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Letztes Update: 23. April 2017


Through The Past Darkly

Die Bewertungsskala:

Materialverschwendung! - ** muss man nicht kennen - *** sollte man mal gehört haben - **** Anschaffung wohlwollend erwägen - ***** gehört in jede Plattensammlung!

LPBigShotC.jpgGame Theory – The Big Shot Chronicles (LP, Enigma Records)

 

Im Leserforum des Rolling Stone werden gerade mal wieder Lieblingslisten der Nutzer gepostet. Es geht dabei um die besten dritten Alben eines Künstlers, einer Band. Ich habe auch so eine Liste erstellt. Und unangefochten auf Platz Eins ist bei mir dieses Album. „The Big Shot Chronicles“ ist also das dritte Album der Band Game Theory aus Nordkalifornien. Ich lernte die Band Mitte der 1980er Jahre kennen im Zuge meines Interesses an der kalifornischen Paisley Pop Szene. Gegründet wurde die Band 1982 von Scott Miller in Davis, einem Vorort von Sacramento, Kalifornien. Die erste LP „Blaze Of Glory“ ließ bereits aufhorchen. Allerdings erreichte mich diese Platte aufgrund ihrer kleinen Auflage und des schlechten Vertriebs, von Promotion ganz zu schweigen, erst Jahre später. Die erste Platte der Band, die ich wahrnahm, war ein Sampler auf dem französischen Lolita Label mit dem Titel „Dead Center“, der mehr oder weniger zwei EPs aus den Jahren 1983/84 versammelte. 1985 erschien dann „Real Nighttime“, die zweite reguläre LP der Band und ihr erstes echtes Meisterwerk. Ein Jahr später dann „The Big Shot Chronicles“, das meiner bescheidenen Meinung nach ihr bestes Album ist und das beste Album der 1980er Jahre generell. So viel zur Vorgeschichte. Die Platte selbst enthält einfach nur großartige Songs. Jeder einzelne ein absolutes Meisterwerk! Das ist Power Pop, New Wave, Paisley Pop alles in Einem. Die Platte schickt mir noch immer wohlige Schauer über den Rücken und verursacht Gänsehaut, wenn ich sie höre. Im positiven Sinn wohlgemerkt. Produziert wurde die LP von Mitch Easter, der ja selbst eine Legende des US Power Pop der 70er und 80er Jahre ist. Scott Miller war inzwischen nach San Francisco umgezogen und außer ihm war keines der Gründungsmitglieder der Band mehr dabei. Aber Game Theory war sowieso immer vor allem sein Baby. Aufgenommen wurde in Mitch Easters Studio in Winston-Salem, North Carolina. Sowohl Easter wie Miller lobten die Zusammenarbeit später in den höchsten Tönen. Beide sind absolute Seventies Rock Spezialisten und Soundtüftler, was sich auf ihre Zusammenarbeit sehr förderlich auswirkte. Mit der neuen Bandbesetzung war Miller damals auch sehr zu-frieden. Die Zusammenarbeit war wohl ausgesprochen produktiv und harmonisch. Und Millers Songwriting war quasi auf dem Höhepunkt. All das wirkt sich aus auf diese Platte, die eine solche positive Energie ausstrahlt, dass es eine wahre Freude ist. Die Platte wurde damals auch von der Kritik in den USA gut aufgenommen und erhielt reichlich positive Reviews in Zeitschriften von Spin bis Billboard. Auch im Radio wurde die Platte oft gespielt. Sie ist sicher eine der ersten und meistgespielten College Radio Platten in den USA.  Für einen echten Charts Erfolg oder gar internationalen Durchbruch reichte das alles aber nicht. Zwei weitere LPs der Band Game Theory erschienen 1987 und 1988, beide auch sehr hörenswert. 1991 nach erneuten Umbesetzungen und deutlichen Änderungen im Sound entschied Miller, die Band künftig Loud Family zu nennen. Sieben Alben erschienen unter diesem Namen, ab 1996 leider nur noch als CD. Und über den Status eines Insider Tipps kam die Band leider auch nie hinaus. 2013 beschloss Miller dann, Game Theory wiederzubeleben und begann mit Aufnahmen für ein neues Album. Am 15. April 2013 jedoch nahm sich Scott Miller völlig unerwartet und überraschend selbst das Leben. Er war 53 Jahre alt. Über die Gründe seines Selbstmords ist wenig bekannt. Jedoch litt Miller wohl schon länger an Depressionen. „The Big Shot Chronicles“ wurde im letzten Jahr auch auf Vinyl wiederveröffentlicht. *****

 

Start! – Heute Nacht (LP, Firestation / Teenage Rebel)

 

1986 erschien die Single „Der Beat“ auf dem Label Smarten-Up mit der Bestellnummer Start 1. Und Start! das war auch der Name der Band aus Düsseldorf. Zwei, drei Tracks der Band erschienen dann noch auf Compilations. Da gab es die Gruppe Start! schon nicht mehr. Im Prinzip war Start! ein Trio nach dem Vorbild von The Jam. Daher vielleicht auch der Name. Als Komponist, Produzent und gelegentlich auch Chorsänger und Mitmusiker (live allemal) gehörte jedoch Ralf Schienke von der anderen Düsseldorfer Mod Band Die Profis auch dazu. Jetzt sind also sämtliche Aufnahmen der Band auf einer LP erschienen als Co-Release des Düsseldorfer Labels Teenage Rebel Records und des Berliner Labels Firestation Records. Die drei Tracks, die damals auf der 7“ erschienen sind „Ein Schritt zuviel“, „Der Beat“ und „Tag für Tag“, alle drei absolute Klassiker des deutschen Mod Pop. Diese drei Titel wurden mit einer 16-Track Bandmaschine aufgenommen, sie klingen schon allein deshalb am besten und druckvollsten. Die anderen acht Stücke wurden im Proberaum mit einer 4-Spur Maschine aufgenommen. Schlecht klingen diese Tracks keineswegs, ein bisschen dünner halt. Zwei Live Tracks aus dem Cookies in Frankfurt sind schließlich auch noch dabei, die Zeugnis ablegen davon, wie ungestüm und mitreißend die Band live sein konnte. Musikalisch ist das alles wie gesagt phantastischer Mod Pop mit viel Aplomb und Energie vorgetragen. Man könnte auch Power Pop sagen. Klasse Rhythmen, tolle Gitarrensounds! Die Texte sind allesamt auf Deutsch und legen Zeugnis davon ab, dass deutsche Lyrics und angloamerikanisch geprägte Popmusik wunderbar zusammen passen. Nichts ist peinlich, obwohl es hier letztlich „nur“ um die üblichen Geschichten und Probleme von Teenagern geht, meistens um die Beziehung zwischen Mädchen und Junge, Frau und Mann. Diese LP ist ein tolles Zeitdokument und sie macht auch heute noch so viel Spaß wie die Band damals bei ihren Gigs. ****

 

LPMeAndD.jpgMe And Dean Martin – Let’s Romaticise Our Youth (LP, Firestation Records)

 

Eine relative ähnliche Entwicklung nahm diese Band aus England. Gegründet in Nottingham 1986 veröffentlichte die vierköpfige Gruppe zwei Singles 1989 und 1990 auf ihrem eigenen Label, das sie einfach No Label nannte. Typischer britischer Jangle Gitarren Pop ist hier zu hören, einfühlsame Melodien, eingängig mit jeder Menge Hooks. Songs wie „Surfing Days“, „Me And My Paisley Shirt“, „Sweet Starts And Bitter Ends“ sprechen für sich. Hin und wieder erinnert mich der Sound der Band sogar an die Stone Roses, die ja damals das große Ding waren. Me And Dean Martin stießen jedoch bei großen Plattenfirmen kaum auf Interesse. Aus einem ersten Kontakt und einem versprochenen Vorschuss wurde nie was. Und ein zweiter Kontakt betraf lediglich das Verbot seitens CBS, ein Bild von Dean Martin zu nutzen. Warum die Singles der Band kaum Käufer fanden, obwohl doch sogar John Peel sie in seiner Sendung bei der BBC spielte, man weiß es nicht. Schlechter als andere typische Indie Pop Bands jener Zeit sind Me And Dean Martin keinesfalls. Im Gegenteil, der eine oder andere Song hier entwickelt sich schon beim zweiten Hören zum Ohrwurm; „The Greatest Sin“ etwa oder „To Be Touched“. Im Song „This Is Why I Hate The Sixties“ wird mit der ziemlich naiven Hippie und Flower Power Philosophie der späten Sechziger abgerechnet. Fast zwanzig Jahre dazwischen machen halt den Unterschied. Neben den fünf damals schon auf den beiden 7“ Platten erschienenen Tracks finden sich hier acht weitere Archiv Aufnahmen bzw. Demos, die allesamt einen wirklich hohen Standard halten. Schöne Entdeckung diese Platte und Band. ***1/2

 

CDMarshmallow.jpgMarshmallow Overcoat – 26 Ghosts, The Best Of 1986 - 2005 (Audio + Multi-Media CD + DVD, Dionysus)

 

Timothy Gassen ist Mastermind und Gründer der US Garage und Psychedelic Rock Band Marshmallow Overcoat. 1986 in Tuscon, Arizona, gegründet gehört die Band zu den typischen Vertretern des Garage Rock Revivals und der Paisley Pop Szene der USA in den 80er Jahren. Obwohl die Band bis in die 90er Jahre zahlreiche Singles und auch einige LPs veröffentlichte, erlangte sie nie den Bekanntheitsgrad etwa der Chesterfield Kings, Fuzztones oder der kalifornischen Rain Parade und The Three O’Clock. Dabei stellt ihr Sound und ihr Songmaterial die ideale Mischung der genannten Vertreter des US Sixties Revivals dar. Die Band hörte 1996 mit dem Touren auf, und Timothy legte seine Aktivitäten erstmal auf Eis. Im Jahr 2000 hielt er es nicht mehr aus und reformierte die Band. Neue Aufnahmen entstanden und neue Platten erschienen. Auch wenn The Marshmallow Overcoat bis heute eher der zweiten Liga des US Garage Pop zuzurechnen sind, es erschienen von ihnen im Lauf der Zeit Platten auf diversen Labels in aller Welt, so dass ihre Diskographie nicht nur ziemlich umfangreich, sondern auch vergleichsweise unübersichtlich ist. Diese Veröffentlichung, die nun zum 30-jährigen Jubiläum der Band erschien, versammelt einerseits 26 Tracks, also einen bunten und repräsentativen Querschnitt ihres Schaffens. Andererseits birgt der Multi Media Teil eine komplette Diskographie, zahlreiche Fotos und Zeitungsausschnitte aus drei Jahrzehnten. Die zusätzliche DVD enthält Video Clips, Ausschnitte von Live Gigs und das alles remastert und restauriert und zum Teil nie zuvor veröffentlicht. Die Tracks der Audio CD sind übrigens auch auf einer Doppel-LP erhältlich. Die Musik der Marshmallow Overcoat ist wie gesagt typischer Garage und Psych Pop der 80er Jahre. Mit Fuzzgitarren, Farfisa und Vox Orgel, mit treibendem Bass und schepperndem Schlagzeug, und mit gelegentlichen Soundexperimenten, die so typisch sind für diese Art von Musik. Timothy Gassen hat einen Hang zum Bubblegum Pop einerseits, aber andererseits klingen viele seiner Kompositionen und Produktionen auch nach B-Movie Soundtracks und geflegtem Trash der Marke Pulp Fiction. Auf jeden Fall eine lohnende und hörenswerte Kollektion wird hier geboten. Timothy Gassen ist übrigens auch Archivar und Chronist dieser Szene, der er selbst angehört. Sein Nach-schlagewerk „The Knights Of Fuzz“ ist im vergangenen Jahr in einer überarbeiteten und ergänzten Ausgabe erschienen. Und inzwischen gibt es eine neue Band, The Noble Krell, mit der Mister Gassen musiziert und formidable 7“ 45s raus-bringt. Diese schöne Compilation hier ist mir knappe vier Sterne wert.

 

Diverse – Falscher Ort, falsche Zeit (LP, Tapete)

 

LPFOFZ.jpgPower Pop und Mod Sounds aus Deutschland, Österreich und der Schweiz 1980 – 1990. So heißt es im Untertitel der Platte, die nur deutschsprachige Popmusik der genannten Stilrichtungen versammelt. Keine der Bands auf diesem Sampler hatte jemals wirklich Erfolg. Also Erfolg, den man auf dem Bankkonto bemerken würde. Ein paar der Musiker sind allerdings auch heute noch aktiv und haben sich mehr oder weniger eingerichtet in der deutschen Pop Szene, der eher alternativen. Einige der Tracks hier sind sogar noch nie erschienen. Einer nennenswerten Öffentlichkeit sind alle vermutlich bis heute unbekannt. Und doch ist hier die beste Popmusik versammelt, die es auf Deutsch gab in den 80er Jahren. Nur sehr wenige Platten, die damals auf Deutsch  er-schienen, sind genauso gut oder besser. Der Titelsong ist von den Profis aus Düsseldorf. Eine großartige und legendäre Band, wahrscheinlich die beste deutschsprachige Mod Band, die es je gab. In der gleichen Liga spielten sowohl Start! wie Stunde X ebenfalls aus Düsseldorf, die im Übrigen eng verbandelt waren und mehr oder weniger zwei Seiten derselben Medaille. Großartige Live Bands waren das auch! Die Antwort war die erste Band von Bernd Begemann, nachdem er von Ostwestfalen nach Hamburg gezogen war. Die Antwort bekam Ende der 80er sogar einen Major Vertrag. Ein paar tolle Platten resultierten daraus, die leider nie genug Aufmerksamkeit fanden. Der Song hier ist unveröffentlicht bisher. Die Tanzenden Herzen aus Berlin sind hier mit ihrer ersten und besten Single vertreten. „Tanzfläche“ ist einfach gut, tanzbar, druckvoll, und der Text ist phantastisch! Überhaupt sind alle Texte der Songs hier richtig gut, und sie passen sich der Musik an. Von wegen Popmusik auf Deutsch geht nicht! Das ist eingängig, aber kein simpler Schlager. Intelligent und hintersinnig, ohne so verkopft zu wirken, wie so manches aus Hamburg dann in den 90ern. Viele der Tracks hier kamen damals nur als Single oder auf irgendeiner lokalen Compilation raus, manchmal nur als Tape. Einige sind wie gesagt hier erstmals veröffentlicht. Noch so eine legendäre Mod Band waren die S-Chords, von denen nur ein Tape sowie eine 12“ EP in kleiner Auflage erschienen damals. Family 5 – schon wieder Düsseldorf – kennt man heute noch. Die sind ja auch noch aktiv. Ihre frühen Veröffentlichungen sind die besten. Auch Huah! aus Hamburg waren schon etwas bekannter. Bessere Musik als damals Ende der 80er hat Frank Möller (Knarf Rellöm) allerdings nie wieder gemacht. The Venue aus Wien und Der Böse Bub Eugen aus der Schweiz kannte selbst ich noch nicht. Beide liefern feinen Mod Power Pop. Die Time Twisters und Jetzt! waren damals 1986 mit ihren Songs auf dem Sampler „Fast Weltweit präsentiert…“. Dieses Label wurde in Bad Salzuflen von u.a. Bernd Begemann und Frank Spilker gegründet. Jochen Distelmeyer und Bernadette La Hengst gehörten bald auch zum engeren Umfeld des Single und Kassetten Labels. Die Wiege der Hamburger Schule stand in Ostwestfalen-Lippe. Aber zurück zu diesem Sampler. Painting By Numbers aus Südhessen mit ihrem „Lied für Werner Enke“ gehören zu den weiteren Entdeckungen hier. Herzallerliebst! Hermann’s Orgie aus Hamburg sind noch mehr dem Punk verpflichtet, doch haben auch sie viel Pop Appeal. Die Mobylettes um Diana Diamond (ebenfalls Hamburg) sind hier im einer wunderbaren deutschen Version von „Da Doo Ron Ron“ dabei. Aus der Schweiz gibt es noch die Raumpatrouille Rimini mit „Wieder Sommer“, ein Duo unter Beteiligung von Oliver Maurmann (Aeronauten). Dextrin klingen wie eine Mischung aus Mod und Ska. Ihr Titel „Robsi Music“ wurde 1984 mit einem Revox 2-Spur Tonbandgerät im heimischen Partykeller aufgenommen. Hab‘ ich jemanden vergessen? Aus München sind die Merricks hier noch mit von der Partie. Und zum Abschluss des Samplers erklingt die allererste Single des Pastell Labels, „Als der Regen kam“ von Fenton Weills, eine wunderschöne Mod Pop Hymne, die in einer besseren Welt auf Dauer Rotation in allen Sendern liefe und die Charts anführte. ****

 

LPNightsofiguana.jpgThe Nights Of Iguana – The Gift (LP, Poko Rekords, Finnland 1986)

 

Eine der größten Hoffnungen, Finnland in den 80ern auf der internationalen Landkarte der Rock Musik zu etablieren, war diese Band aus Helsinki. Hervorgegangen aus der New Wave Band Pin Ups, die Anfang der 80er Jahre eine Single und eine 12“ EP veröffentlichte, etablierten sich The Nights Of Iguana gleich mit ihrer ersten Single „Dry Nancy“ im Jahr 1986 in Finnland als die neue Band schlechthin. Ein bisschen Sleaze Rock, ein bisschen Glam und ganz viel Pop Sensibilität und großartiges Songwriting machten die Band in den finnischen Musik Gazetten zu The Next Big Thing und zur großen Hoffnung für den internationalen Markt. Das Debütalbum „The Gift“ erschien noch im selben Jahr und enthält mit „Too Many Words“ und „I’m Scared“ zwei weitere Hitsingles (in Finnland). Produziert wurde die LP von Jimi Sumén, der mit der New Romantic Band Classix Nouveaux Erfahrungen in England sammeln konnte und in seiner Heimat Finnland zur ersten Garde in den 80ern gehörte. Dennoch klingt diese LP hier erfreulich wenig Eighties typisch. Eher haben sich Musiker und Produzent auf Vorbilder aus der britischen Pub und Glam Rock Szene besonnen. Und hier und da sind auch Einflüsse von Sixties Garage Rock oder gar Psychedelia zu hören. „Dry Nancy“ erwähnte ich bereits als Debütsingle der Band, und es ist zweifellos die beste Single des ganzen Jahres. Aber auch die anderen Tracks des Albums sind von hoher Qualität. The Nights Of Iguana vereinen hier auf das Schönste die Qualitäten der Rolling Stones aus vergangenen Tagen mit dem Zeitgefühl der Achtziger. Diese Platte strotzt nur so von großartigen Hooks und Melodien. Sie ist vielseitig und macht riesigen Spaß! Und immer wenn man denkt, jetzt kann nichts mehr kommen, gibt es eine weitere Steigerung. So ist der Schlusstrack „Goodbye“ eine der schönsten Glam Rock Balladen, die David Bowie nie geschrieben hat und Mott The Hoople nie gespielt haben. Übertroffen werden The Nights Of Iguana im Jahr 1986 bei den Alben nur noch von ihren Landsleuten Eppu Normaali und von The Game Theory aus Kalifornien. Aber das sind zwei ganz andere Geschichten. The Nights Of Iguana veröffentlichten 1987 eine zweite LP „Grapefruit Tree“, die hier bei Gelegenheit gesondert gewürdigt werden wird. Auch live war die Band großartig, wovon ich mich mehrfach in Finnland überzeugen konnte. Leider wurden alle Hoffnungen auf einen internationalen Durchbruch dann 1990 begraben. Kurz bevor ein von mir eingefädelter Lizenzvertrag in Deutschland besiegelt werden sollte, setzte sich der der Sänger Floyd Superstar (wie er sich in einer gewissen Selbstüberschätzung nannte) nach Kalifornien ab, und die Band lag erst mal auf Eis. Es erschien dann zwar noch eine in L.A. aufgenommene 12“EP, aber die Band löste sich wegen verschiedener Ego Probleme und nicht zuletzt wegen der heftigen Heroinsucht des Sängers kurz danach auf. Floyd (eigentlich Tero Isohanni) starb 2006 im Alter von 44 Jahren an den Folgen seines jahrelangen Drogenmissbrauchs. Die Band wurde vom Bassisten Delay und Gitarristen Puka im Jahr 2010 mit neuen Mitmusikern LPNightsun.jpgwiederbelebt. Allerdings wohl nur für gelegentliche Live Auftritte. Das Debütalbum bleibt ihr größtes Vermächtnis. *****

 

Night Sun – Mournin’ (LP, Zebra, D 1972)

 

Eigentlich kenne und besitze ich diese LP schon seit Jahren, ja seit Jahrzehnten. Aber in meinen Fokus geriet sie erst kürzlich wieder durch eine Liste der 100 obskursten (oder besten obskuren) Hard Rock LPs der späten 60er und frühen 70er im Flashback Magazin. Die Band stammt aus der Gegend von Heidelberg / Mannheim und ging aus der örtlichen Jazz Szene hervor. Hören kann man das auf ihrer einzigen LP hier allerdings kaum noch, wenn überhaupt. Die Gitarre von Walter Kirchgässner erinnert eher an Ritchie Blackmore. Und der Gesang von Bruno Schaab orientiert sich an Robert Plants. Knut Rösslers Orgel wiederum hat was von Jon Lord. Dazu kommt dann noch ein Songwriting, dass sehr eigen und originell ist, wie wohl es gelegentlich Black Sabbath evoziert. Alles in allem also eine äußerst gelungene Mischung. Aufgenommen und produziert wurde die LP im Windrose Studio in Hamburg von Conny Plank, der auch bei dem Stück „Got A Bone Of My Own“ als Co-Autor genannt wird. Die Produktion ist entsprechend innovativ und äußerst einfallsreich. Nicht nur haben wir es hier mit versierten Instrumentalisten zu tun, auch die Kompositionen und Arrangements weisen einen hohen Grad an Originalität und Einfallsreichtum auf. Neben dem bereits genannten „Got A Bone Of My Own“ gehören das düstere „Living With The Dying“ und das fast hymnische „Come Down“ zu den Highlights der durchweg hörenswerten Platte. Warum die LP und diese Band damals nicht über den Rhein / Neckar Raum hinaus bekannt wurde, ist mir ein Rätsel. „Mournin‘“ ist die wohl beste deutsche Rock LP der frühen Siebziger. Und auch im internationalen Vergleich schneidet die Platte richtig gut ab. ****1/2

 

LPButtocks.jpgLPCharlies.jpgCharlies - Buttocks (LP, Love Records, Finnland 1970)

Charlies – Julisteiden liimaajat (Soundtrack) (LP, Anar Cinema, Finnland 1970)

 

Die Band aus Lahti, das die meisten Leute nur als finnischen Wintersportort kennen, ist eines der bestgehüteten Geheimnisse der finnischen Rockmusik. Dazu kommt dann noch, dass es Ende der 70er auch eine Mainstream Disco Pop Band namens Charlies in Finnland gab. Da existierte die Gruppe, um die es hier geht, allerdings schon längst nicht mehr. Irgendwie hat dieses Umstand jedoch dazu geführt, dass finnische Rockmusik Freunde bei der Erwähnung des Namen Charlies immer gleich abwinken. Und im Ausland hatten unsere Jungs aus Lahti nie irgendeine Aufmerksamkeit erlangt, mit Ausnahme eines Artikels im NME, in dem aus Anlass des Ruisrock Festivals in Turku einige finnische Bands vorgestellt wurden. Der Gig der Charlies dort im August 1970 muss verdammt großartig gewesen sein, wenn man ihrem Chronisten Hara Järvinen folgt, der die Geschichte der Band in einer umfangreichen Beilage zu den Re-Issues dieser LPs hier erzählt. Leider erschien „Buttocks“ damals erst Ende des Jahres 1970. Da war die Wirkung des NME Artikels bereits verpufft, falls es überhaupt eine gab. Wie auch immer, ich selbst stieß auf die Charlies tatsächlich auch erst anlässlich ihrer kurzzeitigen Reunion im Jahr 1997. Eigentlich ist „Buttocks“ sogar schon die zweite LP der Band. Ende 1969 wurden sie engagiert, die Musik zu einem finnischen Avantgarde Film zu machen. Der Film trägt den Titel „Julisteiden liimaajat“ (Die Plakatkleber). Er wurde nur einmal gezeigt im Frühjahr 1970 auf dem Tampere Film Festival und verschwand dann in der Versenkung. Das Soundtrack Album erschien ebenfalls Anfang 1970 in einer Auflage von 300 Stück in einem kleinen Filmverlag. Die Musik der Charlies war da noch stark von Blues und Bluesrock geprägt und er-innert durchaus an Cream oder Jimi Hendrix. Auch diese erste LP ist inzwischen wiederveröffentlicht. Nun aber zur LP „Buttocks“. Die Musik hier ist eine recht eigenwillige Mischung aus Bluesrock mit immer noch stark Hendrix inspirierten Gitarrenklängen und einer ganz eigenen Art von finnischen Prog Jazz mit Flöte, Saxophon und Piano. Und genau diese Mischung von verzerrter, rotziger Bluesgitarre und beinahe folkloristischer Flöte einerseits sowie jazzig improvisierendem Saxophon andererseits ist es auch, was die Platte spannend und hörenswert macht. Meine Favoriten sind der Opener „Tuesday Song“, der im traditionellen Blues Schema  mit exotischen Perkussionsinstrumenten aufwartet. Außerdem das fast verträumte und eher verhaltene „Smoggy Story“ sowie das beinahe klassische „For You Catherine And Before You“, das in zwei Teile zerfällt. Einen ruhigen mit lei-sen Flötentönen und entspannter Atmosphäre und einen schnellen wilden Teil mit exaltierter Gitarre und treibendem Beat. Der Bandname Charlies ist übrigens abgeleitet vom US Army Code für den kommunistischen Gegner in Vietnam „Victor Charly“ oder kurz VC (Viet Cong). Für die Amerikaner waren bald alle kommunistischen Gegner Charlies. Die Band wollte mit ihrer Namenswahl also eine gewisse Sympathie für die Gegner der Amis zum Ausdruck bringen. Und auch das Coverbild eines aus einem Tümpel ragenden Schweinehintern darf ähnlich verstanden werden. Beide Charlies LPs wurden kürzlich von Label Shadoks wiederveröffentlicht. Wie bereits gesagt ist das erste Album, der Film Soundtrack, noch weit stärker am Blues und Bluesrock orientiert. Zum Teil wird noch Finnisch gesungen. Besonders bei dem herausragenden „Rautavaimo“ (Iron Wife) ist auch der Einfluss von Led Zeppelin zu hören. Einige kurze Stücke haben allerdings typischen Soundtrack Charakter, sind also mehr Klangcollagen. Kernstück des Soundtracks ist dann das über 18 Minuten lange „Sunshine Supergirl“, das sich aus einer fröhlichen Westcoast Rock Melodie zu einem spontanen Improvisationsjam entwickelt, der zwischen Ten Years After und Cream changiert, inklusive exaltiertem Schlagzeugsolo. Das Re-Issue der LP enthält auch die erste Single der Charlies aus dem Jahr 1969 sowie zwei Cover von Blues Standards, die damals unveröffentlicht blieben. „Buttocks“ gefällt mir letztlich besser als das Debüt, weil es ausgereifter, entwickelter wirkt. Julisteiden liimaajat ***1/2 Buttocks ****

         

LPKidLoco.jpgKid Loco – Kill Your Darlings (2LP, Yellow Productions, France 2001)

 

