
Die Kurzen (Singles, EP) Longplay (LP, CD) Re-Issues Live Gigs Fanzines Unsigned Talent Album des Monats News Links
Letztes Update: 12. Juli 2010
Through The Past Darkly
Die Bewertungsskala:
* Materialverschwendung! -
** muss man nicht kennen - *** sollte man
mal gehört haben - ****
Anschaffung wohlwollend
erwägen - ***** gehört in jede
Plattensammlung!
Indian Summer – s/t (LP, RCA Neon, 1971)
Eigentlich ist es ja zu
früh für den Indian Summer, der in den USA je nach Quelle so zwischen Ende September
und Anfang November eintritt. Aber um die namensgebende Jahreszeit geht es hier
eh nicht. Die Band Indian Summer stammt aus Coventry und wurde 1969 gegründet.
Das hier ist ihr einziges Album, erschienen 1971 auf dem Prog Label von RCA
Neon. Eine sehr typische britische Prog Rock Scheibe, die von allen damals
erfolgreichen Bands so ein bisschen hat. Der Gesang erinnert sowohl an Uriah
Heeps David Byron wie an Deep Purples Ian Gillan. Die improvisiert wirkenden
Keyboard Passagen lassen mich ebenfalls an Deep Purple aber auch an Steve
Winwood denken. Über weite Strecken wirkt diese LP wie eine Fingerübung in
typischem Prog Rock. Die üblichen Sounds, die Gitarren Keyboard Duelle, die
mäandernden Passagen und die breiten Klangflächen, alles ist da. Basis ist ein
typisch britischer Hardrock mit Ausflügen zu symphonischem Rock aber auch
jazzigen Exkursen vor allem vom Gitarristen. Was fehlt sind herausragende
Songs, ungewöhnliche Arrangements oder sonst irgendwas Überraschendes,
Ungewöhnliches. Diese Platte ist ein vollkommen durchschnittliche Prog Rock
Scheibe ohne Höhepunkte. Einzig der Opener „God Is The Dog“ und das
Instrumental „From The Film Of The Same Name“ heben sich ein wenig
ab vom Rest, der gefällig unauffällig dahinfließt um nicht zu sagen plätschert.
Hätte ich die Platte schon damals gekannt, wäre ich vermutlich ein wenig
begeisterter. So werde ich sie wohl früher oder später wieder verkaufen. ***
Barbara Keith – s/t (LP, Reprise Records, 1972)
Auf diese Sängerin aus der
New Yorker Boheme der späten Sixties um das Café Wha? wurde ich letztlich durch
das Leserforum des deutschen Rolling Stone aufmerksam. Ihre frühen Folk Platten
kenne ich so wenig wie die LP der Band Kangaroo, auf der sie mit einem Song und
Backing Vocals vertreten ist. Diese LP von 1971 ist allerdings eine tolle
Entdeckung. Folkrock ist eine unzureichende Beschreibung. Das hier ist eine
tolle Singer/Songwriter Platte, die sich ohne Weiteres in eine Reihe mit den
großartigen LPs jener Jahre von Joni Mitchell, Delaney & Bonnie und Lowell
Georges Little Feat stellen lässt. George taucht hier übrigens als Gitarrist
auf. Und auch andere renommierte Musiker von Jim Keltner bis Spooner Oldham
spielen hier mit. Warum Mrs. Keith mit der Produktion nicht zufrieden war,
ihren Vorschuss zurück gab und darauf gänzlich aus dem Musik Biz verschwand,
ist nicht nur mir vollkommen unverständlich. In allen Reviews, die ich fand,
wird ihre kräftige ausdrucksstarke Stimme und ihr ausgereiftes Songwriting
gelobt. Dem kann ich mich nur anschließen. Diese Musik bewegt sich souverän
zwischen denn Idiomen, Blues, Folk, Country und Rock. Einzig der Opener
„All Along The Watchtower“ ist eine Fremdkomposition. Die
Interpretation ist eher an die von Jimi Hendrix als an Dylans Original
angelehnt. Aber eigentlich ist es eine vollkommen eigene auf ihre Art
überzeugende Version, die das mystische, hintersinnige des kryptischen Textes
vortrefflich unterstützt. Wie gesagt eine wunderbare Platte, die zudem gar
nicht so schwer zu finden war und auch im Original mit rund 15 US Dollar
durchaus erschwinglich ist. Feine Sache! ****
The Fox – For Fox Sake (LP, Flash Records)
Kennen gelernt habe ich diese Band vor über 20 Jahren
durch die wunderbare Rubble Compilation Reihe auf Bam Caruso Records. Die
B-Seite ihrer einzigen Single „Butterfly“ war da enthalten. Ihre LP
erschien wie die Single 1970 bei Fontana. Für ihren fröhlichen, lockeren Psych
Pop, der ein wenig an die englischen Kaleidoscope erinnert, war es da
vermutlich schon viel zu spät. Hervorgegangen sind The Fox aus einer 1965 in
Brighton gegründeten Band namens The Beatroute. Ihr Line-Up veränderte sich
mehrfach und ihr Sound entwickelte sich gegen Ende der Sixties zu dem mild
psychedelischen Folkrock, R&B und Pop, der hier zu hören ist. Die Band
hatte in ihrem Heimatort regelmäßig live gespielt und fast jeden bekannten Act
supportet, der nach Brighton kam, von The Herd über Cream bis zu David Bowie.
Nach und nach verschwanden die Coverversionen aus ihrem Programm, und es wurde
schließlich fast nur noch eigenes Material gespielt. Als sie dann Anfang 1970
die Gelegenheit bekamen, in London einige Demos aufzunehmen (so dachten sie
jedenfalls), waren sie bestens eingespielt, und die Aufnahmen waren nach knapp
24 Stunden und nur wenigen Overdubs im Kasten. Ihr Management lizenzierte die
LP an Fontana. Eine Single wurde ausgekoppelt, bekam allerdings kaum Airplay,
und auch die Reviews waren dünn gesät. Nur in Brighton erschien ein Rave Review
in einer Lokalzeitung. Dennoch kam es sogar zu einer Lizenzveröffentlichung in
USA. Das Management von The Fox war dann aber schwer mit seinen anderen
Schützlingen Black Sabbath beschäftigt, deren Erfolg gerade durch die Decke
ging. Die Band The Fox löste sich relativ bald aus Mangel an Erfolg auf. Die
hier – leider nicht im Originalcover – wiederveröffentlichte LP
zerfällt in zwei, eigentlich sogar drei Teile. Da ist zunächst der Folkrock
inspirierte Psych Pop, der Seite Eins dominiert. Die Singletracks
„Secondhand Love“ und Butterfly“ gehören dazu ebenso wie
„Lovely Day“ oder „Look In The Sky“. Dann gibt es eher
R&B inspirierte Tracks wie „Goodtime Music“ mit Bluesgitarre
und Honky Tonk Piano. Und schließlich ist da noch „Madame Magical“,
ein 10-minütiges Rock Stück, das ein wenig an die Canterbury Szene erinnert und
die LP würdig beschließt. Diese Vielseitigkeit ist es, die einen heute am
meisten erstaunt. Es lohnt sich durchaus, The Fox neu zu entdecken. ***1/2
Pererin – Haul ar yr Eira (LP, Guerssen Records)
Ursprünglich war Pererin eine Progrock Band. Gegründet
in Bangor, Wales, Ende der 1970er Jahre, als die Zeichen der Musikwelt eher auf
Punk oder Disco standen. Durch die Bekanntschaft mit dem bretonischen Musiker
Alain Stivell, entschied man sich jedoch bald, ebenfalls eher traditionelle
Musik zu spielen. So entstand eine spannende Mischung aus walisischer Folkmusik
und angloamerikanischem Folkrock mit rudimentären Prog Einflüssen. Ich erinnere
mich, dass ich damals Ende der 70er neben Punk und New Wave auch
zeitgenössischen Folk und Folkrock aus verschiedenen Regionen Europas hörte.
Die Debüt LP von Pererin erschien 1980 jedoch in nur 500er Auflage auf einem
kleinen lokalen Label, dessen Kontakte offenbar nicht bis nach Berlin reichten.
Nun hat das spanische Label Guerssen diese LP wieder zugänglich gemacht. Ich
höre sie also zum ersten Mal. Spontan erinnert die Musik an den britischen Folk
und Folkrock der frühen 70er. Neben akustischen und elektrischen Gitarren,
elektrischer Orgel, Bass und Schlagzeug werden allerdings auch traditionelle
walisische Instrumente gespielt. Und schließlich sorgt der Einsatz von
Mellotron und Effektgeräten dafür, dass die Musik einen leichten
psychedelischen Touch bekommt. Von Prog ist eigentlich nichts zu bemerken. Sehr
schön ist der Wechsel zwischen der weiblichen glasklaren Sopranstimme und dem
männlichen Tenor. Beide hervorragende Vokalisten. Die Platte erinnert wie
gesagt eher an den pastoralen Folkrock solcher Bands wie Pentangle. Flöten,
Violine und Mandoline runden das Bild. Seltsamerweise muss ich sogar an Pekka
Streng aus Finnland und seine psychedelische Folkmusic denken, wenn ich das
hier höre. Ich verstehe zwar kein Wort, das hier gesungen wird, aber allein die
Musik nimmt mich gefangen in ihrer beruhigenden Schönheit. ****
Gypsy – s/t (DoLP, Metromedia, www.gypsy-queen.net)
Durch das Leserforum des Rolling Stone wurde ich auf
diese Band und Platte aufmerksam. Und nun habe ich die originale Debüt
Doppel-LP der Band relativ günstig bei eBay erstanden. Neugierig gemacht hat
mich zunächst das Cover, das – typisch für Zeit und Ort – ein
Frauenporträt des tschechischen Jugendstil Malers Alfons Mucha verwendet. Die
Band stammt ursprünglich aus Minnesota, war aber 1969/70 die Hausband im
„Whisky A Go Go“ in Hollywood. Ihre erste Single „Gypsy Queen“
wurde im Sommer 1970 in den Billboard Charts notiert. Das Doppelalbum
„Gypsy“ erschien im selben Jahr. Die Musik darauf ist ausgesprochen
zeittypisch. Auch wenn die Band heute als Progressive Act bezeichnet wird, ist
sie eher eine typische Westcoast Band mit einem Hang zu schönen, gefälligen
Sounds und Harmonien. Die Songs wurden überwiegend vom inzwischen verstorbenen
Gitarristen der Band Enrico Rosenbaum geschrieben. Zusammen mit dem Keyboarder
Joe Walsh zeichnete er auch für Arrangements und Produktion verantwortlich. Die
Stücke auf dem Debüt sind meist recht komplex. Klassische Songstrukturen werden
ergänzt durch immer wieder prägnante Solo Passagen von Gitarre oder Orgel, die
jedoch nie ausufern oder zum Selbstzweck verkommen. Immer wieder gibt es sehr
schöne Vokal Harmonien, die an Beach Boys oder reine Vokal Gruppen wie The
Fifth Dimension erinnern. Streicher Arrangements treten hier und da hinzu, und
bei den längeren Tracks – immerhin drei der 13 Tracks auf dem Album sind
deutlich über sechs Minuten lang – gibt es dann auch diese für Prog Rock
typischen mäandernden Keyboard Passagen, die aber immer in sehr schöne Vokal
Parts münden und den Eindruck von Hippie Harmonie und Seligkeit noch bestärken.
Songwriting und Arrangement sind letztlich näher and Crosby, Stills & Nash
als an Genesis. Die komplexen Streicher und Keyboard Passagen bei „The
Vision“ zum Beispiel erinnern eher an Broadway Musicals als an die
fantastischen Visionen britischer Prog Rocker. Auch der längste Track der Platte
„Dead And Gone“ beginnt zunächst als flotte Westcoast Folkrock
Nummer, um dann im zweiten Teil Tempo und Stimmung deutlich zu drosseln mit
ruhigen Keyboard Clustern. Schließlich werden beide Stränge am Ende zu einem
vereint, was bei mir Erinnerungen an „It’s A Beautiful Day“
beschwört. Beim letzten Track der LP werden dann noch mal alle Register
gezogen. Es ist der bombastischste und eigentlich musikalisch übertriebenste
Track der Platte mit heftigem Phasing auf dem Drums nach dem Vorbild von
„In-A-Gadda-Da-Vida“. Auch wenn mir die kürzeren Stücke eher
zusagen, diese Platte ist ein gelungenes Gesamtkunstwerk. ***1/2
Varjo – Viimeinen Näytös
(LP/CD,
Stupido Records, www.myspace.com/varjoyhtye)
Um eine Wiederveröffentlichung handelt es sich hierbei ja nicht, so
dass diese Platte eigentlich auch unter Neuheiten besprochen werden könnte.
Dass ich sie dennoch in dieser Rubrik vorstelle, liegt daran, dass es sich um
historische Aufnahmen einer Band handelt, die so nicht mehr existiert, weil
eines ihrer wichtigsten Mitglieder auf tragische Weise ums Leben kam. Das mutet
fast schon makaber an, wenn man weiß, dass Varjo die führende finnische Gothic
Band der 90er Jahre waren. Post Punk und Gothic Rock war und ist in Finnland
schon seit den frühen 1980er Jahren sehr beliebt. Natürlicherweise, möchte man
beinahe denken, denn eine gewisse Schwermut und Düsternis wird der finnischen
Volksseele immer schon nachgesagt. Ein großer Teil der Bands in Finnland singt
traditionell in der Muttersprache. Man kann sich darin besser ausdrücken, und
auch das heimische Publikum favorisiert Texte, die es versteht. In den 90er
Jahren wurde dann allerdings auch von Post Punk Musikern häufiger die englische
Sprache verwendet, nicht zuletzt zur Steigerung der Vermarktungschancen im
Ausland. Insofern war die Entscheidung für die finnische Sprache bei der
Gründung von Varjo 1994 eher untypisch. Varjo bedeutet Schatten; und
musikalisch bewegt sich die Band denn auch von Anfang an in einem Spannungsfeld
zwischen Joy Division, Bauhaus, The Cure, Killing Joke und anderen klassischen
Vertretern der britischen Gothic Szene. Mit neueren Gothic Bands, ob in
Skandinavien oder anderswo, verband sie eigentlich nur die Berufung auf gleiche
Vorbilder. Die Musik sowie die Texte von Varjo sind also in diesem Sinne sehr
traditionell und frei von Theatralik und spinnertem Firlefanz. „Viimeinen
Näytös“ (die letzte Vorstellung) ist das vierte und letzte Album der
Band. Eingespielt wurde die Platte im Wesentlichen nach dem Unfalltod des
Gitarristen Henry Waldén im Jahr 2008 von den verbliebenen drei
Bandmitgliedern, von denen wiederum nur Antti Lautala (voc, git, keyb) als
einziger schon bei der Gründung der Band dabei war. Ja er war es, der die Band
mit seinem Freund Henry 1994 gründete. Bereits vor Henrys Tod hatte die Gruppe
einen Mitmusiker durch Tod verloren. Einer der zeitweiligen Keyboarder der Band
verschwand 2007 spurlos und wurde über ein Jahr später tot aufgefunden. Deshalb
thematisieren einige der Songs auf dem Album, das bereits vor Henrys Tod
weitgehend fertig geschrieben war, Verlust, Trauer und Tod. Musikalisch wie
gesagt stark an den Klassikern des Genres orientiert. Mitunter gibt es ein paar
Ambient Anklänge. Auch wenn man die Texte nicht versteht, kann man sich von der
Atmosphäre dieser Platte leicht gefangen nehmen lassen. Die drei verbliebenen
Musiker der Band machen heute als Silent Scream ähnliche Musik, nun aber mit
englischen Lyrics. ***1/2
Various Artists –
Eilisen Jälkeen, Finnish Post Punk 1981 – 1987 (CD, Stupido
Records, www.stupido.fi)
Im vergangenen Jahr brachte Stupido Records die ambitionierte und
ultimative 4CD Suomipunk Box raus. Hier kommt nun eine kleine Portion
Nachschlag sozusagen. „Eilisen Jälkeen“ (Nach Gestern) der Titel
der Compilation war zugleich ein Single Hit der Band Ratsia 1981, der den Reigen hier logischerweise eröffnet. Ratsia
waren 1978 als typische Punk Band gestartet, aber schon nach ein paar Singles
und einen Album schwenkte die Band um und musizierte sehr gekonnt und
ambitioniert im Fahrwasser von The Cure u.a. Joose Berglund von Stupido Records
hat hier wieder vorzügliche Arbeit geleistet. Die wichtigen und hörenswerten
Vertreter der finnischen Gothic und Post Punk Szene der 80er sind hier zu
hören. Ein paar schon damals eher belächelte Mitläufer und Eigenbrötler fehlen
zu recht. Musta Paraati (The Black
Parade) sind gleich mit drei Titeln vertreten. Sie waren wohl auch die mit
Abstand erfolgreichste Band dieser Art in Finnland. Belaboris hören wir mit „Kuolleet Peilit“ (Tote
Spiegel). Die fünf Damen bildeten auf jeden Fall die schönste und edelste
finnische Post Punk Band. Mehr als zwei Singles und eine 12“ EP sowie
zwei oder drei sehenswerte Videos ist von ihnen leider nicht überliefert.
Musikalisch waren sie an Cocteau Twins und Minimal Elektronik orientiert. Die
Instrumente wurden übrigens von drei Herren im Hintergrund bedient, die aber
weder auf der Bühne noch in Videos oder auf Fotos je zu sehen waren. Ein paar
Kuriositäten oder Eintagsfliegen sind schließlich doch dabei. So z.B. die Band Syyskuu (Herbstmond) mit ihrer einzigen
Single „Susi“ (Wolf), die zwar erst 1983 erschien, aber immer noch
sehr nach Punk (ohne Post) klingt, auch wenn ein schräges Saxophon und ein
heulender Wolf dabei sind. Und Geisha wirken
ein bisschen wie die Zöglinge eines jungen Adam Ant. Auch Kuudes Tunti (die 6. Stunde) ist so eine Band, die nach einer
Platte wieder verschwand. Oder Ret Marut
und Psyyke, die jeweils nur eine
Single veröffentlichten. Wenn ich diese schnellen treibenden Drums und Bässe
höre, die abgehackten Gitarrenakkorde, Synthesizer Riffs und darüber schwebende
Klänge von irgendwelchen weiteren elektronischen Instrumenten, dazu dann eine
mehr oder weniger einprägsame Melodie, gesungen von nicht immer wirklich schön
klingenden Stimmen, aber mit viel Inbrunst, dann fühle ich mich wieder zurück
versetzt in meine finnischen Sommer in den 80ern und auf Festivals, bei denen
junge Menschen, meist sehr schlank und mit seltsam zusammen gewürfelten
Klamotten und Existenzialisten Haarschnitt teilnahmslos herumlungern, um im
nächsten Moment begeistert vor einer Bühne auf und ab zu hüpfen und einer
ähnlich aussehenden Kapelle zuzujubeln. Weitere Bands heißen Hexenhaus oder Kuolleet Kukat (Tote Blumen). Burundi,
ein Damen Duo, klingt 1986 immer noch wie eine Mischung aus Tubeway Army und
Siouxsie für Arme. Eine Band ist dabei, die es nie zu einer Veröffentlichung
brachte, bis jetzt. Aber der Titel „Kuume“ (Fieber) von Hiljaa (Still!) wurde 1985 mehrfach in
Helsinki im Radio gespielt. Mit Liikkuvat
Lapset (Kinder in Bewegung) ist auch die einzige Band dieser Szene dabei,
die bei einer Major Firma unter Vertrag war. Ihr Sound wirkt zu bombastisch und
im Vergleich überproduziert. Aber sie wa-ren wohl einigermaßen erfolgreich.
Ihre Sängerin Tuula Amberla veröffentlicht noch immer regelmäßig Solo Platten.
Der letzte der 22 Tracks kommt von der Band Tiistai (Dienstag) aus dem Jahr 1987 mit einem sehr jungen Timo
Rautio am Mikrofon. Timo Rautio spielt heute schwermetallenen Düsterrock, in
gewisser Weise die finnische Version von Rammstein, allerdings ohne jeglichen
Humor und ohne die rammsteinschen Perversitäten. Rautios heutige Band heißt
Niskalaukaus (Genickschuss). Wie auch immer. Wer sich für finnische Rockmusik
und/oder für Post Punk interessiert, sollte sich diese Compilation ruhig mal
anhören. Die Liner Notes sind allerdings leider nur auf Finnisch. Eine Bewertung
ist schwierig, da es neben Highlights wie Ratsia und Belaboris auch Belangloses
oder Seltsames gibt.
Agincourt – Fly Away (CD, Acme / Lion
Productions,
In GG173 hatte ich den Nachfolger dieser Scheibe hier
vorgestellt. Das letzte Album der drei britischen Musiker Joe Ferdinando
(guitars, bass, auto harp, vocals), Peter Howell (guitars, mandolin, organ,
recorder, percussion) und Lee Menelaus (vocals) erschien 1973 unter dem Namen
Ithaca. „Fly Away“ entstand bereits 1970 und ist im Original nicht
weniger selten und teuer als die anderen Platten des Trios, das übrigens
ständig den Namen wechselte. Im Vergleich zum Nachfolger wirkt „Fly
Away“ unbeschwerter, lockerer. Es ist zuallererst eine schlichte und
fröhliche Folk Pop Platte. Die einzelnen Stücke sind vergleichsweise kurz und
weisen eindeutige Folksongstrukturen auf. Leider ist Lees wunderbare helle,
klare Stimme nur bei sechs der insgesamt 13 Tracks zu hören und nur bei einem
Stück singt sie ganz allein, was dem Charakter dieser Musik viel besser zur
Geltung verhilft, als der Leadgesang von John Ferdinando. Zwei Tracks sind rein
instrumental, wobei „Joy In The Finding“ ein hübsches Motiv auf
Flöte, Bass und akustischer Gitarre variiert, während „Barn Owl
Blues“ fast schon ein wenig jazzy klingt. An Prog oder Psychedelia
erinnert auf dieser Platte hier eigentlich nur das dreiteilige „Through
The Eyes Of A Lifetime“ am Schluss, das die Moody Blues der Jahre 69/70
evoziert, wie auch das folgende Album von Ithaca. Die CD enthält seltsamerweise
zwei Bonustracks am Ende, die auf dem Cover nicht genannt werden. Es handelt
sich dabei ganz offensichtlich um Alternativaufnahmen von „Though I May
Be Dreaming“ respektive „Going Home“, die beide etwas
„rockiger“ wirken als die ursprünglich veröffentlichten Versionen.
