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Letztes Update: 03. September 2009
Ungebundene Talente
Die Bewertungsskala:
* Materialverschwendung! -
** muss man nicht kennen - *** sollte man
mal gehört haben - ****
Anschaffung wohlwollend
erwägen - ***** gehört in jede
Plattensammlung!
Neulich war ich bei einem
Treffen unabhängiger, ungebundener Rockmusiker und anderer Individuen im
Dezibel in Berlin Friedrichshain. Zweck der Veranstaltung sollte wohl ein Gedanken-
und Erfahrungsaustausch zum Thema Rockmusik in Berlin, Situation lokaler Bands,
Auftrittsmöglichkeiten, allgemeine Schwierigkeiten mit GEMA etc. sein. Es waren
rund 30 Menschen da mit z.T. recht unterschiedlichem Interesse und Background.
Rührend fand ich die mitunter vehement vorgetragenen Bekenntnisse zum echten,
ursprünglichen Rock'n'Roll, der vor allem authentisches Feeling und
Selbstverwirklichung beinhalten soll. Allgemein wurden finanzielle Probleme
sowohl auf Seiten der Bands wie der Veranstalter beklagt. Von der
Musikindustrie erhoffte sich keiner der Anwesenden positive Impulse. Im
Gegenteil. Verlogenheit, Plastikmusik und Kommerz wurden heftig attackiert. Das
Übliche also. Solche Diskussionen kennt man seit Jahrzehnten. Was mich erstaunte,
war einerseits die - ich nenne es mal Geschichtslosigkeit der Runde. Über
andere oder ältere Initiativen, ganz einfach die Vergangenheit von unabhängiger
Rockmusik in Berlin schien niemand informiert zu sein. Andererseits begeisterte
mich wiederum der Elan, der Optimismus und die Selbstverständlichkeit, mit der
einzelne Bands und Gruppen ihre Geschicke in die eigene Hand nehmen. Ein echtes
Fazit des Gesprächs gab es nach gut zwei Stunden nicht. Lediglich den Appell,
etwas gemeinsam auf die Beine zu stellen, einen Verein zu gründen. Die
Deutschen sind eben doch die richtigen Vereinsmeier. Mein Fazit: es gibt nach
wie vor jede Menge guten Rock'n'Roll abseits aller Vermarktungsstrategien und
unabhängig selbst von bestehenden alternativen Netzwerken, Szenen, Fanzines
etc. Deshalb werde ich hier unter der Überschrift "ungebundene
Talente" ab sofort auch Demos bzw. Eigenproduktionen von Bands besprechen,
die an keine Firma - und sei sie noch so klein - gebunden sind.
Diverse –
RollingStone Forums CD 2 (CD, kein Label, http://forum.rollingstone.de/showthread.php?t=36321)
Diese Compilation von 16 zum Teil sehr
unterschiedlichen Künstlern und Tracks ist das Ergebnis eines Aufrufs im
Internet-Forum des deutschen Rolling Stone Magazins. Alle Beteiligten sind mehr
oder weniger regelmäßige User dieses Forums. Und sie alle sind außerdem
Musiker, mit Amateurstatus zumeist aber nichtsdestotrotz durchaus hörenswert
und gewissermaßen professionell. Es folgt eine stichwortartige Kurzkritik aller
Beiträge.
Kritikers Liebling – Song For You
Am Anfang muss ich ganz
kurz an „Walk Like An Egyptian“ von den Bangles denken. Der
Rhythmus ist es. Wenn auch etwas flotter, energischer. Ein schöner Auftakt.
Kurz und knackig. Auf Englisch durchaus angenehm. KL singt sonst nämlich eher
Deutsch. Kritikers Liebling? – Warum nicht.
Degaro – Fighting Song
Hübsch. Eher verhalten. So
leicht intellektueller Indie Pop. Mehr fällt mir dazu eigentlich nicht ein.
Urubugalinhas – What Is Given
Ebenfalls am leichtesten
mit Indie Pop umschrieben, aber irgendwie spannender und origineller als der
Track davor. Die weibliche Stimme erinnert entfernt an Björk. Und das
Arrangement hat was von Genialen Dilettanten, falls sich jemand an die erinnert.