Ich muss zugeben, ich wurde auf dieses Album zunächst durch das Cover aufmerksam. Und dann landete die Single „A Little Bit Of Soul“ auf der Playliste meines Heimatsenders. Und ich mochte diesen Song, diese Single. Ich mag sie immer noch. Und auch das ganze Album bietet sehr entspannte, groovige Musik, zwischen TripHop und Mazzy Star, zwischen Velvet Underground und Lounge Pop. Das klingt merkwürdig, ich weiß. Ok, Louise Quinn (von der schottischen Band Quinn) hat nicht ganz die engelsgleiche Stimme von Hope Sandoval, doch ist eine Ähnlichkeit unüberhörbar. Louise singt allerdings auch längst nicht bei allen Tracks des Albums. Der Engländer Tim Keegan (u.a. Departure Lounge) singt etliche Stücke. Außerdem spielt er Gitarre. Louise singt dann die Backings.  Die Platte hat eine überwiegend lethargische laid back Atmosphäre. Der Rhythmus wird gerne etwas verschleppt, die Orgel, die Gitar-ren und andere nicht so leicht identifizierbare Instrumente grooven dahin. Songtitel wie „Three Feet High Reefer“ oder „Gypsie Good Time“ sprechen für sich.  Bei „Here Come The Munchies“ wird es sogar fast rockig. Wobei das eher so ein Rock ist wie in The Jesus & Mary Chain meet Canned Heat, komplett mit Mundharmonika und verzerrtem Bluesgitarren-riff. „I Can’t Let It Happen To You“ ist ein Song aus der Feder von John Maus und also ein Cover der Walker Brothers. „Going Round In Circles“ ist dann eher Club Musik mit einem gewissen Feeling von Rave und Psychedelia. Der letzte Track „I Want You“ führt zurück zu Singer / Songwriter Traditionen. Kid Loco heißt eigentlich Jean-Yves Prieur und ist ein französischer Elektronik Musiker und Produzent. Er hat unter seinem weiteren Pseudonym Kid Bravo die Songs zusammen mit Tim Keegan geschrieben, die Arrangements erdacht und die Platte produziert. Eine feine, eine abwechslungsreiche und sehr hörenswerte Platte. ****

 

LPMorgan.jpgMorgan – Organized (LP, Source, UK 2000)

 

Auf diese Platte wurde ich wieder aufmerksam gemacht durch einen Plattenladen Lobbyisten aus Bensheim. In dessen Liste seiner Lieblingsplatten, die im Forum des deutschen Rolling Stone veröffentlicht wurde, steht die LP ganz oben. Grund genug sie mal wieder aus dem Regal zu ziehen und aufzulegen. Dunkel konnte ich mich erinnern, dass mir die Scheibe schon bei ihrem Erscheinen im Jahr 2000 positiv auffiel. Irgendwie geriet sie dann jedoch in Vergessenheit. Wie das so ist mit Platten, die weder zum allgemeinen Kanon gehören, noch in der eigenen Wertschätzung soweit vorne liegen, dass sie ständig neben dem Plattenspieler stehen. So viel zur Einleitung. Die Musik hier ist zeitloser Sixties informierter Britpop, der trotzdem eher frisch und überhaupt nicht retro klingt. Hammondorgel, diverse Gitarren, einfallsreiche Perkussion, viel Groove und sehr schöne Melodien, sowie teils überraschende Arrangements machen das Ganze zu einem nie langweiligen Hörerlebnis. Morgan, das ist eigentlich Morgan Nicholls aus London, der Sohn von Billy Nicholls. Ja, dieser Billy Nicholls, der 1968 eine LP für Immediate aufnahm, die heute zu den seltensten und teuersten Artefakten der psychedelischen Ära gehört. Vater Nicholls ist übrigens als Gast bei ein paar Tracks hier dabei. Morgan Nicholls spielte in den Neunzigern jahrelang in der Band The Senseless Things, einer Britpunk und Rock Band, die sich an den Ramones, The Dickies und Mega City Four orientierte. Nach Auflösung der Band gegen Ende der 90er begann Morgan, allein im Studio an Songs und Song-schnipseln zu werkeln. Dabei schlug dann auch sein musikalisches Erbe durch. Schließlich erstand er über Beziehungen die Hammondorgel von Pete Townshend, die fortan sein Hauptinstrument wurde. 1999 erschien eine Single „Miss Parker“, die Morgan noch ganz allein im Studio zusammengeschraubt hatte. Darin gesampelt ist ein Rap von Morgans Bruder William, der sich über seine Erdkundelehrerin Miss Parker auslässt. Eine weitere Single „Soul Searching“ erschien noch im selben Jahr. Sehr am Stax Sound orientiert, aber auch mit ein paar „modernen“ Facetten. Das Album wurde dann mit diversen Gastmusikern mehr oder weniger live im Studio aufgenommen. Die ganze Familie Nicholls (Vater, Bruder, Schwester, Kusine) ist beteiligt, aber z.B. auch Pete Townshend am Bass bei einem Stück. Gastsänger und -sängerinnen sorgen für Vielfalt und Abwechslung. Gegen Ende wird die Platte übrigens einerseits verspielter, psychedelischer, wenn man so will. Andererseits klingt manches auch recht modern, von Triphop inspiriert. Insgesamt ist „Organized“ sicher nicht die beste Platte aller Zeiten, aber ein durchaus kurzweiliger, inspirierender Hörgenuss. ****

    

LPJatsin.jpgKari Peitsamo ja Ankkuli – Jatsin Syvin Olemus (LP, Svart Records 2014 / Love Records 1977)

 

Das finnische Label Svart Records bringt nicht nur neue Platten junger Bands und Musiker in erstaunlicher stilistischer Vielfalt raus. Neuerdings erscheinen auch diverse Klassiker der finnischen Rock Geschichte remastert und in limitierter Auflage neu auf Svart. So auch das Debütalbum von Kari Peitsamo. Peitsamo wurde 1957 in Nokia, einer Kleinstadt westlich von Tampere, geboren. Damals stellte man dort noch Gummistiefel her, keine Mobiltelefone. Sein Debüt fiel zusammen mit dem Entstehen einer finnischen Punk und New Wave Szene. Allerdings zählte er sich selbst wohl nie dazu, und seine Musik hat auch mit Punk so direkt nichts zu tun. Eher schon kann man ihn mit Jonathan Richman vergleichen. Peitsamos Debüt enthält 20 Tracks. Alle recht kurz, schlicht instrumentiert, aber absolut auf den Punkt. Gleich der Opener war Peitsamos erster und größter Hit, „Kauppaopiston Naiset“ (die Frauen aus der Hochschule für Wirtschaft). Ein absolut eingängiger Rock’n’roll Song, der auch heute noch in Finnland im Radio gespielt wird. In „Uskon Beatleksiin“ (Ich glaube an die Beatles) wird der Protagonist von seiner Freundin verschmäht. Aber es stört ihn nicht weiter, denn die Beatles werden eines Tages vom Himmel herabsteigen und der Welt den Frieden bringen. Im Titelsong des Albums „Jatsin Syvin Olemus“ geht es um die tiefe Bedeutung der Jazzmusik, die darin besteht, dass es keine gibt. Die Texte sind oft dadaistisch und von ironischen Wortspielen geprägt. Wer kein Finnisch versteht kann sich an den eingängigen Melodien und der schlicht prägnanten Rock’n’Roll Musik erfreuen. In Trio Formation werden Bass, Gitarre und Schlagzeug zum Teil auch ohne elektrische Verstärkung gespielt. Das erinnert tatsächlich sowohl an The Modern Lovers, aber auch an das deutsche Trio aus Großenkneten. Die Band hier besteht neben Peitsamo aus den Begleitmusikern des finnischen Sängers und Songwriters Juice Leskinen, der auch selbst als Backgroundsänger mit dabei ist. Und das Songwriting von Kari Peitsamo orientiert sich hier auch noch zum Teil am großen Vorbild Juice. Das Albumcover wurde vom in Finnland sehr bekannten Grafiker und Cartoonisten Juho Juntunen gestaltet. Trotz seiner 20 Tracks bringt es das Album nur auf eine Gesamtspielzeit von 36 Minuten und 14 Sekunden. Die Hitsingle „Kauppaopiston Naiset“ besitze ich seit Jahren. Dieses Album habe ich aus mir selbst unerklärlichen Gründen bisher immer stehen las-sen. Das hat sich nun geändert. ****

 

Paddy, Klaus & Gibson – I Wanna Know + 5 (10”, Care Company, limitiert auf 300 Stück)

 

Diese Ten Inch EP ist eine Privatpressung eines Fans und Freunds von Klaus Voormann. Hier versammelt sind die drei Singles des Trios Paddy, Klaus & Gibson, die 1965 und 66 auf Pye Records im UK erschienen. Paddy Chambers und Gibson Kemp hatten zuvor schon in verschiedenen Bands in Liverpool gespielt. Zusammen mit Klaus Voormann gründeten sie The Eyes, eine Band, die eine Single auf Star Club Records veröffentlichte und damals auch regelmäßig im Hamburg auftrat. Aus dieser Band entstand dann das Trio. „I Wanna Know“ ist ein Cover des französischen Beitrags zum Grand Prix D’Eurovision 1965. Und so klingt es auch, sehr chansonartig. Die Flipside „I Tried“ ist eine eigene Kompo-sition und sehr beatleesk. „No Good Without You Baby“ ist im Original eine Motown Single. Es gibt auch eine Version von The Birds, die kraftvoller und mehr Freakbeat ist, als diese Version hier, die aber durchaus reizvoll klingt. Auch die B-Seite „Rejected“ klingt ein wenig nach Freakbeat. Die letzte Single der drei Beatmusiker „Teresa“ ist hübsch, aber deutlich aufregender ist die Flipside „Quick Before They Catch Us“. Eine Modbeat Nummer mit ungewöhnlichem Beat, die übrigens auch Titelmusik einer gleichnamigen TV-Serie war, die heute wohl kaum noch jemand kennt. Das Cover der EP ziert übrigens ein von Klaus gezeichnetes Band Porträt, das auch schon auf dem Backcover der Eyes Single zu sehen war. ***1/2

 

Various Artists – German Measles Vol. 1 + Vol. 2 (LP, Cree Records)

 

Zwei Sampler mit Beat, Freakbeat und Garage Pop aus Deutschland aus den Sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Zusammengestellt wurden sie von Mike & Anja Stax vom Ugly Things Fanzine. Mike Stax wanderte schon in den frühen Achtzigern von England in die USA aus. Seit über 20 Jahren gibt er mit seiner deutschen Frau Anja das Fanzine Ugly Things heraus, das als Pretty Things Fanzine begann und inzwischen zum umfassendsten und lesenswertesten  Magazin für alles was mit Sixties Garage Rock und Pop zu tun hat geworden ist. Für die Liner Notes dieser beiden Sampler haben Anja und Mike vermutlich das Standardwerk zur Geschichte der deutschen Beatmusik „Shakin’ All Over“ von Hans Jürgen Klitsch zu Rate gezogen. Gemastert und gepresst wurden die LPs in Deutschland unter der Ägide von Bear Family Records, das auch den Vertrieb in Deutschland organisiert. Bear Family hat bekanntlich auch in den meisten Fällen den direkten Zugang zu Masterbändern und Archiven hier in Deutschland. Die erste LP versammelt einige der besten Tracks deutscher Beat Bands, wobei hier vor allem die noch sehr R&B und Garage Beat orientierten Aufnahmen berücksichtigt wurden. So großartige Singles wie „I’m Your Guy“ von The Blizzards, „Right Time“ von The Petards, „Hear What I Say“ von The King-Beats, “Give Your Love To Me” von Les Copains, “What Shall I Do” von The Details oder “But You Never Do It Babe” von The Boots sind dabei. Und auch der Song „German Measles“ von The Subjects ist vertreten, der den Sampler-Titel lieferte. Dass es in der alten Bundesrepublik unzählige Beat Bands gab in den Sixties, ist ja nichts wirklich Neues. Aber dass doch so viele wirklich tolle Aufnahmen dieser Bands gab damals, das hat sich vermutlich noch nicht überall herumgesprochen. Auch wenn viele der Bands durch regionale und zum Teil auch überregionale Live Auftritte einige Jahre ganz gut ihren Lebensunterhalt verdienten, so wurde doch kaum eine wirklich so bekannt und erfolgreich wie ihre britischen und amerikanischen Kollegen und Vorbilder. Diese beiden Sampler hier zeigen jedoch, dass sich die deutschen Beat Bands durchaus nicht verstecken mussten. Besonders auf dem zweiten Sampler wird deutlich, dass sich sogar eine gewisse eigene Spielart des deutschen Freakbeat und Psych Pop entwickelte. Hier sind solche Schätzchen wie „Lady Greengrass“ von The Ones, „It Is You“ von Improved Sound Ltd., „Hab keine Lust heut aufzustehn“ von The Blizzards, „Mr. Cool“ von The Rags und der inzwischen über Deutschland hinaus zum Kultschlager avancierte „Hund von Baskerville“ von Cindy & Bert versammelt. Bei letzterem handelt es sich um eine deutsche Version von Black Sabbaths „Paranoid“, falls jemand das noch nicht wusste. Auch wenn The Rivets, The Boots, The Petards und einige andere durchaus auch überregional bekannt waren und sogar LPs veröffentlichten und im Fernsehen auftraten, die einzige Band mit richtigen Chart Erfolgen hier in diesem Reigen sind The Lords aus Berlin. Allerdings ist hier von ihnen ein Albumtrack „The World Is Falling Down“ aus-gesucht worden, der zum Glück mit dem simplen Stampf und Schunkel Beat ihrer Single Hits nichts zu tun hat. Auch in deutschen Tonstudios wusste man damals schon was Phasing und Flanging ist und wie man eine Gitarre rückwärts aufnimmt. Und auch die Fuzzbox hatte man bereits 1966 importiert und zum Einsatz gebracht. Auf diesen beiden Samplern sind tatsächlich 32 der schönsten Beat und Freakbeat Aufnahmen aus deutscher Produktion versammelt. Es gibt übrigens durchaus noch mehr. Einer Fortsetzung der Reihe steht zumindest aus meiner Sicht nichts im Wege. Bei Samplern Sterne zu vergeben, ist eigentlich unmöglich. Aber unter *** ist hier kein Track, einige sind sogar besser als ****.

 

The Studio 68! – Portobellohello (CD, Paisley Archive)

 

Das Paisley Archive ist ein Sublabel des britischen Mod Labels Detour Records. Labelbetreiber Dizzy will hier die heimlichen Klassiker der britischen Mod Szene der Neunziger auferstehen lassen. Leider wohl nur auf CD. Wie auch immer, dieses 16-Track Album ist eine Offenbarung. Beim Lesen des promo-sheets dachte ich zunächst an die üblichen Übertreibungen, aber ich bin wirklich angenehm überrascht. Dizzy verspricht nicht zu viel, wenn er schreibt, diese Platte müsse in einem Atemzug mit „The Last Fourfathers“ von The Prisoners oder gar „Ogden’s Nut Gone Flake“ von den Small Faces genannt werden. Ich kannte bisher nur eine 7“ und eine 12“ EP der Band aus dem Jahr 1991. Studio 68! war eine englische Mod Band, die ab ca. 1988 in der Szene auftauchte und sogleich zusammen mit den damaligen Größen dieser Szene auftrat wie etwa The Clique oder The Moment. Anfang der 90er wurde die Band vom NME in einer Liga mit proto-Britpop Bands wie Dodgy gesehen. Diese LP hier entstand 1992 innerhalb von nur zwei Wochen, wurde jedoch zunächst nicht veröffentlicht, und die Masterbänder verschwanden in der Versenkung. Jetzt also sind die Tapes wieder aufgetaucht, und Dizzy Holmes hat die Gelegenheit beim Schopfe gepackt. Die Produktion ist erstaunlich kraftvoll, ausgeglichen aber nicht glatt. Die Bandbreite reicht von Freakbeat über Garage Rock bis zu psychedelischem Mod Pop. Verzerrte Gitarrenriffs, Hammond Breitseiten und eine starke druckvolle Rhythmus Abteilung sorgen für genügend Adrenalin. Und das Songwriting ist von klassischen Mod und Britpop inspiriert. Die „Doubledeckerbus“ Single ist hier komplett vertreten, ebenso zwei Tracks der 12“ EP „Lighthouse“ und „Pop Star’s Country Mansion“. Aber das sind nicht mal die herausragenden Tracks des Albums. Der Opener „Windfall“ setzt sofort hohe Maßstäbe, und es geht mit großartigen Modpop Hymnen weiter. Eine sehr gelungene Instrumentalversion von Python Lee Jacksons „In A Broken Dream“ ist die einzige Fremdkomposition auf der Platte. Diese Scheibe gehört in jeden Sixties und Mod affinen Haushalt. Aber schnell muss man sein. Es gibt nur 200 Stück. ****

 

DistortionsVibravoid – Distortions (2LP/CD, Stoned Karma Records)

 

Vibravoid aus Düsseldorf haben weiter in ihren Archiven aufgeräumt und diese umfangreiche Wiederveröffentlichung mit zum Teil wirklich raren und noch gar nicht erschienenen Tracks zusammengestellt. Neben eigenen Kompositionen finden sich etliche Coverversionen auf diesem Doppelalbum. „Eye Shaking King“ (Amon Düül II), „Mother Sky“ (Can), „Anxious Colours“ (The Painted Faces), „Ruckzuck“ (Kraftwerk), „Astronomy Dominé“ (Pink Floyd), „Oscillations“ (Silver Apples) und “Rauchkraut” (Mashantra) sind hier dabei. Das sind ja zum Teil echte Klassiker, die da interpretiert werden, wobei die Klasse, der Zauber der Originale leider nie erreicht wird. Aber die eigenen Kompositionen der Düsseldorfer sind ja durchaus nicht so übel. Ziemlich heftiger Acid Rock und mitunter auch ganz schön durchgeknallter Space Rock wird da geboten. Die zweite Hälfte der zweiten Platte wurde live in Bari (Italien) aufgenommen. Da zeigt sich, dass die Band auch auf der Bühne bestehen kann und dabei auch durchaus spontanen Improvisationen nicht abgeneigt ist. Alle Aufnahmen wurden auf Vintage Equipment analog remastert. Übrigens spielen Vibravoid auch zu Ostern im Postbahnhof beim ersten zweitätigen Berliner Psych Fest. ***

 

Maggie Bell – Suicide Sal (LP, Polydor, 1975)

 

Kennen gelernt habe ich Maggie Bell als Sängerin der schottischen Band Stone The Crows in den frühen Siebzigern. Eine tolle Stimme und übrigens auch eine gute Band. Als Leslie Harvey, Gitarrist der Band und der jüngere Bruder von Alex Harvey, 1972 beim Soundcheck auf der Bühne an einem Stromschlag starb, war das der Anfang vom Ende der Band. Maggie wurde wie schon die gesamte Band weiterhin von Peter Grant, dem Led Zeppelin Manager, betreut. Er besorgte ihr zunächst einen Vertrag als Solokünstlerin bei Atlantic. 1974 kam sie dann ebenso wie Bad Company und The Pretty Things beim Zeppelin eigenen Label Swan Song unter. „Suicide Sal“ war ihr zweites Soloalbum. Und ausgerechnet auf der letzten Berliner Comic Börse fiel mir ein sehr gut erhaltenes Exemplar in die Hände. Die Platte entstand in Ringo Starrs Startling Studio in Tittenhurst Park in Ascot. Die gesamte Tourband von Maggie war im Studio und auch noch der eine oder andere Gastmusiker. Die Songs waren allesamt Tour erprobt, was man der Platte durchaus anhört. Der Opener ist „Wishing Well“, ein Cover des Free Klassikers aus dem Album „Heartbreaker“. Und Maggie interpretiert den Song mindestens so gut wie Paul Rodgers. Das Titelstück „Suicide Sal“ klingt einerseits nach Ballroom und Vaudeville, andererseits ist aber eine gelungene Blues Rock Nummer. „I Was In Chains“ ist dann eigentlich Folkrock, obwohl sowohl Maggies Stimme als auch das Arrangement doch in Richtung Rockballade weisen. Bei „If You Don’t Know“ steigert sich Maggies Stimme bis hin zu kratzigem Grollen. Und Jimmy Page spielt ein Solo auf der Gitarre. „What You Got“ ist dann eine flotte Boogie Rock Nummer, die sofort in die Beine geht. „In My Life“ aus der Feder von Leo Sayer und Dave Courtney ist eine gefühlvolle Ballade, getragen von Keyboard und Gitarre, die Maggies Stimme so richtig zur Geltung bringt. Dass sie damals als Pendant zu Janis Joplin gehandelt wurde, wird hier ganz deutlich. Seite zwei beginnt mit „Comin’ On Strong“, das noch deutlich an Stone The Crows erinnert. Es folgt eine wunderbar gefühlvolle Ballade mit Fender Rhodes Piano und Slide Gitarre aus der Feder von Paul Kossoff: „Hold On“. Und aus Lennon / McCartneys „I Saw Her Standing There“, das im Original eine unschuldige Merseybeat Nummer ist, wir bei Maggie „I Saw Him Standing There“ und eine kratzbürstige Boogie Woogie Rock’n’Roll Geschichte. Die Platte endet mit einer Gospelballade „It’s Been So Long“, geschrieben von Phil May und ursprünglich auf dem Pretty Things Album „Silk Torpedo“ erschienen. Auch hier drückt Maggie Bell dem Song ihren ganz eigenen Stempel auf. Mit Piano und Saxophon und natürlich Maggies Stimme steigert sich der Track zu einem perfekten Finale. Eine tolle Platte, die ich tatsächlich bisher nicht kannte. ****

 

Nirvana – In Utero (2CD/4LP, Geffen)

 

In UteroVor 20 Jahren erschien die dritte und letzte Studio-LP dieses Trios aus Seattle, das zwei Jahre zuvor mit seinem Major Debüt die Rock Landschaft nicht nur der USA vollkommen umgekrempelt hatte. Über Kurt Cobain und die Umstände, die zu dieser Platte und ein halbes Jahr später zu seinem Selbstmord führten ist so viel geschrieben worden in allen großen und renommierten Musikzeitschriften, deshalb soll es hier vor allem um die Musik selbst gehen. Während „Bleach“ noch ein sehr rohes Grunge/Punk Album ist, dem Kurts Pop Affinität nur ausnahmsweise anzumerken ist, kommt bei „Nevermind“ zusammen, was nach Ansicht mancher Kritiker und Pop Puristen gar nicht zusammengehen kann. Da ist der verzerrte Gitarrensound und der brachiale Rock auf der einen Seite und die wunderbaren Popmelodien auf der anderen. Butch Vig hat das auf vortreffliche Weise verstanden und den Pop herausgestellt, ohne den Rock zu unterdrücken. „In Utero“ ist eigentlich eine durchaus gelungene Fortführung dieses Konzepts, wären da nicht die Störfeuer am Anfang und zwischendrin, die Kurt sich und seinem Publikum verpasst hat. Aber genau wegen dieser Ausbrüche und der teilweisen Verweigerungshaltung Kurts ist wohl letztlich die ehrlichste und genialste Platte der Band herausgekommen. Einerseits gibt es hier einige großartige und gefühlvolle Popsongs, die den Hits der vorangegangenen Platte nicht nachstehen. „Rape Me“ etwa greift das Teen Spirit Riff wieder auf, wirkt aber doch viel zerbrechlicher und dadurch überzeugender. „Heart-Shaped Box“ und „All Apologies“ sind ebenso persönlich wie eingängig. Die Frage hier ist eher, wer braucht eigentlich diese aufgemotzte Ausgabe zum 20. Jubiläum? Ok, die Bonustracks, also die Single B-Seiten, sind ja ganz schön für Leute, die keine Singles kaufen. Die vielen verschiedenen Mixe derselben Aufnahmen kann ich ehrlich gesagt kaum auseinander halten. Allerdings gefällt mir der neue Mix des originalen Albums, den Steve Albini jetzt angefertigt hat, erstaunlicherweise wirklich besser, als der alte Mix von 1993. Klarer und durchsichtiger wirkt die Platte jetzt auf mich. Und dynamischer, wer hätte das gedacht. Die frühen Demos einiger Songs sind aber doch eher was für Hardcore Fans. Ich brauch die nicht. ****

 

Rainbirds – 25th Anniversary Edition (2CD/DVD, Universal)

 

„Blueprint“ war der Hit der Rainbirds schlechthin. Man konnte dieser Aufnahme im Jahr 1988 einfach nicht entkommen. In den Charts, im Radio und auch live – überall lief „Blueprint“. Und dieses Riff, diese Melodie, diese Stimme, das alles zusammen ist ja auch sehr einnehmend, um nicht zu sagen phantastisch. Nachdem Les Black Carnations sich wegen unterschiedlicher musikalischer Vorstellungen und Prioritäten aufgelöst hatten, machte Katharina Franck mit ihren eigenen Songs, die sie bei den Carnations nicht so recht hatte unterbringen können, und mit neuen Musikern weiter. Und nach etlichen Wochen und Monaten des Ausprobierens und am Sound Feilens, nach einem gewonnenen Senatsrockwettbewerb und einer kurzen und erfolgreichen Kanada Tournee, war der Vertrag mit George Glück als Manager und Universal als Plattenfirma unter Dach und Fach. Unter der Ägide des alten Krautrockers, vor allem aber erfahrenen und erfolgreichen Produzenten Udo Arndt und unter maßgeblicher Mitwirkung des gewieften Studiogitarristen Peter Weihe entstand das Debütalbum der inzwischen nach einem Tom Waits Song Rainbirds benannten Band. Das Album erschien Anfang 1988 und kletterte bis auf Platz 2 der Media Control Charts. 33 Wochen hielt sich die LP in den deutschen Charts. Auch in Österreich und der Schweiz war die Band um Katharina Franck erfolgreich. Doch Versuche, Katharinas Songs und den Sound der Rainbirds im Mutterland der Popmusik in England zu etablieren, scheiterten allesamt, trotz großen Engagements der Plattenfirma. Zu den Konzerten in London kamen überwiegend deutsche Emigranten oder Touristen. Aber zurück zur Platte. Die Songs Katharinas sind ganz überwiegend wirklich toll. Und natürlich gab es damals kaum jemanden, der nicht von ihnen berührt wurde. Die Produktion fand ich damals irgendwie zu glatt, zu aufgemotzt. Ich kannte die Songs ja alle von Demotapes und Live Gigs. Aber wenn ich das Album jetzt höre mit 25 Jahren Abstand, dann muss ich zugeben, es klingt durchaus differenziert und ausgewogen. Nur manchmal sind die Drums etwas zu knallig und zu dominant. Nach den Achtzigern klingt die Platte erfreulicherweise kaum. Zu den zehn Tracks des originalen Vinylalbums gesellen sich hier noch drei Bonustracks, die damals als Single B-Seiten erschienen. Zwei davon gab es auch schon auf der alten CD Version. Was aber diese Jubiläumsausgabe vor allem interessant macht, das ist die zweite CD und dann auch die DVD. Da sind zunächst fünf Live Tracks aus dem Jahr 1989 schon in der Besetzung mit Ulrike Haage an den Keyboards, die zeigen, dass die Band auf der Bühne unglaublich überzeugend wirkte. Nicht zuletzt der junge Rodrigo Gonzalez legt sich hier mit Gitarrensoli ins Zeug, die man bei Depp Jones oder den Ärzten leider nie von ihm hörte. Und dann gibt es da sechs Demotracks von Katharina, die sie ganz allein mit einem 4-Track oder 8-Track Recorder im Overdub-Verfahren aufgenommen hat. Diese Aufnahmen beeindrucken in ihrer ungeschliffenen fast rohen Direktheit. Man versteht hier u.a., warum Katharina ein großer Fan von Patti Smith war und wohl noch ist. Besonders „We Make Love Falling“ überzeugt in dieser sehr persönlichen Aufnahme. Alle anderen Demos blieben übrigens unveröffentlicht bis heute. Die DVD bietet den Mitschnitt eines Auftritts beim „International Rock Concert against Apartheid“ in Berlin Weißensee im Juni 1988, also noch in der DDR. Eine historische Aufnahme nicht nur deswegen. ****