Insgesamt eine angenehme Folk Pop Platte mit einem ganz leichten Touch
Psychedelia. Dem folgenden Album zwar nicht ebenbürtig, aber doch jedem Freund
britischen Folk Rocks oder milder Psychedelia zu empfehlen. ***1/2
The Raymen – Supersonic Rocket Ride (CD,
Sireena / Broken Silence)
The
Raymen aus Dortmund galten in den 80er Jahren als so etwas wie die deutsche
Antwort auf The Cramps. Einzige Konstante der Band über die Jahre war und ist
der Sänger Hank Ray. Singles, EPs und LPs erschienen zahlreich und immer wieder
auf anderen Labels. Irgendwie war diese Band für mich immer nicht Fisch und
nicht Fleisch. Nicht Neo-Sixties Beat, nicht Rock’n’Roll und auch
nicht authentischer Surf oder Garage Punk. Live losrocken konnten und können
die Jungs durchaus. Aber ihr Sound war dabei nie so richtig stilgetreu. Zu oft
klang das einfach runtergeschubbt. Eine solche raue, rohe Schrubbsession ohne
Rücksicht auf Feinarbeit wurde anno 1986 im Übungsraum auf primitivem Equipment
eingefangen. Und nun leicht überarbeitet und klanglich so gut es eben ging
restauriert wurde diese Session auf CD veröffentlicht. Für Fans von Lo-Fi Sound
und launig schnörkellosem Rock’n’Proll ein gefundenes Fressen. Bis
auf eine Version des Surfaris Klassikers „Wipe Out“ und eine ziemlich
wüste Aufnahme von „Fever“ alles Originale aus der Feder Hank Rays.
So steht es im Booklet. Nun ja, wir wollen nicht kleinlich sein. Die
Variationsmöglichkeiten eines Bo Diddley Beat und von drei Akkorden sind
begrenzt. Zumindest die „Voodoo Woman“ ist jedoch ein 1 zu 1 Kopie
der „Rebel Woman“ von Dean Carter. Alles sehr trashy wie gesagt.
Mir persönlich zu trashy, obwohl ich mir die Band bestimmt auch wieder mal gern
live ansehen würde. **1/2
Das Original dieses Albums erschien 1973 im UK bei
Merlin Records in einer Kleinstauflage. Es gehört inzwischen zu den teuersten
und legendärsten Platten des britischen Prog und Psych Folk der frühen 70er
Jahre. Das etwas primitiv gestalte Cover, das eher antike Olympioniken evoziert
als bezaubernde und verträumte Folk Musik, hatte ich schon hin und wieder in
Katalogen und Nachschlagewerken gesehen und als uninteressant abgehakt. Die
2007 in Korea erschienene CD Ausgabe bietet nicht nur eine originalgetreue
Replik des Klappcovers und Inlays, ihr liegen auch die originalen Masterbänder
zugrunde und damit das Einverständnis der Künstler, was bei früheren Re-Issues
leider nicht der Fall war. „A Game For All Who Know“ war das vierte
und letzte Album des Trios Joe Ferdinando (voc, bass, guitars, organ, auto
harp), Peter Howell (guitars, mandolin, piano, organ, percussion) und Lee
Menelaus (vocals). Es ist zugleich ihr
reifstes und gelungenstes Werk, auch wenn selbst diese Platte “nur”
als Werbe- und Demo-LP gedacht war, um eventuell einen Vertrag bei einer großen
Firma zu bekommen. Übrigens erschienen alle vorangehenden LPs des Trios bzw.
Duos Ferdinando/Howell unter jeweils anderen Namen. So erschien bereits 1971
unter dem Namen Agincourt der Vorläufer dieser Platte mit dem Titel „Fly
Away“, und davor 1969 und 1970 die LPs „Alice Through The Looking
Glass“ und „Tomorrow Comes Sunday“ unter den Namen der
Musiker bzw. als S.N.P. Die wundervolle engelsgleiche Stimme von Lee Menelaus
ist allerdings nur auf den letzten beiden Alben zu hören. Und an den Aufnahmen
zu diesen beiden LPs haben auch noch Gastmusiker an Schlagzeug, Flöten und
Gitarre mitgewirkt. Betrachten wir jedoch die Musik auf der vorliegenden
Scheibe. Und die lohnt ein Kennenlernen allemal. Die Gesamteindruck ist der
einer ruhigen, verträumten Folkpop Platte, wie sie für die späten Sixties und
frühen Seventies durchaus nicht untypisch ist. Das klingt mal locker, fröhlich
wie bei „The Path“ und erinnert so an leichtgewichtigen Folkpop,
wie er auch in den USA damals viel gespielt wurde. Oft überwiegt aber das
Verträumte und andeutungsweise Geheimnisvolle, das Entsprechungen in der
zeitgenössischen Musik der Moody Blues aber auch bei Curved Air oder
Renaissance findet. Wobei eben diese Platte hier ganz eindeutig dem Folk Pop
zuzuordnen ist. Wohingegen die anderen Genannten mehr oder weniger starke Art
Rock und Prog Rock Aspekte beinhalten. Dass die Band Ithaca hier dennoch ein
Kind ihrer Zeit ist, beweisen dann eben einerseits die Texte, die einen naiven
Naturglauben und von Fantasy und Mystik geprägten Optimismus ausdrücken.
Andererseits ist die Musik eben auch keine reine oder typische Folkmusik,
sondern streckenweise der der Moody Blues zu dieser Zeit sehr ähnlich. Bis hin
zu bedeutungsschweren gesprochenen Passagen und dem Einsatz von Mellotron und
Studio Gimmicks. Am besten gefällt mir an der Platte der Gesang von Miss
Menelaus, die zum Teil wirklich guten Songs und schließlich der überzeugende
Gesamteindruck, der, obwohl oder gerade weil sehr Moody Blues mäßig, animiert,
die Scheibe immer wieder zu hören. Besonders an so trüben Novembertagen wie
diesen. ***1/2
Pekka Streng &
Tasavallan Presidentti – Magneettimiehen Kuolema (CD, Love Records)
Pekka Streng – Kesämaa (CD, Love Records)
Pekka Streng &
Durch die neuere Freak Folk
Bewegung in Finnland ist das Interesse an dem leider viel zu früh verstorbenen
Musiker und Songschreiber Pekka Streng wieder belebt worden. Vor allem aber der
Remix seines Titels „Puutarhassa“ durch das finnische Elektro-Label
Sähkö und daraus resultierendes Airplay und der Einsatz in den Clubs nicht nur
in Finnland hat eine neue und andere Generation auf ihn aufmerksam gemacht.
Pekka Streng wurde im April 1948 in einem kleinen Dorf
im Süden Finnlands geboren. Schon als Kind schrieb er eigene Songs, spielte
Gitarre und später auch Bass und Schlagzeug in einem örtlichen Tanzorchester.
1965 zog er nach Mikkeli im Osten Finnlands, um Erziehungswissenschaften zu
studieren. Dort schloss er sich bald einer studentischen Musik- und
Theatergruppe an. 1966-67 erkrankte Streng an Krebs, wurde aber erfolgreich
operiert und mit Strahlung behandelt. Danach ging er nach Tampere, um
Theaterwissenschaften und Publizistik zu studieren. In Tampere heiratete er und
zog bald mit Frau und neugeborenem Sohn nach Helsinki, wo er weiter am Theater
studierte und gleichzeitig für’s Radio arbeitete. Mit der Band Soulset als
Begleitung nahm er eigenes Material für ein Radioprogramm auf. Nachdem er ein
Demo an Love Records gesandt hatte, kam sehr schnell ein Deal zustande, der zur
ersten LP „Magneettimiehen kuolema“ (der Tod des Magnetmannes) mit
der damals führenden finnischen Jazz/Prog Band Tasavallan Presidentti führte.
Die LP ging allerdings ziemlich bald unter, nicht zuletzt deshalb, weil Streng
sich weigerte, Promotion dafür zu machen oder Interviews zu geben. Die Platte
erschien im Frühjahr 1970 ohne viel Resonanz in den Medien. Viele der Songs
hatte Streng schon seit Jahren im Repertoire. Einige hatte er auch schon mit
der Gruppe Soulset gespielt. Ein Demo des Openers „Gilgames“ sowie Radiomitschnitte zweier Tracks mit Soulset
finden sich übrigens als Bonus auf der CD. Dem Love Records Boss Atte Blom
hatte Streng von seiner Krebserkrankung berichtet und dabei angedeutet, dass er
diese Platte unbedingt noch vor seinem Tod machen wollte. Und natürlich spielt
der Tod in den Texten – wenn auch meist verklausuliert – eine
bedeutende Rolle. Andererseits strahlen die Songs eine Frische und Lebensfreude
aus, die zu der ernsten philosophischen Seite ihres Schöpfers nicht zu passen
scheint. Zum Teil handelt es sich auch ganz offen-sichtlich um Kinderlieder,
die Streng für seinen kleinen Sohn schrieb. Natürlich haben die Musiker von
Tasavallan Presidentti der Platte auch ihren Stempel aufgedrückt. Auch wenn
wohl die Arrangements weitgehend von Streng vorgegeben wurden, so ist doch die
Spielweise, der Sound der Band er-kennbar. Stilistisch fällt diese Platte
– genauso wie die folgende – zwischen alle Raster. Weder ist das
echte Folk Musik, noch ist es Prog oder gar Jazz. Leichtverdaulicher Pop ist es
natürlich auch nicht. Und doch ist von alledem etwas vorhanden. Der Vergleich
mit Syd Barrett drängt sich auf. Doch bei aller Ähnlichkeit im scheinbar
naiven, verspielten Ansatz fehlt hier die völlige psychedelische Exaltiertheit.
Pekka Strengs Musik, seine Lieder und erst Recht die Arrangements erinnern noch
stärker an die Musik von Jade Warrior etwa zur gleichen Zeit, allerdings ganz
ohne die rockige Komponente. Mitunter klingt auch ein wenig von der Incredible String Band an. Der letzte
Titel der Platte „Sisältäni portin löysin“ (Ich fand eine Tür in
mir selbst) wurde in Finnland etwas später in einer Coverversion des ehemaligen
Rock’n’Rollers Eero Raittinen ein kleiner Hit. Dass ich diese LP
bislang gar nicht kannte, erstaunt mich selbst wohl am meisten. Eine
ungewöhnliche und ganz wundervolle Debüt LP! ****1/2
Insgesamt noch schöner, ausgewogener und in sich
stimmiger ist das folgende zweite Album von Pekka Streng „Kesämaa“
(Sommerland). Der junge Mann wusste oder ahnte wohl, dass er nicht mehr viel
Zeit hatte. Nachdem er fast zwei Jahre nur für und mit seiner Familie gelebt hatte,
beschloss er, doch noch sein Meisterwerk abzuliefern. Streng hatte viel
gelesen. Von skandinavischer und tschechischer Kinderliteratur über das
Gilgamesh Epos und Tolkiens Herrn der Ringe bis hin zu Camus und theosophischer
Literatur. Einiges davon floss indirekt oder auch direkt wie im Falle von
Kindergedichten aus Tschechien und Schweden in seine Arbeit am neuen Album mit
ein. Als Produzent der Platte konnte Love Records den damaligen Gitarristen der
Band Wigwam gewinnen. Hasse Walli spielte auch selbst dabei akustische Gitarre
und Synthesizer. Darüber hinaus wirkten einige bekannte Musiker der aktuellen
finnischen Jazz Szene an den Aufnahmen zum Album mit. Dennoch ist
„Kesämaa“ auf keinen Fall eine Jazz LP. Die Arrangements sind dies
Mal von Pekka Streng und Hasse Walli. Selbst wenn man die zum Teil
märchenhaften versponnenen Texte nicht versteht, wird man gefangen von der
entspannten und heiteren doch zugleich faszinierend hypnotischen Atmosphäre der
Musik. Dass aus dem jazzigen Bossanova „Puutarhassa“ (Im Garten)
ein aktueller Club Hit werden konnte, verwundert nicht. Spannend sind auf der
CD auch wieder die Bonustracks, von Pekka zuhause aufgenommene Demos, bei denen
man im Hintergrund seinen damals ca. vierjährigen Sohn quäken hört. Ich habe
die LP über das finnische Huuto.net (eBay gibt es nicht auf Finnisch und es
spielt daher dort kaum eine Rolle) für 23 € gekauft. Allerdings ist mein
Exemplar eine zweite Auflage ohne beschrifteten Rücken. Die Originalausgabe mit
beschriftetem Rücken kostet um die 80 €. Nach Fertigstellung der Platte
zog es Pekka Streng in die Welt hinaus. Er reiste über Polen und Deutschland
bis nach Spanien, von wo er glückliche und hoffnungsvolle Postkarten an seinen
kleinen Sohn nachhause schrieb. Im Sommer 1974 wurde erneut Krebs diagnostiziert.
Den Rest seines Lebens verbrachte Pekka im Kreise seiner Familie im Haus seiner
Eltern. Kurz vor seinem 27. Geburtstag erlag er seiner schweren Krankheit.
„Kesämaa“ ist ein musikalisches Wunderwerk. Eine Platte ohne jeden
Fehl und Tadel, die zugleich zum Träumen wie zum Tanzen, zum Singen wie zum
Nachdenken einlädt. Ein Meisterwerk! *****
Wie gesagt, Pekka Streng
geriet bald in Vergessenheit. Die zweite LP war zwar deutlich erfolgreicher als
die erste und erhielt zum Teil überschwängliche Kritiken, aber ein wirklich
großer Hit war auch sie nicht, zumal sich der Künstler nach wie vor der
Öffentlichkeit entzog. Ein einziges Interview gab Pekka Streng in seinem Leben.
Das Gespräch mit dem späteren Labelgründer und Roadmanager von Wigwam und
Piirpauke Tapio Korjaus fand im Sommer 1972 kurz nach Erscheinen von
„Kesämaa“ statt. Aufgrund widriger Umstände blieb es damals
unveröffentlicht. Erst 1978 schien für Tapio Korjaus genug Zeit vergangen, um
seiner Chronistenpflicht doch noch gerecht zu werden. Das Interview erschien im
Rahmen eines größeren Artikels in Soundi, der führenden finnischen
Musikzeitschrift. In dem Gespräch erweist sich Pekka Streng imgrunde als Kind
seiner Zeit. Er gibt sich als Fan der frühen Pink Floyd ebenso wie von David
Bowie zu erkennen. Er erzählt von seinem persönlichen musikalischen Werdegang
und auch etwas zur Entstehung der beiden LPs. Wiederholt drückt er seinen
Unwillen aus, die eigenen Stücke erklären zu sollen. Auch das Werben für seine
Musik ist ihm zuwider. Es entsteht der Eindruck eines etwas naiven, weltfremden
wie wohl aufgeschlossenen und begeisterungsfähigen Menschen, eines Künstlers
eben.
Im Januar 2009 erschien „Unenmaa“
(Traumland, aber auch „Land des Schlafes“, das finnische Wort
„uni“ kann beides bedeuten). Diese CD versammelt Demoaufnahmen aus
über fünf Jahren, die behutsam aufbereitet und nachträglich mit neuen
Arrangements und Begleitung durch eine Band versehen wurden. Pekkas Bruder Lasse
hatte die Bänder die ganzen Jahre über verwahrt. Als man für die
Wiederveröffentlichung der beiden LPs das Material sichtete, stellte man fest,
dass da noch etliche lohnende Schätze zu heben waren. Pekka hatte schon seit
den späten 60ern regelmäßig zuhause Demos aufgenommen mit einem recht
professionellen Spulentonbandgerät, allerdings in der Regel in mono. Aus der
Fülle von Material wurden nun 15 weitgehend fertige und hörenswerte Stücke und
Bruchstücke ausgewählt. Daran beteiligt waren neben dem damaligen Produzenten Hasse
Walli auch Pekkas Bruder Lasse und sein erwachsener Sohn Joonia, der im Übrigen
dann die Liner Notes zur CD schrieb. Ein gewisser Jukka Hakoköngäs wurde
erwählt, die Stücke zu arrangieren und mit seiner Band Olympia Orkesteri zu
begleiten. Gleichzeitig war er der Produzent dieses „neuen“ Albums.
Auch wenn Hakoköngäs und seine Mitstreiter bestimmt mit viel Verständnis und
Einfühlungsvermögen an die Sache gingen, bleibt ein komisches Gefühl. Die
Stimme ist natürlich unverkennbar Pekka Streng. Auch die Songs sind in ihrer
Struktur und Komposition sofort als die seinen zu erkennen. Trotzdem klingt
diese neue Scheibe völlig anders als die ersten beiden. Gelegentlich ist es den
jungen Musikern einigermaßen gelungen, ein wenig von der Atmosphäre des frühen
Pekka Streng Werks einzufangen. Das muss man schon zugestehen. Doch die
Produktion klingt trotz allen Bemühens zu modern. Und so rockig wie hier
mitunter hat Pekka niemals musiziert. Ich weiß nicht, ob das ein Zugeständnis
an den Zeitgeist ist, oder ob sich die Musiker dessen gar nicht bewusst waren.
Einerseits bin ich froh, weitere großartige Songs von Pekka Streng hören zu
können. Andererseits muss ich immer daran denken, dass sie damals
veröffentlicht wohl doch anders geklungen hätten. Nicht völlig anders, aber
eben anders, das ist das Blöde daran. Trotzdem ***1/2
Gila – Free Electric Rock Session, Live in Köln, 26.02. 1972 (LP, Second Battle, www.collectorrecords.de)
Im vorigen Jahr hat Second Battle das Debütalbum der
Band Gila um den Gitarristen Conny Veit wieder veröffentlicht und damit eine
der spannendsten Platten der Krautrock Ära wieder zugänglich gemacht. Conny
Veit verstand sich und seine Mitmusiker als Teil einer alternativen neuen
Gesellschaft, die mit sinnlosen muffigen Traditionen vor allem auch im
kulturellen Bereich bricht. Die Musik der Band ist dementsprechend weitgehend
freier Improvisation dem Erkunden neuer Stilistiken und Formen verpflichtet.
Auf ihrer ersten Studio LP ist es der Band auch in beeindruckender Weise
gelungen, neue Wege zu beschreiten. Diese Platte hier enthält nun einen Live
Mitschnitt des WDR aus seiner Sendereihe „Eine kleine Nachtmusik“
aus dem Jahr 1972. Die Aufnahmen entstanden live im Studio vor vermutlich nur
kleinem Publikum. Gespielt wurden nur neue Stücke, die für eine geplante zweite
LP Gilas vorgesehen waren. Die Stücke waren sicher noch nicht vollkommen
durcharrangiert, und so überwiegt hier auch ein typischer Jam Charakter.
Nichtsdestotrotz knüpft die Musik direkt bei der des ersten Albums an.
Dominiert von Gitarre und Orgel und fast ganz ohne Gesang kommen die sechs
Tracks des Albums aus. Am spannendsten hier klingt die fast 17-minütige Gila
Symphony, die sowohl den Wechsel der beiden Leadinstrumente eindrucksvoll
zeigt, als auch die Spannung bis zum Schluss aufrecht hält bzw. immer wieder
aufbaut. Gegenüber einer früheren CD Veröffentlichung des Mitschnitts wurde
hier noch behutsam und kompetent nachjustiert am Sound. Kein leichtes
Unterfangen, da ja lediglich ein Stereo Mastertape zu Verfügung stand.
Natürlich wirken manche Vorstellungen und Ansätze der Musiker von damals heute
etwas naiv und überholt. Ein schönes Zeitdokument ist diese Aufnahme jedoch
allemal. ***
The Pretty Things –
Philippe DeBarge (LP, Ugly Things, www.ugly-things.com)
Diese Platte erschien bereits im vergangenen Jahr, und
die Vinylausgabe ist bereits weitgehend vergriffen. Obwohl ich ja regelmäßiger
Käufer und Leser von Mike Staxs „Ugly Things“ Fanzine (Buch trifft
es ja eher) bin, ist mir die Platte fast entgangen. Kurz gesagt, sie stellt das
Bindeglied dar zwischen „SF Sorrow“ und „Parachute“.
Entstanden sind die hier versammelten Aufnahmen im Spätsommer 1969 in einem
kleinen Studio in London. Das Kuriose daran ist vor allem, dass der Franzose
Philippe DeBarge, ein Playboy mit finanzkräftigem familiären Background und
einem Faible für britische Popmusik im Allgemeinen und The Pretty Things im
Besonderen, nicht nur die Sessions komplett finanzierte und der Band im Vorfeld
einen Kurzurlaub in St.Tropez ermöglichte, sondern auch als Leadsänger
fungierte. Dick Taylor hatte die Band kurz zuvor verlassen. Aber Phil May und
Wally Waller hatten ständig neue Songs zusammen geschrieben, so dass an
Material für die Sessions in den Nova Studios kein Mangel herrschte. Produziert
wurden die Aufnahmen von May und Waller selbst. Obwohl DeBarge keine
musikalischen Erfahrungen hatte, sang er die Leadstimme mehr als passabel. May
übte aber auch täglich mit ihm, wie in den Liner Notes zur Platte nachzulesen
ist. Die meisten Songs, die damals aufgenommen wurden, spielte die Band später
höchstens noch gelegentlich live. Und keiner davon kam auf eine spätere Platte
der Pretty Things. Das heißt jedoch keineswegs, dass wir es hier mit Ausschuss
zu tun haben. Im Gegenteil! Diese LP ist ein kleines Juwel. Sie knüpft sehr
schön an das ja leider ziemlich unterbewertete „SF Sorrow“ an und
enthält 12 wunderbare zeittypische Popsongs, die auf’s Vortrefflichste
die Atmosphäre zwischen Swinging London und Woodstock einfangen. Dabei klingen
die Aufnahmen sogar erstaunlich modern für damalige Verhältnisse. Oder anders
gesagt, sie klingen heute überhaupt nicht altbacken, sondern teilweise ganz so,
als wären sie erst kürzlich in einem britischen Studio entstanden. Die Platte
erschien damals dann doch nicht. DeBarge ging zwar das Geld nicht aus, aber er
hatte wohl einige andere Probleme. Bedauerlicherweise starb Philippe DeBarge
bereits 1998. Es hätte ihn bestimmt gefreut, dass sein Baby nach fast 40 Jahren
doch noch das Licht der Welt erblickt. ***1/2
The Inner Space – Agilok & Blubbo (LP, Wah Wah Records, www.wah-wahsupersonic.com)
The Inner Space sind niemand anderes als Can in einer
ersten Inkarnation zwischen Beat, Krautrock, Psychedelia und früher Elektronik.
„Agilok & Blubbo“ ist ein Film, ein deutscher Underground Film
aus dem Jahr 1968. Die Debütarbeit von Peter Schneider. Und das hier ist der
Soundtrack dieses Films. In dieser Form wird die Filmmusik hier zum ersten Mal
veröffentlicht. 1968 erschien lediglich eine 7“45 mit dem Titeltrack des
Films und dem „Kamera Song“ auf der B-Seite, gesungen von Model
Rosi-Rosi, die auch die Hauptrolle im Film spielte. Der Film erzählt eine
völlig überdrehte Geschichte aus der linksalternativen Popart Bohéme München-Schwabings. Die wirren Pläne
zweier kauziger Revoluzzer werden von dem Model Michaela (Rosi-Rosi) durchkreuzt.
