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Letztes Update: 10. Februar 2010


Through The Past Darkly

Die Bewertungsskala:

* Materialverschwendung! - ** muss man nicht kennen - *** sollte man mal gehört haben - **** Anschaffung wohlwollend erwägen - ***** gehört in jede Plattensammlung!

Varjo – Viimeinen Näytös (LP/CD, Stupido Records, www.myspace.com/varjoyhtye)

 

Um eine Wiederveröffentlichung handelt es sich hierbei ja nicht, so dass diese Platte eigentlich auch unter Neuheiten besprochen werden könnte. Dass ich sie dennoch in dieser Rubrik vorstelle, liegt daran, dass es sich um historische Aufnahmen einer Band handelt, die so nicht mehr existiert, weil eines ihrer wichtigsten Mitglieder auf tragische Weise ums Leben kam. Das mutet fast schon makaber an, wenn man weiß, dass Varjo die führende finnische Gothic Band der 90er Jahre waren. Post Punk und Gothic Rock war und ist in Finnland schon seit den frühen 1980er Jahren sehr beliebt. Natürlicherweise, möchte man beinahe denken, denn eine gewisse Schwermut und Düsternis wird der finnischen Volksseele immer schon nachgesagt. Ein großer Teil der Bands in Finnland singt traditionell in der Muttersprache. Man kann sich darin besser ausdrücken, und auch das heimische Publikum favorisiert Texte, die es versteht. In den 90er Jahren wurde dann allerdings auch von Post Punk Musikern häufiger die englische Sprache verwendet, nicht zuletzt zur Steigerung der Vermarktungschancen im Ausland. Insofern war die Entscheidung für die finnische Sprache bei der Gründung von Varjo 1994 eher untypisch. Varjo bedeutet Schatten; und musikalisch bewegt sich die Band denn auch von Anfang an in einem Spannungsfeld zwischen Joy Division, Bauhaus, The Cure, Killing Joke und anderen klassischen Vertretern der britischen Gothic Szene. Mit neueren Gothic Bands, ob in Skandinavien oder anderswo, verband sie eigentlich nur die Berufung auf gleiche Vorbilder. Die Musik sowie die Texte von Varjo sind also in diesem Sinne sehr traditionell und frei von Theatralik und spinnertem Firlefanz. „Viimeinen Näytös“ (die letzte Vorstellung) ist das vierte und letzte Album der Band. Eingespielt wurde die Platte im Wesentlichen nach dem Unfalltod des Gitarristen Henry Waldén im Jahr 2008 von den verbliebenen drei Bandmitgliedern, von denen wiederum nur Antti Lautala (voc, git, keyb) als einziger schon bei der Gründung der Band dabei war. Ja er war es, der die Band mit seinem Freund Henry 1994 gründete. Bereits vor Henrys Tod hatte die Gruppe einen Mitmusiker durch Tod verloren. Einer der zeitweiligen Keyboarder der Band verschwand 2007 spurlos und wurde über ein Jahr später tot aufgefunden. Deshalb thematisieren einige der Songs auf dem Album, das bereits vor Henrys Tod weitgehend fertig geschrieben war, Verlust, Trauer und Tod. Musikalisch wie gesagt stark an den Klassikern des Genres orientiert. Mitunter gibt es ein paar Ambient Anklänge. Auch wenn man die Texte nicht versteht, kann man sich von der Atmosphäre dieser Platte leicht gefangen nehmen lassen. Die drei verbliebenen Musiker der Band machen heute als Silent Scream ähnliche Musik, nun aber mit englischen Lyrics. ***1/2 

 

Various Artists – Eilisen Jälkeen, Finnish Post Punk 1981 – 1987 (CD, Stupido Records, www.stupido.fi)

 

Im vergangenen Jahr brachte Stupido Records die ambitionierte und ultimative 4CD Suomipunk Box raus. Hier kommt nun eine kleine Portion Nachschlag sozusagen. „Eilisen Jälkeen“ (Nach Gestern) der Titel der Compilation war zugleich ein Single Hit der Band Ratsia 1981, der den Reigen hier logischerweise eröffnet. Ratsia waren 1978 als typische Punk Band gestartet, aber schon nach ein paar Singles und einen Album schwenkte die Band um und musizierte sehr gekonnt und ambitioniert im Fahrwasser von The Cure u.a. Joose Berglund von Stupido Records hat hier wieder vorzügliche Arbeit geleistet. Die wichtigen und hörenswerten Vertreter der finnischen Gothic und Post Punk Szene der 80er sind hier zu hören. Ein paar schon damals eher belächelte Mitläufer und Eigenbrötler fehlen zu recht. Musta Paraati (The Black Parade) sind gleich mit drei Titeln vertreten. Sie waren wohl auch die mit Abstand erfolgreichste Band dieser Art in Finnland. Belaboris hören wir mit „Kuolleet Peilit“ (Tote Spiegel). Die fünf Damen bildeten auf jeden Fall die schönste und edelste finnische Post Punk Band. Mehr als zwei Singles und eine 12“ EP sowie zwei oder drei sehenswerte Videos ist von ihnen leider nicht überliefert. Musikalisch waren sie an Cocteau Twins und Minimal Elektronik orientiert. Die Instrumente wurden übrigens von drei Herren im Hintergrund bedient, die aber weder auf der Bühne noch in Videos oder auf Fotos je zu sehen waren. Ein paar Kuriositäten oder Eintagsfliegen sind schließlich doch dabei. So z.B. die Band Syyskuu (Herbstmond) mit ihrer einzigen Single „Susi“ (Wolf), die zwar erst 1983 erschien, aber immer noch sehr nach Punk (ohne Post) klingt, auch wenn ein schräges Saxophon und ein heulender Wolf dabei sind. Und Geisha wirken ein bisschen wie die Zöglinge eines jungen Adam Ant. Auch Kuudes Tunti (die 6. Stunde) ist so eine Band, die nach einer Platte wieder verschwand. Oder Ret Marut und Psyyke, die jeweils nur eine Single veröffentlichten. Wenn ich diese schnellen treibenden Drums und Bässe höre, die abgehackten Gitarrenakkorde, Synthesizer Riffs und darüber schwebende Klänge von irgendwelchen weiteren elektronischen Instrumenten, dazu dann eine mehr oder weniger einprägsame Melodie, gesungen von nicht immer wirklich schön klingenden Stimmen, aber mit viel Inbrunst, dann fühle ich mich wieder zurück versetzt in meine finnischen Sommer in den 80ern und auf Festivals, bei denen junge Menschen, meist sehr schlank und mit seltsam zusammen gewürfelten Klamotten und Existenzialisten Haarschnitt teilnahmslos herumlungern, um im nächsten Moment begeistert vor einer Bühne auf und ab zu hüpfen und einer ähnlich aussehenden Kapelle zuzujubeln. Weitere Bands heißen Hexenhaus oder Kuolleet Kukat (Tote Blumen). Burundi, ein Damen Duo, klingt 1986 immer noch wie eine Mischung aus Tubeway Army und Siouxsie für Arme. Eine Band ist dabei, die es nie zu einer Veröffentlichung brachte, bis jetzt. Aber der Titel „Kuume“ (Fieber) von Hiljaa (Still!) wurde 1985 mehrfach in Helsinki im Radio gespielt. Mit Liikkuvat Lapset (Kinder in Bewegung) ist auch die einzige Band dieser Szene dabei, die bei einer Major Firma unter Vertrag war. Ihr Sound wirkt zu bombastisch und im Vergleich überproduziert. Aber sie wa-ren wohl einigermaßen erfolgreich. Ihre Sängerin Tuula Amberla veröffentlicht noch immer regelmäßig Solo Platten. Der letzte der 22 Tracks kommt von der Band Tiistai (Dienstag) aus dem Jahr 1987 mit einem sehr jungen Timo Rautio am Mikrofon. Timo Rautio spielt heute schwermetallenen Düsterrock, in gewisser Weise die finnische Version von Rammstein, allerdings ohne jeglichen Humor und ohne die rammsteinschen Perversitäten. Rautios heutige Band heißt Niskalaukaus (Genickschuss). Wie auch immer. Wer sich für finnische Rockmusik und/oder für Post Punk interessiert, sollte sich diese Compilation ruhig mal anhören. Die Liner Notes sind allerdings leider nur auf Finnisch. Eine Bewertung ist schwierig, da es neben Highlights wie Ratsia und Belaboris auch Belangloses oder Seltsames gibt.

 

Agincourt – Fly Away (CD, Acme / Lion Productions, Korea)

 

AgincourtIn GG173 hatte ich den Nachfolger dieser Scheibe hier vorgestellt. Das letzte Album der drei britischen Musiker Joe Ferdinando (guitars, bass, auto harp, vocals), Peter Howell (guitars, mandolin, organ, recorder, percussion) und Lee Menelaus (vocals) erschien 1973 unter dem Namen Ithaca. „Fly Away“ entstand bereits 1970 und ist im Original nicht weniger selten und teuer als die anderen Platten des Trios, das übrigens ständig den Namen wechselte. Im Vergleich zum Nachfolger wirkt „Fly Away“ unbeschwerter, lockerer. Es ist zuallererst eine schlichte und fröhliche Folk Pop Platte. Die einzelnen Stücke sind vergleichsweise kurz und weisen eindeutige Folksongstrukturen auf. Leider ist Lees wunderbare helle, klare Stimme nur bei sechs der insgesamt 13 Tracks zu hören und nur bei einem Stück singt sie ganz allein, was dem Charakter dieser Musik viel besser zur Geltung verhilft, als der Leadgesang von John Ferdinando. Zwei Tracks sind rein instrumental, wobei „Joy In The Finding“ ein hübsches Motiv auf Flöte, Bass und akustischer Gitarre variiert, während „Barn Owl Blues“ fast schon ein wenig jazzy klingt. An Prog oder Psychedelia erinnert auf dieser Platte hier eigentlich nur das dreiteilige „Through The Eyes Of A Lifetime“ am Schluss, das die Moody Blues der Jahre 69/70 evoziert, wie auch das folgende Album von Ithaca. Die CD enthält seltsamerweise zwei Bonustracks am Ende, die auf dem Cover nicht genannt werden. Es handelt sich dabei ganz offensichtlich um Alternativaufnahmen von „Though I May Be Dreaming“ respektive „Going Home“, die beide etwas „rockiger“ wirken als die ursprünglich veröffentlichten Versionen. Insgesamt eine angenehme Folk Pop Platte mit einem ganz leichten Touch Psychedelia. Dem folgenden Album zwar nicht ebenbürtig, aber doch jedem Freund britischen Folk Rocks oder milder Psychedelia zu empfehlen. ***1/2     

 

The Raymen – Supersonic Rocket Ride (CD, Sireena / Broken Silence)

 

The RaymenThe Raymen aus Dortmund galten in den 80er Jahren als so etwas wie die deutsche Antwort auf The Cramps. Einzige Konstante der Band über die Jahre war und ist der Sänger Hank Ray. Singles, EPs und LPs erschienen zahlreich und immer wieder auf anderen Labels. Irgendwie war diese Band für mich immer nicht Fisch und nicht Fleisch. Nicht Neo-Sixties Beat, nicht Rock’n’Roll und auch nicht authentischer Surf oder Garage Punk. Live losrocken konnten und können die Jungs durchaus. Aber ihr Sound war dabei nie so richtig stilgetreu. Zu oft klang das einfach runtergeschubbt. Eine solche raue, rohe Schrubbsession ohne Rücksicht auf Feinarbeit wurde anno 1986 im Übungsraum auf primitivem Equipment eingefangen. Und nun leicht überarbeitet und klanglich so gut es eben ging restauriert wurde diese Session auf CD veröffentlicht. Für Fans von Lo-Fi Sound und launig schnörkellosem Rock’n’Proll ein gefundenes Fressen. Bis auf eine Version des Surfaris Klassikers „Wipe Out“ und eine ziemlich wüste Aufnahme von „Fever“ alles Originale aus der Feder Hank Rays. So steht es im Booklet. Nun ja, wir wollen nicht kleinlich sein. Die Variationsmöglichkeiten eines Bo Diddley Beat und von drei Akkorden sind begrenzt. Zumindest die „Voodoo Woman“ ist jedoch ein 1 zu 1 Kopie der „Rebel Woman“ von Dean Carter. Alles sehr trashy wie gesagt. Mir persönlich zu trashy, obwohl ich mir die Band bestimmt auch wieder mal gern live ansehen würde. **1/2

 

Ithaca – A Game For All Who Know (CD, Acme / Lion Productions, Korea)

 

IthacaDas Original dieses Albums erschien 1973 im UK bei Merlin Records in einer Kleinstauflage. Es gehört inzwischen zu den teuersten und legendärsten Platten des britischen Prog und Psych Folk der frühen 70er Jahre. Das etwas primitiv gestalte Cover, das eher antike Olympioniken evoziert als bezaubernde und verträumte Folk Musik, hatte ich schon hin und wieder in Katalogen und Nachschlagewerken gesehen und als uninteressant abgehakt. Die 2007 in Korea erschienene CD Ausgabe bietet nicht nur eine originalgetreue Replik des Klappcovers und Inlays, ihr liegen auch die originalen Masterbänder zugrunde und damit das Einverständnis der Künstler, was bei früheren Re-Issues leider nicht der Fall war. „A Game For All Who Know“ war das vierte und letzte Album des Trios Joe Ferdinando (voc, bass, guitars, organ, auto harp), Peter Howell (guitars, mandolin, piano, organ, percussion) und Lee Menelaus (vocals). Es ist zugleich ihr reifstes und gelungenstes Werk, auch wenn selbst diese Platte “nur” als Werbe- und Demo-LP gedacht war, um eventuell einen Vertrag bei einer großen Firma zu bekommen. Übrigens erschienen alle vorangehenden LPs des Trios bzw. Duos Ferdinando/Howell unter jeweils anderen Namen. So erschien bereits 1971 unter dem Namen Agincourt der Vorläufer dieser Platte mit dem Titel „Fly Away“, und davor 1969 und 1970 die LPs „Alice Through The Looking Glass“ und „Tomorrow Comes Sunday“ unter den Namen der Musiker bzw. als S.N.P. Die wundervolle engelsgleiche Stimme von Lee Menelaus ist allerdings nur auf den letzten beiden Alben zu hören. Und an den Aufnahmen zu diesen beiden LPs haben auch noch Gastmusiker an Schlagzeug, Flöten und Gitarre mitgewirkt. Betrachten wir jedoch die Musik auf der vorliegenden Scheibe. Und die lohnt ein Kennenlernen allemal. Die Gesamteindruck ist der einer ruhigen, verträumten Folkpop Platte, wie sie für die späten Sixties und frühen Seventies durchaus nicht untypisch ist. Das klingt mal locker, fröhlich wie bei „The Path“ und erinnert so an leichtgewichtigen Folkpop, wie er auch in den USA damals viel gespielt wurde. Oft überwiegt aber das Verträumte und andeutungsweise Geheimnisvolle, das Entsprechungen in der zeitgenössischen Musik der Moody Blues aber auch bei Curved Air oder Renaissance findet. Wobei eben diese Platte hier ganz eindeutig dem Folk Pop zuzuordnen ist. Wohingegen die anderen Genannten mehr oder weniger starke Art Rock und Prog Rock Aspekte beinhalten. Dass die Band Ithaca hier dennoch ein Kind ihrer Zeit ist, beweisen dann eben einerseits die Texte, die einen naiven Naturglauben und von Fantasy und Mystik geprägten Optimismus ausdrücken. Andererseits ist die Musik eben auch keine reine oder typische Folkmusik, sondern streckenweise der der Moody Blues zu dieser Zeit sehr ähnlich. Bis hin zu bedeutungsschweren gesprochenen Passagen und dem Einsatz von Mellotron und Studio Gimmicks. Am besten gefällt mir an der Platte der Gesang von Miss Menelaus, die zum Teil wirklich guten Songs und schließlich der überzeugende Gesamteindruck, der, obwohl oder gerade weil sehr Moody Blues mäßig, animiert, die Scheibe immer wieder zu hören. Besonders an so trüben Novembertagen wie diesen. ***1/2

        

Pekka Streng & Tasavallan Presidentti – Magneettimiehen Kuolema (CD, Love Records)

 

Pekka Streng – Kesämaa (CD, Love Records)

 

Pekka Streng & Olympia Orkesteri – Unenmaa (CD, Capitol Records, www.teosofia.net/ps)

 

Durch die neuere Freak Folk Bewegung in Finnland ist das Interesse an dem leider viel zu früh verstorbenen Musiker und Songschreiber Pekka Streng wieder belebt worden. Vor allem aber der Remix seines Titels „Puutarhassa“ durch das finnische Elektro-Label Sähkö und daraus resultierendes Airplay und der Einsatz in den Clubs nicht nur in Finnland hat eine neue und andere Generation auf ihn aufmerksam gemacht.

 

Magneettimiehen kuolemaPekka Streng wurde im April 1948 in einem kleinen Dorf im Süden Finnlands geboren. Schon als Kind schrieb er eigene Songs, spielte Gitarre und später auch Bass und Schlagzeug in einem örtlichen Tanzorchester. 1965 zog er nach Mikkeli im Osten Finnlands, um Erziehungswissenschaften zu studieren. Dort schloss er sich bald einer studentischen Musik- und Theatergruppe an. 1966-67 erkrankte Streng an Krebs, wurde aber erfolgreich operiert und mit Strahlung behandelt. Danach ging er nach Tampere, um Theaterwissenschaften und Publizistik zu studieren. In Tampere heiratete er und zog bald mit Frau und neugeborenem Sohn nach Helsinki, wo er weiter am Theater studierte und gleichzeitig für’s Radio arbeitete. Mit der Band Soulset als Begleitung nahm er eigenes Material für ein Radioprogramm auf. Nachdem er ein Demo an Love Records gesandt hatte, kam sehr schnell ein Deal zustande, der zur ersten LP „Magneettimiehen kuolema“ (der Tod des Magnetmannes) mit der damals führenden finnischen Jazz/Prog Band Tasavallan Presidentti führte. Die LP ging allerdings ziemlich bald unter, nicht zuletzt deshalb, weil Streng sich weigerte, Promotion dafür zu machen oder Interviews zu geben. Die Platte erschien im Frühjahr 1970 ohne viel Resonanz in den Medien. Viele der Songs hatte Streng schon seit Jahren im Repertoire. Einige hatte er auch schon mit der Gruppe Soulset gespielt. Ein Demo des Openers „Gilgames“  sowie Radiomitschnitte zweier Tracks mit Soulset finden sich übrigens als Bonus auf der CD. Dem Love Records Boss Atte Blom hatte Streng von seiner Krebserkrankung berichtet und dabei angedeutet, dass er diese Platte unbedingt noch vor seinem Tod machen wollte. Und natürlich spielt der Tod in den Texten – wenn auch meist verklausuliert – eine bedeutende Rolle. Andererseits strahlen die Songs eine Frische und Lebensfreude aus, die zu der ernsten philosophischen Seite ihres Schöpfers nicht zu passen scheint. Zum Teil handelt es sich auch ganz offen-sichtlich um Kinderlieder, die Streng für seinen kleinen Sohn schrieb. Natürlich haben die Musiker von Tasavallan Presidentti der Platte auch ihren Stempel aufgedrückt. Auch wenn wohl die Arrangements weitgehend von Streng vorgegeben wurden, so ist doch die Spielweise, der Sound der Band er-kennbar. Stilistisch fällt diese Platte – genauso wie die folgende – zwischen alle Raster. Weder ist das echte Folk Musik, noch ist es Prog oder gar Jazz. Leichtverdaulicher Pop ist es natürlich auch nicht. Und doch ist von alledem etwas vorhanden. Der Vergleich mit Syd Barrett drängt sich auf. Doch bei aller Ähnlichkeit im scheinbar naiven, verspielten Ansatz fehlt hier die völlige psychedelische Exaltiertheit. Pekka Strengs Musik, seine Lieder und erst Recht die Arrangements erinnern noch stärker an die Musik von Jade Warrior etwa zur gleichen Zeit, allerdings ganz ohne die rockige Komponente. Mitunter klingt auch ein wenig  von der Incredible String Band an. Der letzte Titel der Platte „Sisältäni portin löysin“ (Ich fand eine Tür in mir selbst) wurde in Finnland etwas später in einer Coverversion des ehemaligen Rock’n’Rollers Eero Raittinen ein kleiner Hit. Dass ich diese LP bislang gar nicht kannte, erstaunt mich selbst wohl am meisten. Eine ungewöhnliche und ganz wundervolle Debüt LP! ****1/2

 

