses um Mitternacht Rock’n’Roll Platten in voller
Lautstärke abgespielt hatte. Die Jungs wurden zu Jugendarrest verdonnert und
danach von ihren erbosten Eltern auf verschiedene Colleges geschickt. Mike und
Steve blieben jedoch über die Jahre in Kontakt, musizierten wie gesagt als Fire
& Brimstone zusammen und spielten u.a. auch mit ihrem ex-Bassisten Brian einige
bis heute unveröffentlichte Tracks ein. Will Shade brachte die Band Mike &
The Ravens dann im Jahr 2005 wieder zusammen. Mittlerweile hat die Band unter
seiner Regie zwei Alben mit alten und neuen Songs aufgenommen und
veröffentlicht. Dass die Herren inzwischen alle bereits im Rentenalter sind,
hört man diesen Aufnahmen nicht an. Solider, kraftvoller
Rock’n’Roll ganz im Stil der Sonics, frühen Pretty Things oder
jüngerer Bands wie The Untamed Youth ertönt da aus den Lautsprechern. Erschienen
sind „Noisy Boys! The Saxony Sessions“ (CD, Zoho Roots, 2008), das
nur ganz alte Songs der Band enthält, und „No Place For Pretty“
(CD, Zoho Roots, 2009) mit weiteren Mike & The Ravens Songs in aktuellen
Aufnahmen aber natürlich auf Vintage Equipment. Bei Dionysus Records erschien
2005 in der Reihe Bacchus Archives eine Doppel-CD mit Archiv Material von Mike
& The Ravens sowie Fire & Brimstone inklusive aller damals
veröffentlichten Singles, aber auch mit Live und Demo Sessions. Kompiliert
wurde diese CD von Will Shade.
Amazing
Blondel – Evensong (LP, Island,
1970)
Die Band kenne ich
eigentlich auch schon seit fast 40 Jahren, zumindest dem Namen nach. Und als
ich nun diese LP (ihr zweites Album) hörte, merkte ich, dass ich die Musik schon lange kenne. Muss ich damals also auch
schon mal irgendwo gehört haben, obwohl ich nie Platten der Gruppe besaß.
Amazing Blondel waren zunächst ein Duo, das typisch britischen Pop spielte.
Ihre erste LP – die ich allerdings nicht kenne – soll noch
überwiegend diesen leichtgewichtigen Britpop enthalten. Hier waren sie bereits
zu dritt und sehr bemüht, wie eine traditionelle elisabethanische Musikgruppe
zu klingen, oder zumindest so wie sie sich traditionelle Musik des 16.
Jahrhunderts vorstellten. Dazu gehört, dass sie auf allerlei alten
überlieferten Instrumenten spielen: Krummhorn, Laute, Dulcimer, Flöten,
Theorbe, Harpsichord u.a. Ihre Songs sind allesamt selbst komponiert,
orientieren sich aber an klassischer englischer Folkmusic oder eigentlich eher
spätmittelalterlicher und Renaissance Musik, also letztlich doch Kunstmusik.
Das hat also mit der Musik, die von Gruppen wie Pentangle, Fairport Convention,
Steeleye Span u.a. zur gleichen Zeit gespielt wurde, nur bedingt etwas zu tun.
Zu jener Zeit waren Amazing Blondel übrigens nicht die einzigen, die so etwas
versuchten. Aber so weit ich weiß, waren sie die Bekanntesten und wohl auch die
Überzeugendsten. Ich bin bestimmt kein Experte auf diesem Gebiet, doch klingt
diese Platte für mich sehr schön nach solcher Musik, die womöglich schon
Shakespeare zur Entspannung und Erbauung hörte. Wie auch immer, die Melodien
sind überwiegend sehr angenehm, Gesang und Arrangement umschmeicheln das Ohr.
Auch die beiden folgenden LPs, „Fantasia Lindum“ und
„England“, setzten diesen Pseudo Renaissance Stil fort und
kultivierten ihn noch üppiger. Erst nach Weggang von John Gladwin 1973 wurde
die Musik der Band, die sich fortan nur noch Blondel nannte, rockiger.
„Evensong“ findet man relativ leicht auch für kleines Geld. ***1/2
Cleaners
From Venus – Under Wartime Conditions (LP, Modell Records, 1985)
Eine auf ganz andere Art
typisch englische Platte ist diese LP, die übrigens in England nie offiziell
erschienen ist. Nicht als LP jedenfalls. Die Cleaners From Venus und vor allem
ihr Mastermind Martin Newell waren Teil der Cassette Culture, einer
musikalischen Untergrund Bewegung, die ihre Musik ausschließlich auf selbst
kopierten Tapes zirkulieren ließ. In diesem Zusammenhang kann ich übrigens zwei
Bücher nur wärmstens empfehlen, die ich in Guitars Galore auch schon vor Jahren
besprochen habe. Das ist zum einen „Ein Junge aus den Home
Counties“ von Armin Müller, der darin akribisch die Geschichte von Martin
Newell und den Cleaners From Venus erzählt, und zum anderen „This Little
Ziggy“, die Autobiographie von Martin Newell, die bei House Of Stratus
2001 erschien. Ich will deshalb hier auch nicht weiter auf Martins Geschichte
eingehen. Nur so viel, er spielte bereits in den 1970ern in einer Glam Rock
Band und scheiterte grandios mit seiner Version von Prog, als alle Welt Punk
und New Wave hörte. Eine Außenseiter und Eigenbrötler par excellence also. Seit
Ende 1980 hatte Newell unter dem Namen Cleaners From Venus Musik produziert und
Tapes veröffentlicht, meist allein, zum Teil gemeinsam mit einem gewissen
Lawrence Elliot. Dieser verschrobene, liebenswerte Britpop aus dem Untergrund
erfreute sich in Westdeutschland einer gewissen Beliebtheit in so genannten
„Indie“ Kreisen. Und so kam es, dass „Under Wartime
Conditions“ hier als LP erschien, während sich in London kaum jemand für
Martins Tapes interessierte. Die Aufnahmen entstanden im Frühjahr 1984 im
sprichwörtlichen Bedroom mithilfe einer TEAC 144 Bandmaschine. Demzufolge gibt
es meist kein richtiges Schlagzeug, aber die Rhythmusmaschine und die einfallsreiche
Percussion ersetzen es, ohne dass es unangenehm auffällt. Die Songs stehen wie
gesagt in einer typisch britischen Pop Tradition, die bei der Music Hall
beginnt, Sixties Swinging London reflektiert und ähnlich wie bei Andy Partridge
vor neuen Experimenten nicht halt macht. Songs wie „Summer In A Small
Town“, Lukewarm Lovesong”, “Drowning Butterflies”,
„Johnny The Moondog Is Dead“ oder der herausragende “Song For
Syd Barrett”, all das ist einfach wundervoll anzuhören. Verbunden sind
die Tracks durch kleine Gesprächsfetzen, die den persönlichen Charakter der
Platte noch erhöhen. Newell arbeitete in der Folge mit Giles Smith zusammen,
den man heute vor allem als Autor von „Lost In Music“ kennt. RCA
Hamburg nahm die Cleaners unter Vertrag und veröffentlichte zwei LPs nur in
Deutschland, die besser produziert waren, ohne den Charme der Musik weg zu
polieren. Letztlich ein beiderseitiger Irrtum,
wie man im Nachhinein konstatieren kann. Diese LP hier ist zwar nicht
häufig, aber auch nicht wirklich teuer. ****
Nirvana
– All Of Us (LP, Island, 1968)
Neben den britischen
Kaleidoscope und der Band Tomorrow ist Nirvana eigentlich die Formation, deren
Musik den Prototyp britischen Psych Pops darstellt. Und ihre zweite LP
„All Of Us“ ist für mich eine der gelungensten und geschlossensten
Platten des Pop im Jahr 1968. Nirvana, das waren damals der irische Musiker
Patrick Campbell-Lyons und der griechische Komponist und Arrangeur Alex
Spyropolous. Ihr Debütalbum „The Story Of Simon Simonpath“ (das ich
leider nicht besitze) erschien im Oktober 1967 und war damit noch vor
„S.F. Sorrow“, „Arthur“ und „Tommy“ das
erste Konzeptalbum der Popmusik. „Rainbow Chaser“, der Opener aus
„All Of Us“ erschien als zweite Single des Albums und wurde der
größte Charterfolg der Band. Ich sah sie damit im Beat Club, wo sie den Titel
natürlich nicht live spielten, sondern ein kollagenhafter psychedelischer
Kurzfilm gezeigt wurde. Vorläufer der Video Kultur also. Die LP „All Of
Us“ enthält keinen Ausfall. Kein Song ist weniger als hörenswert, einige
sind großartig! Dabei ist die Musik im Rahmen des Genres recht vielseitig.
Orchester Arrangements wechseln mit kleiner Bandbesetzung. Schwärmerische
Harmonien, jubilierende Chöre wechseln mit Harpsichord, Spinett, Flöte,
akustischen Gitarren sowie zeittypischen Sound Effekten wie Phasing und
Flanging. Eingespielt wurde das alles natürlich von Top Session Musikern und
Orchestern. Und so war Nirvana eigentlich nicht in der Lage, diese Musik live
zu präsentieren, was damals ein gewisses Manko gewesen sein mag. Produziert
wurde die LP, wie schon der Vorgänger, von Chris Blackwell, dem ich solch
starke Pop Affinität gar nicht zugetraut hätte. Im Original ist die LP nur für
einen dreistelligen Betrag zu finden. ****1/2
Ismo Alanko – Kun Suomi Putos Puusta (LP/CD, Seal On
Velvet, 1990)
Es ist vermutlich fast
unmöglich, die Bedeutung und Eindringlichkeit dieser Platte jemandem klar zu
machen, der weder Finnisch versteht noch mit Finnland allgemein etwas
vertrauter ist. Versuchen will ich es trotzdem. Ismo Alanko macht seit seinem
14. Lebensjahr Musik. Er stammt aus Kuopio in Ostfinnland. Seine erste Band war
Hassisen Kone. 1978 gegründet und schnell vom Punk zu einer der besten New Wave
Bands in Finnland geworden, löste Alanko die Band 1982 bereits wieder auf. In
den 80er Jahren war er mit Sielun Veljet unterwegs, die von Industrial Rock
über Funk Crossover bis zu Zappa affiner Psychedelia alles ausprobierten
inklusive eher missglückter Ausflüge zu Klezmer und anderer jiddischer Musik.
Das hier ist also Alankos erstes Solo Album, das zudem in einer Zeit großer
politischer und gesellschaftlicher Umbrüche entstand. Um es kurz zu machen, es
ist seine Reaktion auf diese Veränderungen, seine Beschreibung der Wende in
Finnland. Denn Finnland war sehr stark betroffen von der Wende in Europa. Die
sicheren wirtschaftlichen Beziehungen zur Sowjetunion brachen über Nacht weg.
Ganze Industriezweige brachen fast völlig zusammen. Tausende wurden in der
Folge arbeitslos. Finnland musste sich – zum Teil wenigstens –
vollkommen neu orientieren. Davon erzählen die Songs dieser Platte auf eine
sehr poetische und zum Teil skurrile Weise. Zugleich ist es wohl auch eine Art
persönliche Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Ismo Alankos Geschichte in
erster Linie, aber auch die seiner Heimat. Kun Suomi Putos Puusta, als Finnland
vom Baum fiel, so heißt das Album und auch der Titelsong, der sehr schön
beschreibt, wie die Finnen mit der so unerwartet und plötzlich über sie
kommenden Veränderung umgehen und wie sie – nicht fatalistisch –
aber doch letztlich unaufgeregt ihr Schicksal annehmen und meistern.
Musikalisch ist die Platte sehr abwechslungsreich. Während der Titeltrack eine
leicht verschrobene Ballade zwischen altem Folksong und avantgardistischem
Chanson ist, gibt es auch Polka, die in Finnland Humppa heißt, wie wir
spätestens seit der Gruppe Eläkeläiset wissen. Es gibt Klangcollagen, die in
Alankos Industrialzeit verweisen. Es gibt weitere Balladen, die zumindest
oberflächlich betrachtet eine Nähe zum Gothic Rock à la The Cure vermuten
lassen. Natürlich sind die Texte zum Verständnis des Ganzen eigentlich
unverzichtbar. Aber erstens ist Alankos Stimme unvergleichlich beeindruckend in
ihrem Ausdruck und zweitens vermittelt natürlich auch schon die Musik ein
Gefühl, das zwischen Verdruss und Zweifel auf der einen sowie Hoffnung und
Begeisterung auf der anderen Seite alle Facetten durchläuft. Einer der
eindringlichsten Tracks ist Hetki Hautausmaalla (ein Moment auf dem Friedhof),
den Alanko bereits 1978 am Grab eines verstorbenen Freundes live aufnahm. Nur
seine sonore Stimme im schamanischen Singsang, im Hintergrund Donnergrollen
eines nahenden Gewitters. Das Stück Meidän Isä (unser Vater) nimmt musikalisch
einiges an zeitgenössischem Gothic Rock solcher Bands wie HIM vorweg. Und natürlich
ist es viel überzeugender als jene später je waren. Eine altmodische fast
traditionelle Humppa Melodie auf traditionellen Instrumenten gespielt
beschließt dieses ungewöhnliche und großartige Album. Es wurde in Finnland mit
Preisen ausgezeichnet und verkaufte sich ca. 30.000 mal (das entspräche einer
halben Million in Deutschland). *****
Matching
Mole – s/t (LP, CBS, 1972)
Durch meine Beschäftigung
mit der Canterbury Szene in den letzten Wochen stieß ich auch auf diese LP, die
ich damals immer in den Grabbelkisten stehen ließ, obwohl sie doch so ein
hübsches an Kinderbücher erinnerndes Cover hat. Die Band wurde von Robert Wyatt
gegründet. Mit dabei war u.a. auch der Gitarrist David Sinclair, der zuvor bei
Caravan spielte. Der Bandname entstand als Verballhornung der französischen
Übersetzung von Soft Machine (bei der Wyatt zuvor trommelte) „Machine
molle“. Diese Platte hier verbindet denn auch die ausufernde an Free Jazz
orientierte Musik von Soft Machine mit dem eher songorientierten psychedelischen
Pop der frühen Caravan. Der Album Opener „O Caroline“ ist ein
wunderbares verträumtes Liebeslied, das Wyatt für seine damalige Freundin
schrieb. Dies bleibt jedoch das konventionellste Stück auf der Platte. Die fast
ausschließlich von Wyatt komponierten Stücke lassen zwar viel Raum für
Improvisation und folgen nur bedingt traditionellen Strukturen, aber sie nähern
sich eigentlich nie dem anstrengenden Free Jazz, den Soft Machine ab ihrem
zweiten Album pflegten. Eher klingt das hier wie die experimentelleren Sachen
von Pink Floyds „Ummagumma“ oder auch einzelne Stücke von Robert
Fripp bei King Crimson. Es ist eine sehr zeittypische Platte, bei der das
Mellotron häufig auf äußerst kluge und überzeugende Weise zum Einsatz kommt. Es
wird wenig gesungen, was diejenigen freuen wird, die wie ich mit Wyatts Stimme
Probleme haben. Manche der improvisierten Klangcollagen erinnern mich sogar an
Tangerine Dream. Keine Ahnung wer da bei wem Inspirationen geholt hat. Ist
vielleicht auch Zufall. Und natürlich merkt man auch, dass der Hauptkompositeur
vor allem Schlagzeuger ist. Allerlei perkussive Elemente bis hin zum beinahe
schon traditionellen Drumsolo sind zu hören. Hätte ich diese Platte damals
kennen gelernt, sie gehörte heute womöglich zu meinen Highlights jener Zeit.
Aber auch so bietet sie mir genug Hörgenuss, um bei passender Gelegenheit
wieder aufgelegt zu werden. ***1/2
Indian
Summer – s/t (LP, RCA Neon,
1971)
Eigentlich ist es ja zu
früh für den Indian Summer, der in den USA je nach Quelle so zwischen Ende
September und Anfang November eintritt. Aber um die namensgebende Jahreszeit
geht es hier eh nicht. Die Band Indian Summer stammt aus Coventry und wurde
1969 gegründet. Das hier ist ihr einziges Album, erschienen 1971 auf dem Prog
Label von RCA Neon. Eine sehr typische britische Prog Rock Scheibe, die von
allen damals erfolgreichen Bands so ein bisschen hat. Der Gesang erinnert
sowohl an Uriah Heeps David Byron wie an Deep Purples Ian Gillan. Die
improvisiert wirkenden Keyboard Passagen lassen mich ebenfalls an Deep Purple
aber auch an Steve Winwood denken. Über weite Strecken wirkt diese LP wie eine
Fingerübung in typischem Prog Rock. Die üblichen Sounds, die Gitarren Keyboard
Duelle, die mäandernden Passagen und die breiten Klangflächen, alles ist da.
Basis ist ein typisch britischer Hardrock mit Ausflügen zu symphonischem Rock
aber auch jazzigen Exkursen vor allem vom Gitarristen. Was fehlt sind
herausragende Songs, ungewöhnliche Arrangements oder sonst irgendwas
Überraschendes, Ungewöhnliches. Diese Platte ist ein vollkommen
durchschnittliche Prog Rock Scheibe ohne Höhepunkte. Einzig der Opener
„God Is The Dog“ und das Instrumental „From The Film Of The
Same Name“ heben sich ein wenig ab vom Rest, der gefällig unauffällig dahinfließt
um nicht zu sagen plätschert. Hätte ich die Platte schon damals gekannt, wäre
ich vermutlich ein wenig begeisterter. So werde ich sie wohl früher oder später
wieder verkaufen. ***
Barbara
Keith – s/t (LP, Reprise
Records, 1972)
Auf diese Sängerin aus der New
Yorker Boheme der späten Sixties um das Café Wha? wurde ich letztlich durch das
Leserforum des deutschen Rolling Stone aufmerksam. Ihre frühen Folk Platten
kenne ich so wenig wie die LP der Band Kangaroo, auf der sie mit einem Song und
Backing Vocals vertreten ist. Diese LP von 1971 ist allerdings eine tolle
Entdeckung. Folkrock ist eine unzureichende Beschreibung. Das hier ist eine
tolle Singer/Songwriter Platte, die sich ohne Weiteres in eine Reihe mit den
großartigen LPs jener Jahre von Joni Mitchell, Delaney & Bonnie und Lowell
Georges Little Feat stellen lässt. George taucht hier übrigens als Gitarrist
auf. Und auch andere renommierte Musiker von Jim Keltner bis Spooner Oldham
spielen hier mit. Warum Mrs. Keith mit der Produktion nicht zufrieden war,
ihren Vorschuss zurück gab und darauf gänzlich aus dem Musik Biz verschwand,
ist nicht nur mir vollkommen unverständlich. In allen Reviews, die ich fand,
wird ihre kräftige ausdrucksstarke Stimme und ihr ausgereiftes Songwriting
gelobt. Dem kann ich mich nur anschließen. Diese Musik bewegt sich souverän
zwischen denn Idiomen, Blues, Folk, Country und Rock. Einzig der Opener
„All Along The Watchtower“ ist eine Fremdkomposition. Die
Interpretation ist eher an die von Jimi Hendrix als an Dylans Original angelehnt.