Rosi-Rosi spielte im Schwabing der späten Sixties eine ähnliche Rolle wie Uschi
Obermaier. Nur wurde sie nicht so bekannt. Ich kenne den Film leider nur aus
der Zusammenfassung des Plattencovers. Er ist zur Zeit in keinem Verleih oder
auf DVD erhältlich. Den wenigen Ausschnitten nach zu urteilen, die bei YouTube
mal zu sehen waren, muss er eine Mischung aus Psych-Out, Blow-Up und Rote Sonne
sein. Der Soundtrack hier ist jedenfalls etwas ganz Besonderes. Die Musik ist
mal reine Filmmusik, elektronisch zumeist und den Sounds nicht unähnlich, die
David Vorhaus und Delia Derbyshire etwa zur gleichen Zeit mit The White Noise
produzierten. Dann wieder ist es Sixties Pop, Sunshine Pop mit einem Hang zu
Lounge, Easy Listening. Der „Kamera Song“ sticht natürlich heraus.
Mit seinem ganz eigenen bizarren Charme erinnert er entfernt an Nico bei Velvet
Underground oder auch an französischen Yé Yé Pop. Noch seltsamer ist das
„Revolutionslied“, das ebenso gut von Witthüser & Westrupp
stammen könnte. Und schließlich hört man dem Soundtrack die klassische und
Jazzausbildung der Herren Irmin Schmidt, Holger Czukay und Jaki Liebezeit an.
Mit der Musik, die sie nur wenig später als Can machten, hat das noch wenig zu
tun. Etwas nervtötend ist das über 10-minütige „Apokalypse“ am
Schluss der Platte mit seinen dissonanten Flötentönen über einem treibenden
Beat. Das aber ist wohl Absicht. ***1/2
The Mandrake Memorial –
Puzzle (LP, Wah Wah Records, www.mandrakememorial.com)
Die dritte und letzte LP der Band aus Philadelphia
(USA) erschien im Original 1969. Zu diesem Zeitpunkt war die Band bereits zum
Trio geschrumpft. Trotzdem ist diese LP ihr aufwändigstes, vielschichtigstes
Album. Ein psychedelisches Konzeptalbum mit klassischen Einflüssen und einem
Charakter von Barock-Artrock, der mit typisch britischem Progrock jedoch gar
nichts zu tun hat. Vergleiche mit Ars Nova und dem Boston Rock Sound der späten
Sixties drängen sich auf. Aber auch die Electric Prunes der David Axelrod Phase
fallen mir dazu ein. Vielleicht etwas zu prätentiös, zu opulent das Ganze.
Andererseits gibt es da so filigrane feine Parts und Verästelungen, die
wiederum aufhorchen lassen. Auf derartige Sounds und Arrangements kam man wohl
tatsächlich nur in den ausgehenden Sixties. Inwiefern das Coverbild die Musik
inspiriert hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls passt dieses Gemälde
von MC Escher sehr gut zu der Platte. Die Musik ist ähnlich verschachtelt und
in unendlichem Auf und Ab ineinander verwoben. Stellenweise wirkt sie fast
folkloristisch improvisiert. Eine Art Happening mit offenem Ausgang und
zugleich ein Puzzle, das vollendet, aufgelöst zu werden trachtet. Jedoch
scheint dies völlig unmöglich. Immer wieder öffnet sich ein weiterer Pfad, eine
neue Melodie, eine rhythmische Abzweigung. Vor 40 Jahren hätte mich diese
Platte in einem abgedunkelten Raum bei Kerzenschein oder Stroboskoplicht und in
entsprechender Stimmung gehört in Verzückung versetzt. Heute finde ich sie
einfach etwas sehr „strange“. Aber doch auch sympathisch auf ihre Art.
***1/2
Jeavestone – Mind The Soup (CD, Nordic Notes, www.myspace.com/jeavestone)
Tuomari Nurmio & Alamaailman Vasarat – Kinaporin Kalifaatti (CD, Nordic Notes, www.vasarat.com)

Zwei sehr empfehlenswerte Scheiben aus Finnland, die
Dank Christian Pliefke und Nordic Notes nun auch regulär in Deutschland
erhältlich sind. Jeavestone aus Kalajoki im Nordwesten Finnlands erfreuten und
überraschten letztes Jahr mit einem überaus gelungenen neuen Album (mein Album
des Monats in GG158). Ihr erster Longplayer aus dem Jahr 2005 „Mind The
Soup“ ist, da ich ihn nun wieder höre, gar nicht so übel, wie ich aus der
Erinnerung meinte. Alle Anlagen eines sich nicht allzu ernst nehmenden,
abwechslungsreichen und frischen eher Pop orientierten Progrock sind schon
vorhanden. Die Tracks erstaunlich kurz und songorientiert. Lohnt sich. ***1/2
Auch das Album
„Kinaporin Kalifaatti“ hatte ich bei Erscheinen in GG besprochen.
Das ist allerdings so lange her, dass die Rezension nicht mehr online
zugänglich ist. Tuomari Nurmio hat sich durch sein im vorigen Jahr erschienenes
Album „Big Bear’s Gate“ auch hierzulande unter Insidern einen
Namen gemacht. Mit den „Hämmern der Unterwelt“ (Alamaailman
Vasarat) als Begleitband entstand hier eine ganz erstaunliche musikalische
Mischung aus Captain Beefheart und Ethno-Prog mit orientalischem Einschlag. Wer
keine Scheu vor finnischem Gesang hat, sollte sofort zugreifen. ****
Various Artists
– Punk ja Yäk! (4 CD Box, Stupido Records, www.stupido.fi)
Um es gleich vorweg zu
sagen, das ist die beste und vollständigste Übersicht zum Thema Punk in Finnland,
die man bekommen kann. Es wurde so gut wie nichts vergessen oder ausgelassen.
Zehn Jahre Punk und New Wave aus Finnland, 1977 bis 1987, wurden noch nie so
umfangreich, kompetent und repräsentativ zusammengefasst wie in dieser Box.
Würde man heute alle hier kompilierten Tracks als Originale kaufen wollen, man
hätte lange zu tun und bräuchte den Gegenwert eines neuen Kleinwagens, also so
um die 8-10.000 Euro. Joose Berglund von Stupido Records ist mit dieser Musik
groß geworden. Hier hat er seine Jugenderinnerungen zusammengetragen.
Aber was ist nun eigentlich
finnischer Punk? Was ist das Besondere an dieser Box? – Punk war ja ein
internationales popmusikalisches und soziokulturelles Phänomen, das seine
Wurzeln einerseits in der hedonistischen und nihilistischen New Yorker Kunst
und Musikszene der frühen bis mittleren 1970er Jahre hatte, und andererseits
seine größte Wirkung durch die Mitte der 1970er in London aufkommende
minimalistische Do-It-Yourself Bewegung und den Slogan „No Future“
erzielte. Die Wirkung setzte in Finnland zwar mit leichter Verzögerung ein,
dafür war sie um so nachhaltiger. Dass diese Musikszene und die damit
einhergehende Jugendbewegung in Finnland dermaßen erfolgreich und massenwirksam
werden konnte, hat sicher mit der relativen Isolation des Landes am
nordöstlichen Rand Europas zwischen Ostsee und Sowjetunion zu tun. Ein
kapitalistisches Land am Rande des großen Bruders im Osten. Seit Jahren geführt
von einem zwar konservativen aber auch äußerst pragmatischen und fast absolutistisch
herrschenden Staatspräsidenten Urho Kekkonen, dessen eigener Weg strikter
Neutralität von Politikern im Westen wie im Osten bewundert und beneidet und
mitunter als Finnlandisierung kritisiert wurde. Es gab zwei staatliche TV
Programme und einen landesweiten Radiosender, der Musik für Jugendliche
allenfalls in ein paar Nischen anbot. Ein nennenswertes Nachtleben gab es nicht
mal in Helsinki. Um 22 Uhr wurden die Bürgersteige hochgeklappt, sofern
Bürgersteige überhaupt existierten. Die teils aufmüpfigen und aufregenden
späten 60er und frühen 70er Jahre, in denen auch in Finnland so etwas wie
Aufbruchstimmung und Ansätze von Nonkonformität herrschten, waren schon wieder
vergessen.
Die erste Band, die eine
Punk Single veröffentlichte, war Briard in Helsinki. Ein gera-de mal
15-jähriger Antti Hulkko (a.k.a. Andy McCoy, später bei Hanoi Rocks) spielte
die Gitarre, und der inzwischen bereits verstorbene Pete Malmi krähte „I
Really Hate Ya“. Im Herbst 1977 war das. Und die Platte erschien beim finnischen
EMI Ableger Finndisc. Aber schon die nächsten Singles von Pelle Miljoona und
Eppu Normaali erschienen bei unabhängigen finnischen Firmen und was noch
wichtiger war, es wurde auf Finnisch gesungen. Praktisch alle wichtigen und
erfolgreichen Punk und New Wave Bands in Finnland in den folgenden Jahren
texteten in ihrer Muttersprache. Und das war neben den Themen, die sie
besangen, auch der Schlüssel zum Erfolg. Allerdings war dieser Erfolg damit
auch auf Finnland beschränkt. Obwohl es ein paar Versuche gab, finnischen Punk
und Rock zu exportieren, teilweise mit extra produzierten englischsprachigen
Aufnahmen, interessierte sich weder in London noch sonst irgendwo jemand für
Punk oder New Wave made in Finland. Ein paar Verrückte wie mich ausgenommen.
Die Jahre der größten Aktivitäten, in denen die spannendsten, aufregendsten
Platten erschienen und Konzerte stattfanden waren 1979 und 1980. Zur gleichen
Zeit gab es übrigens auch ein recht nachhaltiges Rockabilly Revival in
Finnland. Während die Musiker meist freundschaftlich miteinander verkehrten,
wurden zwischen Teddy Boys und Punks mitunter schlagkräftige
Meinungsverschiedenheiten ausgetragen. Aber das ist ja nun bestimmt kein
typisch finnisches Phänomen. Der große auch kommerzielle Erfolg mit hohen
Notierungen in den finnischen Pop Charts kam allerdings dann erst in den 1980er
Jahren. Und Punk im ganz strengen Sinn war das auch nicht, was da chartete.
Bands wie Pelle Miljoona und Eppu Normaali entwickelten sich sehr schnell
weiter, und ihre Musik wurde vielfältiger behielt aber ihre jeweils
bandtypische Charakteristik. Viele Bands der ersten Generation waren relativ
kurzlebig. Nach ein paar Singles, einer oder vielleicht auch mal zwei oder drei
LPs lösten sich viele Gruppen wieder auf. Aber sehr viele Musiker dieser ersten
Generation blieben weiterhin aktiv und tauchten später wieder auf, teils in
neuen Bands, teils als Produzenten, Talent Scouts oder sonst im finnischen
Musik Business. Dass diese neue Bewegung eine solche Nachhaltigkeit entwickeln
konnte, liegt sicher auch daran, dass Finnland mit nur gut fünf Millionen
Einwohnern eine insgesamt recht überschaubare Musikszene hat. Jeder kennt
Jeden. Da gibt es kaum Szenen, die abgeschottet existieren (können). In den
1980er Jahren folgte eine zweite Generation von Punk Musikern, die vor allem
der heute als Hardcore bekannten Variante anhingen. Bands wie Terveet Kädet und
Riistetyt erfreuten sich auch international in Hardcore Kreisen großer
Beliebtheit, ob ihres kompromisslos schnellen Spiels und des meist kreischenden
finnischen Gesangs, den zwar niemand verstand, der aber als besonders cool
galt. Auch wenn in den 1980er Jahren New Romantic und Synthi Pop in Finnland
ihre Anhänger ebenso fanden wie anderswo und entsprechende finnische Bands zum
Teil extreme Erfolge verzeichneten, ein gewisser bodenständiger Schweinerock
fand nach wie vor Zuspruch und erst recht der Ramones orientierte typisch
finnische Punk Rock solcher Bands wie Ne Luumäet oder Pojat. Eine breite
Bewegung war Punk in den 1980er Jahren jedoch auch in Finnland nicht mehr. Die
meisten Hardcore Bands drifteten ins Metal Lager, oder aber sie mussten dem von
Drugs & Alkohol (weniger vom Sex) geprägten Leben ihren Tribut zollen.
Nicht wenige finnische Punk Musiker sind an den Folgen ihres exzessiven Lebenswandels
bereits gestorben. Gegen Ende des Jahrzehnts gab es so gut wie keine neuen Punk
Bands mehr. Allerdings lebt der Spirit bis heute weiter. Und natürlich gab es
immer ein paar Musiker, die unermüdlich weiter machten. Neuerdings scheint 77er
Punk auch bei ein paar jüngeren Leuten in Finnland wieder en vogue zu sein.
Die vier CDs dokumentieren
die Jahre von 1977 bis 1987 so umfänglich und repräsentativ, wie keine
Compilation bisher. CD1 umfasst die erste Generation finnischen Punks
einigermaßen genau chronologisch und versammelt dabei die bekanntesten und
damals erfolgreichsten Bands. Auf CD2 sind dann die nicht ganz so erfolgreichen
Bands und Tracks der ersten Generation versammelt. CD3 bietet vor allem die
Bands der frühen 1980er Jahre und der Hardcore Fraktion. Die vierte CD
versammelt zum einen Bands, die nur am Rande zu Punk gezählt werden können,
sowie einige Acts der dritten Generation. Vier CDs also mit jeweils knapp 80
Minuten Punk und New Wave Musik aus Finnland, insgesamt 132 Tracks. Das
umfangreiche Booklet enthält viele seltene Fotos und neben den diskographischen
Angaben auch informative Liner Notes und kurze Kommentare der jeweiligen
Musiker. Allerdings alles auf Finnisch bis auf eine einseitige Einführung in
englischer Sprache. Dennoch bin ich der Meinung, diese Box braucht jeder, der
sich für finnischen Punk interessiert. Anhand der vielen Fotos kann man
übrigens sehr schön sehen, dass die meisten Musiker noch ziemlich jung waren
und dass es sich wirklich um eine jugendliche Massenbewegung handelte. Die
Jungs sehen oft so normal aus, wie ganz durchschnittliche Jugendliche und
Oberschüler. Klar tragen sie ein paar Badges, aber Klamotten und Frisuren sind
oft nach Londoner Szene Maßstäben ziemlich uncool. Es sind halt oft Dorfpunks
oder einfach nur ein bisschen ausgeflippte jugendliche Intellektuelle. Aber
letztlich war das wohl überall so ähnlich. Im UK war allenfalls das
Modebewusstsein etwas ausgeprägter. Eine Gesamtwertung in Sternchen macht bei
so einer Box wenig Sinn. Manche Tracks verdienen *****, andere nur **. Aber
insgesamt ist die Box natürlich sehr zu empfehlen.
Mad River – s/t (LP, Capitol)
Eine der seltsamsten und eigenwilligsten Bands der
psychedelischen Ära war diese fünfköpfige Gruppe aus der San Francisco Bay
Area. Während die meisten Musikgruppen dieser Szene eine eher optimistische,
oft naiv fröhliche Grundeinstellung mitbrachten, war das bei Lawrence Hammond
und seinen Mitstreitern anders. Nicht nur klangen deren zum Teil sehr filigrane
Kompositionen äußerst abgehoben, sie ließen zumeist auch eine eher dunkle Seite
der Psyche erkennen, was sich sowohl in Texten als auch in der Musik
manifestiert. Am deutlichsten wird das hier auf ihrem Debütalbum bei „War
Goes On“, einem wie improvisiert wirkenden Parforce Ritt durch Jazz, Raga
und Blues, der natürlich den endlosen und sinnlosen Vietnamkrieg widerspiegelt
bzw. kommentiert. Wohl eher schwer verdaulich diese 12:30 Minuten. Aber schon
der Album Opener „Merciful Monks“, obwohl nur 3:40 lang, macht
klar, dass es hier nicht um radiofreundliche happy-go-lucky Popmusike geht. Die
Gitarren klingen hier und auch beim folgenden „All Time High“ im
besten Sinn psychedelisch. So muss man sich Acid Rock vorstellen. Dazu die
hohe, schneidende Stimme von Hammond. Immerhin ist der Sound hier schon etwas
weniger schrill und höhenlastig als bei der allerersten 7“EP, die bereits
1967 erschien. Bis auf einen wurden die Songs für das Debütalbum 1968 neu
eingespielt. Aber auch so behält „Amphetamine Gazelle“ diese völlig
überdrehte und gehetzt wirkende Atmosphäre, als wäre die Band auf Speed und
Acid gleichzeitig. „Eastern Light“ dagegen hat ein fast abgeklärt
majestätische Aura, getragen nicht nur von den Acid Gitarren sondern auch von
Piano und Flöte, während Hammonds Stimme über allem thront. Der schönste Track
des Albums ist jedoch „Wind Chimes“ mit beinahe indisch anmutenden
acid Gitarren über hypnotischen monotonen Rhythmen und den schwebenden
Flötentönen im zweiten Teil des Tracks. Das auf seltsame Art verloren wirkende
Schlaflied „Hush Julian“ am Ende der LP ist mit 1:10 leider viel zu
kurz. Die Platte war ein veritabler Flop seinerzeit. Und auch dieses Re-Issue
wird sicher kein Bestseller werden. Es wird jedoch Zeit, dass sich auch bisher
Nichteingeweihte mal mit dieser Band und ihrer ungewöhnlichen Musik
beschäftigen. Die LP ist übrigens Richard Brautigan gewidmet, einem damals
durchaus erfolgreichen Szene Poeten, der die Band nicht nur sehr schätzte
sondern auch hin und wieder materiell unterstützte. ***1/2
The Story Of Beat-Club (3 DVD Box-Sets, www.beatclub-edition.de)
Das sind doch mal gute Neuigkeiten! Radio Bremen hat
sich endlich entschlossen, alle Beat-Club Sendungen auf DVD zugänglich zu
machen. Musste man doch bisher mit einer lückenhaften 10 DVD Box vorlieb nehmen
oder sich Mitschnitte von Wiederholungen besorgen, deren Auswahl ebenfalls eher
zufällig war und noch dazu stümperhaft bis ahnungslos kommentiert wurde. Nun
also komplett und ungeschnitten mit allen Ansagen, Vor- und Abspännen.
Lediglich drei Sendungen fehlen. Das sind zum einen zwei „Best of“
Sendungen, die eh nur Wiederholungen boten, sowie eine Sendung (Folge 13), die
nur Fremdfilme enthielt, an denen RB offenbar keine Rechte hat. Es fehlt auch
der Beatles Film zu „Strawberry Fields Forever“, der in Folge 17 im
Februar 1967 gezeigt wurde. Auch daran hat RB keine Rechte. Die Boxen sind auch
einzeln erhältlich, was sicher denjenigen Freunden der Beatmusik gelegen kommt,
die Prog, Acid und Jazz Rock Improvisationen, wie sie in späteren Folgen ab ca.
1970 gang und gäbe waren, nicht so sehr goutieren. Ich finde allerdings auch
der späte Beat-Club hat seinen Charme. Und die optischen Effekte und
Spielereien, die ab 1968/69 einsetzten, waren nicht nur wegweisend im Musik TV,
sie sind zum Teil sogar unübertroffen in ihrer Kreativität.
Box I umfasst die Beat-Club Folgen 1-35 mit echten Live Auftritten von
u.a. The Remo Four, The Boots, The German Bonds, The Pretty Things, The Monks,
The Easybeats, Jimi Hendrix, The Who, The Small Faces, sowie Playback
Dar-bietungen von Billy Nichols, Sharon Tandy, Sandy Sarjeant, John Walker, The
Nice, Reparata & The Delrons u.v.m. Box II enthält die Folgen 36-59 mit
u.a. Harry Nilsson, Spooky Tooth, Julie Driscoll, Sly & The Family Stone,
The Flirtations, Caravan, Bloodwyn Pig, Man, Yes, Free, Collosseum, Taste, Mott
The Hoople, Edgar Broughton Band, Van Der Graaf Generator, Brinsley Schwarz,
Black Sabbath. Und Box III mit den Folgen 60-83 bietet Amon Düül II, The
Incredible String Band, Fotheringay, Patto, Tom Paxton, Curved Air, The Soft
Machine, Skid Row, Yes, Man, Family, Can, Fanny, T.Rex, Stone The Crows, Canned
Heat, MC5, Grateful Dead, The Rolling Stones, Captain Beefheart, Johnny Cash
u.v.m. Man kann die Boxen einzeln kaufen für 74,95 € oder komplett für
199,- €. Ich denke aber der Preis
wird noch etwas günstiger werden, wenn erst Amazon und weitere Händler die Box
Sets im Angebot haben. Im Moment verkauft Radio Bremen die drei Boxen mehr oder
weniger exklusiv über das ARD Online Marketing. Bei Saturn wurden allerdings
auch schon Beat-Club Boxen zu 69,- € das Stück gesichtet. Ich warte erst
mal ab, aber dann kaufe ich bestimmt alle drei Box-Sets.
Gila – Gila
(Free Electric Sound) (LP, Second Battle Rec., www.collectorrecords.de)
„Die
Gila-Krustenechse (Heloderma suspectum) ist ein Vertreter der Krustenechsen.
Ihr Name (US Engl. Gila Monster) stammt vom Gila-Fluss im Südwesten der USA
(Bundesstaat Arizona) und ist mexikanischen Ursprungs, daher ist die Aussprache
wie Hiela. Neben dem anderen Vertreter dieser Familie, der
Skorpion-Krustenechse ist sie die einzige giftige Echse. Die Gila-Krustenechse
erreicht normalerweise eine Körperlänge von 70 cm, einzelne Exemplare sind mit 100
cm gemessen worden. Sie hat einen breiten, massiv aussehenden Körper, einen
großen Kopf mit winzigen Augen und kurze Beine mit scharfen Krallen. Der
kräftige Schwanz dient als Fettreserve für Zeiten mit Nahrungsnot. Ihre Haut
ist schwarz und höckrig mit roten bis rosa Flecken, die auch orange bis gelb
sein können.“ So steht es bei Wikipedia. Und in diesem Fall sollte man
der Web-Enzyklopädie ruhig trauen. Die Angaben zur Band Gila, die man bei
Wikipedia findet, sind dagegen recht mager, wenn auch nicht falsch. Dass der
Bandname dem eingangs beschriebenen Tier entliehen wurde, ist übrigens durchaus
umstritten. Bandgründer Conny Veit können wir leider nicht mehr fragen.
Das langjährige Mastermind der Gruppe
starb vor wenigen Jahren in Hamburg.
Die meisten Freunde von
Krautrock und Psychedelia kennen vor allem Gilas zweites Album „Bury My
Heart At Wounded Knee“. So auch ich. Allerdings entstand diese Platte
erst vier Jahre nach Gründung der Band in veränderter Besetzung. Mit dem hier
wieder vorliegenden Debüt von 1971 hat die Scheibe mit dem Indianer auf dem
Cover nur wenig zu tun. Das die erste Platte beschreibende Motto ist
zeittypisch und wundert einen schon gar nicht, wenn man weiß, dass die
Musikgruppe aus einer Stuttgarter Politkommune heraus 1969 gegründet wurde.