 

The Rolling Stones – Sweet Summer Sun, Hyde Park Live (2CD/DVD/3LP, Promogracht BV / Eagle Rock)

 

Im Sommer wäre ich auch gern dort gewesen im Hyde Park mit schätzungsweise Einhunderttausend anderen Stones Fans. Stattdessen war ich in Finnland, wo ich auch sehr gern bin. Aber nun gibt es ja das Konzert als Konserve. Die unter-schiedlichen Abfolgen auf der DVD und den Tonträgern sind zunächst etwas verwirrend. Allerdings hält man sich bei genauerem Hinsehen doch relativ streng an die tatsächliche Abfolge des 13. Juli 2013. Lediglich „Before They Make Me Run“ wurde zusätzlich vom 6. Juli eingefügt. Aber natürlich kann ich nicht beurteilen, welche Aufnahme vom jeweiligen Tag stammt, da die Setlisten weitgehend identisch sind und ich natürlich weder an dem einen noch an dem anderen Tag dabei war. Auch kann ich nicht beurteilen, ob die Mitschnitte noch bearbeitet oder ausgebessert wurden. Es ist jedoch anzunehmen, dass zumindest am Sound insgesamt noch ordentlich geschraubt und gefeilt wurde, und dass etwaige Patzer weitgehend entfernt wurden. Entscheidend ist sowieso die DVD, also der optische Mitschnitt zusammen mit dem Originalton. Immer wieder erstaunlich ist, wie gut die älteren Herrschaften noch drauf sind. Mick Jagger ist 70, aber er turnt da auf der Bühne rum wie ein höchstens 40-Jähriger. Sein Laufpensum ist enorm. Man mag das lächerlich finden, dass ein alter Mann wie er, der es nun wirklich nicht mehr nötig hat, diese Strapazen auf sich nimmt. Aber was ist denn daran eigentlich lächerlich oder peinlich, wie ich neulich hörte? Es verschafft ihm und zigtausenden von Fans ganz offensichtlich höchste Befriedigung. Auch Keith und Ronnie wirken sehr entspannt. Es macht ihnen augenscheinlich großen Spaß, dort auf der Bühne zu stehen und zu spielen. Und auch diese beiden stehen ja nicht einfach da. Sie bewegen sich über die Bühne und den Laufsteg hinein ins Publikum. Sie wiegen sich im Takt, und sie lachen sich immer wieder an. Selbst Charlie wirkt nicht angespannt. Konzentriert ja, aber nicht angespannt. Wer die Stones auf einer ihrer Stadiontourneen in den letzten sagen wir 13 Jahren gesehen hat, der kann sich in etwa vorstellen, wie das abläuft. Und die Musiker sind auch weitgehend dieselben wie in den letzten Jahren. Bei „Midnight Rambler“ ist ein gut gelaunter Mick Taylor an der Gitarre zu sehen und zu hören. Natürlich sind die größten Hits der Band Pflichtprogramm, das aber souverän und mit viel Verve absolviert wird. Besonders gefällt mit Keiths Einlage als Leadsänger mit „You Got The Silver“, „Happy“ und „Before They Make Me Run“. Keith ist in Hochform und doch absolut lässig. Die DVD enthält auch Impressionen vom Auftritt der Stones 1969 am gleichen Ort. Die fügen sich erstaunlich gut ins Gesamtbild. Natürlich ist der Sound 2013 so viel besser, aber es ist schön, die Jungs noch mal für einen Moment in der Blüte ihrer Jugend zu sehen. Mick zieht an einer Stelle das Leibchen an, das er damals trug. Es passt wie angegossen. Die Figur dieses Mannes hat sich überhaupt nicht verändert. Nur faltiger ist er geworden. Überhaupt zieht er sich ständig um. Das gehört dazu. Und ich möchte nicht wissen, wie viel er zwischendurch trinkt und wie viel Kilos er trotzdem bei so einem Gig verliert. Zu den Höhepunkten der Show zählt für mich zum einen wieder „Gimme Shelter“, einer der schönsten Stones Songs sowieso, und hier wieder so großartig in Szene gesetzt mit der unvergleichlichen Lisa Fischer. Zum anderen ist bei „You Can’t Always Get What You Want“ eine große Zahl junger Frauen zu hören, Mitglieder des London Youth Choir. Auch die unterschiedlichsten Fans werden im Film gezeigt in kurzen Porträt Aufnahmen. The Rolling Stones sind ganz eindeutig eine Generationen übergreifende Band. Zwischen Acht und Achtzig ist alles vertreten im Hyde Park im Juli 2013. Das große Finale kommt dann lange nach Einbruch der Dämmerung, als es schon fast völlig dunkel ist im Park. Und natürlich spielen sie das unvermeidliche „Satisfaction“ zum Schluss. Feuerwerk und glückliche Gesichter allenthalben. Etwas über zwei Stunden lang ist die DVD. Und mit dem Song „Happy“ bietet sie sogar einen Track mehr als die LPs oder CDs. Eine feine Sache das Ganze, nicht nur für die, die dabei waren. Man darf gespannt sein, was noch so kommt. Wird es weitere Konzerte geben im nächsten Jahr? Wird es eine neue Studioplatte geben? The Rolling Stones sind wie es scheint immer noch gut drauf. Warum also nicht? Zumindest Keith und Ronnie traue ich zu, dass sie weitermachen, bis sie einfach umfallen auf der Bühne. ****1/2

 

The Aggregation – Mind Odyssey (LHI, 1969)

 

Aufmerksam wurde ich auf diese LP durch das Leserforum des deutschen Rolling Stone. Ein Original der LP aufzutreiben, erwies sich als schier unmöglich. Aber es gibt ein (eher inoffizielles) Re-Issue auf Vinyl aus den 90ern und eine CD aus dem Jahr 2008. Die LP scheint eher ein Studio Projekt gewesen zu sein. Lee Hazlewood wurde 1968 auf die Band aufmerksam, weil die Musiker in Disneyland als Showband auftraten. Eine Single erschien zunächst auf LHI Records, deren Flipside eine recht eigene Version von Donovans „Sunshine Superman“ bot. Die Aufnahmen zur LP „Mind Odyssey“ entstanden dann nur wenig später, nachdem die Single „Maharishi“ vor allem in Boston einiges an Airplay bekommen hatte und Hazlewood Hoffnungen in einen Erfolg der Band setzte. Die Musik auf diesem Album stellt eine recht ungewöhnliche Mischung aus Sunshine Pop, Psychedelia, Prog Rock und ordinärem Tanzorchester dar. Die Band bestand aus studierten Musikern, echten Profis also. Die Texte zu ihrer Musik schrieb allerdings eine Freundin des Drummers der Band. Der Anfang der Platte erinnert an die Konzeptalben der Moody Blues seinerzeit. Einige Arrangements wiederum scheinen von Curt Böttcher inspiriert zu sein. Wie überhaupt allerlei geschickte Anleihen bei den erfolgreichen Pop und Rock Werken der späten Sixties konstatiert werden können. Allerdings wirken diese nie wie plumpe Plagiate. Eher wie eine zufällige Inspiration. Am abgedrehtesten ist der Track „The Long Windy Tunnel“, der schwer halluzinogen beginnt und sich dann zu einem instrumentalen Acid Pop Meisterwerk entwickelt, das selbst britische Popsike Künstler wie Nirvana oder Kaleidoscope im Vergleich nicht zu scheuen braucht. „Flying Free“ hätte als Single erfolgreich sein können. Das Arrangement hat besonders bei diesem Track etwas sehr Majestätisches. Auch im weiteren Verlauf der Platte wirkt der Sound recht barock und anspruchsvoll. Wie gesagt Curt Böttcher lässt grüßen. Wie eine Mischung aus The Strawberry Alarm Clock und Harpers Bizarre. Ziemlich aus dem Rahmen fällt allerdings „The City Of Toys And Games“, das auch vom Ray Conniff Orchester sein könnte. „Change“ zitiert dann jedoch The Doors auf das Allerschönste. Und schließlich kommt sogar ein gewisses Jazz Club Feeling auf. Zum Schluss wird es dann noch einmal psychedelisch und besinnlich zugleich. „Life’s Light“ hat etwas von einem Requiem. Alles in allem eine wie gesagt recht ungewöhnliche LP. ****

 

Leaf Hound – Growers Of Mushroom (Decca, 1971)

 

Auch diese LP ist im Original schwer zu finden und vor allem sehr teuer. Es gibt aber ein Vinyl Re-Issue auf Akarma und verschiedene CDs in unterschiedlicher Aufmachung, teils mit Bonus Tracks. Die Band kommt aus der englischen Blues Und Blues Rock Szene der späten Sixties. Der spätere Free Gitarrist Paul Kossoff gehörte für kurze Zeit zum Line-Up der Vorgängerband Black Cat Bones. Leaf Hound waren Ende der 60er viel live unterwegs in Europa, auch in Deutschland. Ihr Album entstand Ende 1970 zwar in London, wurde aber zunächst von Telefunken in Deutschland veröffentlicht unter dem Titel „Leaf Hound“. Diese Veröffentlichung unterschlägt allerdings zwei der aufgenommen Tracks aus unerfindlichen Gründen. Erst kurze Zeit später erschien die LP auch komplett in England auf Decca unter dem Titel „Growers Of Mushroom“. Eine Single war zuvor bereits auf Telefunken erschienen, deren B-Seite „It’s Gonna Get Better“ nicht auf der LP ist, auf den Re-Issues allerdings schon. Nach dem Weggang von Sänger Peter French zu Atomic Rooster (noch vor der Veröffentlichung der LP in England) löste sich die Band bereits auf. Das erklärt wohl auch, warum so wenige LPs verkauft wurden und die Platte – vor allem die britische Ausgabe – so selten ist. Stilistisch ist die Platte irgendwo zwischen Free und Led Zeppelin einzuordnen. Eine mäßig psychedelische Hard Rock LP mit zeittypischen Gitarrenriffs und Drum Breaks, relativ stark an Zeppelin orientiert. Der Gesang ähnelt mehr dem von Paul Rodgers. Ein wenig heiserer vielleicht. Keine schlechte Platte, sofern man diese Art von progressivem Blues Rock mag. Aber der legendäre Status der LP und ihr hoher Sammlerpreis erklären sich einzig aus ihrer Seltenheit, denke ich. Übrigens stammen sowohl der Bandname, als auch sämtliche Songtitel aus einer zeitgenössischen Horror Anthologie. „Drowned My Life In Fear“, die Single damals, erinnert sogar ein wenig an Black Sabbath. Der Titeltrack „Growers Of Mushroom“ hat einen gewissen Pop Appeal und wäre wohl die bessere Single gewesen. Insgesamt macht die LP den Eindruck eines B-Movies, wenn der Vergleich gestattet ist. Alles wirkt etwas derber, ungehobelter und auch schlichter als bei den damals erfolgreicheren Acts der Szene. Andererseits macht das aber auch einen gewissen Charme aus. ***1/2

 

Quill – Quill (Cotillion, 1970)

 

Noch eine ziemlich unbekannte und recht seltene LP aus der gleichen Ära. Es ist die einzige LP der Band Quill aus der Gegend von Boston. Die Band wurde bereits 1967 gegründet und war durch häufige Live Auftritte in den Neu England Staaten durchaus ein Begriff. Die Band spielte auf dem legendären Woodstock Festival, kam allerdings im Film nicht vor, weil das Filmmaterial von ihrem Auftritt unbrauchbar war. Sehr zum Leidwesen ihrer Plattenfirma, die sie erst kurz vor dem Festival unter Vertrag genommen hatte. Die LP entstand kurz nach Woodstock und wurde von der Band selbst produziert. Cotillion veröffentlichte die LP zwar Anfang 1970, machte aber so gut wie keine Promotion und hatte auch an einem zweiten Album kein Interesse, das die Band bereits im Kasten hatte. So blieb die LP in den Regalen stehen und Quill lösten sich schon im Frühjahr 1970 frustriert auf. Mit anderen Bands aus Boston haben Quill relativ wenig gemeinsam. Und einen so genannten Boston Sound hat es eh nie gegeben. Der war von Anfang an eine Erfindung von Marketing Strategen. Aber auch so ist die Musik dieser höchst originellen Band kaum zu kategorisieren. Klar, dass die Platte Ende der 60er entstanden ist, das hört man schon. Einige typische Soundspielereien und Effekte deuten ebenso daraufhin, wie auch das Songwriting zum Teil wenigstens. Doch insgesamt ist die Platte zu uneinheitlich, zu vielschichtig, um sie einer Stilrichtung zuzuordnen. Ja, es gibt hier und da psychedelische Klänge. Folk Rock ist die Basis des einen oder anderen Tracks. Dann aber gibt es so schräge und unerwartete Rhythmuswechsel, Breaks und vor allem auch in diesem Kontext ungewöhnliche Instrumente, dass man erstmal ratlos aufhorcht. Am einfachsten ist es, die Platte als Underground LP zu beschreiben. Das ist so treffend wie schwammig. Mit Jazz hat sie eigentlich genauso wenig zu tun wie mit Prog Rock. Und doch kommen einem Assoziationen zu beidem. Irgendwo las ich, die Band spiele eine zeitgenössische Art von Dreigroschenoper. Also Brecht / Weill. Auch dieser Gedanke ist nachvollziehbar, wenn man genauer hinhört. Aber noch mal von vorne. „Thumbnail Screwdriver“ ist im Prinzip ein schönes Stück Acid Rock mit Fuzzgitarre und fantasievollem Gegniedel. Auch „The Tube Exuding“ hat das richtige psychedelische Flair und ist hübsch ausgeflippt überdreht mit hypnotischem Basslauf, aufwärts zirkulierenden Gitarrenlicks und böser Doors Orgel. Die Texte sind allerdings auch ziemlich böse. Das fast zehnminütige „They Live The Life“ ist dann vielleicht zu anstrengend für den durchschnittlichen Acid Freak. Zu viele Stimmungs- und Tempowechsel. Aber ich muss sagen, man kann sich da einhören und schließlich Gefallen an diesem sarkastischen Nihilismus finden. Da fällt mir doch Cans Tago Mago ein. Eine Platte, die mir eigentlich viel zu nervig ist. Doch auch „Bby“ ist nicht gerade leichte Kost. Halb Soul Funk, halb Prog Rock mit jazzigen Anklängen. Jedenfalls können die Jungs spielen. Und das auf ganz vielen unterschiedlichen Instrumenten. „Yellow Butterfly“ ist vielleicht noch am ehe-sten das, was man an zeittypischer Psychedelia erwartet. Mit durch ein Leslie Kabinett verfremdetem Gesang, reichlich Wah Wah Gitarre und viel Flanging erinnert der Track fast an eine dunklere Version von Syd Barretts Pink Floyd. „Too Late“ fällt dann ziemlich aus dem Kontext. Ein schlechter Country Rock Track und ziemlich uninspiriert. Schließlich der letzte Track des Albums „Shrieking Finally“. Hier geben die Jungs noch mal alles was sie drauf haben. Das ist so abgedreht und genial zugleich. Eine Acid Rock Oper in siebeneinhalb Minuten. Jefferson Airplane haben Ähnliches veranstaltet manchmal. Eigentlich ist das doch eine großartige Platte. ****

 

Big Lupu 2013Big Lupu 199222 Pistepirkko – Big Lupu (LP, Bone Voyage, 1992/2013)

 

„Big Lupu“ ist das vierte Album der drei Finnen aus Utajärvi. 1991 gingen sie wieder mit Riku Mattila, der sie schon bei den beiden LPs davor als Produzent unterstützt hatte, ins Studio in Helsinki. Sie wollten diesmal das beste Pop Album der Welt machen. Espe Haverinen, der Drummer der Band, hatte schon zuvor immer mal Beiträge zum Songwriting geleistet. Jetzt aber stammten fünf der 13 Songs auf dem Album von ihm. Und dabei hält er sich noch nicht mal für einen guten Rock’n’Roll Komponisten. Seine Songs sind eher nachdenklich, expressionistisch. Nun ja, Pop darf auch nachdenklich und expressionistisch sein. Jedenfalls wurden die Studio Sessions zunächst für ein halbes Jahr unterbrochen. Einerseits war P.K. nicht zufrieden mit seiner Stimme, seinem Gesang. Andererseits stand eine Tournee an, und die neuen Stücke wurden erstmal live erprobt. Und dennoch dauerte es noch ein weiteres halbes Jahr im Studio, bis die vier Musiker (drei Bandmitglieder und ihr Produzent) endlich zu Potte kamen. Aber es hat sich gelohnt. „Big Lupu“ ist tatsächlich eine – wenn auch ungewöhnliche und ziemlich verschrobene – großartige Pop Platte geworden. Mit „Birdy“ enthält sie die bis dahin erfolgreichste Single der Band. P.K. hatte mit einer Akkordfolge aus Simon & Garfunkels „Mrs. Robinson“ rumexperimentiert. Und aus „Evil in my Room“ wurde auf wundersame Weise eine leichte luftige Sommer Pop Nummer, die im finnischen Radio bis heute ein Evergreen ist. Genial ist Askos Idee, in der Mitte des Tracks tatsächlich 20 Sekunden lang nur Vogelstimmen erklingen zu lassen. Der Garage Pop und der urwüchsige Blues des vorigen Albums sind jedoch nicht völlig verschwunden. Allerdings klingt das nun nicht mehr so geerdet und boden-ständig. Wo Espe expressionistisch ist, sind die beiden Brüder Keränen nun geradezu exaltiert und mitunter richtig überdreht. Da wird mit Tape Loops gearbeitet und Jimi Tenor darf Saxophon und andere Bläser Parts beisteuern. Im „All Night Cafe“ klingt die Band dann tatsächlich wie eine völlig abgehobene im siebten Himmel oder auf Wolke Neun schwebende Version von Link Wray. Alles in allem ist „Big Lupu“ eine grandiose Mixtur von Pop, Blues und Psychedelia und die bis dahin beste Platte der Marienkäfer. *****

 

The Politics Of EcstasyVibravoid – The Politics Of Ecstasy / Phasenvoid (2CD, Stoned Karma Records)

 

Vibravoid aus Düsseldorf sind zweifellos die inzwischen bedeutendste deutsche Acid Rock und Psychedelic Rock Band. Um die Jahrtausendwende entstand die Band und orientierte sich von Beginn an stark an den Pink Floyd der frühen 1970er Jahre. Mit dieser Doppel-CD hier werden zwei LPs der Band wiederveröffentlicht, die als original Vinyl nur noch für viel Geld auf Ebay zu bekommen sind. „The Politics Of Ecstasy” erschien 2008 auf Nasoni Records. Neben Coverversionen von „Incense And Peppermints“ (Strawberry Alarm Clock) und „Oscillations“ (Silver Apples) enthält das Album einige relativ kurze Tracks in ähnlichem Stil und als Herzstück das 22-minütige „Your Mind Is At Ease“, das sowohl an Pink Floyd (Echoes, Ummagumma) als auch an Hawkwind erinnert. Dazu kommen bislang unveröffentlichte Demos und Liveaufnahmen. All das wurde neu gemixt und gemastert. Die zweite CD beinhaltet das 2003 als Split-LP mit Sula Bassana erschienene „Phasenvoid“, das mich noch stärker an die Silver Apples aus New York erinnert, aber durchaus auch Bezüge zu den frühen Pink Floyd im Übergang von Syd Barrett zu Roger Waters aufweist. Auch diese CD wird ergänzt durch neuere Live Aufnahmen, u.a. eine 30 Minuten Version von Cans „Mother Sky“. Insgesamt ist mir das meistens doch zu ausufernd und flippig, aber in der richtigen Stimmung gehört kann diese Musik womöglich Trance Zustände auslösen. Und auf Vinyl gibt es das Ganze letztlich auch wieder bei Anazitisi Records in Griechenland. ***

 

Yellow Sunshine ExplosionYellow Sunshine Explosion – s/t (CD, Sireena Records)

 

Völlig zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist diese Band aus Dortmund, die 1987 ihre einzige LP in Berlin im Tritonus Studio aufnahm. Produziert wurde die Platte damals von Vic Count, den Insider als Kopf von The Chud kennen. Die Original LP hab ich hier immer noch als Testpressung im neutralen Cover mit ein paar handschriftlichen Erläuterungen des damaligen Label Chefs von Love’s Simple Dreams Records, Thomas Spindler. Musikalisch orientiert sich die vierköpfige Band einerseits am Westcoast Rock der späten Sixties, aber auch an Acid Rock und Psychedelia unterschiedlicher Provenienz. Mit Flöte, Sitar und Tablas bekommen einige Tracks ein exotisches Flair, das allerdings mehr an 70er Jahre Krautrock erinnert, als an britische Psychedelia der späten Sixties. Ich erinnere mich an einen Gig der Band damals in Berlin, da saßen Musiker wie Zuschauer auf dem Boden, und die Stimmung war eher wie an einem Lagerfeuer irgendwo in der nordamerikanischen Wildnis oder von mir aus auch im Grunewald ohne Sonntagsspaziergänger. Diese Platte hat eine ganz eigenartige Atmosphäre irgendwo zwischen Pink Floyd Ende 1967 und The Incredible String Band etwa zur gleichen Zeit. Dazu kommt dann aber noch so ein typischer Krautrock Faktor, der die Band letztlich als deutsch identifiziert, was ja eigentlich gar nicht schlimm ist. Und dass die Jungs mal als Straßenmusiker angefangen haben, hört man auch raus. Manche Tracks haben so was bodenständig Folkloristisches. ***1/2

 

22 Pistepirkko – The Singles Box (5CD + DVD, Bone Voyage, www.22-pistepirkko.net)

 

Fan dieses skurrilen Trios bin ich seit über 25 Jahren. Und ich glaube, ich besitze so ziemlich alle Platten, die die Drei je veröffentlicht haben. Trotzdem bin ich hocherfreut über dieses kleine Box Set, das die Geschichte der Band auf ganz eigene Weise dokumentiert. Da ist zunächst eine CD mit 20 Single A-Seiten beginnend mit „Storm Radio“, einer bislang unveröffentlichten Single, und dann chronologisch rückwärts laufend bis hin zur ersten Single aus dem Jahr 1986 „Ou Wee“. Bereits hier wird die musikalische Vielfalt und Einzigartigkeit mehr als deutlich. Von rauem Garage Sound über schrägen Blues und verträumten Pop bis zu Elektro Punk und Triphop Beat haben die Drei alles ausprobiert. Dabei ist nicht zuletzt durch den typischen Gesang P.K.s aber auch einen wiedererkennbaren Songwriting Stil bei jedem einzelnen Track klar, das sind 22 Pistepirkko. Die große stilistische Bandbreite wird auf den B-Seiten der Singles noch deutlicher. 31 Tracks sind das auf zwei CDs verteilt. Da gibt es rudimentäre Demos ebenso wie Techno und Dub Remixe, aber natürlich auch Songs, die sonst auf keinem Album zu finden sind. Zwei weitere CDs enthalten Live Aufnahmen aus 20 Jahren, die ebenfalls die Besonderheit und den Abwechslungsreichtum dieser Band dokumentieren. Natürlich unterscheiden sich die Live Versionen meist recht deutlich von den Studioaufnahmen derselben Songs. Wer 22-Pistepirkko schon mal live gesehen hat, weiß diese besondere Atmosphäre zu schätzen, die sie da erzeugen. Die Live Aufnahmen stammen meist direkt aus dem Soundboard. Einige wurden aber auch schlicht mit zwei Mikrofonen direkt aus dem Publikum gemacht. Die Live Atmosphäre ist mit allen Nebengeräuschen dabei besonders gut eingefangen. Man schließt die Augen und steht selbst mitten im Publikum, ob beim Roskilde Festival oder in einem kleinen Club in Helsinki oder Amsterdam. Und dann ist da noch die DVD. Sie enthält sämtliche Video Clips, die die Band produziert hat, sowie ein paar Mitschnitte von TV Auftritten und Live Gigs. Insgesamt sind darauf 35 Tracks in knapp zwei Stunden zu sehen. Es ist natürlich schade, dass es diese Box nur als CD Box gibt. Lohnend ist sie dennoch, sowohl für Fans der Band aber auch als Einstieg für Novizen. Ich hoffe ja, dass die Band sich nun wieder ihrem Reissue Programm widmet. Die Alben der frühen 90er Jahre gibt es leider immer noch nicht auf Vinyl. Eine einheitliche Bewertung dieser Box hier ist schwierig. Aber durchschnittlich gibt es so um die vier Sterne.