Aber eigentlich ist es eine vollkommen eigene auf ihre Art überzeugende
Version, die das mystische, hintersinnige des kryptischen Textes vortrefflich
unterstützt. Wie gesagt eine wunderbare Platte, die zudem gar nicht so schwer
zu finden war und auch im Original mit rund 15 US Dollar durchaus erschwinglich
ist. Feine
Sache! ****
The Fox – For Fox Sake (LP, Flash Records)
Kennen gelernt habe ich diese Band vor über 20 Jahren
durch die wunderbare Rubble Compilation Reihe auf Bam Caruso Records. Die
B-Seite ihrer einzigen Single „Butterfly“ war da enthalten. Ihre LP
erschien wie die Single 1970 bei Fontana. Für ihren fröhlichen, lockeren Psych
Pop, der ein wenig an die englischen Kaleidoscope erinnert, war es da
vermutlich schon viel zu spät. Hervorgegangen sind The Fox aus einer 1965 in
Brighton gegründeten Band namens The Beatroute. Ihr Line-Up veränderte sich
mehrfach und ihr Sound entwickelte sich gegen Ende der Sixties zu dem mild
psychedelischen Folkrock, R&B und Pop, der hier zu hören ist. Die Band
hatte in ihrem Heimatort regelmäßig live gespielt und fast jeden bekannten Act
supportet, der nach Brighton kam, von The Herd über Cream bis zu David Bowie.
Nach und nach verschwanden die Coverversionen aus ihrem Programm, und es wurde
schließlich fast nur noch eigenes Material gespielt. Als sie dann Anfang 1970
die Gelegenheit bekamen, in London einige Demos aufzunehmen (so dachten sie
jedenfalls), waren sie bestens eingespielt, und die Aufnahmen waren nach knapp
24 Stunden und nur wenigen Overdubs im Kasten. Ihr Management lizenzierte die
LP an Fontana. Eine Single wurde ausgekoppelt, bekam allerdings kaum Airplay,
und auch die Reviews waren dünn gesät. Nur in Brighton erschien ein Rave Review
in einer Lokalzeitung. Dennoch kam es sogar zu einer Lizenzveröffentlichung in
USA. Das Management von The Fox war dann aber schwer mit seinen anderen
Schützlingen Black Sabbath beschäftigt, deren Erfolg gerade durch die Decke
ging. Die Band The Fox löste sich relativ bald aus Mangel an Erfolg auf. Die
hier – leider nicht im Originalcover – wiederveröffentlichte LP
zerfällt in zwei, eigentlich sogar drei Teile. Da ist zunächst der Folkrock
inspirierte Psych Pop, der Seite Eins dominiert. Die Singletracks
„Secondhand Love“ und Butterfly“ gehören dazu ebenso wie
„Lovely Day“ oder „Look In The Sky“. Dann gibt es eher
R&B inspirierte Tracks wie „Goodtime Music“ mit Bluesgitarre
und Honky Tonk Piano. Und schließlich ist da noch „Madame Magical“,
ein 10-minütiges Rock Stück, das ein wenig an die Canterbury Szene erinnert und
die LP würdig beschließt. Diese Vielseitigkeit ist es, die einen heute am
meisten erstaunt. Es lohnt sich durchaus, The Fox neu zu entdecken. ***1/2
Pererin – Haul ar yr Eira (LP, Guerssen Records)
Ursprünglich war Pererin eine Progrock Band. Gegründet
in Bangor, Wales, Ende der 1970er Jahre, als die Zeichen der Musikwelt eher auf
Punk oder Disco standen. Durch die Bekanntschaft mit dem bretonischen Musiker
Alain Stivell, entschied man sich jedoch bald, ebenfalls eher traditionelle
Musik zu spielen. So entstand eine spannende Mischung aus walisischer Folkmusik
und angloamerikanischem Folkrock mit rudimentären Prog Einflüssen. Ich erinnere
mich, dass ich damals Ende der 70er neben Punk und New Wave auch
zeitgenössischen Folk und Folkrock aus verschiedenen Regionen Europas hörte.
Die Debüt LP von Pererin erschien 1980 jedoch in nur 500er Auflage auf einem
kleinen lokalen Label, dessen Kontakte offenbar nicht bis nach Berlin reichten.
Nun hat das spanische Label Guerssen diese LP wieder zugänglich gemacht. Ich
höre sie also zum ersten Mal. Spontan erinnert die Musik an den britischen Folk
und Folkrock der frühen 70er. Neben akustischen und elektrischen Gitarren,
elektrischer Orgel, Bass und Schlagzeug werden allerdings auch traditionelle
walisische Instrumente gespielt. Und schließlich sorgt der Einsatz von
Mellotron und Effektgeräten dafür, dass die Musik einen leichten
psychedelischen Touch bekommt. Von Prog ist eigentlich nichts zu bemerken. Sehr
schön ist der Wechsel zwischen der weiblichen glasklaren Sopranstimme und dem
männlichen Tenor. Beide hervorragende Vokalisten. Die Platte erinnert wie
gesagt eher an den pastoralen Folkrock solcher Bands wie Pentangle. Flöten,
Violine und Mandoline runden das Bild. Seltsamerweise muss ich sogar an Pekka
Streng aus Finnland und seine psychedelische Folkmusic denken, wenn ich das
hier höre. Ich verstehe zwar kein Wort, das hier gesungen wird, aber allein die
Musik nimmt mich gefangen in ihrer beruhigenden Schönheit. ****
Gypsy – s/t (DoLP, Metromedia, www.gypsy-queen.net)
Durch das Leserforum des Rolling Stone wurde ich auf
diese Band und Platte aufmerksam. Und nun habe ich die originale Debüt
Doppel-LP der Band relativ günstig bei eBay erstanden. Neugierig gemacht hat
mich zunächst das Cover, das – typisch für Zeit und Ort – ein
Frauenporträt des tschechischen Jugendstil Malers Alfons Mucha verwendet. Die
Band stammt ursprünglich aus Minnesota, war aber 1969/70 die Hausband im
„Whisky A Go Go“ in Hollywood. Ihre erste Single „Gypsy
Queen“ wurde im Sommer 1970 in den Billboard Charts notiert. Das
Doppelalbum „Gypsy“ erschien im selben Jahr. Die Musik darauf ist
ausgesprochen zeittypisch. Auch wenn die Band heute als Progressive Act
bezeichnet wird, ist sie eher eine typische Westcoast Band mit einem Hang zu
schönen, gefälligen Sounds und Harmonien. Die Songs wurden überwiegend vom
inzwischen verstorbenen Gitarristen der Band Enrico Rosenbaum geschrieben.
Zusammen mit dem Keyboarder Joe Walsh zeichnete er auch für Arrangements und
Produktion verantwortlich. Die Stücke auf dem Debüt sind meist recht komplex.
Klassische Songstrukturen werden ergänzt durch immer wieder prägnante Solo
Passagen von Gitarre oder Orgel, die jedoch nie ausufern oder zum Selbstzweck
verkommen. Immer wieder gibt es sehr schöne Vokal Harmonien, die an Beach Boys
oder reine Vokal Gruppen wie The Fifth Dimension erinnern. Streicher
Arrangements treten hier und da hinzu, und bei den längeren Tracks –
immerhin drei der 13 Tracks auf dem Album sind deutlich über sechs Minuten lang
– gibt es dann auch diese für Prog Rock typischen mäandernden Keyboard
Passagen, die aber immer in sehr schöne Vokal Parts münden und den Eindruck von
Hippie Harmonie und Seligkeit noch bestärken. Songwriting und Arrangement sind
letztlich näher and Crosby, Stills & Nash als an Genesis. Die komplexen
Streicher und Keyboard Passagen bei „The Vision“ zum Beispiel
erinnern eher an Broadway Musicals als an die fantastischen Visionen britischer
Prog Rocker. Auch der längste Track der Platte „Dead And Gone“
beginnt zunächst als flotte Westcoast Folkrock Nummer, um dann im zweiten Teil
Tempo und Stimmung deutlich zu drosseln mit ruhigen Keyboard Clustern.
Schließlich werden beide Stränge am Ende zu einem vereint, was bei mir
Erinnerungen an „It’s A Beautiful Day“ beschwört. Beim
letzten Track der LP werden dann noch mal alle Register gezogen. Es ist der
bombastischste und eigentlich musikalisch übertriebenste Track der Platte mit
heftigem Phasing auf dem Drums nach dem Vorbild von „In-A-Gadda-Da-Vida“.
Auch wenn mir die kürzeren Stücke eher zusagen, diese Platte ist ein gelungenes
Gesamtkunstwerk. ***1/2
Varjo – Viimeinen Näytös
(LP/CD,
Stupido Records, www.myspace.com/varjoyhtye)
Um eine Wiederveröffentlichung handelt es sich hierbei ja nicht, so
dass diese Platte eigentlich auch unter Neuheiten besprochen werden könnte.
Dass ich sie dennoch in dieser Rubrik vorstelle, liegt daran, dass es sich um
historische Aufnahmen einer Band handelt, die so nicht mehr existiert, weil
eines ihrer wichtigsten Mitglieder auf tragische Weise ums Leben kam. Das mutet
fast schon makaber an, wenn man weiß, dass Varjo die führende finnische Gothic
Band der 90er Jahre waren. Post Punk und Gothic Rock war und ist in Finnland
schon seit den frühen 1980er Jahren sehr beliebt. Natürlicherweise, möchte man
beinahe denken, denn eine gewisse Schwermut und Düsternis wird der finnischen
Volksseele immer schon nachgesagt. Ein großer Teil der Bands in Finnland singt
traditionell in der Muttersprache. Man kann sich darin besser ausdrücken, und
auch das heimische Publikum favorisiert Texte, die es versteht. In den 90er
Jahren wurde dann allerdings auch von Post Punk Musikern häufiger die englische
Sprache verwendet, nicht zuletzt zur Steigerung der Vermarktungschancen im
Ausland. Insofern war die Entscheidung für die finnische Sprache bei der
Gründung von Varjo 1994 eher untypisch. Varjo bedeutet Schatten; und
musikalisch bewegt sich die Band denn auch von Anfang an in einem Spannungsfeld
zwischen Joy Division, Bauhaus, The Cure, Killing Joke und anderen klassischen
Vertretern der britischen Gothic Szene. Mit neueren Gothic Bands, ob in
Skandinavien oder anderswo, verband sie eigentlich nur die Berufung auf gleiche
Vorbilder. Die Musik sowie die Texte von Varjo sind also in diesem Sinne sehr
traditionell und frei von Theatralik und spinnertem Firlefanz. „Viimeinen
Näytös“ (die letzte Vorstellung) ist das vierte und letzte Album der
Band. Eingespielt wurde die Platte im Wesentlichen nach dem Unfalltod des
Gitarristen Henry Waldén im Jahr 2008 von den verbliebenen drei
Bandmitgliedern, von denen wiederum nur Antti Lautala (voc, git, keyb) als
einziger schon bei der Gründung der Band dabei war. Ja er war es, der die Band
mit seinem Freund Henry 1994 gründete. Bereits vor Henrys Tod hatte die Gruppe
einen Mitmusiker durch Tod verloren. Einer der zeitweiligen Keyboarder der Band
verschwand 2007 spurlos und wurde über ein Jahr später tot aufgefunden. Deshalb
thematisieren einige der Songs auf dem Album, das bereits vor Henrys Tod
weitgehend fertig geschrieben war, Verlust, Trauer und Tod. Musikalisch wie
gesagt stark an den Klassikern des Genres orientiert. Mitunter gibt es ein paar
Ambient Anklänge. Auch wenn man die Texte nicht versteht, kann man sich von der
Atmosphäre dieser Platte leicht gefangen nehmen lassen. Die drei verbliebenen
Musiker der Band machen heute als Silent Scream ähnliche Musik, nun aber mit
englischen Lyrics. ***1/2
Various Artists –
Eilisen Jälkeen, Finnish Post Punk 1981 – 1987 (CD, Stupido
Records, www.stupido.fi)
Im vergangenen Jahr brachte Stupido Records die ambitionierte und
ultimative 4CD Suomipunk Box raus. Hier kommt nun eine kleine Portion
Nachschlag sozusagen. „Eilisen Jälkeen“ (Nach Gestern) der Titel
der Compilation war zugleich ein Single Hit der Band Ratsia 1981, der den Reigen hier logischerweise eröffnet. Ratsia
waren 1978 als typische Punk Band gestartet, aber schon nach ein paar Singles
und einen Album schwenkte die Band um und musizierte sehr gekonnt und
ambitioniert im Fahrwasser von The Cure u.a. Joose Berglund von Stupido Records
hat hier wieder vorzügliche Arbeit geleistet. Die wichtigen und hörenswerten
Vertreter der finnischen Gothic und Post Punk Szene der 80er sind hier zu
hören. Ein paar schon damals eher belächelte Mitläufer und Eigenbrötler fehlen
zu recht. Musta Paraati (The Black
Parade) sind gleich mit drei Titeln vertreten. Sie waren wohl auch die mit
Abstand erfolgreichste Band dieser Art in Finnland. Belaboris hören wir mit „Kuolleet Peilit“ (Tote
Spiegel). Die fünf Damen bildeten auf jeden Fall die schönste und edelste
finnische Post Punk Band. Mehr als zwei Singles und eine 12“ EP sowie
zwei oder drei sehenswerte Videos ist von ihnen leider nicht überliefert.
Musikalisch waren sie an Cocteau Twins und Minimal Elektronik orientiert. Die
Instrumente wurden übrigens von drei Herren im Hintergrund bedient, die aber
weder auf der Bühne noch in Videos oder auf Fotos je zu sehen waren. Ein paar
Kuriositäten oder Eintagsfliegen sind schließlich doch dabei. So z.B. die Band Syyskuu (Herbstmond) mit ihrer einzigen
Single „Susi“ (Wolf), die zwar erst 1983 erschien, aber immer noch
sehr nach Punk (ohne Post) klingt, auch wenn ein schräges Saxophon und ein
heulender Wolf dabei sind. Und Geisha wirken
ein bisschen wie die Zöglinge eines jungen Adam Ant. Auch Kuudes Tunti (die 6. Stunde) ist so eine Band, die nach einer
Platte wieder verschwand. Oder Ret Marut
und Psyyke, die jeweils nur eine
Single veröffentlichten. Wenn ich diese schnellen treibenden Drums und Bässe
höre, die abgehackten Gitarrenakkorde, Synthesizer Riffs und darüber schwebende
Klänge von irgendwelchen weiteren elektronischen Instrumenten, dazu dann eine
mehr oder weniger einprägsame Melodie, gesungen von nicht immer wirklich schön
klingenden Stimmen, aber mit viel Inbrunst, dann fühle ich mich wieder zurück
versetzt in meine finnischen Sommer in den 80ern und auf Festivals, bei denen
junge Menschen, meist sehr schlank und mit seltsam zusammen gewürfelten
Klamotten und Existenzialisten Haarschnitt teilnahmslos herumlungern, um im
nächsten Moment begeistert vor einer Bühne auf und ab zu hüpfen und einer
ähnlich aussehenden Kapelle zuzujubeln. Weitere Bands heißen Hexenhaus oder Kuolleet Kukat (Tote Blumen). Burundi,
ein Damen Duo, klingt 1986 immer noch wie eine Mischung aus Tubeway Army und
Siouxsie für Arme. Eine Band ist dabei, die es nie zu einer Veröffentlichung
brachte, bis jetzt. Aber der Titel „Kuume“ (Fieber) von Hiljaa (Still!) wurde 1985 mehrfach in
Helsinki im Radio gespielt. Mit Liikkuvat
Lapset (Kinder in Bewegung) ist auch die einzige Band dieser Szene dabei,
die bei einer Major Firma unter Vertrag war. Ihr Sound wirkt zu bombastisch und
im Vergleich überproduziert. Aber sie wa-ren wohl einigermaßen erfolgreich.
Ihre Sängerin Tuula Amberla veröffentlicht noch immer regelmäßig Solo Platten.
Der letzte der 22 Tracks kommt von der Band Tiistai (Dienstag) aus dem Jahr 1987 mit einem sehr jungen Timo
Rautio am Mikrofon. Timo Rautio spielt heute schwermetallenen Düsterrock, in
gewisser Weise die finnische Version von Rammstein, allerdings ohne jeglichen
Humor und ohne die rammsteinschen Perversitäten. Rautios heutige Band heißt
Niskalaukaus (Genickschuss). Wie auch immer. Wer sich für finnische Rockmusik
und/oder für Post Punk interessiert, sollte sich diese Compilation ruhig mal
anhören. Die Liner Notes sind allerdings leider nur auf Finnisch. Eine
Bewertung ist schwierig, da es neben Highlights wie Ratsia und Belaboris auch Belangloses
oder Seltsames gibt.
Agincourt – Fly Away (CD, Acme / Lion
Productions,
In GG173 hatte ich den Nachfolger dieser Scheibe hier
vorgestellt. Das letzte Album der drei britischen Musiker Joe Ferdinando
(guitars, bass, auto harp, vocals), Peter Howell (guitars, mandolin, organ,
recorder, percussion) und Lee Menelaus (vocals) erschien 1973 unter dem Namen
Ithaca. „Fly Away“ entstand bereits 1970 und ist im Original nicht
weniger selten und teuer als die anderen Platten des Trios, das übrigens
ständig den Namen wechselte. Im Vergleich zum Nachfolger wirkt „Fly
Away“ unbeschwerter, lockerer. Es ist zuallererst eine schlichte und
fröhliche Folk Pop Platte. Die einzelnen Stücke sind vergleichsweise kurz und
weisen eindeutige Folksongstrukturen auf. Leider ist Lees wunderbare helle,
klare Stimme nur bei sechs der insgesamt 13 Tracks zu hören und nur bei einem
Stück singt sie ganz allein, was dem Charakter dieser Musik viel besser zur
Geltung verhilft, als der Leadgesang von John Ferdinando. Zwei Tracks sind rein
instrumental, wobei „Joy In The Finding“ ein hübsches Motiv auf
Flöte, Bass und akustischer Gitarre variiert, während „Barn Owl
Blues“ fast schon ein wenig jazzy klingt. An Prog oder Psychedelia
erinnert auf dieser Platte hier eigentlich nur das dreiteilige „Through
The Eyes Of A Lifetime“ am Schluss, das die Moody Blues der Jahre 69/70
evoziert, wie auch das folgende Album von Ithaca. Die CD enthält seltsamerweise
zwei Bonustracks am Ende, die auf dem Cover nicht genannt werden. Es handelt sich
dabei ganz offensichtlich um Alternativaufnahmen von „Though I May Be
Dreaming“ respektive „Going Home“, die beide etwas
„rockiger“ wirken als die ursprünglich veröffentlichten Versionen.