A Very Sporting
Klingt aufwändig
produziert. So zwischen intelligentem Metal und modernem Prog Pop. Die Melodie
gefällt. Das Arrangement bedient vielleicht zu viele Klischees. Die weibliche
Gesangsstimme überzeugt jedoch.
Golden Stone Walls – Vinyl Stroll
Nun, diese Band kennen und
mögen wir bereits. Der Gag mit dem Knistern zu Beginn ist ein bisschen
ausgelutscht. Aber sonst überzeugt der Track vollkommen. Gefährlich,
geheimnisvoll, spannend und leicht irritierend.
Fargo – Meine Freinde
Wenn ich das verstehen
würde, wäre es vermutlich sogar gut. Ich hab so eine Ahnung, dass dieser Fargo
was zu sagen hat, was gar nicht so blöd ist. Musikalisch unauffällig.
Ragged Glory – On & On
Schöner Song. Ich höre das
hier als akustisches Demo, das noch durch Arrangement und Instrumentierung
vervollkommnet werden sollte. Auf jeden Fall mit Potenzial.
The Peejays – Another Latte
Sehr angenehm. Schönes
Arrangement, fast einschmeichelnd und durchaus professionell. Der Song
überzeugt mich letztlich nicht wirklich.
Jan Dark – Sometimes
Noch viel angenehmer. Und
noch viel einschmeichelnder. Latin Lover anyone? Das hat was, durchaus –
jedoch weniger für mich.
Saffer & The Jukes – Kentucky Girl
Ach ja, Saffer. Auch ein
alter Bekannter. Der Boss lässt grüßen. Sehr schön, sehr gefühlvoll, und auch
sehr geschmackvoll. Wir schließen die Augen, und prompt sind wir irgendwo im
Mittleren Westen an irgendeinem Lagerfeuer.
Tengo DiNero – Hennessy am Hennesee
Szenenwechsel. Fanta 4 anno
1992. Durchaus catchy. Aber sehr sehr oldschool. Auf jeden Fall gut gemacht.
Und im ersten Moment sogar richtig witzig.
The 79ers – It’s Not You I’m
Cryin’ For
Stilistisch ist mir dieser
Track wohl am nächsten. Der Song ist leider eher Durchschnitt, das Arrangement
eine Idee zu normal.
Golden Stone Walls –
Change Your Live
Höre ich da gothic
Einflüsse? Ist mir ganz klar zu lang dieser Track. Die Spannung, die ich von
dieser Formation gewohnt bin, will sich hier nicht so recht aufbauen. Nee, das
isses irgendwie nicht.
Urubugalinhas – Wolfes
Zunächst möchte
ich das „f“ in „Wolfes“ gegen des „v“ in
„Live“ beim vorigen Track tauschen. Ansonsten ist dieser Track
leider weniger spannend als der erste der Kapelle.
The Peejays
– Trying To Get You
Sehr schön.
Weit eingängiger als „Another Latte“. Dabei ist dieser Song
durchaus schlichter. Mit der beste Track auf dieser Compilation. Man hört den
Weller Einfluss, wenn ich das mal so sagen darf.
Stormy Monday
& The Horse Badorties – Wind in den Segeln
„Wir
lieben die Stürme, die brausenden Wogen…“. Welches Volkslied
verbirgt sich dahinter? Netter Gag zum Schluss, aber das war’s dann auch
schon.
Die Compilation
bekommt man zum Selbstkostenpreis über das RS-Forum (Link s.o.)
Golden Stone Walls – Golden Stone Walls (CD,
Diese Band, dieses Trio, lernte ich über das
Leserforum des deutschen Rolling Stone kennen. Das CD Debüt der drei Bremer
erscheint in Zusammenarbeit mit dem kleinen unabhängigen Label Dream Academy.