KesämaaInsgesamt noch schöner, ausgewogener und in sich stimmiger ist das folgende zweite Album von Pekka Streng „Kesämaa“ (Sommerland). Der junge Mann wusste oder ahnte wohl, dass er nicht mehr viel Zeit hatte. Nachdem er fast zwei Jahre nur für und mit seiner Familie gelebt hatte, beschloss er, doch noch sein Meisterwerk abzuliefern. Streng hatte viel gelesen. Von skandinavischer und tschechischer Kinderliteratur über das Gilgamesh Epos und Tolkiens Herrn der Ringe bis hin zu Camus und theosophischer Literatur. Einiges davon floss indirekt oder auch direkt wie im Falle von Kindergedichten aus Tschechien und Schweden in seine Arbeit am neuen Album mit ein. Als Produzent der Platte konnte Love Records den damaligen Gitarristen der Band Wigwam gewinnen. Hasse Walli spielte auch selbst dabei akustische Gitarre und Synthesizer. Darüber hinaus wirkten einige bekannte Musiker der aktuellen finnischen Jazz Szene an den Aufnahmen zum Album mit. Dennoch ist „Kesämaa“ auf keinen Fall eine Jazz LP. Die Arrangements sind dies Mal von Pekka Streng und Hasse Walli. Selbst wenn man die zum Teil märchenhaften versponnenen Texte nicht versteht, wird man gefangen von der entspannten und heiteren doch zugleich faszinierend hypnotischen Atmosphäre der Musik. Dass aus dem jazzigen Bossanova „Puutarhassa“ (Im Garten) ein aktueller Club Hit werden konnte, verwundert nicht. Spannend sind auf der CD auch wieder die Bonustracks, von Pekka zuhause aufgenommene Demos, bei denen man im Hintergrund seinen damals ca. vierjährigen Sohn quäken hört. Ich habe die LP über das finnische Huuto.net (eBay gibt es nicht auf Finnisch und es spielt daher dort kaum eine Rolle) für 23 € gekauft. Allerdings ist mein Exemplar eine zweite Auflage ohne beschrifteten Rücken. Die Originalausgabe mit beschriftetem Rücken kostet um die 80 €. Nach Fertigstellung der Platte zog es Pekka Streng in die Welt hinaus. Er reiste über Polen und Deutschland bis nach Spanien, von wo er glückliche und hoffnungsvolle Postkarten an seinen kleinen Sohn nachhause schrieb. Im Sommer 1974 wurde erneut Krebs diagnostiziert. Den Rest seines Lebens verbrachte Pekka im Kreise seiner Familie im Haus seiner Eltern. Kurz vor seinem 27. Geburtstag erlag er seiner schweren Krankheit. „Kesämaa“ ist ein musikalisches Wunderwerk. Eine Platte ohne jeden Fehl und Tadel, die zugleich zum Träumen wie zum Tanzen, zum Singen wie zum Nachdenken einlädt. Ein Meisterwerk! *****

 

Wie gesagt, Pekka Streng geriet bald in Vergessenheit. Die zweite LP war zwar deutlich erfolgreicher als die erste und erhielt zum Teil überschwängliche Kritiken, aber ein wirklich großer Hit war auch sie nicht, zumal sich der Künstler nach wie vor der Öffentlichkeit entzog. Ein einziges Interview gab Pekka Streng in seinem Leben. Das Gespräch mit dem späteren Labelgründer und Roadmanager von Wigwam und Piirpauke Tapio Korjaus fand im Sommer 1972 kurz nach Erscheinen von „Kesämaa“ statt. Aufgrund widriger Umstände blieb es damals unveröffentlicht. Erst 1978 schien für Tapio Korjaus genug Zeit vergangen, um seiner Chronistenpflicht doch noch gerecht zu werden. Das Interview erschien im Rahmen eines größeren Artikels in Soundi, der führenden finnischen Musikzeitschrift. In dem Gespräch erweist sich Pekka Streng imgrunde als Kind seiner Zeit. Er gibt sich als Fan der frühen Pink Floyd ebenso wie von David Bowie zu erkennen. Er erzählt von seinem persönlichen musikalischen Werdegang und auch etwas zur Entstehung der beiden LPs. Wiederholt drückt er seinen Unwillen aus, die eigenen Stücke erklären zu sollen. Auch das Werben für seine Musik ist ihm zuwider. Es entsteht der Eindruck eines etwas naiven, weltfremden wie wohl aufgeschlossenen und begeisterungsfähigen Menschen, eines Künstlers eben.

 

UnenmaaIm Januar 2009 erschien „Unenmaa“ (Traumland, aber auch „Land des Schlafes“, das finnische Wort „uni“ kann beides bedeuten). Diese CD versammelt Demoaufnahmen aus über fünf Jahren, die behutsam aufbereitet und nachträglich mit neuen Arrangements und Begleitung durch eine Band versehen wurden. Pekkas Bruder Lasse hatte die Bänder die ganzen Jahre über verwahrt. Als man für die Wiederveröffentlichung der beiden LPs das Material sichtete, stellte man fest, dass da noch etliche lohnende Schätze zu heben waren. Pekka hatte schon seit den späten 60ern regelmäßig zuhause Demos aufgenommen mit einem recht professionellen Spulentonbandgerät, allerdings in der Regel in mono. Aus der Fülle von Material wurden nun 15 weitgehend fertige und hörenswerte Stücke und Bruchstücke ausgewählt. Daran beteiligt waren neben dem damaligen Produzenten Hasse Walli auch Pekkas Bruder Lasse und sein erwachsener Sohn Joonia, der im Übrigen dann die Liner Notes zur CD schrieb. Ein gewisser Jukka Hakoköngäs wurde erwählt, die Stücke zu arrangieren und mit seiner Band Olympia Orkesteri zu begleiten. Gleichzeitig war er der Produzent dieses „neuen“ Albums. Auch wenn Hakoköngäs und seine Mitstreiter bestimmt mit viel Verständnis und Einfühlungsvermögen an die Sache gingen, bleibt ein komisches Gefühl. Die Stimme ist natürlich unverkennbar Pekka Streng. Auch die Songs sind in ihrer Struktur und Komposition sofort als die seinen zu erkennen. Trotzdem klingt diese neue Scheibe völlig anders als die ersten beiden. Gelegentlich ist es den jungen Musikern einigermaßen gelungen, ein wenig von der Atmosphäre des frühen Pekka Streng Werks einzufangen. Das muss man schon zugestehen. Doch die Produktion klingt trotz allen Bemühens zu modern. Und so rockig wie hier mitunter hat Pekka niemals musiziert. Ich weiß nicht, ob das ein Zugeständnis an den Zeitgeist ist, oder ob sich die Musiker dessen gar nicht bewusst waren. Einerseits bin ich froh, weitere großartige Songs von Pekka Streng hören zu können. Andererseits muss ich immer daran denken, dass sie damals veröffentlicht wohl doch anders geklungen hätten. Nicht völlig anders, aber eben anders, das ist das Blöde daran. Trotzdem ***1/2

 

Gila – Free Electric Rock Session, Live in Köln, 26.02. 1972 (LP, Second Battle, www.collectorrecords.de)

 

Gila LiveIm vorigen Jahr hat Second Battle das Debütalbum der Band Gila um den Gitarristen Conny Veit wieder veröffentlicht und damit eine der spannendsten Platten der Krautrock Ära wieder zugänglich gemacht. Conny Veit verstand sich und seine Mitmusiker als Teil einer alternativen neuen Gesellschaft, die mit sinnlosen muffigen Traditionen vor allem auch im kulturellen Bereich bricht. Die Musik der Band ist dementsprechend weitgehend freier Improvisation dem Erkunden neuer Stilistiken und Formen verpflichtet. Auf ihrer ersten Studio LP ist es der Band auch in beeindruckender Weise gelungen, neue Wege zu beschreiten. Diese Platte hier enthält nun einen Live Mitschnitt des WDR aus seiner Sendereihe „Eine kleine Nachtmusik“ aus dem Jahr 1972. Die Aufnahmen entstanden live im Studio vor vermutlich nur kleinem Publikum. Gespielt wurden nur neue Stücke, die für eine geplante zweite LP Gilas vorgesehen waren. Die Stücke waren sicher noch nicht vollkommen durcharrangiert, und so überwiegt hier auch ein typischer Jam Charakter. Nichtsdestotrotz knüpft die Musik direkt bei der des ersten Albums an. Dominiert von Gitarre und Orgel und fast ganz ohne Gesang kommen die sechs Tracks des Albums aus. Am spannendsten hier klingt die fast 17-minütige Gila Symphony, die sowohl den Wechsel der beiden Leadinstrumente eindrucksvoll zeigt, als auch die Spannung bis zum Schluss aufrecht hält bzw. immer wieder aufbaut. Gegenüber einer früheren CD Veröffentlichung des Mitschnitts wurde hier noch behutsam und kompetent nachjustiert am Sound. Kein leichtes Unterfangen, da ja lediglich ein Stereo Mastertape zu Verfügung stand. Natürlich wirken manche Vorstellungen und Ansätze der Musiker von damals heute etwas naiv und überholt. Ein schönes Zeitdokument ist diese Aufnahme jedoch allemal. ***

 

The Pretty Things – Philippe DeBarge (LP, Ugly Things, www.ugly-things.com)

 

Pretty Things & Philippe DeBargeDiese Platte erschien bereits im vergangenen Jahr, und die Vinylausgabe ist bereits weitgehend vergriffen. Obwohl ich ja regelmäßiger Käufer und Leser von Mike Staxs „Ugly Things“ Fanzine (Buch trifft es ja eher) bin, ist mir die Platte fast entgangen. Kurz gesagt, sie stellt das Bindeglied dar zwischen „SF Sorrow“ und „Parachute“. Entstanden sind die hier versammelten Aufnahmen im Spätsommer 1969 in einem kleinen Studio in London. Das Kuriose daran ist vor allem, dass der Franzose Philippe DeBarge, ein Playboy mit finanzkräftigem familiären Background und einem Faible für britische Popmusik im Allgemeinen und The Pretty Things im Besonderen, nicht nur die Sessions komplett finanzierte und der Band im Vorfeld einen Kurzurlaub in St.Tropez ermöglichte, sondern auch als Leadsänger fungierte. Dick Taylor hatte die Band kurz zuvor verlassen. Aber Phil May und Wally Waller hatten ständig neue Songs zusammen geschrieben, so dass an Material für die Sessions in den Nova Studios kein Mangel herrschte. Produziert wurden die Aufnahmen von May und Waller selbst. Obwohl DeBarge keine musikalischen Erfahrungen hatte, sang er die Leadstimme mehr als passabel. May übte aber auch täglich mit ihm, wie in den Liner Notes zur Platte nachzulesen ist. Die meisten Songs, die damals aufgenommen wurden, spielte die Band später höchstens noch gelegentlich live. Und keiner davon kam auf eine spätere Platte der Pretty Things. Das heißt jedoch keineswegs, dass wir es hier mit Ausschuss zu tun haben. Im Gegenteil! Diese LP ist ein kleines Juwel. Sie knüpft sehr schön an das ja leider ziemlich unterbewertete „SF Sorrow“ an und enthält 12 wunderbare zeittypische Popsongs, die auf’s Vortrefflichste die Atmosphäre zwischen Swinging London und Woodstock einfangen. Dabei klingen die Aufnahmen sogar erstaunlich modern für damalige Verhältnisse. Oder anders gesagt, sie klingen heute überhaupt nicht altbacken, sondern teilweise ganz so, als wären sie erst kürzlich in einem britischen Studio entstanden. Die Platte erschien damals dann doch nicht. DeBarge ging zwar das Geld nicht aus, aber er hatte wohl einige andere Probleme. Bedauerlicherweise starb Philippe DeBarge bereits 1998. Es hätte ihn bestimmt gefreut, dass sein Baby nach fast 40 Jahren doch noch das Licht der Welt erblickt. ***1/2

 

The Inner Space – Agilok & Blubbo (LP, Wah Wah Records, www.wah-wahsupersonic.com)

 

Agilok & BlubboThe Inner Space sind niemand anderes als Can in einer ersten Inkarnation zwischen Beat, Krautrock, Psychedelia und früher Elektronik. „Agilok & Blubbo“ ist ein Film, ein deutscher Underground Film aus dem Jahr 1968. Die Debütarbeit von Peter Schneider. Und das hier ist der Soundtrack dieses Films. In dieser Form wird die Filmmusik hier zum ersten Mal veröffentlicht. 1968 erschien lediglich eine 7“45 mit dem Titeltrack des Films und dem „Kamera Song“ auf der B-Seite, gesungen von Model Rosi-Rosi, die auch die Hauptrolle im Film spielte. Der Film erzählt eine völlig überdrehte Geschichte aus der linksalternativen Popart  Bohéme München-Schwabings. Die wirren Pläne zweier kauziger Revoluzzer werden von dem Model Michaela (Rosi-Rosi) durchkreuzt. Rosi-Rosi spielte im Schwabing der späten Sixties eine ähnliche Rolle wie Uschi Obermaier. Nur wurde sie nicht so bekannt. Ich kenne den Film leider nur aus der Zusammenfassung des Plattencovers. Er ist zur Zeit in keinem Verleih oder auf DVD erhältlich. Den wenigen Ausschnitten nach zu urteilen, die bei YouTube mal zu sehen waren, muss er eine Mischung aus Psych-Out, Blow-Up und Rote Sonne sein. Der Soundtrack hier ist jedenfalls etwas ganz Besonderes. Die Musik ist mal reine Filmmusik, elektronisch zumeist und den Sounds nicht unähnlich, die David Vorhaus und Delia Derbyshire etwa zur gleichen Zeit mit The White Noise produzierten. Dann wieder ist es Sixties Pop, Sunshine Pop mit einem Hang zu Lounge, Easy Listening. Der „Kamera Song“ sticht natürlich heraus. Mit seinem ganz eigenen bizarren Charme erinnert er entfernt an Nico bei Velvet Underground oder auch an französischen Yé Yé Pop. Noch seltsamer ist das „Revolutionslied“, das ebenso gut von Witthüser & Westrupp stammen könnte. Und schließlich hört man dem Soundtrack die klassische und Jazzausbildung der Herren Irmin Schmidt, Holger Czukay und Jaki Liebezeit an. Mit der Musik, die sie nur wenig später als Can machten, hat das noch wenig zu tun. Etwas nervtötend ist das über 10-minütige „Apokalypse“ am Schluss der Platte mit seinen dissonanten Flötentönen über einem treibenden Beat. Das aber ist wohl Absicht. ***1/2

 

The Mandrake Memorial – Puzzle (LP, Wah Wah Records, www.mandrakememorial.com)

 

Mandrake MemorialDie dritte und letzte LP der Band aus Philadelphia (USA) erschien im Original 1969. Zu diesem Zeitpunkt war die Band bereits zum Trio geschrumpft. Trotzdem ist diese LP ihr aufwändigstes, vielschichtigstes Album. Ein psychedelisches Konzeptalbum mit klassischen Einflüssen und einem Charakter von Barock-Artrock, der mit typisch britischem Progrock jedoch gar nichts zu tun hat. Vergleiche mit Ars Nova und dem Boston Rock Sound der späten Sixties drängen sich auf. Aber auch die Electric Prunes der David Axelrod Phase fallen mir dazu ein. Vielleicht etwas zu prätentiös, zu opulent das Ganze. Andererseits gibt es da so filigrane feine Parts und Verästelungen, die wiederum aufhorchen lassen. Auf derartige Sounds und Arrangements kam man wohl tatsächlich nur in den ausgehenden Sixties. Inwiefern das Coverbild die Musik inspiriert hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls passt dieses Gemälde von MC Escher sehr gut zu der Platte. Die Musik ist ähnlich verschachtelt und in unendlichem Auf und Ab ineinander verwoben. Stellenweise wirkt sie fast folkloristisch improvisiert. Eine Art Happening mit offenem Ausgang und zugleich ein Puzzle, das vollendet, aufgelöst zu werden trachtet. Jedoch scheint dies völlig unmöglich. Immer wieder öffnet sich ein weiterer Pfad, eine neue Melodie, eine rhythmische Abzweigung. Vor 40 Jahren hätte mich diese Platte in einem abgedunkelten Raum bei Kerzenschein oder Stroboskoplicht und in entsprechender Stimmung gehört in Verzückung versetzt. Heute finde ich sie einfach etwas sehr „strange“. Aber doch auch sympathisch auf ihre Art. ***1/2

 

Jeavestone – Mind The Soup (CD, Nordic Notes, www.myspace.com/jeavestone)

 

Tuomari Nurmio & Alamaailman Vasarat – Kinaporin Kalifaatti (CD, Nordic Notes, www.vasarat.com)

 

Kinaporin KalifaattiMind The SoupZwei sehr empfehlenswerte Scheiben aus Finnland, die Dank Christian Pliefke und Nordic Notes nun auch regulär in Deutschland erhältlich sind. Jeavestone aus Kalajoki im Nordwesten Finnlands erfreuten und überraschten letztes Jahr mit einem überaus gelungenen neuen Album (mein Album des Monats in GG158). Ihr erster Longplayer aus dem Jahr 2005 „Mind The Soup“ ist, da ich ihn nun wieder höre, gar nicht so übel, wie ich aus der Erinnerung meinte. Alle Anlagen eines sich nicht allzu ernst nehmenden, abwechslungsreichen und frischen eher Pop orientierten Progrock sind schon vorhanden. Die Tracks erstaunlich kurz und songorientiert. Lohnt sich. ***1/2

Auch das Album „Kinaporin Kalifaatti“ hatte ich bei Erscheinen in GG besprochen. Das ist allerdings so lange her, dass die Rezension nicht mehr online zugänglich ist. Tuomari Nurmio hat sich durch sein im vorigen Jahr erschienenes Album „Big Bear’s Gate“ auch hierzulande unter Insidern einen Namen gemacht. Mit den „Hämmern der Unterwelt“ (Alamaailman Vasarat) als Begleitband entstand hier eine ganz erstaunliche musikalische Mischung aus Captain Beefheart und Ethno-Prog mit orientalischem Einschlag. Wer keine Scheu vor finnischem Gesang hat, sollte sofort zugreifen. ****

 

Punk ja Yäk!Various Artists – Punk ja Yäk! (4 CD Box, Stupido Records, www.stupido.fi)

 

Um es gleich vorweg zu sagen, das ist die beste und vollständigste Übersicht zum Thema Punk in Finnland, die man bekommen kann. Es wurde so gut wie nichts vergessen oder ausgelassen. Zehn Jahre Punk und New Wave aus Finnland, 1977 bis 1987, wurden noch nie so umfangreich, kompetent und repräsentativ zusammengefasst wie in dieser Box. Würde man heute alle hier kompilierten Tracks als Originale kaufen wollen, man hätte lange zu tun und bräuchte den Gegenwert eines neuen Kleinwagens, also so um die 8-10.000 Euro. Joose Berglund von Stupido Records ist mit dieser Musik groß geworden. Hier hat er seine Jugenderinnerungen zusammengetragen.

Aber was ist nun eigentlich finnischer Punk? Was ist das Besondere an dieser Box? – Punk war ja ein internationales popmusikalisches und soziokulturelles Phänomen, das seine Wurzeln einerseits in der hedonistischen und nihilistischen New Yorker Kunst und Musikszene der frühen bis mittleren 1970er Jahre hatte, und andererseits seine größte Wirkung durch die Mitte der 1970er in London aufkommende minimalistische Do-It-Yourself Bewegung und den Slogan „No Future“ erzielte. Die Wirkung setzte in Finnland zwar mit leichter Verzögerung ein, dafür war sie um so nachhaltiger. Dass diese Musikszene und die damit einhergehende Jugendbewegung in Finnland dermaßen erfolgreich und massenwirksam werden konnte, hat sicher mit der relativen Isolation des Landes am nordöstlichen Rand Europas zwischen Ostsee und Sowjetunion zu tun. Ein kapitalistisches Land am Rande des großen Bruders im Osten. Seit Jahren geführt von einem zwar konservativen aber auch äußerst pragmatischen und fast absolutistisch herrschenden Staatspräsidenten Urho Kekkonen, dessen eigener Weg strikter Neutralität von Politikern im Westen wie im Osten bewundert und beneidet und mitunter als Finnlandisierung kritisiert wurde. Es gab zwei staatliche TV Programme und einen landesweiten Radiosender, der Musik für Jugendliche allenfalls in ein paar Nischen anbot. Ein nennenswertes Nachtleben gab es nicht mal in Helsinki. Um 22 Uhr wurden die Bürgersteige hochgeklappt, sofern Bürgersteige überhaupt existierten. Die teils aufmüpfigen und aufregenden späten 60er und frühen 70er Jahre, in denen auch in Finnland so etwas wie Aufbruchstimmung und Ansätze von Nonkonformität herrschten, waren schon wieder vergessen.