 

Enema Of The StateBlink 182 – Enema Of The State (LP, Mightier Than Sword)

 

„Enema Of The State“ war das dritte Album des kalifornischen Pop Punk Trios. Und nach meiner Meinung ist es das beste und das einzige Album der Band, das man haben oder mindestens kennen sollte. Zum 10-jährigen Jubiläum seiner Veröffentlichung erschien das Album 2009 erstmals als Vinyl LP. Zwölf mal voll auf die Zwölf. Zwölf grandiose kurze schnelle Punk Pop Hymnen. Drei Singles wurden damals aus der LP ausgekoppelt. Alle drei wurden Hits. Und alle drei haben noch mehr Pop Appeal und noch mehr Ohrwurmchacharakter als das ganze Album sowieso. Das ist schlichte aber effektive gute Laune Musik. Fast alle Tracks haben wie gesagt so ein leicht hymnisches Flair. Das liegt vor allem daran, dass Mark Hoppus in den Refrains die Vokale so schön dehnt. Dabei spielt die Band eigentlich durchgängig in einem unglaublichen Tempo. Buzzcocks und Undertones nennen die Jungs selbst als Einflüsse. Aber auch andere britische Bands der Punk Ära haben ihre Spuren hinterlassen wie z.B. The Boys oder The Members. Die Singles sind damals leider nicht als 7“45s erschienen. Lediglich in Italien gab es „What’s My Age Again“ und „All The Small Things“ als 12“ Singles mit 33 UpM. Die LP erschien limitiert auf blauem Vinyl, und sie ist inzwischen schon wieder relativ teuer. ****

 

Madrugada – The Nightly Disease (DoLP, Virgin Records, 2001)

 

Meine erste Begegnung mit Madrugada war Ende 1999, als sie ihr Debütalbum live im Berliner Knaack Club vorstellten. Die Ausstrahlung, die Präsenz dieser Band und ihres Frontmanns und Sängers Sivert Hoyem war absolut überwältigend. Gänsehaut pur! Im Rahmen der Veröffentlichung ihres zweiten Albums „The Nightly Disease“ spielte die Band dann ein special Showcase im Planetarium am Insulaner in Berlin Steglitz. Auch das wieder ein großartiges Eindruck hinterlassendes Erlebnis! „The Nightly Disease“ beeindruckte mich schon damals noch stärker als das bereits phantastische Debüt „Industrial Silence“. Leider war die nur in Norwegen erschienene Vinylversion damals so schnell vergriffen, dass ich keine Chance hatte, ein Exemplar zu einem halbwegs erträglichen Preis zu ergattern. Letztes Jahr ist nun ein remastertes Reissue erschienen, das zudem noch zwei weitere LPs mit Bonustracks und Outtakes enthält. Eine vierfache LP also. Obwohl das Bonusmaterial durchaus hörenswert ist, beschränke ich mich hier bei der Beurteilung lediglich auf die ursprünglich veröffentlichten zwölf Tracks. Die Musik auf dieser LP wirkt vor allem durch ihre Spannung. Melancholie bis hin zu Verzweiflung, aber auch immer wieder Hoffnung, warme Geborgenheit. Das vermitteln sowohl die kraftvolle, angenehm dunkle Stimme Siverts, als auch die geheimnisvollen und zugleich vertrauten Gitarrenlicks gespielt vom inzwischen leider verstorbenen Robert Buras. Was der Mann mit seinem Instrument da anstellt, das ist für mich das Größte nach Jimi Hendrix und Hank Marvin. Eben noch leise mit viel Hall wie aus einer Gruft hervorklingend, im nächsten Moment aggressiv und mit Reverb und Distortion bis zum Anschlag, jedoch niemals unkontrolliert oder wüst ekstatisch. Gravitätisch klingen die Tracks, oft gehalten von einem exakten Rhythmus Gerüst aus präzisen Drums und mal treibendem mal sanft schwebendem Bass. Aber das phantastischste an dieser Platte – neben den wunderbaren Songs – sind und bleiben die Gitarren. Flirrend und sirrend hier, transzendierend an- und abschwellend dort. Siverts Gesang erinnert tatsächlich – wie man immer wieder lesen kann – bisweilen an Jim Morrisons. Und die Grundstimmung dieser Platte hat ja auch durchaus etwas, das man bei The Doors ebenso hören kann. Dennoch möchte ich da keinen Vergleich ziehen. Es sind Siverts – und Roberts – ganz eigene Erfahrungen, Gefühle und vermutlich auch Albträume, die hier zum Ausdruck gebracht werden. Für mich ist diese LP das Album des Jahres 2001 und bis heute eines der besten Alben des neuen Jahrtausends. *****

 

Mazzy Star – She Hangs Brightly (LP, Rough Trade, 1990)

 

Mazzy StarDavid Roback und Hope Sandoval sind Mazzy Star. Und “She Hangs Brightly” war ihr Debütalbum unter diesem Namen. David gründete Anfang der 80er mit seinem Bruder Steven und anderen die Band Rain Parade in San Francisco. Die Gruppe gehörte zum so genannten Paisley Underground und orientierte sich stark an Sixties Psychedelia. Nach dem zweiten Album stieg David aus, um mit anderen Musikern und Musikerinnen des Paisley Underground seine musikalischen Vorstellungen umzusetzen. Die neue Band hieß Clay Allison, wurde aber schon nach kurzer Zeit in Opal umbenannt. Als die Sängerin und Bassistin Kendra Smith 1989  die Gruppe verließ, holte Roback seine Freundin Hope Sandoval in die Band, die sich aber bald darauf ganz auflöste. Also machten die beiden als Duo unter dem neuen Namen Mazzy Star weiter. So weit der geschichtliche Hintergrund. Diese Debüt LP gilt als typisches Dreampop Album. Nun ja, mit diesen Schubladen ist das immer so eine Sache. Ich höre hier eigentlich nichts, was es nicht schon vorher gegeben hätte. Folkrock und Folkpop vor allem. Ein bisschen Psychedelia hat sich aus Rain Parade Zeiten erhalten. Hin und wieder gibt es Feedback Gitarren unter schönen Melodien, ganz wie bei The Jesus And Mary Chain. Aber auch eine Slide Gitarre ist gelegentlich zu hören, was dem Ganzen so ein wenig Country Feeling und Americana Touch verleiht. Vor allem aber ist es Hopes engelsgleiche Stimme, die der Platte ihren verträumten Charakter verleiht. Und weil die Musik zum Teil dann doch noch recht spröde oder sagen wir bluesig, ja sogar rockig erscheint, ist das meines Erachtens das beste Album der Band. Das Reissue auf Plain Recordings ist nicht schwer zu bekommen. ****

 

NevermindNirvana – Nevermind (LP, Geffen Records, 1991)

 

Letztes Jahr erschien eine Jubiläumsausgabe von Nirvanas „Nevermind“. Eine 4-fach LP-Box mit diversen Bonustracks und natürlich wie üblich remastert. Das Bonusmaterial ist m.E. vor allem für absolute Fans und vielleich auch für Archivare und Forscher interessant. Aber ich hab’ mal die Neuauflage mit der Originalpressung von 1991 verglichen. Und siehe da, selbst die remasterte Vinylversion klingt weniger transparent und insgesamt flacher als meine UK Pressung aus dem Jahr 1991. Ich meine auch damals war die Platte ja in Teilen ein ganz schönes Brett. Aber die Dynamik zwischen laut und leise bei Tracks wie „In Bloom“ oder „Lithium“ war und ist eine der Stärken dieser LP. Bei der neuen Version ist diese Dynamik zwar andeutungsweise noch erkennbar, aber man spürt sie nicht mehr auf die gleiche Weise, wenn man direkt im Schnittpunkt der rechten und linken Lautsprecherbox sitzt. Auch eine gewisse Wärme der Originalpressung von 1991 ist nun nicht mehr spürbar. Schon erstaunlich wie so ein guter Klang zunichte gemacht wird, ohne Not und ohne Sinn und Verstand. Ich hatte die LP in den letzten Jahren nicht mehr aufgelegt. Lediglich die Singles hatte ich ab und zu gespielt bzw. hab’ ich sie bei diversen Gelegenheiten im Radio oder anderswo gehört. Ich muss zugeben, die Hits habe ich mir inzwischen fast ein bisschen übergehört. Aber natürlich sind „Smells Like Teen Spirit“, Lithium“ oder „Come As You Are“ nach wie vor tolle Songs und großartige Tracks. Auch im Albumzusammenhang. Diese Unbedingtheit, das kompromisslose Leiden, das aus Kurts Stimme klingt, überzeugt mich nach wie vor. Über Nirvana und über diese LP ist eigentlich schon alles gesagt und geschrieben worden. Mich beeindruckt nach wie vor diese grandiose Mischung aus Punk und Pop. Diese in Teilen brachialen Gitarren, die LMAA Attitüde und der absolut präzise satte Drumsound auf der einen Seite, die immer wieder aufscheinende Popsensibilität und die fast schon zarte Intonation in den leiseren Passagen andererseits. Die Platte ist durchgängig gut, keine Frage. Sie hat ihre Bedeutung im Pop Kosmos sowieso. Dennoch hat sie in meiner persönlichen Wertschätzung ein wenig verloren. Eine zeitlang war ich geneigt, ihre Bedeutung zu überhöhen. Das ist unnötig. Ich mag diese LP immer noch. Und in der richtigen Stimmung gehört verschafft sie mir nach wie vor einen Kick, löst gar Gänsehaut aus. Aber es gibt doch eine ganze Reihe LPs, die mir deutlich mehr bedeuten. Die ***** erreicht Nevermind nur noch knapp. 

 

The Gloomys – Daybreak (CD, Bear Family)

The Gloomys – Winds Of Change (CD, Bear Family)

 

The GloomysErstaunlich, dass die beiden LPs der Gloomys nicht längst schon wiederveröffentlicht wurden. Gehörten sie doch zu den kommerziell eher erfolgreichen deutschen Beatbands. Andererseits gehörten sie auch nie richtig dazu, galten eher als uncool, auch wenn man das damals noch nicht so nannte. Die deutschen Bee Gees wurden sie genannt, und das war durchaus nicht immer anerkennend gemeint. Die erste Single der Gloomys „Daybreak“ erschien 1967 und war ein kleinerer Hit. A und B Seite der Single wurden von einem gewissen Ralph Siegel Jr. in Zusammenarbeit mit dem Texter Michael Kunze geschrieben. Siegel produzierte auch die im selben Jahr veröffentlichte gleichnamige Debüt LP der Band. Auf der LP finden sich neben vier Eigenkompositionen auch ein paar Coverversionen. Die eigenen Songs hier – alle von Gitarrist Hans Joachim Krebs geschrieben – sind leider nicht der Rede wert. Von den Covern ist einzig „If I Were A Carpenter“ ganz gelungen. Erstaunlich ist die Auswahl der Cover. Neben zwei Tim Hardin Songs gibt es da den Versuch, Motown und Soul in den glatten Beat Pop Sound der Band zu überführen. Und recht kurios ist auch ein Cover von John D. Loudermilks „It’s My Time“. Unterm Strich bleiben eigentlich neben dem „Carpenter“ nur die beiden Tracks der Single, die auch heute noch ganz ok klingen. Aber wer diesen gefälligen, eingängigen Beat Pop mag, der hat die Single ja eh. Spannend wird es dann allerdings bei den Bonus Tracks. Und wenn man das ausführliche Booklet und die Geschichte der Band studiert, dann gibt es ein paar interessante Erkenntnisse. Die Gloomy Moon Singers, wie sie ursprünglich hießen, begannen als Skiffle Group und schärfste Konkurrenten der Lords, denen sie musikalisch sogar weit überlegen waren, wenn man dem Zeitzeugen Lord Knud glaubt, der im Booklet zitiert wird. Ein gewisser Frank Zander gehörte damals zum Line Up der Band. Die frühen Decca Singles der Gruppe klingen auch noch durchaus nach Skiffle Beat und erinnern mit ihren naiv ernsthaften deutschen Texten an den DDR Beat der Sechziger. Und auch die auf verschiedenen Labels erschienenen Singles mit Covern damals aktueller Hits zwischen Folk, Beat und Rock’n’Roll haben ihren Charme. Die zweite LP der Gloomys wurde wieder von Herrn Siegel produziert und erschien 1968. Die Platte heißt wie der Single Hit daraus „Winds Of Change“. Von Change kann aber eigentlich keine Rede sein. Das erfolgreiche Rezept des gefälligen Beat Pop wurde fortgesetzt. Die Kompositionen kamen nun fast ausschließlich von Siegel und Co. Während sich die internationale Beat Szene immer mehr verästelte, während sich Rock vom Pop absonderte, Blues, Country Rock und experimenteller Underground neben- und miteinander existierten, wurden die deutschen Charts von Heintje und Bubble Gum Pop dominiert. Die Gloomys wurden währenddessen zur Englisch singenden Schlagercombo. Diese zweite Gloomys LP ist ein ziemlicher Reinfall. Nicht mal der Hit „Winds Of Change“ ist gut gealtert. D.h. wenn ich mich recht erinnere, fand ich den damals schon doof. Auch die Bonus Tracks der CD bieten keine positiven Überraschungen. Die späteren Singles der Band sind purer Mainstream Pop, was ja an sich nicht schlimm wäre. Leider sind aber die Songs nicht besonders originell und die Produktion ist zwar solide aber inspirationslos und oft zu brav und gefällig. So gesehen ist die zweite CD wirklich nur was für Komplettisten und auch die erste CD ist nicht uneingeschränkt empfehlenswert. **1/2 und *1/2

 

Miettinen (4CD Box Set, Gaga Goodies, www.poko.fi)

 

Miettinen ist ein finnischer Musikjournalist, langjähriger Label Betreiber und mein guter Freund. Ich weiß gar nicht mehr, wann und wie ich Miettinen genau kennen gelernt habe. Es muss aber irgendwann so ca. 1985/86 gewesen sein. Da war er in der finnischen Independent Szene durchaus schon eine Größe. 1978/79 begann Miettinens Karriere als Autor und Herausgeber des Punk Fanzines Hilse. Und zu dem Fanzine gesellte sich sehr bald auch das Schallplattenlabel Hilse Levyt. Die beiden Hilse Sampler sind heute in der finnischen Punk und Indie Szene legendär. Und Ismo Alankos erste Band Hassisen Kone veröffentlichte ihre erste Single auf Hilse, bevor Miettinen das alles zu groß und zu sehr Big Business wurde und er die Band Epe Helenius und Poko überließ. Das ganze Hilse Label wurde an Poko verkauft, weil Geld Verdienen im großen Stil nicht dem Punk Ideal entsprach. Nichtsdestotrotz gründete Miettinen schon bald ein neues Label mit seinem damaligen Kumpel Kuusinen. Das Label hieß demzufolge KuMiBeat. Neben Juliet Jonesin Sydän gehörten auch die Dogs d’Amour aus London zu den Auserwählten, deren Musik auf KuMiBeat erschien. Leider war KuMiBeat ziemlich schnell pleite. Epe Helenius sprang wieder in die Bresche und übernahm die Schulden und einen Teil der Bands. Miettinen war inzwischen Autor bei der 14-tägig erscheinenden Musikzeitschrift Rumba und er hatte eine eigene Sendung bei Radiomafia, dem Jugendprogramm des staatlichen finnischen Rundfunks. Ungefähr zu dieser Zeit lernte ich Miettinen kennen, denn die finnische Szene ist nicht groß genug, dass man sich nicht zwangsläufig früher oder später über den Weg läuft. 1987 gründete Miettinen ein neues Label Gaga Goodies, weil es wie er selbst sagt so viele gute neue Bands gab in Finnland, die niemand unter Vertrag nahm. Gaga Goodies war die langlebigste von Miettinens Firmen. Fast zehn Jahre dauerte es, bis der finanzielle Druck erneut einen Verkauf des Labels an – man ahnt es schon – Epe Helenius und sein Firmen Konglomerat nötig machte. Auf Gaga Goodies erschienen wirklich einige großartige Platten. Und auch wenn Miettinens Vorlieben meist auf rüden, krachigen Independent Rock hinausliefen, so gab es doch auch ruhige, rootsige und geradezu poppige Veröffentlichungen. 22 Pistepirkko machten eine Single auf Gaga Goodies, Juliet Jonesin Sydän (inzwischen ja eigentlich bei Poko erfolgreich) brachten ihre einzige englischsprachige Platte als 10“ bei Miettinen raus. Die wunderbaren Wanna Bees veröffentlichten ihren gesamten Katalog bei Gaga Goodies. Eine LP davon erschien in Lizenz bei yours truly im Jahr 1991. Die Dolkows aus Malmö in Schweden brachten ihr großartiges Debüt auf Gaga Goodies raus. 69 Eyes und Poverty Stinks machten Platten bei Miettinen, ebenso die unvergleichlichen Jolly Jumpers aus Tyrnävä bei Oulu. 1996 kam dann der Break. Miettinen wohnt mit seiner Frau Ursula inzwischen in Sairio im eigenen Haus am Rande der Stadt Hämeenlinna, auf dem Lande sozusagen. Das Haus wurde mit dem Geld, das beide als Journalisten verdienten, bezahlt, betont Miettinen, nicht etwa mit dem Geld der Bands auf seinen zahlreichen Labels. Aber 1997 juckt es wieder und Miettinen gründet ein Singles-only-Label Rubber Rabbit Rock’n’ Roll Records. Von durchschlagendem Erfolg ist dieses Unternehmen nicht gerade gekrönt. Schließlich will er es noch mal wissen und versucht mit Popatak ein reines Power Pop Label zu etablieren. Es gibt ein paar tolle Singles auf Popatak und auch das eine oder andere hörenswerte Album von Bands wie Sugarrush, Ben’s Diapers oder Mental Market. Doch die Kosten laufen schnell aus dem Ruder und Epe Helenius ist mal wieder Retter in der Not. Diesmal nimmt er Miettinen das Versprechen ab, keine neuen Labels mehr zu gründen. Und Miettinen hält sich daran. Inzwischen schreibt er Romane. Reich ist er damit allerdings auch noch nicht geworden. Die Idee zu dieser 4-CD Box, die Miettinens musikalisches Leben würdigt, hatte Epe Helenius. Und ein sehr interessanter und in weiten Teilen äußerst hörenswerter Überblick ist dabei herausgekommen. 80 Tracks sind es insgesamt. Und es sind sogar zwei Tracks dabei, die ich noch nicht kannte, weil sie schlicht bisher unveröffentlicht waren. Das 48 Seiten Booklet kann allerdings nur lesen, wer des Finnischen mächtig ist. Sehenswerte Fotos sind aber auch drin. So eine Box in Sternen zu bewerten ist unmöglich und auch nicht sehr sinnvoll. Freunde des finnischen Rock’n’Roll sollten jedoch zugreifen!

 

Caravan – In The Land Of Grey And Pink (LP, 1971)

 

Wenn ich diese LP heute höre, kann ich gar nicht verstehen, dass sie damals so völlig an mir vorbei gegangen ist. Von der Canterbury Szene hatte ich zwar mal gehört, aber ich kannte nur die Platten von Soft Machine, und die waren mir eher zu anstrengend. Caravan waren aber neben der Soft Machine die führende Band aus Canterbury. „In The Land Of Grey And Pink“ gilt heute als ihr Meisterwerk. Es ist ihre dritte LP und auch in meinen Ohren ihre beste. Auch wenn die LP aus heutiger Sicht als der Durchbruch der Band betrachtet wird, so war sie damals doch nur mäßig erfolgreich und konnte sich nicht in den britischen oder gar anderen Charts platzieren. Die LP entwickelte sich aber wohl über die Jahre zum Aushängeschild der Band, und sie war immer in print, also lieferbar. Das von Tolkiens Hobbit Geschichten inspirierte Cover fiel mir schon lange bevor ich die Musik kennen lernte auf. Und als ich dann endlich mal die LP erstand und auflegte, da merkte ich, dass ich mindestens zwei der Tracks längst kannte. Sowohl das „Golf Girl“ als auch den Titeltrack der LP hatte ich schon früher gehört. Ob im Radio oder bei Freunden, ich weiß es nicht mehr. Die erste LP Seite ist eigentlich recht poppig, die Melodien absolut eingängig und die Tracks relativ kurz. Nur „Winter Wine“ ist mit etwas über sieben Minuten und seinen schon leicht verschachtelten Mellotron Passagen ein zeittypischer Prog Titel. „Golf Girl“ dagegen ist zwar in gewisser Weise auch zeittypisch, aber doch locker und beschwingt und mit seinem seltsamen Aufbau fast so eine Art Kinderlied. Der Song hätte wohl auch von Syd Barrett sein können. Ähnlich „In The Land Of Grey And Pink“, das mit seinen fünf Minuten vielleicht für eine Radiosingle ein Quäntchen zu lang ist. Aber es hätte gut und gerne ein Radiohit sein können anno 1971. Da war so etwas durchaus möglich. „Love To Love You“ ist der dritte von vier Tracks auf der ersten LP Seite. Die Nummer wird von Progfans meist als zu poppig oder zu seicht abgelehnt. Dabei ist es ein wunderbarer Popsong, der vor Lust und guter Laune nur so strahlt! Überhaupt ist Caravan eher eine fröhliche und manchmal auch ironische Band, will mir scheinen. Selbst dem von besagten Progfans sehr geschätzten 23-minütigen Kernstück der LP „Nine Feet Underground“, das die gesamte zweite LP Seite einnimmt, fehlt der heilige Ernst und erst recht der Schwulst, der viele LPs beliebter Prog Bands auszeichnet. Vor allem David Sinclairs einfallsreiches Keyboardspiel sowie hier und da passende Einsprengsel von Saxophon und Flöte machen dieses locker dahinfließende Stück zu einem progressiven Meisterwerk. Es gibt zum 40. Jahrestag der Platte ein limitiertes Vinyl Doppelalbum mit Bonustracks und einem neuen Mix von „Nine Feet Underground“, den Steven Wilson (Porcupine Tree) hergestellt hat. Ob man das braucht, muss man selbst entscheiden. Mir reicht im Grunde die Original LP. ****1/2

 

XTC – Skylarking (DoLP, 1986 / 2010)

 

SkylarkingXTC gehören eigentlich seit ihrer ersten Single „Science Friction“ im Jahr 1977 zu meinen favorisierten britischen Bands der New Wave Ära und dann vor allem der 1980er Jahre. Die LP „Skylarking“ aus dem Jahr 1986 ist meiner Aufmerksamkeit damals dennoch entgangen. Lediglich die erste Single des Albums „Grass“ hatte es mir angetan mit ihrer sehr relaxten hippiesken Atmosphäre. Knüpfte die Band damit doch direkt an die ein Jahr zuvor unter dem Pseudonym The Dukes Of Stratosphear erschienene LP „25 O’Clock“ an. Die LP „Skylarking“ ist zwar vordergründig weit weniger psychedelisch und Sixties orientiert, aber Inspirationen und Einflüsse solcher Sixties Ikonen wie The Kinks, Beach Boys und The Beatles sind unverkennbar. „Skylarking“ ist gewissermaßen ein Konzeptalbum unter dem Motto „A Day In The Life“. Aufgenommen und produziert wurde die Platte von Todd Rundgren in seinem Studio in Woodstock nördlich von New York. Und Rundgren hat einen wohl nicht unwesentlichen Anteil an Sound und Arrangementideen. Er ist ja als genialer Studio Zauberer bekannt. Entstanden ist so eine zwar von Ansatz und den Songs her sehr britische Platte, aber die überbordenden Sunshine Pop Klänge, die Streichersätze, das ist wiederum sehr amerikanisch. Beach Boys eben. Wie zu Zeiten des mythischen „Smile“. Nachdem ich nun das ganze Album, so wie es ursprünglich von Andy Partridge intendiert war, gehört habe, muss ich sagen, es ist großartig. „Grass“ ist nicht mal der beste Track. Eine wundervoll entspannte Atmosphäre zeichnet die gesamte Platte aus. Doch gibt es auch immer wieder Momente der Überraschung, der Exaltiertheit. „Dear God“ ist einer der Höhepunkte der DoLP. Auf der Original LP fehlte der Titel, weil die Plattenfirma Proteste befürchtete. Handelt es sich doch um einen ziemlich kritischen Song, der Gott letztlich stark anzweifelt. Und ausgerechnet dieser Track wurde dann in den USA zur erfolgreichsten Single aus dem Album, weil die Radio DJs ihn von der B-Seite der Single „Grass“ pickten. Die im Jahr 2010 erschienene Doppel-LP ist die ultimative Version des Albums. Sie enthält nicht nur alle Tracks wie ursprünglich vorgesehen, sie hat auch zum ersten Mal die korrekte Sound Polarität der Aufnahmen, die beim ersten Mix im Jahr 1986 versehentlich vertauscht wurde. Und das Album Cover ist nun auch das ursprünglich von der Band intendierte, das Virgin damals ablehnte. ****

 

Califone – Roots & Crowns (LP, Thrill Jockey Records, www.myspace.com/califonemusic)

 

Auf diese Band und diese LP bin ich durch einen Film gestoßen. Jack Ketchums „The Lost“ ist ein anti-Woodstock Horror Thriller, der einen psychopathischen fast noch jugendlichen Killer in einer Kleinstadt in New Jersey im Jahr 1969 porträtiert. Der Film ist wirklich sehenswert. Aber darum geht es hier nicht. Die Musik in diesem Film ist nämlich ebenfalls durchweg hörenswert. Und während der Abspann läuft hört man ein melancholisch folkiges Stück, das ganz vorzüglich die Leere widerspiegelt, die man nach dem Ende des Films empfindet. Dieses Stück Musik konnte ich schließlich als „3 Legged Animals“ identifizieren von der LP „Roots & Crowns“ der Band Califone aus Chicago. Califone ist die Band des Musikers und Filmkomponisten Tim Rutili. Eigentlich ist es mehr oder weniger sein Solo Projekt, auch wenn es inzwischen wohl eine richtige Band gibt, die auch live auftritt. Es gibt eine ganze Reihe Veröffentlichungen unter dem Namen Califone auf verschiedenen Labels seit 1998. Die LP „Roots & Crowns“ ist die bislang vorletzte LP der Gruppe um Tim Rutili. Das Album erschien 2006, im gleichen Jahr wie der Film „The Lost“. Rutilis erste Band war Red Red Meat, eine alternative Punk Blues Rock Band, die wohl nicht sonderlich erfolgreich wurde. Mit Califone bemüht sich Rutili, an traditionelle amerikanische Musik wie Blues und Folk anzuknüpfen, sie mit modernen Mitteln von Elektronik und Collage zu bearbeiten. Außerdem nimmt er Einflüsse solcher Bands wie Current 93 oder Psychic TV auf. „The Orchids“ auf dieser LP hier ist ein Psychic TV Cover. Aus all dem entsteht eine wirklich seltsame Atmosphäre, die einen beim Hören auf eine absurde Weise beruhigt und mit Befriedigung erfüllt, obwohl die besungenen Inhalte eigentlich viel mehr beunruhigen und erschrecken sollten. Andererseits sind die Songs aber auch zum Teil recht esoterisch und ziemlich surreal. Die Melodien sind mitunter wirklich Pop von der Art, die auch Brian Wilson hätte schreiben können. Ich bin weit davon entfernt zu verstehen, was Tim Rutili und seine Band hier wirklich mitteilen wollen. Doch die Melodien, diese verfremdete Folk Musik üben einen eigentümlichen Reiz aus, dem ich mich nicht entziehen kann. Ich kenne bisher nur diese LP der Band. Und ich weiß nicht, ob ich noch weitere Platten der gleichen Art unbedingt hören will. Diese Platte jedoch ist wirklich schön auf eine ganz eigene Art. ***1/2

 

The Matadors – s/t (LP, Supraphon, CSSR 1969) The Matadors – Get Down From The Tree (DoLP, Munster Records, 2011)

 

Als jemand, der in Berlin geboren und aufgewachsen ist, bin ich natürlich auch von den Auswirkungen westlicher Beatmusik in den Ländern des real existierenden Sozialismus nicht verschont geblieben. Und ich muss sagen, nicht alles dort war peinlich oder vollkommen indiskutabel. 1969 bekam ich von einer in Ostberlin lebenden Tante diese LP der führenden tschechischen Beat Band The Matadors geschenkt. Es ist ihre einzige LP geblieben. Aber für mich war diese LP damals eine Offenbarung. Durch sie lernte ich das wunderbare „My Girl“ kennen. Für das Original von The Temptations war ich entscheidende 2-3 Jahre zu jung. Und auch „It’s All Over Now, Baby Blue“ im Arrangement von Them hörte ich hier zum ersten Mal. Neben einer John Mayall Nummer und zwei Howlin’ Wolf Cover sind dies dann aber auch schon alle Fremdkompositionen auf der LP. Die anderen sieben der insgesamt zwölf Titel sind eigene Werke der Prager Band. Und was für welche! Komposition, Arrangement und Spieltechnik stehen den angloamerikanischen Zeit-genossen nicht nach. Und im Vergleich zu den deutschen Beat Bands der Sixties sind The Matadors ganz weit vorne. Der Opener „Get Down From The Tree“ ist eine großartige R&B Nummer, deren Sound man heute mit Freakbeat assoziiert. „Extraction“ ist ein fast avantgardistischen Instrumental von sechs Minuten, das an Soft Machine und The Doors zugleich denken lässt. In den Liner Notes der LP werden Them mit Van Morrison, Eric Clapton und Jimi Hendrix als Vorbilder genannt. Man hört das auch deutlich, ohne dass man je das Gefühl hat, hier wären reine Kopisten am Werk. Viktor Sodoma hat eine wirklich tolle, ausdrucksstarke Stimme. Und auch wenn er nicht immer völlig akzentfrei Englisch singt, so klingt seine Stimme doch erstaunlich nach so großen Vorbildern wie Stevie Winwood, Otis Redding oder Eric Burdon. Das Zusammenspiel von Piano, Orgel und Gitarren ist wirklich unglaublich auf dieser Platte. Eben noch ganz traditionell im Blues verhaftet, und im nächsten Moment experimentell aber auch poppig. Die trotzig melancholischen Balladen überwiegen auf der Platte. Und ihre „Baby Blue“ Version ist für mich die ultimative. Vielleicht weil ich Them erst danach kennen lernte. So sehr unterscheiden sich die beiden Versionen auch gar nicht. Bei The Matadors klingt das Ganze etwas weicher und versöhnlicher, nicht zuletzt durch ein dezentes Streicherarrangement, das zwar in der Them Version auch da ist, aber so dezent, dass es kaum auffällt. Was ich damals nicht wusste, als die LP 1969 in der DDR und anderswo außerhalb der CSSR erschien, existierte die Band, die das Album im Mai 1968 innerhalb einer Woche aufgenommen hatte, schon nicht mehr. Schließlich hatten die Bruderarmeen im August 1968 Prag besetzt. Das bedeutete auch für die Popmusik einen heftigen Einschnitt. Der größte Teil der Band lebte inzwischen in München und bildete das musikalische Rückgrat der deutschen Version des Musicals „Hair“. Um die Mitte der 1970er Jahre dann bereicherten sie unter dem Namen Emergency die bundesrepublikanische Jazz Rock Szene. Dass die Platte von The Matadors dennoch im Ostblock weite Verbreitung fand, gehört zu den vielen Widersprüchlichkeiten des dialektischen Materialismus. Die LP war für mich immer ein Meilenstein vor allem auch meiner ganz persönlichen musikalischen Entwicklung. Und wenn ich sie heute wieder höre, dann kommen nicht nur jede Menge Erinnerungen hoch, ich freue mich auch über die nuancenreiche und erfrischende Wirkung dieser Musik. Das spanische Label Munster Records hat nun eine Doppel-LP veröffentlicht, die neben der LP auch sämtliche Aufnahmen, die unter dem Namen The Matadors damals gemacht wurden, enthält. Alles wurde von den originalen analogen Bändern remastert. Allerdings wurden in zwei Fällen die besseren Mixe einer früheren EP den Album Versionen vorgezogen. Die zusätzlichen Tracks von verschiedenen Singles, EPs und Samplern bieten eine interessante Bereicherung und machen die Entwicklung der Band in den zwei Jahren ihres Bestehens gut deutlich. Ausführliche Liner Notes in englischer Sprache liefern die ganze Geschichte und Vorgeschichte der Band. Ich kann die Anschaffung dieser Doppel LP wirklich empfehlen, würde mich aber von der originalen LP trotzdem niemals trennen. Diese bekommt ****1/2 