"AGGRESSION verhindert KOMMUNIKATION und führt zum KOLLAPS des
Bewußtseins, was die Veränderung des "Ich" in positiver oder
negativer Weise zur Folge hat. Das positiv veränderte "Ich" sucht
KONTAKT zu anderen, um in KOLLEKTIVITÄT seine natürliche INDIVIDUALITÄT zu
finden." Augen- und Ohrenzeugen berichten, dass die Live Auftritte des
Musikerkollektivs sehr intensiv und in ihrer Improvisation höchst beindruckend
waren. Freie Formen, mäandernde Soundcluster, psychedelische Effekte waren ja damals
ganz typisch für die sich nicht nur in Deutschland entwickelnde Underground
Rock Szene. Krautrock nannten die Briten dann die besondere deutsche Spielart
dieser Musik, bei der alles möglich schien. Und ohne bestimmte
bewusstseinserweiternde Drogen ist die Begeisterung und das Aufgehen in diesen
schier endlosen und sich nicht selten wiederholenden Improvisationen auch nur
schwer vorstellbar. Hört man die Platte jetzt mit dem zeitlichen Abstand von
fast 40 Jahren und mit nüchternem Geist, dann wirkt sie dennoch wie eine
legitime und durchaus nachvollziehbare musikalische Interpretation des
genannten Mottos. Fast ein bisschen naiv zwar, aber auf eine unschuldige Art
auch sympathisch. Aus einer anderen Zeit eben. Gila gehörten wohl zurecht zu
den führenden Vertretern dieser neuen Musik damals in Deutschland. Und im
internationalen Vergleich können sie sich ohne weiteres messen mit den
zeitgleichen Werken Pink Floyds oder dem King Crimson Ableger McDonald &
Giles etwa. Auch eine Nähe zu Space Rock wollen einige Kritiker bei dieser
Musik hören. Ich höre die nicht unbedingt, aber sei’s drum. Jedenfalls
lohnt sich die Anschaffung dieses aufwändig und liebevoll gestalteten Re-Issues
mit Klappcover, Poster und ausführlichen neuen Liner Notes von Reinhart Kotzsch
in einem extra beiliegenden 8-seitigen Heft nicht nur für Sammler und alte
Krautrock Fans. Wer sich für jüngere Bands von Archive bis Vibravoid
interessiert, sollte hier ruhig auch mal seine Ohren spitzen. ***1/2
The Grip Weeds
– Infinite Soul, The Best Of The Grip Weeds (CD, Wicked Cool, www.myspace.com/gripweeds)
Nach wie vor eine der
besten zeitgenössischen Powerpop und Neo-Psych Bands der USA sind The Grip
Weeds aus New Jersey. Auf Little Steven Van Zandts Wicked Cool Label ist nun
eine Compilation der Band mit 16 ihrer besten Aufnahmen erschienen. Tracks aus
rund 15 Jahren und von vier Alben, bestens geeignet für Novizen des Grip Weeds
Sounds. Dieser ist absolut unverwechselbar, auch wenn er Einflüsse der
Vergangenheit von The Who bis zu The Moody Blues aufweist. In diesem
Zusammenhang wird es die Freunde des Vinyls interessieren, dass die originale
7“ „She Brings The Rain“ sowie die Doppel-LP „The Sound
Is In You“, beide auf Twang! veröffentlicht, noch immer erhältlich sind.
Preis auf Anfrage. Diese Compilation hier enthält andererseits mit einer
Neuaufnahme des Klassikers „She Brings The Rain“ einen exklusiven
Track. Hoffentlich kommen Kristin, Kurt, Rick und Michael auch mal wieder nach
Deutschland. An die gemeinsame Tour durch drei Länder anno 1994 erinnere ich
mich nach wie vor mit Begeisterung. ****1/2
The Boots –
Here Are The Boots / Beat With The Boots (2CD, Revisited/SPV, www.theboots.de)
Nun sind die beiden LPs der
besten deutschen Sixties Band also erneut offiziell erhältlich. Dieses Mal als
Doppel-CD aber mit den gleichen Bonustracks wie die vor zehn Jahren von
Telefunken wiederveröffentlichten beiden Einzel-CDs, die inzwischen nicht mehr
lieferbar sind. Novizen haben also die Chance, die Musik der Boots
kennenzulernen. Ich muss die Band hier nicht extra anpreisen. Das hieße ja wohl
„Eulen nach Athen tragen“. Aber ein paar Sätze zu diesem ersten
offiziellen Re-Issue unter Einbeziehung der noch lebenden Bandmitglieder will
ich doch loswerden. Die Liner Notes schrieb der Bassist der Band, Bob Bresser,
selbst. Die Fotos im Booklet stammen alle aus Bobs Privatarchiv und sind
dementsprechend rar und interessant nicht nur für Fans. Auf der CD 1 gibt es als
Bonus eine ca. 20-minütige Diashow (als mpeg Datei), zu der Philip Schumacher
eine von H.P. Daniels verfasste Bandgeschichte spricht. Für den Fan, der schon
alles hat, stellt dies den eigentlichen Mehrwert dar. Seltene Fotos und Details
und Hintergründe zur Band und der Szene damals wurden da sehr schön
aufbereitet. Auch ist die Doppel-CD mit ca. 15-17 € nicht zu teuer. Dass
alle Tracks „digitally remastered“ wurden wie das Cover vermeldet,
fällt zum Glück nicht weiter auf. Schöner wäre es freilich, wenn es beide LPs
endlich auch mal wieder auf Vinyl gäbe. Die letzte Wiederveröffentlichung der
ersten LP liegt weit über 20 Jahre zurück. Und „Beat With The
Boots“ wurde noch nie offiziell und im Originalcover
wiederveröffentlicht. Gerade in Zeiten, da sich Musikliebhaber verstärkt wieder
dem Vinyl zuwenden, wäre es an der Zeit, die Musik Deutschlands großartigster
Beatband auch wieder im warmen, knackigen unverfälschten Analogsound zugänglich
zu machen. Die Originale der beiden LPs sind inzwischen doch recht selten und
teuer. Wie ich aus zuverlässiger Quelle erfahren habe, soll die DVD und die
Live Doppel-CD mit dem Mitschnitt des Re-Union Konzerts im Berliner Quasimodo
vor drei Jahren nun endlich noch vor Weihnachten 2008 erscheinen. Wir sind
gespannt! Diese Doppel-CD hier bekommt ****
Diverse – Sprechen
Sie Pop? (CD, Bureau B / Indigo, www.bureau-b.com)
Wir erinnern uns an die Reihe „Tausend
Nadelstiche“ von Bear Family Records. Da waren es Amerikaner und Briten, die
deutschsprachige Versionen ihrer Hits sangen. Das Konzept hier ist ähnlich und
doch anders bzw. weiter gefasst. Hier sind es ganz allgemein Künstler, deren
Muttersprache nicht Deutsch ist, die entweder deutsche Versionen ihrer Hits
singen oder sogar extra für sie geschriebene deutsche Titel, die in ihrer
Heimat gar nicht erschienen. Versammelt sind Aufnahmen aus den 60er und 70er
Jahren aus der musikalischen Grauzone zwischen Beat, Easy Listening und damals
noch eher unschuldigem, charmanten Schlager Pop und Chanson. Den Anfang macht
ein Rip-Off von Nancy Sinatras Hit „These Boots Are Made For
Walking” mit dem Titel “Er heißt Peter“, gesungen von der
Tochter des in den 30er Jahren in die USA emigrierten großen Schlager Komponisten
Friedrich Holländer, Katja Holländer. Im Zuge des Ost/West Ausgleichs sind hier
auch etliche Künstler aus dem ehemaligen Ostblock vertreten, wie z.B. Die
Skalden, Die Roten Gitarren (beide aus Polen), Kati Kovács und die ungarische
Gruppe Illés. Der Großteil der Titel dürfte selbst einem älteren Publikum eher
unbekannt sein. Aber es sind auch ein paar Riesenhits von damals zu hören wie
etwa Graham Bonneys „Girl mit dem La-La-La“ oder Elisa Gabbais
„Winter in Kanada“. Beides übrigens auch zwei der Highlights hier
neben France Galls „Wassermann und Fisch“ natürlich oder Antoines
„Hallo, Bonjour, Salut“. Entdeckungen kann man sogar auch noch
machen. Mich überraschte auf das Angenehmste Sandie Shaw mit
„Sommerwind“ aus der Feder von Peter Thomas (der u.a. die
Titelmusik zu Raumpatrouille Orion schrieb) sowie Sylvie Vartan mit dem
Glamrockschlager „Ein kleines Herz auf der Haut“, der im Jahr 1978
allerdings wohl schon zu old fashioned war, um große Aufmerksamkeit zu
erzielen. Und die bereits erwähnten Illés sind sowieso mein großer Geheimtipp.
Ihr deutsches Album auf Amiga aus dem Jahr 1972 ist ein Quell der Freude für
Freunde des eher abseitigen musikalischen Geschehens. Mit einer Mischung aus
Folk, Schlager, Psychedelia und sogar Progrock ist diese LP jede Suche auf
Flohmärkten oder Plattenbörsen wert. Ihr „Hier stand die Sonne
hoch“ beschließt diesen Sampler mit Sitarklängen, Tablas und einem
unschuldigen Schubidu Chor zu starkem ungarischen Akzent. ***1/2

Alice In Wasteland waren in
der zweiten Hälfte der 80er Jahre eine der profiliertesten finnischen Bands mit
englischen Lyrics. Gegründet in der mittelfinnischen Universitätsstadt
Jyväskylä 1986 als Post Punk / Powerpop Band wurde die Gruppe um die Sängerin
Pikke Paananen sehr bald von Poko, dem seinerzeit führenden finnischen Indie
Label, unter Vertrag genommen. Drei Singles und ein Album erschienen bei Poko.
Alle leidlich erfolgreich in Finnland aber auch im benachbarten Schweden. Die
Stimme Pikkes erinnert mitunter an Chrissie Hynde. Und die Songs, die sie oder
Gitarrist Kari Smolander schrieben, haben gewöhnlich einen hohen
Wiedererkennungswert und oft Ohrwurm Charakter. Nachdem Poko es versäumte, die
Option auf ein zweites Album
wahrzunehmen, sprang Jukka Junttila mit seinem Label Hiljaiset Levyt in
die Bresche, bei dem bereits einige tolle finnische Bands unter Vertrag waren.
Die zweite LP „Red Eye“ fiel insgesamt etwas nachdenklicher, fast
düsterer aus, als das Debüt. Wären da nicht die recht heftigen Power Chords von
der Gitarre, man käme auf die Idee, hier waren Siouxsie und ihre Banshees
heimlich am Werk. Aber auch die Pixies mögen da ein bisschen abgefärbt haben.
Jedenfalls zählen die Veröffentlichungen von Alice In Wasteland durchweg zu den
lohnendsten aus Finnland, egal ob man nun Powerpop Fan, Indie Nerd oder
Alternative Rocker ist. 1992 löste sich die Band auf. Nun hat Poko unter dem
Titel „Wasted“ diese CD mit 20 Tracks aus dem Gesamtwerk der Band
quasi als „Best Of“ veröffentlicht. Seit März 2008 spielt die Band
auch wieder live zusammen und begeistert alte und neue Fans. Als Einstieg und
Überblick kann ich die CD jedem nur wärmstens ans Herz legen. Dem Vinyl Fan und
allen, die nach diesen 20 Tracks erst so richtig angefixt sind, empfehle ich,
nach den insgesamt sechs originalen 7“ 45s und zwei LPs der Band zu
fahnden. Nicht so leicht zu finden, aber bestimmt auch nicht wirklich teuer, da
Alice In Wasteland immer noch so etwas wie ein Geheimtipp sind. ****
Dennis Wilson –
Dennis, der mittlere der drei Wilson Brüder, war der
einzige echte Surfer bei den Beach Boys. Und neben Brian, der ja nach
„Smile“ eher mit sich selbst beschäftigt war, war Dennis wohl das
echte „enfant terrible“ der Gruppe. Er war es, der mit sich mit
Charles Manson einließ, ihm einen Song abkaufte und Demos mit ihm produzierte.
Glücklicherweise endete die Zusammenarbeit der beiden lange vor den grausamen
Morden, die die Manson Family 1969 beging. Aber so richtig auf die Reihe
bekommen hat der smarte Junge sein Leben wohl auch nie. Immerhin war er 5x
verheiratet und hatte insgesamt sechs Kinder. Dennis ertrank Ende Dezember 1983
bei dem Versuch nach Dingen die er ins Wasser geworfen hatte unter seinem Boot
im Yachthafen von Marina Del Rey zu tauchen. Neben Alkohol fand man auch Spuren
von Valium und Kokain in seinem Blut. Seine musikalische Karriere war zu diesem
Zeitpunkt aber eigentlich eh keine mehr.
Nachdem Brian sich
zurückgezogen hatte, schrieb Dennis verstärkt Songs für die Beach Boys und sang
auch gelegentlich die Leadstimme. Allerdings war Dennis im Prinzip
„nur“ der Live Drummer der Band, da sein Part im Studio von
Studiomusikern gespielt wurde. Pläne für eine Soloplatte hatte er daher bereits
zu Beginn der 70er Jahre. Allerdings hielt ihn sein unsteter Lebenswandel
ebenso wie komplizierte Vertragsverhältnisse immer wieder von der Verwirklichung
einer Solo-LP ab. Schließlich klappte es dann 1977 aber doch, und
„Pacific Ocean Blue“ erschien bei Caribou Records und erreichte
immerhin knapp die Billboard Top 100. Ein besseres Ergebnis als es dem
zeitgleich bei Warner erschienenen Beach Boys Album „Love You“
beschieden war. An mir ging die Scheibe damals völlig vorüber. Ich kann mich
aber erinnern, dass ich sie in der Folge häufiger in den Billigkisten der
Second Hand Dealer stehen sah. Da steht sie inzwischen natürlich nicht mehr.
Heute gilt die Platte zwar nicht als Meisterwerk, aber doch als beste
Soloveröffentlichung eines Beach Boys. Und ja, dem kann ich mich ohne Weiteres
anschließen. Es ist eine ziemlich typische 70er Jahre Platte, also guter
amerikanischer Seventies Mainstream Rockpop. Fulminant im Sound, ausgeklügelte
Arrangements und durchaus passable Songs, manche sogar richtig gut. Der Opener
„River Song“ etwa, oder der „Pacific Ocean Blues“, der
Titelsong. Auch „Farewell My Friends“, „Rainbows“ und
„End Of The Show“ wissen zu überzeugen. Für diese
Wiederveröffentlichung hier wurde das Album neu gemastert. Und es wurden noch
etliche bisher unveröffentlichte Tracks hinzugefügt. U.a. das gesamte Material,
das bereits für das geplante zweite Soloalbum „Bambu“ aufgenommen
worden war. Das alles klingt letztlich sehr nach späten Beach Boys, aber nicht
so glatt und peinlich wie manche Veröffentlichungen der Band aus den 80ern. Der
Bohei, der nun um dieses Re-Issue gemacht wird, ist sicher etwas übertrieben.
Trotzdem freue ich mich, die Platte auf diese Weise doch noch richtig
kennengelernt zu haben. Und auch das Bonusmaterial lohnt die Beschäftigung
damit. ***1/2
Various Artists – NO FUN Records, Hit oder Niete, die Singles (CD, Sireena
Records, www.sireena.de)
Über 30 Jahre ist das nun
auch schon wieder her. Punk und New Wave schwappten nach Deutschland und erste
Bands griffen die Ideen aus dem UK und aus New York auf und versuchten was
Eigenes. Indie Labels wurden gegründet. Und eines davon war NO FUN in Hannover.
Hollow Skai gab zu-nächst ein Fanzine mit diesem Namen heraus, und als dann
tatsächlich auch in Hannover Punk und New Wave Bands auftauchten, wurde NO FUN
zum Schallplattenlabel. Die erste Single auf NO FUN kam von den 39 Clocks,
die zwar von Suicide inspiriert waren, aber eigentlich mehr noch auf Velvet
Underground und Silver Apples abfuhren. 1980 war das. Und in schneller Folge
kamen andere 17cm Schallplatten dazu. Bärchen und die Milchbubis schufen
mit „Jung kaputt spart Altersheime“ fast eine Art neuartiger Hymne
der Punks. Und das legendäre „Samen im Darm“ von The Cretins
wurde Jahre später von der besten Band der Welt Die Ärzte gecovert. Deutscher
Punk war für gewöhnlich primitiv und schlecht produziert aber durchaus
originell und zum Mitmachen geeignet. Und bald waren es nicht nur Bands aus der
Metropole der Langeweile Hannover, die auf NO FUN erschienen. A5 aus
Bremen und Daily Terror aus Braunschweig steuerten EPs und Singles zum
Labelkatalog bei. Ein weiteres Glanzlicht kam von der Gruppe Der Moderne Man.
Dass ich deren geniale Single „Der
Sandmann“/„Baggersee“ damals nicht behalten habe, wurmt mich
inzwischen ganz schön. Das ist die wahre ndW und nicht der Schlager und
Mainstream Krempel, der ein gutes Jahr später von der Musikindustrie stil- und wahllos rausgehauen
wurde. John Peel bot der Band 2x eine Session an, zu der es dann aus
unerfindlichen Gründen nie kam. Mythen in Tüten spielten dann fast schon
Schlager, aber mit so viel unverfälschtem Charme, dass man niemals peinlich berührt
zu sein braucht. Ihr „Liebe im Funkhaus“ war sogar ein kleiner
lokaler Radiohit. Die letzte Single auf NO FUN erschien 1981 und kam von der
bereits zum Hannoveraner Export Schlager avancierten Band Hans-à-Plast,
die wegen ihrer beiden Frontfrauen und einschlägiger Lyrics gerne auch als
Speerspitze des Feminismus einvernahmt wurde. Das Label NO FUN existierte noch
etwas länger, aber leider erschienen keine Singles mehr mit diesem Logo. Alle
NO FUN Singles – bis auf eine Benefiz-Single, die mit dem Label
eigentlich gar nichts zu tun hatte – sind hier nun auf diesem Sampler
versammelt. Der erscheint auf Tom Redeckers Label Sireena. Die Linernotes hat
Hollow Skai selbst geschrieben. Die Wertung für die Singles reicht von ** bis
zu ****
Cool Stove
Vor gut drei Jahren hatte ich eine
CD Compilation „Beat aus Germany“ zusammengestellt. Ein Querschnitt
von bekannten und weniger bekannten Aufnahmen deutscher Beat Bands aus den
Sixties. Dabei war auch der Track „Big Sensation“ von Cool Stove,
den ich auf einem „Diggin’ For Gold“ Sampler gefunden hatte.
Über die Band Cool Stove war damals nichts in Erfahrung zu bringen. Vor wenigen
Wochen erhielt ich eine Mail von einem Klaus Berger aus Bonn, der
offen-sichtlich ebenso gerne wie ich nach Perlen deutscher Beatmusik fahndet
und unter www.bonner-beat.de eine
eigene Homepage betreibt. Klaus stellte den Kontakt her zu Manfred Plenckers,
der damals der Schlagzeuger der Band Cool Stove war. Und letzten Sonnabend traf
ich dann Manfred hier in Berlin. Wie klein die Welt doch ist!
Cool Stove
wurde 1968 in Bad Godesberg gegründet. Dabei waren drei Musiker, die vorher
bereits in der Band The Rats gespielt hatten, Walter Spruck (g), Heinz Jugel
(b), Manfred Plenckers (dr). Verstärkt wurden sie von Werner Müller-Lankow
(voc), der schon bei den Desperados in Bonn Gitarre gespielt hatte und dem
Bonner Keyboarder Ali Stolle. Die Band muss live ziemlich klasse gewesen sein.
Besonders der mehrstimmige Satzgesang war für deutsche Beatbands eher
ungewöhnlich. Wie fast alle Bands jener Zeit coverten die Jungs überwiegend.
Songs der Moody Blues, Honeybus, Love Affair aber auch von Jimi Hendrix
gehörten zum Repertoire. Und dann natürlich die Eigenkompositionen „Big
Sensation“ und „My Girl Is My Girl“. Die Chefin einer Kölner
Schallplattenfirma (die eigentlich eher Klassik produzierte) hatte an den Jungs
offenbar einen Narren gefressen und finanzierte ihnen die Aufnahmen zu ihrer
Single, die dann Ende 1968 auf ihrem Label Starton in Köln erschien. „My
Girl Is My Girl“ ist eine eher leichte Happy-Go-Lucky Nummer mit Pop
Appeal, die ein bisschen an ein Kinderlied erinnert. „Big
Sensation“ hat jedoch alles, was einen Mod / Freakbeat Klassiker
ausmacht. Coole Orgel Grooves, tolle Fuzzgitarre, einen treibenden Rhythmus,
gelungenen Spannungsaufbau, einen eingängigen Refrain und einen super Break in
der Mitte. Mehr zur Band findet man unter http://coolstove.myrockspace.net/. Lei-der gingen die Jungs
schon bald wieder auseinander. Bei unserem Treffen erzählte Manfred noch, sie
wären damals auch bei Dieter Diercks im Studio gewesen, der mit ihnen eine
deutsche Version des Hollies Hits „Sorry Suzanne“ produzierte, die
allerdings in der Schublade blieb. Die Atmosphäre im Hause Diercks war recht
familiär. Die Oma kam mit selbst gebackenem Kuchen ins Kellerstudio, erinnert
sich Manfred.
Werner und Ali gründeten dann mit dem Drummer Jens
Hoffmeister von Werners alter Band Desperados sowie dem Bassisten Gerhard Noe von The Hangmen aus
Godesberg eine neue Band, die sie Proud Flesh nannten. Die Band spielte neben
eigenem Material auch Cover von Spooky Tooth, Deep Purple, Black Sabbath,
Hendrix u.a. Anfangs eher auf der Prog Schiene entwickelte sich die Gruppe dann
aber zu einer schnörkellosen Hardrock Combo, die bis 1972 in wechselnden
Besetzungen existierte. Manfred Plenckers gehörte zeitweilig auch zu ihrem
Line-Up. Zwei Singles veröffentlichte Proud Flesh 1970 und 71. mehr
Informationen findet man unter http://proudflesh.info.
Werner Müller-Lankow lebt heute in Schweden. Er ist es, der die Webseiten
seiner alten Bands initiiert und installiert hat. Manfred Plenckers spielt
heute in einer Bonner Soul und Funk Band namens Prime Time Gitarre.