Die erste Band, die eine Punk Single veröffentlichte, war Briard in Helsinki. Ein gera-de mal 15-jähriger Antti Hulkko (a.k.a. Andy McCoy, später bei Hanoi Rocks) spielte die Gitarre, und der inzwischen bereits verstorbene Pete Malmi krähte „I Really Hate Ya“. Im Herbst 1977 war das. Und die Platte erschien beim finnischen EMI Ableger Finndisc. Aber schon die nächsten Singles von Pelle Miljoona und Eppu Normaali erschienen bei unabhängigen finnischen Firmen und was noch wichtiger war, es wurde auf Finnisch gesungen. Praktisch alle wichtigen und erfolgreichen Punk und New Wave Bands in Finnland in den folgenden Jahren texteten in ihrer Muttersprache. Und das war neben den Themen, die sie besangen, auch der Schlüssel zum Erfolg. Allerdings war dieser Erfolg damit auch auf Finnland beschränkt. Obwohl es ein paar Versuche gab, finnischen Punk und Rock zu exportieren, teilweise mit extra produzierten englischsprachigen Aufnahmen, interessierte sich weder in London noch sonst irgendwo jemand für Punk oder New Wave made in Finland. Ein paar Verrückte wie mich ausgenommen. Die Jahre der größten Aktivitäten, in denen die spannendsten, aufregendsten Platten erschienen und Konzerte stattfanden waren 1979 und 1980. Zur gleichen Zeit gab es übrigens auch ein recht nachhaltiges Rockabilly Revival in Finnland. Während die Musiker meist freundschaftlich miteinander verkehrten, wurden zwischen Teddy Boys und Punks mitunter schlagkräftige Meinungsverschiedenheiten ausgetragen. Aber das ist ja nun bestimmt kein typisch finnisches Phänomen. Der große auch kommerzielle Erfolg mit hohen Notierungen in den finnischen Pop Charts kam allerdings dann erst in den 1980er Jahren. Und Punk im ganz strengen Sinn war das auch nicht, was da chartete. Bands wie Pelle Miljoona und Eppu Normaali entwickelten sich sehr schnell weiter, und ihre Musik wurde vielfältiger behielt aber ihre jeweils bandtypische Charakteristik. Viele Bands der ersten Generation waren relativ kurzlebig. Nach ein paar Singles, einer oder vielleicht auch mal zwei oder drei LPs lösten sich viele Gruppen wieder auf. Aber sehr viele Musiker dieser ersten Generation blieben weiterhin aktiv und tauchten später wieder auf, teils in neuen Bands, teils als Produzenten, Talent Scouts oder sonst im finnischen Musik Business. Dass diese neue Bewegung eine solche Nachhaltigkeit entwickeln konnte, liegt sicher auch daran, dass Finnland mit nur gut fünf Millionen Einwohnern eine insgesamt recht überschaubare Musikszene hat. Jeder kennt Jeden. Da gibt es kaum Szenen, die abgeschottet existieren (können). In den 1980er Jahren folgte eine zweite Generation von Punk Musikern, die vor allem der heute als Hardcore bekannten Variante anhingen. Bands wie Terveet Kädet und Riistetyt erfreuten sich auch international in Hardcore Kreisen großer Beliebtheit, ob ihres kompromisslos schnellen Spiels und des meist kreischenden finnischen Gesangs, den zwar niemand verstand, der aber als besonders cool galt. Auch wenn in den 1980er Jahren New Romantic und Synthi Pop in Finnland ihre Anhänger ebenso fanden wie anderswo und entsprechende finnische Bands zum Teil extreme Erfolge verzeichneten, ein gewisser bodenständiger Schweinerock fand nach wie vor Zuspruch und erst recht der Ramones orientierte typisch finnische Punk Rock solcher Bands wie Ne Luumäet oder Pojat. Eine breite Bewegung war Punk in den 1980er Jahren jedoch auch in Finnland nicht mehr. Die meisten Hardcore Bands drifteten ins Metal Lager, oder aber sie mussten dem von Drugs & Alkohol (weniger vom Sex) geprägten Leben ihren Tribut zollen. Nicht wenige finnische Punk Musiker sind an den Folgen ihres exzessiven Lebenswandels bereits gestorben. Gegen Ende des Jahrzehnts gab es so gut wie keine neuen Punk Bands mehr. Allerdings lebt der Spirit bis heute weiter. Und natürlich gab es immer ein paar Musiker, die unermüdlich weiter machten. Neuerdings scheint 77er Punk auch bei ein paar jüngeren Leuten in Finnland wieder en vogue zu sein.

Die vier CDs dokumentieren die Jahre von 1977 bis 1987 so umfänglich und repräsentativ, wie keine Compilation bisher. CD1 umfasst die erste Generation finnischen Punks einigermaßen genau chronologisch und versammelt dabei die bekanntesten und damals erfolgreichsten Bands. Auf CD2 sind dann die nicht ganz so erfolgreichen Bands und Tracks der ersten Generation versammelt. CD3 bietet vor allem die Bands der frühen 1980er Jahre und der Hardcore Fraktion. Die vierte CD versammelt zum einen Bands, die nur am Rande zu Punk gezählt werden können, sowie einige Acts der dritten Generation. Vier CDs also mit jeweils knapp 80 Minuten Punk und New Wave Musik aus Finnland, insgesamt 132 Tracks. Das umfangreiche Booklet enthält viele seltene Fotos und neben den diskographischen Angaben auch informative Liner Notes und kurze Kommentare der jeweiligen Musiker. Allerdings alles auf Finnisch bis auf eine einseitige Einführung in englischer Sprache. Dennoch bin ich der Meinung, diese Box braucht jeder, der sich für finnischen Punk interessiert. Anhand der vielen Fotos kann man übrigens sehr schön sehen, dass die meisten Musiker noch ziemlich jung waren und dass es sich wirklich um eine jugendliche Massenbewegung handelte. Die Jungs sehen oft so normal aus, wie ganz durchschnittliche Jugendliche und Oberschüler. Klar tragen sie ein paar Badges, aber Klamotten und Frisuren sind oft nach Londoner Szene Maßstäben ziemlich uncool. Es sind halt oft Dorfpunks oder einfach nur ein bisschen ausgeflippte jugendliche Intellektuelle. Aber letztlich war das wohl überall so ähnlich. Im UK war allenfalls das Modebewusstsein etwas ausgeprägter. Eine Gesamtwertung in Sternchen macht bei so einer Box wenig Sinn. Manche Tracks verdienen *****, andere nur **. Aber insgesamt ist die Box natürlich sehr zu empfehlen.

 

Mad RiverMad River – s/t (LP, Capitol)

 

Eine der seltsamsten und eigenwilligsten Bands der psychedelischen Ära war diese fünfköpfige Gruppe aus der San Francisco Bay Area. Während die meisten Musikgruppen dieser Szene eine eher optimistische, oft naiv fröhliche Grundeinstellung mitbrachten, war das bei Lawrence Hammond und seinen Mitstreitern anders. Nicht nur klangen deren zum Teil sehr filigrane Kompositionen äußerst abgehoben, sie ließen zumeist auch eine eher dunkle Seite der Psyche erkennen, was sich sowohl in Texten als auch in der Musik manifestiert. Am deutlichsten wird das hier auf ihrem Debütalbum bei „War Goes On“, einem wie improvisiert wirkenden Parforce Ritt durch Jazz, Raga und Blues, der natürlich den endlosen und sinnlosen Vietnamkrieg widerspiegelt bzw. kommentiert. Wohl eher schwer verdaulich diese 12:30 Minuten. Aber schon der Album Opener „Merciful Monks“, obwohl nur 3:40 lang, macht klar, dass es hier nicht um radiofreundliche happy-go-lucky Popmusike geht. Die Gitarren klingen hier und auch beim folgenden „All Time High“ im besten Sinn psychedelisch. So muss man sich Acid Rock vorstellen. Dazu die hohe, schneidende Stimme von Hammond. Immerhin ist der Sound hier schon etwas weniger schrill und höhenlastig als bei der allerersten 7“EP, die bereits 1967 erschien. Bis auf einen wurden die Songs für das Debütalbum 1968 neu eingespielt. Aber auch so behält „Amphetamine Gazelle“ diese völlig über-drehte und gehetzt wirkende Atmosphäre, als wäre die Band auf Speed und Acid gleichzeitig. „Eastern Light“ dagegen hat ein fast abgeklärt majestätische Aura, getragen nicht nur von den Acid Gitarren sondern auch von Piano und Flöte, während Hammonds Stimme über allem thront. Der schönste Track des Albums ist jedoch „Wind Chimes“ mit beinahe indisch anmutenden acid Gitarren über hypnotischen monotonen Rhythmen und den schwebenden Flötentönen im zweiten Teil des Tracks. Das auf seltsame Art verloren wirkende Schlaflied „Hush Julian“ am Ende der LP ist mit 1:10 leider viel zu kurz. Die Platte war ein veritabler Flop seinerzeit. Und auch dieses Re-Issue wird sicher kein Bestseller werden. Es wird jedoch Zeit, dass sich auch bisher Nichteingeweihte mal mit dieser Band und ihrer ungewöhnlichen Musik beschäftigen. Die LP ist übrigens Richard Brautigan gewidmet, einem damals durchaus erfolgreichen Szene Poeten, der die Band nicht nur sehr schätzte sondern auch hin und wieder materiell unterstützte. ***1/2

 

The Story Of Beat-Club (3 DVD Box-Sets, www.beatclub-edition.de)

 

Beat-ClubDas sind doch mal gute Neuigkeiten! Radio Bremen hat sich endlich entschlossen, alle Beat-Club Sendungen auf DVD zugänglich zu machen. Musste man doch bisher mit einer lückenhaften 10 DVD Box vorlieb nehmen oder sich Mitschnitte von Wiederholungen besorgen, deren Auswahl ebenfalls eher zufällig war und noch dazu stümperhaft bis ahnungslos kommentiert wurde. Nun also komplett und ungeschnitten mit allen Ansagen, Vor- und Abspännen. Lediglich drei Sendungen fehlen. Das sind zum einen zwei „Best of“ Sendungen, die eh nur Wiederholungen boten, sowie eine Sendung (Folge 13), die nur Fremdfilme enthielt, an denen RB offenbar keine Rechte hat. Es fehlt auch der Beatles Film zu „Strawberry Fields Forever“, der in Folge 17 im Februar 1967 gezeigt wurde. Auch daran hat RB keine Rechte. Die Boxen sind auch einzeln erhältlich, was sicher denjenigen Freunden der Beatmusik gelegen kommt, die Prog, Acid und Jazz Rock Improvisationen, wie sie in späteren Folgen ab ca. 1970 gang und gäbe waren, nicht so sehr goutieren. Ich finde allerdings auch der späte Beat-Club hat seinen Charme. Und die optischen Effekte und Spielereien, die ab 1968/69 einsetzten, waren nicht nur wegweisend im Musik TV, sie sind zum Teil sogar unübertroffen in ihrer Kreativität.

Box I umfasst die Beat-Club Folgen 1-35 mit echten Live Auftritten von u.a. The Remo Four, The Boots, The German Bonds, The Pretty Things, The Monks, The Easybeats, Jimi Hendrix, The Who, The Small Faces, sowie Playback Dar-bietungen von Billy Nichols, Sharon Tandy, Sandy Sarjeant, John Walker, The Nice, Reparata & The Delrons u.v.m. Box II enthält die Folgen 36-59 mit u.a. Harry Nilsson, Spooky Tooth, Julie Driscoll, Sly & The Family Stone, The Flirtations, Caravan, Bloodwyn Pig, Man, Yes, Free, Collosseum, Taste, Mott The Hoople, Edgar Broughton Band, Van Der Graaf Generator, Brinsley Schwarz, Black Sabbath. Und Box III mit den Folgen 60-83 bietet Amon Düül II, The Incredible String Band, Fotheringay, Patto, Tom Paxton, Curved Air, The Soft Machine, Skid Row, Yes, Man, Family, Can, Fanny, T.Rex, Stone The Crows, Canned Heat, MC5, Grateful Dead, The Rolling Stones, Captain Beefheart, Johnny Cash u.v.m. Man kann die Boxen einzeln kaufen für 74,95 € oder komplett für 199,- €. Ich denke aber der Preis wird noch etwas günstiger werden, wenn erst Amazon und weitere Händler die Box Sets im Angebot haben. Im Moment verkauft Radio Bremen die drei Boxen mehr oder weniger exklusiv über das ARD Online Marketing. Bei Saturn wurden allerdings auch schon Beat-Club Boxen zu 69,- € das Stück gesichtet. Ich warte erst mal ab, aber dann kaufe ich bestimmt alle drei Box-Sets.

 

GilaGila – Gila (Free Electric Sound) (LP, Second Battle Rec., www.collectorrecords.de)

 

„Die Gila-Krustenechse (Heloderma suspectum) ist ein Vertreter der Krustenechsen. Ihr Name (US Engl. Gila Monster) stammt vom Gila-Fluss im Südwesten der USA (Bundesstaat Arizona) und ist mexikanischen Ursprungs, daher ist die Aussprache wie Hiela. Neben dem anderen Vertreter dieser Familie, der Skorpion-Krustenechse ist sie die einzige giftige Echse. Die Gila-Krustenechse erreicht normalerweise eine Körperlänge von 70 cm, einzelne Exemplare sind mit 100 cm gemessen worden. Sie hat einen breiten, massiv aussehenden Körper, einen großen Kopf mit winzigen Augen und kurze Beine mit scharfen Krallen. Der kräftige Schwanz dient als Fettreserve für Zeiten mit Nahrungsnot. Ihre Haut ist schwarz und höckrig mit roten bis rosa Flecken, die auch orange bis gelb sein können.“ So steht es bei Wikipedia. Und in diesem Fall sollte man der Web-Enzyklopädie ruhig trauen. Die Angaben zur Band Gila, die man bei Wikipedia findet, sind dagegen recht mager, wenn auch nicht falsch. Dass der Bandname dem eingangs beschriebenen Tier entliehen wurde, ist übrigens durchaus umstritten. Bandgründer Conny Veit können wir leider nicht mehr fragen. Das  langjährige Mastermind der Gruppe starb vor wenigen Jahren in Hamburg.

Die meisten Freunde von Krautrock und Psychedelia kennen vor allem Gilas zweites Album „Bury My Heart At Wounded Knee“. So auch ich. Allerdings entstand diese Platte erst vier Jahre nach Gründung der Band in veränderter Besetzung. Mit dem hier wieder vorliegenden Debüt von 1971 hat die Scheibe mit dem Indianer auf dem Cover nur wenig zu tun. Das die erste Platte beschreibende Motto ist zeittypisch und wundert einen schon gar nicht, wenn man weiß, dass die Musikgruppe aus einer Stuttgarter Politkommune heraus 1969 gegründet wurde. "AGGRESSION verhindert KOMMUNIKATION und führt zum KOLLAPS des Bewußtseins, was die Veränderung des "Ich" in positiver oder negativer Weise zur Folge hat. Das positiv veränderte "Ich" sucht KONTAKT zu anderen, um in KOLLEKTIVITÄT seine natürliche INDIVIDUALITÄT zu finden." Augen- und Ohrenzeugen berichten, dass die Live Auftritte des Musikerkollektivs sehr intensiv und in ihrer Improvisation höchst beindruckend waren. Freie Formen, mäandernde Soundcluster, psychedelische Effekte waren ja damals ganz typisch für die sich nicht nur in Deutschland entwickelnde Underground Rock Szene. Krautrock nannten die Briten dann die besondere deutsche Spielart dieser Musik, bei der alles möglich schien. Und ohne bestimmte bewusstseinserweiternde Drogen ist die Begeisterung und das Aufgehen in diesen schier endlosen und sich nicht selten wiederholenden Improvisationen auch nur schwer vorstellbar. Hört man die Platte jetzt mit dem zeitlichen Abstand von fast 40 Jahren und mit nüchternem Geist, dann wirkt sie dennoch wie eine legitime und durchaus nachvollziehbare musikalische Interpretation des genannten Mottos. Fast ein bisschen naiv zwar, aber auf eine unschuldige Art auch sympathisch. Aus einer anderen Zeit eben. Gila gehörten wohl zurecht zu den führenden Vertretern dieser neuen Musik damals in Deutschland. Und im internationalen Vergleich können sie sich ohne weiteres messen mit den zeitgleichen Werken Pink Floyds oder dem King Crimson Ableger McDonald & Giles etwa. Auch eine Nähe zu Space Rock wollen einige Kritiker bei dieser Musik hören. Ich höre die nicht unbedingt, aber sei’s drum. Jedenfalls lohnt sich die Anschaffung dieses aufwändig und liebevoll gestalteten Re-Issues mit Klappcover, Poster und ausführlichen neuen Liner Notes von Reinhart Kotzsch in einem extra beiliegenden 8-seitigen Heft nicht nur für Sammler und alte Krautrock Fans. Wer sich für jüngere Bands von Archive bis Vibravoid interessiert, sollte hier ruhig auch mal seine Ohren spitzen. ***1/2

 

Infinite SoulThe Grip Weeds – Infinite Soul, The Best Of The Grip Weeds (CD, Wicked Cool, www.myspace.com/gripweeds)

 

Nach wie vor eine der besten zeitgenössischen Powerpop und Neo-Psych Bands der USA sind The Grip Weeds aus New Jersey. Auf Little Steven Van Zandts Wicked Cool Label ist nun eine Compilation der Band mit 16 ihrer besten Aufnahmen erschienen. Tracks aus rund 15 Jahren und von vier Alben, bestens geeignet für Novizen des Grip Weeds Sounds. Dieser ist absolut unverwechselbar, auch wenn er Einflüsse der Vergangenheit von The Who bis zu The Moody Blues aufweist. In diesem Zusammenhang wird es die Freunde des Vinyls interessieren, dass die originale 7“ „She Brings The Rain“ sowie die Doppel-LP „The Sound Is In You“, beide auf Twang! veröffentlicht, noch immer erhältlich sind. Preis auf Anfrage. Diese Compilation hier enthält andererseits mit einer Neuaufnahme des Klassikers „She Brings The Rain“ einen exklusiven Track. Hoffentlich kommen Kristin, Kurt, Rick und Michael auch mal wieder nach Deutschland. An die gemeinsame Tour durch drei Länder anno 1994 erinnere ich mich nach wie vor mit Begeisterung. ****1/2

 

Here Are The BootsThe Boots – Here Are The Boots / Beat With The Boots (2CD, Revisited/SPV, www.theboots.de)

 

Nun sind die beiden LPs der besten deutschen Sixties Band also erneut offiziell erhältlich. Dieses Mal als Doppel-CD aber mit den gleichen Bonustracks wie die vor zehn Jahren von Telefunken wiederveröffentlichten beiden Einzel-CDs, die inzwischen nicht mehr lieferbar sind. Novizen haben also die Chance, die Musik der Boots kennenzulernen. Ich muss die Band hier nicht extra anpreisen. Das hieße ja wohl „Eulen nach Athen tragen“. Aber ein paar Sätze zu diesem ersten offiziellen Re-Issue unter Einbeziehung der noch lebenden Bandmitglieder will ich doch loswerden. Die Liner Notes schrieb der Bassist der Band, Bob Bresser, selbst. Die Fotos im Booklet stammen alle aus Bobs Privatarchiv und sind dementsprechend rar und interessant nicht nur für Fans. Auf der CD 1 gibt es als Bonus eine ca. 20-minütige Diashow (als mpeg Datei), zu der Philip Schumacher eine von H.P. Daniels verfasste Bandgeschichte spricht. Für den Fan, der schon alles hat, stellt dies den eigentlichen Mehrwert dar. Seltene Fotos und Details und Hintergründe zur Band und der Szene damals wurden da sehr schön aufbereitet. Auch ist die Doppel-CD mit ca. 15-17 € nicht zu teuer. Dass alle Tracks „digitally remastered“ wurden wie das Cover vermeldet, fällt zum Glück nicht weiter auf. Schöner wäre es freilich, wenn es beide LPs endlich auch mal wieder auf Vinyl gäbe. Die letzte Wiederveröffentlichung der ersten LP liegt weit über 20 Jahre zurück. Und „Beat With The Boots“ wurde noch nie offiziell und im Originalcover wiederveröffentlicht. Gerade in Zeiten, da sich Musikliebhaber verstärkt wieder dem Vinyl zuwenden, wäre es an der Zeit, die Musik Deutschlands großartigster Beatband auch wieder im warmen, knackigen unverfälschten Analogsound zugänglich zu machen. Die Originale der beiden LPs sind inzwischen doch recht selten und teuer. Wie ich aus zuverlässiger Quelle erfahren habe, soll die DVD und die Live Doppel-CD mit dem Mitschnitt des Re-Union Konzerts im Berliner Quasimodo vor drei Jahren nun endlich noch vor Weihnachten 2008 erscheinen. Wir sind gespannt! Diese Doppel-CD hier bekommt ****

 

Diverse – Sprechen Sie Pop? (CD, Bureau B / Indigo, www.bureau-b.com)

 