Insgesamt eine angenehme Folk Pop Platte mit einem ganz leichten Touch
Psychedelia. Dem folgenden Album zwar nicht ebenbürtig, aber doch jedem Freund
britischen Folk Rocks oder milder Psychedelia zu empfehlen. ***1/2
The Raymen – Supersonic Rocket Ride (CD,
Sireena / Broken Silence)
The
Raymen aus Dortmund galten in den 80er Jahren als so etwas wie die deutsche
Antwort auf The Cramps. Einzige Konstante der Band über die Jahre war und ist
der Sänger Hank Ray. Singles, EPs und LPs erschienen zahlreich und immer wieder
auf anderen Labels. Irgendwie war diese Band für mich immer nicht Fisch und
nicht Fleisch. Nicht Neo-Sixties Beat, nicht Rock’n’Roll und auch
nicht authentischer Surf oder Garage Punk. Live losrocken konnten und können
die Jungs durchaus. Aber ihr Sound war dabei nie so richtig stilgetreu. Zu oft
klang das einfach runtergeschubbt. Eine solche raue, rohe Schrubbsession ohne
Rücksicht auf Feinarbeit wurde anno 1986 im Übungsraum auf primitivem Equipment
eingefangen. Und nun leicht überarbeitet und klanglich so gut es eben ging restauriert
wurde diese Session auf CD veröffentlicht. Für Fans von Lo-Fi Sound und launig
schnörkellosem Rock’n’Proll ein gefundenes Fressen. Bis auf eine
Version des Surfaris Klassikers „Wipe Out“ und eine ziemlich wüste
Aufnahme von „Fever“ alles Originale aus der Feder Hank Rays. So
steht es im Booklet. Nun ja, wir wollen nicht kleinlich sein. Die
Variationsmöglichkeiten eines Bo Diddley Beat und von drei Akkorden sind
begrenzt. Zumindest die „Voodoo Woman“ ist jedoch ein 1 zu 1 Kopie
der „Rebel Woman“ von Dean Carter. Alles sehr trashy wie gesagt.
Mir persönlich zu trashy, obwohl ich mir die Band bestimmt auch wieder mal gern
live ansehen würde. **1/2
Das Original dieses Albums erschien 1973 im UK bei
Merlin Records in einer Kleinstauflage. Es gehört inzwischen zu den teuersten
und legendärsten Platten des britischen Prog und Psych Folk der frühen 70er
Jahre. Das etwas primitiv gestalte Cover, das eher antike Olympioniken evoziert
als bezaubernde und verträumte Folk Musik, hatte ich schon hin und wieder in
Katalogen und Nachschlagewerken gesehen und als uninteressant abgehakt. Die
2007 in Korea erschienene CD Ausgabe bietet nicht nur eine originalgetreue
Replik des Klappcovers und Inlays, ihr liegen auch die originalen Masterbänder
zugrunde und damit das Einverständnis der Künstler, was bei früheren Re-Issues
leider nicht der Fall war. „A Game For All Who Know“ war das vierte und
letzte Album des Trios Joe Ferdinando (voc, bass, guitars, organ, auto harp),
Peter Howell (guitars, mandolin, piano, organ, percussion) und Lee Menelaus
(vocals). Es ist zugleich ihr reifstes
und gelungenstes Werk, auch wenn selbst diese Platte “nur” als
Werbe- und Demo-LP gedacht war, um eventuell einen Vertrag bei einer großen
Firma zu bekommen. Übrigens erschienen alle vorangehenden LPs des Trios bzw.
Duos Ferdinando/Howell unter jeweils anderen Namen. So erschien bereits 1971
unter dem Namen Agincourt der Vorläufer dieser Platte mit dem Titel „Fly
Away“, und davor 1969 und 1970 die LPs „Alice Through The Looking
Glass“ und „Tomorrow Comes Sunday“ unter den Namen der
Musiker bzw. als S.N.P. Die wundervolle engelsgleiche Stimme von Lee Menelaus
ist allerdings nur auf den letzten beiden Alben zu hören. Und an den Aufnahmen
zu diesen beiden LPs haben auch noch Gastmusiker an Schlagzeug, Flöten und
Gitarre mitgewirkt. Betrachten wir jedoch die Musik auf der vorliegenden
Scheibe. Und die lohnt ein Kennenlernen allemal. Die Gesamteindruck ist der
einer ruhigen, verträumten Folkpop Platte, wie sie für die späten Sixties und
frühen Seventies durchaus nicht untypisch ist. Das klingt mal locker, fröhlich
wie bei „The Path“ und erinnert so an leichtgewichtigen Folkpop,
wie er auch in den USA damals viel gespielt wurde. Oft überwiegt aber das
Verträumte und andeutungsweise Geheimnisvolle, das Entsprechungen in der
zeitgenössischen Musik der Moody Blues aber auch bei Curved Air oder
Renaissance findet. Wobei eben diese Platte hier ganz eindeutig dem Folk Pop
zuzuordnen ist. Wohingegen die anderen Genannten mehr oder weniger starke Art
Rock und Prog Rock Aspekte beinhalten. Dass die Band Ithaca hier dennoch ein
Kind ihrer Zeit ist, beweisen dann eben einerseits die Texte, die einen naiven
Naturglauben und von Fantasy und Mystik geprägten Optimismus ausdrücken.
Andererseits ist die Musik eben auch keine reine oder typische Folkmusik,
sondern streckenweise der der Moody Blues zu dieser Zeit sehr ähnlich. Bis hin
zu bedeutungsschweren gesprochenen Passagen und dem Einsatz von Mellotron und
Studio Gimmicks. Am besten gefällt mir an der Platte der Gesang von Miss
Menelaus, die zum Teil wirklich guten Songs und schließlich der überzeugende
Gesamteindruck, der, obwohl oder gerade weil sehr Moody Blues mäßig, animiert,
die Scheibe immer wieder zu hören. Besonders an so trüben Novembertagen wie
diesen. ***1/2
Pekka Streng &
Tasavallan Presidentti – Magneettimiehen Kuolema (CD, Love Records)
Pekka Streng – Kesämaa (CD, Love Records)
Pekka Streng &
Durch die neuere Freak Folk
Bewegung in Finnland ist das Interesse an dem leider viel zu früh verstorbenen
Musiker und Songschreiber Pekka Streng wieder belebt worden. Vor allem aber der
Remix seines Titels „Puutarhassa“ durch das finnische Elektro-Label
Sähkö und daraus resultierendes Airplay und der Einsatz in den Clubs nicht nur
in Finnland hat eine neue und andere Generation auf ihn aufmerksam gemacht.
Pekka Streng wurde im April 1948 in einem kleinen Dorf
im Süden Finnlands geboren. Schon als Kind schrieb er eigene Songs, spielte
Gitarre und später auch Bass und Schlagzeug in einem örtlichen Tanzorchester.
1965 zog er nach Mikkeli im Osten Finnlands, um Erziehungswissenschaften zu
studieren. Dort schloss er sich bald einer studentischen Musik- und
Theatergruppe an. 1966-67 erkrankte Streng an Krebs, wurde aber erfolgreich
operiert und mit Strahlung behandelt. Danach ging er nach Tampere, um
Theaterwissenschaften und Publizistik zu studieren. In Tampere heiratete er und
zog bald mit Frau und neugeborenem Sohn nach Helsinki, wo er weiter am Theater
studierte und gleichzeitig für’s Radio arbeitete. Mit der Band Soulset
als Begleitung nahm er eigenes Material für ein Radioprogramm auf. Nachdem er
ein Demo an Love Records gesandt hatte, kam sehr schnell ein Deal zustande, der
zur ersten LP „Magneettimiehen kuolema“ (der Tod des Magnetmannes)
mit der damals führenden finnischen Jazz/Prog Band Tasavallan Presidentti
führte. Die LP ging allerdings ziemlich bald unter, nicht zuletzt deshalb, weil
Streng sich weigerte, Promotion dafür zu machen oder Interviews zu geben. Die
Platte erschien im Frühjahr 1970 ohne viel Resonanz in den Medien. Viele der
Songs hatte Streng schon seit Jahren im Repertoire. Einige hatte er auch schon
mit der Gruppe Soulset gespielt. Ein Demo des Openers
„Gilgames“ sowie
Radiomitschnitte zweier Tracks mit Soulset finden sich übrigens als Bonus auf der
CD. Dem Love Records Boss Atte Blom hatte Streng von seiner Krebserkrankung
berichtet und dabei angedeutet, dass er diese Platte unbedingt noch vor seinem
Tod machen wollte. Und natürlich spielt der Tod in den Texten – wenn auch
meist verklausuliert – eine bedeutende Rolle. Andererseits strahlen die
Songs eine Frische und Lebensfreude aus, die zu der ernsten philosophischen
Seite ihres Schöpfers nicht zu passen scheint. Zum Teil handelt es sich auch
ganz offen-sichtlich um Kinderlieder, die Streng für seinen kleinen Sohn
schrieb. Natürlich haben die Musiker von Tasavallan Presidentti der Platte auch
ihren Stempel aufgedrückt. Auch wenn wohl die Arrangements weitgehend von
Streng vorgegeben wurden, so ist doch die Spielweise, der Sound der Band
er-kennbar. Stilistisch fällt diese Platte – genauso wie die folgende
– zwischen alle Raster. Weder ist das echte Folk Musik, noch ist es Prog
oder gar Jazz. Leichtverdaulicher Pop ist es natürlich auch nicht. Und doch ist
von alledem etwas vorhanden. Der Vergleich mit Syd Barrett drängt sich auf.
Doch bei aller Ähnlichkeit im scheinbar naiven, verspielten Ansatz fehlt hier
die völlige psychedelische Exaltiertheit. Pekka Strengs Musik, seine Lieder und
erst Recht die Arrangements erinnern noch stärker an die Musik von Jade Warrior
etwa zur gleichen Zeit, allerdings ganz ohne die rockige Komponente. Mitunter
klingt auch ein wenig von der Incredible
String Band an. Der letzte Titel der Platte „Sisältäni portin
löysin“ (Ich fand eine Tür in mir selbst) wurde in Finnland etwas später
in einer Coverversion des ehemaligen Rock’n’Rollers Eero Raittinen
ein kleiner Hit. Dass ich diese LP bislang gar nicht kannte, erstaunt mich
selbst wohl am meisten. Eine ungewöhnliche und ganz wundervolle Debüt LP!
****1/2
Insgesamt noch schöner, ausgewogener und in sich
stimmiger ist das folgende zweite Album von Pekka Streng „Kesämaa“
(Sommerland). Der junge Mann wusste oder ahnte wohl, dass er nicht mehr viel
Zeit hatte. Nachdem er fast zwei Jahre nur für und mit seiner Familie gelebt hatte,
beschloss er, doch noch sein Meisterwerk abzuliefern. Streng hatte viel
gelesen. Von skandinavischer und tschechischer Kinderliteratur über das
Gilgamesh Epos und Tolkiens Herrn der Ringe bis hin zu Camus und theosophischer
Literatur. Einiges davon floss indirekt oder auch direkt wie im Falle von
Kindergedichten aus Tschechien und Schweden in seine Arbeit am neuen Album mit
ein. Als Produzent der Platte konnte Love Records den damaligen Gitarristen der
Band Wigwam gewinnen. Hasse Walli spielte auch selbst dabei akustische Gitarre
und Synthesizer. Darüber hinaus wirkten einige bekannte Musiker der aktuellen
finnischen Jazz Szene an den Aufnahmen zum Album mit. Dennoch ist
„Kesämaa“ auf keinen Fall eine Jazz LP. Die Arrangements sind dies
Mal von Pekka Streng und Hasse Walli. Selbst wenn man die zum Teil
märchenhaften versponnenen Texte nicht versteht, wird man gefangen von der
entspannten und heiteren doch zugleich faszinierend hypnotischen Atmosphäre der
Musik. Dass aus dem jazzigen Bossanova „Puutarhassa“ (Im Garten)
ein aktueller Club Hit werden konnte, verwundert nicht. Spannend sind auf der
CD auch wieder die Bonustracks, von Pekka zuhause aufgenommene Demos, bei denen
man im Hintergrund seinen damals ca. vierjährigen Sohn quäken hört. Ich habe
die LP über das finnische Huuto.net (eBay gibt es nicht auf Finnisch und es
spielt daher dort kaum eine Rolle) für 23 € gekauft. Allerdings ist mein
Exemplar eine zweite Auflage ohne beschrifteten Rücken. Die Originalausgabe mit
beschriftetem Rücken kostet um die 80 €. Nach Fertigstellung der Platte
zog es Pekka Streng in die Welt hinaus. Er reiste über Polen und Deutschland
bis nach Spanien, von wo er glückliche und hoffnungsvolle Postkarten an seinen
kleinen Sohn nachhause schrieb. Im Sommer 1974 wurde erneut Krebs
diagnostiziert. Den Rest seines Lebens verbrachte Pekka im Kreise seiner
Familie im Haus seiner Eltern. Kurz vor seinem 27. Geburtstag erlag er seiner
schweren Krankheit. „Kesämaa“ ist ein musikalisches Wunderwerk.
Eine Platte ohne jeden Fehl und Tadel, die zugleich zum Träumen wie zum Tanzen,
zum Singen wie zum Nachdenken einlädt. Ein Meisterwerk! *****
Wie gesagt, Pekka Streng
geriet bald in Vergessenheit. Die zweite LP war zwar deutlich erfolgreicher als
die erste und erhielt zum Teil überschwängliche Kritiken, aber ein wirklich
großer Hit war auch sie nicht, zumal sich der Künstler nach wie vor der
Öffentlichkeit entzog. Ein einziges Interview gab Pekka Streng in seinem Leben.
Das Gespräch mit dem späteren Labelgründer und Roadmanager von Wigwam und
Piirpauke Tapio Korjaus fand im Sommer 1972 kurz nach Erscheinen von
„Kesämaa“ statt. Aufgrund widriger Umstände blieb es damals
unveröffentlicht. Erst 1978 schien für Tapio Korjaus genug Zeit vergangen, um
seiner Chronistenpflicht doch noch gerecht zu werden. Das Interview erschien im
Rahmen eines größeren Artikels in Soundi, der führenden finnischen
Musikzeitschrift. In dem Gespräch erweist sich Pekka Streng imgrunde als Kind
seiner Zeit. Er gibt sich als Fan der frühen Pink Floyd ebenso wie von David Bowie
zu erkennen. Er erzählt von seinem persönlichen musikalischen Werdegang und
auch etwas zur Entstehung der beiden LPs. Wiederholt drückt er seinen Unwillen
aus, die eigenen Stücke erklären zu sollen. Auch das Werben für seine Musik ist
ihm zuwider. Es entsteht der Eindruck eines etwas naiven, weltfremden wie wohl
aufgeschlossenen und begeisterungsfähigen Menschen, eines Künstlers eben.
Im Januar 2009 erschien „Unenmaa“
(Traumland, aber auch „Land des Schlafes“, das finnische Wort
„uni“ kann beides bedeuten). Diese CD versammelt Demoaufnahmen aus
über fünf Jahren, die behutsam aufbereitet und nachträglich mit neuen
Arrangements und Begleitung durch eine Band versehen wurden. Pekkas Bruder
Lasse hatte die Bänder die ganzen Jahre über verwahrt. Als man für die
Wiederveröffentlichung der beiden LPs das Material sichtete, stellte man fest,
dass da noch etliche lohnende Schätze zu heben waren. Pekka hatte schon seit
den späten 60ern regelmäßig zuhause Demos aufgenommen mit einem recht
professionellen Spulentonbandgerät, allerdings in der Regel in mono. Aus der
Fülle von Material wurden nun 15 weitgehend fertige und hörenswerte Stücke und
Bruchstücke ausgewählt. Daran beteiligt waren neben dem damaligen Produzenten
Hasse Walli auch Pekkas Bruder Lasse und sein erwachsener Sohn Joonia, der im
Übrigen dann die Liner Notes zur CD schrieb. Ein gewisser Jukka Hakoköngäs
wurde erwählt, die Stücke zu arrangieren und mit seiner Band Olympia Orkesteri
zu begleiten. Gleichzeitig war er der Produzent dieses „neuen“
Albums. Auch wenn Hakoköngäs und seine Mitstreiter bestimmt mit viel
Verständnis und Einfühlungsvermögen an die Sache gingen, bleibt ein komisches
Gefühl. Die Stimme ist natürlich unverkennbar Pekka Streng. Auch die Songs sind
in ihrer Struktur und Komposition sofort als die seinen zu erkennen. Trotzdem
klingt diese neue Scheibe völlig anders als die ersten beiden. Gelegentlich ist
es den jungen Musikern einigermaßen gelungen, ein wenig von der Atmosphäre des
frühen Pekka Streng Werks einzufangen. Das muss man schon zugestehen. Doch die
Produktion klingt trotz allen Bemühens zu modern. Und so rockig wie hier
mitunter hat Pekka niemals musiziert. Ich weiß nicht, ob das ein Zugeständnis
an den Zeitgeist ist, oder ob sich die Musiker dessen gar nicht bewusst waren.
Einerseits bin ich froh, weitere großartige Songs von Pekka Streng hören zu
können. Andererseits muss ich immer daran denken, dass sie damals
veröffentlicht wohl doch anders geklungen hätten. Nicht völlig anders, aber
eben anders, das ist das Blöde daran. Trotzdem ***1/2
Gila – Free Electric Rock Session, Live in Köln, 26.02. 1972 (LP, Second Battle, www.collectorrecords.de)
Im vorigen Jahr hat Second Battle das Debütalbum der
Band Gila um den Gitarristen Conny Veit wieder veröffentlicht und damit eine
der spannendsten Platten der Krautrock Ära wieder zugänglich gemacht. Conny
Veit verstand sich und seine Mitmusiker als Teil einer alternativen neuen
Gesellschaft, die mit sinnlosen muffigen Traditionen vor allem auch im
kulturellen Bereich bricht. Die Musik der Band ist dementsprechend weitgehend
freier Improvisation dem Erkunden neuer Stilistiken und Formen verpflichtet.
Auf ihrer ersten Studio LP ist es der Band auch in beeindruckender Weise
gelungen, neue Wege zu beschreiten. Diese Platte hier enthält nun einen Live
Mitschnitt des WDR aus seiner Sendereihe „Eine kleine Nachtmusik“
aus dem Jahr 1972. Die Aufnahmen entstanden live im Studio vor vermutlich nur
kleinem Publikum. Gespielt wurden nur neue Stücke, die für eine geplante zweite
LP Gilas vorgesehen waren. Die Stücke waren sicher noch nicht vollkommen
durcharrangiert, und so überwiegt hier auch ein typischer Jam Charakter.