The
Grip Weeds – House of Vibes (Revisited) (CD, Ground Up Records, www.myspace.com/gripweeds)
Ich
muss zugeben, ich habe „House of Vibes“ auch schon eine ganze Weile
nicht mehr gehört. Erst vor wenigen Wochen habe ich das unwiderruflich letzte
Exemplar der Vinyl LP verkauft. Für Uneingeweihte: die LP erschien 1994 auf
Twang! Records. Was hat sich alles verändert, seit die Grip Weeds damals im
Herbst 94 mit den Lemonbabies 14 Tage durch Deutschland tourten. Die
Lemonbabies sind erwachsen geworden und machen – zumindest gemeinsam
– keine Musik mehr. Die Grip Weeds aber gibt es nach wie vor. Sie haben
inzwischen drei weitere großartige Alben veröffentlicht, von denen zumindest
eines (The Sound Is In You) auch als Doppel-LP auf Twang! erhältlich ist. Nun
haben Kristin, Kurt und Rick die alten originalen Mehrspurbänder ihres ersten
Albums wieder hervorgeholt und sie neu abgemischt. Das Ergebnis ist auf einer
CD zu hören, die erfreulicherweise nicht schlechter klingt als die Vinylversion
von 1994. Sehr behutsam und kompetent wurden Balancen verändert, Instrumente
und Gesangsspuren deutlicher getrennt und dadurch klarer und zum Teil erst
hörbar gemacht. Ich weiß, man kann da so seine Zweifel haben, ob das immer der
Sache dienlich ist. Hier jedoch gingen genau dieselben Leute zu Werke, die
damals die Musik komponiert, gespielt und die Aufnahmen durchgeführt haben.
„House of Vibes“, das ist ja nicht nur der Titel des Albums, es ist
auch der Name des bandeigenen Studios, in dem alle ihre Platten entstanden.
Mick Hargrave, der damalige Bassist der Band, wurde ebenso konsultiert, wie
auch diverse Demos und Live Mitschnitte aus der Zeit des ersten Grip Weeds
Albums hinzugezogen wurden. Einige dieser Aufnahmen sind als Bonus auf dem CD
Re-Issue gelandet zusammen mit Interviews von damals. Auch einige zusätzliche
Infos, Photos und Videos findet man auf der CD, wenn man sie über einen PC
startet. Insofern ist dieses Re-Issue sowieso ein Leckerbissen für Fans der
Band, aber auch für jeden, der ein Faible für diese großartige Mischung aus
Powerpop, Folkrock und Sixties Psychedelia hat. „House of Vibes“
ist eben nach wie vor auch ein wunderbares Album, eines der besten des Jahres
1994. Eine Neuauflage des Vinyls wäre sicher eine feine Sache. Ich befürchte
jedoch, dass die Nachfrage nicht ausreicht, die Kosten zu decken. So kann ich
also nur empfehlen, nach dem Vinyl Original zu fahnden, was nicht leicht sein
wird. Wer diese tolle Platte besitzt, verkauft sie nicht. Die zweitbeste
Empfehlung ist jedoch das CD Re-Issue hier. Musikalisch und klanglich so gut
wie makellos. *****
Various
Artists – Lost Illusions Vol. 1 + 2 (LP,
B-Sharp 666 / 3 bzw. 6)

Im Untertitel dieser beiden
LPs heißt es „Ultimate German Garage Punk 1965 – 1967“. Das
ist gar nicht mal falsch. Über das „ultimativ“ kann man natürlich
immer streiten. Aber die Auswahl ist doch überraschend gut, und es sind so gut
wie keine Tracks dabei, die schon in gleicher Soundqualität auf Samplern zu
hören waren. Etliche der Bands und Tracks waren mir sogar bisher gänzlich
unbekannt. Und selbst Hans Jürgen Klitschs Jahrhundertwerk „Shakin’
All Over“ kann mir da kaum weiterhelfen. Insofern
also eine sehr lohnende Sache diese beiden Platten. Auf der ersten LP sind The
Chatles, Cavedwellers, The Slaves (aus Österreich), The
Beethovens, The Shaggys, The Cool Stove, Jonah & The
Whales, The Vanguards, The Uniteds und The Subjects vertreten.
Bei Teil 2 hören wir The Strangers, noch mal The Slaves und The
Vanguards, The Ghools (aus der Schweiz), The Desperates, The
Strings, Lord Crazy, The Jets, The Black Shadows und The
High Spirits. Die Musik ist größtenteils erstaunlich hörenswert. Will sagen, es
überwiegen die kompositorisch eigenständigen Songs neben sehr gelungenen
Coverversionen. Soundmäßig orientieren sich die meisten Bands natürlich an
britischen Vorbildern der Ära. Aber hier und da kommt sogar Nuggets oder
Pebbles Feeling auf, wenn ihr versteht, was ich damit sagen will. Mit anderen
Worten, kaum einer Band merkt man den Ursprung im deutschsprachigen Raum an.
Jedenfalls nicht musikalisch. Beim Gesang und bei den Texten darf man im
Zweifelsfall nicht so genau hinhören. Die Liner Notes sind in einem Pidgin
English verfasst, das jeder Beschreibung spottet. Sie sind auch nur marginal
informativ. Kaum erfährt man die Herkunft der Bands. Dafür prahlt der anonyme
Verfasser ständig damit, wie teuer die Singles doch sind, die den beiden
Samplern zugrunde liegen. Im Übrigen scheint er zu der Sorte Sammler zu
gehören, für die spätestens 1968 die Entwicklung der Popmusik beendet war.
Anders sind seine Ausfälle gegen Hippies und jede Form von musikalisch wie
kommerziell erfolgreicheren Genres nicht zu verstehen. Aber egal. Die beiden
LPs sind für den Freund deutscher Beatmusik im Besonderen und Sixties Garage
Beat im Allgemeinen sicher empfehlenswert. Durchschnittlich ***1/2 für beide
LPs. Man bekommt sie bei den einschlägigen Mail Ordern.
Various Artists – Finnish Nuggets Vol. 1 + 2 (CD, Privatpressung, www.garagepunk.com/forums/index.php)
Eine
wundervolle und sehr lohnende Entdeckung machte ich kürzlich im Internet, als
ich auf der Suche nach finnischen Singles aus den Sixties war. Das hier ist die
bislang vollständigste und vor allem kundigste und sinnvollste Compilation von
Sixties Beat aus Finnland. Der einzige aber große Nachteil, das sei gleich
gesagt, sie ist offiziell noch gar nicht erschienen. Man findet das Booklet und
die sehr ausführlichen und sachkundigen Liner Notes inklusive zahlreicher Fotos
und Faksimiles bisher nur im Internet im oben genannten Garage Punk Forum. Um
daran zu kommen, muss man sich registrieren. Und die Musik, verteilt auf zwei
respektive drei CDs muss man sich kopieren lassen von einem anderen
Forumsmitglied. Offiziell soll das Ganze in Finnland als 3CD Box erscheinen.
Wann das geschieht, steht in den Sternen. Und so recht glaube ich auch nicht
daran. Zu groß sind die Hürden der Lizensierung und der Klärung der Rechte. Ein
finnischer Plattensammler und Musikliebhaber hat die Singles zusammengetragen
und die Liner Notes verfasst und gestaltet. Das ist schon insofern eine
großartige Leistung, als es in Finnland noch viel kleinere Auflagen gab in den
Sixties als anderswo und viele der hier präsentierten Singles praktisch nur
einmal im Leben eines Sammlers auftauchen. Es ist aber auch – nicht nur
für den Finnland Fan – eine wahnsinnig interessante Zusammenstellung.
Viele der Bands kennt man sogar in Finnland kaum noch. Für den Garage Beat Fan
ist diese Compilation eine wahre Fundgrube. Selbst ich, der ich mich seit rund
25 Jahren mit finnischer Pop- und Rockmusik beschäftige, hätte es nicht für
möglich gehalten, dass so ein umfangreicher und qualitativ hochwertiger Sampler
zustande kommt. Etliche der Tracks und Bands höre ich hier auch zum ersten Mal.
Aber genug des allgemeinen Lobes. Gehen wir ins Detail; wenigstens partiell.
Die Compilation beginnt mit „Cadillac“ von The Renegades.
Und diese urenglische R&B Band aus Birmingham taucht dann auch noch ganze
drei mal auf im Verlauf der dreistündigen Zusammenstellung. Früher hab’
ich immer den Kopf geschüttelt über die Vereinnahmung der Band durch die
finnischen Medien und Fans. Allerdings muss ich zugeben, dass die Sache schon
eine gewisse Berechtigung hat. The Renegades lebten über zwei Jahre in
Finnland, feierten dort ihre größten Erfolge, und vor allem, sie nahmen alle
hier kompilierten Singles in Finnland auf. Neben The Renegades tauchen übrigens
noch The Andicaps ebenfalls aus Birmingham auf, sowie The Kirkbys
aus Liverpool, die auch einige Zeit in Finnland lebten und dort zwei exklusive
Singles aufnahmen. Und ziemlich am Ende des Samplers treffen wir auf eine Band
aus der damaligen CSSR, die auch exklusive Aufnahmen in einem Studio in
Helsinki einspielte. Praktisch alle damals in Finnland erfolgreichen
einheimischen Bands sind mit ihren besten bzw. dem Garage Beat am ehesten
zuzurechnenden Tracks vertreten. Darüberhinaus wurden nicht zu viele Tracks
ausgewählt, die bereits auf finnischen Sixties Samplern erschienen sind.
Ausgenommen natürlich solche, deren genrespezifischer Klassikerstatus sie für
diesen Überblick unverzichtbar machen. Wir hören also Topmost, Jormas,
Eero & Jussi with The Boys, Jim & The Beatmakers, The
Islanders (mit verschiedenen Sängern), Eddy & The Lightnings, Cay
& The Scaffolds, The First, Blues Section, The Sounds,
The Esquires, New Joys, Ernos, sowie einige wirklich
hervorragende aber leider kommerziell wenig erfolgreiche Bands, die es dennoch
zu einer oder zwei Singles gebracht haben wie etwa Buddy & The Wiremen,
The Needles, The Hitch Hikers, The Five Comets, The
Roosters, The Victors und neben einigen weiteren gar eine Band aus
dem höchsten Norden (ganz in der Nähe des Ortes, in dem „Populärmusik aus
Vittula“ spielt) The Rondo Four. Wie ich schon sagte, es gibt kaum
Ausfälle in diesen drei Stunden. Von primitiven Rock’n’Roll
Adaptionen bis zu beinahe schon psychedelischem Garage Pop ist alles dabei, was
auch im UK, in den USA oder sonst in der Welt zwischen 1963 und 1968 gespielt
wurde und im weitesten Sinn Beatmusik genannt werden kann. Vieles davon kann
man heute auch als Freakbeat bezeichnen. Meine Favoriten sind so zahlreich, ich
kann sie hier gar nicht alle auflisten. Neben den Tracks der Blues Section und
von Jormas sind das vor allem The Needles, The Roosters, „Kevät“
von den New Joys, „Beat The Clock“ von The Islanders,
„Meditation“ von The Hitch Hikers und „Harha“ von
Ernos. Vielleicht komprimiere ich die Auswahl bei Gelegenheit mal auf eine CD
für Interessierte. Alles in allem durchschnittlich ***1/2, einzelne Tracks aber
auch **** oder ****1/2.
Various Artists – Land Of 1000 Dances (LP, Beat Road Records)
Diese
Compilation dagegen ist ein Beispiel dafür, wie man es eher nicht machen
sollte. Eine „offizielle“ Veröffentlichung ist es wahrscheinlich
auch nicht, obwohl die Liner Notes mit der Unterschrift des in Finnland recht
prominenten Produzenten und Toningenieurs Mika Jussila versuchen, einen solchen
Eindruck zu erwecken. Einziger positiver Aspekt, es handelt sich um Vinyl. Und
ja, ok, falls jemand überhaupt noch nichts aus Finnland aus den Sixties kennt,
ist dieser Sampler ein ganz ordentlicher Einstieg. Ein paar wirklich gute
Nummern sind dabei. Neben den unvermeidlichen Renegades lohnen sich die Tracks
von Jormas und The Needles. Jim & The Beatmakers sind ok. Der Rest hätte
nicht unbedingt sein müssen oder macht mehr Sinn im Rahmen eines umfassenden
Überblicks, wie ihn die oben besprochene Zusammenstellung liefert. Daher gibt
es hierfür nur **1/2
Various Artists – Psychedelic Phinland (2CD, Love Records, www.lovemusic.fi)
Das hier ist nun wirklich nur was für absolute Finnland Fans oder
Komplettisten. Es sind zwar einige Tracks dabei, die man im weitesten Sinn auch
psychedelisch nennen kann, das meiste ist aber eben das, was der Untertitel der
Compilation sagt: Finnish Hippie & Underground Music 1967 – 1974. Man
ist sogar nicht mal davor zurück geschreckt, zweifelhafte Comedy Nummern aus
den späten 60ern in finnischer Sprache einzufügen. Viele der Tracks hier
gehören zum Schrägsten und Verschrobensten, was die finnische Popkultur damals
hervorgebracht hat. Die wirklich guten Sachen von Blues Section,
Wigwam, Hector, Suomen Talvisota und Apollo sind bereits
in anderen Zusammenhängen zur Genüge wiederveröffentlicht. Vor allem die auf
der zweiten CD versammelten Aufnahmen sind vielleicht von musiksoziologischem
Interesse, einen Musikgenuss vermitteln sie schwerlich. Manches erinnert an den
Krautrock der frühen 70er, das Meiste ist ziemlich dilettantisch und auch nicht
anders als die Mitschnitte aus unserem Jugendkeller im Gemeindehaus aus den
Jahren 1971-74. Auf der ersten CD finden sich schon ein paar ganz interessante
Sachen. Alle jedoch Finnisch gesungen und musikalisch von einer Bandbreite, die
von minimalem Rock’n’Roll oder Folk über Westcoast Adaptionen bis
zu Free Form Improvisationen reicht. Überhaupt sind es wohl vor allem die
Texte, die hier psychedelisch genannt werden können. Ich weiß wirklich nicht,
wen dieser Sampler erreichen will, außer wie gesagt ein paar Soziologen und
Historiker. Und die sollten des Finnischen mächtig sein. **
Nylon 66’ers – Yeah Yeah Yeah! It Was 40 Years Ago (CD, Stupido Records, www.nylon66ers.net)
Die
spinnen, die Finnen! Diesen Ausruf, halb Entsetzen halb Bewunderung, habe ich
schon oft gehört in den vergangenen rund 30 Jahren, seit ich mich mit
finnischer Rock- und Popmusik beschäftige. Und diese Band aus Helsinki gab und
gibt regelmäßig Anlass für derartige Ausrufe. Fünf Herren aus Helsinki, in
Blümchenhemden und hinter Sonnenbrillen verborgen, brachten schon vor rund 15
Jahren eigentümliche Lounge und Bossa Nova Versionen bekannter Rock Hits zum
Vortrage, als solches Tun noch nicht en vogue und durch Zeitgeist Magazine
empfohlen war. Und natürlich kam es ihnen auch nicht auf die gepflegte
Unterhaltung und Durchhörbarkeit an. Ihre Platten würden die Kunden der
Berliner Szene Frisöre und Cafés auch heute eher verstören als sanft
umschmeicheln. Denn auch wenn auf den ersten Blick die Zutaten stimmen, von der
Dr. Böhm Orgel über das gediegene Saxophon bis zu sauber gespielten Gitarren
und allerlei angenehmer Perkussion, die Jungs überraschen immer mal mit einem
unerwarteten Schlenker, einer garstigen Wendung. Die vorliegende Doppel-CD ist
ein Zwitter. CD 1 bietet Neuaufnahmen bekannter Evergreens von „The Last
Of The Secret Agents“ über „The Good, The Bad And The Ugly“
bis zu „Sunny Afternoon“. Allesamt auch in diesen Versionen bisher
ungehört. Auf der zweiten CD sind 20 Tracks aus dem Backprogramm der Kapelle
versammelt. Tracks, die Anfang der 90er Jahre bereits auf Vinyl erhältlich
waren. Im direkten Vergleich stelle ich fest, die Jungs haben schon ein
bisschen ihrer Subversivität eingebüßt. Die neuen Sachen klingen zwar ganz
erfrischend aber längst nicht so frech wie das ältere Material. Tracks wie die
Bossa Nova Version von „Holiday In Cambodia“, die minimal
Elektropop Fassung von „Whole Lotta Love“ und andere Knaller
bleiben unerreicht. ***
The Early Hours – Lights, Guitars, Action! (CD, Off The Hip Records, www.offthehip.com.au)
Mensch, das ist nun auch
schon wieder über zehn Jahre her! Vier Jungs aus Perth, Western Australia,
räumten ab bei der Beat-O-Mania 1996 in München. In Berlin folgten ihnen die
Groupies bis in die Jugendherberge nach Hohenschönhausen. Ihre Debüt LP
(natürlich auf Twang!) brachte einen Ohrwurm nach dem anderen. Garage Pop erster Güte! „She’s A Gogo“, „Big
Star“, „Dialled Off Her Mind“, „Two Girls“,
„Baby“, „Groovy Kind Of Girl“ usw. usf. Ein Powerpop Teen Punk
Heuler nach dem anderen! Ein zweites Album erschien bei Phantom Records und war
nur ein wenig mehr sophisticated. In Europa waren sie bekannter und beliebter
als in ihrer Heimat. Vor allem in Spanien und Frankreich wurden sie wie Stars
gefeiert. Alle 27 Tracks, die während ihrer kurzen aber intensiven Karriere
entstanden, sind nun auf dieser Compilation versammelt. Die Originale sind
lange vergriffen. Hier ist Eure zweite Chance! ****
Fenton Weills – Viva Villa
(CD, Jellyfant, www.jellyfant.com)
Ich habe
diese Platte sogar noch als original Vinyl LP von 1987 im Schrank. Nun gibt es
den ersten und eigentlich einzigen Longplayer der Band aus Altena im Sauerland
auch als CD. Natürlich mit etlichen Bonustracks. Wie ich im der Scheibe
beiliegenden Info lese spielen die Jungs immer noch ab und zu live. Aber der
Reihe nach. Gegründet wurden Fenton Weills (benannt nach einer englischen
Elektrogitarre) Anfang der Achtziger Jahre eben in Altena (in der Nähe von
Hagen) von ein paar Oberschülern, die zwischen ndW und britischem Indie Pop
(Stichworte C86, Sarah, Postcard, TV Personalities) sozialisiert wurden. 1985
erschien ihre erste Single, noch mit Gesang. Die ist hier auch als Bonus
vertreten. Dirk Rudolph, der später als Fotograf, Grafiker und Gestalter von
Plattencovern Karriere machen sollte, sang seine selbst verfassten deutschen
Texte. Orange Juice auf Deutsch. Sehr hübsch und typisch für die Zeit, leicht
verplant und ungelenk, aber gerade deshalb sehr sympathisch. Die Originalbänder
sind verschollen. Deshalb wurde von der Vinyl Single gemastert. Bei
„Allein Zuhaus“ hört man das auch am leisen Britzeln im
Hintergrund. Dirk verließ die Band nach der Single, um sich eben künftig nur
noch ums Visuelle zu kümmern. Fenton Weills wurden dadurch zur
Instrumentalcombo. Nicht mal die schlechteste Entscheidung. Die Aufnahmen zur
LP entstanden an drei Tagen im Verlauf von zwei Jahren. Neben Instro Klassikern
wie „Hawaii Five-O“, „Peter Gunn“ und „Jack The
Ripper“ gibt es sehr schöne eigene Kompositionen in ähnlichem Stil. Aus
dem Rahmen fällt allerdings das gut 20-minütige „Jeden Tag neue
Angst“, das in einer nächtlichen Jam Session entstand und wie Velvet
Underground meets Krautrock klingt. Abgerundet wird diese
Wiederveröffentlichung durch zwei Tracks aus einem Live Mitschnitt von den
Berlin Independence Days 1988. U.a. wird die Beat Club Titelmelodie „A Touch
Of Velvet“ ziemlich eigenwillig gecovert. Was auf den Klampfen nicht
gelingt, wird mit der Stimme kopiert. Die Gitarrensounds hier sind insgesamt
schon ziemlich klasse. Und Francisco Torres und Matthias Gülicher sind nicht
nur versierte Spieler, sie verstehen es auch, ihre diversen Effekt- und
Hallgeräte ausgesprochen innovativ einzusetzen. ***1/2
Dom Mariani – Shell
Collection (Outtakes And Rarities 1988-2006) (CD, Off The Hip, www.offthehip.com.au)
Wer sich ein bisschen mit der australischen Underground Pop
und Rock Szene der vergangenen 20 Jahre auskennt, dem ist Dom Mariani mit
Sicherheit ein Begriff. Federführend war er u.a. bei The Stems, The Someloves
und nicht zuletzt DM3. Hier werden nun einige rare Aufnahmen von seinen Songs
sowie ausgesuchte und ebenfalls längst vergriffene Coverversionen, die unter
seiner Mitwirkung entstanden, kompiliert. Es sind im Wesentlichen Dom Mariani
Solo Veröffentlichungen bzw. Aufnahmen der DM3, die als 7“45s oder auf
Tribute Samplern erschienen. Zwei bislang gänzlich unveröffentlichte Tracks
sind auch dabei. Für den Fall, dass du geneigter Leser wirklich nicht weißt,
was dich hier erwartet, mach dich gefasst auf feinsten Power Pop, jangly
Gitarren, klassische Hooks und Riffs, sowie großartige Melodien. Ein paar
„instant classics“, wie man so schön sagt, sind auch dabei.
„Real Friend“ etwa, das seinerzeit als 7“45 auf Pop The
Balloon erschien. Oder „Snapshot“, ebenfalls bisher nur als
7“45 auf Freshwater Records erschienen. Auch „Fame“ von der
Greasy Pieces EP von 1996 ist klasse! Bemerkenswert ist die wunderschöne
Version von „Caroline, No“, die zuerst auf einem „Smiling
Pets“ Tribute Album erschien. Warum diese Musik bis heute nur von Insidern
gekannt und geschätzt wird, bleibt wohl eines der ungelösten Geheimnisse der
Pop Musik. Besonders in Japan, Spanien und Frankreich, aber auch in den USA und
sogar hierzulande gibt es einige wenige Freunde dieses Underground Pop. Denen
sei diese Sammlung sehr ans Herz gelegt, selbst wenn sie einige der original
7“45s etc. schon haben. Dom Mariani hat übrigens auch eine eigene
Internet Präsenz unter www.dommariani.com.