Sprechen Sie PopWir erinnern uns an die Reihe „Tausend Nadelstiche“ von Bear Family Records. Da waren es Amerikaner und Briten, die deutschsprachige Versionen ihrer Hits sangen. Das Konzept hier ist ähnlich und doch anders bzw. weiter gefasst. Hier sind es ganz allgemein Künstler, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, die entweder deutsche Versionen ihrer Hits singen oder sogar extra für sie geschriebene deutsche Titel, die in ihrer Heimat gar nicht erschienen. Versammelt sind Aufnahmen aus den 60er und 70er Jahren aus der musikalischen Grauzone zwischen Beat, Easy Listening und damals noch eher unschuldigem, charmanten Schlager Pop und Chanson. Den Anfang macht ein Rip-Off von Nancy Sinatras Hit „These Boots Are Made For Walking” mit dem Titel “Er heißt Peter“, gesungen von der Tochter des in den 30er Jahren in die USA emigrierten großen Schlager Komponisten Friedrich Holländer, Katja Holländer. Im Zuge des Ost/West Ausgleichs sind hier auch etliche Künstler aus dem ehemaligen Ostblock vertreten, wie z.B. Die Skalden, Die Roten Gitarren (beide aus Polen), Kati Kovács und die ungarische Gruppe Illés. Der Großteil der Titel dürfte selbst einem älteren Publikum eher unbekannt sein. Aber es sind auch ein paar Riesenhits von damals zu hören wie etwa Graham Bonneys „Girl mit dem La-La-La“ oder Elisa Gabbais „Winter in Kanada“. Beides übrigens auch zwei der Highlights hier neben France Galls „Wassermann und Fisch“ natürlich oder Antoines „Hallo, Bonjour, Salut“. Entdeckungen kann man sogar auch noch machen. Mich überraschte auf das Angenehmste Sandie Shaw mit „Sommerwind“ aus der Feder von Peter Thomas (der u.a. die Titelmusik zu Raumpatrouille Orion schrieb) sowie Sylvie Vartan mit dem Glamrockschlager „Ein kleines Herz auf der Haut“, der im Jahr 1978 allerdings wohl schon zu old fashioned war, um große Aufmerksamkeit zu erzielen. Und die bereits erwähnten Illés sind sowieso mein großer Geheimtipp. Ihr deutsches Album auf Amiga aus dem Jahr 1972 ist ein Quell der Freude für Freunde des eher abseitigen musikalischen Geschehens. Mit einer Mischung aus Folk, Schlager, Psychedelia und sogar Progrock ist diese LP jede Suche auf Flohmärkten oder Plattenbörsen wert. Ihr „Hier stand die Sonne hoch“ beschließt diesen Sampler mit Sitarklängen, Tablas und einem unschuldigen Schubidu Chor zu starkem ungarischen Akzent. ***1/2 

 

Alice In Wasteland – Wasted (CD, Poko Rekords, www.myspace.com/alicewasteland)

Wasted

Alice In Wasteland waren in der zweiten Hälfte der 80er Jahre eine der profiliertesten finnischen Bands mit englischen Lyrics. Gegründet in der mittelfinnischen Universitätsstadt Jyväskylä 1986 als Post Punk / Powerpop Band wurde die Gruppe um die Sängerin Pikke Paananen sehr bald von Poko, dem seinerzeit führenden finnischen Indie Label, unter Vertrag genommen. Drei Singles und ein Album erschienen bei Poko. Alle leidlich erfolgreich in Finnland aber auch im benachbarten Schweden. Die Stimme Pikkes erinnert mitunter an Chrissie Hynde. Und die Songs, die sie oder Gitarrist Kari Smolander schrieben, haben gewöhnlich einen hohen Wiedererkennungswert und oft Ohrwurm Charakter. Nachdem Poko es versäumte, die Option auf ein zweites Album  wahrzunehmen, sprang Jukka Junttila mit seinem Label Hiljaiset Levyt in die Bresche, bei dem bereits einige tolle finnische Bands unter Vertrag waren. Die zweite LP „Red Eye“ fiel insgesamt etwas nachdenklicher, fast düsterer aus, als das Debüt. Wären da nicht die recht heftigen Power Chords von der Gitarre, man käme auf die Idee, hier waren Siouxsie und ihre Banshees heimlich am Werk. Aber auch die Pixies mögen da ein bisschen abgefärbt haben. Jedenfalls zählen die Veröffentlichungen von Alice In Wasteland durchweg zu den lohnendsten aus Finnland, egal ob man nun Powerpop Fan, Indie Nerd oder Alternative Rocker ist. 1992 löste sich die Band auf. Nun hat Poko unter dem Titel „Wasted“ diese CD mit 20 Tracks aus dem Gesamtwerk der Band quasi als „Best Of“ veröffentlicht. Seit März 2008 spielt die Band auch wieder live zusammen und begeistert alte und neue Fans. Als Einstieg und Überblick kann ich die CD jedem nur wärmstens ans Herz legen. Dem Vinyl Fan und allen, die nach diesen 20 Tracks erst so richtig angefixt sind, empfehle ich, nach den insgesamt sechs originalen 7“ 45s und zwei LPs der Band zu fahnden. Nicht so leicht zu finden, aber bestimmt auch nicht wirklich teuer, da Alice In Wasteland immer noch so etwas wie ein Geheimtipp sind. ****

 

Dennis Wilson – Pacific Ocean Blue (3LP/2CD, Caribou Records / Sony BMG, www.pacificoceanblue.net)

 

Pacific Ocean BlueDennis, der mittlere der drei Wilson Brüder, war der einzige echte Surfer bei den Beach Boys. Und neben Brian, der ja nach „Smile“ eher mit sich selbst beschäftigt war, war Dennis wohl das echte „enfant terrible“ der Gruppe. Er war es, der mit sich mit Charles Manson einließ, ihm einen Song abkaufte und Demos mit ihm produzierte. Glücklicherweise endete die Zusammenarbeit der beiden lange vor den grausamen Morden, die die Manson Family 1969 beging. Aber so richtig auf die Reihe bekommen hat der smarte Junge sein Leben wohl auch nie. Immerhin war er 5x verheiratet und hatte insgesamt sechs Kinder. Dennis ertrank Ende Dezember 1983 bei dem Versuch nach Dingen die er ins Wasser geworfen hatte unter seinem Boot im Yachthafen von Marina Del Rey zu tauchen. Neben Alkohol fand man auch Spuren von Valium und Kokain in seinem Blut. Seine musikalische Karriere war zu diesem Zeitpunkt aber eigentlich eh keine mehr.

Nachdem Brian sich zurückgezogen hatte, schrieb Dennis verstärkt Songs für die Beach Boys und sang auch gelegentlich die Leadstimme. Allerdings war Dennis im Prinzip „nur“ der Live Drummer der Band, da sein Part im Studio von Studiomusikern gespielt wurde. Pläne für eine Soloplatte hatte er daher bereits zu Beginn der 70er Jahre. Allerdings hielt ihn sein unsteter Lebenswandel ebenso wie komplizierte Vertragsverhältnisse immer wieder von der Verwirklichung einer Solo-LP ab. Schließlich klappte es dann 1977 aber doch, und „Pacific Ocean Blue“ erschien bei Caribou Records und erreichte immerhin knapp die Billboard Top 100. Ein besseres Ergebnis als es dem zeitgleich bei Warner erschienenen Beach Boys Album „Love You“ beschieden war. An mir ging die Scheibe damals völlig vorüber. Ich kann mich aber erinnern, dass ich sie in der Folge häufiger in den Billigkisten der Second Hand Dealer stehen sah. Da steht sie inzwischen natürlich nicht mehr. Heute gilt die Platte zwar nicht als Meisterwerk, aber doch als beste Soloveröffentlichung eines Beach Boys. Und ja, dem kann ich mich ohne Weiteres anschließen. Es ist eine ziemlich typische 70er Jahre Platte, also guter amerikanischer Seventies Mainstream Rockpop. Fulminant im Sound, ausgeklügelte Arrangements und durchaus passable Songs, manche sogar richtig gut. Der Opener „River Song“ etwa, oder der „Pacific Ocean Blues“, der Titelsong. Auch „Farewell My Friends“, „Rainbows“ und „End Of The Show“ wissen zu überzeugen. Für diese Wiederveröffentlichung hier wurde das Album neu gemastert. Und es wurden noch etliche bisher unveröffentlichte Tracks hinzugefügt. U.a. das gesamte Material, das bereits für das geplante zweite Soloalbum „Bambu“ aufgenommen worden war. Das alles klingt letztlich sehr nach späten Beach Boys, aber nicht so glatt und peinlich wie manche Veröffentlichungen der Band aus den 80ern. Der Bohei, der nun um dieses Re-Issue gemacht wird, ist sicher etwas übertrieben. Trotzdem freue ich mich, die Platte auf diese Weise doch noch richtig kennengelernt zu haben. Und auch das Bonusmaterial lohnt die Beschäftigung damit. ***1/2

 

Various Artists – NO FUN Records, Hit oder Niete, die Singles (CD, Sireena Records, www.sireena.de)

 

Über 30 Jahre ist das nun auch schon wieder her. Punk und New Wave schwappten nach Deutschland und erste Bands griffen die Ideen aus dem UK und aus New York auf und versuchten was Eigenes. Indie Labels wurden gegründet. Und eines davon war NO FUN in Hannover. Hollow Skai gab zu-nächst ein Fanzine mit diesem Namen heraus, und als dann tatsächlich auch in Hannover Punk und New Wave Bands auftauchten, wurde NO FUN zum Schallplattenlabel. Die erste Single auf NO FUN kam von den 39 Clocks, die zwar von Suicide inspiriert waren, aber eigentlich mehr noch auf Velvet Underground und Silver Apples abfuhren. 1980 war das. Und in schneller Folge kamen andere 17cm Schallplatten dazu. Bärchen und die Milchbubis schufen mit „Jung kaputt spart Altersheime“ fast eine Art neuartiger Hymne der Punks. Und das legendäre „Samen im Darm“ von The Cretins wurde Jahre später von der besten Band der Welt Die Ärzte gecovert. Deutscher Punk war für gewöhnlich primitiv und schlecht produziert aber durchaus originell und zum Mitmachen geeignet. Und bald waren es nicht nur Bands aus der Metropole der Langeweile Hannover, die auf NO FUN erschienen. A5 aus Bremen und Daily Terror aus Braunschweig steuerten EPs und Singles zum Labelkatalog bei. Ein weiteres Glanzlicht kam von der Gruppe Der Moderne Man. Dass ich deren geniale Single „Der Sandmann“/„Baggersee“ damals nicht behalten habe, wurmt mich inzwischen ganz schön. Das ist die wahre ndW und nicht der Schlager und Mainstream Krempel, der ein gutes Jahr später von der  Musikindustrie stil- und wahllos rausgehauen wurde. John Peel bot der Band 2x eine Session an, zu der es dann aus unerfindlichen Gründen nie kam. Mythen in Tüten spielten dann fast schon Schlager, aber mit so viel unverfälschtem Charme, dass man niemals peinlich berührt zu sein braucht. Ihr „Liebe im Funkhaus“ war sogar ein kleiner lokaler Radiohit. Die letzte Single auf NO FUN erschien 1981 und kam von der bereits zum Hannoveraner Export Schlager avancierten Band Hans-à-Plast, die wegen ihrer beiden Frontfrauen und einschlägiger Lyrics gerne auch als Speerspitze des Feminismus einvernahmt wurde. Das Label NO FUN existierte noch etwas länger, aber leider erschienen keine Singles mehr mit diesem Logo. Alle NO FUN Singles – bis auf eine Benefiz-Single, die mit dem Label eigentlich gar nichts zu tun hatte – sind hier nun auf diesem Sampler versammelt. Der erscheint auf Tom Redeckers Label Sireena. Die Linernotes hat Hollow Skai selbst geschrieben. Die Wertung für die Singles reicht von ** bis zu ****

 

Cool Stove

Vor gut drei Jahren hatte ich eine CD Compilation „Beat aus Germany“ zusammengestellt. Ein Querschnitt von bekannten und weniger bekannten Aufnahmen deutscher Beat Bands aus den Sixties. Dabei war auch der Track „Big Sensation“ von Cool Stove, den ich auf einem „Diggin’ For Gold“ Sampler gefunden hatte. Über die Band Cool Stove war damals nichts in Erfahrung zu bringen. Vor wenigen Wochen erhielt ich eine Mail von einem Klaus Berger aus Bonn, der offen-sichtlich ebenso gerne wie ich nach Perlen deutscher Beatmusik fahndet und unter www.bonner-beat.de eine eigene Homepage betreibt. Klaus stellte den Kontakt her zu Manfred Plenckers, der damals der Schlagzeuger der Band Cool Stove war. Und letzten Sonnabend traf ich dann Manfred hier in Berlin. Wie klein die Welt doch ist!

Cool StoveBig SensationCool Stove wurde 1968 in Bad Godesberg gegründet. Dabei waren drei Musiker, die vorher bereits in der Band The Rats gespielt hatten, Walter Spruck (g), Heinz Jugel (b), Manfred Plenckers (dr). Verstärkt wurden sie von Werner Müller-Lankow (voc), der schon bei den Desperados in Bonn Gitarre gespielt hatte und dem Bonner Keyboarder Ali Stolle. Die Band muss live ziemlich klasse gewesen sein. Besonders der mehrstimmige Satzgesang war für deutsche Beatbands eher ungewöhnlich. Wie fast alle Bands jener Zeit coverten die Jungs überwiegend. Songs der Moody Blues, Honeybus, Love Affair aber auch von Jimi Hendrix gehörten zum Repertoire. Und dann natürlich die Eigenkompositionen „Big Sensation“ und „My Girl Is My Girl“. Die Chefin einer Kölner Schallplattenfirma (die eigentlich eher Klassik produzierte) hatte an den Jungs offenbar einen Narren gefressen und finanzierte ihnen die Aufnahmen zu ihrer Single, die dann Ende 1968 auf ihrem Label Starton in Köln erschien. „My Girl Is My Girl“ ist eine eher leichte Happy-Go-Lucky Nummer mit Pop Appeal, die ein bisschen an ein Kinderlied erinnert. „Big Sensation“ hat jedoch alles, was einen Mod / Freakbeat Klassiker ausmacht. Coole Orgel Grooves, tolle Fuzzgitarre, einen treibenden Rhythmus, gelungenen Spannungsaufbau, einen eingängigen Refrain und einen super Break in der Mitte. Mehr zur Band findet man unter http://coolstove.myrockspace.net/. Lei-der gingen die Jungs schon bald wieder auseinander. Bei unserem Treffen erzählte Manfred noch, sie wären damals auch bei Dieter Diercks im Studio gewesen, der mit ihnen eine deutsche Version des Hollies Hits „Sorry Suzanne“ produzierte, die allerdings in der Schublade blieb. Die Atmosphäre im Hause Diercks war recht familiär. Die Oma kam mit selbst gebackenem Kuchen ins Kellerstudio, erinnert sich Manfred.

Werner und Ali gründeten dann mit dem Drummer Jens Hoffmeister von Werners alter Band Desperados sowie  dem Bassisten Gerhard Noe von The Hangmen aus Godesberg eine neue Band, die sie Proud Flesh nannten. Die Band spielte neben eigenem Material auch Cover von Spooky Tooth, Deep Purple, Black Sabbath, Hendrix u.a. Anfangs eher auf der Prog Schiene entwickelte sich die Gruppe dann aber zu einer schnörkellosen Hardrock Combo, die bis 1972 in wechselnden Besetzungen existierte. Manfred Plenckers gehörte zeitweilig auch zu ihrem Line-Up. Zwei Singles veröffentlichte Proud Flesh 1970 und 71. mehr Informationen findet man unter http://proudflesh.info. Werner Müller-Lankow lebt heute in Schweden. Er ist es, der die Webseiten seiner alten Bands initiiert und installiert hat. Manfred Plenckers spielt heute in einer Bonner Soul und Funk Band namens Prime Time Gitarre.

The Grip Weeds – House of Vibes (Revisited) (CD, Ground Up Records, www.myspace.com/gripweeds)

 

House of Vibes revisitedIch muss zugeben, ich habe „House of Vibes“ auch schon eine ganze Weile nicht mehr gehört. Erst vor wenigen Wochen habe ich das unwiderruflich letzte Exemplar der Vinyl LP verkauft. Für Uneingeweihte: die LP erschien 1994 auf Twang! Records. Was hat sich alles verändert, seit die Grip Weeds damals im Herbst 94 mit den Lemonbabies 14 Tage durch Deutschland tourten. Die Lemonbabies sind erwachsen geworden und machen – zumindest gemeinsam – keine Musik mehr. Die Grip Weeds aber gibt es nach wie vor. Sie haben inzwischen drei weitere großartige Alben veröffentlicht, von denen zumindest eines (The Sound Is In You) auch als Doppel-LP auf Twang! erhältlich ist. Nun haben Kristin, Kurt und Rick die alten originalen Mehrspurbänder ihres ersten Albums wieder hervorgeholt und sie neu abgemischt. Das Ergebnis ist auf einer CD zu hören, die erfreulicherweise nicht schlechter klingt als die Vinylversion von 1994. Sehr behutsam und kompetent wurden Balancen verändert, Instrumente und Gesangsspuren deutlicher getrennt und dadurch klarer und zum Teil erst hörbar gemacht. Ich weiß, man kann da so seine Zweifel haben, ob das immer der Sache dienlich ist. Hier jedoch gingen genau dieselben Leute zu Werke, die damals die Musik komponiert, gespielt und die Aufnahmen durchgeführt haben. „House of Vibes“, das ist ja nicht nur der Titel des Albums, es ist auch der Name des bandeigenen Studios, in dem alle ihre Platten entstanden. Mick Hargrave, der damalige Bassist der Band, wurde ebenso konsultiert, wie auch diverse Demos und Live Mitschnitte aus der Zeit des ersten Grip Weeds Albums hinzugezogen wurden. Einige dieser Aufnahmen sind als Bonus auf dem CD Re-Issue gelandet zusammen mit Interviews von damals. Auch einige zusätzliche Infos, Photos und Videos findet man auf der CD, wenn man sie über einen PC startet. Insofern ist dieses Re-Issue sowieso ein Leckerbissen für Fans der Band, aber auch für jeden, der ein Faible für diese großartige Mischung aus Powerpop, Folkrock und Sixties Psychedelia hat. „House of Vibes“ ist eben nach wie vor auch ein wunderbares Album, eines der besten des Jahres 1994. Eine Neuauflage des Vinyls wäre sicher eine feine Sache. Ich befürchte jedoch, dass die Nachfrage nicht ausreicht, die Kosten zu decken. So kann ich also nur empfehlen, nach dem Vinyl Original zu fahnden, was nicht leicht sein wird. Wer diese tolle Platte besitzt, verkauft sie nicht. Die zweitbeste Empfehlung ist jedoch das CD Re-Issue hier. Musikalisch und klanglich so gut wie makellos. *****

Various Artists – Lost Illusions Vol. 1 + 2 (LP, B-Sharp 666 / 3 bzw. 6)

Lost Illusions 1Lost Illusions 2Im Untertitel dieser beiden LPs heißt es „Ultimate German Garage Punk 1965 – 1967“. Das ist gar nicht mal falsch. Über das „ultimativ“ kann man natürlich immer streiten. Aber die Auswahl ist doch überraschend gut, und es sind so gut wie keine Tracks dabei, die schon in gleicher Soundqualität auf Samplern zu hören waren. Etliche der Bands und Tracks waren mir sogar bisher gänzlich unbekannt. Und selbst Hans Jürgen Klitschs Jahrhundertwerk „Shakin’ All Over“ kann mir da kaum weiterhelfen. Insofern also eine sehr lohnende Sache diese beiden Platten. Auf der ersten LP sind The Chatles, Cavedwellers, The Slaves (aus Österreich), The Beethovens, The Shaggys, The Cool Stove, Jonah & The Whales, The Vanguards, The Uniteds und The Subjects vertreten. Bei Teil 2 hören wir The Strangers, noch mal The Slaves und The Vanguards, The Ghools (aus der Schweiz), The Desperates, The Strings, Lord Crazy, The Jets, The Black Shadows und The High Spirits. Die Musik ist größtenteils erstaunlich hörenswert. Will sagen, es überwiegen die kompositorisch eigenständigen Songs neben sehr gelungenen Coverversionen. Soundmäßig orientieren sich die meisten Bands natürlich an britischen Vorbildern der Ära. Aber hier und da kommt sogar Nuggets oder Pebbles Feeling auf, wenn ihr versteht, was ich damit sagen will. Mit anderen Worten, kaum einer Band merkt man den Ursprung im deutschsprachigen Raum an. Jedenfalls nicht musikalisch. Beim Gesang und bei den Texten darf man im Zweifelsfall nicht so genau hinhören. Die Liner Notes sind in einem Pidgin English verfasst, das jeder Beschreibung spottet. Sie sind auch nur marginal informativ. Kaum erfährt man die Herkunft der Bands. Dafür prahlt der anonyme Verfasser ständig damit, wie teuer die Singles doch sind, die den beiden Samplern zugrunde liegen. Im Übrigen scheint er zu der Sorte Sammler zu gehören, für die spätestens 1968 die Entwicklung der Popmusik beendet war. Anders sind seine Ausfälle gegen Hippies und jede Form von musikalisch wie kommerziell erfolgreicheren Genres nicht zu verstehen. Aber egal. Die beiden LPs sind für den Freund deutscher Beatmusik im Besonderen und Sixties Garage Beat im Allgemeinen sicher empfehlenswert. Durchschnittlich ***1/2 für beide LPs. Man bekommt sie bei den einschlägigen Mail Ordern.