Nichtsdestotrotz knüpft die Musik direkt bei der des ersten Albums an.
Dominiert von Gitarre und Orgel und fast ganz ohne Gesang kommen die sechs
Tracks des Albums aus. Am spannendsten hier klingt die fast 17-minütige Gila
Symphony, die sowohl den Wechsel der beiden Leadinstrumente eindrucksvoll
zeigt, als auch die Spannung bis zum Schluss aufrecht hält bzw. immer wieder
aufbaut. Gegenüber einer früheren CD Veröffentlichung des Mitschnitts wurde
hier noch behutsam und kompetent nachjustiert am Sound. Kein leichtes
Unterfangen, da ja lediglich ein Stereo Mastertape zu Verfügung stand. Natürlich
wirken manche Vorstellungen und Ansätze der Musiker von damals heute etwas naiv
und überholt. Ein schönes Zeitdokument ist diese Aufnahme jedoch allemal. ***
The Pretty Things –
Philippe DeBarge (LP, Ugly Things, www.ugly-things.com)
Diese Platte erschien bereits im vergangenen Jahr, und
die Vinylausgabe ist bereits weitgehend vergriffen. Obwohl ich ja regelmäßiger
Käufer und Leser von Mike Staxs „Ugly Things“ Fanzine (Buch trifft es
ja eher) bin, ist mir die Platte fast entgangen. Kurz gesagt, sie stellt das
Bindeglied dar zwischen „SF Sorrow“ und „Parachute“.
Entstanden sind die hier versammelten Aufnahmen im Spätsommer 1969 in einem
kleinen Studio in London. Das Kuriose daran ist vor allem, dass der Franzose
Philippe DeBarge, ein Playboy mit finanzkräftigem familiären Background und
einem Faible für britische Popmusik im Allgemeinen und The Pretty Things im
Besonderen, nicht nur die Sessions komplett finanzierte und der Band im Vorfeld
einen Kurzurlaub in St.Tropez ermöglichte, sondern auch als Leadsänger
fungierte. Dick Taylor hatte die Band kurz zuvor verlassen. Aber Phil May und
Wally Waller hatten ständig neue Songs zusammen geschrieben, so dass an
Material für die Sessions in den Nova Studios kein Mangel herrschte. Produziert
wurden die Aufnahmen von May und Waller selbst. Obwohl DeBarge keine
musikalischen Erfahrungen hatte, sang er die Leadstimme mehr als passabel. May
übte aber auch täglich mit ihm, wie in den Liner Notes zur Platte nachzulesen
ist. Die meisten Songs, die damals aufgenommen wurden, spielte die Band später
höchstens noch gelegentlich live. Und keiner davon kam auf eine spätere Platte
der Pretty Things. Das heißt jedoch keineswegs, dass wir es hier mit Ausschuss
zu tun haben. Im Gegenteil! Diese LP ist ein kleines Juwel. Sie knüpft sehr
schön an das ja leider ziemlich unterbewertete „SF Sorrow“ an und
enthält 12 wunderbare zeittypische Popsongs, die auf’s Vortrefflichste
die Atmosphäre zwischen Swinging London und Woodstock einfangen. Dabei klingen
die Aufnahmen sogar erstaunlich modern für damalige Verhältnisse. Oder anders
gesagt, sie klingen heute überhaupt nicht altbacken, sondern teilweise ganz so,
als wären sie erst kürzlich in einem britischen Studio entstanden. Die Platte
erschien damals dann doch nicht. DeBarge ging zwar das Geld nicht aus, aber er
hatte wohl einige andere Probleme. Bedauerlicherweise starb Philippe DeBarge
bereits 1998. Es hätte ihn bestimmt gefreut, dass sein Baby nach fast 40 Jahren
doch noch das Licht der Welt erblickt. ***1/2
The Inner Space – Agilok & Blubbo (LP, Wah Wah Records, www.wah-wahsupersonic.com)
The Inner Space sind niemand anderes als Can in einer
ersten Inkarnation zwischen Beat, Krautrock, Psychedelia und früher Elektronik.
„Agilok & Blubbo“ ist ein Film, ein deutscher Underground Film
aus dem Jahr 1968. Die Debütarbeit von Peter Schneider. Und das hier ist der
Soundtrack dieses Films. In dieser Form wird die Filmmusik hier zum ersten Mal
veröffentlicht. 1968 erschien lediglich eine 7“45 mit dem Titeltrack des
Films und dem „Kamera Song“ auf der B-Seite, gesungen von Model
Rosi-Rosi, die auch die Hauptrolle im Film spielte. Der Film erzählt eine völlig
überdrehte Geschichte aus der linksalternativen Popart Bohéme München-Schwabings. Die wirren Pläne
zweier kauziger Revoluzzer werden von dem Model Michaela (Rosi-Rosi)
durchkreuzt. Rosi-Rosi spielte im Schwabing der späten Sixties eine ähnliche
Rolle wie Uschi Obermaier. Nur wurde sie nicht so bekannt. Ich kenne den Film
leider nur aus der Zusammenfassung des Plattencovers. Er ist zur Zeit in keinem
Verleih oder auf DVD erhältlich. Den wenigen Ausschnitten nach zu urteilen, die
bei YouTube mal zu sehen waren, muss er eine Mischung aus Psych-Out, Blow-Up
und Rote Sonne sein. Der Soundtrack hier ist jedenfalls etwas ganz Besonderes.
Die Musik ist mal reine Filmmusik, elektronisch zumeist und den Sounds nicht
unähnlich, die David Vorhaus und Delia Derbyshire etwa zur gleichen Zeit mit
The White Noise produzierten. Dann wieder ist es Sixties Pop, Sunshine Pop mit
einem Hang zu Lounge, Easy Listening. Der „Kamera Song“ sticht
natürlich heraus. Mit seinem ganz eigenen bizarren Charme erinnert er entfernt
an Nico bei Velvet Underground oder auch an französischen Yé Yé Pop. Noch
seltsamer ist das „Revolutionslied“, das ebenso gut von Witthüser
& Westrupp stammen könnte. Und schließlich hört man dem Soundtrack die
klassische und Jazzausbildung der Herren Irmin Schmidt, Holger Czukay und Jaki
Liebezeit an. Mit der Musik, die sie nur wenig später als Can machten, hat das
noch wenig zu tun. Etwas nervtötend ist das über 10-minütige
„Apokalypse“ am Schluss der Platte mit seinen dissonanten
Flötentönen über einem treibenden Beat. Das aber ist wohl Absicht. ***1/2
The Mandrake Memorial –
Puzzle (LP, Wah Wah Records, www.mandrakememorial.com)
Die dritte und letzte LP der Band aus Philadelphia
(USA) erschien im Original 1969. Zu diesem Zeitpunkt war die Band bereits zum
Trio geschrumpft. Trotzdem ist diese LP ihr aufwändigstes, vielschichtigstes
Album. Ein psychedelisches Konzeptalbum mit klassischen Einflüssen und einem
Charakter von Barock-Artrock, der mit typisch britischem Progrock jedoch gar
nichts zu tun hat. Vergleiche mit Ars Nova und dem Boston Rock Sound der späten
Sixties drängen sich auf. Aber auch die Electric Prunes der David Axelrod Phase
fallen mir dazu ein. Vielleicht etwas zu prätentiös, zu opulent das Ganze.
Andererseits gibt es da so filigrane feine Parts und Verästelungen, die
wiederum aufhorchen lassen. Auf derartige Sounds und Arrangements kam man wohl
tatsächlich nur in den ausgehenden Sixties. Inwiefern das Coverbild die Musik
inspiriert hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls passt dieses Gemälde
von MC Escher sehr gut zu der Platte. Die Musik ist ähnlich verschachtelt und
in unendlichem Auf und Ab ineinander verwoben. Stellenweise wirkt sie fast
folkloristisch improvisiert. Eine Art Happening mit offenem Ausgang und
zugleich ein Puzzle, das vollendet, aufgelöst zu werden trachtet. Jedoch
scheint dies völlig unmöglich. Immer wieder öffnet sich ein weiterer Pfad, eine
neue Melodie, eine rhythmische Abzweigung. Vor 40 Jahren hätte mich diese
Platte in einem abgedunkelten Raum bei Kerzenschein oder Stroboskoplicht und in
entsprechender Stimmung gehört in Verzückung versetzt. Heute finde ich sie
einfach etwas sehr „strange“. Aber doch auch sympathisch auf ihre
Art. ***1/2
Jeavestone – Mind The Soup (CD, Nordic Notes, www.myspace.com/jeavestone)
Tuomari Nurmio & Alamaailman Vasarat – Kinaporin Kalifaatti (CD, Nordic Notes, www.vasarat.com)

Zwei sehr empfehlenswerte Scheiben aus Finnland, die
Dank Christian Pliefke und Nordic Notes nun auch regulär in Deutschland
erhältlich sind. Jeavestone aus Kalajoki im Nordwesten Finnlands erfreuten und
überraschten letztes Jahr mit einem überaus gelungenen neuen Album (mein Album
des Monats in GG158). Ihr erster Longplayer aus dem Jahr 2005 „Mind The
Soup“ ist, da ich ihn nun wieder höre, gar nicht so übel, wie ich aus der
Erinnerung meinte. Alle Anlagen eines sich nicht allzu ernst nehmenden,
abwechslungsreichen und frischen eher Pop orientierten Progrock sind schon
vorhanden. Die Tracks erstaunlich kurz und songorientiert. Lohnt sich. ***1/2
Auch das Album
„Kinaporin Kalifaatti“ hatte ich bei Erscheinen in GG besprochen.
Das ist allerdings so lange her, dass die Rezension nicht mehr online
zugänglich ist. Tuomari Nurmio hat sich durch sein im vorigen Jahr erschienenes
Album „Big Bear’s Gate“ auch hierzulande unter Insidern einen
Namen gemacht. Mit den „Hämmern der Unterwelt“ (Alamaailman
Vasarat) als Begleitband entstand hier eine ganz erstaunliche musikalische
Mischung aus Captain Beefheart und Ethno-Prog mit orientalischem Einschlag. Wer
keine Scheu vor finnischem Gesang hat, sollte sofort zugreifen. ****
Various Artists
– Punk ja Yäk! (4 CD Box, Stupido Records, www.stupido.fi)
Um es gleich vorweg zu
sagen, das ist die beste und vollständigste Übersicht zum Thema Punk in
Finnland, die man bekommen kann. Es wurde so gut wie nichts vergessen oder
ausgelassen. Zehn Jahre Punk und New Wave aus Finnland, 1977 bis 1987, wurden
noch nie so umfangreich, kompetent und repräsentativ zusammengefasst wie in
dieser Box. Würde man heute alle hier kompilierten Tracks als Originale kaufen
wollen, man hätte lange zu tun und bräuchte den Gegenwert eines neuen
Kleinwagens, also so um die 8-10.000 Euro. Joose Berglund von Stupido Records
ist mit dieser Musik groß geworden. Hier hat er seine Jugenderinnerungen
zusammengetragen.
Aber was ist nun eigentlich
finnischer Punk? Was ist das Besondere an dieser Box? – Punk war ja ein
internationales popmusikalisches und soziokulturelles Phänomen, das seine
Wurzeln einerseits in der hedonistischen und nihilistischen New Yorker Kunst
und Musikszene der frühen bis mittleren 1970er Jahre hatte, und andererseits
seine größte Wirkung durch die Mitte der 1970er in London aufkommende
minimalistische Do-It-Yourself Bewegung und den Slogan „No Future“
erzielte. Die Wirkung setzte in Finnland zwar mit leichter Verzögerung ein,
dafür war sie um so nachhaltiger. Dass diese Musikszene und die damit
einhergehende Jugendbewegung in Finnland dermaßen erfolgreich und massenwirksam
werden konnte, hat sicher mit der relativen Isolation des Landes am
nordöstlichen Rand Europas zwischen Ostsee und Sowjetunion zu tun. Ein
kapitalistisches Land am Rande des großen Bruders im Osten. Seit Jahren geführt
von einem zwar konservativen aber auch äußerst pragmatischen und fast
absolutistisch herrschenden Staatspräsidenten Urho Kekkonen, dessen eigener Weg
strikter Neutralität von Politikern im Westen wie im Osten bewundert und
beneidet und mitunter als Finnlandisierung kritisiert wurde. Es gab zwei
staatliche TV Programme und einen landesweiten Radiosender, der Musik für
Jugendliche allenfalls in ein paar Nischen anbot. Ein nennenswertes Nachtleben
gab es nicht mal in Helsinki. Um 22 Uhr wurden die Bürgersteige hochgeklappt,
sofern Bürgersteige überhaupt existierten. Die teils aufmüpfigen und
aufregenden späten 60er und frühen 70er Jahre, in denen auch in Finnland so
etwas wie Aufbruchstimmung und Ansätze von Nonkonformität herrschten, waren
schon wieder vergessen.
Die erste Band, die eine
Punk Single veröffentlichte, war Briard in Helsinki. Ein gera-de mal
15-jähriger Antti Hulkko (a.k.a. Andy McCoy, später bei Hanoi Rocks) spielte
die Gitarre, und der inzwischen bereits verstorbene Pete Malmi krähte „I
Really Hate Ya“. Im Herbst 1977 war das. Und die Platte erschien beim
finnischen EMI Ableger Finndisc. Aber schon die nächsten Singles von Pelle
Miljoona und Eppu Normaali erschienen bei unabhängigen finnischen Firmen und
was noch wichtiger war, es wurde auf Finnisch gesungen. Praktisch alle
wichtigen und erfolgreichen Punk und New Wave Bands in Finnland in den
folgenden Jahren texteten in ihrer Muttersprache. Und das war neben den Themen,
die sie besangen, auch der Schlüssel zum Erfolg. Allerdings war dieser Erfolg
damit auch auf Finnland beschränkt. Obwohl es ein paar Versuche gab, finnischen
Punk und Rock zu exportieren, teilweise mit extra produzierten
englischsprachigen Aufnahmen, interessierte sich weder in London noch sonst
irgendwo jemand für Punk oder New Wave made in Finland. Ein paar Verrückte wie
mich ausgenommen. Die Jahre der größten Aktivitäten, in denen die spannendsten,
aufregendsten Platten erschienen und Konzerte stattfanden waren 1979 und 1980.
Zur gleichen Zeit gab es übrigens auch ein recht nachhaltiges Rockabilly
Revival in Finnland. Während die Musiker meist freundschaftlich miteinander
verkehrten, wurden zwischen Teddy Boys und Punks mitunter schlagkräftige Meinungsverschiedenheiten
ausgetragen. Aber das ist ja nun bestimmt kein typisch finnisches Phänomen. Der
große auch kommerzielle Erfolg mit hohen Notierungen in den finnischen Pop
Charts kam allerdings dann erst in den 1980er Jahren. Und Punk im ganz strengen
Sinn war das auch nicht, was da chartete. Bands wie Pelle Miljoona und Eppu
Normaali entwickelten sich sehr schnell weiter, und ihre Musik wurde
vielfältiger behielt aber ihre jeweils bandtypische Charakteristik. Viele Bands
der ersten Generation waren relativ kurzlebig. Nach ein paar Singles, einer
oder vielleicht auch mal zwei oder drei LPs lösten sich viele Gruppen wieder
auf. Aber sehr viele Musiker dieser ersten Generation blieben weiterhin aktiv
und tauchten später wieder auf, teils in neuen Bands, teils als Produzenten,
Talent Scouts oder sonst im finnischen Musik Business. Dass diese neue Bewegung
eine solche Nachhaltigkeit entwickeln konnte, liegt sicher auch daran, dass
Finnland mit nur gut fünf Millionen Einwohnern eine insgesamt recht überschaubare
Musikszene hat. Jeder kennt Jeden. Da gibt es kaum Szenen, die abgeschottet
existieren (können). In den 1980er Jahren folgte eine zweite Generation von
Punk Musikern, die vor allem der heute als Hardcore bekannten Variante
anhingen. Bands wie Terveet Kädet und Riistetyt erfreuten sich auch
international in Hardcore Kreisen großer Beliebtheit, ob ihres kompromisslos
schnellen Spiels und des meist kreischenden finnischen Gesangs, den zwar
niemand verstand, der aber als besonders cool galt. Auch wenn in den 1980er
Jahren New Romantic und Synthi Pop in Finnland ihre Anhänger ebenso fanden wie
anderswo und entsprechende finnische Bands zum Teil extreme Erfolge
verzeichneten, ein gewisser bodenständiger Schweinerock fand nach wie vor
Zuspruch und erst recht der Ramones orientierte typisch finnische Punk Rock
solcher Bands wie Ne Luumäet oder Pojat. Eine breite Bewegung war Punk in den
1980er Jahren jedoch auch in Finnland nicht mehr. Die meisten Hardcore Bands
drifteten ins Metal Lager, oder aber sie mussten dem von Drugs & Alkohol
(weniger vom Sex) geprägten Leben ihren Tribut zollen. Nicht wenige finnische
Punk Musiker sind an den Folgen ihres exzessiven Lebenswandels bereits
gestorben. Gegen Ende des Jahrzehnts gab es so gut wie keine neuen Punk Bands mehr.
Allerdings lebt der Spirit bis heute weiter. Und natürlich gab es immer ein
paar Musiker, die unermüdlich weiter machten. Neuerdings scheint 77er Punk auch
bei ein paar jüngeren Leuten in Finnland wieder en vogue zu sein.
Die vier CDs dokumentieren
die Jahre von 1977 bis 1987 so umfänglich und repräsentativ, wie keine
Compilation bisher. CD1 umfasst die erste Generation finnischen Punks
einigermaßen genau chronologisch und versammelt dabei die bekanntesten und
damals erfolgreichsten Bands. Auf CD2 sind dann die nicht ganz so erfolgreichen
Bands und Tracks der ersten Generation versammelt. CD3 bietet vor allem die
Bands der frühen 1980er Jahre und der Hardcore Fraktion. Die vierte CD
versammelt zum einen Bands, die nur am Rande zu Punk gezählt werden können, sowie
einige Acts der dritten Generation. Vier CDs also mit jeweils knapp 80 Minuten
Punk und New Wave Musik aus Finnland, insgesamt 132 Tracks. Das umfangreiche
Booklet enthält viele seltene Fotos und neben den diskographischen Angaben auch
informative Liner Notes und kurze Kommentare der jeweiligen Musiker. Allerdings
alles auf Finnisch bis auf eine einseitige Einführung in englischer Sprache.