Dort findet der Fan weitere wertvolle Informationen. Wie z.B. die, dass The Stems
wieder in Originalbesetzung auftreten. Leider nur Down Under. Also nehmen wir
einstweilen mit Doms Musik aus der Konserve vorlieb. Auch als Einstieg in die
Welt des Power Pop Dom Marianis bestens geeignet! ****
Diee Soc’s – Diee Soc’s (12”EP,
Eigenproduktion, www.hopp-etz.de)
Eine der chaotischsten aber auch wunderbarsten Garagen Rock
Bands der jüngeren deutschen Rockgeschichte. In Fürth beheimatet sind Diee
Soc’s. Allein schon dieser bescheuerte Bandname in dieser noch blöderen
Schreibweise macht klar, dass den Jungs eigentlich nichts heilig ist. Ob es die
Band noch gibt, kann ich so genau nicht sagen. Anfang der 1990er Jahre waren
sie Lokalmatadoren in Franken und eine der wildesten Live Bands dort. Damals
erschien eine 7“EP bei September Gurls Records. Diese 6-Track Platte hier
entstand wohl viel später, allerdings auch nicht erst letztes Jahr. Da wurde
sie jedenfalls veröffentlicht. Sound und Stil orientieren sich sehr an solchen
Vorbildern wie Wayne Kramer (MC5) oder Andy Shernoff (The Dictators). Live hat
das immer viel Spaß gemacht und jede Mende Adrenalin freigesetzt. Auf Platte
fehlen mir ein bisschen wiedererkennbare Melodien. Aber der Lärm ist recht
ordentlich konserviert. Vollkommen ohne Overdubs, wie das Cover verspricht. Ich
kann mich gar nicht erinnern, dass der Fuchs (Herr Biel) so ein brachiales
Organ hat. ***
Suzy & Los Quattro – The Singles (LP/CD, Screaming Apple Records, www.screaming-apple.records.de)
Auch das hier ist eine Sammlung vergriffener 7“45s und
EPs. Power Pop mit leicht punkiger Attitüde aus Barcelona. Dass die Spanier für
diese Art von Musik etwas übrig haben, sagte ich ja bereits an anderer Stelle.
Allein schon die Konstellation kraftvoller Pop Punk und sexy Sängerin drängt
Vergleiche mit Blondie, mehr noch mit den Rezillos auf. Neben den wirklich
guten eigenen Songs wie „Sweet Love“, „Freak Show“ u.a.
sind es vor allem die klug gewählten Coverversionen, die diese Compilation hörenswert
machen. „Delighted To See You“ aus der Feder des früheren Honeybus
Gitarristen Pete Dello, das als 7“45 mit „He Could Be The
One“ (Original Josie Cotton) gekoppelt erschien, eröffnet hier die zweite
LP Seite auf’s Vortrefflichste. „I’m Not Glad To See You
Go” erschien zuerst auf der EP „Bowery Electric“ die sowohl
Joey wie Dee Dee Ramone gewidmet war. Hier ist ein etwas poppigerer Mix zu
hören. Zwei weitere Cover und zugleich unter Mitwirkung des Autors TV Smith
eingespielt sind „What If“ und „New Church“, die
ursprünglich ebenfalls als Single erschienen. Den Abschluss bildet ein bei
jüngeren Punk und Power Pop Fans offenbar recht beliebter Song von Twisted
Sister „We’re Not Gonna Take It“. Eine rifflastige Hymne aller Outlaws und Unbotmäßigen. ***1/2
The Teen Appeal – Act (CD, Pop The Balloon / Wizzard In Vinyl, www.wizzard-in-vinyl.com)
Ein bisschen seltsam ist es ja schon. Da nennt sich ein
japanisches Label Wizzard In Vinyl und bringt dann diese famose Sammlung von
Aufnahmen des Power Pop Trios Teen Appeal aus dem französischen Grenoble nur
als CD raus. Schade eigentlich. Im Prinzip ist es ja ein Co-Release. Wie auch
immer, ein Teil der Tracks wurde schon mal vor gut 10 Jahren auf einer EP und
einer Single veröffentlicht. Die Aufnahmen stammen alle aus den Jahren 1991-96.
Und die Band gibt es schon seit 1997 leider nicht mehr. 12 Tracks sind hier
versammelt. Alle von Emmanuel Bault, dem Sänger und Gitarristen der Band,
geschrieben. Der Sound ist ziemlich kraftvoll und energisch, die Songs zumeist
sehr catchy und eingängig. Vorbilder waren ohrenscheinlich The Plimsouls und
andere US Power Pop Bands der späten 70er und 80er Jahre des vorigen
Jahrhunderts. Neben dem seinerzeit als 7“45 erschienenen
„Girl“ ragen „Cecilia“, „She’s Gone
Away“, „Possessive Love“ und „Summer Is Coming“
besonders aus einer soliden Songsammlung heraus. Gewidmet ist die Platte dem
vor zwei Jahren plötzlich verstorbenen Pop The Balloon Gründer Gilles Raffier. Eine zeitlose schöne Power Pop Scheibe. ****
V./A. – Le Beat Bespoké, Vol. 1 + 2 (LP/CD, Sanctuary / Circle Records, www.circlerecords.co.uk)
Diese beiden Sampler sind wirklich eine sehr schöne
Entdeckung. Ich bin zufällig über irgendwelche Internet Links darauf gestoßen.
Zusammengestellt von Rob Bailey, einem wie es scheint recht bekannten und
erfolgreichen Neo-Mod DJ aus England, bieten beide Sammlungen einen wunderbaren
Querschnitt durch die Pop Art und Mod Pop Sounds Europas um 1966-72 mit
Schwerpunkt 69/70. Ständig auf der Suche nach tanzbaren groovy Tracks hat Rob
Bailey die Flohmärkte des Kontinents abgegrast und dabei so manch obskure wie
phänomenale Single aufgetan. So finden sich hier absolut verschärfte Aufnahmen
von Danyel Gerrard, Marmalade, Ola & The Janglers, Plastic Penny, Howard
Carpendale, Bonny St. Claire, Don Fardon, Knut Kiesewetter, Heidi Brühl, aber
auch von (zumindest überregional) völlig unbekannt gebliebenen Bands und
Künstlern aus dem UK ebenso wie aus Italien, Belgien, Frankreich, Holland,
Spanien und Deutschland. Manchmal werden bekannte Soul oder Beat Hits auf
besondere Art gecovert. Oft sind es aber auch ganz famose
Originalkompositionen, die nur nicht genug Aufmerksamkeit bekamen zur Zeit
ihres Erscheinens. In die Beine geht hier wirklich jeder Track! Und die Sounds
sind oft so überraschend catchy und groovy, dass man vor lauter Begeisterung
kaum zur Ruhe kommt. Die Liner Notes sind sehr informativ und die Gestaltung
ist aufwändig und geschmackvoll. Eigentlich sollte man die jeweilige LP kaufen.
Allerdings enthalten die CDs ein paar Tracks mehr. Ganz nebenbei wird auch noch
die wirklich sehr informative und aufschlussreiche Website für Mod Kultur www.newuntouchables.com empfohlen.
Eine Empfehlung, der ich mich nur anschließen kann. Beide Sampler ****
V./A. – Declaration Of
Fuzz (CD, Glitterhouse Records /
Indigo, www.glitterhouse.com)
Kinder wie
die Zeit vergeht! 20 Jahre ist das nun auch schon wieder her, dass sich die
Jungs vom Glitterhouse Fanzine zu Label Betreibern mauserten. Während man heute
mit Glitterhouse Roots Rock, Americana und ein jährliches Open Air in
Beverungen verbindet, gehörten Reinhold und Rembert Mitte der 80er Jahre zu den
Chronisten und Wegbereitern einer Neo Garage Rock Szene in Deutschland und
darüber hinaus. „Declaration Of Fuzz“ nannten sie etwas großspurig
ihre erste LP Veröffentlichung, die einige der spannendsten und aufregendsten
Bands der weltweiten Neo-Sixties Bewegung präsentierte. An manche Namen
erinnern wir uns sogar noch. The Cynics aus Pittsburgh (PA) sind immer noch
aktiv, Sick Rose aus Italien inzwischen wieder. The Stomach Mouths und Crimson
Shadows aus Schweden gehörten ebenso zur Avantgarde des Eighties Garage Punk
wie The Stepford Husbands und die Miracle Workers aus den Staaten, oder The
Otherside aus Holland. Andere sind völlig zu Unrecht fast vergessen. Die
punkigen Boys From Nowhere etwa, oder The Not Quite und Mystic Eyes. Running
Stream aus Wien blieben immer Geheimtipp. Und aus Green Telescope wurden sehr
bald The Thanes, die erst kürzlich wieder im Lovelite begeisterten. The Broken
Jug avancierten schnell zur deutschen Glitterhouse Band Nummer Eins. Entwickelten
sich aber bald in Richtung Metal und schafften auch nie den großen Durchbruch.
Wenn man diesen Sampler heute hört, kommen einerseits so Erinnerungen hoch an
Aufbruch und Aufregung, durchtanzte und durchzechte Nächte in kleinen Clubs und
Kellern, eine Spontanietät und Unmittelbarkeit, die man heute oft vermisst.
Andererseits hört man, dass die vielfach sehr tolle und authentische Musik
damals oft noch sehr roh und rau klang. Es wurde eben nur mit bescheidenen
Mitteln produziert. Das machte einen Teil des Reizes aus. Heute ist so etwas
kaum noch möglich. Selbst die jüngsten und primitivsten „The“ Bands
klingen auf ihren ersten Demos und Singles schon sehr voluminös und abgezockt.
Zum Glück gibt es immer noch eine „Szene“. Und der Zustrom an
jungen Nachwuchstänzern und Musikern scheint auch nicht zu versiegen. ***1/2
Diverse
– Ein Herz aus Stein, Rolling Stones Songs auf deutsch (CD, Bear
Family, www.bear-family.de)
Im Gegensatz zu den Beatles wurden die Stones von
fremdsprachigen Coverversionen eher verschont. Aber natürlich hat das Team von
Bear Family immer noch genügend Perlen und Peinlichkeiten in den Archiven
deutscher Schallplattenfirmen entdeckt, um einen gut 80-minütigen Sampler zu
füllen. Mit dabei ist das schon fast legendäre „Rot und Schwarz“
(Paint it Black) von Karel Gott oder auch das bei Sixties Parties immer mal
gerne zur Abwechslung aufgelegte „Ich frag’ dich noch einmal“
(The Last Time) von den wirklich guten Black Stars aus Bremerhaven. Dieselbe
Melodie wird gleich noch zweimal als „Das kann doch nicht wahr
sein“ präsentiert. Wobei die DDR Version der Theo Schumann Combo vor
Holger Thomas aus Wilhelmshaven klar nach Punkten gewinnt. Weitere Highlights
– und das meine ich ganz frei von Ironie – sind The Tonics mit
„Ein Mädchen in der Stadt“ (That Girl Belongs To Yesterday, von
Jagger / Richards für Gene Pitney geschrieben), Drafi Deutscher und „Es
ist besser du gehst“ (You Better Move On) und Ulla Meinecke mit
„Die Zeit wartet auf niemand“ (Time Waits For No One).
Kuriositätenwert haben Bernd Apitz mit „Baby, du kommst viel zu
spät“ (Out Of Time) oder die österreichische Seventies Band Magic mit
„Feuerreiter“ (I Am Waiting). Der Rest ist mehr oder weniger
peinlich bis ärgerlich. Aber natürlich sollte man diese Versionen in keinem
Fall an den Originalen messen. Man kann jedenfalls sehr schön überzeugte Stones
Fans auf der Halloween oder Sylvester Party mit diesem Sampler erschrecken. Und
wer die anderen Bear Family Sammlungen mit deutschen Versionen
angloamerikanischer Hits goutierte, wird auch hier Spaß und Freude haben. Die
Linernotes von Bernd Matheja sind gewohnt volkstümlich und jovial. Und um noch
ein bisschen Namedropping zu betreiben, Frank Farian, Udo Lindenberg, Juliane
Werding, Jürgen Zeltinger, Trude Herr & Wolfgang Niedecken sind auch
vertreten. Die Illustrationen im Booklet und das Cover wurden übrigens von
Reinhard Kleist gezeichnet, der ja gerade seine Comic Biographie zu Johnny Cash
veröffentlicht hat. Eine Wertung für diese Zusammenstellung ist nicht wirklich
möglich.
Karkkiautomaatti –
Kaikilla (2CD, Stupido Records, s.u.)
Richtiger unbedarfter dreister Indie Pop aus Finnland. Der
Bandname bedeutet Süßigkeiten Automat. Und so ungefähr haut das sogar hin bei
dieser Combo. Freche, süße, flotte und liebevolle Pop Perlen sind alle 59
Tracks auf dieser Doppel CD. Das Gesamtwerk der Band, die in Lahti am 18.3.
1993 das Licht der Welt erblickte und meist aus drei Musikern bestand.
Nicht-Finnen bzw. Menschen, die des Finnischen nicht mächtig sind, haben hier
natürlich ein kleines Verständnisproblem. Doch wirkt die Musik auch ganz gut
ohne inhaltlichen Bezug. Schönster Schrammelpop ist das zwischen TV
Personalties und The Wedding Present. Und ich versichere dem geneigten Leser,
der interessierten Leserin, dass die Jungs auch nur über hinreissende Mädels,
schüchterne Knaben, Pubertätsgeschichten eben singen. Und dann gibt es da noch
die eine oder andere Auseinandersetzung mit dem Medium Rock’n’Roll.
Im Song Modesty Blaise geht es um – ihr werdet es erraten – Modesty
Blaise. Manchmal klingen die Jungs ganz schön punky. Und dann wieder –
vor allem in ihrem Spätwerk – entwickeln sie eine folkloristische Ader,
ein romantischer Zug klingt da durch. Ziemlich verschroben zu-weilen. Wie
weiland The Incredible String Band. Aber auch moderner Elektronika nicht
abhold. Pekka Laine (von Poverty Stinks) hat einige Tracks produziert. 1998
erschien die letzte Platte der Band, die da inzwischen in Helsinki residierte.
Und im August des Jahres traten sie auch zum letzten Mal live auf. In Finnland
hatten sie eine ganze Reihe Fans und etliche Underground Hits. Wer britischen
Indie Pop der 80er mag und mit ungewohnten Sprachen kein Problem hat, dem oder
der wird die Musik von Karkkiautomaatti gefallen. ***1/2
Shadowplay – Morgue (3CD, Stupido, www.stupido.fi)
Noch ein Gesamtwerk einer Band aus Finnland. Shadowplay aus
Helsinki hatten ihren ersten Gig im Mai 1983. Brandi Ifgray, Sänger und
Pianist, war ursprünglich Punk. Aber für Punk Rock war und ist der schmächtige
schüchterne Bursche viel zu sensibel. Seine Songs drehen sich um
Nachtgestalten, Einzelgänger, Ruhelose, sehnsüchtige, verlorene Seelen. Die
dunkle Seite des
Lebens.
Meistens jedenfalls. Der Bandname deutet es bereits an, Joy Division ist
Vorbild und Einfluss in mancher Hinsicht. Aber die Zusammensetzung der Band
bedeutet auch eine starke Affinität zu Bar Jazz einerseits und sogar Power Pop
und Glam Rock hin und wieder. Nach einer formidablen Debüt Single 1985 und
einem 12“ mini Album, das aufhorchen ließ, kam 1988 die LP Touch &
Glow, die den britischen Melody Maker zu einem Rave Review veranlasste. Die
Band tourte durch halb Europa und lieferte u.a. in Berlin einen erinnerungswürdigen,
eindrucksvollen Gig ab. Trotz relativ guter Aussichten löste sich die Band
Anfang der 90er mehr oder weniger auf. Zumindest passierte ein paar Jahre gar
nichts. 1993 erschien das Comeback Album Eggs & Pop, eine Platte, die
zwischen The Jesus And Mary Chain und dem Psych Pop der Only Ones jonglierte,
dabei aber erstaunlich positiv und freundlich klingt. Für Shadowplay
Verhältnisse jedenfalls. Ausgerechnet auf dieser LP findet sich mit Colourblind
ein Cover der Pop Group. Sehr gelungen übrigens und sehr – wie soll ich
sagen – stimmungsvoll. 1997 erschien – nach einigen Umbesetzungen
– das bislang letzte Album der Band Raw Powder. Wieder etwas düsterer und
rockiger denn je. Natürlich im Rahmen dessen, was bei dieser phantastischen
Band unter Rock zu verstehen ist. Das erinnert dann doch mitunter an The Cure
oder sogar Lou Reed. Auf drei CDs hat die Band nun ihr Gesamtwerk
wiederveröffentlicht. Etliche bisher unveröffentlichte Live Tracks sind auch
dabei. Zur Zeit arbeiten Brandi Ifgray und seine Mitmusiker an neuem Material. ****
V.A. – Girl Group
Sounds Lost And Found (4-CD Box, Rhino Records, www.rhino.com)
Der Markt der Wiederveröffentlichungen boomt nach
wie vor. Auf die grandiose Children of Nuggets
Box bin ich ja in GG 111 bereits ausführlich eingegangen. Auch die ebenfalls
bei Rhino Records erschiene 4CD Box Girl Group Sounds Lost And
Found kann ohne Einschränkungen empfohlen werden. Der Begriff „Girl Group“ wird
hier allerdings lediglich als Aufhänger benutzt, einen bestimmten Sound, eine
bestimmte Art von Popmusik der Sixties, vorzustellen, zu rekapitulieren.
Gemeinsam sind allen hier versammelten Tracks die weiblichen Lead Vocals. Von
typischen Girl Groups der frühen 60er wie den Velvettes, Chiffons, Shirelles,
Shangri-las, Ronettes über weibliche Soul Stars wie Irma Thomas, The Supremes,
The Marvelettes bis zu so bekannten Solo Sängerinnen wie Connie Francis, Dusty
Springfield, Carole King, Lesley Gore, Jackie DeShannon, Dolly Parton, Petula
Clark u.v.a. gibt es viel zu entdecken. Meist sind selbst von den bekannten
Künstlerinnen eher frühe und weniger erfolgreiche Werke gewählt worden. Dazu
kommen dann noch zahlreiche Girl Groups und Sängerinnen, die heutzutage nur
noch Insidern ein Begriff sind wie etwa Reparata & The Delrons, The
Pussycats, Twiggy, The Whyte Boots u.a. Ja manche waren schon damals durchaus
obskur. Insgesamt 120 Tracks in bester restaurierter Soundqualität. Die
Aufmachung ist auch wieder typisch Rhino. Die Box hat die Form einer
Hutschachtel in der die vier Digipaks als Schminkspiegel oder Puderdose
daherkommen und das umfangreiche Booklet in Form eines Tagebuchs. Sehr hübsch.
****
Spring – Spring (DoLP, Akarma)
Auch
auf dem Vinyl Sektor wird fleißig wiederveröffentlicht. Aus der Vielzahl
hochwertiger und liebevoll gemachter Re-issues möchte ich eine LP
herausgreifen, die mich heute wie vor 35 Jahren restlos begeistert. Im Winter
1970/71 nahm eine weithin unbekannte Gruppe junger britischer Rockmusiker im
damals noch nicht legendären Rockfield Studio in Wales sowie im Trident Studio
London eine LP auf, die zu den schlüssigsten und gelungensten der gerade
aufkommenden so genannten progressiven Underground Rock Szene gehört. Die Band
nannte sich Spring.
Ihre Musik ist romantisch, melancholisch mit einem gewissen Hang zu Theatralik,
ohne dabei ins Bombastische abzudriften. Die Musik, die Songs sind
wahrscheinlich von historisierender Fantasy Literatur inspiriert. Tolkien, King
Arthur, der Heilige Gral. All dies spielt – zum Teil unausgesprochen –
eine Rolle in den Texten der Songs. Aber durchaus reale Erfahrungen dürften
ihre Wirkung genauso wenig verfehlt haben. Ein deutlicher Pazifismus spricht
aus einigen Texten. Die Musik ist erfreulicherweise frei von überflüssigem
Ballast wie mäandernden Keyboard oder Gitarren Clustern oder übertriebenen
Verschachtelungen. Von rockig auf Blues Schemata basierend über elegische
Passagen bis zu kurzen folky Tracks reicht die Bandbreite. Instrumentierung und
Arrangement sind zeit-typisch. Neben Bass, Schlagzeug und elektrischen und
akustischen Gitarren kommen Piano, Orgel und natürlich viel Mellotron zum
Einsatz. Die Lead Vocals von Pat Moran sind unverwechselbar in ihrer klagenden
leicht näselnden Art. Man sollte die LP eigentlich im Ganzen hören.
Herausragende Tracks sind jedoch „Grail“, „Golden
Fleece“ und „Gazing“. Wer unbedingt Vergleiche braucht, denke
sich eine Mischung aus „In The Court Of The Crimson King“ und
„Trespass“ von Genesis mit einem kräftigen Schuss Gitarren Blues
Rock à la Cream. Das Label Akarma
hat die Platte im originalen doppelt ausklappbaren Dreifachcover
wiederveröffentlicht. Aus der LP ist eine Doppel-LP geworden, die zum Vorteil
des Klangeindrucks die acht Tracks auf drei Seiten verteilt und auf Seite 4
noch drei bisher unveröffentlichte sehr gut ins Gesamtbild passende Aufnahmen
hinzufügt. ****
V.A.
– Children Of Nuggets (4-CD Box,
Rhino Records, www.rhino.com)
Dies ist nun schon die dritte Nuggets Box. Während die erste
Box eine ums Vielfache erweiterte Version der ursprünglichen Nuggets Doppel-LP
aus dem Jahr 1972 war und die zweite einen Überblick verschaffte, was im Rest
der Welt so los war in den Beat Clubs und Garagen der mittleren bis späten 60er
Jahre, knüpft diese neue Compilation bei den unmittelbaren Auswirkungen der
ersten legendären Nuggets Doppel-LP an. Diese Box umspannt einen ganz
erstaunlichen Zeitraum von 1974 bis in die Mitte der 90er Jahre. Als ich die
Trackliste zum ersten Mal im Internet sah, war ich zunächst skeptisch. Sicher,
wichtige Namen waren dabei. Andere, die mir sofort in den Sinn kamen, fehlten
jedoch. Auch die Auswahl der Tracks erschloss sich nur so aus der Auflistung
von 100 Titeln nicht. Warum tauchten etliche Bands doppelt auf? Warum dieser
Song und nicht jener? – Jetzt habe ich alle vier CDs einmal komplett
angehört. Und was soll ich sagen? – Ich bin begeistert! Es macht alles
Sinn. Das Sequencing, die Auswahl, die Liner Notes sowieso. Irgendwie liebe ich
diese Box fast mehr als die beiden vorangegangenen. Das mag sicher auch daran
liegen, dass ich die Zeit, die hier rekapituliert wird, die Szene, die hier
dokumentiert ist, hautnah und ganz persönlich miterlebt und gelebt habe. Die
meisten der kompilierten Tracks besitze ich im Original. Manche der Musiker
kenne ich persönlich ganz gut. Diese Box bildet einen Teil meines eigenen
Lebens, meiner musikalischen Erfahrung ab. Bei den Sixties Nuggets Compilations
ist das nur mittelbar der Fall. Die dort versammelten Tracks kenne ich in ihrer
Mehrheit ja erst durch spätere Recherche und Feldforschung. „Children Of
Nuggets“ bietet eine unglaubliche Bandbreite. Vom Punk und Garage Rock
DMZs über den bodenständigen R&B der Inmates oder der Godfathers bis zum
Power Pop informierten Rock’n’Roll der Flamin’ Groovies oder
der Nerves. Vom simplen Beat der Milkshakes über den Paisley Pop der Rain
Parade bis zum Psychedelic Rock von Sun Dial oder The Dukes Of Stratosphear.
Vom Surf Garage Sound der Untamed Youth oder der frühen Hoodoo Gurus über den Psych
Punk der Soft Boys bis zu purem Beach Boys infizierten Pop bei den Wondermints.