Various Artists – Finnish Nuggets Vol. 1 + 2 (CD, Privatpressung, Finnish Nuggetswww.garagepunk.com/forums/index.php)

Eine wundervolle und sehr lohnende Entdeckung machte ich kürzlich im Internet, als ich auf der Suche nach finnischen Singles aus den Sixties war. Das hier ist die bislang vollständigste und vor allem kundigste und sinnvollste Compilation von Sixties Beat aus Finnland. Der einzige aber große Nachteil, das sei gleich gesagt, sie ist offiziell noch gar nicht erschienen. Man findet das Booklet und die sehr ausführlichen und sachkundigen Liner Notes inklusive zahlreicher Fotos und Faksimiles bisher nur im Internet im oben genannten Garage Punk Forum. Um daran zu kommen, muss man sich registrieren. Und die Musik, verteilt auf zwei respektive drei CDs muss man sich kopieren lassen von einem anderen Forumsmitglied. Offiziell soll das Ganze in Finnland als 3CD Box erscheinen. Wann das geschieht, steht in den Sternen. Und so recht glaube ich auch nicht daran. Zu groß sind die Hürden der Lizensierung und der Klärung der Rechte. Ein finnischer Plattensammler und Musikliebhaber hat die Singles zusammengetragen und die Liner Notes verfasst und gestaltet. Das ist schon insofern eine großartige Leistung, als es in Finnland noch viel kleinere Auflagen gab in den Sixties als anderswo und viele der hier präsentierten Singles praktisch nur einmal im Leben eines Sammlers auftauchen. Es ist aber auch – nicht nur für den Finnland Fan – eine wahnsinnig interessante Zusammenstellung. Viele der Bands kennt man sogar in Finnland kaum noch. Für den Garage Beat Fan ist diese Compilation eine wahre Fundgrube. Selbst ich, der ich mich seit rund 25 Jahren mit finnischer Pop- und Rockmusik beschäftige, hätte es nicht für möglich gehalten, dass so ein umfangreicher und qualitativ hochwertiger Sampler zustande kommt. Etliche der Tracks und Bands höre ich hier auch zum ersten Mal. Aber genug des allgemeinen Lobes. Gehen wir ins Detail; wenigstens partiell. Die Compilation beginnt mit „Cadillac“ von The Renegades. Und diese urenglische R&B Band aus Birmingham taucht dann auch noch ganze drei mal auf im Verlauf der dreistündigen Zusammenstellung. Früher hab’ ich immer den Kopf geschüttelt über die Vereinnahmung der Band durch die finnischen Medien und Fans. Allerdings muss ich zugeben, dass die Sache schon eine gewisse Berechtigung hat. The Renegades lebten über zwei Jahre in Finnland, feierten dort ihre größten Erfolge, und vor allem, sie nahmen alle hier kompilierten Singles in Finnland auf. Neben The Renegades tauchen übrigens noch The Andicaps ebenfalls aus Birmingham auf, sowie The Kirkbys aus Liverpool, die auch einige Zeit in Finnland lebten und dort zwei exklusive Singles aufnahmen. Und ziemlich am Ende des Samplers treffen wir auf eine Band aus der damaligen CSSR, die auch exklusive Aufnahmen in einem Studio in Helsinki einspielte. Praktisch alle damals in Finnland erfolgreichen einheimischen Bands sind mit ihren besten bzw. dem Garage Beat am ehesten zuzurechnenden Tracks vertreten. Darüberhinaus wurden nicht zu viele Tracks ausgewählt, die bereits auf finnischen Sixties Samplern erschienen sind. Ausgenommen natürlich solche, deren genrespezifischer Klassikerstatus sie für diesen Überblick unverzichtbar machen. Wir hören also Topmost, Jormas, Eero & Jussi with The Boys, Jim & The Beatmakers, The Islanders (mit verschiedenen Sängern), Eddy & The Lightnings, Cay & The Scaffolds, The First, Blues Section, The Sounds, The Esquires, New Joys, Ernos, sowie einige wirklich hervorragende aber leider kommerziell wenig erfolgreiche Bands, die es dennoch zu einer oder zwei Singles gebracht haben wie etwa Buddy & The Wiremen, The Needles, The Hitch Hikers, The Five Comets, The Roosters, The Victors und neben einigen weiteren gar eine Band aus dem höchsten Norden (ganz in der Nähe des Ortes, in dem „Populärmusik aus Vittula“ spielt) The Rondo Four. Wie ich schon sagte, es gibt kaum Ausfälle in diesen drei Stunden. Von primitiven Rock’n’Roll Adaptionen bis zu beinahe schon psychedelischem Garage Pop ist alles dabei, was auch im UK, in den USA oder sonst in der Welt zwischen 1963 und 1968 gespielt wurde und im weitesten Sinn Beatmusik genannt werden kann. Vieles davon kann man heute auch als Freakbeat bezeichnen. Meine Favoriten sind so zahlreich, ich kann sie hier gar nicht alle auflisten. Neben den Tracks der Blues Section und von Jormas sind das vor allem The Needles, The Roosters, „Kevät“ von den New Joys, „Beat The Clock“ von The Islanders, „Meditation“ von The Hitch Hikers und „Harha“ von Ernos. Vielleicht komprimiere ich die Auswahl bei Gelegenheit mal auf eine CD für Interessierte. Alles in allem durchschnittlich ***1/2, einzelne Tracks aber auch **** oder ****1/2.

 

Various Artists – Land Of 1000 Dances (LP, Beat Road Records)

 

Diese Compilation dagegen ist ein Beispiel dafür, wie man es eher nicht machen sollte. Eine „offizielle“ Veröffentlichung ist es wahrscheinlich auch nicht, obwohl die Liner Notes mit der Unterschrift des in Finnland recht prominenten Produzenten und Toningenieurs Mika Jussila versuchen, einen solchen Eindruck zu erwecken. Einziger positiver Aspekt, es handelt sich um Vinyl. Und ja, ok, falls jemand überhaupt noch nichts aus Finnland aus den Sixties kennt, ist dieser Sampler ein ganz ordentlicher Einstieg. Ein paar wirklich gute Nummern sind dabei. Neben den unvermeidlichen Renegades lohnen sich die Tracks von Jormas und The Needles. Jim & The Beatmakers sind ok. Der Rest hätte nicht unbedingt sein müssen oder macht mehr Sinn im Rahmen eines umfassenden Überblicks, wie ihn die oben besprochene Zusammenstellung liefert. Daher gibt es hierfür nur **1/2

 

Various Artists – Psychedelic Phinland (2CD, Love Records, www.lovemusic.fi)

 

Psychdelic PhinlandDas hier ist nun wirklich nur was für absolute Finnland Fans oder Komplettisten. Es sind zwar einige Tracks dabei, die man im weitesten Sinn auch psychedelisch nennen kann, das meiste ist aber eben das, was der Untertitel der Compilation sagt: Finnish Hippie & Underground Music 1967 – 1974. Man ist sogar nicht mal davor zurück geschreckt, zweifelhafte Comedy Nummern aus den späten 60ern in finnischer Sprache einzufügen. Viele der Tracks hier gehören zum Schrägsten und Verschrobensten, was die finnische Popkultur damals hervorgebracht hat. Die wirklich guten Sachen von Blues Section, Wigwam, Hector, Suomen Talvisota und Apollo sind bereits in anderen Zusammenhängen zur Genüge wiederveröffentlicht. Vor allem die auf der zweiten CD versammelten Aufnahmen sind vielleicht von musiksoziologischem Interesse, einen Musikgenuss vermitteln sie schwerlich. Manches erinnert an den Krautrock der frühen 70er, das Meiste ist ziemlich dilettantisch und auch nicht anders als die Mitschnitte aus unserem Jugendkeller im Gemeindehaus aus den Jahren 1971-74. Auf der ersten CD finden sich schon ein paar ganz interessante Sachen. Alle jedoch Finnisch gesungen und musikalisch von einer Bandbreite, die von minimalem Rock’n’Roll oder Folk über Westcoast Adaptionen bis zu Free Form Improvisationen reicht. Überhaupt sind es wohl vor allem die Texte, die hier psychedelisch genannt werden können. Ich weiß wirklich nicht, wen dieser Sampler erreichen will, außer wie gesagt ein paar Soziologen und Historiker. Und die sollten des Finnischen mächtig sein. ** 

Nylon 66’ers – Yeah Yeah Yeah! It Was 40 Years Ago (CD, Stupido Records, www.nylon66ers.net)Nylon 66'ers

Die spinnen, die Finnen! Diesen Ausruf, halb Entsetzen halb Bewunderung, habe ich schon oft gehört in den vergangenen rund 30 Jahren, seit ich mich mit finnischer Rock- und Popmusik beschäftige. Und diese Band aus Helsinki gab und gibt regelmäßig Anlass für derartige Ausrufe. Fünf Herren aus Helsinki, in Blümchenhemden und hinter Sonnenbrillen verborgen, brachten schon vor rund 15 Jahren eigentümliche Lounge und Bossa Nova Versionen bekannter Rock Hits zum Vortrage, als solches Tun noch nicht en vogue und durch Zeitgeist Magazine empfohlen war. Und natürlich kam es ihnen auch nicht auf die gepflegte Unterhaltung und Durchhörbarkeit an. Ihre Platten würden die Kunden der Berliner Szene Frisöre und Cafés auch heute eher verstören als sanft umschmeicheln. Denn auch wenn auf den ersten Blick die Zutaten stimmen, von der Dr. Böhm Orgel über das gediegene Saxophon bis zu sauber gespielten Gitarren und allerlei angenehmer Perkussion, die Jungs überraschen immer mal mit einem unerwarteten Schlenker, einer garstigen Wendung. Die vorliegende Doppel-CD ist ein Zwitter. CD 1 bietet Neuaufnahmen bekannter Evergreens von „The Last Of The Secret Agents“ über „The Good, The Bad And The Ugly“ bis zu „Sunny Afternoon“. Allesamt auch in diesen Versionen bisher ungehört. Auf der zweiten CD sind 20 Tracks aus dem Backprogramm der Kapelle versammelt. Tracks, die Anfang der 90er Jahre bereits auf Vinyl erhältlich waren. Im direkten Vergleich stelle ich fest, die Jungs haben schon ein bisschen ihrer Subversivität eingebüßt. Die neuen Sachen klingen zwar ganz erfrischend aber längst nicht so frech wie das ältere Material. Tracks wie die Bossa Nova Version von „Holiday In Cambodia“, die minimal Elektropop Fassung von „Whole Lotta Love“ und andere Knaller bleiben unerreicht. ***

The Early Hours – Lights, Guitars, Action! (CD, Off The Hip Records, www.offthehip.com.au)

The Early HoursMensch, das ist nun auch schon wieder über zehn Jahre her! Vier Jungs aus Perth, Western Australia, räumten ab bei der Beat-O-Mania 1996 in München. In Berlin folgten ihnen die Groupies bis in die Jugendherberge nach Hohenschönhausen. Ihre Debüt LP (natürlich auf Twang!) brachte einen Ohrwurm nach dem anderen. Garage Pop erster Güte! „She’s A Gogo“, „Big Star“, „Dialled Off Her Mind“, „Two Girls“, „Baby“, „Groovy Kind Of Girl“ usw. usf. Ein Powerpop Teen Punk Heuler nach dem anderen! Ein zweites Album erschien bei Phantom Records und war nur ein wenig mehr sophisticated. In Europa waren sie bekannter und beliebter als in ihrer Heimat. Vor allem in Spanien und Frankreich wurden sie wie Stars gefeiert. Alle 27 Tracks, die während ihrer kurzen aber intensiven Karriere entstanden, sind nun auf dieser Compilation versammelt. Die Originale sind lange vergriffen. Hier ist Eure zweite Chance! ****

Fenton Weills – Viva Villa (CD, Jellyfant, www.jellyfant.com)

Viva VillaIch habe diese Platte sogar noch als original Vinyl LP von 1987 im Schrank. Nun gibt es den ersten und eigentlich einzigen Longplayer der Band aus Altena im Sauerland auch als CD. Natürlich mit etlichen Bonustracks. Wie ich im der Scheibe beiliegenden Info lese spielen die Jungs immer noch ab und zu live. Aber der Reihe nach. Gegründet wurden Fenton Weills (benannt nach einer englischen Elektrogitarre) Anfang der Achtziger Jahre eben in Altena (in der Nähe von Hagen) von ein paar Oberschülern, die zwischen ndW und britischem Indie Pop (Stichworte C86, Sarah, Postcard, TV Personalities) sozialisiert wurden. 1985 erschien ihre erste Single, noch mit Gesang. Die ist hier auch als Bonus vertreten. Dirk Rudolph, der später als Fotograf, Grafiker und Gestalter von Plattencovern Karriere machen sollte, sang seine selbst verfassten deutschen Texte. Orange Juice auf Deutsch. Sehr hübsch und typisch für die Zeit, leicht verplant und ungelenk, aber gerade deshalb sehr sympathisch. Die Originalbänder sind verschollen. Deshalb wurde von der Vinyl Single gemastert. Bei „Allein Zuhaus“ hört man das auch am leisen Britzeln im Hintergrund. Dirk verließ die Band nach der Single, um sich eben künftig nur noch ums Visuelle zu kümmern. Fenton Weills wurden dadurch zur Instrumentalcombo. Nicht mal die schlechteste Entscheidung. Die Aufnahmen zur LP entstanden an drei Tagen im Verlauf von zwei Jahren. Neben Instro Klassikern wie „Hawaii Five-O“, „Peter Gunn“ und „Jack The Ripper“ gibt es sehr schöne eigene Kompositionen in ähnlichem Stil. Aus dem Rahmen fällt allerdings das gut 20-minütige „Jeden Tag neue Angst“, das in einer nächtlichen Jam Session entstand und wie Velvet Underground meets Krautrock klingt. Abgerundet wird diese Wiederveröffentlichung durch zwei Tracks aus einem Live Mitschnitt von den Berlin Independence Days 1988. U.a. wird die Beat Club Titelmelodie „A Touch Of Velvet“ ziemlich eigenwillig gecovert. Was auf den Klampfen nicht gelingt, wird mit der Stimme kopiert. Die Gitarrensounds hier sind insgesamt schon ziemlich klasse. Und Francisco Torres und Matthias Gülicher sind nicht nur versierte Spieler, sie verstehen es auch, ihre diversen Effekt- und Hallgeräte ausgesprochen innovativ einzusetzen. ***1/2

Dom Mariani – Shell Collection (Outtakes And Rarities 1988-2006) (CD, Off The Hip, www.offthehip.com.au)

Wer sich ein bisschen mit der australischen Underground Pop und Rock Szene der vergangenen 20 Jahre auskennt, dem ist Dom Mariani mit Sicherheit ein Begriff. Federführend war er u.a. bei The Stems, The Someloves und nicht zuletzt DM3. Hier werden nun einige rare Aufnahmen von seinen Songs sowie ausgesuchte und ebenfalls längst vergriffene Coverversionen, die unter seiner Mitwirkung entstanden, kompiliert. Es sind im Wesentlichen Dom Mariani Solo Veröffentlichungen bzw. Aufnahmen der DM3, die als 7“45s oder auf Tribute Samplern erschienen. Zwei bislang gänzlich unveröffentlichte Tracks sind auch dabei. Für den Fall, dass du geneigter Leser wirklich nicht weißt, was dich hier erwartet, mach dich gefasst auf feinsten Power Pop, jangly Gitarren, klassische Hooks und Riffs, sowie großartige Melodien. Ein paar „instant classics“, wie man so schön sagt, sind auch dabei. „Real Friend“ etwa, das seinerzeit als 7“45 auf Pop The Balloon erschien. Oder „Snapshot“, ebenfalls bisher nur als 7“45 auf Freshwater Records erschienen. Auch „Fame“ von der Greasy Pieces EP von 1996 ist klasse! Bemerkenswert ist die wunderschöne Version von „Caroline, No“, die zuerst auf einem „Smiling Pets“ Tribute Album erschien. Warum diese Musik bis heute nur von Insidern gekannt und geschätzt wird, bleibt wohl eines der ungelösten Geheimnisse der Pop Musik. Besonders in Japan, Spanien und Frankreich, aber auch in den USA und sogar hierzulande gibt es einige wenige Freunde dieses Underground Pop. Denen sei diese Sammlung sehr ans Herz gelegt, selbst wenn sie einige der original 7“45s etc. schon haben. Dom Mariani hat übrigens auch eine eigene Internet Präsenz unter www.dommariani.com. Dort findet der Fan weitere wertvolle Informationen. Wie z.B. die, dass The Stems wieder in Originalbesetzung auftreten. Leider nur Down Under. Also nehmen wir einstweilen mit Doms Musik aus der Konserve vorlieb. Auch als Einstieg in die Welt des Power Pop Dom Marianis bestens geeignet! ****

Diee Soc’s – Diee Soc’s (12”EP, Eigenproduktion, www.hopp-etz.de)

Eine der chaotischsten aber auch wunderbarsten Garagen Rock Bands der jüngeren deutschen Rockgeschichte. In Fürth beheimatet sind Diee Soc’s. Allein schon dieser bescheuerte Bandname in dieser noch blöderen Schreibweise macht klar, dass den Jungs eigentlich nichts heilig ist. Ob es die Band noch gibt, kann ich so genau nicht sagen. Anfang der 1990er Jahre waren sie Lokalmatadoren in Franken und eine der wildesten Live Bands dort. Damals erschien eine 7“EP bei September Gurls Records. Diese 6-Track Platte hier entstand wohl viel später, allerdings auch nicht erst letztes Jahr. Da wurde sie jedenfalls veröffentlicht. Sound und Stil orientieren sich sehr an solchen Vorbildern wie Wayne Kramer (MC5) oder Andy Shernoff (The Dictators). Live hat das immer viel Spaß gemacht und jede Mende Adrenalin freigesetzt. Auf Platte fehlen mir ein bisschen wiedererkennbare Melodien. Aber der Lärm ist recht ordentlich konserviert. Vollkommen ohne Overdubs, wie das Cover verspricht. Ich kann mich gar nicht erinnern, dass der Fuchs (Herr Biel) so ein brachiales Organ hat. ***

Suzy & Los QuattroSuzy & Los Quattro – The Singles (LP/CD, Screaming Apple Records, www.screaming-apple.records.de)

Auch das hier ist eine Sammlung vergriffener 7“45s und EPs. Power Pop mit leicht punkiger Attitüde aus Barcelona. Dass die Spanier für diese Art von Musik etwas übrig haben, sagte ich ja bereits an anderer Stelle. Allein schon die Konstellation kraftvoller Pop Punk und sexy Sängerin drängt Vergleiche mit Blondie, mehr noch mit den Rezillos auf. Neben den wirklich guten eigenen Songs wie „Sweet Love“, „Freak Show“ u.a. sind es vor allem die klug gewählten Coverversionen, die diese Compilation hörenswert machen. „Delighted To See You“ aus der Feder des früheren Honeybus Gitarristen Pete Dello, das als 7“45 mit „He Could Be The One“ (Original Josie Cotton) gekoppelt erschien, eröffnet hier die zweite LP Seite auf’s Vortrefflichste. „I’m Not Glad To See You Go” erschien zuerst auf der EP „Bowery Electric“ die sowohl Joey wie Dee Dee Ramone gewidmet war. Hier ist ein etwas poppigerer Mix zu hören. Zwei weitere Cover und zugleich unter Mitwirkung des Autors TV Smith eingespielt sind „What If“ und „New Church“, die ursprünglich ebenfalls als Single erschienen. Den Abschluss bildet ein bei jüngeren Punk und Power Pop Fans offenbar recht beliebter Song von Twisted Sister „We’re Not Gonna Take It“. Eine rifflastige Hymne aller Outlaws und Unbotmäßigen. ***1/2

The Teen Appeal – Act (CD, Pop The Balloon / Wizzard In Vinyl, www.wizzard-in-vinyl.com)

Ein bisschen seltsam ist es ja schon. Da nennt sich ein japanisches Label Wizzard In Vinyl und bringt dann diese famose Sammlung von Aufnahmen des Power Pop Trios Teen Appeal aus dem französischen Grenoble nur als CD raus. Schade eigentlich. Im Prinzip ist es ja ein Co-Release. Wie auch immer, ein Teil der Tracks wurde schon mal vor gut 10 Jahren auf einer EP und einer Single veröffentlicht. Die Aufnahmen stammen alle aus den Jahren 1991-96. Und die Band gibt es schon seit 1997 leider nicht mehr. 12 Tracks sind hier versammelt. Alle von Emmanuel Bault, dem Sänger und Gitarristen der Band, geschrieben. Der Sound ist ziemlich kraftvoll und energisch, die Songs zumeist sehr catchy und eingängig. Vorbilder waren ohrenscheinlich The Plimsouls und andere US Power Pop Bands der späten 70er und 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Neben dem seinerzeit als 7“45 erschienenen „Girl“ ragen „Cecilia“, „She’s Gone Away“, „Possessive Love“ und „Summer Is Coming“ besonders aus einer soliden Songsammlung heraus. Gewidmet ist die Platte dem vor zwei Jahren plötzlich verstorbenen Pop The Balloon Gründer Gilles Raffier. Eine zeitlose schöne Power Pop Scheibe. ****

Le Beat BespokéV./A. – Le Beat Bespoké, Vol. 1 + 2 (LP/CD, Sanctuary / Circle Records, www.circlerecords.co.uk)