Dennoch bin ich der Meinung, diese Box braucht jeder, der sich für finnischen
Punk interessiert. Anhand der vielen Fotos kann man übrigens sehr schön sehen,
dass die meisten Musiker noch ziemlich jung waren und dass es sich wirklich um
eine jugendliche Massenbewegung handelte. Die Jungs sehen oft so normal aus,
wie ganz durchschnittliche Jugendliche und Oberschüler. Klar tragen sie ein
paar Badges, aber Klamotten und Frisuren sind oft nach Londoner Szene Maßstäben
ziemlich uncool. Es sind halt oft Dorfpunks oder einfach nur ein bisschen
ausgeflippte jugendliche Intellektuelle. Aber letztlich war das wohl überall so
ähnlich. Im UK war allenfalls das Modebewusstsein etwas ausgeprägter. Eine
Gesamtwertung in Sternchen macht bei so einer Box wenig Sinn. Manche Tracks
verdienen *****, andere nur **. Aber insgesamt ist die Box natürlich sehr zu
empfehlen.
Mad River – s/t (LP, Capitol)
Eine der seltsamsten und eigenwilligsten Bands der
psychedelischen Ära war diese fünfköpfige Gruppe aus der San Francisco Bay
Area. Während die meisten Musikgruppen dieser Szene eine eher optimistische,
oft naiv fröhliche Grundeinstellung mitbrachten, war das bei Lawrence Hammond
und seinen Mitstreitern anders. Nicht nur klangen deren zum Teil sehr filigrane
Kompositionen äußerst abgehoben, sie ließen zumeist auch eine eher dunkle Seite
der Psyche erkennen, was sich sowohl in Texten als auch in der Musik
manifestiert. Am deutlichsten wird das hier auf ihrem Debütalbum bei „War
Goes On“, einem wie improvisiert wirkenden Parforce Ritt durch Jazz, Raga
und Blues, der natürlich den endlosen und sinnlosen Vietnamkrieg widerspiegelt
bzw. kommentiert. Wohl eher schwer verdaulich diese 12:30 Minuten. Aber schon
der Album Opener „Merciful Monks“, obwohl nur 3:40 lang, macht
klar, dass es hier nicht um radiofreundliche happy-go-lucky Popmusike geht. Die
Gitarren klingen hier und auch beim folgenden „All Time High“ im
besten Sinn psychedelisch. So muss man sich Acid Rock vorstellen. Dazu die
hohe, schneidende Stimme von Hammond. Immerhin ist der Sound hier schon etwas
weniger schrill und höhenlastig als bei der allerersten 7“EP, die bereits
1967 erschien. Bis auf einen wurden die Songs für das Debütalbum 1968 neu
eingespielt. Aber auch so behält „Amphetamine Gazelle“ diese völlig
überdrehte und gehetzt wirkende Atmosphäre, als wäre die Band auf Speed und
Acid gleichzeitig. „Eastern Light“ dagegen hat ein fast abgeklärt
majestätische Aura, getragen nicht nur von den Acid Gitarren sondern auch von
Piano und Flöte, während Hammonds Stimme über allem thront. Der schönste Track
des Albums ist jedoch „Wind Chimes“ mit beinahe indisch anmutenden
acid Gitarren über hypnotischen monotonen Rhythmen und den schwebenden
Flötentönen im zweiten Teil des Tracks. Das auf seltsame Art verloren wirkende
Schlaflied „Hush Julian“ am Ende der LP ist mit 1:10 leider viel zu
kurz. Die Platte war ein veritabler Flop seinerzeit. Und auch dieses Re-Issue
wird sicher kein Bestseller werden. Es wird jedoch Zeit, dass sich auch bisher
Nichteingeweihte mal mit dieser Band und ihrer ungewöhnlichen Musik
beschäftigen. Die LP ist übrigens Richard Brautigan gewidmet, einem damals
durchaus erfolgreichen Szene Poeten, der die Band nicht nur sehr schätzte
sondern auch hin und wieder materiell unterstützte. ***1/2
The Story Of Beat-Club (3 DVD Box-Sets, www.beatclub-edition.de)
Das sind doch mal gute Neuigkeiten! Radio Bremen hat
sich endlich entschlossen, alle Beat-Club Sendungen auf DVD zugänglich zu
machen. Musste man doch bisher mit einer lückenhaften 10 DVD Box vorlieb nehmen
oder sich Mitschnitte von Wiederholungen besorgen, deren Auswahl ebenfalls eher
zufällig war und noch dazu stümperhaft bis ahnungslos kommentiert wurde. Nun
also komplett und ungeschnitten mit allen Ansagen, Vor- und Abspännen.
Lediglich drei Sendungen fehlen. Das sind zum einen zwei „Best of“
Sendungen, die eh nur Wiederholungen boten, sowie eine Sendung (Folge 13), die
nur Fremdfilme enthielt, an denen RB offenbar keine Rechte hat. Es fehlt auch
der Beatles Film zu „Strawberry Fields Forever“, der in Folge 17 im
Februar 1967 gezeigt wurde. Auch daran hat RB keine Rechte. Die Boxen sind auch
einzeln erhältlich, was sicher denjenigen Freunden der Beatmusik gelegen kommt,
die Prog, Acid und Jazz Rock Improvisationen, wie sie in späteren Folgen ab ca.
1970 gang und gäbe waren, nicht so sehr goutieren. Ich finde allerdings auch
der späte Beat-Club hat seinen Charme. Und die optischen Effekte und
Spielereien, die ab 1968/69 einsetzten, waren nicht nur wegweisend im Musik TV,
sie sind zum Teil sogar unübertroffen in ihrer Kreativität.
Box I umfasst die Beat-Club Folgen 1-35 mit echten Live Auftritten von
u.a. The Remo Four, The Boots, The German Bonds, The Pretty Things, The Monks,
The Easybeats, Jimi Hendrix, The Who, The Small Faces, sowie Playback
Dar-bietungen von Billy Nichols, Sharon Tandy, Sandy Sarjeant, John Walker, The
Nice, Reparata & The Delrons u.v.m. Box II enthält die Folgen 36-59 mit
u.a. Harry Nilsson, Spooky Tooth, Julie Driscoll, Sly & The Family Stone,
The Flirtations, Caravan, Bloodwyn Pig, Man, Yes, Free, Collosseum, Taste, Mott
The Hoople, Edgar Broughton Band, Van Der Graaf Generator, Brinsley Schwarz,
Black Sabbath. Und Box III mit den Folgen 60-83 bietet Amon Düül II, The
Incredible String Band, Fotheringay, Patto, Tom Paxton, Curved Air, The Soft
Machine, Skid Row, Yes, Man, Family, Can, Fanny, T.Rex, Stone The Crows, Canned
Heat, MC5, Grateful Dead, The Rolling Stones, Captain Beefheart, Johnny Cash
u.v.m. Man kann die Boxen einzeln kaufen für 74,95 € oder komplett für
199,- €. Ich denke aber der Preis
wird noch etwas günstiger werden, wenn erst Amazon und weitere Händler die Box
Sets im Angebot haben. Im Moment verkauft Radio Bremen die drei Boxen mehr oder
weniger exklusiv über das ARD Online Marketing. Bei Saturn wurden allerdings
auch schon Beat-Club Boxen zu 69,- € das Stück gesichtet. Ich warte erst
mal ab, aber dann kaufe ich bestimmt alle drei Box-Sets.
Gila – Gila
(Free Electric Sound) (LP, Second Battle Rec., www.collectorrecords.de)
„Die Gila-Krustenechse
(Heloderma suspectum) ist ein Vertreter der Krustenechsen. Ihr Name (US Engl.
Gila Monster) stammt vom Gila-Fluss im Südwesten der USA (Bundesstaat Arizona)
und ist mexikanischen Ursprungs, daher ist die Aussprache wie Hiela. Neben dem anderen
Vertreter dieser Familie, der Skorpion-Krustenechse ist sie die einzige giftige
Echse. Die Gila-Krustenechse erreicht normalerweise eine Körperlänge von 70 cm,
einzelne Exemplare sind mit 100 cm gemessen worden. Sie hat einen breiten,
massiv aussehenden Körper, einen großen Kopf mit winzigen Augen und kurze Beine
mit scharfen Krallen. Der kräftige Schwanz dient als Fettreserve für Zeiten mit
Nahrungsnot. Ihre Haut ist schwarz und höckrig mit roten bis rosa Flecken, die
auch orange bis gelb sein können.“ So steht es bei Wikipedia. Und in
diesem Fall sollte man der Web-Enzyklopädie ruhig trauen. Die Angaben zur Band
Gila, die man bei Wikipedia findet, sind dagegen recht mager, wenn auch nicht
falsch. Dass der Bandname dem eingangs beschriebenen Tier entliehen wurde, ist
übrigens durchaus umstritten. Bandgründer Conny Veit können wir leider nicht
mehr fragen. Das langjährige Mastermind
der Gruppe starb vor wenigen Jahren in Hamburg.
Die meisten Freunde von
Krautrock und Psychedelia kennen vor allem Gilas zweites Album „Bury My
Heart At Wounded Knee“. So auch ich. Allerdings entstand diese Platte
erst vier Jahre nach Gründung der Band in veränderter Besetzung. Mit dem hier
wieder vorliegenden Debüt von 1971 hat die Scheibe mit dem Indianer auf dem
Cover nur wenig zu tun. Das die erste Platte beschreibende Motto ist
zeittypisch und wundert einen schon gar nicht, wenn man weiß, dass die
Musikgruppe aus einer Stuttgarter Politkommune heraus 1969 gegründet wurde.
"AGGRESSION verhindert KOMMUNIKATION und führt zum KOLLAPS des
Bewußtseins, was die Veränderung des "Ich" in positiver oder
negativer Weise zur Folge hat. Das positiv veränderte "Ich" sucht
KONTAKT zu anderen, um in KOLLEKTIVITÄT seine natürliche INDIVIDUALITÄT zu
finden." Augen- und Ohrenzeugen berichten, dass die Live Auftritte des
Musikerkollektivs sehr intensiv und in ihrer Improvisation höchst beindruckend
waren. Freie Formen, mäandernde Soundcluster, psychedelische Effekte waren ja
damals ganz typisch für die sich nicht nur in Deutschland entwickelnde
Underground Rock Szene. Krautrock nannten die Briten dann die besondere
deutsche Spielart dieser Musik, bei der alles möglich schien. Und ohne
bestimmte bewusstseinserweiternde Drogen ist die Begeisterung und das Aufgehen
in diesen schier endlosen und sich nicht selten wiederholenden Improvisationen
auch nur schwer vorstellbar. Hört man die Platte jetzt mit dem zeitlichen
Abstand von fast 40 Jahren und mit nüchternem Geist, dann wirkt sie dennoch wie
eine legitime und durchaus nachvollziehbare musikalische Interpretation des
genannten Mottos. Fast ein bisschen naiv zwar, aber auf eine unschuldige Art
auch sympathisch. Aus einer anderen Zeit eben. Gila gehörten wohl zurecht zu
den führenden Vertretern dieser neuen Musik damals in Deutschland. Und im internationalen
Vergleich können sie sich ohne weiteres messen mit den zeitgleichen Werken Pink
Floyds oder dem King Crimson Ableger McDonald & Giles etwa. Auch eine Nähe
zu Space Rock wollen einige Kritiker bei dieser Musik hören. Ich höre die nicht
unbedingt, aber sei’s drum. Jedenfalls lohnt sich die Anschaffung dieses
aufwändig und liebevoll gestalteten Re-Issues mit Klappcover, Poster und
ausführlichen neuen Liner Notes von Reinhart Kotzsch in einem extra
beiliegenden 8-seitigen Heft nicht nur für Sammler und alte Krautrock Fans. Wer
sich für jüngere Bands von Archive bis Vibravoid interessiert, sollte hier
ruhig auch mal seine Ohren spitzen. ***1/2
The Grip Weeds
– Infinite Soul, The Best Of The Grip Weeds (CD, Wicked Cool, www.myspace.com/gripweeds)
Nach wie vor eine der
besten zeitgenössischen Powerpop und Neo-Psych Bands der USA sind The Grip
Weeds aus New Jersey. Auf Little Steven Van Zandts Wicked Cool Label ist nun
eine Compilation der Band mit 16 ihrer besten Aufnahmen erschienen. Tracks aus
rund 15 Jahren und von vier Alben, bestens geeignet für Novizen des Grip Weeds
Sounds. Dieser ist absolut unverwechselbar, auch wenn er Einflüsse der
Vergangenheit von The Who bis zu The Moody Blues aufweist. In diesem
Zusammenhang wird es die Freunde des Vinyls interessieren, dass die originale
7“ „She Brings The Rain“ sowie die Doppel-LP „The Sound
Is In You“, beide auf Twang! veröffentlicht, noch immer erhältlich sind.
Preis auf Anfrage. Diese Compilation hier enthält andererseits mit einer
Neuaufnahme des Klassikers „She Brings The Rain“ einen exklusiven
Track. Hoffentlich kommen Kristin, Kurt, Rick und Michael auch mal wieder nach
Deutschland. An die gemeinsame Tour durch drei Länder anno 1994 erinnere ich
mich nach wie vor mit Begeisterung. ****1/2
The Boots –
Here Are The Boots / Beat With The Boots (2CD, Revisited/SPV, www.theboots.de)
Nun sind die beiden LPs der
besten deutschen Sixties Band also erneut offiziell erhältlich. Dieses Mal als
Doppel-CD aber mit den gleichen Bonustracks wie die vor zehn Jahren von
Telefunken wiederveröffentlichten beiden Einzel-CDs, die inzwischen nicht mehr
lieferbar sind. Novizen haben also die Chance, die Musik der Boots kennenzulernen.
Ich muss die Band hier nicht extra anpreisen. Das hieße ja wohl „Eulen
nach Athen tragen“. Aber ein paar Sätze zu diesem ersten offiziellen
Re-Issue unter Einbeziehung der noch lebenden Bandmitglieder will ich doch
loswerden. Die Liner Notes schrieb der Bassist der Band, Bob Bresser, selbst.
Die Fotos im Booklet stammen alle aus Bobs Privatarchiv und sind
dementsprechend rar und interessant nicht nur für Fans. Auf der CD 1 gibt es
als Bonus eine ca. 20-minütige Diashow (als mpeg Datei), zu der Philip
Schumacher eine von H.P. Daniels verfasste Bandgeschichte spricht. Für den Fan,
der schon alles hat, stellt dies den eigentlichen Mehrwert dar. Seltene Fotos
und Details und Hintergründe zur Band und der Szene damals wurden da sehr schön
aufbereitet. Auch ist die Doppel-CD mit ca. 15-17 € nicht zu teuer. Dass
alle Tracks „digitally remastered“ wurden wie das Cover vermeldet,
fällt zum Glück nicht weiter auf. Schöner wäre es freilich, wenn es beide LPs
endlich auch mal wieder auf Vinyl gäbe. Die letzte Wiederveröffentlichung der
ersten LP liegt weit über 20 Jahre zurück. Und „Beat With The
Boots“ wurde noch nie offiziell und im Originalcover
wiederveröffentlicht. Gerade in Zeiten, da sich Musikliebhaber verstärkt wieder
dem Vinyl zuwenden, wäre es an der Zeit, die Musik Deutschlands großartigster
Beatband auch wieder im warmen, knackigen unverfälschten Analogsound zugänglich
zu machen. Die Originale der beiden LPs sind inzwischen doch recht selten und
teuer. Wie ich aus zuverlässiger Quelle erfahren habe, soll die DVD und die
Live Doppel-CD mit dem Mitschnitt des Re-Union Konzerts im Berliner Quasimodo
vor drei Jahren nun endlich noch vor Weihnachten 2008 erscheinen. Wir sind
gespannt! Diese Doppel-CD hier bekommt ****
Diverse – Sprechen
Sie Pop? (CD, Bureau B / Indigo, www.bureau-b.com)
Wir erinnern uns an die Reihe „Tausend
Nadelstiche“ von Bear Family Records. Da waren es Amerikaner und Briten,
die deutschsprachige Versionen ihrer Hits sangen. Das Konzept hier ist ähnlich
und doch anders bzw. weiter gefasst. Hier sind es ganz allgemein Künstler,
deren Muttersprache nicht Deutsch ist, die entweder deutsche Versionen ihrer
Hits singen oder sogar extra für sie geschriebene deutsche Titel, die in ihrer
Heimat gar nicht erschienen. Versammelt sind Aufnahmen aus den 60er und 70er
Jahren aus der musikalischen Grauzone zwischen Beat, Easy Listening und damals
noch eher unschuldigem, charmanten Schlager Pop und Chanson. Den Anfang macht
ein Rip-Off von Nancy Sinatras Hit „These Boots Are Made For
Walking” mit dem Titel “Er heißt Peter“, gesungen von der
Tochter des in den 30er Jahren in die USA emigrierten großen Schlager
Komponisten Friedrich Holländer, Katja Holländer. Im Zuge des Ost/West Ausgleichs
sind hier auch etliche Künstler aus dem ehemaligen Ostblock vertreten, wie z.B.
Die Skalden, Die Roten Gitarren (beide aus Polen), Kati Kovács und die
ungarische Gruppe Illés. Der Großteil der Titel dürfte selbst einem älteren
Publikum eher unbekannt sein. Aber es sind auch ein paar Riesenhits von damals
zu hören wie etwa Graham Bonneys „Girl mit dem La-La-La“ oder Elisa
Gabbais „Winter in Kanada“. Beides übrigens auch zwei der
Highlights hier neben France Galls „Wassermann und Fisch“ natürlich
oder Antoines „Hallo, Bonjour, Salut“. Entdeckungen kann man sogar
auch noch machen. Mich überraschte auf das Angenehmste Sandie Shaw mit
„Sommerwind“ aus der Feder von Peter Thomas (der u.a. die
Titelmusik zu Raumpatrouille Orion schrieb) sowie Sylvie Vartan mit dem
Glamrockschlager „Ein kleines Herz auf der Haut“, der im Jahr 1978
allerdings wohl schon zu old fashioned war, um große Aufmerksamkeit zu
erzielen. Und die bereits erwähnten Illés sind sowieso mein großer Geheimtipp.
Ihr deutsches Album auf Amiga aus dem Jahr 1972 ist ein Quell der Freude für
Freunde des eher abseitigen musikalischen Geschehens. Mit einer Mischung aus
Folk, Schlager, Psychedelia und sogar Progrock ist diese LP jede Suche auf
Flohmärkten oder Plattenbörsen wert. Ihr „Hier stand die Sonne hoch“
beschließt diesen Sampler mit Sitarklängen, Tablas und einem unschuldigen
Schubidu Chor zu starkem ungarischen Akzent. ***1/2

Alice In Wasteland waren in
der zweiten Hälfte der 80er Jahre eine der profiliertesten finnischen Bands mit
englischen Lyrics. Gegründet in der mittelfinnischen Universitätsstadt
Jyväskylä 1986 als Post Punk / Powerpop Band wurde die Gruppe um die Sängerin Pikke
Paananen sehr bald von Poko, dem seinerzeit führenden finnischen Indie Label,
unter Vertrag genommen. Drei Singles und ein Album erschienen bei Poko. Alle
leidlich erfolgreich in Finnland aber auch im benachbarten Schweden. Die Stimme
Pikkes erinnert mitunter an Chrissie Hynde. Und die Songs, die sie oder
Gitarrist Kari Smolander schrieben, haben gewöhnlich einen hohen
Wiedererkennungswert und oft Ohrwurm Charakter. Nachdem Poko es versäumte, die
Option auf ein zweites Album
wahrzunehmen, sprang Jukka Junttila mit seinem Label Hiljaiset Levyt in
die Bresche, bei dem bereits einige tolle finnische Bands unter Vertrag waren.