Kaum einer der compilierten Tracks war zu irgendeiner Zeit ein Hit. Die hier
versammelten Bands dachten und denken auch nicht in solchen Kategorien. Über 25
Jahre lang die Musik zu spielen, die einem Spaß macht, die man liebt, das ist
doch Lohn genug, wie es Peter Zaremba von The Fleshtones treffend formuliert.
Jemand der in dieser Szene zuhause ist, kennt vermutlich jeden Track hier. Und
doch gibt es die eine oder andere Überraschung. The Nashville Ramblers mit
„The Trains“ ist für mich so eine. Eine großartige fast hymnische
Power Pop Nummer aus San Francisco anno 1985, die „nur“ auf einer
längst vergriffenen britischen Neo-Mod Compilation erschien. Wäre es eine
Single gewesen, sie würde meine TOP 100 All Time Singles Liste gehörig
durcheinander bringen. Das Booklet zur Box ist natürlich wie immer sehr
umfangreich und kompetent. Alec Palao ist wieder der ausführende Produzent. Das
Grußwort kommt von Little Steven van Zandt, der ja seit ein paar Jahren eine
Underground Garage Radio Show mit großem Erfolg moderiert, die über die
gesamten USA und darüber hinaus weltweit über das Internet und einzelne lokale
Radiosender zu empfangen ist. Ein längeres Essay von Nigel Cross, dem Gründer und
ersten Herausgeber des legendären Fanzines Bucketful Of Brains, führt in die
Materie ein und gibt einen Vorgeschmack der schieren Magie, der
Glückshormonausschüttung, die den Hörer erwartet. Und noch besser ist die
Tatsache, dass es keine Probleme bereiten würde, weitere 100 Tracks der
gleichen Güte von anderen Bands desselben musikalischen Universums
zusammenzustellen. ****1/2
Briard – Miss World (CD, Johanna, www.lovemusic.fi)
Hanoi Rocks, die finnische
Glam Punk und Sleaze Rock Band der frühen 80er, hat ja dieses Jahr ihr Comeback
Album veröffentlicht. Zumindest beim Gig im Kato am Schlesischen Tor im
Frühjahr war fast alles wie früher. Bizarre Gestalten, die seit Jahren kein
Tageslicht mehr gesehen haben, bevölkerten den Laden. Die Band war ganz ok.
Aber Andy McCoy war nur noch Statist. Ein völliges Wrack. Insider wissen
jedoch, dass Hanoi Rocks nicht die erste Band von Antti Hulkko (Andy McCoy)
ist. Im zarten Alter von 14 Jahren gründet er mit seinem 16-jährigen Buder
Ilkka Hulkko (Jan Vincent) und dem ebenfalls gerade 16-jährigen Pete Malmi in
Helsinki die Punk Combo Briard. 1976 war das. Drummer Seppo Vainio (Sid Vainio)
kommt wenig später dazu. Ihre erste Single „I Really Hate Ya“
erscheint Ende 1977 und gilt als erste Punk Single Finnlands. Im Januar 1978
sollen Briard The Sex Pistols supporten, aber daraus wird nix, weil die Pistols
keine Einreisevisa für Finnland bekommen. In dem Zusammenhang fällt auf, dass
Petes Gesang bei einigen Tracks dem Johnny Rottens erstaunlich ähnlich ist. Wie
er die Silben lang zieht und dann ausspuckt etwa bei „Philosophy“,
das ist John Lydon pur. Die zweite 7“ der Jungs erscheint im Sommer 78
und markiert den Weggang Ilkkas, der zur Armee muss. Folglich heisst die
A-Seite „Fuck The Army“. Die nächste Single ist ein Cover von
„Chirpy Chirpy Cheep Cheep“. Eine etwas irritierende Wahl, auch
wenn die Finnen den Hit von Middle Of The Road ganz schön verhackstücken. Die
letzte Single der Originalbesetzung (minus Ilkka) „Rockin’ On The
Beach“ erscheint im Sommer 79 und ist Ramones pur! An der Gitarre hilft
hier bereits ein gewisser Jan Stenfors (Nasty Suicide) aus, mit dem Andy kurze
Zeit später zu Hanoi Rocks wechselt. Briard gibt es nicht mehr. Pete Malmi
veröffentlicht eine Solo LP, die mehr an Pubrock, Wreckless Eric und Nick Lowe
erinnert. 1983 schafft es der etwas dubiose zeitweilige New Wave Guru und
Möchtegern-Malcolm-McLaren Ralf Örn, die Band noch mal in Originalbesetzung ins
Studio zu bringen und die LP „Miss World“ aufzunehmen. Neben neuen
Versionen einiger 7“ Tracks werden auch ein paar bislang nicht auf Vinyl
erschienene Briard Klassiker eingespielt. Die LP erweist sich allerdings mehr
als ein Egotrip Andys, und da die Band auch nicht live auftritt, floppt das
Ganze. Nun haben die Erben von Love Records das gesamte Material der Band
Briard (ohne die Solo LP von Pete) zusammen mit ein paar Live Tracks von
1979/80 auf einer CD wiederveröffentlicht. Für Punk und Finnland Fans ein Muss.***
Evie Sands – Any Way
That You Want Me (CD,
Rev-Ola / Cherry Red, www.revola.co.uk)
Vor ein paar Monaten gab es im Leserforum des deutschen
Rolling Stone eine Diskussion über verschiedene Versionen des Songs
„Angel Of The Morning“, in den USA ein Top 10 Hit für Merilee Rush,
in England und Deutschland aber auch in der Version von P.P. Arnold recht
erfolgreich. Eine Diskutantin wies auf die allererste Aufnahme des Songs, quasi
das Original, von Evie Sands hin. Produziert wurde diese Single vom Autor des
Songs Chip Taylor. Evie Sands, geboren in Brooklyn, begann ihre Karriere als
weiße R&B Sängerin Mitte der 60er Jahre. Ihre diversen Versuche standen
unter einem schlechten Stern. Obwohl ihre Versionen späterer Hits wie
„Take Me For A Little While“, „I Can’t Let Go“
und eben „Angel Of The Morning“ die ersten waren und zunächst
reichlich Airplay bekamen, waren es dann doch die späteren Aufnahmen anderer
Künstler, die zu Charterfolg gelangten. Sei es durch aggressivere Promotion
oder schließlich wegen der Pleite ihres Labels Cameo Records. Mit Chip Taylor
und Al Gorgoni (Autoren auch von „I Can’t Let Go“) arbeite
Evie jedoch weiter zusammen. 1969 hatte sie dann einen kleineren Hit mit
„Any Way That You Want Me“ aus der Feder Chip Taylors. Hier in
Europa bekam man davon aber immer noch nichts mit. Hier hatten The Troggs den
Hit bereits 1966 kurz nachdem sie bereits mit Chip Taylors „Wild
Thing“ einen Riesenhit landeten. Unter Taylors und Gorgonis Leitung nahm
Miss Sands dann auch eine LP auf, die 12 ruhige, gefühlvolle Balladen zwischen
R&B und Folk versammelt. Evie hat eine schöne ausdrucksvolle Altstimme. Vom
Opener „Crazy Annie“, der kleine Ausflüge nach Acid Land
beinhaltet, über die Folkpop Ballade „I’ll Never Be Alone
Again“ und den Titeltrack, der übrigens nicht mit der 7“ Version
identisch ist, die uptempo Nummer „Take Me For A Little While“ und
Buffy Saint-Maries „Until It’s Time For You To Go“ bis hin zu
einer recht eigenartigen Version von James Taylors „Carolina In My
Mind“ gibt es überwiegend angenehme, entspannte Musik für Erwachsene.
Allerdings auch etwas unspektakulär und ohne wirkliche Höhepunkte. Das Re-issue
des Albums enthält einen unveröffentlichten Track von 1968, aber leider nicht
die frühen Singles der Blue Cat und Cameo Labels. ***
The Sevens – Same (LP, Feathered Apple Records,
Die wahrscheinlich wildeste, vor allem aber authentischste
Sixties R&B Band der Schweiz war The Sevens aus Basel. Wie es sich für eine
Schweizer Band gehört bestand die Combo aus französisch, italienisch und
deutsch stämmigen Eingeborenen. Noch als Les Pirates waren sie eine
phantastische Live Attraktion und eine großartige Rhythm & Blues Band.
Orientierten sie sich doch eher an den frühen Kinks, den Animals und Them als
den Beatles oder anderen mehr dem Pop verpflichteten Bands. Wie The Who nutzten
sie die Möglichkeiten von Feedback und Verzerrung vor allem bei Konzerten
besonders exzessiv. Und ähnlich wie The Pretty Things zählten die Basler Buben
zu den lang-haarigsten Musikern jener Zeit. Im Sommer 1965 hatten sie ihre
endgültige Besetzung gefunden. Wegen Verwechslungsgefahr mit einer Band The
Pirats im nahen Frankreich, wählten die Jungs nun den Namen The Sevens, auch
als Hommage an ihre bis dato beste Eigenkomposition „Seven“, die
kurz darauf bei Layola Records als Single erschien. Die Single Session
begeisterte ihren Produzenten Pitt Linder dermaßen, dass gleich noch eine ganze
LP nachgeschoben wurde. Michel Bovay (bass, vocals), Pierre Äbischer (rhythm
guitar, vocals), Pino Gasparini (lead guitar, vocals), Nando Gasparini (drums)
und Markus Muggi Hungerbühler (organ, vocals) müssen auf der Bühne absolut
großartig gewesen sein! Ihre eigenen Songs zählen mit zu den besten frühen Beat
und R&B Nummern Mitteleuropas. Und hinter ihren britischen Vorbildern
brauchen sie sich wirklich nicht zu verstecken. Einzig der Gesang wirkt
manchmal etwas bemüht, insbesondere bei Them’s „I’m Gonna
Dress In Black“. Dagegen klingt ihr eigenes „I’m
Crying“ fast als käme es direkt aus dem Marquee Club in London oder einer
Kaschemme in Newcastle. Die Orgel, aber auch die Gitarren sind ganz weit vorn,
wenn es um wilden authentischen Sound geht. Klar, die Einflüsse der Animals und
von Them sind schon recht deutlich. Aber das macht ja gerade die Begeisterung
für diese Scheibe aus. Dass sie so original tönt wie sie tönt.
Damals wurde die LP nur regional in kleinen Stückzahlen
vertrieben. Und so kann ein Originalexemplar in Topzustand schon mal an die
3000 US Dollar kosten. Vor einiger Zeit brachte das englische Re-Issue Label
Akarma eine nicht authorisierte Neuauflage mit Bonustiteln heraus. Das Cover
wurde lediglich abfotografiert und die Masterbänder standen natürlich auch
nicht zur Verfügung. Die nun vorliegende LP wurde dagegen unter Mitwirkung der
Band von den originalen Bändern neu gemastert. Für das Cover wurden originale
Fotos verwendet. Zunächst auf 400 Stück limitiert mit beigefügtem Riesenposter
ist die Platte wahrscheinlich schon bald vergriffen. Aber eine Nachauflage ist
bereits avisiert. ***1/2
Jackie
Fountains – Same (LP, Feathered Apple Records, PO Box 141, CH-4007
Basel)
Schweden in den frühen Sixties, die Kleinstadt Gnesta, ein
paar Jungs, die Beatmusik spielen. Hans „Hasse“ Wärmling ist so was
wie der Bandleader der Jackie Fountains, die bis 1967 in verschiedenen
Besetzungen aktiv sind. Sein großer Bruder Peter ist Manager der Band. Während
die Jungs einerseits an britischem R&B orientiert recht rau spielen,
klingen vor allem ihre eigenen Songs
poppiger aber auch überzeugender. Ein paar tolle Folkbeat Nummern, die an Bands
wie The Zombies oder The Poets denken lassen, erscheinen auf dem kleinen
lokalen Dollar Label. Die Jackie Fountains spielen als Support der Who und nehmen
erfolgreich an lokalen Beat Band Battles teil. 1967 lösen sie sich aus diversen
internen und externen Gründen auf. Hier nun präsentiert das umtriebige
Schweizer Label Feathered Apple das Vermächtnis der Band. Alle Aufnahmen auf
einer LP. Das Gros der eigenen Songs sind gemeinsame Kompo-sitionen, die Texte
stammen vom serbokroatischen Sänger der Band Boris Jelovic (a.k.a. Bob Yell).
Mal abgesehen von der überdurchschnittlichen Qualität der bis dato so gut wie
unbekannten Aufnahmen der Jackie Fountains, gibt es auch noch eine schöne
Geschichte, die erst 1982 so richtig ins Rollen kommt. Hasse Wärmling spielt in
den frühen 70ern mit einem gewissen Hugh Cornwall aus England zusammen in einer
Band. 1974 gehen sie nach England und ändern ihren Namen in The Stranglers.
Hasse verlässt allerdings bald die Combo. Doch sein Song „Strange Little
Girl“ wird im Jahr 1982 zu einem der größten Hits der Kapelle. Die Platte
seiner alten Combo Jackie Fountains ist jedenfalls auch nicht übel. ***
Diverse – Pop in
Eingeweihte kennen sie bereits, diese Compilation Reihe des
Bear Family Labels. Überall auf der Welt, wo Englisch nicht als Muttersprache
gesprochen wird, wurden und werden z.T. noch heute Hits aus dem UK und den USA
mit Texten in der eigenen Sprache versehen und für den heimischen Markt
gecovert. Aber wohl nirgends geschah dies so exzessiv und mit mitunter so
absurden Ergebnissen wie in der Bundesrepublik der 60er und frühen 70er Jahre.
Sicher nicht der einzige aber doch ein entscheidender Grund für die Flut von
deutschen Coverversionen damals war eine aus Vorkriegsjahren übernommene Gema
Klausel, die dem deutschen Textdichter gleiche Urheberrechte einräumte wie dem
Originalautor. In letzter Konsequenz führte das dazu, dass sogar bei den
Radioeinsätzen des englischen Originals der deutsche Texter fleissig
mitverdiente. Erst zu Beginn der 70er Jahre wurde diese unhaltbare Regelung
abgeschafft. Der Musikjournalist und Chronist Bernd Matheja aus Hamburg
beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit dem Phänomen. Sowohl mit den
deutschen Versionen, die von Amerikanern und Briten selbst gesungen wurden
(ebenfalls bei Bear Family kompiliert in der Reihe „Tausend Nadelstiche“)
wie eben mit diesem Pop made in Germany, den deutschen Versionen gesungen von
deutschen bzw. deutschsprachigen Bands, Sängerinnen und Sängern. Erstaunlich
was da immer noch zu Tage gefördert wird an Obskuritäten und Peinlichkeiten.
Keine dieser Aufnahmen hier war erfolgreich damals. Die Originale dagegen waren
fast immer große Hits, und oft nicht die schlechtesten. Wenn man heute auf
einer Party oder in der Disco eine dieser Coverversionen spielt, dann stutzen
manche vielleicht kurz. Viele Tänzer aber merken womöglich nicht mal, dass sie
nicht das Original hören. Denn musikalisch halten sich diese Versionen sehr
genau an die Vorlage. Die Texte orientieren sich zumeist stark am Original,
auch wenn es natürlich keine genauen Übersetzungen sind. Manches, wie etwa das
„Herz aus Stein“ von Frank Farian & Die Schatten (Original:
Heart Of Stone – The Rolling Stones) oder „Susann“ von Dunja
Rajter (Original: Suzanne – Leonard Cohen), ist einfach nur gruselig.
Anderes – z.B. „Lass dir Zeit“ von den Crazy Girls (Original:
Walk Don’t Run – The Ventures) oder „Wenn dein Herz
brennt“ von Uschi Glas (Original: Love Grows – Edison Lighthouse)
– ist unfreiwillig komisch. Und Weniges, etwa „Manchmal wenn ich
träume“ von den Loving Hearts (Original: Things We Said Today – The
Beatles) oder „Es begann“ von Hans Blum (Original: I’m Alive
– The Hollies), strahlt eine naive Unschuld aus, die zwar nicht das
Original vergessen lässt, aber doch eine Daseinsberechtigung daneben erlaubt.
2x 25 Songs wurden auf diesen beiden CDs zusammen getragen. Als
Anschauungsmaterial für Forscher und Historiker sind sie ebenso geeignet wie
für die nächste Party als kleine Auflockerung zwischendurch. Eine Bewertung ist
allerdings unmöglich.
V/A – Shindig! …We Set The Scene! (CD, Sanctuary Records, www.shindig-magazine.com)
Shindig! Ist ein Fanzine aus London, das sich mit Sixties orientierter Musik und vor allem originaler Sixties und early Seventies Musik beschäftigt. Von R&B über Pop Art und Mod bis Psychedelia und vielleicht noch den frühen Pubrockern. Hier auf dieser Compilation haben Jon „Mojo“ Mills und Andy Morten Songs versammelt, die sie selbst lieben, die sie für repräsentativ halten für Shindig! Das beginnt mit The Fleur De Lys, einer UK Freakbeat Legende. Es schließt Harmony Pop (The Montanas) ebenso ein wie Soulrock von Blue Mink oder eine gewisse Jackie Lee, die sowohl von Northern Soul wie von Girlpop Fans geschätzt wird. Bert Jansch ist mit einem Song von seinem Summer of Love Album „Nicola“ vertreten. Stray, eigentlich ja eher früh-70er Acid Rocker, steuern eine B-Seite von 1972 bei, die an „The Creation treffen Steppenwolf und Mick Jagger singt“ denken lässt. Von Colosseum gibt es „The Kettle“, eine jazzige groovige Rocknummer, die auch heute noch auf keinem Mod Allnighter fehlen darf. Traffic Jam, aus denen kurze Zeit später Status Quo wurden, hört man mit einem Song aus einer BBC Session. Im Wesentlichen ist hier tatsächlich ein sehr britischer Sound eingefangen, der für die gerade erwachsen gewordene Popmusik der Sixties am Übergang in ein neues Jahrzehnt typisch war. Dabei bleibt die Auswahl der Shindig! Leute eher bodenständig und traditionsbewusst. Natürlich gibt es hier keine Hits zu hören. Aber auch keine Freak-Outs oder Progrock Metastasen. Hier ein heftiges Phasing auf den Drums, dort ein Leslie Kabinett vor der Hammond Orgel, das ist schon das „psychedelischste“ im Angebot dieser Auswahl. Auch wenn ich viele der Aufnahmen hier zum ersten Mal höre, das ist genau die Musik, die wir damals gehört haben so um 1971/72 im Keller des evangelischen Gemeindestützpunkts in Berlin Steglitz. Vieles in R&B und Blues Tradition. Ein bisschen Soul. Wenig Acid oder Psych. 24 Tracks und kein Ausfall.***
Hans-A-Plast – Hans-A-Plast (CD, No
Fun / Indigo)
Hans-A-Plast – 2 (CD, No Fun Records / Indigo)
Hans-A-Plast –
Ausradiert (CD, No Fun Records / Indigo)
Drei Frauen, zwei Männer. Die Band aus Hannover gilt als
deutsche Punk Legende. Und zugegeben, sie haben die einheimische Musikszene
ganz schön aufgemischt damals. Gegründet 1978 nahm die Band Ende 1979 in nur
vier Tagen ihre Debüt LP auf. Einerseits orientierte man sich an britischen
Vorbildern wie X-Ray Spex. Andererseits klang das Ergebnis aber auch irgendwie
nach 20er Jahre DaDa mit Schlager und Rock Elementen. Annettes Art zu singen,
dieses Abgehackte, sich Überschlagende kennt man sonst nur von Nina Hagen, die
allerdings insgesamt weit wandlungsfähiger war und ist als Hans-A-Plasts
Leadsängerin. Dass wir es hier mit einer sehr deutschen Band zu tun haben, hört
man nicht nur an den Texten. Auch die Musik greift auf die Tradition des
politischen Kabaretts in der Weimarer Republik wie in der BRD der 60er und 70er
Jahre zurück. Das wird vor allem auf dem zweiten Album deutlich, das bereits
etwas durcharrangierter und ausgefeilter klingt, ohne die Punk Attitüde völlig
aufzugeben. Zusammen mit Hollow Skai, der damals das Fanzine No Fun betrieb,
gründete die Band das gleichnamige Label, das dann bald für einen typischen
Hannoveraner Punk und New Wave Sound stand mit Bands wie Der Moderne Mann,
Mythen In Tüten, Rotzkotz und Bärchen und die Milchbubis. Musikalisch war das
dritte Album Hans-A-Plasts „Ausradiert“ sicher das
anspruchsvollste. Hier klingt die Band schon wie eine moderne professionelle
deutschsprachige Rockband, die sich mit angloamerikanischen Acts der Zeit wie
etwa Wire, Magazine oder gar den Talking Heads vergleichen kann. Dennoch, die
Texte klingen leider nicht ganz so zeitlos, wie es die Themen eigentlich ja
sind. Wer damals zu „Rock’n’Roll Freitag“, „Ich
bin hungrig“, „Es brennt“, „Spielfilm“ u.a.
gepogt hat und die Texte beim Wiederhören gleich mitsingen kann, die/der wird
an diesen Re-Issues große Freude haben. Für die Nachgeborenen sind sie Geschichtsunterricht
und (vielleicht) Unterhaltung zugleich. Jedenfalls gibt es anspruchsvolle
deutschsprachige Rockmusik nicht erst seit Tocotronic oder Kettcar. Im Schnitt:***
Tempo – Sie verlassen den amerikanischen Sektor (2LP,
Weird System / Indigo, www.weirdsystem.de)
Am
Dienstag, 21.09., stellte die Band Tempo ihre neue Doppel LP im leider nur
mäßig gefüllten Quasimodo vor. Tempo? Tempo?
– Tempo! Jetzt klingelt’s bei euch auch, gelle? Das war eine
der ersten Berliner Punk Bands Ende der 70er. Letzte Woche im Quasi standen
Peter Radszuhn (git, vox), Marius Del Mestre (git, vox) von der Originalband
auf der Bühne. Und da die alte Rhythmusgruppe wohl partout nicht zu
reaktivieren war, wurden sie kompetent von neuem Bassisten und Drummer
begleitet. Die vier boten einem enthusiastischen Publikum aus alten Fans und
Wegbegleitern sowie einigen Nachwuchspunks eine gelungene Punk Pop Show mit
reichlich „Klassikern“ aus eigenem Repertoire und ein paar wenigen
wohl gewählten Covern. Tatsächlich habe ich die Band noch nie so tight und
druckvoll und mit so exzellentem Sound erlebt. Und dass es sich nicht nur um
eine reine Nostalgie Veranstaltung handelte, bewiesen anerkennende Kommentare
jüngerer Augen- und Ohrenzeugen, die Tempo zum ersten Mal sahen. Wenn es die
beruflichen und familiären Verpflichtungen der ja inzwischen weitgehend
gesettelten Musiker erlauben, bleibt das womöglich kein Ausnahmegig.