 

A Social GracePsychotic Waltz – A Social Grace (DoLP, Century Media, www.psychoticwaltz.com)

 

Die Bekanntschaft mit Psychotic Waltz aus Kalifornien verdanke ich dem Leserforum des deutschen Rolling Stone. Zwar war ich nie ein Fan von Heavy Metal, aber manche Randbereiche des Genres fand ich immer schon interessant und hörenswert. Und Psychotic Waltz sind auch keine typische Metal Band sondern nach eigener Einschätzung eine „progressive hippie metal band“. Nun, Hippie war ich vor langer Zeit auch mal. Und eine Ader für Progrock hatte ich in den frühen 1970er Jahren schon und in letzter Zeit wieder. „A Social Grace“ ist das Debütalbum der Band aus dem Jahr 1990. Unter dem Namen Aslan begann die Gruppe als High School Band in den 1980er Jahren im Südkalifornischen El Cajon bei San Diego. Da es bereits eine andere Band namens Aslan gab, nannte man sich ab der ersten offiziellen Veröffentlichung nun Psychotic Waltz. Eine Besonderheit der Band war, der Leadgitarrist Brian McAlpin war infolge eines Autounfalls seit 1984 querschnittsgelähmt. Dennoch trat er regelmäßig mit der Band auf und war reguläres Bandmitglied bis zum Schluß 1997. Die Band hat sich dieses Jahr in ihrer Ur-Besetzung reformiert und wird live auftreten sowie wohl auch eine neue Platte machen. Aus diesem Anlass hat Century Media jetzt eine limitierte Box mit allen regulären LPs und den Aslan Demos veröffentlicht. Aber zurück zum Debüt. Die CD (kein Vinyl) erschien damals in Europa auf dem deutschen Label Rising Sun und erhielt positive Kritiken in einschlägigen Zeitschriften. Obwohl das Album also recht erfolgreich war, sah die Band außer einem Vorschuß kaum etwas von den Erlösen. Wie auch immer, reden wir über die Musik. Wie ich schon sagte bin ich kein Metal Fan und also auch kein Kenner des Genres. Was mir an dieser Platte gefällt, das ist ihre Vielschichtigkeit. Natürlich erinnert da Manches an die frühen 1970er Jahre. King Crimson fällt mir ein, Black Sabbath, Uriah Heep, sogar Jethro Tull. Aber andererseits sind einige Gitarrenriffs typisch Metal. Bei Iron Maiden oder auch bei den deutschen Helloween hab’ ich Ähnliches schon gehört. Dazu gesellt sich der typische Falsettgesang und hier und da auch eine unzweifelhaft an Jimi Hendrix geschulte Gitarre. Ich erinnere mich dunkel, dass diese Art Prog Metal vor gut 20 Jahren recht angesagt war. Damals habe ich ja schließlich neben Guns’n’Roses auch Mekong Delta und Celtic Frost Platten in meinem Laden verkauft. Seltsam, dass mir Psychotic Waltz nicht da schon untergekommen sind. Vermutlich lag es daran, dass es kein Vinyl gab. Nun ja, besser spät als nie. Diese Platte wächst mit jedem Hören. ***1/2

 

22 Pistepirkko – The Kings Of Hong Kong (LP, Bone Voyage, www.22-pistepirkko.net)

 

Die drei Burschen aus dem nordfinnischen Utajärvi gehören ja schon seit bald 25 Jahren zu meinen Lieblingsfinnen. Vor längerer Zeit angekündigt, machen sie nun ernst mit der Wiederveröffentlichung ihres Back-Katalogs auf Vinyl. Die erste Langspielplatte der Marienkäfer erschien zwar bereits 1983 in finnischer Sprache, aber die zählt hier in diesem Zusammenhang nicht. 1986 hatten sie ein erstes Lebenszeichen von sich gegeben, nachdem sie monatelang in der Klausur einer einsamen Waldhütte, mit Sauna und Scheune zum Proben, die Werke der Ramones, Beach Boys sowie unzählige Pebbles Sampler studiert und verinnerlicht hatten. Die 7“ EP „Ou Wee“ erschien auf dem kleinen Pygmi Label in Helsinki. Dorthin waren die Jungs inzwischen auch gezogen, weil man da doch wenigstens ein bisschen näher am musikalischen Geschehen ist, und sei es auch nur am finnischen. Schon bald nach dem Erscheinen der EP und ersten positiven Reaktionen in der einschlägigen finnischen Musikpresse und sogar aus dem Ausland ging die Band daran, ihre Debüt LP aufzunehmen, ihre englischsprachige Debüt LP wie gesagt. Pygmi Records war eine kleine Firma und auch bereits so gut wie pleite, als die ersten Studio Sessions anstanden. Dementsprechend chaotisch ging es zunächst zu. Man stand ständig unter Zeitdruck und musste Studio Zeit nutzen, wenn gerade welche günstig zur Verfügung stand. Etwas entspannte sich die Situation, als Euros Records in die Bresche sprang und Riku Mattila, ein damals bereits erfahrener finnischer Musiker und Produzent, für die Zusammenarbeit gewonnen werden konnte. Und so wurde die Produktion der Platte im Frühjahr 1987 erfolgreich abgeschlossen. Die drei Musiker, die Brüder P.K. (Gitarre, Gesang) und Asko (Bass, Keyboards) sowie ihr Schulfreund Espe (Schlagzeug, Gesang), machten während dieser Zeit enorme Fortschritte, d.h. sie lernten ständig hinzu, probten zum Teil wie die Besessenen, und sie entdeckten andauernd neue Klänge und Spielweisen. Die LP „The Kings Of Hong Kong“ ist einerseits noch stark von Sixties Garage Beat geprägt. Asko war gerade dabei, die käsigen Töne seiner Farfisa Orgel voll auszukosten. Andererseits weist die Platte aber bereits weit über den Garage Horizont hinaus. Mit „Don’t Try To Tease Me“ findet sich eine gelungene Hommage an Hank Williams Senior, dessen Platten P.K. gerade erst kennen gelernt hatte, am Ende der ersten LP Seite. Und Espes „Motorcycle Man“ kann den Einfluss der Velvet Underground nicht leugnen. Was die LP zu etwas Besonderem macht, das ist die unglaubliche Spiel- und Entdeckungsfreude der drei Musiker, die von Anfang an begierig waren, neue Dinge zu probieren, unbekannte Wege zu beschreiten und dabei ständig Musikhistorie auf- und abzuarbeiten. Der LP Titel ist übrigens der Tatsache geschuldet, dass damals in Finnland (und vermutlich nicht nur dort) viele Dinge des täglichen Gebrauchs „Made in Hong Kong“ waren. Die Band fand das lustig. Und sie selbst waren demzufolge „The Kings Of Hong Kong“. ****

 

22 Pistepirkko – Bare Bone Nest (LP, Bone Voyage)

 

Auf ihrer zweiten internationalen LP waren die Marienkäfer zur Blues Combo mutiert. Aber natürlich nicht im traditionellen Sinn Blues wie bei Muddy Waters, Lightnin’ Hopkins oder Captain Beefheart. Die Jungs übernahmen jedoch diese hypnotische, vorwärts drängende Spielweise, dieses sich wiegende Auf und Ab solcher Songs wie „I Wish You Would“. Mit der Blues Adaption der britischen Musiker in den 1960er Jahren hat das hier auch recht wenig zu tun. Nach eigener Aussage konnten die Finnen das Spartanische, die archaischen Geschichten der alten Blues Songs und diese raue Melancholie, zuweilen Tristesse, aufgrund ihrer Herkunft aus der einsamen Kargheit des finnischen Nordens gut nachvollziehen. Obwohl diese Songs von einem anderen Kontinent stammen, waren sie rein gefühlsmäßig gar nicht so weit weg, sagt P.K. Beim Spielen der Blues Gitarre fühlt sich P.K. ausgesprochen wohl, wie man hört. Doch treten bei ihm diverse andere Elemente hinzu. Das Sir Douglas Quintett hatte in den 1980er Jahren mal in Oulu gespielt, und Asko war dort und fasziniert von Sound und Spieltechnik der Band. Speziell sein Orgel und Synthesizer Spiel auf dieser LP hier ist vom Cajun und Texmex Sound zumindest inspiriert. Die LP entstand im Winter 1988/89 wieder in enger Zusammenarbeit mit Riku Mattila, der auch bei dem einen oder anderen Track an der Gitarre aushalf. Wieder ist eine sehr vielschichtige, vielseitige Platte entstanden. Neben dem Blues gehört Country zum Repertoire dieser Platte, sowie allerlei exotische Klänge von Tablas, Congas und vorproduzierten Tape-Loops. Der Opener „Frankenstein“ wurde damals zu einem richtigen kleinen „Indie“ Hit – auch hier in Berlin dank Radio 100. Die ätherische Country Ballade „Shot Bayou“ ist überirdisch schön. Und die wilde Entschlossenheit solcher Tracks wie „Save My Soul“ erinnert in der Tat an die Kompromisslosigkeit des leider kürzlich verstorbenen Captain Beefheart. Höhepunkt dieser Kompromisslosigkeit ist der Titelsong „Bare Bone Nest“ am Ende der LP. Eine an Sonic Youth geschulte Klangcollage aus Feedback und Fuzz Kaskaden. Alles mit Gitarren und ihren Verstärkern und Effektgeräten erzeugt. Lediglich die Marseillaise und das Star Spangled Banner wurden vom Band zugespielt. Grandios! Die LP erschien 1989 auf dem eigens von Universal Finnland für solche Zwecke gegründeten Label Spirit. Die Re-Issues auf Bone Voyage wurden übrigens von den analogen Originalbändern gemastert. Covergestaltung und Liner Notes sind neu, die originalen Cover als Faksimile beigefügt. Bare Bone Nest LP ****1/2

 

Various Artists – Die Bremer Beatmusikanten (CD, Bear Family, www.bear-family.com)

 

Ihr erinnert euch bestimmt an die “Smash! Boom! Bang!“ CD Reihe von Bear Family Records, diese umfangreiche und unvergleichliche Dokumentation der Beatmusik der 60er Jahre in Deutschland. Hier gibt es nun einen kleinen Nachschlag. Sieben Beat Bands aus Bremen werden auf dieser CD vorgestellt und zum Teil erstmals ausführlicher dokumentiert. Mit dabei sind die Germans, deren Single „Angelique“ ich blöderweise vor vielen Jahren auf einer Plattenbörse verkauft habe. Ihre Debüt 7“ „Mein Hobby sind die Girls“ ist auch nicht so übel. Noch besser gefallen mir aber die Mushroams, deren „Dely“ ein richtiger Ohrwurm ist und sich hinter britischen Beat Singles des Jahres 1965 nicht zu verstecken braucht. Auch die Pipelines gehören zu den durchaus hörenswerten Kapellen dieser Auswahl. Ihre deutsche Version des Renegades Hits „Cadillac“ hatte ich schon völlig vergessen. Der Rest auf der CD von den Yankees (Live Aufnahmen, die bereits auf ihrer Best of CD 2001 erschienen) und solchen Bierzelt Combos wie den Rascals, Bobbies und Five Spots hat allenfalls dokumentarischen Wert. Die ausführlichen Liner Notes stammen von einem gewissen Detlef Michelers. Hans-Jürgen Klitsch, der sonst immer die kenntnisreichen und zuverlässigen Biographien lieferte, war wohl verhindert. Oder was war los, Hans-Jürgen? Eine Bewertung ist bei so einem Sampler natürlich nur für die einzelnen Tracks möglich. Und von ***1/2 für „Dely“ bis zu * für die Live Tracks der Rascals ist alles drin. Mehr aber nicht.

 

Ladies and Gentlemen...Spiritualized – Ladies and Gentlemen We Are Floating in Space (DoLP, Dedicated, 1997)

 

Diese Doppel-LP gilt vollkommen zu recht als das zentrale Werk der Band um Jason Pierce. Aus Gründen, die ich nicht mehr nachvollziehen kann, ging die Scheibe im Jahr ihres Erscheinens vollkommen an mir vorbei. Und so war ich hoch erfreut, als nun in diesem Jahr ein Vinyl Re-Issue erschien. Spiritualized ging aus The Spacemen 3 hervor, die Ende der 1980er Jahre zu den bekanntesten Space Rock und Trance Bands des UK gehörten. Ihre Musik klang meist so, als wären Musiker und Toningenieur völlig stoned gewesen im Studio und letzterer nahm die Session mit halber Geschwindigkeit auf. Ein bisschen so klingt auch diese Platte noch. Doch ist das hier nun weit mehr, als Trance Rock von Shoegazern für zugedröhnte Kiffer. Allein die umfangreiche Instrumentierung mit diversen elektrischen Gitarren, Keyboards, verschiedenen Streich-, Blas-, und Zupfinstrumenten und nicht zuletzt dem London Community Gospel Chor weist über schlichten Space Rock weit hinaus. Aber natürlich ist es eine Platte, die im Club oder in der Disco ihre Wirkung genauso entfaltet, wie daheim unter Kopfhörern oder über die Wohnzimmeranlage genossen. Anders als Radioheads „Ok Computer“, das im gleichen Jahr erschien und zumeist die Top Listen anführte, vermittelt diese Platte eine geradezu majestätische Erhabenheit, deren Wirkung sich kontinuierlich steigert, ohne durch Brüche oder melancholische Wendungen gestört zu werden. Es mag seltsam klingen, aber diese Platte hier ist viel eher im Blues und im ursprünglichen R&B geerdet, als der Neo-Prog von Radiohead u.a. Nicht zuletzt beim Opus Magnum des Albums, dem 17 minütigen „Cop Shoot Cop“, wird das deutlich. Und hier ist ja auch Dr. John als Gast am Piano und Mikrofon dabei. Alles in allem ist „Ladies and Gentlemen…“ ein psychedelisches Gospel Album über die Liebe und den Drogenmissbrauch. Bei aller Erhabenheit ist es doch auch wild und ekstatisch. Ein Wahnsinnsalbum. ****

 

Mike & The Ravens

 

No Place For PrettySalla Day aus Finnland, die damals noch mit der Gruppe Branded Women gemeinsam musizierte, traf bei einem USA Aufenthalt vor ein paar Jahren auf Mike Brassard und Steve Blodgett, die in den frühen Sixties mit der Band Mike & The Ravens im Nordosten der USA aktiv waren. Salla und die beiden älteren Herren, die gut und gern ihre Väter sein könnten, schlossen Freundschaft, und bei ihrer Rückkehr nach Finnland verließ Salla die Branded Women und gründete eine neue Band Them Bird Things, deren Repertoire ausschließlich aus Songs der beiden Songwriter Senioren besteht. Für das Debütalbum von Them Bird Things wurde „Like A Fire“ aufgenommen, das Mike & The Ravens bereits 1962 live im Rollerland in Plattsburgh, New York, spielten. Die anderen Songs wurden von Mike und Steve zumeist neu für Them Bird Things geschrieben. Auf dem aktuellen zweiten Album stammen wieder alle Songs aus der Feder der Herren Brassard und Blodgett, die übrigens auch an den Aufnahmen zur Platte unter der Regie des Musikjournalisten und Produzenten Will Shade beteiligt waren. Shade war es auch, der Salla ursprünglich mit Mike und Steve bekannt machte. Einer der Songs auf dem Album „Wildlike Wonder“, nämlich „Underground“, wurde von Mike und Steve bereits 1967 als Single auf Decca unter dem Namen Fire & Brimstone veröffentlicht. Und diese Single wurde von einem gewissen Terry Phillips produziert, der seinerseits kurz darauf mit einem gewissen Jimmy Curtiss Perception Productions gründete. So schließen sich Kreise! Und zu allem Überfluss muss ich feststellen, dass die beiden Songs jener Fire & Brimstone 7“ zwei Jahre später auf der New Hobbits LP von Jimmy Curtiss wieder auftauchen. Nun weiß ich auch, warum mir „Underground“ sofort so vertraut und bekannt vorkam. Aber zurück zu Mike & The Ravens. Die Band wurde Ende der 1950er Jahre als Mike & The Throbs gegründet. Ab 1962 spielten sie unter dem neuen Namen Mike & The Ravens (inspiriert von der Lektüre der Werke Edgar Allan Poes) regelmäßig bei Schulfesten und in solchen Lokalen wie dem Rollerland in Plattsburgh, NY, oder The Saxony im benachbarten Vermont. Drei Singles erschienen auf dem lokalen Label Empire Records. Ihre Hymne an das örtliche Venue „Rollerland“ war nicht darunter. Den nahmen stattdessen etwas später The Twilighters auf und machten ihn zum Garage Punk Klassiker. Das Ende der Ravens war besiegelt, nachdem Steve zusammen mit ihrem Bassisten Brian Lyford und Drummer Peter Young in die örtliche Stowe Community NevermoreChurch eingebrochen war und über die Verstärkeranlage des Gotteshauses um Mitternacht Rock’n’Roll Platten in voller Lautstärke abgespielt hatte. Die Jungs wurden zu Jugendarrest verdonnert und danach von ihren erbosten Eltern auf verschiedene Colleges geschickt. Mike und Steve blieben jedoch über die Jahre in Kontakt, musizierten wie gesagt als Fire & Brimstone zusammen und spielten u.a. auch mit ihrem ex-Bassisten Brian einige bis heute unveröffentlichte Tracks ein. Will Shade brachte die Band Mike & The Ravens dann im Jahr 2005 wieder zusammen. Mittlerweile hat die Band unter seiner Regie zwei Alben mit alten und neuen Songs aufgenommen und veröffentlicht. Dass die Herren inzwischen alle bereits im Rentenalter sind, hört man diesen Aufnahmen nicht an. Solider, kraftvoller Rock’n’Roll ganz im Stil der Sonics, frühen Pretty Things oder jüngerer Bands wie The Untamed Youth ertönt da aus den Lautsprechern. Erschienen sind „Noisy Boys! The Saxony Sessions“ (CD, Zoho Roots, 2008), das nur ganz alte Songs der Band enthält, und „No Place For Pretty“ (CD, Zoho Roots, 2009) mit weiteren Mike & The Ravens Songs in aktuellen Aufnahmen aber natürlich auf Vintage Equipment. Bei Dionysus Records erschien 2005 in der Reihe Bacchus Archives eine Doppel-CD mit Archiv Material von Mike & The Ravens sowie Fire & Brimstone inklusive aller damals veröffentlichten Singles, aber auch mit Live und Demo Sessions. Kompiliert wurde diese CD von Will Shade.

 

EvensongAmazing Blondel – Evensong (LP, Island, 1970)

 

Die Band kenne ich eigentlich auch schon seit fast 40 Jahren, zumindest dem Namen nach. Und als ich nun diese LP (ihr zweites Album) hörte, merkte ich, dass ich die Musik  schon lange kenne. Muss ich damals also auch schon mal irgendwo gehört haben, obwohl ich nie Platten der Gruppe besaß. Amazing Blondel waren zunächst ein Duo, das typisch britischen Pop spielte. Ihre erste LP – die ich allerdings nicht kenne – soll noch überwiegend diesen leichtgewichtigen Britpop enthalten. Hier waren sie bereits zu dritt und sehr bemüht, wie eine traditionelle elisabethanische Musikgruppe zu klingen, oder zumindest so wie sie sich traditionelle Musik des 16. Jahrhunderts vorstellten. Dazu gehört, dass sie auf allerlei alten überlieferten Instrumenten spielen: Krummhorn, Laute, Dulcimer, Flöten, Theorbe, Harpsichord u.a. Ihre Songs sind allesamt selbst komponiert, orientieren sich aber an klassischer englischer Folkmusic oder eigentlich eher spätmittelalterlicher und Renaissance Musik, also letztlich doch Kunstmusik. Das hat also mit der Musik, die von Gruppen wie Pentangle, Fairport Convention, Steeleye Span u.a. zur gleichen Zeit gespielt wurde, nur bedingt etwas zu tun. Zu jener Zeit waren Amazing Blondel übrigens nicht die einzigen, die so etwas versuchten. Aber so weit ich weiß, waren sie die Bekanntesten und wohl auch die Überzeugendsten. Ich bin bestimmt kein Experte auf diesem Gebiet, doch klingt diese Platte für mich sehr schön nach solcher Musik, die womöglich schon Shakespeare zur Entspannung und Erbauung hörte. Wie auch immer, die Melodien sind überwiegend sehr angenehm, Gesang und Arrangement umschmeicheln das Ohr. Auch die beiden folgenden LPs, „Fantasia Lindum“ und „England“, setzten diesen Pseudo Renaissance Stil fort und kultivierten ihn noch üppiger. Erst nach Weggang von John Gladwin 1973 wurde die Musik der Band, die sich fortan nur noch Blondel nannte, rockiger. „Evensong“ findet man relativ leicht auch für kleines Geld. ***1/2

 

Under Wartime ConditionsCleaners From Venus – Under Wartime Conditions (LP, Modell Records, 1985)

 

Eine auf ganz andere Art typisch englische Platte ist diese LP, die übrigens in England nie offiziell erschienen ist. Nicht als LP jedenfalls. Die Cleaners From Venus und vor allem ihr Mastermind Martin Newell waren Teil der Cassette Culture, einer musikalischen Untergrund Bewegung, die ihre Musik ausschließlich auf selbst kopierten Tapes zirkulieren ließ. In diesem Zusammenhang kann ich übrigens zwei Bücher nur wärmstens empfehlen, die ich in Guitars Galore auch schon vor Jahren besprochen habe. Das ist zum einen „Ein Junge aus den Home Counties“ von Armin Müller, der darin akribisch die Geschichte von Martin Newell und den Cleaners From Venus erzählt, und zum anderen „This Little Ziggy“, die Autobiographie von Martin Newell, die bei House Of Stratus 2001 erschien. Ich will deshalb hier auch nicht weiter auf Martins Geschichte eingehen. Nur so viel, er spielte bereits in den 1970ern in einer Glam Rock Band und scheiterte grandios mit seiner Version von Prog, als alle Welt Punk und New Wave hörte. Eine Außenseiter und Eigenbrötler par excellence also. Seit Ende 1980 hatte Newell unter dem Namen Cleaners From Venus Musik produziert und Tapes veröffentlicht, meist allein, zum Teil gemeinsam mit einem gewissen Lawrence Elliot. Dieser verschrobene, liebenswerte Britpop aus dem Untergrund erfreute sich in Westdeutschland einer gewissen Beliebtheit in so genannten „Indie“ Kreisen. Und so kam es, dass „Under Wartime Conditions“ hier als LP erschien, während sich in London kaum jemand für Martins Tapes interessierte. Die Aufnahmen entstanden im Frühjahr 1984 im sprichwörtlichen Bedroom mithilfe einer TEAC 144 Bandmaschine. Demzufolge gibt es meist kein richtiges Schlagzeug, aber die Rhythmusmaschine und die einfallsreiche Percussion ersetzen es, ohne dass es unangenehm auffällt. Die Songs stehen wie gesagt in einer typisch britischen Pop Tradition, die bei der Music Hall beginnt, Sixties Swinging London reflektiert und ähnlich wie bei Andy Partridge vor neuen Experimenten nicht halt macht. Songs wie „Summer In A Small Town“, Lukewarm Lovesong”, “Drowning Butterflies”, „Johnny The Moondog Is Dead“ oder der herausragende “Song For Syd Barrett”, all das ist einfach wundervoll anzuhören. Verbunden sind die Tracks durch kleine Gesprächsfetzen, die den persönlichen Charakter der Platte noch erhöhen. Newell arbeitete in der Folge mit Giles Smith zusammen, den man heute vor allem als Autor von „Lost In Music“ kennt. RCA Hamburg nahm die Cleaners unter Vertrag und veröffentlichte zwei LPs nur in Deutschland, die besser produziert waren, ohne den Charme der Musik weg zu polieren. Letztlich ein beiderseitiger Irrtum,  wie man im Nachhinein konstatieren kann. Diese LP hier ist zwar nicht häufig, aber auch nicht wirklich teuer. ****

 

All Of UsNirvana – All Of Us (LP, Island, 1968)

 

Neben den britischen Kaleidoscope und der Band Tomorrow ist Nirvana eigentlich die Formation, deren Musik den Prototyp britischen Psych Pops darstellt. Und ihre zweite LP „All Of Us“ ist für mich eine der gelungensten und geschlossensten Platten des Pop im Jahr 1968. Nirvana, das waren damals der irische Musiker Patrick Campbell-Lyons und der griechische Komponist und Arrangeur Alex Spyropolous. Ihr Debütalbum „The Story Of Simon Simonpath“ (das ich leider nicht besitze) erschien im Oktober 1967 und war damit noch vor „S.F. Sorrow“, „Arthur“ und „Tommy“ das erste Konzeptalbum der Popmusik. „Rainbow Chaser“, der Opener aus „All Of Us“ erschien als zweite Single des Albums und wurde der größte Charterfolg der Band. Ich sah sie damit im Beat Club, wo sie den Titel natürlich nicht live spielten, sondern ein kollagenhafter psychedelischer Kurzfilm gezeigt wurde. Vorläufer der Video Kultur also. Die LP „All Of Us“ enthält keinen Ausfall. Kein Song ist weniger als hörenswert, einige sind großartig! Dabei ist die Musik im Rahmen des Genres recht vielseitig. Orchester Arrangements wechseln mit kleiner Bandbesetzung. Schwärmerische Harmonien, jubilierende Chöre wechseln mit Harpsichord, Spinett, Flöte, akustischen Gitarren sowie zeittypischen Sound Effekten wie Phasing und Flanging. Eingespielt wurde das alles natürlich von Top Session Musikern und Orchestern. Und so war Nirvana eigentlich nicht in der Lage, diese Musik live zu präsentieren, was damals ein gewisses Manko gewesen sein mag. Produziert wurde die LP, wie schon der Vorgänger, von Chris Blackwell, dem ich solch starke Pop Affinität gar nicht zugetraut hätte. Im Original ist die LP nur für einen dreistelligen Betrag zu finden. ****1/2  