Die zweite LP „Red Eye“ fiel insgesamt etwas nachdenklicher, fast
düsterer aus, als das Debüt. Wären da nicht die recht heftigen Power Chords von
der Gitarre, man käme auf die Idee, hier waren Siouxsie und ihre Banshees
heimlich am Werk. Aber auch die Pixies mögen da ein bisschen abgefärbt haben.
Jedenfalls zählen die Veröffentlichungen von Alice In Wasteland durchweg zu den
lohnendsten aus Finnland, egal ob man nun Powerpop Fan, Indie Nerd oder
Alternative Rocker ist. 1992 löste sich die Band auf. Nun hat Poko unter dem
Titel „Wasted“ diese CD mit 20 Tracks aus dem Gesamtwerk der Band
quasi als „Best Of“ veröffentlicht. Seit März 2008 spielt die Band
auch wieder live zusammen und begeistert alte und neue Fans. Als Einstieg und
Überblick kann ich die CD jedem nur wärmstens ans Herz legen. Dem Vinyl Fan und
allen, die nach diesen 20 Tracks erst so richtig angefixt sind, empfehle ich,
nach den insgesamt sechs originalen 7“ 45s und zwei LPs der Band zu
fahnden. Nicht so leicht zu finden, aber bestimmt auch nicht wirklich teuer, da
Alice In Wasteland immer noch so etwas wie ein Geheimtipp sind. ****
Dennis Wilson –
Dennis, der mittlere der drei Wilson Brüder, war der
einzige echte Surfer bei den Beach Boys. Und neben Brian, der ja nach
„Smile“ eher mit sich selbst beschäftigt war, war Dennis wohl das
echte „enfant terrible“ der Gruppe. Er war es, der mit sich mit
Charles Manson einließ, ihm einen Song abkaufte und Demos mit ihm produzierte.
Glücklicherweise endete die Zusammenarbeit der beiden lange vor den grausamen
Morden, die die Manson Family 1969 beging. Aber so richtig auf die Reihe
bekommen hat der smarte Junge sein Leben wohl auch nie. Immerhin war er 5x
verheiratet und hatte insgesamt sechs Kinder. Dennis ertrank Ende Dezember 1983
bei dem Versuch nach Dingen die er ins Wasser geworfen hatte unter seinem Boot
im Yachthafen von Marina Del Rey zu tauchen. Neben Alkohol fand man auch Spuren
von Valium und Kokain in seinem Blut. Seine musikalische Karriere war zu diesem
Zeitpunkt aber eigentlich eh keine mehr.
Nachdem Brian sich
zurückgezogen hatte, schrieb Dennis verstärkt Songs für die Beach Boys und sang
auch gelegentlich die Leadstimme. Allerdings war Dennis im Prinzip
„nur“ der Live Drummer der Band, da sein Part im Studio von
Studiomusikern gespielt wurde. Pläne für eine Soloplatte hatte er daher bereits
zu Beginn der 70er Jahre. Allerdings hielt ihn sein unsteter Lebenswandel
ebenso wie komplizierte Vertragsverhältnisse immer wieder von der
Verwirklichung einer Solo-LP ab. Schließlich klappte es dann 1977 aber doch,
und „Pacific Ocean Blue“ erschien bei Caribou Records und erreichte
immerhin knapp die Billboard Top 100. Ein besseres Ergebnis als es dem
zeitgleich bei Warner erschienenen Beach Boys Album „Love You“
beschieden war. An mir ging die Scheibe damals völlig vorüber. Ich kann mich
aber erinnern, dass ich sie in der Folge häufiger in den Billigkisten der
Second Hand Dealer stehen sah. Da steht sie inzwischen natürlich nicht mehr.
Heute gilt die Platte zwar nicht als Meisterwerk, aber doch als beste
Soloveröffentlichung eines Beach Boys. Und ja, dem kann ich mich ohne Weiteres
anschließen. Es ist eine ziemlich typische 70er Jahre Platte, also guter
amerikanischer Seventies Mainstream Rockpop. Fulminant im Sound, ausgeklügelte
Arrangements und durchaus passable Songs, manche sogar richtig gut. Der Opener
„River Song“ etwa, oder der „Pacific Ocean Blues“, der
Titelsong. Auch „Farewell My Friends“, „Rainbows“ und
„End Of The Show“ wissen zu überzeugen. Für diese
Wiederveröffentlichung hier wurde das Album neu gemastert. Und es wurden noch
etliche bisher unveröffentlichte Tracks hinzugefügt. U.a. das gesamte Material,
das bereits für das geplante zweite Soloalbum „Bambu“ aufgenommen
worden war. Das alles klingt letztlich sehr nach späten Beach Boys, aber nicht
so glatt und peinlich wie manche Veröffentlichungen der Band aus den 80ern. Der
Bohei, der nun um dieses Re-Issue gemacht wird, ist sicher etwas übertrieben.
Trotzdem freue ich mich, die Platte auf diese Weise doch noch richtig
kennengelernt zu haben. Und auch das Bonusmaterial lohnt die Beschäftigung
damit. ***1/2
Various Artists – NO FUN Records, Hit oder Niete, die Singles (CD, Sireena
Records, www.sireena.de)
Über 30 Jahre ist das nun auch
schon wieder her. Punk und New Wave schwappten nach Deutschland und erste Bands
griffen die Ideen aus dem UK und aus New York auf und versuchten was Eigenes.
Indie Labels wurden gegründet. Und eines davon war NO FUN in Hannover. Hollow
Skai gab zu-nächst ein Fanzine mit diesem Namen heraus, und als dann
tatsächlich auch in Hannover Punk und New Wave Bands auftauchten, wurde NO FUN
zum Schallplattenlabel. Die erste Single auf NO FUN kam von den 39 Clocks,
die zwar von Suicide inspiriert waren, aber eigentlich mehr noch auf Velvet
Underground und Silver Apples abfuhren. 1980 war das. Und in schneller Folge
kamen andere 17cm Schallplatten dazu. Bärchen und die Milchbubis schufen
mit „Jung kaputt spart Altersheime“ fast eine Art neuartiger Hymne
der Punks. Und das legendäre „Samen im Darm“ von The Cretins
wurde Jahre später von der besten Band der Welt Die Ärzte gecovert. Deutscher
Punk war für gewöhnlich primitiv und schlecht produziert aber durchaus
originell und zum Mitmachen geeignet. Und bald waren es nicht nur Bands aus der
Metropole der Langeweile Hannover, die auf NO FUN erschienen. A5 aus
Bremen und Daily Terror aus Braunschweig steuerten EPs und Singles zum
Labelkatalog bei. Ein weiteres Glanzlicht kam von der Gruppe Der Moderne Man.
Dass ich deren geniale Single „Der
Sandmann“/„Baggersee“ damals nicht behalten habe, wurmt mich
inzwischen ganz schön. Das ist die wahre ndW und nicht der Schlager und
Mainstream Krempel, der ein gutes Jahr später von der Musikindustrie stil- und wahllos rausgehauen
wurde. John Peel bot der Band 2x eine Session an, zu der es dann aus
unerfindlichen Gründen nie kam. Mythen in Tüten spielten dann fast schon
Schlager, aber mit so viel unverfälschtem Charme, dass man niemals peinlich
berührt zu sein braucht. Ihr „Liebe im Funkhaus“ war sogar ein
kleiner lokaler Radiohit. Die letzte Single auf NO FUN erschien 1981 und kam
von der bereits zum Hannoveraner Export Schlager avancierten Band Hans-à-Plast,
die wegen ihrer beiden Frontfrauen und einschlägiger Lyrics gerne auch als Speerspitze
des Feminismus einvernahmt wurde. Das Label NO FUN existierte noch etwas
länger, aber leider erschienen keine Singles mehr mit diesem Logo. Alle NO FUN
Singles – bis auf eine Benefiz-Single, die mit dem Label eigentlich gar
nichts zu tun hatte – sind hier nun auf diesem Sampler versammelt. Der
erscheint auf Tom Redeckers Label Sireena. Die Linernotes hat Hollow Skai
selbst geschrieben. Die Wertung für die Singles reicht von ** bis zu ****
Cool Stove
Vor gut drei Jahren hatte ich eine
CD Compilation „Beat aus Germany“ zusammengestellt. Ein Querschnitt
von bekannten und weniger bekannten Aufnahmen deutscher Beat Bands aus den
Sixties. Dabei war auch der Track „Big Sensation“ von Cool Stove,
den ich auf einem „Diggin’ For Gold“ Sampler gefunden hatte.
Über die Band Cool Stove war damals nichts in Erfahrung zu bringen. Vor wenigen
Wochen erhielt ich eine Mail von einem Klaus Berger aus Bonn, der
offen-sichtlich ebenso gerne wie ich nach Perlen deutscher Beatmusik fahndet
und unter www.bonner-beat.de eine
eigene Homepage betreibt. Klaus stellte den Kontakt her zu Manfred Plenckers,
der damals der Schlagzeuger der Band Cool Stove war. Und letzten Sonnabend traf
ich dann Manfred hier in Berlin. Wie klein die Welt doch ist!
Cool Stove
wurde 1968 in Bad Godesberg gegründet. Dabei waren drei Musiker, die vorher
bereits in der Band The Rats gespielt hatten, Walter Spruck (g), Heinz Jugel
(b), Manfred Plenckers (dr). Verstärkt wurden sie von Werner Müller-Lankow (voc),
der schon bei den Desperados in Bonn Gitarre gespielt hatte und dem Bonner
Keyboarder Ali Stolle. Die Band muss live ziemlich klasse gewesen sein.
Besonders der mehrstimmige Satzgesang war für deutsche Beatbands eher
ungewöhnlich. Wie fast alle Bands jener Zeit coverten die Jungs überwiegend.
Songs der Moody Blues, Honeybus, Love Affair aber auch von Jimi Hendrix
gehörten zum Repertoire. Und dann natürlich die Eigenkompositionen „Big
Sensation“ und „My Girl Is My Girl“. Die Chefin einer Kölner
Schallplattenfirma (die eigentlich eher Klassik produzierte) hatte an den Jungs
offenbar einen Narren gefressen und finanzierte ihnen die Aufnahmen zu ihrer
Single, die dann Ende 1968 auf ihrem Label Starton in Köln erschien. „My
Girl Is My Girl“ ist eine eher leichte Happy-Go-Lucky Nummer mit Pop
Appeal, die ein bisschen an ein Kinderlied erinnert. „Big
Sensation“ hat jedoch alles, was einen Mod / Freakbeat Klassiker
ausmacht. Coole Orgel Grooves, tolle Fuzzgitarre, einen treibenden Rhythmus,
gelungenen Spannungsaufbau, einen eingängigen Refrain und einen super Break in
der Mitte. Mehr zur Band findet man unter http://coolstove.myrockspace.net/. Lei-der gingen die Jungs
schon bald wieder auseinander. Bei unserem Treffen erzählte Manfred noch, sie
wären damals auch bei Dieter Diercks im Studio gewesen, der mit ihnen eine
deutsche Version des Hollies Hits „Sorry Suzanne“ produzierte, die
allerdings in der Schublade blieb. Die Atmosphäre im Hause Diercks war recht
familiär. Die Oma kam mit selbst gebackenem Kuchen ins Kellerstudio, erinnert
sich Manfred.
Werner und Ali gründeten dann mit dem Drummer Jens
Hoffmeister von Werners alter Band Desperados sowie dem Bassisten Gerhard Noe von The Hangmen aus
Godesberg eine neue Band, die sie Proud Flesh nannten. Die Band spielte neben
eigenem Material auch Cover von Spooky Tooth, Deep Purple, Black Sabbath,
Hendrix u.a. Anfangs eher auf der Prog Schiene entwickelte sich die Gruppe dann
aber zu einer schnörkellosen Hardrock Combo, die bis 1972 in wechselnden
Besetzungen existierte. Manfred Plenckers gehörte zeitweilig auch zu ihrem
Line-Up. Zwei Singles veröffentlichte Proud Flesh 1970 und 71. mehr
Informationen findet man unter http://proudflesh.info.
Werner Müller-Lankow lebt heute in Schweden. Er ist es, der die Webseiten
seiner alten Bands initiiert und installiert hat. Manfred Plenckers spielt
heute in einer Bonner Soul und Funk Band namens Prime Time Gitarre.
The
Grip Weeds – House of Vibes (Revisited) (CD, Ground Up Records, www.myspace.com/gripweeds)
Ich
muss zugeben, ich habe „House of Vibes“ auch schon eine ganze Weile
nicht mehr gehört. Erst vor wenigen Wochen habe ich das unwiderruflich letzte
Exemplar der Vinyl LP verkauft. Für Uneingeweihte: die LP erschien 1994 auf
Twang! Records. Was hat sich alles verändert, seit die Grip Weeds damals im
Herbst 94 mit den Lemonbabies 14 Tage durch Deutschland tourten. Die
Lemonbabies sind erwachsen geworden und machen – zumindest gemeinsam
– keine Musik mehr. Die Grip Weeds aber gibt es nach wie vor. Sie haben
inzwischen drei weitere großartige Alben veröffentlicht, von denen zumindest
eines (The Sound Is In You) auch als Doppel-LP auf Twang! erhältlich ist. Nun
haben Kristin, Kurt und Rick die alten originalen Mehrspurbänder ihres ersten
Albums wieder hervorgeholt und sie neu abgemischt. Das Ergebnis ist auf einer
CD zu hören, die erfreulicherweise nicht schlechter klingt als die Vinylversion
von 1994. Sehr behutsam und kompetent wurden Balancen verändert, Instrumente
und Gesangsspuren deutlicher getrennt und dadurch klarer und zum Teil erst
hörbar gemacht. Ich weiß, man kann da so seine Zweifel haben, ob das immer der
Sache dienlich ist. Hier jedoch gingen genau dieselben Leute zu Werke, die
damals die Musik komponiert, gespielt und die Aufnahmen durchgeführt haben.
„House of Vibes“, das ist ja nicht nur der Titel des Albums, es ist
auch der Name des bandeigenen Studios, in dem alle ihre Platten entstanden.
Mick Hargrave, der damalige Bassist der Band, wurde ebenso konsultiert, wie
auch diverse Demos und Live Mitschnitte aus der Zeit des ersten Grip Weeds
Albums hinzugezogen wurden. Einige dieser Aufnahmen sind als Bonus auf dem CD
Re-Issue gelandet zusammen mit Interviews von damals. Auch einige zusätzliche
Infos, Photos und Videos findet man auf der CD, wenn man sie über einen PC
startet. Insofern ist dieses Re-Issue sowieso ein Leckerbissen für Fans der
Band, aber auch für jeden, der ein Faible für diese großartige Mischung aus
Powerpop, Folkrock und Sixties Psychedelia hat. „House of Vibes“
ist eben nach wie vor auch ein wunderbares Album, eines der besten des Jahres 1994.
Eine Neuauflage des Vinyls wäre sicher eine feine Sache. Ich befürchte jedoch,
dass die Nachfrage nicht ausreicht, die Kosten zu decken. So kann ich also nur
empfehlen, nach dem Vinyl Original zu fahnden, was nicht leicht sein wird. Wer
diese tolle Platte besitzt, verkauft sie nicht. Die zweitbeste Empfehlung ist
jedoch das CD Re-Issue hier. Musikalisch und klanglich so gut wie makellos.
*****
Various
Artists – Lost Illusions Vol. 1 + 2 (LP,
B-Sharp 666 / 3 bzw. 6)

Im Untertitel dieser beiden
LPs heißt es „Ultimate German Garage Punk 1965 – 1967“. Das
ist gar nicht mal falsch. Über das „ultimativ“ kann man natürlich
immer streiten. Aber die Auswahl ist doch überraschend gut, und es sind so gut
wie keine Tracks dabei, die schon in gleicher Soundqualität auf Samplern zu
hören waren. Etliche der Bands und Tracks waren mir sogar bisher gänzlich
unbekannt. Und selbst Hans Jürgen Klitschs Jahrhundertwerk „Shakin’
All Over“ kann mir da kaum weiterhelfen. Insofern
also eine sehr lohnende Sache diese beiden Platten. Auf der ersten LP sind The
Chatles, Cavedwellers, The Slaves (aus Österreich), The
Beethovens, The Shaggys, The Cool Stove, Jonah & The
Whales, The Vanguards, The Uniteds und The Subjects vertreten.
Bei Teil 2 hören wir The Strangers, noch mal The Slaves und The Vanguards,
The Ghools (aus der Schweiz), The Desperates, The Strings,
Lord Crazy, The Jets, The Black Shadows und The High
Spirits. Die
Musik ist größtenteils erstaunlich hörenswert. Will sagen, es überwiegen die
kompositorisch eigenständigen Songs neben sehr gelungenen Coverversionen.
Soundmäßig orientieren sich die meisten Bands natürlich an britischen
Vorbildern der Ära. Aber hier und da kommt sogar Nuggets oder Pebbles Feeling
auf, wenn ihr versteht, was ich damit sagen will. Mit anderen Worten, kaum einer
Band merkt man den Ursprung im deutschsprachigen Raum an. Jedenfalls nicht
musikalisch. Beim Gesang und bei den Texten darf man im Zweifelsfall nicht so
genau hinhören. Die Liner Notes sind in einem Pidgin English verfasst, das
jeder Beschreibung spottet. Sie sind auch nur marginal informativ. Kaum erfährt
man die Herkunft der Bands. Dafür prahlt der anonyme Verfasser ständig damit,
wie teuer die Singles doch sind, die den beiden Samplern zugrunde liegen. Im
Übrigen scheint er zu der Sorte Sammler zu gehören, für die spätestens 1968 die
Entwicklung der Popmusik beendet war. Anders sind seine Ausfälle gegen Hippies
und jede Form von musikalisch wie kommerziell erfolgreicheren Genres nicht zu
verstehen. Aber egal. Die beiden LPs sind für den Freund deutscher Beatmusik im
Besonderen und Sixties Garage Beat im Allgemeinen sicher empfehlenswert.
Durchschnittlich ***1/2 für beide LPs. Man bekommt sie bei den einschlägigen
Mail Ordern.