Aber zurück zum Anlass des Auftritts. Vor 25 Jahren brachten Tempo als erste Berliner und als eine der ersten deutschen Bands dieser neuen Punk und New Wave Szene eine selbst produzierte 7“45 auf eigenem Label raus. Die 10“ EP „Beat Beat Beat“ folgte bald darauf und schon ein Jahr später hatten Tempo einen Major Deal und eine LP auf Polydor. Eine in der Rückschau betrachtet vielleicht eher unglückliche Entwicklung. Aber hinterher sind immer alle klüger. Damals 1979 waren Tempo jedenfalls neben PVC und White Russia die Punk Pop Band Berlins. D.h. eigentlich waren sie gar nicht so richtig Punk. Hatten doch vor allem Peter und Drummer Bodo, sowie der aus Wien dazu gekommene Saxofonist Bobby Sommer schon andere musikalische Sozialisationen durchlaufen. Von Beat über 70er Hardrock bis Glam und Pub Rock. Auch Reggae spielte für Peter eine große Rolle, wie er selbst in der unglaublich genauen und ausführlichen Bandgeschichte im Beiheft zur DoLP schreibt. Das alles hört man in Tempos Musik nur sehr mittelbar. Aber so ein No Future / Nullbock / Aggro Politpunk, wie ihn etwa viele Kreuzberger Bands kurz darauf raushauten, war das auch nie. Wenn man diese Retrospektive auf zwei LPs hier hört, merkt man wie vielseitig und wie gut die Band tatsächlich war. Seite 1 enthält die erste 7“ und 10“ komplett, sowie eine großartige unveröffentlichte Studioversion ihres heimlichen Hits „Sie verlassen den amerikanischen Sektor“. Ein Song, der weder Strophe noch Refrain hat. Der wie ein Schlachtruf, eine Deklaration daherkommt und doch Spannung und Abwechslung in seinem ungewöhnlichen Arrangement aufweist. Die frühen Aufnahmen hier zeigen bereits die ganze Bandbreite und Vielschichtigkeit der Band. Von schlichtem melodischen Losgeh Punk über versteckte Sixties Einflüsse bis zu die spätere ndW bereits vorweg nehmenden Schlageranleihen bei „Kalt wie Eis“. Die Highlights der Polydor LP sind auf Seite 2 versammelt. Und auch hier wieder eine stilistische Breite von Modpunk à la The Jam über fast schon psychedelische Töne bis zu Dub Versuchen bei „Oil War“. Besonders toll, nicht nur für alte Fans, sind die bisher unveröffentlichten Aufnahmen auf Seite 3. „Downtown“ ist nach meiner bescheidenen Meinung der beste Song der Band überhaupt. Irgendwo zwischen Pub Rock und Power Pop nistet er sich im Gehör ein und geht nie mehr weg. Die Version von Michel Polnareffs „La poupée qui fait non“ erinnert mich an Plastic Bertrands „Ca plane pour moi“. Vor allem wohl, weil Tempo es in 1:49 runterschrubben, als gelte es, die Dickies zu überholen. Und das deutsch gesungene „Garageland“, aus der nie erschienenen zweiten Tempo LP, lässt vermuten, dass da noch mehr Perlen in den Archiven schmoren. Auf Seite 4 schließlich gibt es einige Live Aufnahmen. Meist auf relativ bescheidenem Equipment in 2-Spur Stereo mitgeschnitten, zeigen diese Aufnahmen doch, dass die Band mitreissen konnte und Power hatte! Trotz hin und wieder verstimmter Gitarren, und trotz des Fehlens eines wirklich guten Leadsängers. Dave Balko war allerdings immerhin ein ordentlicher Frontmann, so lange er dabei war. Die Doppel LP ist limitiert auf 555 Stück und kommt in transparentem Vinyl in einer alten Tonbandschachteln nachempfunden Box mit einem großartigen umfangreichen Beiheft.***1/2
Misunderstood – Lost
Acetates 1965-1966 (LP/CD,
Ugly Things, www.ugly-things.com)
Die
kalifornischen Misunderstood waren eine der großartigsten und zugleich
unterbewertetsten Sixties Bands überhaupt. Mit ihrer selbst gebauten Lightshow,
mit Glenn Campbell an der Steel Guitar, mit Rick Brown als charismatischem
Frontmann und einem ganz eigenen psychedelischen R&B, dem Stil von Them und
Yardbirds zur gleichen Zeit nicht unähnlich, waren die Jungs eine absolute
Ausnahmeerscheinung in Südkalifornien zu jener Zeit. Und nicht nur dort. Die
Aufnahmen der Band aus den Jahren 1965/66 entstanden zur gleichen Zeit oder
sogar noch vor den wegweisenden ersten Recordings von Pink Floyd oder Jimi
Hendrix. Damit gehören die Misunderstood zu den Pionieren des Psychedelic Rock.
Die Story der Band ist inzwischen gut dokumentiert. Am ausführlichsten in einer
zweiteiligen sehr detaillierten Geschichte in Ugly Things, dem wohl besten
Sixties Fanzine der Welt. Mike Stax, der Herausgeber von Ugly Things, hat auch
die vier 10“ Azetate ausfindig gemacht, die dieser Platte hier zugrunde
liegen. Diese 14 Tracks stellen einen unglaublichen Schatz dar! Sehr deutlich
kann man die Entwicklung der Band von der engagierten, innovativen High School
Combo zu der großartigen und schlicht einzigartigen Psychedelic Rock Band
verfolgen, die sie bei ihrer Ankunft in London Ende 1966 waren. Dass The
Misunderstood niemals den ihnen gebührenden Erfolg verbuchen konnten, liegt
natürlich einerseits daran, dass die Band schon bald wegen der Einberufung
Ricks zum US Militärdienst ohne Sänger dastand. Desillusioniert verliefen sich die
Jungs in alle Himmelsrichtungen. Andererseits war die Musik der Band ihrer Zeit
doch weit voraus. Und ein Charterfolg erscheint in der Rückschau nicht sehr
wahrscheinlich. Doch da sind die Jungs ja in bester Gesellschaft. Vielen
großartigen Bands der späten Sixties blieb der kommerzielle Erfolg versagt.
Freuen wir uns, dass wir ihre Musik wenigstens heute hören und genießen können.
****
Smash …! Boom …! Bang …! Beat In Germany
– Beat im Norden / Ruhrgebeat / Beat im Westen / Beat-Battle / Beat im
Süden (5 Einzel-CDs, Bear Family Records, www.bear-family.de)
Die letzten fünf CD
Compilations der ambitionierten Reihe sind nun erschienen. Damit liegen
insgesamt 30 CDs vor. Umfassender und vor allem auf soliderer Basis in Sound
und Recherche ist die Beatmusik der BRD zwischen 1964 und 68 bisher nicht
dokumentiert worden. Sicher wird der eine oder andere gerade seine lokale
Beat-Combo schmerzlich vermissen. Und vielleicht musste sogar hier und da auf
einen echten Knaller verzichtet werden. Schließlich will man diese CDs auch
verkaufen. Da geht manchmal Popularität vor Originalität, Quantität (der
potenziellen Käufer) vor Qualität der unbekannten Heroen. Aber es sind doch
eine ganze Reihe großartiger Bands und Songs dem Vergessen entrissen worden.
Zahlreiche super-rare Tracks und Singles erstmals in exzellenter Klangqualität
einem breiteren Publikum wieder zugänglich. Die Originale, so steht zu
vermuten, werden dadurch nur noch gesuchter und noch teurer! Zu hoffen ist, dass
diese vorbildlich gestaltete und kommentierte Reihe auch ein paar jüngere Beat
und Rock Fans dazu verleitet, sich mit den Ursprüngen der Rock- und Popmusik in
Deutschland zu beschäftigen.
Um es gleich
vorwegzunehmen, diese letzten fünf CDs sind in vielerlei Hinsicht das
Sahnehäubchen, die Creme de la Creme, der ganzen
Serie.
Vier Compilations sind grob geographisch orientiert. Die fünfte ist den
unzähligen Beat Band Battles gewidmet, die damals landauf landab jedes
Wochenende stattfanden. Exemplarisch werden die „Twist Battle
Party“ in Kassel 1964 und der Beat Wettbewerb der Stadt Frankfurt 1966
dokumentiert. Nicht zuletzt deshalb, weil beide Veranstaltungen seinerzeit
mitgeschnitten und auf je einer LP veröffentlicht wurden. Die spiel- und klangtechnische
Qualität der Bands ist ganz erstaunlich. Natürlich wird fast nur gecovert. Die populärsten Hits der
Zeit waren Garanten für ein begeistertes Publikum. Wenn dann auch noch die
Performance stimmte, hatte man bereits so gut wie gewonnen. Besonders hervorzuheben
sind hier wieder die Liner Notes. Hans-Jürgen Klitsch als Compiler, Archivar
und Investigator hat hervorragende Arbeit geleistet. Nicht nur sind die
Karrieren und Schicksale der Musiker sehr gut nachgezeichnet, man bekommt auch
einen Eindruck von den Umständen und Abläufen der Bandwettbewerbe seinerzeit.
Eine Bewertung im herkömmlichen Sinn ist hier natürlich nicht möglich. Für die
superbe Gestaltung, die ausführlichen Liner Notes und die engagierte
Performance muss man jedoch die Höchstpunktzahl geben.
Wenn man
die anderen vier Compilations hört, kommt man sehr schnell zu dem Schluss, dass
die deutschen Beatbands keinen Deut schlechter waren als ihre Vorbilder und
Kombatanten aus Britannien. Die hier präsentierten Coverversionen
internationaler Hits müssen sich keineswegs hinter den Ori-ginalen verstecken.
Astreiner R&B wird hier geboten. Und die Harmoniegesänge mancher Gruppen
stehen denen der Beatles oder Beach Boys nicht nach. Dazu kommt eine
erstaunlich große Zahl von Originalen. Also Songs, die die deutschen Musiker
selbst geschrieben haben. Zum Teil mit sehr eigenständigen, bemerkenswerten
Ansätzen. Les Copains aus Lingen z.B. spielen den authentischsten Teen
Punk diesseits des Atlantik. The Phantom Brothers gehören eh zu den
Legenden des deutschen Garage Beat. Percy & The Gaolbirds spielen
eine sehr eigene Mixtur aus Mersey Beat und Teen Punk. Während The Rags
sowieso zu den unterbewertetsten, großartigsten deutschen Sixties Bands zählen.
„I Cry For Love“ ist ein formidabler Ohrwurm. Und “Mr. Cool”
ist genau das: unglaublich cool! Man kann diese vier Compilations ohne Pause
durchlaufen lassen und sich den ganzen Abend amüsieren, tanzen, Party machen!
Kein Ausfall dabei. Aus dem Ruhrgebeat sind die German Blue Flames
hervorzuheben. Aber auch die Dukes oder Frederic And The Rangers
sind große Klasse. Ebenfalls mächtig Pop Appeal haben The Newcomers.
Vermutlich eine der wildesten Live Bands waren The Kentuckys
aus
Wuppertal. Ihr legendärer Ruhm hat sich durch verschiedene Compilations schon
vor Jahren bis nach Übersee verbreitet. Ihr „Stupid Generation“ mit
dieser gemeinen dreckigen Lache am Anfang ist längst ein Klassiker! Namen wie The Cave Dwellers, The Beat-Stones,
The Subjects, The Tony Hendrik Five u.a. stehen für exzellente
aufregende Beatmusik made in Germany. Auch im Süden der Republik gab es
fantastische Beat Kapellen. Von The Gisha Brothers und The Jaguars,
die eher noch dem Rock’n’Roll verpflichtet waren, bis zu Improved
Sound Ltd. und Jonah & The Whales, die mehr Beatles respektive
Kinks als Orientierung sahen. Als Kuriosum muss man Frank Farian & die
Schatten abhaken. Etwas schwach auf der Brust der spätere Boney M. und
Milli Vanilli Produzent. Dass deutsche Bands auch große Beat Balladen drauf
hatten, beweisen The Moonlights und schließlich The Cry’n
Strings mit ihrer „Monja“, die ja in einer glatt gebügelten
Coverversion von Roland W. ein Riesenhit wurde. Wie gesagt, man kann diese
Compilations problemlos von Anfang bis Ende durchlaufen lassen. Über fünf
Stunden Beat in Germany erster Güte! Auf Einzelwertungen wird hier verzichtet.
Alle Sampler haben Höchstpunktzahl verdient!
Most Wanted Men - Revisited (CD, Marsh Marigold, www.marsh-marigold.de, Olaf
Schumacher, Hornstr. 19, 10963
Ich könnte es mir leicht machen und jetzt einfach hier noch
mal die Liner Notes einfügen, die ich für diese CD geschrieben habe. Nee, nee.
Mach ich aber nicht. Ihr müsst euch das gute Stück schon kaufen, um sie lesen
zu können. Ihr solltet euch diese Scheibe sowieso kaufen. Zumindest wenn ihr
mit ohrwurmartigen Popsongs, meist leicht melancholisch, in schlichter
Schrammel-Gitarren-Manier vorgetragen, was anfangen könnt. D.h. Schrammel-Gitarren
alleine sind’s ja auch nicht. Mit eigentlich ganz einfachen Mitteln und
genialen Arrangements verzaubert dieses Trio, jede/n, der/die sich verzaubern
lassen will. Man muss schon ein Faible haben für diesen von den TV
Personalities, The Times, von Swinging London und Artpop, von Pop Art und
Sixties Popsike beeinflussten Stil. Andererseits, dass diese Songs einfach
groß-artig sind, als Songs, als Pop Statements, das sollte jede/r Hörer/in
bemerken. Und sie sind wirklich alle richtige Perlen! Nicht nur „Good
Girls Go To Heaven“, das immer mein Favourite war. „January“,
„Still Dreaming“, „Street Car Named Desire“ sind von
fragiler Schönheit und jugendlicher Weisheit. „Hippie Girl“, „One Side Up“, „Sweet Bird
Of Youth“, „No. 1 Girl” sind faszinierend unbekümmert und
me-lancholisch zugleich. „On My Mind“, „The
Glassmenagerie“, „Picture Gallery“ sind nahezu perfekte
Kleinode des schönen, guten, wahren Pop. Ich hab diese Songs seit vielleicht 10
oder 15 Jahren nicht mehr gehört. Aber ich kann sie alle sofort mitsingen. Auch
die Songs, die aus welchen Gründen auch immer bislang unveröffentlicht waren
„Such A Feeling“ und „Love Kills“ sind um Längen
besser, als das meiste, was einem heute so auf den Plattenteller geschwirrt
kommt. Dazu noch eine absolut eigenständige Version von McCartneys
„Eleanor Rigby“, eine Live Version von Dan Treacys „La Grande
Illusion“ und ein paar Demos und alternative Versionen. Diese CD ist das
Vermächtnis der Most Wanted Men. Wirklich ganz unglaublich wundervolle
Popmusik! Wenn ich sie jetzt so höre, werde ich richtig wütend. Wütend darüber,
dass Olaf sein Geld hinterm Tresen im Enzian verdienen muss. Und Dieter Bohlen
schwimmt im Geld. Die Welt ist ungerecht! Kauft diese CD! Die verstreuten Vinyl
Originale findet ihr eh nicht. Und geht am 30. April in den Magnet Club. Da
spielen Olaf, Moritz und Rüdi (a.k.a. The Most Wanted Men) als Support für
Family 5. Diese Scheibe hier ist nun schon das zweite Re-Issue des Jahres nach
Sharon Tandy! ****1/2

An Sharon Tandys Auftritt im Beat Club 1967 kann ich mich zwar nur noch vage erinnern, aber „Hold On“ und „Daughter Of The Sun“ gehören seit Jahrzehnten zu den Favoriten jeder Mod und Sixties Party. Diese dunkle, geheimnisvolle Schönheit mit der Ausnahmestimme gehört zu den besten ausdruckstärksten Sängerinnen der späten 60er. Zumindest stimmlich und von ihrer Performance befand sie sich in einer Liga mit Julie Driscoll, Grace Slick, Dusty Springfield und Mariska Veres. Geboren als Sharon Finkelstein in Johannesburg, Südafrika, startete sie ihre musikalische Karriere auch zunächst in ihrer Heimat. Mitte der 60er folgte sie ihrem Lover und Ehemann nach London, um in den folgenden fünf Jahren eine ganze Reihe von großartigen, herausragenden Soul- Mod-, Psych-Pop Songs aufzunehmen. Dabei arbeitete sie vorwiegend mit der Londoner Freakbeat Combo Fleur De Lys als Backing Band. Im Jahr 1966 nahm sie sogar einige Songs in Memphis als Stax Recording Artist mit der legendären Session Band um Booker T., Steve Cropper und Duck Dunn auf. All das und noch mehr ist nun auf dieser 26 Track CD wieder bzw. überhaupt zum ersten Mal zugänglich. Ein Teil der Stax Sessions schmorte nämlich bis heute unveröffentlicht in den Archiven. Sharons Vielseitigkeit und Ausdruckskraft wird einem hier so richtig bewusst. Von frühen Uptempo Popnummern über klassische Popballaden bis zu heftigstem Freakbeat, Blue-eyed Soul, Deep Soul und regelrecht rockigen Titeln ist alles vertreten. Selbst die pseudo-psychedelische Schmalznummer der Bee Gees „World“ bekommt durch Sharon eine respektable Größe. Dass der unglaublichen Sängerin damals kein größerer Erfolg beschieden war, ist völlig unverständlich. 1970 kehrte sie in ihre Heimat Südafrika zurück und setzte ihre dortige Karriere fort. Diese CD hier ist ein sicherer Anwärter auf das Re-Issue des Jahres! ****1/2
V/A – Punk Rock BRD, die amtliche History von Punk in
Deutschland, 1977 bis Heute (3LP/3CD, Weird System, Alstertwiete
32, 20099 Hamburg, www.weirdsystem.de)
50 Bands
& 50 Hits von 1977 bis heute. So lautet der Untertitel dieser Compilation.
Das mit den Hits muss man ja nicht so wörtlich nehmen. Jedenfalls nicht im kommerziellen
Sinn. Wer die erfolgreichen, die schicken, die inzwischen akzeptierten
Underground Bands der ersten Punk Welle in der BRD auf einem Sampler haben
will, ist mit „Verschwende Deine Jugend“ einigermaßen gut bedient.
Es gibt auch so gut wie keine Überschneidung mit dieser Auswahl hier. Insofern
kann man auch beide haben. Die ehrlichere, umfassendere, gründlicher
recherchierte und einfach viel sympathischere Compilation ist die hier allemal.
Das liegt natürlich auch daran, dass sich die Jungs von Weird System mit dem
Thema schon seit Jahren, ja seit Jahrzehnten beschäftigen.
Jede der drei Platten deckt eine Phase des Punk in
Deutschland ab. Natürlich ist für mich persönlich der erste Teil der
spannendste. Zwischen 1977 und 1980/81 bin ich selbst auf unzähligen Punk
Konzerten und Festivals in Berlin (West) gewesen. Und damals habe ich auch fast
jede Platte, die rauskam, gekauft. Leider besitze ich die meisten nicht mehr.
In meiner Plattensammlung herrschte
schon immer starke Fluktuation. Erst in den letzten Jahren bin ich vorsichtiger
geworden beim Aussortieren. Um das übrigens gleich klarzustellen, das hier ist
keine Raritäten Sammlung. Es ist ein tatsächlich gelungener Querschnitt durch
die Geschichte und die Facetten des Punk in der BRD. Da kommen bekannte und
seinerzeit „erfolgreiche“ Namen ebenso vor, wie einige andere
verdientermaßen aus der Versenkung geholt werden. Ich setze erfolgreich hier in
Anführungszeichen, weil natürlich auch Hans-A-Plast, Abwärts, PVC
oder Male nicht bzw. kaum an den Verkaufscharts zu messen waren. Wenn
man allerdings ihre damaligen Verkaufszahlen ins Heute übertragen würde, wären
sie wohl in den Top Ten. Aber so kann man nicht rechnen. Und überhaupt. Slime
haben über 100.000 Alben verkauft, die Scherben allein von „Keine Macht
für Niemand“ über ne viertel Million. Dafür gab’s keine Goldene.
Wollte auch keiner haben.
Aber zurück zum Thema. Der zweite Teil der vorliegenden
Auswahl deckt die Zeit zwischen 1983 und 1989 ab. Da sagen mir nicht alle Namen
was. Ok, die Hosen kennt jede/r. Upright Citizens, Deutsche
Trinkerjugend, Spermbirds, Jingo De Lunch, von denen hat man
auch schon gehört, wenn man nicht unbedingt Punkfan ist. Besonders gefreut hat
mich, hier mal wieder auf EA80 zu stoßen. Eine der musikalisch und auch von
ihrer Attitüde her herausragendsten deutschen Bands überhaupt.
Ausgesprochen spannend ist dann Teil 3. Hier sind die
letzten 13 Jahre vereinigtes Deutschland dokumentiert. Alte Bekannte sind Slime,
Die Ärzte, Terrorgruppe. Mit Dritte Wahl und Schleim-Keim
sind auch zwei Bands aus dem Osten dabei. Man kann endlos darüber streiten, ob
Punk und Punkrock heute noch zeitgemäß ist. Jungen Bands wie The Shocks
aus Berlin oder Muff Potter aus Münster dürfte das ziemlich egal sein.
Wobei erstere erfrischend unbedarft da ansetzen, wo Buttocks oder Razors
einst aufgehört haben. Während letztere wohl auch als Alternativ Rock mit
deutschen Texten firmieren könnten.
Überhaupt was ist Punk denn eigentlich? Ich glaube, diese
drei Platten beantworten die Frage ziemlich klar. Sie bringen uns zwar in Bezug
auf eine Definition keinen Schritt weiter. Aber die mehr als zwei Stunden Musik
sprechen für sich. Punk ist eine Haltung, eine Lebenseinstellung, die
über-wiegend mit lauter, meist schneller und kompromissloser Musik korrespondiert.
Was auffällt bei dieser im Großen und Ganzen gelungenen und repräsentativen
Auswahl: es wird überwiegend deutsch gesungen. Die Bands haben was zu sagen.
D.h. die Songs wollen Denkanstöße geben, sind zum Teil hochpolitisch. Das ist
nicht immer leichte Kost und nicht nur Spaß. Obgleich der Spaß beim Punk
mindestens genauso wichtig ist. Für manche gar das Wichtigste.
Sicher wird der eine oder die andere persönliche Favourites
vermissen. Aber was spricht gegen eine Fortsetzung? Wer stellt die nächste Box
„Punk Rock in Deutschland“ zusammen? Lohnendes Material gibt es
genug. Erwähnt werden sollte noch das ausführliche und akribisch recherchierte
Zusatzmaterial. Angefangen vom ausführlichen und spannenden historischen
Einführungsessay von Karl-Heinz Stille, über eine nützliche Fanzine und
Literaturliste bis hin zu Kurzbios der Bands und, soweit ich das beurteilen
kann, lückenlosen Diskographien. In der CD Version kommt noch ein Bonus Video
dazu mit Aufnahmen von den Chaos-Tagen in Hannover 1984. Das alles zusammen verdient ***1/2
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