 

Kun Suomi putos puustaIsmo Alanko – Kun Suomi Putos Puusta (LP/CD, Seal On Velvet, 1990)

 

Es ist vermutlich fast unmöglich, die Bedeutung und Eindringlichkeit dieser Platte jemandem klar zu machen, der weder Finnisch versteht noch mit Finnland allgemein etwas vertrauter ist. Versuchen will ich es trotzdem. Ismo Alanko macht seit seinem 14. Lebensjahr Musik. Er stammt aus Kuopio in Ostfinnland. Seine erste Band war Hassisen Kone. 1978 gegründet und schnell vom Punk zu einer der besten New Wave Bands in Finnland geworden, löste Alanko die Band 1982 bereits wieder auf. In den 80er Jahren war er mit Sielun Veljet unterwegs, die von Industrial Rock über Funk Crossover bis zu Zappa affiner Psychedelia alles ausprobierten inklusive eher missglückter Ausflüge zu Klezmer und anderer jiddischer Musik. Das hier ist also Alankos erstes Solo Album, das zudem in einer Zeit großer politischer und gesellschaftlicher Umbrüche entstand. Um es kurz zu machen, es ist seine Reaktion auf diese Veränderungen, seine Beschreibung der Wende in Finnland. Denn Finnland war sehr stark betroffen von der Wende in Europa. Die sicheren wirtschaftlichen Beziehungen zur Sowjetunion brachen über Nacht weg. Ganze Industriezweige brachen fast völlig zusammen. Tausende wurden in der Folge arbeitslos. Finnland musste sich – zum Teil wenigstens – vollkommen neu orientieren. Davon erzählen die Songs dieser Platte auf eine sehr poetische und zum Teil skurrile Weise. Zugleich ist es wohl auch eine Art persönliche Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Ismo Alankos Geschichte in erster Linie, aber auch die seiner Heimat. Kun Suomi Putos Puusta, als Finnland vom Baum fiel, so heißt das Album und auch der Titelsong, der sehr schön beschreibt, wie die Finnen mit der so unerwartet und plötzlich über sie kommenden Veränderung umgehen und wie sie – nicht fatalistisch – aber doch letztlich unaufgeregt ihr Schicksal annehmen und meistern. Musikalisch ist die Platte sehr abwechslungsreich. Während der Titeltrack eine leicht verschrobene Ballade zwischen altem Folksong und avantgardistischem Chanson ist, gibt es auch Polka, die in Finnland Humppa heißt, wie wir spätestens seit der Gruppe Eläkeläiset wissen. Es gibt Klangcollagen, die in Alankos Industrialzeit verweisen. Es gibt weitere Balladen, die zumindest oberflächlich betrachtet eine Nähe zum Gothic Rock à la The Cure vermuten lassen. Natürlich sind die Texte zum Verständnis des Ganzen eigentlich unverzichtbar. Aber erstens ist Alankos Stimme unvergleichlich beeindruckend in ihrem Ausdruck und zweitens vermittelt natürlich auch schon die Musik ein Gefühl, das zwischen Verdruss und Zweifel auf der einen sowie Hoffnung und Begeisterung auf der anderen Seite alle Facetten durchläuft. Einer der eindringlichsten Tracks ist Hetki Hautausmaalla (ein Moment auf dem Friedhof), den Alanko bereits 1978 am Grab eines verstorbenen Freundes live aufnahm. Nur seine sonore Stimme im schamanischen Singsang, im Hintergrund Donnergrollen eines nahenden Gewitters. Das Stück Meidän Isä (unser Vater) nimmt musikalisch einiges an zeitgenössischem Gothic Rock solcher Bands wie HIM vorweg. Und natürlich ist es viel überzeugender als jene später je waren. Eine altmodische fast traditionelle Humppa Melodie auf traditionellen Instrumenten gespielt beschließt dieses ungewöhnliche und großartige Album. Es wurde in Finnland mit Preisen ausgezeichnet und verkaufte sich ca. 30.000 mal (das entspräche einer halben Million in Deutschland). *****  

 

Matching MoleMatching Mole – s/t (LP, CBS, 1972)

 

Durch meine Beschäftigung mit der Canterbury Szene in den letzten Wochen stieß ich auch auf diese LP, die ich damals immer in den Grabbelkisten stehen ließ, obwohl sie doch so ein hübsches an Kinderbücher erinnerndes Cover hat. Die Band wurde von Robert Wyatt gegründet. Mit dabei war u.a. auch der Gitarrist David Sinclair, der zuvor bei Caravan spielte. Der Bandname entstand als Verballhornung der französischen Übersetzung von Soft Machine (bei der Wyatt zuvor trommelte) „Machine molle“. Diese Platte hier verbindet denn auch die ausufernde an Free Jazz orientierte Musik von Soft Machine mit dem eher songorientierten psychedelischen Pop der frühen Caravan. Der Album Opener „O Caroline“ ist ein wunderbares verträumtes Liebeslied, das Wyatt für seine damalige Freundin schrieb. Dies bleibt jedoch das konventionellste Stück auf der Platte. Die fast ausschließlich von Wyatt komponierten Stücke lassen zwar viel Raum für Improvisation und folgen nur bedingt traditionellen Strukturen, aber sie nähern sich eigentlich nie dem anstrengenden Free Jazz, den Soft Machine ab ihrem zweiten Album pflegten. Eher klingt das hier wie die experimentelleren Sachen von Pink Floyds „Ummagumma“ oder auch einzelne Stücke von Robert Fripp bei King Crimson. Es ist eine sehr zeittypische Platte, bei der das Mellotron häufig auf äußerst kluge und überzeugende Weise zum Einsatz kommt. Es wird wenig gesungen, was diejenigen freuen wird, die wie ich mit Wyatts Stimme Probleme haben. Manche der improvisierten Klangcollagen erinnern mich sogar an Tangerine Dream. Keine Ahnung wer da bei wem Inspirationen geholt hat. Ist vielleicht auch Zufall. Und natürlich merkt man auch, dass der Hauptkompositeur vor allem Schlagzeuger ist. Allerlei perkussive Elemente bis hin zum beinahe schon traditionellen Drumsolo sind zu hören. Hätte ich diese Platte damals kennen gelernt, sie gehörte heute womöglich zu meinen Highlights jener Zeit. Aber auch so bietet sie mir genug Hörgenuss, um bei passender Gelegenheit wieder aufgelegt zu werden. ***1/2

   

Indian SummerIndian Summer – s/t (LP, RCA Neon, 1971)

 

Eigentlich ist es ja zu früh für den Indian Summer, der in den USA je nach Quelle so zwischen Ende September und Anfang November eintritt. Aber um die namensgebende Jahreszeit geht es hier eh nicht. Die Band Indian Summer stammt aus Coventry und wurde 1969 gegründet. Das hier ist ihr einziges Album, erschienen 1971 auf dem Prog Label von RCA Neon. Eine sehr typische britische Prog Rock Scheibe, die von allen damals erfolgreichen Bands so ein bisschen hat. Der Gesang erinnert sowohl an Uriah Heeps David Byron wie an Deep Purples Ian Gillan. Die improvisiert wirkenden Keyboard Passagen lassen mich ebenfalls an Deep Purple aber auch an Steve Winwood denken. Über weite Strecken wirkt diese LP wie eine Fingerübung in typischem Prog Rock. Die üblichen Sounds, die Gitarren Keyboard Duelle, die mäandernden Passagen und die breiten Klangflächen, alles ist da. Basis ist ein typisch britischer Hardrock mit Ausflügen zu symphonischem Rock aber auch jazzigen Exkursen vor allem vom Gitarristen. Was fehlt sind herausragende Songs, ungewöhnliche Arrangements oder sonst irgendwas Überraschendes, Ungewöhnliches. Diese Platte ist ein vollkommen durchschnittliche Prog Rock Scheibe ohne Höhepunkte. Einzig der Opener „God Is The Dog“ und das Instrumental „From The Film Of The Same Name“ heben sich ein wenig ab vom Rest, der gefällig unauffällig dahinfließt um nicht zu sagen plätschert. Hätte ich die Platte schon damals gekannt, wäre ich vermutlich ein wenig begeisterter. So werde ich sie wohl früher oder später wieder verkaufen. ***

 

Barbara KeithBarbara Keith – s/t (LP, Reprise Records, 1972)

 

Auf diese Sängerin aus der New Yorker Boheme der späten Sixties um das Café Wha? wurde ich letztlich durch das Leserforum des deutschen Rolling Stone aufmerksam. Ihre frühen Folk Platten kenne ich so wenig wie die LP der Band Kangaroo, auf der sie mit einem Song und Backing Vocals vertreten ist. Diese LP von 1971 ist allerdings eine tolle Entdeckung. Folkrock ist eine unzureichende Beschreibung. Das hier ist eine tolle Singer/Songwriter Platte, die sich ohne Weiteres in eine Reihe mit den großartigen LPs jener Jahre von Joni Mitchell, Delaney & Bonnie und Lowell Georges Little Feat stellen lässt. George taucht hier übrigens als Gitarrist auf. Und auch andere renommierte Musiker von Jim Keltner bis Spooner Oldham spielen hier mit. Warum Mrs. Keith mit der Produktion nicht zufrieden war, ihren Vorschuss zurück gab und darauf gänzlich aus dem Musik Biz verschwand, ist nicht nur mir vollkommen unverständlich. In allen Reviews, die ich fand, wird ihre kräftige ausdrucksstarke Stimme und ihr ausgereiftes Songwriting gelobt. Dem kann ich mich nur anschließen. Diese Musik bewegt sich souverän zwischen denn Idiomen, Blues, Folk, Country und Rock. Einzig der Opener „All Along The Watchtower“ ist eine Fremdkomposition. Die Interpretation ist eher an die von Jimi Hendrix als an Dylans Original angelehnt. Aber eigentlich ist es eine vollkommen eigene auf ihre Art überzeugende Version, die das mystische, hintersinnige des kryptischen Textes vortrefflich unterstützt. Wie gesagt eine wunderbare Platte, die zudem gar nicht so schwer zu finden war und auch im Original mit rund 15 US Dollar durchaus erschwinglich ist. Feine Sache! ****

 

The Fox – For Fox Sake (LP, Flash Records)

 

For Fox SakeKennen gelernt habe ich diese Band vor über 20 Jahren durch die wunderbare Rubble Compilation Reihe auf Bam Caruso Records. Die B-Seite ihrer einzigen Single „Butterfly“ war da enthalten. Ihre LP erschien wie die Single 1970 bei Fontana. Für ihren fröhlichen, lockeren Psych Pop, der ein wenig an die englischen Kaleidoscope erinnert, war es da vermutlich schon viel zu spät. Hervorgegangen sind The Fox aus einer 1965 in Brighton gegründeten Band namens The Beatroute. Ihr Line-Up veränderte sich mehrfach und ihr Sound entwickelte sich gegen Ende der Sixties zu dem mild psychedelischen Folkrock, R&B und Pop, der hier zu hören ist. Die Band hatte in ihrem Heimatort regelmäßig live gespielt und fast jeden bekannten Act supportet, der nach Brighton kam, von The Herd über Cream bis zu David Bowie. Nach und nach verschwanden die Coverversionen aus ihrem Programm, und es wurde schließlich fast nur noch eigenes Material gespielt. Als sie dann Anfang 1970 die Gelegenheit bekamen, in London einige Demos aufzunehmen (so dachten sie jedenfalls), waren sie bestens eingespielt, und die Aufnahmen waren nach knapp 24 Stunden und nur wenigen Overdubs im Kasten. Ihr Management lizenzierte die LP an Fontana. Eine Single wurde ausgekoppelt, bekam allerdings kaum Airplay, und auch die Reviews waren dünn gesät. Nur in Brighton erschien ein Rave Review in einer Lokalzeitung. Dennoch kam es sogar zu einer Lizenzveröffentlichung in USA. Das Management von The Fox war dann aber schwer mit seinen anderen Schützlingen Black Sabbath beschäftigt, deren Erfolg gerade durch die Decke ging. Die Band The Fox löste sich relativ bald aus Mangel an Erfolg auf. Die hier – leider nicht im Originalcover – wiederveröffentlichte LP zerfällt in zwei, eigentlich sogar drei Teile. Da ist zunächst der Folkrock inspirierte Psych Pop, der Seite Eins dominiert. Die Singletracks „Secondhand Love“ und Butterfly“ gehören dazu ebenso wie „Lovely Day“ oder „Look In The Sky“. Dann gibt es eher R&B inspirierte Tracks wie „Goodtime Music“ mit Bluesgitarre und Honky Tonk Piano. Und schließlich ist da noch „Madame Magical“, ein 10-minütiges Rock Stück, das ein wenig an die Canterbury Szene erinnert und die LP würdig beschließt. Diese Vielseitigkeit ist es, die einen heute am meisten erstaunt. Es lohnt sich durchaus, The Fox neu zu entdecken. ***1/2

 

Pererin – Haul ar yr Eira (LP, Guerssen Records)

 

Ursprünglich war Pererin eine Progrock Band. Gegründet in Bangor, Wales, Ende der 1970er Jahre, als die Zeichen der Musikwelt eher auf Punk oder Disco standen. Durch die Bekanntschaft mit dem bretonischen Musiker Alain Stivell, entschied man sich jedoch bald, ebenfalls eher traditionelle Musik zu spielen. So entstand eine spannende Mischung aus walisischer Folkmusik und angloamerikanischem Folkrock mit rudimentären Prog Einflüssen. Ich erinnere mich, dass ich damals Ende der 70er neben Punk und New Wave auch zeitgenössischen Folk und Folkrock aus verschiedenen Regionen Europas hörte. Die Debüt LP von Pererin erschien 1980 jedoch in nur 500er Auflage auf einem kleinen lokalen Label, dessen Kontakte offenbar nicht bis nach Berlin reichten. Nun hat das spanische Label Guerssen diese LP wieder zugänglich gemacht. Ich höre sie also zum ersten Mal. Spontan erinnert die Musik an den britischen Folk und Folkrock der frühen 70er. Neben akustischen und elektrischen Gitarren, elektrischer Orgel, Bass und Schlagzeug werden allerdings auch traditionelle walisische Instrumente gespielt. Und schließlich sorgt der Einsatz von Mellotron und Effektgeräten dafür, dass die Musik einen leichten psychedelischen Touch bekommt. Von Prog ist eigentlich nichts zu bemerken. Sehr schön ist der Wechsel zwischen der weiblichen glasklaren Sopranstimme und dem männlichen Tenor. Beide hervorragende Vokalisten. Die Platte erinnert wie gesagt eher an den pastoralen Folkrock solcher Bands wie Pentangle. Flöten, Violine und Mandoline runden das Bild. Seltsamerweise muss ich sogar an Pekka Streng aus Finnland und seine psychedelische Folkmusic denken, wenn ich das hier höre. Ich verstehe zwar kein Wort, das hier gesungen wird, aber allein die Musik nimmt mich gefangen in ihrer beruhigenden Schönheit. ****   

 

Gypsy – s/t (DoLP, Metromedia, www.gypsy-queen.net)

 

GypsyDurch das Leserforum des Rolling Stone wurde ich auf diese Band und Platte aufmerksam. Und nun habe ich die originale Debüt Doppel-LP der Band relativ günstig bei eBay erstanden. Neugierig gemacht hat mich zunächst das Cover, das – typisch für Zeit und Ort – ein Frauenporträt des tschechischen Jugendstil Malers Alfons Mucha verwendet. Die Band stammt ursprünglich aus Minnesota, war aber 1969/70 die Hausband im „Whisky A Go Go“ in Hollywood. Ihre erste Single „Gypsy Queen“ wurde im Sommer 1970 in den Billboard Charts notiert. Das Doppelalbum „Gypsy“ erschien im selben Jahr. Die Musik darauf ist ausgesprochen zeittypisch. Auch wenn die Band heute als Progressive Act bezeichnet wird, ist sie eher eine typische Westcoast Band mit einem Hang zu schönen, gefälligen Sounds und Harmonien. Die Songs wurden überwiegend vom inzwischen verstorbenen Gitarristen der Band Enrico Rosenbaum geschrieben. Zusammen mit dem Keyboarder Joe Walsh zeichnete er auch für Arrangements und Produktion verantwortlich. Die Stücke auf dem Debüt sind meist recht komplex. Klassische Songstrukturen werden ergänzt durch immer wieder prägnante Solo Passagen von Gitarre oder Orgel, die jedoch nie ausufern oder zum Selbstzweck verkommen. Immer wieder gibt es sehr schöne Vokal Harmonien, die an Beach Boys oder reine Vokal Gruppen wie The Fifth Dimension erinnern. Streicher Arrangements treten hier und da hinzu, und bei den längeren Tracks – immerhin drei der 13 Tracks auf dem Album sind deutlich über sechs Minuten lang – gibt es dann auch diese für Prog Rock typischen mäandernden Keyboard Passagen, die aber immer in sehr schöne Vokal Parts münden und den Eindruck von Hippie Harmonie und Seligkeit noch bestärken. Songwriting und Arrangement sind letztlich näher and Crosby, Stills & Nash als an Genesis. Die komplexen Streicher und Keyboard Passagen bei „The Vision“ zum Beispiel erinnern eher an Broadway Musicals als an die fantastischen Visionen britischer Prog Rocker. Auch der längste Track der Platte „Dead And Gone“ beginnt zunächst als flotte Westcoast Folkrock Nummer, um dann im zweiten Teil Tempo und Stimmung deutlich zu drosseln mit ruhigen Keyboard Clustern. Schließlich werden beide Stränge am Ende zu einem vereint, was bei mir Erinnerungen an „It’s A Beautiful Day“ beschwört. Beim letzten Track der LP werden dann noch mal alle Register gezogen. Es ist der bombastischste und eigentlich musikalisch übertriebenste Track der Platte mit heftigem Phasing auf dem Drums nach dem Vorbild von „In-A-Gadda-Da-Vida“. Auch wenn mir die kürzeren Stücke eher zusagen, diese Platte ist ein gelungenes Gesamtkunstwerk. ***1/2

 

Varjo – Viimeinen Näytös (LP/CD, Stupido Records, www.myspace.com/varjoyhtye)

 

Um eine Wiederveröffentlichung handelt es sich hierbei ja nicht, so dass diese Platte eigentlich auch unter Neuheiten besprochen werden könnte. Dass ich sie dennoch in dieser Rubrik vorstelle, liegt daran, dass es sich um historische Aufnahmen einer Band handelt, die so nicht mehr existiert, weil eines ihrer wichtigsten Mitglieder auf tragische Weise ums Leben kam. Das mutet fast schon makaber an, wenn man weiß, dass Varjo die führende finnische Gothic Band der 90er Jahre waren. Post Punk und Gothic Rock war und ist in Finnland schon seit den frühen 1980er Jahren sehr beliebt. Natürlicherweise, möchte man beinahe denken, denn eine gewisse Schwermut und Düsternis wird der finnischen Volksseele immer schon nachgesagt. Ein großer Teil der Bands in Finnland singt traditionell in der Muttersprache. Man kann sich darin besser ausdrücken, und auch das heimische Publikum favorisiert Texte, die es versteht. In den 90er Jahren wurde dann allerdings auch von Post Punk Musikern häufiger die englische Sprache verwendet, nicht zuletzt zur Steigerung der Vermarktungschancen im Ausland. Insofern war die Entscheidung für die finnische Sprache bei der Gründung von Varjo 1994 eher untypisch. Varjo bedeutet Schatten; und musikalisch bewegt sich die Band denn auch von Anfang an in einem Spannungsfeld zwischen Joy Division, Bauhaus, The Cure, Killing Joke und anderen klassischen Vertretern der britischen Gothic Szene. Mit neueren Gothic Bands, ob in Skandinavien oder anderswo, verband sie eigentlich nur die Berufung auf gleiche Vorbilder. Die Musik sowie die Texte von Varjo sind also in diesem Sinne sehr traditionell und frei von Theatralik und spinnertem Firlefanz. „Viimeinen Näytös“ (die letzte Vorstellung) ist das vierte und letzte Album der Band. Eingespielt wurde die Platte im Wesentlichen nach dem Unfalltod des Gitarristen Henry Waldén im Jahr 2008 von den verbliebenen drei Bandmitgliedern, von denen wiederum nur Antti Lautala (voc, git, keyb) als einziger schon bei der Gründung der Band dabei war. Ja er war es, der die Band mit seinem Freund Henry 1994 gründete. Bereits vor Henrys Tod hatte die Gruppe einen Mitmusiker durch Tod verloren. Einer der zeitweiligen Keyboarder der Band verschwand 2007 spurlos und wurde über ein Jahr später tot aufgefunden. Deshalb thematisieren einige der Songs auf dem Album, das bereits vor Henrys Tod weitgehend fertig geschrieben war, Verlust, Trauer und Tod. Musikalisch wie gesagt stark an den Klassikern des Genres orientiert. Mitunter gibt es ein paar Ambient Anklänge. Auch wenn man die Texte nicht versteht, kann man sich von der Atmosphäre dieser Platte leicht gefangen nehmen lassen. Die drei verbliebenen Musiker der Band machen heute als Silent Scream ähnliche Musik, nun aber mit englischen Lyrics. ***1/2 

 

Various Artists – Eilisen Jälkeen, Finnish Post Punk 1981 – 1987 (CD, Stupido Records, www.stupido.fi)

 

Im vergangenen Jahr brachte Stupido Records die ambitionierte und ultimative 4CD Suomipunk Box raus. Hier kommt nun eine kleine Portion Nachschlag sozusagen. „Eilisen Jälkeen“ (Nach Gestern) der Titel der Compilation war zugleich ein Single Hit der Band Ratsia 1981, der den Reigen hier logischerweise eröffnet. Ratsia waren 1978 als typische Punk Band gestartet, aber schon nach ein paar Singles und einen Album schwenkte die Band um und musizierte sehr gekonnt und ambitioniert im Fahrwasser von The Cure u.a. Joose Berglund von Stupido Records hat hier wieder vorzügliche Arbeit geleistet. Die wichtigen und hörenswerten Vertreter der finnischen Gothic und Post Punk Szene der 80er sind hier zu hören. Ein paar schon damals eher belächelte Mitläufer und Eigenbrötler fehlen zu recht. Musta Paraati (The Black Parade) sind gleich mit drei Titeln vertreten. Sie waren wohl auch die mit Abstand erfolgreichste Band dieser Art in Finnland. Belaboris hören wir mit „Kuolleet Peilit“ (Tote Spiegel). Die fünf Damen bildeten auf jeden Fall die schönste und edelste finnische Post Punk Band. Mehr als zwei Singles und eine 12“ EP sowie zwei oder drei sehenswerte Videos ist von ihnen leider nicht überliefert. Musikalisch waren sie an Cocteau Twins und Minimal Elektronik orientiert. Die Instrumente wurden übrigens von drei Herren im Hintergrund bedient, die aber weder auf der Bühne noch in Videos oder auf Fotos je zu sehen waren. Ein paar Kuriositäten oder Eintagsfliegen sind schließlich doch dabei. So z.B. die Band Syyskuu (Herbstmond) mit ihrer einzigen Single „Susi“ (Wolf), die zwar erst 1983 erschien, aber immer noch sehr nach Punk (ohne Post) klingt, auch wenn ein schräges Saxophon und ein heulender Wolf dabei sind. Und Geisha wirken ein bisschen wie die Zöglinge eines jungen Adam Ant. Auch Kuudes Tunti (die 6. Stunde) ist so eine Band, die nach einer Platte wieder verschwand. Oder Ret Marut und Psyyke, die jeweils nur eine Single veröffentlichten. Wenn ich diese schnellen treibenden Drums und Bässe höre, die abgehackten Gitarrenakkorde, Synthesizer Riffs und darüber schwebende Klänge von irgendwelchen weiteren elektronischen Instrumenten, dazu dann eine mehr oder weniger einprägsame Melodie, gesungen von nicht immer wirklich schön klingenden Stimmen, aber mit viel Inbrunst, dann fühle ich mich wieder zurück versetzt in meine finnischen Sommer in den 80ern und auf Festivals, bei denen junge Menschen, meist sehr schlank und mit seltsam zusammen gewürfelten Klamotten und Existenzialisten Haarschnitt teilnahmslos herumlungern, um im nächsten Moment begeistert vor einer Bühne auf und ab zu hüpfen und einer ähnlich aussehenden Kapelle zuzujubeln. Weitere Bands heißen Hexenhaus oder Kuolleet Kukat (Tote Blumen). Burundi, ein Damen Duo, klingt 1986 immer noch wie eine Mischung aus Tubeway Army und Siouxsie für Arme. Eine Band ist dabei, die es nie zu einer Veröffentlichung brachte, bis jetzt. Aber der Titel „Kuume“ (Fieber) von Hiljaa (Still!) wurde 1985 mehrfach in Helsinki im Radio gespielt. Mit Liikkuvat Lapset (Kinder in Bewegung) ist auch die einzige Band dieser Szene dabei, die bei einer Major Firma unter Vertrag war. Ihr Sound wirkt zu bombastisch und im Vergleich überproduziert. Aber sie wa-ren wohl einigermaßen erfolgreich. Ihre Sängerin Tuula Amberla veröffentlicht noch immer regelmäßig Solo Platten. Der letzte der 22 Tracks kommt von der Band Tiistai (Dienstag) aus dem Jahr 1987 mit einem sehr jungen Timo Rautio am Mikrofon. Timo Rautio spielt heute schwermetallenen Düsterrock, in gewisser Weise die finnische Version von Rammstein, allerdings ohne jeglichen Humor und ohne die rammsteinschen Perversitäten. Rautios heutige Band heißt Niskalaukaus (Genickschuss). Wie auch immer. Wer sich für finnische Rockmusik und/oder für Post Punk interessiert, sollte sich diese Compilation ruhig mal anhören. Die Liner Notes sind allerdings leider nur auf Finnisch. Eine Bewertung ist schwierig, da es neben Highlights wie Ratsia und Belaboris auch Belangloses oder Seltsames gibt.