Diese beiden Sampler sind wirklich eine sehr schöne Entdeckung. Ich bin zufällig über irgendwelche Internet Links darauf gestoßen. Zusammengestellt von Rob Bailey, einem wie es scheint recht bekannten und erfolgreichen Neo-Mod DJ aus England, bieten beide Sammlungen einen wunderbaren Querschnitt durch die Pop Art und Mod Pop Sounds Europas um 1966-72 mit Schwerpunkt 69/70. Ständig auf der Suche nach tanzbaren groovy Tracks hat Rob Bailey die Flohmärkte des Kontinents abgegrast und dabei so manch obskure wie phänomenale Single aufgetan. So finden sich hier absolut verschärfte Aufnahmen von Danyel Gerrard, Marmalade, Ola & The Janglers, Plastic Penny, Howard Carpendale, Bonny St. Claire, Don Fardon, Knut Kiesewetter, Heidi Brühl, aber auch von (zumindest überregional) völlig unbekannt gebliebenen Bands und Künstlern aus dem UK ebenso wie aus Italien, Belgien, Frankreich, Holland, Spanien und Deutschland. Manchmal werden bekannte Soul oder Beat Hits auf besondere Art gecovert. Oft sind es aber auch ganz famose Originalkompositionen, die nur nicht genug Aufmerksamkeit bekamen zur Zeit ihres Erscheinens. In die Beine geht hier wirklich jeder Track! Und die Sounds sind oft so überraschend catchy und groovy, dass man vor lauter Begeisterung kaum zur Ruhe kommt. Die Liner Notes sind sehr informativ und die Gestaltung ist aufwändig und geschmackvoll. Eigentlich sollte man die jeweilige LP kaufen. Allerdings enthalten die CDs ein paar Tracks mehr. Ganz nebenbei wird auch noch die wirklich sehr informative und aufschlussreiche Website für Mod Kultur www.newuntouchables.com empfohlen. Eine Empfehlung, der ich mich nur anschließen kann. Beide Sampler ****

V./A. – Declaration Of Fuzz (CD, Glitterhouse Records / Indigo, www.glitterhouse.com)

Declaration of FuzzKinder wie die Zeit vergeht! 20 Jahre ist das nun auch schon wieder her, dass sich die Jungs vom Glitterhouse Fanzine zu Label Betreibern mauserten. Während man heute mit Glitterhouse Roots Rock, Americana und ein jährliches Open Air in Beverungen verbindet, gehörten Reinhold und Rembert Mitte der 80er Jahre zu den Chronisten und Wegbereitern einer Neo Garage Rock Szene in Deutschland und darüber hinaus. „Declaration Of Fuzz“ nannten sie etwas großspurig ihre erste LP Veröffentlichung, die einige der spannendsten und aufregendsten Bands der weltweiten Neo-Sixties Bewegung präsentierte. An manche Namen erinnern wir uns sogar noch. The Cynics aus Pittsburgh (PA) sind immer noch aktiv, Sick Rose aus Italien inzwischen wieder. The Stomach Mouths und Crimson Shadows aus Schweden gehörten ebenso zur Avantgarde des Eighties Garage Punk wie The Stepford Husbands und die Miracle Workers aus den Staaten, oder The Otherside aus Holland. Andere sind völlig zu Unrecht fast vergessen. Die punkigen Boys From Nowhere etwa, oder The Not Quite und Mystic Eyes. Running Stream aus Wien blieben immer Geheimtipp. Und aus Green Telescope wurden sehr bald The Thanes, die erst kürzlich wieder im Lovelite begeisterten. The Broken Jug avancierten schnell zur deutschen Glitterhouse Band Nummer Eins. Entwickelten sich aber bald in Richtung Metal und schafften auch nie den großen Durchbruch. Wenn man diesen Sampler heute hört, kommen einerseits so Erinnerungen hoch an Aufbruch und Aufregung, durchtanzte und durchzechte Nächte in kleinen Clubs und Kellern, eine Spontanietät und Unmittelbarkeit, die man heute oft vermisst. Andererseits hört man, dass die vielfach sehr tolle und authentische Musik damals oft noch sehr roh und rau klang. Es wurde eben nur mit bescheidenen Mitteln produziert. Das machte einen Teil des Reizes aus. Heute ist so etwas kaum noch möglich. Selbst die jüngsten und primitivsten „The“ Bands klingen auf ihren ersten Demos und Singles schon sehr voluminös und abgezockt. Zum Glück gibt es immer noch eine „Szene“. Und der Zustrom an jungen Nachwuchstänzern und Musikern scheint auch nicht zu versiegen. ***1/2

Ein Herz aus SteinDiverse – Ein Herz aus Stein, Rolling Stones Songs auf deutsch (CD, Bear Family, www.bear-family.de)

Im Gegensatz zu den Beatles wurden die Stones von fremdsprachigen Coverversionen eher verschont. Aber natürlich hat das Team von Bear Family immer noch genügend Perlen und Peinlichkeiten in den Archiven deutscher Schallplattenfirmen entdeckt, um einen gut 80-minütigen Sampler zu füllen. Mit dabei ist das schon fast legendäre „Rot und Schwarz“ (Paint it Black) von Karel Gott oder auch das bei Sixties Parties immer mal gerne zur Abwechslung aufgelegte „Ich frag’ dich noch einmal“ (The Last Time) von den wirklich guten Black Stars aus Bremerhaven. Dieselbe Melodie wird gleich noch zweimal als „Das kann doch nicht wahr sein“ präsentiert. Wobei die DDR Version der Theo Schumann Combo vor Holger Thomas aus Wilhelmshaven klar nach Punkten gewinnt. Weitere Highlights – und das meine ich ganz frei von Ironie – sind The Tonics mit „Ein Mädchen in der Stadt“ (That Girl Belongs To Yesterday, von Jagger / Richards für Gene Pitney geschrieben), Drafi Deutscher und „Es ist besser du gehst“ (You Better Move On) und Ulla Meinecke mit „Die Zeit wartet auf niemand“ (Time Waits For No One). Kuriositätenwert haben Bernd Apitz mit „Baby, du kommst viel zu spät“ (Out Of Time) oder die österreichische Seventies Band Magic mit „Feuerreiter“ (I Am Waiting). Der Rest ist mehr oder weniger peinlich bis ärgerlich. Aber natürlich sollte man diese Versionen in keinem Fall an den Originalen messen. Man kann jedenfalls sehr schön überzeugte Stones Fans auf der Halloween oder Sylvester Party mit diesem Sampler erschrecken. Und wer die anderen Bear Family Sammlungen mit deutschen Versionen angloamerikanischer Hits goutierte, wird auch hier Spaß und Freude haben. Die Linernotes von Bernd Matheja sind gewohnt volkstümlich und jovial. Und um noch ein bisschen Namedropping zu betreiben, Frank Farian, Udo Lindenberg, Juliane Werding, Jürgen Zeltinger, Trude Herr & Wolfgang Niedecken sind auch vertreten. Die Illustrationen im Booklet und das Cover wurden übrigens von Reinhard Kleist gezeichnet, der ja gerade seine Comic Biographie zu Johnny Cash veröffentlicht hat. Eine Wertung für diese Zusammenstellung ist nicht wirklich möglich.

Karkkiautomaatti – Kaikilla (2CD, Stupido Records, s.u.)

Richtiger unbedarfter dreister Indie Pop aus Finnland. Der Bandname bedeutet Süßigkeiten Automat. Und so ungefähr haut das sogar hin bei dieser Combo. Freche, süße, flotte und liebevolle Pop Perlen sind alle 59 Tracks auf dieser Doppel CD. Das Gesamtwerk der Band, die in Lahti am 18.3. 1993 das Licht der Welt erblickte und meist aus drei Musikern bestand. Nicht-Finnen bzw. Menschen, die des Finnischen nicht mächtig sind, haben hier natürlich ein kleines Verständnisproblem. Doch wirkt die Musik auch ganz gut ohne inhaltlichen Bezug. Schönster Schrammelpop ist das zwischen TV Personalties und The Wedding Present. Und ich versichere dem geneigten Leser, der interessierten Leserin, dass die Jungs auch nur über hinreissende Mädels, schüchterne Knaben, Pubertätsgeschichten eben singen. Und dann gibt es da noch die eine oder andere Auseinandersetzung mit dem Medium Rock’n’Roll. Im Song Modesty Blaise geht es um – ihr werdet es erraten – Modesty Blaise. Manchmal klingen die Jungs ganz schön punky. Und dann wieder – vor allem in ihrem Spätwerk – entwickeln sie eine folkloristische Ader, ein romantischer Zug klingt da durch. Ziemlich verschroben zu-weilen. Wie weiland The Incredible String Band. Aber auch moderner Elektronika nicht abhold. Pekka Laine (von Poverty Stinks) hat einige Tracks produziert. 1998 erschien die letzte Platte der Band, die da inzwischen in Helsinki residierte. Und im August des Jahres traten sie auch zum letzten Mal live auf. In Finnland hatten sie eine ganze Reihe Fans und etliche Underground Hits. Wer britischen Indie Pop der 80er mag und mit ungewohnten Sprachen kein Problem hat, dem oder der wird die Musik von Karkkiautomaatti gefallen. ***1/2

Shadowplay – Morgue (3CD, Stupido, www.stupido.fi)

Noch ein Gesamtwerk einer Band aus Finnland. Shadowplay aus Helsinki hatten ihren ersten Gig im Mai 1983. Brandi Ifgray, Sänger und Pianist, war ursprünglich Punk. Aber für Punk Rock war und ist der schmächtige schüchterne Bursche viel zu sensibel. Seine Songs drehen sich um Nachtgestalten, Einzelgänger, Ruhelose, sehnsüchtige, verlorene Seelen. Die dunkle Seite des MorgueLebens. Meistens jedenfalls. Der Bandname deutet es bereits an, Joy Division ist Vorbild und Einfluss in mancher Hinsicht. Aber die Zusammensetzung der Band bedeutet auch eine starke Affinität zu Bar Jazz einerseits und sogar Power Pop und Glam Rock hin und wieder. Nach einer formidablen Debüt Single 1985 und einem 12“ mini Album, das aufhorchen ließ, kam 1988 die LP Touch & Glow, die den britischen Melody Maker zu einem Rave Review veranlasste. Die Band tourte durch halb Europa und lieferte u.a. in Berlin einen erinnerungswürdigen, eindrucksvollen Gig ab. Trotz relativ guter Aussichten löste sich die Band Anfang der 90er mehr oder weniger auf. Zumindest passierte ein paar Jahre gar nichts. 1993 erschien das Comeback Album Eggs & Pop, eine Platte, die zwischen The Jesus And Mary Chain und dem Psych Pop der Only Ones jonglierte, dabei aber erstaunlich positiv und freundlich klingt. Für Shadowplay Verhältnisse jedenfalls. Ausgerechnet auf dieser LP findet sich mit Colourblind ein Cover der Pop Group. Sehr gelungen übrigens und sehr – wie soll ich sagen – stimmungsvoll. 1997 erschien – nach einigen Umbesetzungen – das bislang letzte Album der Band Raw Powder. Wieder etwas düsterer und rockiger denn je. Natürlich im Rahmen dessen, was bei dieser phantastischen Band unter Rock zu verstehen ist. Das erinnert dann doch mitunter an The Cure oder sogar Lou Reed. Auf drei CDs hat die Band nun ihr Gesamtwerk wiederveröffentlicht. Etliche bisher unveröffentlichte Live Tracks sind auch dabei. Zur Zeit arbeiten Brandi Ifgray und seine Mitmusiker an neuem Material. ****

V.A. – Girl Group Sounds Lost And Found (4-CD Box, Rhino Records, www.rhino.com)

Der Markt der Wiederveröffentlichungen boomt nach wie vor. Auf die grandiose Children of Nuggets Box bin ich ja in GG 111 bereits ausführlich eingegangen. Auch die ebenfalls bei Rhino Records erschiene 4CD Box Girl Group Sounds Lost And Found kann ohne Einschränkungen empfohlen werden.  Der Begriff „Girl Group“ wird hier allerdings lediglich als Aufhänger benutzt, einen bestimmten Sound, eine bestimmte Art von Popmusik der Sixties, vorzustellen, zu rekapitulieren. Gemeinsam sind allen hier versammelten Tracks die weiblichen Lead Vocals. Von typischen Girl Groups der frühen 60er wie den Velvettes, Chiffons, Shirelles, Shangri-las, Ronettes über weibliche Soul Stars wie Irma Thomas, The Supremes, The Marvelettes bis zu so bekannten Solo Sängerinnen wie Connie Francis, Dusty Springfield, Carole King, Lesley Gore, Jackie DeShannon, Dolly Parton, Petula Clark u.v.a. gibt es viel zu entdecken. Meist sind selbst von den bekannten Künstlerinnen eher frühe und weniger erfolgreiche Werke gewählt worden. Dazu kommen dann noch zahlreiche Girl Groups und Sängerinnen, die heutzutage nur noch Insidern ein Begriff sind wie etwa Reparata & The Delrons, The Pussycats, Twiggy, The Whyte Boots u.a. Ja manche waren schon damals durchaus obskur. Insgesamt 120 Tracks in bester restaurierter Soundqualität. Die Aufmachung ist auch wieder typisch Rhino. Die Box hat die Form einer Hutschachtel in der die vier Digipaks als Schminkspiegel oder Puderdose daherkommen und das umfangreiche Booklet in Form eines Tagebuchs. Sehr hübsch. ****

 

Spring – Spring (DoLP, Akarma)

 

SpringAuch auf dem Vinyl Sektor wird fleißig wiederveröffentlicht. Aus der Vielzahl hochwertiger und liebevoll gemachter Re-issues möchte ich eine LP herausgreifen, die mich heute wie vor 35 Jahren restlos begeistert. Im Winter 1970/71 nahm eine weithin unbekannte Gruppe junger britischer Rockmusiker im damals noch nicht legendären Rockfield Studio in Wales sowie im Trident Studio London eine LP auf, die zu den schlüssigsten und gelungensten der gerade aufkommenden so genannten progressiven Underground Rock Szene gehört. Die Band nannte sich Spring. Ihre Musik ist romantisch, melancholisch mit einem gewissen Hang zu Theatralik, ohne dabei ins Bombastische abzudriften. Die Musik, die Songs sind wahrscheinlich von historisierender Fantasy Literatur inspiriert. Tolkien, King Arthur, der Heilige Gral. All dies spielt – zum Teil unausgesprochen – eine Rolle in den Texten der Songs. Aber durchaus reale Erfahrungen dürften ihre Wirkung genauso wenig verfehlt haben. Ein deutlicher Pazifismus spricht aus einigen Texten. Die Musik ist erfreulicherweise frei von überflüssigem Ballast wie mäandernden Keyboard oder Gitarren Clustern oder übertriebenen Verschachtelungen. Von rockig auf Blues Schemata basierend über elegische Passagen bis zu kurzen folky Tracks reicht die Bandbreite. Instrumentierung und Arrangement sind zeit-typisch. Neben Bass, Schlagzeug und elektrischen und akustischen Gitarren kommen Piano, Orgel und natürlich viel Mellotron zum Einsatz. Die Lead Vocals von Pat Moran sind unverwechselbar in ihrer klagenden leicht näselnden Art. Man sollte die LP eigentlich im Ganzen hören. Herausragende Tracks sind jedoch „Grail“, „Golden Fleece“ und „Gazing“. Wer unbedingt Vergleiche braucht, denke sich eine Mischung aus „In The Court Of The Crimson King“ und „Trespass“ von Genesis mit einem kräftigen Schuss Gitarren Blues Rock à la Cream. Das Label Akarma hat die Platte im originalen doppelt ausklappbaren Dreifachcover wiederveröffentlicht. Aus der LP ist eine Doppel-LP geworden, die zum Vorteil des Klangeindrucks die acht Tracks auf drei Seiten verteilt und auf Seite 4 noch drei bisher unveröffentlichte sehr gut ins Gesamtbild passende Aufnahmen hinzufügt. ****

Children of NuggetsV.A. – Children Of Nuggets (4-CD Box, Rhino Records, www.rhino.com)

Dies ist nun schon die dritte Nuggets Box. Während die erste Box eine ums Vielfache erweiterte Version der ursprünglichen Nuggets Doppel-LP aus dem Jahr 1972 war und die zweite einen Überblick verschaffte, was im Rest der Welt so los war in den Beat Clubs und Garagen der mittleren bis späten 60er Jahre, knüpft diese neue Compilation bei den unmittelbaren Auswirkungen der ersten legendären Nuggets Doppel-LP an. Diese Box umspannt einen ganz erstaunlichen Zeitraum von 1974 bis in die Mitte der 90er Jahre. Als ich die Trackliste zum ersten Mal im Internet sah, war ich zunächst skeptisch. Sicher, wichtige Namen waren dabei. Andere, die mir sofort in den Sinn kamen, fehlten jedoch. Auch die Auswahl der Tracks erschloss sich nur so aus der Auflistung von 100 Titeln nicht. Warum tauchten etliche Bands doppelt auf? Warum dieser Song und nicht jener? – Jetzt habe ich alle vier CDs einmal komplett angehört. Und was soll ich sagen? – Ich bin begeistert! Es macht alles Sinn. Das Sequencing, die Auswahl, die Liner Notes sowieso. Irgendwie liebe ich diese Box fast mehr als die beiden vorangegangenen. Das mag sicher auch daran liegen, dass ich die Zeit, die hier rekapituliert wird, die Szene, die hier dokumentiert ist, hautnah und ganz persönlich miterlebt und gelebt habe. Die meisten der kompilierten Tracks besitze ich im Original. Manche der Musiker kenne ich persönlich ganz gut. Diese Box bildet einen Teil meines eigenen Lebens, meiner musikalischen Erfahrung ab. Bei den Sixties Nuggets Compilations ist das nur mittelbar der Fall. Die dort versammelten Tracks kenne ich in ihrer Mehrheit ja erst durch spätere Recherche und Feldforschung. „Children Of Nuggets“ bietet eine unglaubliche Bandbreite. Vom Punk und Garage Rock DMZs über den bodenständigen R&B der Inmates oder der Godfathers bis zum Power Pop informierten Rock’n’Roll der Flamin’ Groovies oder der Nerves. Vom simplen Beat der Milkshakes über den Paisley Pop der Rain Parade bis zum Psychedelic Rock von Sun Dial oder The Dukes Of Stratosphear. Vom Surf Garage Sound der Untamed Youth oder der frühen Hoodoo Gurus über den Psych Punk der Soft Boys bis zu purem Beach Boys infizierten Pop bei den Wondermints. Kaum einer der compilierten Tracks war zu irgendeiner Zeit ein Hit. Die hier versammelten Bands dachten und denken auch nicht in solchen Kategorien. Über 25 Jahre lang die Musik zu spielen, die einem Spaß macht, die man liebt, das ist doch Lohn genug, wie es Peter Zaremba von The Fleshtones treffend formuliert. Jemand der in dieser Szene zuhause ist, kennt vermutlich jeden Track hier. Und doch gibt es die eine oder andere Überraschung. The Nashville Ramblers mit „The Trains“ ist für mich so eine. Eine großartige fast hymnische Power Pop Nummer aus San Francisco anno 1985, die „nur“ auf einer längst vergriffenen britischen Neo-Mod Compilation erschien. Wäre es eine Single gewesen, sie würde meine TOP 100 All Time Singles Liste gehörig durcheinander bringen. Das Booklet zur Box ist natürlich wie immer sehr umfangreich und kompetent. Alec Palao ist wieder der ausführende Produzent. Das Grußwort kommt von Little Steven van Zandt, der ja seit ein paar Jahren eine Underground Garage Radio Show mit großem Erfolg moderiert, die über die gesamten USA und darüber hinaus weltweit über das Internet und einzelne lokale Radiosender zu empfangen ist. Ein längeres Essay von Nigel Cross, dem Gründer und ersten Herausgeber des legendären Fanzines Bucketful Of Brains, führt in die Materie ein und gibt einen Vorgeschmack der schieren Magie, der Glückshormonausschüttung, die den Hörer erwartet. Und noch besser ist die Tatsache, dass es keine Probleme bereiten würde, weitere 100 Tracks der gleichen Güte von anderen Bands desselben musikalischen Universums zusammenzustellen. ****1/2

Briard – Miss World (CD, Johanna, www.lovemusic.fi)