Various Artists – Finnish Nuggets Vol. 1 + 2 (CD, Privatpressung, www.garagepunk.com/forums/index.php)
Eine
wundervolle und sehr lohnende Entdeckung machte ich kürzlich im Internet, als
ich auf der Suche nach finnischen Singles aus den Sixties war. Das hier ist die
bislang vollständigste und vor allem kundigste und sinnvollste Compilation von
Sixties Beat aus Finnland. Der einzige aber große Nachteil, das sei gleich
gesagt, sie ist offiziell noch gar nicht erschienen. Man findet das Booklet und
die sehr ausführlichen und sachkundigen Liner Notes inklusive zahlreicher Fotos
und Faksimiles bisher nur im Internet im oben genannten Garage Punk Forum. Um
daran zu kommen, muss man sich registrieren. Und die Musik, verteilt auf zwei
respektive drei CDs muss man sich kopieren lassen von einem anderen
Forumsmitglied. Offiziell soll das Ganze in Finnland als 3CD Box erscheinen.
Wann das geschieht, steht in den Sternen. Und so recht glaube ich auch nicht
daran. Zu groß sind die Hürden der Lizensierung und der Klärung der Rechte. Ein
finnischer Plattensammler und Musikliebhaber hat die Singles zusammengetragen
und die Liner Notes verfasst und gestaltet. Das ist schon insofern eine
großartige Leistung, als es in Finnland noch viel kleinere Auflagen gab in den
Sixties als anderswo und viele der hier präsentierten Singles praktisch nur
einmal im Leben eines Sammlers auftauchen. Es ist aber auch – nicht nur
für den Finnland Fan – eine wahnsinnig interessante Zusammenstellung.
Viele der Bands kennt man sogar in Finnland kaum noch. Für den Garage Beat Fan
ist diese Compilation eine wahre Fundgrube. Selbst ich, der ich mich seit rund
25 Jahren mit finnischer Pop- und Rockmusik beschäftige, hätte es nicht für
möglich gehalten, dass so ein umfangreicher und qualitativ hochwertiger Sampler
zustande kommt. Etliche der Tracks und Bands höre ich hier auch zum ersten Mal.
Aber genug des allgemeinen Lobes. Gehen wir ins Detail; wenigstens partiell.
Die Compilation beginnt mit „Cadillac“ von The Renegades.
Und diese urenglische R&B Band aus Birmingham taucht dann auch noch ganze
drei mal auf im Verlauf der dreistündigen Zusammenstellung. Früher hab’
ich immer den Kopf geschüttelt über die Vereinnahmung der Band durch die
finnischen Medien und Fans. Allerdings muss ich zugeben, dass die Sache schon eine
gewisse Berechtigung hat. The Renegades lebten über zwei Jahre in Finnland,
feierten dort ihre größten Erfolge, und vor allem, sie nahmen alle hier
kompilierten Singles in Finnland auf. Neben The Renegades tauchen übrigens noch
The Andicaps ebenfalls aus Birmingham auf, sowie The Kirkbys aus
Liverpool, die auch einige Zeit in Finnland lebten und dort zwei exklusive
Singles aufnahmen. Und ziemlich am Ende des Samplers treffen wir auf eine Band
aus der damaligen CSSR, die auch exklusive Aufnahmen in einem Studio in
Helsinki einspielte. Praktisch alle damals in Finnland erfolgreichen
einheimischen Bands sind mit ihren besten bzw. dem Garage Beat am ehesten
zuzurechnenden Tracks vertreten. Darüberhinaus wurden nicht zu viele Tracks
ausgewählt, die bereits auf finnischen Sixties Samplern erschienen sind.
Ausgenommen natürlich solche, deren genrespezifischer Klassikerstatus sie für
diesen Überblick unverzichtbar machen. Wir hören also Topmost, Jormas,
Eero & Jussi with The Boys, Jim & The Beatmakers, The
Islanders (mit verschiedenen Sängern), Eddy & The Lightnings, Cay
& The Scaffolds, The First, Blues Section, The Sounds,
The Esquires, New Joys, Ernos, sowie einige wirklich
hervorragende aber leider kommerziell wenig erfolgreiche Bands, die es dennoch
zu einer oder zwei Singles gebracht haben wie etwa Buddy & The Wiremen,
The Needles, The Hitch Hikers, The Five Comets, The
Roosters, The Victors und neben einigen weiteren gar eine Band aus
dem höchsten Norden (ganz in der Nähe des Ortes, in dem „Populärmusik aus
Vittula“ spielt) The Rondo Four. Wie ich schon sagte, es gibt kaum
Ausfälle in diesen drei Stunden. Von primitiven Rock’n’Roll
Adaptionen bis zu beinahe schon psychedelischem Garage Pop ist alles dabei, was
auch im UK, in den USA oder sonst in der Welt zwischen 1963 und 1968 gespielt
wurde und im weitesten Sinn Beatmusik genannt werden kann. Vieles davon kann
man heute auch als Freakbeat bezeichnen. Meine Favoriten sind so zahlreich, ich
kann sie hier gar nicht alle auflisten. Neben den Tracks der Blues Section und
von Jormas sind das vor allem The Needles, The Roosters, „Kevät“
von den New Joys, „Beat The Clock“ von The Islanders,
„Meditation“ von The Hitch Hikers und „Harha“ von
Ernos. Vielleicht komprimiere ich die Auswahl bei Gelegenheit mal auf eine CD
für Interessierte. Alles in allem durchschnittlich ***1/2, einzelne Tracks aber
auch **** oder ****1/2.
Various Artists – Land Of 1000 Dances (LP, Beat Road Records)
Diese
Compilation dagegen ist ein Beispiel dafür, wie man es eher nicht machen
sollte. Eine „offizielle“ Veröffentlichung ist es wahrscheinlich
auch nicht, obwohl die Liner Notes mit der Unterschrift des in Finnland recht
prominenten Produzenten und Toningenieurs Mika Jussila versuchen, einen solchen
Eindruck zu erwecken. Einziger positiver Aspekt, es handelt sich um Vinyl. Und
ja, ok, falls jemand überhaupt noch nichts aus Finnland aus den Sixties kennt,
ist dieser Sampler ein ganz ordentlicher Einstieg. Ein paar wirklich gute
Nummern sind dabei. Neben den unvermeidlichen Renegades lohnen sich die Tracks
von Jormas und The Needles. Jim & The Beatmakers sind ok. Der Rest hätte
nicht unbedingt sein müssen oder macht mehr Sinn im Rahmen eines umfassenden
Überblicks, wie ihn die oben besprochene Zusammenstellung liefert. Daher gibt
es hierfür nur **1/2
Various Artists – Psychedelic Phinland (2CD, Love Records, www.lovemusic.fi)
Das hier ist nun wirklich nur was für absolute Finnland Fans oder
Komplettisten. Es sind zwar einige Tracks dabei, die man im weitesten Sinn auch
psychedelisch nennen kann, das meiste ist aber eben das, was der Untertitel der
Compilation sagt: Finnish Hippie & Underground Music 1967 – 1974. Man
ist sogar nicht mal davor zurück geschreckt, zweifelhafte Comedy Nummern aus
den späten 60ern in finnischer Sprache einzufügen. Viele der Tracks hier
gehören zum Schrägsten und Verschrobensten, was die finnische Popkultur damals
hervorgebracht hat. Die wirklich guten Sachen von Blues Section,
Wigwam, Hector, Suomen Talvisota und Apollo sind
bereits in anderen Zusammenhängen zur Genüge wiederveröffentlicht. Vor allem
die auf der zweiten CD versammelten Aufnahmen sind vielleicht von
musiksoziologischem Interesse, einen Musikgenuss vermitteln sie schwerlich.
Manches erinnert an den Krautrock der frühen 70er, das Meiste ist ziemlich
dilettantisch und auch nicht anders als die Mitschnitte aus unserem
Jugendkeller im Gemeindehaus aus den Jahren 1971-74. Auf der ersten CD finden
sich schon ein paar ganz interessante Sachen. Alle jedoch Finnisch gesungen und
musikalisch von einer Bandbreite, die von minimalem Rock’n’Roll
oder Folk über Westcoast Adaptionen bis zu Free Form Improvisationen reicht.
Überhaupt sind es wohl vor allem die Texte, die hier psychedelisch genannt
werden können. Ich weiß wirklich nicht, wen dieser Sampler erreichen will,
außer wie gesagt ein paar Soziologen und Historiker. Und die sollten des
Finnischen mächtig sein. **
Nylon 66’ers – Yeah Yeah Yeah! It Was 40 Years Ago (CD, Stupido Records, www.nylon66ers.net)
Die
spinnen, die Finnen! Diesen Ausruf, halb Entsetzen halb Bewunderung, habe ich
schon oft gehört in den vergangenen rund 30 Jahren, seit ich mich mit
finnischer Rock- und Popmusik beschäftige. Und diese Band aus Helsinki gab und
gibt regelmäßig Anlass für derartige Ausrufe. Fünf Herren aus Helsinki, in
Blümchenhemden und hinter Sonnenbrillen verborgen, brachten schon vor rund 15
Jahren eigentümliche Lounge und Bossa Nova Versionen bekannter Rock Hits zum
Vortrage, als solches Tun noch nicht en vogue und durch Zeitgeist Magazine
empfohlen war. Und natürlich kam es ihnen auch nicht auf die gepflegte
Unterhaltung und Durchhörbarkeit an. Ihre Platten würden die Kunden der
Berliner Szene Frisöre und Cafés auch heute eher verstören als sanft
umschmeicheln. Denn auch wenn auf den ersten Blick die Zutaten stimmen, von der
Dr. Böhm Orgel über das gediegene Saxophon bis zu sauber gespielten Gitarren
und allerlei angenehmer Perkussion, die Jungs überraschen immer mal mit einem
unerwarteten Schlenker, einer garstigen Wendung. Die vorliegende Doppel-CD ist
ein Zwitter. CD 1 bietet Neuaufnahmen bekannter Evergreens von „The Last
Of The Secret Agents“ über „The Good, The Bad And The Ugly“
bis zu „Sunny Afternoon“. Allesamt auch in diesen Versionen bisher
ungehört. Auf der zweiten CD sind 20 Tracks aus dem Backprogramm der Kapelle
versammelt. Tracks, die Anfang der 90er Jahre bereits auf Vinyl erhältlich
waren. Im direkten Vergleich stelle ich fest, die Jungs haben schon ein
bisschen ihrer Subversivität eingebüßt. Die neuen Sachen klingen zwar ganz
erfrischend aber längst nicht so frech wie das ältere Material. Tracks wie die
Bossa Nova Version von „Holiday In Cambodia“, die minimal
Elektropop Fassung von „Whole Lotta Love“ und andere Knaller
bleiben unerreicht. ***
The Early Hours – Lights, Guitars, Action! (CD, Off The Hip Records, www.offthehip.com.au)
Mensch, das ist nun auch
schon wieder über zehn Jahre her! Vier Jungs aus Perth, Western Australia,
räumten ab bei der Beat-O-Mania 1996 in München. In Berlin folgten ihnen die
Groupies bis in die Jugendherberge nach Hohenschönhausen. Ihre Debüt LP
(natürlich auf Twang!) brachte einen Ohrwurm nach dem anderen. Garage Pop erster Güte! „She’s A Gogo“, „Big
Star“, „Dialled Off Her Mind“, „Two Girls“,
„Baby“, „Groovy Kind Of Girl“ usw. usf. Ein Powerpop Teen Punk
Heuler nach dem anderen! Ein zweites Album erschien bei Phantom Records und war
nur ein wenig mehr sophisticated. In Europa waren sie bekannter und beliebter
als in ihrer Heimat. Vor allem in Spanien und Frankreich wurden sie wie Stars
gefeiert. Alle 27 Tracks, die während ihrer kurzen aber intensiven Karriere
entstanden, sind nun auf dieser Compilation versammelt. Die Originale sind
lange vergriffen. Hier ist Eure zweite Chance! ****
Fenton Weills – Viva Villa
(CD, Jellyfant, www.jellyfant.com)
Ich habe diese
Platte sogar noch als original Vinyl LP von 1987 im Schrank. Nun gibt es den
ersten und eigentlich einzigen Longplayer der Band aus Altena im Sauerland auch
als CD. Natürlich mit etlichen Bonustracks. Wie ich im der Scheibe beiliegenden
Info lese spielen die Jungs immer noch ab und zu live. Aber der Reihe nach.
Gegründet wurden Fenton Weills (benannt nach einer englischen Elektrogitarre)
Anfang der Achtziger Jahre eben in Altena (in der Nähe von Hagen) von ein paar
Oberschülern, die zwischen ndW und britischem Indie Pop (Stichworte C86, Sarah,
Postcard, TV Personalities) sozialisiert wurden. 1985 erschien ihre erste
Single, noch mit Gesang. Die ist hier auch als Bonus vertreten. Dirk Rudolph,
der später als Fotograf, Grafiker und Gestalter von Plattencovern Karriere
machen sollte, sang seine selbst verfassten deutschen Texte. Orange Juice auf
Deutsch. Sehr hübsch und typisch für die Zeit, leicht verplant und ungelenk,
aber gerade deshalb sehr sympathisch. Die Originalbänder sind verschollen.
Deshalb wurde von der Vinyl Single gemastert. Bei „Allein Zuhaus“
hört man das auch am leisen Britzeln im Hintergrund. Dirk verließ die Band nach
der Single, um sich eben künftig nur noch ums Visuelle zu kümmern. Fenton
Weills wurden dadurch zur Instrumentalcombo. Nicht mal die schlechteste
Entscheidung. Die Aufnahmen zur LP entstanden an drei Tagen im Verlauf von zwei
Jahren. Neben Instro Klassikern wie „Hawaii Five-O“, „Peter
Gunn“ und „Jack The Ripper“ gibt es sehr schöne eigene
Kompositionen in ähnlichem Stil. Aus dem Rahmen fällt allerdings das gut
20-minütige „Jeden Tag neue Angst“, das in einer nächtlichen Jam
Session entstand und wie Velvet Underground meets Krautrock klingt. Abgerundet
wird diese Wiederveröffentlichung durch zwei Tracks aus einem Live Mitschnitt
von den Berlin Independence Days 1988. U.a. wird die Beat Club Titelmelodie
„A Touch Of Velvet“ ziemlich eigenwillig gecovert. Was auf den
Klampfen nicht gelingt, wird mit der Stimme kopiert. Die Gitarrensounds hier
sind insgesamt schon ziemlich klasse. Und Francisco Torres und Matthias
Gülicher sind nicht nur versierte Spieler, sie verstehen es auch, ihre diversen
Effekt- und Hallgeräte ausgesprochen innovativ einzusetzen. ***1/2
Dom Mariani – Shell
Collection (Outtakes And Rarities 1988-2006) (CD, Off The Hip, www.offthehip.com.au)
Wer sich ein bisschen mit der australischen Underground Pop
und Rock Szene der vergangenen 20 Jahre auskennt, dem ist Dom Mariani mit
Sicherheit ein Begriff. Federführend war er u.a. bei The Stems, The Someloves
und nicht zuletzt DM3. Hier werden nun einige rare Aufnahmen von seinen Songs
sowie ausgesuchte und ebenfalls längst vergriffene Coverversionen, die unter
seiner Mitwirkung entstanden, kompiliert. Es sind im Wesentlichen Dom Mariani
Solo Veröffentlichungen bzw. Aufnahmen der DM3, die als 7“45s oder auf
Tribute Samplern erschienen. Zwei bislang gänzlich unveröffentlichte Tracks
sind auch dabei. Für den Fall, dass du geneigter Leser wirklich nicht weißt,
was dich hier erwartet, mach dich gefasst auf feinsten Power Pop, jangly
Gitarren, klassische Hooks und Riffs, sowie großartige Melodien. Ein paar
„instant classics“, wie man so schön sagt, sind auch dabei.
„Real Friend“ etwa, das seinerzeit als 7“45 auf Pop The
Balloon erschien. Oder „Snapshot“, ebenfalls bisher nur als
7“45 auf Freshwater Records erschienen. Auch „Fame“ von der
Greasy Pieces EP von 1996 ist klasse! Bemerkenswert ist die wunderschöne
Version von „Caroline, No“, die zuerst auf einem „Smiling
Pets“ Tribute Album erschien. Warum diese Musik bis heute nur von
Insidern gekannt und geschätzt wird, bleibt wohl eines der ungelösten
Geheimnisse der Pop Musik. Besonders in Japan, Spanien und Frankreich, aber
auch in den USA und sogar hierzulande gibt es einige wenige Freunde dieses
Underground Pop. Denen sei diese Sammlung sehr ans Herz gelegt, selbst wenn sie
einige der original 7“45s etc. schon haben. Dom Mariani hat übrigens auch
eine eigene Internet Präsenz unter www.dommariani.com.
Dort findet der Fan weitere wertvolle Informationen. Wie z.B. die, dass The
Stems wieder in Originalbesetzung auftreten. Leider nur Down Under. Also nehmen
wir einstweilen mit Doms Musik aus der Konserve vorlieb. Auch als Einstieg in die
Welt des Power Pop Dom Marianis bestens geeignet! ****
Diee Soc’s – Diee Soc’s (12”EP,
Eigenproduktion, www.hopp-etz.de)
Eine der chaotischsten aber auch wunderbarsten Garagen Rock
Bands der jüngeren deutschen Rockgeschichte. In Fürth beheimatet sind Diee
Soc’s. Allein schon dieser bescheuerte Bandname in dieser noch blöderen
Schreibweise macht klar, dass den Jungs eigentlich nichts heilig ist. Ob es die
Band noch gibt, kann ich so genau nicht sagen. Anfang der 1990er Jahre waren
sie Lokalmatadoren in Franken und eine der wildesten Live Bands dort. Damals
erschien eine 7“EP bei September Gurls Records. Diese 6-Track Platte hier
entstand wohl viel später, allerdings auch nicht erst letztes Jahr. Da wurde
sie jedenfalls veröffentlicht. Sound und Stil orientieren sich sehr an solchen
Vorbildern wie Wayne Kramer (MC5) oder Andy Shernoff (The Dictators). Live hat
das immer viel Spaß gemacht und jede Mende Adrenalin freigesetzt. Auf Platte
fehlen mir ein bisschen wiedererkennbare Melodien. Aber der Lärm ist recht
ordentlich konserviert. Vollkommen ohne Overdubs, wie das Cover verspricht. Ich
kann mich gar nicht erinnern, dass der Fuchs (Herr Biel) so ein brachiales
Organ hat. ***
Suzy & Los Quattro – The Singles (LP/CD, Screaming Apple Records, www.screaming-apple.records.de)
Auch das hier ist eine Sammlung vergriffener 7“45s und
EPs. Power Pop mit leicht punkiger Attitüde aus Barcelona. Dass die Spanier für
diese Art von Musik etwas übrig haben, sagte ich ja bereits an anderer Stelle.