 

Agincourt – Fly Away (CD, Acme / Lion Productions, Korea)

 

AgincourtIn GG173 hatte ich den Nachfolger dieser Scheibe hier vorgestellt. Das letzte Album der drei britischen Musiker Joe Ferdinando (guitars, bass, auto harp, vocals), Peter Howell (guitars, mandolin, organ, recorder, percussion) und Lee Menelaus (vocals) erschien 1973 unter dem Namen Ithaca. „Fly Away“ entstand bereits 1970 und ist im Original nicht weniger selten und teuer als die anderen Platten des Trios, das übrigens ständig den Namen wechselte. Im Vergleich zum Nachfolger wirkt „Fly Away“ unbeschwerter, lockerer. Es ist zuallererst eine schlichte und fröhliche Folk Pop Platte. Die einzelnen Stücke sind vergleichsweise kurz und weisen eindeutige Folksongstrukturen auf. Leider ist Lees wunderbare helle, klare Stimme nur bei sechs der insgesamt 13 Tracks zu hören und nur bei einem Stück singt sie ganz allein, was dem Charakter dieser Musik viel besser zur Geltung verhilft, als der Leadgesang von John Ferdinando. Zwei Tracks sind rein instrumental, wobei „Joy In The Finding“ ein hübsches Motiv auf Flöte, Bass und akustischer Gitarre variiert, während „Barn Owl Blues“ fast schon ein wenig jazzy klingt. An Prog oder Psychedelia erinnert auf dieser Platte hier eigentlich nur das dreiteilige „Through The Eyes Of A Lifetime“ am Schluss, das die Moody Blues der Jahre 69/70 evoziert, wie auch das folgende Album von Ithaca. Die CD enthält seltsamerweise zwei Bonustracks am Ende, die auf dem Cover nicht genannt werden. Es handelt sich dabei ganz offensichtlich um Alternativaufnahmen von „Though I May Be Dreaming“ respektive „Going Home“, die beide etwas „rockiger“ wirken als die ursprünglich veröffentlichten Versionen. Insgesamt eine angenehme Folk Pop Platte mit einem ganz leichten Touch Psychedelia. Dem folgenden Album zwar nicht ebenbürtig, aber doch jedem Freund britischen Folk Rocks oder milder Psychedelia zu empfehlen. ***1/2     

 

The Raymen – Supersonic Rocket Ride (CD, Sireena / Broken Silence)

 

The RaymenThe Raymen aus Dortmund galten in den 80er Jahren als so etwas wie die deutsche Antwort auf The Cramps. Einzige Konstante der Band über die Jahre war und ist der Sänger Hank Ray. Singles, EPs und LPs erschienen zahlreich und immer wieder auf anderen Labels. Irgendwie war diese Band für mich immer nicht Fisch und nicht Fleisch. Nicht Neo-Sixties Beat, nicht Rock’n’Roll und auch nicht authentischer Surf oder Garage Punk. Live losrocken konnten und können die Jungs durchaus. Aber ihr Sound war dabei nie so richtig stilgetreu. Zu oft klang das einfach runtergeschubbt. Eine solche raue, rohe Schrubbsession ohne Rücksicht auf Feinarbeit wurde anno 1986 im Übungsraum auf primitivem Equipment eingefangen. Und nun leicht überarbeitet und klanglich so gut es eben ging restauriert wurde diese Session auf CD veröffentlicht. Für Fans von Lo-Fi Sound und launig schnörkellosem Rock’n’Proll ein gefundenes Fressen. Bis auf eine Version des Surfaris Klassikers „Wipe Out“ und eine ziemlich wüste Aufnahme von „Fever“ alles Originale aus der Feder Hank Rays. So steht es im Booklet. Nun ja, wir wollen nicht kleinlich sein. Die Variationsmöglichkeiten eines Bo Diddley Beat und von drei Akkorden sind begrenzt. Zumindest die „Voodoo Woman“ ist jedoch ein 1 zu 1 Kopie der „Rebel Woman“ von Dean Carter. Alles sehr trashy wie gesagt. Mir persönlich zu trashy, obwohl ich mir die Band bestimmt auch wieder mal gern live ansehen würde. **1/2

 

Ithaca – A Game For All Who Know (CD, Acme / Lion Productions, Korea)

 

IthacaDas Original dieses Albums erschien 1973 im UK bei Merlin Records in einer Kleinstauflage. Es gehört inzwischen zu den teuersten und legendärsten Platten des britischen Prog und Psych Folk der frühen 70er Jahre. Das etwas primitiv gestalte Cover, das eher antike Olympioniken evoziert als bezaubernde und verträumte Folk Musik, hatte ich schon hin und wieder in Katalogen und Nachschlagewerken gesehen und als uninteressant abgehakt. Die 2007 in Korea erschienene CD Ausgabe bietet nicht nur eine originalgetreue Replik des Klappcovers und Inlays, ihr liegen auch die originalen Masterbänder zugrunde und damit das Einverständnis der Künstler, was bei früheren Re-Issues leider nicht der Fall war. „A Game For All Who Know“ war das vierte und letzte Album des Trios Joe Ferdinando (voc, bass, guitars, organ, auto harp), Peter Howell (guitars, mandolin, piano, organ, percussion) und Lee Menelaus (vocals). Es ist zugleich ihr reifstes und gelungenstes Werk, auch wenn selbst diese Platte “nur” als Werbe- und Demo-LP gedacht war, um eventuell einen Vertrag bei einer großen Firma zu bekommen. Übrigens erschienen alle vorangehenden LPs des Trios bzw. Duos Ferdinando/Howell unter jeweils anderen Namen. So erschien bereits 1971 unter dem Namen Agincourt der Vorläufer dieser Platte mit dem Titel „Fly Away“, und davor 1969 und 1970 die LPs „Alice Through The Looking Glass“ und „Tomorrow Comes Sunday“ unter den Namen der Musiker bzw. als S.N.P. Die wundervolle engelsgleiche Stimme von Lee Menelaus ist allerdings nur auf den letzten beiden Alben zu hören. Und an den Aufnahmen zu diesen beiden LPs haben auch noch Gastmusiker an Schlagzeug, Flöten und Gitarre mitgewirkt. Betrachten wir jedoch die Musik auf der vorliegenden Scheibe. Und die lohnt ein Kennenlernen allemal. Die Gesamteindruck ist der einer ruhigen, verträumten Folkpop Platte, wie sie für die späten Sixties und frühen Seventies durchaus nicht untypisch ist. Das klingt mal locker, fröhlich wie bei „The Path“ und erinnert so an leichtgewichtigen Folkpop, wie er auch in den USA damals viel gespielt wurde. Oft überwiegt aber das Verträumte und andeutungsweise Geheimnisvolle, das Entsprechungen in der zeitgenössischen Musik der Moody Blues aber auch bei Curved Air oder Renaissance findet. Wobei eben diese Platte hier ganz eindeutig dem Folk Pop zuzuordnen ist. Wohingegen die anderen Genannten mehr oder weniger starke Art Rock und Prog Rock Aspekte beinhalten. Dass die Band Ithaca hier dennoch ein Kind ihrer Zeit ist, beweisen dann eben einerseits die Texte, die einen naiven Naturglauben und von Fantasy und Mystik geprägten Optimismus ausdrücken. Andererseits ist die Musik eben auch keine reine oder typische Folkmusik, sondern streckenweise der der Moody Blues zu dieser Zeit sehr ähnlich. Bis hin zu bedeutungsschweren gesprochenen Passagen und dem Einsatz von Mellotron und Studio Gimmicks. Am besten gefällt mir an der Platte der Gesang von Miss Menelaus, die zum Teil wirklich guten Songs und schließlich der überzeugende Gesamteindruck, der, obwohl oder gerade weil sehr Moody Blues mäßig, animiert, die Scheibe immer wieder zu hören. Besonders an so trüben Novembertagen wie diesen. ***1/2

        

Pekka Streng & Tasavallan Presidentti – Magneettimiehen Kuolema (CD, Love Records)

 

Pekka Streng – Kesämaa (CD, Love Records)

 

Pekka Streng & Olympia Orkesteri – Unenmaa (CD, Capitol Records, www.teosofia.net/ps)

 

Durch die neuere Freak Folk Bewegung in Finnland ist das Interesse an dem leider viel zu früh verstorbenen Musiker und Songschreiber Pekka Streng wieder belebt worden. Vor allem aber der Remix seines Titels „Puutarhassa“ durch das finnische Elektro-Label Sähkö und daraus resultierendes Airplay und der Einsatz in den Clubs nicht nur in Finnland hat eine neue und andere Generation auf ihn aufmerksam gemacht.

 

Pekka Streng wurde im April 1948 in einem kleinen Dorf im Süden Finnlands geboren. Schon als Kind schrieb er eigene Songs, spielte Gitarre und später auch Bass und Schlagzeug in einem örtlichen Tanzorchester. 1965 zog er nach Mikkeli im Osten Finnlands, um Erziehungswissenschaften zu studieren. Dort schloss er sich bald einer studentischen Musik- und Theatergruppe an. 1966-67 erkrankte Streng an Krebs, wurde aber erfolgreich operiert und mit Strahlung behandelt. Danach ging er nach Tampere, um Theaterwissenschaften und Publizistik zu studieren. In Tampere heiratete er und zog bald mit Frau und neugeborenem Sohn nach Helsinki, wo er weiter am Theater studierte und gleichzeitig für’s Radio arbeitete. Mit der Band Soulset als Begleitung nahm er eigenes Material für ein Radioprogramm auf. Nachdem er ein Demo an Love Records gesandt hatte, kam sehr schnell ein Deal zustande, der zur ersten LP „Magneettimiehen kuolema“ (der Tod des Magnetmannes) mit der damals führenden finnischen Jazz/Prog Band Tasavallan Presidentti führte. Die LP ging allerdings ziemlich bald unter, nicht zuletzt deshalb, weil Streng sich weigerte, Promotion dafür zu machen oder Interviews zu geben. Die Platte erschien im Frühjahr 1970 ohne viel Resonanz in den Medien. Viele der Songs hatte Streng schon seit Jahren im Repertoire. Einige hatte er auch schon mit der Gruppe Soulset gespielt. Ein Demo des Openers „Gilgames“  sowie Radiomitschnitte zweier Tracks mit Soulset finden sich übrigens als Bonus auf der CD. Dem Love Records Boss Atte Blom hatte Streng von seiner Krebserkrankung berichtet und dabei angedeutet, dass er diese Platte unbedingt noch vor seinem Tod machen wollte. Und natürlich spielt der Tod in den Texten – wenn auch meist verklausuliert – eine bedeutende Rolle. Andererseits strahlen die Songs eine Frische und Lebensfreude aus, die zu der ernsten philosophischen Seite ihres Schöpfers nicht zu passen scheint. Zum Teil handelt es sich auch ganz offen-sichtlich um Kinderlieder, die Streng für seinen kleinen Sohn schrieb. Natürlich haben die Musiker von Tasavallan Presidentti der Platte auch ihren Stempel aufgedrückt. Auch wenn wohl die Arrangements weitgehend von Streng vorgegeben wurden, so ist doch die Spielweise, der Sound der Band er-kennbar. Stilistisch fällt diese Platte – genauso wie die folgende – zwischen alle Raster. Weder ist das echte Folk Musik, noch ist es Prog oder gar Jazz. Leichtverdaulicher Pop ist es natürlich auch nicht. Und doch ist von alledem etwas vorhanden. Der Vergleich mit Syd Barrett drängt sich auf. Doch bei aller Ähnlichkeit im scheinbar naiven, verspielten Ansatz fehlt hier die völlige psychedelische Exaltiertheit. Pekka Strengs Musik, seine Lieder und erst Recht die Arrangements erinnern noch stärker an die Musik von Jade Warrior etwa zur gleichen Zeit, allerdings ganz ohne die rockige Komponente. Mitunter klingt auch ein wenig  von der Incredible String Band an. Der letzte Titel der Platte „Sisältäni portin löysin“ (Ich fand eine Tür in mir selbst) wurde in Finnland etwas später in einer Coverversion des ehemaligen Rock’n’Rollers Eero Raittinen ein kleiner Hit. Dass ich diese LP bislang gar nicht kannte, erstaunt mich selbst wohl am meisten. Eine ungewöhnliche und ganz wundervolle Debüt LP! ****1/2

 

Insgesamt noch schöner, ausgewogener und in sich stimmiger ist das folgende zweite Album von Pekka Streng „Kesämaa“ (Sommerland). Der junge Mann wusste oder ahnte wohl, dass er nicht mehr viel Zeit hatte. Nachdem er fast zwei Jahre nur für und mit seiner Familie gelebt hatte, beschloss er, doch noch sein Meisterwerk abzuliefern. Streng hatte viel gelesen. Von skandinavischer und tschechischer Kinderliteratur über das Gilgamesh Epos und Tolkiens Herrn der Ringe bis hin zu Camus und theosophischer Literatur. Einiges davon floss indirekt oder auch direkt wie im Falle von Kindergedichten aus Tschechien und Schweden in seine Arbeit am neuen Album mit ein. Als Produzent der Platte konnte Love Records den damaligen Gitarristen der Band Wigwam gewinnen. Hasse Walli spielte auch selbst dabei akustische Gitarre und Synthesizer. Darüber hinaus wirkten einige bekannte Musiker der aktuellen finnischen Jazz Szene an den Aufnahmen zum Album mit. Dennoch ist „Kesämaa“ auf keinen Fall eine Jazz LP. Die Arrangements sind dies Mal von Pekka Streng und Hasse Walli. Selbst wenn man die zum Teil märchenhaften versponnenen Texte nicht versteht, wird man gefangen von der entspannten und heiteren doch zugleich faszinierend hypnotischen Atmosphäre der Musik. Dass aus dem jazzigen Bossanova „Puutarhassa“ (Im Garten) ein aktueller Club Hit werden konnte, verwundert nicht. Spannend sind auf der CD auch wieder die Bonustracks, von Pekka zuhause aufgenommene Demos, bei denen man im Hintergrund seinen damals ca. vierjährigen Sohn quäken hört. Ich habe die LP über das finnische Huuto.net (eBay gibt es nicht auf Finnisch und es spielt daher dort kaum eine Rolle) für 23 € gekauft. Allerdings ist mein Exemplar eine zweite Auflage ohne beschrifteten Rücken. Die Originalausgabe mit beschriftetem Rücken kostet um die 80 €. Nach Fertigstellung der Platte zog es Pekka Streng in die Welt hinaus. Er reiste über Polen und Deutschland bis nach Spanien, von wo er glückliche und hoffnungsvolle Postkarten an seinen kleinen Sohn nachhause schrieb. Im Sommer 1974 wurde erneut Krebs diagnostiziert. Den Rest seines Lebens verbrachte Pekka im Kreise seiner Familie im Haus seiner Eltern. Kurz vor seinem 27. Geburtstag erlag er seiner schweren Krankheit. „Kesämaa“ ist ein musikalisches Wunderwerk. Eine Platte ohne jeden Fehl und Tadel, die zugleich zum Träumen wie zum Tanzen, zum Singen wie zum Nachdenken einlädt. Ein Meisterwerk! *****

 

Wie gesagt, Pekka Streng geriet bald in Vergessenheit. Die zweite LP war zwar deutlich erfolgreicher als die erste und erhielt zum Teil überschwängliche Kritiken, aber ein wirklich großer Hit war auch sie nicht, zumal sich der Künstler nach wie vor der Öffentlichkeit entzog. Ein einziges Interview gab Pekka Streng in seinem Leben. Das Gespräch mit dem späteren Labelgründer und Roadmanager von Wigwam und Piirpauke Tapio Korjaus fand im Sommer 1972 kurz nach Erscheinen von „Kesämaa“ statt. Aufgrund widriger Umstände blieb es damals unveröffentlicht. Erst 1978 schien für Tapio Korjaus genug Zeit vergangen, um seiner Chronistenpflicht doch noch gerecht zu werden. Das Interview erschien im Rahmen eines größeren Artikels in Soundi, der führenden finnischen Musikzeitschrift. In dem Gespräch erweist sich Pekka Streng imgrunde als Kind seiner Zeit. Er gibt sich als Fan der frühen Pink Floyd ebenso wie von David Bowie zu erkennen. Er erzählt von seinem persönlichen musikalischen Werdegang und auch etwas zur Entstehung der beiden LPs. Wiederholt drückt er seinen Unwillen aus, die eigenen Stücke erklären zu sollen. Auch das Werben für seine Musik ist ihm zuwider. Es entsteht der Eindruck eines etwas naiven, weltfremden wie wohl aufgeschlossenen und begeisterungsfähigen Menschen, eines Künstlers eben.

 

UnenmaaIm Januar 2009 erschien „Unenmaa“ (Traumland, aber auch „Land des Schlafes“, das finnische Wort „uni“ kann beides bedeuten). Diese CD versammelt Demoaufnahmen aus über fünf Jahren, die behutsam aufbereitet und nachträglich mit neuen Arrangements und Begleitung durch eine Band versehen wurden. Pekkas Bruder Lasse hatte die Bänder die ganzen Jahre über verwahrt. Als man für die Wiederveröffentlichung der beiden LPs das Material sichtete, stellte man fest, dass da noch etliche lohnende Schätze zu heben waren. Pekka hatte schon seit den späten 60ern regelmäßig zuhause Demos aufgenommen mit einem recht professionellen Spulentonbandgerät, allerdings in der Regel in mono. Aus der Fülle von Material wurden nun 15 weitgehend fertige und hörenswerte Stücke und Bruchstücke ausgewählt. Daran beteiligt waren neben dem damaligen Produzenten Hasse Walli auch Pekkas Bruder Lasse und sein erwachsener Sohn Joonia, der im Übrigen dann die Liner Notes zur CD schrieb. Ein gewisser Jukka Hakoköngäs wurde erwählt, die Stücke zu arrangieren und mit seiner Band Olympia Orkesteri zu begleiten. Gleichzeitig war er der Produzent dieses „neuen“ Albums. Auch wenn Hakoköngäs und seine Mitstreiter bestimmt mit viel Verständnis und Einfühlungsvermögen an die Sache gingen, bleibt ein komisches Gefühl. Die Stimme ist natürlich unverkennbar Pekka Streng. Auch die Songs sind in ihrer Struktur und Komposition sofort als die seinen zu erkennen. Trotzdem klingt diese neue Scheibe völlig anders als die ersten beiden. Gelegentlich ist es den jungen Musikern einigermaßen gelungen, ein wenig von der Atmosphäre des frühen Pekka Streng Werks einzufangen. Das muss man schon zugestehen. Doch die Produktion klingt trotz allen Bemühens zu modern. Und so rockig wie hier mitunter hat Pekka niemals musiziert. Ich weiß nicht, ob das ein Zugeständnis an den Zeitgeist ist, oder ob sich die Musiker dessen gar nicht bewusst waren. Einerseits bin ich froh, weitere großartige Songs von Pekka Streng hören zu können. Andererseits muss ich immer daran denken, dass sie damals veröffentlicht wohl doch anders geklungen hätten. Nicht völlig anders, aber eben anders, das ist das Blöde daran. Trotzdem ***1/2

 

Gila – Free Electric Rock Session, Live in Köln, 26.02. 1972 (LP, Second Battle, www.collectorrecords.de)

 

Im vorigen Jahr hat Second Battle das Debütalbum der Band Gila um den Gitarristen Conny Veit wieder veröffentlicht und damit eine der spannendsten Platten der Krautrock Ära wieder zugänglich gemacht. Conny Veit verstand sich und seine Mitmusiker als Teil einer alternativen neuen Gesellschaft, die mit sinnlosen muffigen Traditionen vor allem auch im kulturellen Bereich bricht. Die Musik der Band ist dementsprechend weitgehend freier Improvisation dem Erkunden neuer Stilistiken und Formen verpflichtet. Auf ihrer ersten Studio LP ist es der Band auch in beeindruckender Weise gelungen, neue Wege zu beschreiten. Diese Platte hier enthält nun einen Live Mitschnitt des WDR aus seiner Sendereihe „Eine kleine Nachtmusik“ aus dem Jahr 1972. Die Aufnahmen entstanden live im Studio vor vermutlich nur kleinem Publikum. Gespielt wurden nur neue Stücke, die für eine geplante zweite LP Gilas vorgesehen waren. Die Stücke waren sicher noch nicht vollkommen durcharrangiert, und so überwiegt hier auch ein typischer Jam Charakter. Nichtsdestotrotz knüpft die Musik direkt bei der des ersten Albums an. Dominiert von Gitarre und Orgel und fast ganz ohne Gesang kommen die sechs Tracks des Albums aus. Am spannendsten hier klingt die fast 17-minütige Gila Symphony, die sowohl den Wechsel der beiden Leadinstrumente eindrucksvoll zeigt, als auch die Spannung bis zum Schluss aufrecht hält bzw. immer wieder aufbaut. Gegenüber einer früheren CD Veröffentlichung des Mitschnitts wurde hier noch behutsam und kompetent nachjustiert am Sound. Kein leichtes Unterfangen, da ja lediglich ein Stereo Mastertape zu Verfügung stand. Natürlich wirken manche Vorstellungen und Ansätze der Musiker von damals heute etwas naiv und überholt. Ein schönes Zeitdokument ist diese Aufnahme jedoch allemal. ***

 

The Pretty Things – Philippe DeBarge (LP, Ugly Things, www.ugly-things.com)

 

Diese Platte erschien bereits im vergangenen Jahr, und die Vinylausgabe ist bereits weitgehend vergriffen. Obwohl ich ja regelmäßiger Käufer und Leser von Mike Staxs „Ugly Things“ Fanzine (Buch trifft es ja eher) bin, ist mir die Platte fast entgangen. Kurz gesagt, sie stellt das Bindeglied dar zwischen „SF Sorrow“ und „Parachute“. Entstanden sind die hier versammelten Aufnahmen im Spätsommer 1969 in einem kleinen Studio in London. Das Kuriose daran ist vor allem, dass der Franzose Philippe DeBarge, ein Playboy mit finanzkräftigem familiären Background und einem Faible für britische Popmusik im Allgemeinen und The Pretty Things im Besonderen, nicht nur die Sessions komplett finanzierte und der Band im Vorfeld einen Kurzurlaub in St.Tropez ermöglichte, sondern auch als Leadsänger fungierte. Dick Taylor hatte die Band kurz zuvor verlassen. Aber Phil May und Wally Waller hatten ständig neue Songs zusammen geschrieben, so dass an Material für die Sessions in den Nova Studios kein Mangel herrschte. Produziert wurden die Aufnahmen von May und Waller selbst. Obwohl DeBarge keine musikalischen Erfahrungen hatte, sang er die Leadstimme mehr als passabel. May übte aber auch täglich mit ihm, wie in den Liner Notes zur Platte nachzulesen ist. Die meisten Songs, die damals aufgenommen wurden, spielte die Band später höchstens noch gelegentlich live. Und keiner davon kam auf eine spätere Platte der Pretty Things. Das heißt jedoch keineswegs, dass wir es hier mit Ausschuss zu tun haben. Im Gegenteil! Diese LP ist ein kleines Juwel. Sie knüpft sehr schön an das ja leider ziemlich unterbewertete „SF Sorrow“ an und enthält 12 wunderbare zeittypische Popsongs, die auf’s Vortrefflichste die Atmosphäre zwischen Swinging London und Woodstock einfangen. Dabei klingen die Aufnahmen sogar erstaunlich modern für damalige Verhältnisse. Oder anders gesagt, sie klingen heute überhaupt nicht altbacken, sondern teilweise ganz so, als wären sie erst kürzlich in einem britischen Studio entstanden. Die Platte erschien damals dann doch nicht. DeBarge ging zwar das Geld nicht aus, aber er hatte wohl einige andere Probleme. Bedauerlicherweise starb Philippe DeBarge bereits 1998. Es hätte ihn bestimmt gefreut, dass sein Baby nach fast 40 Jahren doch noch das Licht der Welt erblickt. ***1/2

 

The Inner Space – Agilok & Blubbo (LP, Wah Wah Records, www.wah-wahsupersonic.com)

 

Agilok & BlubboThe Inner Space sind niemand anderes als Can in einer ersten Inkarnation zwischen Beat, Krautrock, Psychedelia und früher Elektronik. „Agilok & Blubbo“ ist ein Film, ein deutscher Underground Film aus dem Jahr 1968. Die Debütarbeit von Peter Schneider. Und das hier ist der Soundtrack dieses Films. In dieser Form wird die Filmmusik hier zum ersten Mal veröffentlicht. 1968 erschien lediglich eine 7“45 mit dem Titeltrack des Films und dem „Kamera Song“ auf der B-Seite, gesungen von Model Rosi-Rosi, die auch die Hauptrolle im Film spielte. Der Film erzählt eine völlig überdrehte Geschichte aus der linksalternativen Popart  Bohéme München-Schwabings. Die wirren Pläne zweier kauziger Revoluzzer werden von dem Model Michaela (Rosi-Rosi) durchkreuzt. Rosi-Rosi spielte im Schwabing der späten Sixties eine ähnliche Rolle wie Uschi Obermaier. Nur wurde sie nicht so bekannt. Ich kenne den Film leider nur aus der Zusammenfassung des Plattencovers. Er ist zur Zeit in keinem Verleih oder auf DVD erhältlich. Den wenigen Ausschnitten nach zu urteilen, die bei YouTube mal zu sehen waren, muss er eine Mischung aus Psych-Out, Blow-Up und Rote Sonne sein. Der Soundtrack hier ist jedenfalls etwas ganz Besonderes. Die Musik ist mal reine Filmmusik, elektronisch zumeist und den Sounds nicht unähnlich, die David Vorhaus und Delia Derbyshire etwa zur gleichen Zeit mit The White Noise produzierten. Dann wieder ist es Sixties Pop, Sunshine Pop mit einem Hang zu Lounge, Easy Listening. Der „Kamera Song“ sticht natürlich heraus. Mit seinem ganz eigenen bizarren Charme erinnert er entfernt an Nico bei Velvet Underground oder auch an französischen Yé Yé Pop. Noch seltsamer ist das „Revolutionslied“, das ebenso gut von Witthüser & Westrupp stammen könnte. Und schließlich hört man dem Soundtrack die klassische und Jazzausbildung der Herren Irmin Schmidt, Holger Czukay und Jaki Liebezeit an. Mit der Musik, die sie nur wenig später als Can machten, hat das noch wenig zu tun. Etwas nervtötend ist das über 10-minütige „Apokalypse“ am Schluss der Platte mit seinen dissonanten Flötentönen über einem treibenden Beat. Das aber ist wohl Absicht. ***1/2

 

The Mandrake Memorial – Puzzle (LP, Wah Wah Records, www.mandrakememorial.com)

 

Mandrake MemorialDie dritte und letzte LP der Band aus Philadelphia (USA) erschien im Original 1969. Zu diesem Zeitpunkt war die Band bereits zum Trio geschrumpft. Trotzdem ist diese LP ihr aufwändigstes, vielschichtigstes Album. Ein psychedelisches Konzeptalbum mit klassischen Einflüssen und einem Charakter von Barock-Artrock, der mit typisch britischem Progrock jedoch gar nichts zu tun hat. Vergleiche mit Ars Nova und dem Boston Rock Sound der späten Sixties drängen sich auf. Aber auch die Electric Prunes der David Axelrod Phase fallen mir dazu ein. Vielleicht etwas zu prätentiös, zu opulent das Ganze. Andererseits gibt es da so filigrane feine Parts und Verästelungen, die wiederum aufhorchen lassen. Auf derartige Sounds und Arrangements kam man wohl tatsächlich nur in den ausgehenden Sixties. Inwiefern das Coverbild die Musik inspiriert hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls passt dieses Gemälde von MC Escher sehr gut zu der Platte. Die Musik ist ähnlich verschachtelt und in unendlichem Auf und Ab ineinander verwoben. Stellenweise wirkt sie fast folkloristisch improvisiert. Eine Art Happening mit offenem Ausgang und zugleich ein Puzzle, das vollendet, aufgelöst zu werden trachtet. Jedoch scheint dies völlig unmöglich. Immer wieder öffnet sich ein weiterer Pfad, eine neue Melodie, eine rhythmische Abzweigung. Vor 40 Jahren hätte mich diese Platte in einem abgedunkelten Raum bei Kerzenschein oder Stroboskoplicht und in entsprechender Stimmung gehört in Verzückung versetzt. Heute finde ich sie einfach etwas sehr „strange“. Aber doch auch sympathisch auf ihre Art. ***1/2

 

Jeavestone – Mind The Soup (CD, Nordic Notes, www.myspace.com/jeavestone)

 

Tuomari Nurmio & Alamaailman Vasarat – Kinaporin Kalifaatti (CD, Nordic Notes, www.vasarat.com)

 

Kinaporin KalifaattiMind The SoupZwei sehr empfehlenswerte Scheiben aus Finnland, die Dank Christian Pliefke und Nordic Notes nun auch regulär in Deutschland erhältlich sind. Jeavestone aus Kalajoki im Nordwesten Finnlands erfreuten und überraschten letztes Jahr mit einem überaus gelungenen neuen Album (mein Album des Monats in GG158). Ihr erster Longplayer aus dem Jahr 2005 „Mind The Soup“ ist, da ich ihn nun wieder höre, gar nicht so übel, wie ich aus der Erinnerung meinte. Alle Anlagen eines sich nicht allzu ernst nehmenden, abwechslungsreichen und frischen eher Pop orientierten Progrock sind schon vorhanden. Die Tracks erstaunlich kurz und songorientiert. Lohnt sich. ***1/2

Auch das Album „Kinaporin Kalifaatti“ hatte ich bei Erscheinen in GG besprochen. Das ist allerdings so lange her, dass die Rezension nicht mehr online zugänglich ist. Tuomari Nurmio hat sich durch sein im vorigen Jahr erschienenes Album „Big Bear’s Gate“ auch hierzulande unter Insidern einen Namen gemacht. Mit den „Hämmern der Unterwelt“ (Alamaailman Vasarat) als Begleitband entstand hier eine ganz erstaunliche musikalische Mischung aus Captain Beefheart und Ethno-Prog mit orientalischem Einschlag. Wer keine Scheu vor finnischem Gesang hat, sollte sofort zugreifen. ****

 

Punk ja Yäk!Various Artists – Punk ja Yäk! (4 CD Box, Stupido Records, www.stupido.fi)

 

Um es gleich vorweg zu sagen, das ist die beste und vollständigste Übersicht zum Thema Punk in Finnland, die man bekommen kann. Es wurde so gut wie nichts vergessen oder ausgelassen. Zehn Jahre Punk und New Wave aus Finnland, 1977 bis 1987, wurden noch nie so umfangreich, kompetent und repräsentativ zusammengefasst wie in dieser Box. Würde man heute alle hier kompilierten Tracks als Originale kaufen wollen, man hätte lange zu tun und bräuchte den Gegenwert eines neuen Kleinwagens, also so um die 8-10.000 Euro. Joose Berglund von Stupido Records ist mit dieser Musik groß geworden. Hier hat er seine Jugenderinnerungen zusammengetragen.