Hanoi Rocks, die finnische Glam Punk und Sleaze Rock Band der frühen 80er, hat ja dieses Jahr ihr Comeback Album veröffentlicht. Zumindest beim Gig im Kato am Schlesischen Tor im Frühjahr war fast alles wie früher. Bizarre Gestalten, die seit Jahren kein Tageslicht mehr gesehen haben, bevölkerten den Laden. Die Band war ganz ok. Aber Andy McCoy war nur noch Statist. Ein völliges Wrack. Insider wissen jedoch, dass Hanoi Rocks nicht die erste Band von Antti Hulkko (Andy McCoy) ist. Im zarten Alter von 14 Jahren gründet er mit seinem 16-jährigen Buder Ilkka Hulkko (Jan Vincent) und dem ebenfalls gerade 16-jährigen Pete Malmi in Helsinki die Punk Combo Briard. 1976 war das. Drummer Seppo Vainio (Sid Vainio) kommt wenig später dazu. Ihre erste Single „I Really Hate Ya“ erscheint Ende 1977 und gilt als erste Punk Single Finnlands. Im Januar 1978 sollen Briard The Sex Pistols supporten, aber daraus wird nix, weil die Pistols keine Einreisevisa für Finnland bekommen. In dem Zusammenhang fällt auf, dass Petes Gesang bei einigen Tracks dem Johnny Rottens erstaunlich ähnlich ist. Wie er die Silben lang zieht und dann ausspuckt etwa bei „Philosophy“, das ist John Lydon pur. Die zweite 7“ der Jungs erscheint im Sommer 78 und markiert den Weggang Ilkkas, der zur Armee muss. Folglich heisst die A-Seite „Fuck The Army“. Die nächste Single ist ein Cover von „Chirpy Chirpy Cheep Cheep“. Eine etwas irritierende Wahl, auch wenn die Finnen den Hit von Middle Of The Road ganz schön verhackstücken. Die letzte Single der Originalbesetzung (minus Ilkka) „Rockin’ On The Beach“ erscheint im Sommer 79 und ist Ramones pur! An der Gitarre hilft hier bereits ein gewisser Jan Stenfors (Nasty Suicide) aus, mit dem Andy kurze Zeit später zu Hanoi Rocks wechselt. Briard gibt es nicht mehr. Pete Malmi veröffentlicht eine Solo LP, die mehr an Pubrock, Wreckless Eric und Nick Lowe erinnert. 1983 schafft es der etwas dubiose zeitweilige New Wave Guru und Möchtegern-Malcolm-McLaren Ralf Örn, die Band noch mal in Originalbesetzung ins Studio zu bringen und die LP „Miss World“ aufzunehmen. Neben neuen Versionen einiger 7“ Tracks werden auch ein paar bislang nicht auf Vinyl erschienene Briard Klassiker eingespielt. Die LP erweist sich allerdings mehr als ein Egotrip Andys, und da die Band auch nicht live auftritt, floppt das Ganze. Nun haben die Erben von Love Records das gesamte Material der Band Briard (ohne die Solo LP von Pete) zusammen mit ein paar Live Tracks von 1979/80 auf einer CD wiederveröffentlicht. Für Punk und Finnland Fans ein Muss.***

Evie Sands – Any Way That You Want Me (CD, Rev-Ola / Cherry Red, www.revola.co.uk)

Vor ein paar Monaten gab es im Leserforum des deutschen Rolling Stone eine Diskussion über verschiedene Versionen des Songs „Angel Of The Morning“, in den USA ein Top 10 Hit für Merilee Rush, in England und Deutschland aber auch in der Version von P.P. Arnold recht erfolgreich. Eine Diskutantin wies auf die allererste Aufnahme des Songs, quasi das Original, von Evie Sands hin. Produziert wurde diese Single vom Autor des Songs Chip Taylor. Evie Sands, geboren in Brooklyn, begann ihre Karriere als weiße R&B Sängerin Mitte der 60er Jahre. Ihre diversen Versuche standen unter einem schlechten Stern. Obwohl ihre Versionen späterer Hits wie „Take Me For A Little While“, „I Can’t Let Go“ und eben „Angel Of The Morning“ die ersten waren und zunächst reichlich Airplay bekamen, waren es dann doch die späteren Aufnahmen anderer Künstler, die zu Charterfolg gelangten. Sei es durch aggressivere Promotion oder schließlich wegen der Pleite ihres Labels Cameo Records. Mit Chip Taylor und Al Gorgoni (Autoren auch von „I Can’t Let Go“) arbeite Evie jedoch weiter zusammen. 1969 hatte sie dann einen kleineren Hit mit „Any Way That You Want Me“ aus der Feder Chip Taylors. Hier in Europa bekam man davon aber immer noch nichts mit. Hier hatten The Troggs den Hit bereits 1966 kurz nachdem sie bereits mit Chip Taylors „Wild Thing“ einen Riesenhit landeten. Unter Taylors und Gorgonis Leitung nahm Miss Sands dann auch eine LP auf, die 12 ruhige, gefühlvolle Balladen zwischen R&B und Folk versammelt. Evie hat eine schöne ausdrucksvolle Altstimme. Vom Opener „Crazy Annie“, der kleine Ausflüge nach Acid Land beinhaltet, über die Folkpop Ballade „I’ll Never Be Alone Again“ und den Titeltrack, der übrigens nicht mit der 7“ Version identisch ist, die uptempo Nummer „Take Me For A Little While“ und Buffy Saint-Maries „Until It’s Time For You To Go“ bis hin zu einer recht eigenartigen Version von James Taylors „Carolina In My Mind“ gibt es überwiegend angenehme, entspannte Musik für Erwachsene. Allerdings auch etwas unspektakulär und ohne wirkliche Höhepunkte. Das Re-issue des Albums enthält einen unveröffentlichten Track von 1968, aber leider nicht die frühen Singles der Blue Cat und Cameo Labels. ***

The SevensThe Sevens – Same (LP, Feathered Apple Records, PO Box 141, CH-4007 Basel, featheredapplerecords@balcab.ch)

Die wahrscheinlich wildeste, vor allem aber authentischste Sixties R&B Band der Schweiz war The Sevens aus Basel. Wie es sich für eine Schweizer Band gehört bestand die Combo aus französisch, italienisch und deutsch stämmigen Eingeborenen. Noch als Les Pirates waren sie eine phantastische Live Attraktion und eine großartige Rhythm & Blues Band. Orientierten sie sich doch eher an den frühen Kinks, den Animals und Them als den Beatles oder anderen mehr dem Pop verpflichteten Bands. Wie The Who nutzten sie die Möglichkeiten von Feedback und Verzerrung vor allem bei Konzerten besonders exzessiv. Und ähnlich wie The Pretty Things zählten die Basler Buben zu den lang-haarigsten Musikern jener Zeit. Im Sommer 1965 hatten sie ihre endgültige Besetzung gefunden. Wegen Verwechslungsgefahr mit einer Band The Pirats im nahen Frankreich, wählten die Jungs nun den Namen The Sevens, auch als Hommage an ihre bis dato beste Eigenkomposition „Seven“, die kurz darauf bei Layola Records als Single erschien. Die Single Session begeisterte ihren Produzenten Pitt Linder dermaßen, dass gleich noch eine ganze LP nachgeschoben wurde. Michel Bovay (bass, vocals), Pierre Äbischer (rhythm guitar, vocals), Pino Gasparini (lead guitar, vocals), Nando Gasparini (drums) und Markus Muggi Hungerbühler (organ, vocals) müssen auf der Bühne absolut großartig gewesen sein! Ihre eigenen Songs zählen mit zu den besten frühen Beat und R&B Nummern Mitteleuropas. Und hinter ihren britischen Vorbildern brauchen sie sich wirklich nicht zu verstecken. Einzig der Gesang wirkt manchmal etwas bemüht, insbesondere bei Them’s „I’m Gonna Dress In Black“. Dagegen klingt ihr eigenes „I’m Crying“ fast als käme es direkt aus dem Marquee Club in London oder einer Kaschemme in Newcastle. Die Orgel, aber auch die Gitarren sind ganz weit vorn, wenn es um wilden authentischen Sound geht. Klar, die Einflüsse der Animals und von Them sind schon recht deutlich. Aber das macht ja gerade die Begeisterung für diese Scheibe aus. Dass sie so original tönt wie sie tönt.

Damals wurde die LP nur regional in kleinen Stückzahlen vertrieben. Und so kann ein Originalexemplar in Topzustand schon mal an die 3000 US Dollar kosten. Vor einiger Zeit brachte das englische Re-Issue Label Akarma eine nicht authorisierte Neuauflage mit Bonustiteln heraus. Das Cover wurde lediglich abfotografiert und die Masterbänder standen natürlich auch nicht zur Verfügung. Die nun vorliegende LP wurde dagegen unter Mitwirkung der Band von den originalen Bändern neu gemastert. Für das Cover wurden originale Fotos verwendet. Zunächst auf 400 Stück limitiert mit beigefügtem Riesenposter ist die Platte wahrscheinlich schon bald vergriffen. Aber eine Nachauflage ist bereits avisiert. ***1/2

Jackie FountainsJackie Fountains – Same (LP, Feathered Apple Records, PO Box 141, CH-4007 Basel)

Schweden in den frühen Sixties, die Kleinstadt Gnesta, ein paar Jungs, die Beatmusik spielen. Hans „Hasse“ Wärmling ist so was wie der Bandleader der Jackie Fountains, die bis 1967 in verschiedenen Besetzungen aktiv sind. Sein großer Bruder Peter ist Manager der Band. Während die Jungs einerseits an britischem R&B orientiert recht rau spielen, klingen vor allem  ihre eigenen Songs poppiger aber auch überzeugender. Ein paar tolle Folkbeat Nummern, die an Bands wie The Zombies oder The Poets denken lassen, erscheinen auf dem kleinen lokalen Dollar Label. Die Jackie Fountains spielen als Support der Who und nehmen erfolgreich an lokalen Beat Band Battles teil. 1967 lösen sie sich aus diversen internen und externen Gründen auf. Hier nun präsentiert das umtriebige Schweizer Label Feathered Apple das Vermächtnis der Band. Alle Aufnahmen auf einer LP. Das Gros der eigenen Songs sind gemeinsame Kompo-sitionen, die Texte stammen vom serbokroatischen Sänger der Band Boris Jelovic (a.k.a. Bob Yell). Mal abgesehen von der überdurchschnittlichen Qualität der bis dato so gut wie unbekannten Aufnahmen der Jackie Fountains, gibt es auch noch eine schöne Geschichte, die erst 1982 so richtig ins Rollen kommt. Hasse Wärmling spielt in den frühen 70ern mit einem gewissen Hugh Cornwall aus England zusammen in einer Band. 1974 gehen sie nach England und ändern ihren Namen in The Stranglers. Hasse verlässt allerdings bald die Combo. Doch sein Song „Strange Little Girl“ wird im Jahr 1982 zu einem der größten Hits der Kapelle. Die Platte seiner alten Combo Jackie Fountains ist jedenfalls auch nicht übel. ***

Diverse – Pop in Germany 5 + 6 (CD, Bear Family Records, www.bear-family.de)

Eingeweihte kennen sie bereits, diese Compilation Reihe des Bear Family Labels. Überall auf der Welt, wo Englisch nicht als Muttersprache gesprochen wird, wurden und werden z.T. noch heute Hits aus dem UK und den USA mit Texten in der eigenen Sprache versehen und für den heimischen Markt gecovert. Aber wohl nirgends geschah dies so exzessiv und mit mitunter so absurden Ergebnissen wie in der Bundesrepublik der 60er und frühen 70er Jahre. Sicher nicht der einzige aber doch ein entscheidender Grund für die Flut von deutschen Coverversionen damals war eine aus Vorkriegsjahren übernommene Gema Klausel, die dem deutschen Textdichter gleiche Urheberrechte einräumte wie dem Originalautor. In letzter Konsequenz führte das dazu, dass sogar bei den Radioeinsätzen des englischen Originals der deutsche Texter fleissig mitverdiente. Erst zu Beginn der 70er Jahre wurde diese unhaltbare Regelung abgeschafft. Der Musikjournalist und Chronist Bernd Matheja aus Hamburg beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit dem Phänomen. Sowohl mit den deutschen Versionen, die von Amerikanern und Briten selbst gesungen wurden (ebenfalls bei Bear Family kompiliert in der Reihe „Tausend Nadelstiche“) wie eben mit diesem Pop made in Germany, den deutschen Versionen gesungen von deutschen bzw. deutschsprachigen Bands, Sängerinnen und Sängern. Erstaunlich was da immer noch zu Tage gefördert wird an Obskuritäten und Peinlichkeiten. Keine dieser Aufnahmen hier war erfolgreich damals. Die Originale dagegen waren fast immer große Hits, und oft nicht die schlechtesten. Wenn man heute auf einer Party oder in der Disco eine dieser Coverversionen spielt, dann stutzen manche vielleicht kurz. Viele Tänzer aber merken womöglich nicht mal, dass sie nicht das Original hören. Denn musikalisch halten sich diese Versionen sehr genau an die Vorlage. Die Texte orientieren sich zumeist stark am Original, auch wenn es natürlich keine genauen Übersetzungen sind. Manches, wie etwa das „Herz aus Stein“ von Frank Farian & Die Schatten (Original: Heart Of Stone – The Rolling Stones) oder „Susann“ von Dunja Rajter (Original: Suzanne – Leonard Cohen), ist einfach nur gruselig. Anderes – z.B. „Lass dir Zeit“ von den Crazy Girls (Original: Walk Don’t Run – The Ventures) oder „Wenn dein Herz brennt“ von Uschi Glas (Original: Love Grows – Edison Lighthouse) – ist unfreiwillig komisch. Und Weniges, etwa „Manchmal wenn ich träume“ von den Loving Hearts (Original: Things We Said Today – The Beatles) oder „Es begann“ von Hans Blum (Original: I’m Alive – The Hollies), strahlt eine naive Unschuld aus, die zwar nicht das Original vergessen lässt, aber doch eine Daseinsberechtigung daneben erlaubt. 2x 25 Songs wurden auf diesen beiden CDs zusammen getragen. Als Anschauungsmaterial für Forscher und Historiker sind sie ebenso geeignet wie für die nächste Party als kleine Auflockerung zwischendurch. Eine Bewertung ist allerdings unmöglich.

V/A – Shindig! …We Set The Scene! (CD, Sanctuary Records, www.shindig-magazine.com)Shindig!

Shindig! Ist ein Fanzine aus London, das sich mit Sixties orientierter Musik und vor allem originaler Sixties und early Seventies Musik beschäftigt. Von R&B über Pop Art und Mod bis Psychedelia und vielleicht noch den frühen Pubrockern. Hier auf dieser Compilation haben Jon „Mojo“ Mills und Andy Morten Songs versammelt, die sie selbst lieben, die sie für repräsentativ halten für Shindig! Das beginnt mit The Fleur De Lys, einer UK Freakbeat Legende. Es schließt Harmony Pop (The Montanas) ebenso ein wie Soulrock von Blue Mink oder eine gewisse Jackie Lee, die sowohl von Northern Soul wie von Girlpop Fans geschätzt wird. Bert Jansch ist mit einem Song von seinem Summer of Love Album „Nicola“ vertreten. Stray, eigentlich ja eher früh-70er Acid Rocker, steuern eine B-Seite von 1972 bei, die an „The Creation treffen Steppenwolf und Mick Jagger singt“ denken lässt. Von Colosseum gibt es „The Kettle“, eine jazzige groovige Rocknummer, die auch heute noch auf keinem Mod Allnighter fehlen darf. Traffic Jam, aus denen kurze Zeit später Status Quo wurden, hört man mit einem Song aus einer BBC Session. Im Wesentlichen ist hier tatsächlich ein sehr britischer Sound eingefangen, der für die gerade erwachsen gewordene Popmusik der Sixties am Übergang in ein neues Jahrzehnt typisch war. Dabei bleibt die Auswahl der Shindig! Leute eher bodenständig und traditionsbewusst. Natürlich gibt es hier keine Hits zu hören. Aber auch keine Freak-Outs oder Progrock Metastasen. Hier ein heftiges Phasing auf den Drums, dort ein Leslie Kabinett vor der Hammond Orgel, das ist schon das „psychedelischste“ im Angebot dieser Auswahl. Auch wenn ich viele der Aufnahmen hier zum ersten Mal höre, das ist genau die Musik, die wir damals gehört haben so um 1971/72 im Keller des evangelischen Gemeindestützpunkts in Berlin Steglitz. Vieles in R&B und Blues Tradition. Ein bisschen Soul. Wenig Acid oder Psych. 24 Tracks und kein Ausfall.***

Hans-A-Plast – Hans-A-Plast (CD, No Fun / Indigo)Was tun wenn's brennt?

Hans-A-Plast – 2 (CD, No Fun Records / Indigo)

Hans-A-Plast – Ausradiert (CD, No Fun Records / Indigo)

Drei Frauen, zwei Männer. Die Band aus Hannover gilt als deutsche Punk Legende. Und zugegeben, sie haben die einheimische Musikszene ganz schön aufgemischt damals. Gegründet 1978 nahm die Band Ende 1979 in nur vier Tagen ihre Debüt LP auf. Einerseits orientierte man sich an britischen Vorbildern wie X-Ray Spex. Andererseits klang das Ergebnis aber auch irgendwie nach 20er Jahre DaDa mit Schlager und Rock Elementen. Annettes Art zu singen, dieses Abgehackte, sich Überschlagende kennt man sonst nur von Nina Hagen, die allerdings insgesamt weit wandlungsfähiger war und ist als Hans-A-Plasts Leadsängerin. Dass wir es hier mit einer sehr deutschen Band zu tun haben, hört man nicht nur an den Texten. Auch die Musik greift auf die Tradition des politischen Kabaretts in der Weimarer Republik wie in der BRD der 60er und 70er Jahre zurück. Das wird vor allem auf dem zweiten Album deutlich, das bereits etwas durcharrangierter und ausgefeilter klingt, ohne die Punk Attitüde völlig aufzugeben. Zusammen mit Hollow Skai, der damals das Fanzine No Fun betrieb, gründete die Band das gleichnamige Label, das dann bald für einen typischen Hannoveraner Punk und New Wave Sound stand mit Bands wie Der Moderne Mann, Mythen In Tüten, Rotzkotz und Bärchen und die Milchbubis. Musikalisch war das dritte Album Hans-A-Plasts „Ausradiert“ sicher das anspruchsvollste. Hier klingt die Band schon wie eine moderne professionelle deutschsprachige Rockband, die sich mit angloamerikanischen Acts der Zeit wie etwa Wire, Magazine oder gar den Talking Heads vergleichen kann. Dennoch, die Texte klingen leider nicht ganz so zeitlos, wie es die Themen eigentlich ja sind. Wer damals zu „Rock’n’Roll Freitag“, „Ich bin hungrig“, „Es brennt“, „Spielfilm“ u.a. gepogt hat und die Texte beim Wiederhören gleich mitsingen kann, die/der wird an diesen Re-Issues große Freude haben. Für die Nachgeborenen sind sie Geschichtsunterricht und (vielleicht) Unterhaltung zugleich. Jedenfalls gibt es anspruchsvolle deutschsprachige Rockmusik nicht erst seit Tocotronic oder Kettcar. Im Schnitt:***

Tempo – Sie verlassen den amerikanischen Sektor (2LP, Weird System / Indigo, www.weirdsystem.de)

TempoAm Dienstag, 21.09., stellte die Band Tempo ihre neue Doppel LP im leider nur mäßig gefüllten Quasimodo vor. Tempo? Tempo? – Tempo! Jetzt klingelt’s bei euch auch, gelle? Das war eine der ersten Berliner Punk Bands Ende der 70er. Letzte Woche im Quasi standen Peter Radszuhn (git, vox), Marius Del Mestre (git, vox) von der Originalband auf der Bühne. Und da die alte Rhythmusgruppe wohl partout nicht zu reaktivieren war, wurden sie kompetent von neuem Bassisten und Drummer begleitet. Die vier boten einem enthusiastischen Publikum aus alten Fans und Wegbegleitern sowie einigen Nachwuchspunks eine gelungene Punk Pop Show mit reichlich „Klassikern“ aus eigenem Repertoire und ein paar wenigen wohl gewählten Covern. Tatsächlich habe ich die Band noch nie so tight und druckvoll und mit so exzellentem Sound erlebt. Und dass es sich nicht nur um eine reine Nostalgie Veranstaltung handelte, bewiesen anerkennende Kommentare jüngerer Augen- und Ohrenzeugen, die Tempo zum ersten Mal sahen. Wenn es die beruflichen und familiären Verpflichtungen der ja inzwischen weitgehend gesettelten Musiker erlauben, bleibt das womöglich kein Ausnahmegig.