Allein schon die Konstellation kraftvoller Pop Punk und sexy Sängerin drängt
Vergleiche mit Blondie, mehr noch mit den Rezillos auf. Neben den wirklich
guten eigenen Songs wie „Sweet Love“, „Freak Show“ u.a.
sind es vor allem die klug gewählten Coverversionen, die diese Compilation
hörenswert machen. „Delighted To See You“ aus der Feder des
früheren Honeybus Gitarristen Pete Dello, das als 7“45 mit „He
Could Be The One“ (Original Josie Cotton) gekoppelt erschien, eröffnet
hier die zweite LP Seite auf’s Vortrefflichste. „I’m Not Glad
To See You Go” erschien zuerst auf der EP „Bowery Electric“
die sowohl Joey wie Dee Dee Ramone gewidmet war. Hier ist ein etwas poppigerer
Mix zu hören. Zwei weitere Cover und zugleich unter Mitwirkung des Autors TV
Smith eingespielt sind „What If“ und „New Church“, die
ursprünglich ebenfalls als Single erschienen. Den Abschluss bildet ein bei
jüngeren Punk und Power Pop Fans offenbar recht beliebter Song von Twisted
Sister „We’re Not Gonna Take It“. Eine rifflastige Hymne aller Outlaws und Unbotmäßigen. ***1/2
The Teen Appeal – Act (CD, Pop The Balloon / Wizzard In Vinyl, www.wizzard-in-vinyl.com)
Ein bisschen seltsam ist es ja schon. Da nennt sich ein
japanisches Label Wizzard In Vinyl und bringt dann diese famose Sammlung von
Aufnahmen des Power Pop Trios Teen Appeal aus dem französischen Grenoble nur
als CD raus. Schade eigentlich. Im Prinzip ist es ja ein Co-Release. Wie auch
immer, ein Teil der Tracks wurde schon mal vor gut 10 Jahren auf einer EP und
einer Single veröffentlicht. Die Aufnahmen stammen alle aus den Jahren 1991-96.
Und die Band gibt es schon seit 1997 leider nicht mehr. 12 Tracks sind hier
versammelt. Alle von Emmanuel Bault, dem Sänger und Gitarristen der Band,
geschrieben. Der Sound ist ziemlich kraftvoll und energisch, die Songs zumeist
sehr catchy und eingängig. Vorbilder waren ohrenscheinlich The Plimsouls und
andere US Power Pop Bands der späten 70er und 80er Jahre des vorigen
Jahrhunderts. Neben dem seinerzeit als 7“45 erschienenen
„Girl“ ragen „Cecilia“, „She’s Gone
Away“, „Possessive Love“ und „Summer Is Coming“
besonders aus einer soliden Songsammlung heraus. Gewidmet ist die Platte dem vor
zwei Jahren plötzlich verstorbenen Pop The Balloon Gründer Gilles Raffier. Eine zeitlose schöne Power Pop Scheibe. ****
V./A. – Le Beat Bespoké, Vol. 1 + 2 (LP/CD, Sanctuary / Circle Records, www.circlerecords.co.uk)
Diese beiden Sampler sind wirklich eine sehr schöne
Entdeckung. Ich bin zufällig über irgendwelche Internet Links darauf gestoßen.
Zusammengestellt von Rob Bailey, einem wie es scheint recht bekannten und
erfolgreichen Neo-Mod DJ aus England, bieten beide Sammlungen einen wunderbaren
Querschnitt durch die Pop Art und Mod Pop Sounds Europas um 1966-72 mit
Schwerpunkt 69/70. Ständig auf der Suche nach tanzbaren groovy Tracks hat Rob
Bailey die Flohmärkte des Kontinents abgegrast und dabei so manch obskure wie
phänomenale Single aufgetan. So finden sich hier absolut verschärfte Aufnahmen
von Danyel Gerrard, Marmalade, Ola & The Janglers, Plastic Penny, Howard
Carpendale, Bonny St. Claire, Don Fardon, Knut Kiesewetter, Heidi Brühl, aber
auch von (zumindest überregional) völlig unbekannt gebliebenen Bands und
Künstlern aus dem UK ebenso wie aus Italien, Belgien, Frankreich, Holland,
Spanien und Deutschland. Manchmal werden bekannte Soul oder Beat Hits auf
besondere Art gecovert. Oft sind es aber auch ganz famose
Originalkompositionen, die nur nicht genug Aufmerksamkeit bekamen zur Zeit
ihres Erscheinens. In die Beine geht hier wirklich jeder Track! Und die Sounds
sind oft so überraschend catchy und groovy, dass man vor lauter Begeisterung
kaum zur Ruhe kommt. Die Liner Notes sind sehr informativ und die Gestaltung
ist aufwändig und geschmackvoll. Eigentlich sollte man die jeweilige LP kaufen.
Allerdings enthalten die CDs ein paar Tracks mehr. Ganz nebenbei wird auch noch
die wirklich sehr informative und aufschlussreiche Website für Mod Kultur www.newuntouchables.com empfohlen.
Eine Empfehlung, der ich mich nur anschließen kann. Beide Sampler ****
V./A. – Declaration Of
Fuzz (CD, Glitterhouse Records /
Indigo, www.glitterhouse.com)
Kinder wie
die Zeit vergeht! 20 Jahre ist das nun auch schon wieder her, dass sich die
Jungs vom Glitterhouse Fanzine zu Label Betreibern mauserten. Während man heute
mit Glitterhouse Roots Rock, Americana und ein jährliches Open Air in
Beverungen verbindet, gehörten Reinhold und Rembert Mitte der 80er Jahre zu den
Chronisten und Wegbereitern einer Neo Garage Rock Szene in Deutschland und
darüber hinaus. „Declaration Of Fuzz“ nannten sie etwas großspurig
ihre erste LP Veröffentlichung, die einige der spannendsten und aufregendsten
Bands der weltweiten Neo-Sixties Bewegung präsentierte. An manche Namen
erinnern wir uns sogar noch. The Cynics aus Pittsburgh (PA) sind immer noch
aktiv, Sick Rose aus Italien inzwischen wieder. The Stomach Mouths und Crimson
Shadows aus Schweden gehörten ebenso zur Avantgarde des Eighties Garage Punk
wie The Stepford Husbands und die Miracle Workers aus den Staaten, oder The
Otherside aus Holland. Andere sind völlig zu Unrecht fast vergessen. Die
punkigen Boys From Nowhere etwa, oder The Not Quite und Mystic Eyes. Running
Stream aus Wien blieben immer Geheimtipp. Und aus Green Telescope wurden sehr
bald The Thanes, die erst kürzlich wieder im Lovelite begeisterten. The Broken
Jug avancierten schnell zur deutschen Glitterhouse Band Nummer Eins.
Entwickelten sich aber bald in Richtung Metal und schafften auch nie den großen
Durchbruch. Wenn man diesen Sampler heute hört, kommen einerseits so
Erinnerungen hoch an Aufbruch und Aufregung, durchtanzte und durchzechte Nächte
in kleinen Clubs und Kellern, eine Spontanietät und Unmittelbarkeit, die man
heute oft vermisst. Andererseits hört man, dass die vielfach sehr tolle und
authentische Musik damals oft noch sehr roh und rau klang. Es wurde eben nur
mit bescheidenen Mitteln produziert. Das machte einen Teil des Reizes aus.
Heute ist so etwas kaum noch möglich. Selbst die jüngsten und primitivsten
„The“ Bands klingen auf ihren ersten Demos und Singles schon sehr
voluminös und abgezockt. Zum Glück gibt es immer noch eine „Szene“.
Und der Zustrom an jungen Nachwuchstänzern und Musikern scheint auch nicht zu
versiegen. ***1/2
Diverse
– Ein Herz aus Stein, Rolling Stones Songs auf deutsch (CD, Bear
Family, www.bear-family.de)
Im Gegensatz zu den Beatles wurden die Stones von
fremdsprachigen Coverversionen eher verschont. Aber natürlich hat das Team von
Bear Family immer noch genügend Perlen und Peinlichkeiten in den Archiven
deutscher Schallplattenfirmen entdeckt, um einen gut 80-minütigen Sampler zu
füllen. Mit dabei ist das schon fast legendäre „Rot und Schwarz“
(Paint it Black) von Karel Gott oder auch das bei Sixties Parties immer mal
gerne zur Abwechslung aufgelegte „Ich frag’ dich noch einmal“
(The Last Time) von den wirklich guten Black Stars aus Bremerhaven. Dieselbe
Melodie wird gleich noch zweimal als „Das kann doch nicht wahr
sein“ präsentiert. Wobei die DDR Version der Theo Schumann Combo vor
Holger Thomas aus Wilhelmshaven klar nach Punkten gewinnt. Weitere Highlights
– und das meine ich ganz frei von Ironie – sind The Tonics mit
„Ein Mädchen in der Stadt“ (That Girl Belongs To Yesterday, von
Jagger / Richards für Gene Pitney geschrieben), Drafi Deutscher und „Es
ist besser du gehst“ (You Better Move On) und Ulla Meinecke mit
„Die Zeit wartet auf niemand“ (Time Waits For No One).
Kuriositätenwert haben Bernd Apitz mit „Baby, du kommst viel zu
spät“ (Out Of Time) oder die österreichische Seventies Band Magic mit
„Feuerreiter“ (I Am Waiting). Der Rest ist mehr oder weniger
peinlich bis ärgerlich. Aber natürlich sollte man diese Versionen in keinem
Fall an den Originalen messen. Man kann jedenfalls sehr schön überzeugte Stones
Fans auf der Halloween oder Sylvester Party mit diesem Sampler erschrecken. Und
wer die anderen Bear Family Sammlungen mit deutschen Versionen
angloamerikanischer Hits goutierte, wird auch hier Spaß und Freude haben. Die
Linernotes von Bernd Matheja sind gewohnt volkstümlich und jovial. Und um noch
ein bisschen Namedropping zu betreiben, Frank Farian, Udo Lindenberg, Juliane
Werding, Jürgen Zeltinger, Trude Herr & Wolfgang Niedecken sind auch
vertreten. Die Illustrationen im Booklet und das Cover wurden übrigens von
Reinhard Kleist gezeichnet, der ja gerade seine Comic Biographie zu Johnny Cash
veröffentlicht hat. Eine Wertung für diese Zusammenstellung ist nicht wirklich
möglich.
Karkkiautomaatti –
Kaikilla (2CD, Stupido Records, s.u.)
Richtiger unbedarfter dreister Indie Pop aus Finnland. Der
Bandname bedeutet Süßigkeiten Automat. Und so ungefähr haut das sogar hin bei
dieser Combo. Freche, süße, flotte und liebevolle Pop Perlen sind alle 59
Tracks auf dieser Doppel CD. Das Gesamtwerk der Band, die in Lahti am 18.3.
1993 das Licht der Welt erblickte und meist aus drei Musikern bestand.
Nicht-Finnen bzw. Menschen, die des Finnischen nicht mächtig sind, haben hier
natürlich ein kleines Verständnisproblem. Doch wirkt die Musik auch ganz gut
ohne inhaltlichen Bezug. Schönster Schrammelpop ist das zwischen TV
Personalties und The Wedding Present. Und ich versichere dem geneigten Leser,
der interessierten Leserin, dass die Jungs auch nur über hinreissende Mädels,
schüchterne Knaben, Pubertätsgeschichten eben singen. Und dann gibt es da noch
die eine oder andere Auseinandersetzung mit dem Medium Rock’n’Roll.
Im Song Modesty Blaise geht es um – ihr werdet es erraten – Modesty
Blaise. Manchmal klingen die Jungs ganz schön punky. Und dann wieder –
vor allem in ihrem Spätwerk – entwickeln sie eine folkloristische Ader,
ein romantischer Zug klingt da durch. Ziemlich verschroben zu-weilen. Wie
weiland The Incredible String Band. Aber auch moderner Elektronika nicht
abhold. Pekka Laine (von Poverty Stinks) hat einige Tracks produziert. 1998
erschien die letzte Platte der Band, die da inzwischen in Helsinki residierte.
Und im August des Jahres traten sie auch zum letzten Mal live auf. In Finnland
hatten sie eine ganze Reihe Fans und etliche Underground Hits. Wer britischen
Indie Pop der 80er mag und mit ungewohnten Sprachen kein Problem hat, dem oder
der wird die Musik von Karkkiautomaatti gefallen. ***1/2
Shadowplay – Morgue (3CD, Stupido, www.stupido.fi)
Noch ein Gesamtwerk einer Band aus Finnland. Shadowplay aus
Helsinki hatten ihren ersten Gig im Mai 1983. Brandi Ifgray, Sänger und
Pianist, war ursprünglich Punk. Aber für Punk Rock war und ist der schmächtige
schüchterne Bursche viel zu sensibel. Seine Songs drehen sich um
Nachtgestalten, Einzelgänger, Ruhelose, sehnsüchtige, verlorene Seelen. Die
dunkle Seite des
Lebens.
Meistens jedenfalls. Der Bandname deutet es bereits an, Joy Division ist
Vorbild und Einfluss in mancher Hinsicht. Aber die Zusammensetzung der Band
bedeutet auch eine starke Affinität zu Bar Jazz einerseits und sogar Power Pop
und Glam Rock hin und wieder. Nach einer formidablen Debüt Single 1985 und
einem 12“ mini Album, das aufhorchen ließ, kam 1988 die LP Touch &
Glow, die den britischen Melody Maker zu einem Rave Review veranlasste. Die
Band tourte durch halb Europa und lieferte u.a. in Berlin einen
erinnerungswürdigen, eindrucksvollen Gig ab. Trotz relativ guter Aussichten
löste sich die Band Anfang der 90er mehr oder weniger auf. Zumindest passierte
ein paar Jahre gar nichts. 1993 erschien das Comeback Album Eggs & Pop,
eine Platte, die zwischen The Jesus And Mary Chain und dem Psych Pop der Only
Ones jonglierte, dabei aber erstaunlich positiv und freundlich klingt. Für
Shadowplay Verhältnisse jedenfalls. Ausgerechnet auf dieser LP findet sich mit
Colourblind ein Cover der Pop Group. Sehr gelungen übrigens und sehr –
wie soll ich sagen – stimmungsvoll. 1997 erschien – nach einigen
Umbesetzungen – das bislang letzte Album der Band Raw Powder. Wieder
etwas düsterer und rockiger denn je. Natürlich im Rahmen dessen, was bei dieser
phantastischen Band unter Rock zu verstehen ist. Das erinnert dann doch
mitunter an The Cure oder sogar Lou Reed. Auf drei CDs hat die Band nun ihr
Gesamtwerk wiederveröffentlicht. Etliche bisher unveröffentlichte Live Tracks sind
auch dabei. Zur Zeit arbeiten Brandi Ifgray und seine Mitmusiker an neuem
Material. ****
V.A. – Girl Group
Sounds Lost And Found (4-CD Box, Rhino Records, www.rhino.com)
Der Markt der Wiederveröffentlichungen boomt nach
wie vor. Auf die grandiose Children of Nuggets
Box bin ich ja in GG 111 bereits ausführlich eingegangen. Auch die ebenfalls
bei Rhino Records erschiene 4CD Box Girl Group Sounds Lost And
Found kann ohne Einschränkungen empfohlen werden. Der Begriff „Girl Group“ wird
hier allerdings lediglich als Aufhänger benutzt, einen bestimmten Sound, eine
bestimmte Art von Popmusik der Sixties, vorzustellen, zu rekapitulieren.
Gemeinsam sind allen hier versammelten Tracks die weiblichen Lead Vocals. Von
typischen Girl Groups der frühen 60er wie den Velvettes, Chiffons, Shirelles,
Shangri-las, Ronettes über weibliche Soul Stars wie Irma Thomas, The Supremes,
The Marvelettes bis zu so bekannten Solo Sängerinnen wie Connie Francis, Dusty
Springfield, Carole King, Lesley Gore, Jackie DeShannon, Dolly Parton, Petula
Clark u.v.a. gibt es viel zu entdecken. Meist sind selbst von den bekannten
Künstlerinnen eher frühe und weniger erfolgreiche Werke gewählt worden. Dazu
kommen dann noch zahlreiche Girl Groups und Sängerinnen, die heutzutage nur
noch Insidern ein Begriff sind wie etwa Reparata & The Delrons, The
Pussycats, Twiggy, The Whyte Boots u.a. Ja manche waren schon damals durchaus
obskur. Insgesamt 120 Tracks in bester restaurierter Soundqualität. Die
Aufmachung ist auch wieder typisch Rhino. Die Box hat die Form einer
Hutschachtel in der die vier Digipaks als Schminkspiegel oder Puderdose
daherkommen und das umfangreiche Booklet in Form eines Tagebuchs. Sehr hübsch.
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Spring – Spring (DoLP, Akarma)
Auch
auf dem Vinyl Sektor wird fleißig wiederveröffentlicht. Aus der Vielzahl
hochwertiger und liebevoll gemachter Re-issues möchte ich eine LP
herausgreifen, die mich heute wie vor 35 Jahren restlos begeistert. Im Winter
1970/71 nahm eine weithin unbekannte Gruppe junger britischer Rockmusiker im
damals noch nicht legendären Rockfield Studio in Wales sowie im Trident Studio
London eine LP auf, die zu den schlüssigsten und gelungensten der gerade
aufkommenden so genannten progressiven Underground Rock Szene gehört. Die Band
nannte sich Spring.
Ihre Musik ist romantisch, melancholisch mit einem gewissen Hang zu Theatralik,
ohne dabei ins Bombastische abzudriften. Die Musik, die Songs sind
wahrscheinlich von historisierender Fantasy Literatur inspiriert. Tolkien, King
Arthur, der Heilige Gral. All dies spielt – zum Teil unausgesprochen
– eine Rolle in den Texten der Songs. Aber durchaus reale Erfahrungen
dürften ihre Wirkung genauso wenig verfehlt haben. Ein deutlicher Pazifismus spricht
aus einigen Texten. Die Musik ist erfreulicherweise frei von überflüssigem
Ballast wie mäandernden Keyboard oder Gitarren Clustern oder übertriebenen
Verschachtelungen. Von rockig auf Blues Schemata basierend über elegische
Passagen bis zu kurzen folky Tracks reicht die Bandbreite. Instrumentierung und
Arrangement sind zeit-typisch. Neben Bass, Schlagzeug und elektrischen und
akustischen Gitarren kommen Piano, Orgel und natürlich viel Mellotron zum
Einsatz. Die Lead Vocals von Pat Moran sind unverwechselbar in ihrer klagenden
leicht näselnden Art. Man sollte die LP eigentlich im Ganzen hören.
Herausragende Tracks sind jedoch „Grail“, „Golden
Fleece“ und „Gazing“. Wer unbedingt Vergleiche braucht, denke
sich eine Mischung aus „In The Court Of The Crimson King“ und
„Trespass“ von Genesis mit einem kräftigen Schuss Gitarren Blues
Rock à la Cream. Das Label Akarma
hat die Platte im originalen doppelt ausklappbaren Dreifachcover
wiederveröffentlicht. Aus der LP ist eine Doppel-LP geworden, die zum Vorteil des
Klangeindrucks die acht Tracks auf drei Seiten verteilt und auf Seite 4 noch
drei bisher unveröffentlichte sehr gut ins Gesamtbild passende Aufnahmen
hinzufügt. ****
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