Aber was ist nun eigentlich finnischer Punk? Was ist das Besondere an dieser Box? – Punk war ja ein internationales popmusikalisches und soziokulturelles Phänomen, das seine Wurzeln einerseits in der hedonistischen und nihilistischen New Yorker Kunst und Musikszene der frühen bis mittleren 1970er Jahre hatte, und andererseits seine größte Wirkung durch die Mitte der 1970er in London aufkommende minimalistische Do-It-Yourself Bewegung und den Slogan „No Future“ erzielte. Die Wirkung setzte in Finnland zwar mit leichter Verzögerung ein, dafür war sie um so nachhaltiger. Dass diese Musikszene und die damit einhergehende Jugendbewegung in Finnland dermaßen erfolgreich und massenwirksam werden konnte, hat sicher mit der relativen Isolation des Landes am nordöstlichen Rand Europas zwischen Ostsee und Sowjetunion zu tun. Ein kapitalistisches Land am Rande des großen Bruders im Osten. Seit Jahren geführt von einem zwar konservativen aber auch äußerst pragmatischen und fast absolutistisch herrschenden Staatspräsidenten Urho Kekkonen, dessen eigener Weg strikter Neutralität von Politikern im Westen wie im Osten bewundert und beneidet und mitunter als Finnlandisierung kritisiert wurde. Es gab zwei staatliche TV Programme und einen landesweiten Radiosender, der Musik für Jugendliche allenfalls in ein paar Nischen anbot. Ein nennenswertes Nachtleben gab es nicht mal in Helsinki. Um 22 Uhr wurden die Bürgersteige hochgeklappt, sofern Bürgersteige überhaupt existierten. Die teils aufmüpfigen und aufregenden späten 60er und frühen 70er Jahre, in denen auch in Finnland so etwas wie Aufbruchstimmung und Ansätze von Nonkonformität herrschten, waren schon wieder vergessen.

Die erste Band, die eine Punk Single veröffentlichte, war Briard in Helsinki. Ein gera-de mal 15-jähriger Antti Hulkko (a.k.a. Andy McCoy, später bei Hanoi Rocks) spielte die Gitarre, und der inzwischen bereits verstorbene Pete Malmi krähte „I Really Hate Ya“. Im Herbst 1977 war das. Und die Platte erschien beim finnischen EMI Ableger Finndisc. Aber schon die nächsten Singles von Pelle Miljoona und Eppu Normaali erschienen bei unabhängigen finnischen Firmen und was noch wichtiger war, es wurde auf Finnisch gesungen. Praktisch alle wichtigen und erfolgreichen Punk und New Wave Bands in Finnland in den folgenden Jahren texteten in ihrer Muttersprache. Und das war neben den Themen, die sie besangen, auch der Schlüssel zum Erfolg. Allerdings war dieser Erfolg damit auch auf Finnland beschränkt. Obwohl es ein paar Versuche gab, finnischen Punk und Rock zu exportieren, teilweise mit extra produzierten englischsprachigen Aufnahmen, interessierte sich weder in London noch sonst irgendwo jemand für Punk oder New Wave made in Finland. Ein paar Verrückte wie mich ausgenommen. Die Jahre der größten Aktivitäten, in denen die spannendsten, aufregendsten Platten erschienen und Konzerte stattfanden waren 1979 und 1980. Zur gleichen Zeit gab es übrigens auch ein recht nachhaltiges Rockabilly Revival in Finnland. Während die Musiker meist freundschaftlich miteinander verkehrten, wurden zwischen Teddy Boys und Punks mitunter schlagkräftige Meinungsverschiedenheiten ausgetragen. Aber das ist ja nun bestimmt kein typisch finnisches Phänomen. Der große auch kommerzielle Erfolg mit hohen Notierungen in den finnischen Pop Charts kam allerdings dann erst in den 1980er Jahren. Und Punk im ganz strengen Sinn war das auch nicht, was da chartete. Bands wie Pelle Miljoona und Eppu Normaali entwickelten sich sehr schnell weiter, und ihre Musik wurde vielfältiger behielt aber ihre jeweils bandtypische Charakteristik. Viele Bands der ersten Generation waren relativ kurzlebig. Nach ein paar Singles, einer oder vielleicht auch mal zwei oder drei LPs lösten sich viele Gruppen wieder auf. Aber sehr viele Musiker dieser ersten Generation blieben weiterhin aktiv und tauchten später wieder auf, teils in neuen Bands, teils als Produzenten, Talent Scouts oder sonst im finnischen Musik Business. Dass diese neue Bewegung eine solche Nachhaltigkeit entwickeln konnte, liegt sicher auch daran, dass Finnland mit nur gut fünf Millionen Einwohnern eine insgesamt recht überschaubare Musikszene hat. Jeder kennt Jeden. Da gibt es kaum Szenen, die abgeschottet existieren (können). In den 1980er Jahren folgte eine zweite Generation von Punk Musikern, die vor allem der heute als Hardcore bekannten Variante anhingen. Bands wie Terveet Kädet und Riistetyt erfreuten sich auch international in Hardcore Kreisen großer Beliebtheit, ob ihres kompromisslos schnellen Spiels und des meist kreischenden finnischen Gesangs, den zwar niemand verstand, der aber als besonders cool galt. Auch wenn in den 1980er Jahren New Romantic und Synthi Pop in Finnland ihre Anhänger ebenso fanden wie anderswo und entsprechende finnische Bands zum Teil extreme Erfolge verzeichneten, ein gewisser bodenständiger Schweinerock fand nach wie vor Zuspruch und erst recht der Ramones orientierte typisch finnische Punk Rock solcher Bands wie Ne Luumäet oder Pojat. Eine breite Bewegung war Punk in den 1980er Jahren jedoch auch in Finnland nicht mehr. Die meisten Hardcore Bands drifteten ins Metal Lager, oder aber sie mussten dem von Drugs & Alkohol (weniger vom Sex) geprägten Leben ihren Tribut zollen. Nicht wenige finnische Punk Musiker sind an den Folgen ihres exzessiven Lebenswandels bereits gestorben. Gegen Ende des Jahrzehnts gab es so gut wie keine neuen Punk Bands mehr. Allerdings lebt der Spirit bis heute weiter. Und natürlich gab es immer ein paar Musiker, die unermüdlich weiter machten. Neuerdings scheint 77er Punk auch bei ein paar jüngeren Leuten in Finnland wieder en vogue zu sein.

Die vier CDs dokumentieren die Jahre von 1977 bis 1987 so umfänglich und repräsentativ, wie keine Compilation bisher. CD1 umfasst die erste Generation finnischen Punks einigermaßen genau chronologisch und versammelt dabei die bekanntesten und damals erfolgreichsten Bands. Auf CD2 sind dann die nicht ganz so erfolgreichen Bands und Tracks der ersten Generation versammelt. CD3 bietet vor allem die Bands der frühen 1980er Jahre und der Hardcore Fraktion. Die vierte CD versammelt zum einen Bands, die nur am Rande zu Punk gezählt werden können, sowie einige Acts der dritten Generation. Vier CDs also mit jeweils knapp 80 Minuten Punk und New Wave Musik aus Finnland, insgesamt 132 Tracks. Das umfangreiche Booklet enthält viele seltene Fotos und neben den diskographischen Angaben auch informative Liner Notes und kurze Kommentare der jeweiligen Musiker. Allerdings alles auf Finnisch bis auf eine einseitige Einführung in englischer Sprache. Dennoch bin ich der Meinung, diese Box braucht jeder, der sich für finnischen Punk interessiert. Anhand der vielen Fotos kann man übrigens sehr schön sehen, dass die meisten Musiker noch ziemlich jung waren und dass es sich wirklich um eine jugendliche Massenbewegung handelte. Die Jungs sehen oft so normal aus, wie ganz durchschnittliche Jugendliche und Oberschüler. Klar tragen sie ein paar Badges, aber Klamotten und Frisuren sind oft nach Londoner Szene Maßstäben ziemlich uncool. Es sind halt oft Dorfpunks oder einfach nur ein bisschen ausgeflippte jugendliche Intellektuelle. Aber letztlich war das wohl überall so ähnlich. Im UK war allenfalls das Modebewusstsein etwas ausgeprägter. Eine Gesamtwertung in Sternchen macht bei so einer Box wenig Sinn. Manche Tracks verdienen *****, andere nur **. Aber insgesamt ist die Box natürlich sehr zu empfehlen.

 

Mad RiverMad River – s/t (LP, Capitol)

 

Eine der seltsamsten und eigenwilligsten Bands der psychedelischen Ära war diese fünfköpfige Gruppe aus der San Francisco Bay Area. Während die meisten Musikgruppen dieser Szene eine eher optimistische, oft naiv fröhliche Grundeinstellung mitbrachten, war das bei Lawrence Hammond und seinen Mitstreitern anders. Nicht nur klangen deren zum Teil sehr filigrane Kompositionen äußerst abgehoben, sie ließen zumeist auch eine eher dunkle Seite der Psyche erkennen, was sich sowohl in Texten als auch in der Musik manifestiert. Am deutlichsten wird das hier auf ihrem Debütalbum bei „War Goes On“, einem wie improvisiert wirkenden Parforce Ritt durch Jazz, Raga und Blues, der natürlich den endlosen und sinnlosen Vietnamkrieg widerspiegelt bzw. kommentiert. Wohl eher schwer verdaulich diese 12:30 Minuten. Aber schon der Album Opener „Merciful Monks“, obwohl nur 3:40 lang, macht klar, dass es hier nicht um radiofreundliche happy-go-lucky Popmusike geht. Die Gitarren klingen hier und auch beim folgenden „All Time High“ im besten Sinn psychedelisch. So muss man sich Acid Rock vorstellen. Dazu die hohe, schneidende Stimme von Hammond. Immerhin ist der Sound hier schon etwas weniger schrill und höhenlastig als bei der allerersten 7“EP, die bereits 1967 erschien. Bis auf einen wurden die Songs für das Debütalbum 1968 neu eingespielt. Aber auch so behält „Amphetamine Gazelle“ diese völlig überdrehte und gehetzt wirkende Atmosphäre, als wäre die Band auf Speed und Acid gleichzeitig. „Eastern Light“ dagegen hat ein fast abgeklärt majestätische Aura, getragen nicht nur von den Acid Gitarren sondern auch von Piano und Flöte, während Hammonds Stimme über allem thront. Der schönste Track des Albums ist jedoch „Wind Chimes“ mit beinahe indisch anmutenden acid Gitarren über hypnotischen monotonen Rhythmen und den schwebenden Flötentönen im zweiten Teil des Tracks. Das auf seltsame Art verloren wirkende Schlaflied „Hush Julian“ am Ende der LP ist mit 1:10 leider viel zu kurz. Die Platte war ein veritabler Flop seinerzeit. Und auch dieses Re-Issue wird sicher kein Bestseller werden. Es wird jedoch Zeit, dass sich auch bisher Nichteingeweihte mal mit dieser Band und ihrer ungewöhnlichen Musik beschäftigen. Die LP ist übrigens Richard Brautigan gewidmet, einem damals durchaus erfolgreichen Szene Poeten, der die Band nicht nur sehr schätzte sondern auch hin und wieder materiell unterstützte. ***1/2

 

The Story Of Beat-Club (3 DVD Box-Sets, www.beatclub-edition.de)

 

Beat-ClubDas sind doch mal gute Neuigkeiten! Radio Bremen hat sich endlich entschlossen, alle Beat-Club Sendungen auf DVD zugänglich zu machen. Musste man doch bisher mit einer lückenhaften 10 DVD Box vorlieb nehmen oder sich Mitschnitte von Wiederholungen besorgen, deren Auswahl ebenfalls eher zufällig war und noch dazu stümperhaft bis ahnungslos kommentiert wurde. Nun also komplett und ungeschnitten mit allen Ansagen, Vor- und Abspännen. Lediglich drei Sendungen fehlen. Das sind zum einen zwei „Best of“ Sendungen, die eh nur Wiederholungen boten, sowie eine Sendung (Folge 13), die nur Fremdfilme enthielt, an denen RB offenbar keine Rechte hat. Es fehlt auch der Beatles Film zu „Strawberry Fields Forever“, der in Folge 17 im Februar 1967 gezeigt wurde. Auch daran hat RB keine Rechte. Die Boxen sind auch einzeln erhältlich, was sicher denjenigen Freunden der Beatmusik gelegen kommt, die Prog, Acid und Jazz Rock Improvisationen, wie sie in späteren Folgen ab ca. 1970 gang und gäbe waren, nicht so sehr goutieren. Ich finde allerdings auch der späte Beat-Club hat seinen Charme. Und die optischen Effekte und Spielereien, die ab 1968/69 einsetzten, waren nicht nur wegweisend im Musik TV, sie sind zum Teil sogar unübertroffen in ihrer Kreativität.

Box I umfasst die Beat-Club Folgen 1-35 mit echten Live Auftritten von u.a. The Remo Four, The Boots, The German Bonds, The Pretty Things, The Monks, The Easybeats, Jimi Hendrix, The Who, The Small Faces, sowie Playback Dar-bietungen von Billy Nichols, Sharon Tandy, Sandy Sarjeant, John Walker, The Nice, Reparata & The Delrons u.v.m. Box II enthält die Folgen 36-59 mit u.a. Harry Nilsson, Spooky Tooth, Julie Driscoll, Sly & The Family Stone, The Flirtations, Caravan, Bloodwyn Pig, Man, Yes, Free, Collosseum, Taste, Mott The Hoople, Edgar Broughton Band, Van Der Graaf Generator, Brinsley Schwarz, Black Sabbath. Und Box III mit den Folgen 60-83 bietet Amon Düül II, The Incredible String Band, Fotheringay, Patto, Tom Paxton, Curved Air, The Soft Machine, Skid Row, Yes, Man, Family, Can, Fanny, T.Rex, Stone The Crows, Canned Heat, MC5, Grateful Dead, The Rolling Stones, Captain Beefheart, Johnny Cash u.v.m. Man kann die Boxen einzeln kaufen für 74,95 € oder komplett für 199,- €. Ich denke aber der Preis wird noch etwas günstiger werden, wenn erst Amazon und weitere Händler die Box Sets im Angebot haben. Im Moment verkauft Radio Bremen die drei Boxen mehr oder weniger exklusiv über das ARD Online Marketing. Bei Saturn wurden allerdings auch schon Beat-Club Boxen zu 69,- € das Stück gesichtet. Ich warte erst mal ab, aber dann kaufe ich bestimmt alle drei Box-Sets.

 

GilaGila – Gila (Free Electric Sound) (LP, Second Battle Rec., www.collectorrecords.de)

 

„Die Gila-Krustenechse (Heloderma suspectum) ist ein Vertreter der Krustenechsen. Ihr Name (US Engl. Gila Monster) stammt vom Gila-Fluss im Südwesten der USA (Bundesstaat Arizona) und ist mexikanischen Ursprungs, daher ist die Aussprache wie Hiela. Neben dem anderen Vertreter dieser Familie, der Skorpion-Krustenechse ist sie die einzige giftige Echse. Die Gila-Krustenechse erreicht normalerweise eine Körperlänge von 70 cm, einzelne Exemplare sind mit 100 cm gemessen worden. Sie hat einen breiten, massiv aussehenden Körper, einen großen Kopf mit winzigen Augen und kurze Beine mit scharfen Krallen. Der kräftige Schwanz dient als Fettreserve für Zeiten mit Nahrungsnot. Ihre Haut ist schwarz und höckrig mit roten bis rosa Flecken, die auch orange bis gelb sein können.“ So steht es bei Wikipedia. Und in diesem Fall sollte man der Web-Enzyklopädie ruhig trauen. Die Angaben zur Band Gila, die man bei Wikipedia findet, sind dagegen recht mager, wenn auch nicht falsch. Dass der Bandname dem eingangs beschriebenen Tier entliehen wurde, ist übrigens durchaus umstritten. Bandgründer Conny Veit können wir leider nicht mehr fragen. Das  langjährige Mastermind der Gruppe starb vor wenigen Jahren in Hamburg.

Die meisten Freunde von Krautrock und Psychedelia kennen vor allem Gilas zweites Album „Bury My Heart At Wounded Knee“. So auch ich. Allerdings entstand diese Platte erst vier Jahre nach Gründung der Band in veränderter Besetzung. Mit dem hier wieder vorliegenden Debüt von 1971 hat die Scheibe mit dem Indianer auf dem Cover nur wenig zu tun. Das die erste Platte beschreibende Motto ist zeittypisch und wundert einen schon gar nicht, wenn man weiß, dass die Musikgruppe aus einer Stuttgarter Politkommune heraus 1969 gegründet wurde. "AGGRESSION verhindert KOMMUNIKATION und führt zum KOLLAPS des Bewußtseins, was die Veränderung des "Ich" in positiver oder negativer Weise zur Folge hat. Das positiv veränderte "Ich" sucht KONTAKT zu anderen, um in KOLLEKTIVITÄT seine natürliche INDIVIDUALITÄT zu finden." Augen- und Ohrenzeugen berichten, dass die Live Auftritte des Musikerkollektivs sehr intensiv und in ihrer Improvisation höchst beindruckend waren. Freie Formen, mäandernde Soundcluster, psychedelische Effekte waren ja damals ganz typisch für die sich nicht nur in Deutschland entwickelnde Underground Rock Szene. Krautrock nannten die Briten dann die besondere deutsche Spielart dieser Musik, bei der alles möglich schien. Und ohne bestimmte bewusstseinserweiternde Drogen ist die Begeisterung und das Aufgehen in diesen schier endlosen und sich nicht selten wiederholenden Improvisationen auch nur schwer vorstellbar. Hört man die Platte jetzt mit dem zeitlichen Abstand von fast 40 Jahren und mit nüchternem Geist, dann wirkt sie dennoch wie eine legitime und durchaus nachvollziehbare musikalische Interpretation des genannten Mottos. Fast ein bisschen naiv zwar, aber auf eine unschuldige Art auch sympathisch. Aus einer anderen Zeit eben. Gila gehörten wohl zurecht zu den führenden Vertretern dieser neuen Musik damals in Deutschland. Und im internationalen Vergleich können sie sich ohne weiteres messen mit den zeitgleichen Werken Pink Floyds oder dem King Crimson Ableger McDonald & Giles etwa. Auch eine Nähe zu Space Rock wollen einige Kritiker bei dieser Musik hören. Ich höre die nicht unbedingt, aber sei’s drum. Jedenfalls lohnt sich die Anschaffung dieses aufwändig und liebevoll gestalteten Re-Issues mit Klappcover, Poster und ausführlichen neuen Liner Notes von Reinhart Kotzsch in einem extra beiliegenden 8-seitigen Heft nicht nur für Sammler und alte Krautrock Fans. Wer sich für jüngere Bands von Archive bis Vibravoid interessiert, sollte hier ruhig auch mal seine Ohren spitzen. ***1/2

 

Infinite SoulThe Grip Weeds – Infinite Soul, The Best Of The Grip Weeds (CD, Wicked Cool, www.myspace.com/gripweeds)

 

Nach wie vor eine der besten zeitgenössischen Powerpop und Neo-Psych Bands der USA sind The Grip Weeds aus New Jersey. Auf Little Steven Van Zandts Wicked Cool Label ist nun eine Compilation der Band mit 16 ihrer besten Aufnahmen erschienen. Tracks aus rund 15 Jahren und von vier Alben, bestens geeignet für Novizen des Grip Weeds Sounds. Dieser ist absolut unverwechselbar, auch wenn er Einflüsse der Vergangenheit von The Who bis zu The Moody Blues aufweist. In diesem Zusammenhang wird es die Freunde des Vinyls interessieren, dass die originale 7“ „She Brings The Rain“ sowie die Doppel-LP „The Sound Is In You“, beide auf Twang! veröffentlicht, noch immer erhältlich sind. Preis auf Anfrage. Diese Compilation hier enthält andererseits mit einer Neuaufnahme des Klassikers „She Brings The Rain“ einen exklusiven Track. Hoffentlich kommen Kristin, Kurt, Rick und Michael auch mal wieder nach Deutschland. An die gemeinsame Tour durch drei Länder anno 1994 erinnere ich mich nach wie vor mit Begeisterung. ****1/2

 

Here Are The BootsThe Boots – Here Are The Boots / Beat With The Boots (2CD, Revisited/SPV, www.theboots.de)

 

Nun sind die beiden LPs der besten deutschen Sixties Band also erneut offiziell erhältlich. Dieses Mal als Doppel-CD aber mit den gleichen Bonustracks wie die vor zehn Jahren von Telefunken wiederveröffentlichten beiden Einzel-CDs, die inzwischen nicht mehr lieferbar sind. Novizen haben also die Chance, die Musik der Boots kennenzulernen. Ich muss die Band hier nicht extra anpreisen. Das hieße ja wohl „Eulen nach Athen tragen“. Aber ein paar Sätze zu diesem ersten offiziellen Re-Issue unter Einbeziehung der noch lebenden Bandmitglieder will ich doch loswerden. Die Liner Notes schrieb der Bassist der Band, Bob Bresser, selbst. Die Fotos im Booklet stammen alle aus Bobs Privatarchiv und sind dementsprechend rar und interessant nicht nur für Fans. Auf der CD 1 gibt es als Bonus eine ca. 20-minütige Diashow (als mpeg Datei), zu der Philip Schumacher eine von H.P. Daniels verfasste Bandgeschichte spricht. Für den Fan, der schon alles hat, stellt dies den eigentlichen Mehrwert dar. Seltene Fotos und Details und Hintergründe zur Band und der Szene damals wurden da sehr schön aufbereitet. Auch ist die Doppel-CD mit ca. 15-17 € nicht zu teuer. Dass alle Tracks „digitally remastered“ wurden wie das Cover vermeldet, fällt zum Glück nicht weiter auf. Schöner wäre es freilich, wenn es beide LPs endlich auch mal wieder auf Vinyl gäbe. Die letzte Wiederveröffentlichung der ersten LP liegt weit über 20 Jahre zurück. Und „Beat With The Boots“ wurde noch nie offiziell und im Originalcover wiederveröffentlicht. Gerade in Zeiten, da sich Musikliebhaber verstärkt wieder dem Vinyl zuwenden, wäre es an der Zeit, die Musik Deutschlands großartigster Beatband auch wieder im warmen, knackigen unverfälschten Analogsound zugänglich zu machen. Die Originale der beiden LPs sind inzwischen doch recht selten und teuer. Wie ich aus zuverlässiger Quelle erfahren habe, soll die DVD und die Live Doppel-CD mit dem Mitschnitt des Re-Union Konzerts im Berliner Quasimodo vor drei Jahren nun endlich noch vor Weihnachten 2008 erscheinen. Wir sind gespannt! Diese Doppel-CD hier bekommt ****

 

Alice In Wasteland – Wasted (CD, Poko Rekords, www.myspace.com/alicewasteland)

 

WastedAlice In Wasteland waren in der zweiten Hälfte der 80er Jahre eine der profiliertesten finnischen Bands mit englischen Lyrics. Gegründet in der mittelfinnischen Universitätsstadt Jyväskylä 1986 als Post Punk / Powerpop Band wurde die Gruppe um die Sängerin Pikke Paananen sehr bald von Poko, dem seinerzeit führenden finnischen Indie Label, unter Vertrag genommen. Drei Singles und ein Album erschienen bei Poko. Alle leidlich erfolgreich in Finnland aber auch im benachbarten Schweden. Die Stimme Pikkes erinnert mitunter an Chrissie Hynde. Und die Songs, die sie oder Gitarrist Kari Smolander schrieben, haben gewöhnlich einen hohen Wiedererkennungswert und oft Ohrwurm Charakter. Nachdem Poko es versäumte, die Option auf ein zweites Album  wahrzunehmen, sprang Jukka Junttila mit seinem Label Hiljaiset Levyt in die Bresche, bei dem bereits einige tolle finnische Bands unter Vertrag waren. Die zweite LP „Red Eye“ fiel insgesamt etwas nachdenklicher, fast düsterer aus, als das Debüt. Wären da nicht die recht heftigen Power Chords von der Gitarre, man käme auf die Idee, hier waren Siouxsie und ihre Banshees heimlich am Werk. Aber auch die Pixies mögen da ein bisschen abgefärbt haben. Jedenfalls zählen die Veröffentlichungen von Alice In Wasteland durchweg zu den lohnendsten aus Finnland, egal ob man nun Powerpop Fan, Indie Nerd oder Alternative Rocker ist. 1992 löste sich die Band auf. Nun hat Poko unter dem Titel „Wasted“ diese CD mit 20 Tracks aus dem Gesamtwerk der Band quasi als „Best Of“ veröffentlicht. Seit März 2008 spielt die Band auch wieder live zusammen und begeistert alte und neue Fans. Als Einstieg und Überblick kann ich die CD jedem nur wärmstens ans Herz legen. Dem Vinyl Fan und allen, die nach diesen 20 Tracks erst so richtig angefixt sind, empfehle ich, nach den insgesamt sechs originalen 7“ 45s und zwei LPs der Band zu fahnden. Nicht so leicht zu finden, aber bestimmt auch nicht wirklich teuer, da Alice In Wasteland immer noch so etwas wie ein Geheimtipp sind. ****

 

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