Aber zurück zum Anlass des Auftritts. Vor 25 Jahren brachten Tempo als erste Berliner und als eine der ersten deutschen Bands dieser neuen Punk und New Wave Szene eine selbst produzierte 7“45 auf eigenem Label raus. Die 10“ EP „Beat Beat Beat“ folgte bald darauf und schon ein Jahr später hatten Tempo einen Major Deal und eine LP auf Polydor. Eine in der Rückschau betrachtet vielleicht eher unglückliche Entwicklung. Aber hinterher sind immer alle klüger. Damals 1979 waren Tempo jedenfalls neben PVC und White Russia die Punk Pop Band Berlins. D.h. eigentlich waren sie gar nicht so richtig Punk. Hatten doch vor allem Peter und Drummer Bodo, sowie der aus Wien dazu gekommene Saxofonist Bobby Sommer schon andere musikalische Sozialisationen durchlaufen. Von Beat über 70er Hardrock bis Glam und Pub Rock. Auch Reggae spielte für Peter eine große Rolle, wie er selbst in der unglaublich genauen und ausführlichen Bandgeschichte im Beiheft zur DoLP schreibt. Das alles hört man in Tempos Musik nur sehr mittelbar. Aber so ein No Future / Nullbock / Aggro Politpunk, wie ihn etwa viele Kreuzberger Bands kurz darauf raushauten, war das auch nie. Wenn man diese Retrospektive auf zwei LPs hier hört, merkt man wie vielseitig und wie gut die Band tatsächlich war. Seite 1 enthält die erste 7“ und 10“ komplett, sowie eine großartige unveröffentlichte Studioversion ihres heimlichen Hits „Sie verlassen den amerikanischen Sektor“. Ein Song, der weder Strophe noch Refrain hat. Der wie ein Schlachtruf, eine Deklaration daherkommt und doch Spannung und Abwechslung in seinem ungewöhnlichen Arrangement aufweist. Die frühen Aufnahmen hier zeigen bereits die ganze Bandbreite und Vielschichtigkeit der Band. Von schlichtem melodischen Losgeh Punk über versteckte Sixties Einflüsse bis zu die spätere ndW bereits vorweg nehmenden Schlageranleihen bei „Kalt wie Eis“. Die Highlights der Polydor LP sind auf Seite 2 versammelt. Und auch hier wieder eine stilistische Breite von Modpunk à la The Jam über fast schon psychedelische Töne bis zu Dub Versuchen bei „Oil War“. Besonders toll, nicht nur für alte Fans, sind die bisher unveröffentlichten Aufnahmen auf Seite 3. „Downtown“ ist nach meiner bescheidenen Meinung der beste Song der Band überhaupt. Irgendwo zwischen Pub Rock und Power Pop nistet er sich im Gehör ein und geht nie mehr weg. Die Version von Michel Polnareffs „La poupée qui fait non“ erinnert mich an Plastic Bertrands „Ca plane pour moi“. Vor allem wohl, weil Tempo es in 1:49 runterschrubben, als gelte es, die Dickies zu überholen. Und das deutsch gesungene „Garageland“, aus der nie erschienenen zweiten Tempo LP, lässt vermuten, dass da noch mehr Perlen in den Archiven schmoren. Auf Seite 4 schließlich gibt es einige Live Aufnahmen. Meist auf relativ bescheidenem Equipment in 2-Spur Stereo mitgeschnitten, zeigen diese Aufnahmen doch, dass die Band mitreissen konnte und Power hatte! Trotz hin und wieder verstimmter Gitarren, und trotz des Fehlens eines wirklich guten Leadsängers. Dave Balko war allerdings immerhin ein ordentlicher Frontmann, so lange er dabei war. Die Doppel LP ist limitiert auf 555 Stück und kommt in transparentem Vinyl in einer alten Tonbandschachteln nachempfunden Box mit einem großartigen umfangreichen Beiheft.***1/2

Misunderstood – Lost Acetates 1965-1966 (LP/CD, Ugly Things, www.ugly-things.com)

Die kalifornischen Misunderstood waren eine der großartigsten und zugleich unterbewertetsten Sixties Bands überhaupt. Mit ihrer selbst gebauten Lightshow, mit Glenn Campbell an der Steel Guitar, mit Rick Brown als charismatischem Frontmann und einem ganz eigenen psychedelischen R&B, dem Stil von Them und Yardbirds zur gleichen Zeit nicht unähnlich, waren die Jungs eine absolute Ausnahmeerscheinung in Südkalifornien zu jener Zeit. Und nicht nur dort. Die Aufnahmen der Band aus den Jahren 1965/66 entstanden zur gleichen Zeit oder sogar noch vor den wegweisenden ersten Recordings von Pink Floyd oder Jimi Hendrix. Damit gehören die Misunderstood zu den Pionieren des Psychedelic Rock. Die Story der Band ist inzwischen gut dokumentiert. Am ausführlichsten in einer zweiteiligen sehr detaillierten Geschichte in Ugly Things, dem wohl besten Sixties Fanzine der Welt. Mike Stax, der Herausgeber von Ugly Things, hat auch die vier 10“ Azetate ausfindig gemacht, die dieser Platte hier zugrunde liegen. Diese 14 Tracks stellen einen unglaublichen Schatz dar! Sehr deutlich kann man die Entwicklung der Band von der engagierten, innovativen High School Combo zu der großartigen und schlicht einzigartigen Psychedelic Rock Band verfolgen, die sie bei ihrer Ankunft in London Ende 1966 waren. Dass The Misunderstood niemals den ihnen gebührenden Erfolg verbuchen konnten, liegt natürlich einerseits daran, dass die Band schon bald wegen der Einberufung Ricks zum US Militärdienst ohne Sänger dastand. Desillusioniert verliefen sich die Jungs in alle Himmelsrichtungen. Andererseits war die Musik der Band ihrer Zeit doch weit voraus. Und ein Charterfolg erscheint in der Rückschau nicht sehr wahrscheinlich. Doch da sind die Jungs ja in bester Gesellschaft. Vielen großartigen Bands der späten Sixties blieb der kommerzielle Erfolg versagt. Freuen wir uns, dass wir ihre Musik wenigstens heute hören und genießen können. ****

Smash …! Boom …! Bang …! Beat In Germany – Beat im Norden / Ruhrgebeat / Beat im Westen / Beat-Battle / Beat im Süden (5 Einzel-CDs, Bear Family Records, www.bear-family.de)

Die letzten fünf CD Compilations der ambitionierten Reihe sind nun erschienen. Damit liegen insgesamt 30 CDs vor. Umfassender und vor allem auf soliderer Basis in Sound und Recherche ist die Beatmusik der BRD zwischen 1964 und 68 bisher nicht dokumentiert worden. Sicher wird der eine oder andere gerade seine lokale Beat-Combo schmerzlich vermissen. Und vielleicht musste sogar hier und da auf einen echten Knaller verzichtet werden. Schließlich will man diese CDs auch verkaufen. Da geht manchmal Popularität vor Originalität, Quantität (der potenziellen Käufer) vor Qualität der unbekannten Heroen. Aber es sind doch eine ganze Reihe großartiger Bands und Songs dem Vergessen entrissen worden. Zahlreiche super-rare Tracks und Singles erstmals in exzellenter Klangqualität einem breiteren Publikum wieder zugänglich. Die Originale, so steht zu vermuten, werden dadurch nur noch gesuchter und noch teurer! Zu hoffen ist, dass diese vorbildlich gestaltete und kommentierte Reihe auch ein paar jüngere Beat und Rock Fans dazu verleitet, sich mit den Ursprüngen der Rock- und Popmusik in Deutschland zu beschäftigen.

Um es gleich vorwegzunehmen, diese letzten fünf CDs sind in vielerlei Hinsicht das Sahnehäubchen, die Creme de la Creme, der ganzen Beat BattleSerie. Vier Compilations sind grob geographisch orientiert. Die fünfte ist den unzähligen Beat Band Battles gewidmet, die damals landauf landab jedes Wochenende stattfanden. Exemplarisch werden die „Twist Battle Party“ in Kassel 1964 und der Beat Wettbewerb der Stadt Frankfurt 1966 dokumentiert. Nicht zuletzt deshalb, weil beide Veranstaltungen seinerzeit mitgeschnitten und auf je einer LP veröffentlicht wurden. Die spiel- und klangtechnische Qualität der Bands ist ganz erstaunlich. Natürlich wird  fast nur gecovert. Die populärsten Hits der Zeit waren Garanten für ein begeistertes Publikum. Wenn dann auch noch die Performance stimmte, hatte man bereits so gut wie gewonnen. Besonders hervorzuheben sind hier wieder die Liner Notes. Hans-Jürgen Klitsch als Compiler, Archivar und Investigator hat hervorragende Arbeit geleistet. Nicht nur sind die Karrieren und Schicksale der Musiker sehr gut nachgezeichnet, man bekommt auch einen Eindruck von den Umständen und Abläufen der Bandwettbewerbe seinerzeit. Eine Bewertung im herkömmlichen Sinn ist hier natürlich nicht möglich. Für die superbe Gestaltung, die ausführlichen Liner Notes und die engagierte Performance muss man jedoch die Höchstpunktzahl geben.

Beat im NordenWenn man die anderen vier Compilations hört, kommt man sehr schnell zu dem Schluss, dass die deutschen Beatbands keinen Deut schlechter waren als ihre Vorbilder und Kombatanten aus Britannien. Die hier präsentierten Coverversionen internationaler Hits müssen sich keineswegs hinter den Ori-ginalen verstecken. Astreiner R&B wird hier geboten. Und die Harmoniegesänge mancher Gruppen stehen denen der Beatles oder Beach Boys nicht nach. Dazu kommt eine erstaunlich große Zahl von Originalen. Also Songs, die die deutschen Musiker selbst geschrieben haben. Zum Teil mit sehr eigenständigen, bemerkenswerten Ansätzen. Les Copains aus Lingen z.B. spielen den authentischsten Teen Punk diesseits des Atlantik. The Phantom Brothers gehören eh zu den Legenden des deutschen Garage Beat. Percy & The Gaolbirds spielen eine sehr eigene Mixtur aus Mersey Beat und Teen Punk. Während The Rags sowieso zu den unterbewertetsten, großartigsten deutschen Sixties Bands zählen. „I Cry For Love“ ist ein formidabler Ohrwurm. Und “Mr. Cool” ist genau das: unglaublich cool! Man kann diese vier Compilations ohne Pause durchlaufen lassen und sich den ganzen Abend amüsieren, tanzen, Party machen! Kein Ausfall dabei. Aus dem Ruhrgebeat sind die German Blue Flames hervorzuheben. Aber auch die Dukes oder Frederic And The Rangers sind große Klasse. Ebenfalls mächtig Pop Appeal haben The Newcomers. Vermutlich eine der wildesten Live Bands waren The Kentuckys Beat im Südenaus Wuppertal. Ihr legendärer Ruhm hat sich durch verschiedene Compilations schon vor Jahren bis nach Übersee verbreitet. Ihr „Stupid Generation“ mit dieser gemeinen dreckigen Lache am Anfang ist längst ein Klassiker! Namen wie The Cave Dwellers, The Beat-Stones, The Subjects, The Tony Hendrik Five u.a. stehen für exzellente aufregende Beatmusik made in Germany. Auch im Süden der Republik gab es fantastische Beat Kapellen. Von The Gisha Brothers und The Jaguars, die eher noch dem Rock’n’Roll verpflichtet waren, bis zu Improved Sound Ltd. und Jonah & The Whales, die mehr Beatles respektive Kinks als Orientierung sahen. Als Kuriosum muss man Frank Farian & die Schatten abhaken. Etwas schwach auf der Brust der spätere Boney M. und Milli Vanilli Produzent. Dass deutsche Bands auch große Beat Balladen drauf hatten, beweisen The Moonlights und schließlich The Cry’n Strings mit ihrer „Monja“, die ja in einer glatt gebügelten Coverversion von Roland W. ein Riesenhit wurde. Wie gesagt, man kann diese Compilations problemlos von Anfang bis Ende durchlaufen lassen. Über fünf Stunden Beat in Germany erster Güte! Auf Einzelwertungen wird hier verzichtet. Alle Sampler haben Höchstpunktzahl verdient!

Most Wanted Men - Revisited (CD, Marsh Marigold, www.marsh-marigold.de, Olaf Schumacher, Hornstr. 19, 10963 Berlin)

Ich könnte es mir leicht machen und jetzt einfach hier noch mal die Liner Notes einfügen, die ich für diese CD geschrieben habe. Nee, nee. Mach ich aber nicht. Ihr müsst euch das gute Stück schon kaufen, um sie lesen zu können. Ihr solltet euch diese Scheibe sowieso kaufen. Zumindest wenn ihr mit ohrwurmartigen Popsongs, meist leicht melancholisch, in schlichter Schrammel-Gitarren-Manier vorgetragen, was anfangen könnt. D.h. Schrammel-Gitarren alleine sind’s ja auch nicht. Mit eigentlich ganz einfachen Mitteln und genialen Arrangements verzaubert dieses Trio, jede/n, der/die sich verzaubern lassen will. Man muss schon ein Faible haben für diesen von den TV Personalities, The Times, von Swinging London und Artpop, von Pop Art und Sixties Popsike beeinflussten Stil. Andererseits, dass diese Songs einfach groß-artig sind, als Songs, als Pop Statements, das sollte jede/r Hörer/in bemerken. Und sie sind wirklich alle richtige Perlen! Nicht nur „Good Girls Go To Heaven“, das immer mein Favourite war. „January“, „Still Dreaming“, „Street Car Named Desire“ sind von fragiler Schönheit und jugendlicher Weisheit. „Hippie Girl“, „One Side Up“, „Sweet Bird Of Youth“, „No. 1 Girl” sind faszinierend unbekümmert und me-lancholisch zugleich. „On My Mind“, „The Glassmenagerie“, „Picture Gallery“ sind nahezu perfekte Kleinode des schönen, guten, wahren Pop. Ich hab diese Songs seit vielleicht 10 oder 15 Jahren nicht mehr gehört. Aber ich kann sie alle sofort mitsingen. Auch die Songs, die aus welchen Gründen auch immer bislang unveröffentlicht waren „Such A Feeling“ und „Love Kills“ sind um Längen besser, als das meiste, was einem heute so auf den Plattenteller geschwirrt kommt. Dazu noch eine absolut eigenständige Version von McCartneys „Eleanor Rigby“, eine Live Version von Dan Treacys „La Grande Illusion“ und ein paar Demos und alternative Versionen. Diese CD ist das Vermächtnis der Most Wanted Men. Wirklich ganz unglaublich wundervolle Popmusik! Wenn ich sie jetzt so höre, werde ich richtig wütend. Wütend darüber, dass Olaf sein Geld hinterm Tresen im Enzian verdienen muss. Und Dieter Bohlen schwimmt im Geld. Die Welt ist ungerecht! Kauft diese CD! Die verstreuten Vinyl Originale findet ihr eh nicht. Und geht am 30. April in den Magnet Club. Da spielen Olaf, Moritz und Rüdi (a.k.a. The Most Wanted Men) als Support für Family 5. Diese Scheibe hier ist nun schon das zweite Re-Issue des Jahres nach Sharon Tandy! ****1/2

Sharon TandySharon Tandy – You Gotta Believe It’s… (CD, Big Beat, www.acerecords.co.uk)

An Sharon Tandys Auftritt im Beat Club 1967 kann ich mich zwar nur noch vage erinnern, aber „Hold On“ und „Daughter Of The Sun“ gehören seit Jahrzehnten zu den Favoriten jeder Mod und Sixties Party. Diese dunkle, geheimnisvolle Schönheit mit der Ausnahmestimme gehört zu den besten ausdruckstärksten Sängerinnen der späten 60er. Zumindest stimmlich und von ihrer Performance befand sie sich in einer Liga mit Julie Driscoll, Grace Slick, Dusty Springfield und Mariska Veres. Geboren als Sharon Finkelstein in Johannesburg, Südafrika, startete sie ihre musikalische Karriere auch zunächst in ihrer Heimat. Mitte der 60er folgte sie ihrem Lover und Ehemann nach London, um in den folgenden fünf Jahren eine ganze Reihe von großartigen, herausragenden Soul- Mod-, Psych-Pop Songs aufzunehmen. Dabei arbeitete sie vorwiegend mit der Londoner Freakbeat Combo Fleur De Lys als Backing Band. Im Jahr 1966 nahm sie sogar einige Songs in Memphis als Stax Recording Artist mit der legendären Session Band um Booker T., Steve Cropper und Duck Dunn auf. All das und noch mehr ist nun auf dieser 26 Track CD wieder bzw. überhaupt zum ersten Mal zugänglich. Ein Teil der Stax Sessions schmorte nämlich bis heute unveröffentlicht in den Archiven. Sharons Vielseitigkeit und Ausdruckskraft wird einem hier so richtig bewusst. Von frühen Uptempo Popnummern über klassische Popballaden bis zu heftigstem Freakbeat, Blue-eyed Soul, Deep Soul und regelrecht rockigen Titeln ist alles vertreten. Selbst die pseudo-psychedelische Schmalznummer der Bee Gees „World“ bekommt durch Sharon eine respektable Größe. Dass der unglaublichen Sängerin damals kein größerer Erfolg beschieden war, ist völlig unverständlich. 1970 kehrte sie in ihre Heimat Südafrika zurück und setzte ihre dortige Karriere fort. Diese CD hier ist ein sicherer Anwärter auf das Re-Issue   des Jahres! ****1/2

V/A – Punk Rock BRD, die amtliche History von Punk in Deutschland, 1977 bis Heute (3LP/3CD, Weird System, Alstertwiete 32, 20099 Hamburg, www.weirdsystem.de)

Punk Rock BRD50 Bands & 50 Hits von 1977 bis heute. So lautet der Untertitel dieser Compilation. Das mit den Hits muss man ja nicht so wörtlich nehmen. Jedenfalls nicht im kommerziellen Sinn. Wer die erfolgreichen, die schicken, die inzwischen akzeptierten Underground Bands der ersten Punk Welle in der BRD auf einem Sampler haben will, ist mit „Verschwende Deine Jugend“ einigermaßen gut bedient. Es gibt auch so gut wie keine Überschneidung mit dieser Auswahl hier. Insofern kann man auch beide haben. Die ehrlichere, umfassendere, gründlicher recherchierte und einfach viel sympathischere Compilation ist die hier allemal. Das liegt natürlich auch daran, dass sich die Jungs von Weird System mit dem Thema schon seit Jahren, ja seit Jahrzehnten beschäftigen.

Jede der drei Platten deckt eine Phase des Punk in Deutschland ab. Natürlich ist für mich persönlich der erste Teil der spannendste. Zwischen 1977 und 1980/81 bin ich selbst auf unzähligen Punk Konzerten und Festivals in Berlin (West) gewesen. Und damals habe ich auch fast jede Platte, die rauskam, gekauft. Leider besitze ich die meisten nicht mehr. In meiner Plattensammlung  herrschte schon immer starke Fluktuation. Erst in den letzten Jahren bin ich vorsichtiger geworden beim Aussortieren. Um das übrigens gleich klarzustellen, das hier ist keine Raritäten Sammlung. Es ist ein tatsächlich gelungener Querschnitt durch die Geschichte und die Facetten des Punk in der BRD. Da kommen bekannte und seinerzeit „erfolgreiche“ Namen ebenso vor, wie einige andere verdientermaßen aus der Versenkung geholt werden. Ich setze erfolgreich hier in Anführungszeichen, weil natürlich auch Hans-A-Plast, Abwärts, PVC oder Male nicht bzw. kaum an den Verkaufscharts zu messen waren. Wenn man allerdings ihre damaligen Verkaufszahlen ins Heute übertragen würde, wären sie wohl in den Top Ten. Aber so kann man nicht rechnen. Und überhaupt. Slime haben über 100.000 Alben verkauft, die Scherben allein von „Keine Macht für Niemand“ über ne viertel Million. Dafür gab’s keine Goldene. Wollte auch keiner haben.

Aber zurück zum Thema. Der zweite Teil der vorliegenden Auswahl deckt die Zeit zwischen 1983 und 1989 ab. Da sagen mir nicht alle Namen was. Ok, die Hosen kennt jede/r. Upright Citizens, Deutsche Trinkerjugend, Spermbirds, Jingo De Lunch, von denen hat man auch schon gehört, wenn man nicht unbedingt Punkfan ist. Besonders gefreut hat mich, hier mal wieder auf EA80 zu stoßen. Eine der musikalisch und auch von ihrer Attitüde her herausragendsten deutschen Bands überhaupt.

Ausgesprochen spannend ist dann Teil 3. Hier sind die letzten 13 Jahre vereinigtes Deutschland dokumentiert. Alte Bekannte sind Slime, Die Ärzte, Terrorgruppe. Mit Dritte Wahl und Schleim-Keim sind auch zwei Bands aus dem Osten dabei. Man kann endlos darüber streiten, ob Punk und Punkrock heute noch zeitgemäß ist. Jungen Bands wie The Shocks aus Berlin oder Muff Potter aus Münster dürfte das ziemlich egal sein. Wobei erstere erfrischend unbedarft da ansetzen, wo Buttocks oder Razors einst aufgehört haben. Während letztere wohl auch als Alternativ Rock mit deutschen Texten firmieren könnten.

Überhaupt was ist Punk denn eigentlich? Ich glaube, diese drei Platten beantworten die Frage ziemlich klar. Sie bringen uns zwar in Bezug auf eine Definition keinen Schritt weiter. Aber die mehr als zwei Stunden Musik sprechen für sich. Punk ist eine Haltung, eine Lebenseinstellung, die über-wiegend mit lauter, meist schneller und kompromissloser Musik korrespondiert. Was auffällt bei dieser im Großen und Ganzen gelungenen und repräsentativen Auswahl: es wird überwiegend deutsch gesungen. Die Bands haben was zu sagen. D.h. die Songs wollen Denkanstöße geben, sind zum Teil hochpolitisch. Das ist nicht immer leichte Kost und nicht nur Spaß. Obgleich der Spaß beim Punk mindestens genauso wichtig ist. Für manche gar das Wichtigste.

Sicher wird der eine oder die andere persönliche Favourites vermissen. Aber was spricht gegen eine Fortsetzung? Wer stellt die nächste Box „Punk Rock in Deutschland“ zusammen? Lohnendes Material gibt es genug. Erwähnt werden sollte noch das ausführliche und akribisch recherchierte Zusatzmaterial. Angefangen vom ausführlichen und spannenden historischen Einführungsessay von Karl-Heinz Stille, über eine nützliche Fanzine und Literaturliste bis hin zu Kurzbios der Bands und, soweit ich das beurteilen kann, lückenlosen Diskographien. In der CD Version kommt noch ein Bonus Video dazu mit Aufnahmen von den Chaos-Tagen in Hannover 1984. Das alles zusammen verdient ***1/2

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