Sieben Tracks sind da zu hören in gut 40 Minuten. Golden Stone Walls sind kein
Rock’n’Roll Trio im herkömmlichen Sinn. Sie sind überhaupt nicht
Rock’n’Roll im herkömmlichen Sinn. Es dominieren elegische und
mitunter etwas vertrackte, scheinbar ziellose Gitarrenklänge gespielt von
Christian Schnepf und Louis Schürmann. Dazu gesellen sich sparsame Keyboards,
ein Akkordeon (beides gespielt von Louis Schürmann) und die teils klagende,
teils schneidende, manchmal verloren wirkende, aber immer überzeugende Stimme
von Andrea Hesse. Dunkel und kühl nennt das Bandinfo diese Stimme. Stimmt, kann
ich dazu sagen. Ebenfalls laut Info nannte eine Konzertbesucherin die Musik der
Golden Stone Walls „borderline music“. Hmm... ich weiß nicht so
recht, was damit gemeint sein könnte. Grenzwertig klänge zu negativ, Grenzen
über-schreitend passt schon eher. Ambivalent trifft es ganz gut, und sogar ein
bisschen krank, ja. Ich widerspreche dem Info auch da nicht. Die Tracks im
Einzelnen sind recht unter-schiedlich, auch wenn natürlich ein Gesamteindruck
entsteht. Der Opener „Bones“ beginnt sogar mit einem sehr sparsamen
Schlagzeug zu dem sich bald eine einsame Gitarrenfigur und ein dunkel dräuendes
Keyboardcluster gesellen. Andreas Stimme sticht zum Teil kraftvoll heraus, zum
Teil ist sie aber auch im Gesamtsound eingebettet. Mit fortschreitendem
Geschehen wird der Sound dichter, und Andrea singt sogar mit sich im Duett.
„Bones“ erinnert mich ein bisschen an die Musik von Rose Kemp, auch
wenn die Gitarren dort viel stärker verzerrt sind. Die etwas düstere, sinistre
Stimmung setzt sich bei „Vinyl Stroll“ zunächst fort. Allerdings
sorgen hier Akustikgitarre und Akkordeon für einen versöhnlicheren Unterton. Der Gesang besticht durch den
Wechsel und das Zusammenwirken von Andrea und Louis, die hier die Hauptstimme
abwechselnd und mitunter zugleich singen. Eine eigentümliche Spannung ergibt
sich daraus. Faszinierend. Unwillkürlich muss ich an Gothic denken, aber im
positiven Sinn. Die Anfangsequenz von „Hidden“ weckt bei mir spontan Erinnerungen an die frühen Rainbirds.
Andrea klingt hier fast so wie Katharina damals. Auch der Song und seine
Struktur mit kraftvoll kurz geschlagener Gitarre ist typisch für die ersten
Demos der Rainbirds. „Change Your Life“ ist mit einem Drum Computer
Track unterlegt, was mir zunächst nicht sehr gefällt. Im weiteren Verlauf baut
sich aber doch eine ganz interessante Spannung auf zwischen Synthi Figur und
einer sehr sparsamen Gitarre. Dazu schafft ein immer wieder anschwellendes
dunkles Synthie Riff erneut so eine eher sinistre Stimmung. Und vollends
gerettet wird der Track von Andreas unvergleichlicher Stimme, die hier das
Kunststück vollbringt verloren, einsam und eindringlich zugleich zu klingen.
Schließlich baut sich aus den ständig wiederholten Keyboardläufen und immer
lauter und verzerrter werdenden Gitarrenriffs eine Klanglandschaft auf, der man
sich nun nicht mehr entziehen kann. Bei „Energy World“, das mit
einem flächigen Akkordeonkluster beginnt, bevor Andrea mit einer dieses Mal
fast an Nico gemahnenden Stimme einsetzt, bin ich sofort gefangen von der
Atmosphäre des Tracks. Klasse hier auch solche kleinen unscheinbaren Dinge wie
die vereinzelten Zimbel- oder Triangelschläge und der Countdown im Hintergrund,
bevor der Track in einem furiosen Crescendo aus Stromgitarre und Shouts endet.
Rein von der Songstruktur der eindringlichste und wohl auch kommerziellste (so
man überhaupt in diesen Kategorien denken will) Track ist „Autumn
Dawn“. Auch hier wieder eine unglaubliche Dynamik, die ganz ohne die
üblichen Rockinstrumentarien auskommt. Erst sparsame leise, dann kraftvolle
Akustikgitarre, ein Piano, das zumeist nur einzelne Töne, mitunter
stakkatoartig spielt, eine überzeugende Melodie, die von Andrea fast beiläufig
und dann aber trotzig fordernd gesungen wird. Zum Schluss eine Coverversion des
Depeche Mode Songs „I Feel You“. Diesen Track hätte sich die Band
als Zugabe für die Club Bühne aufheben sollen. Da mag das funktionieren. Hier
wirken die Fingerübungen auf Gitarre und Klavier, die sich minutenlang
hinziehen, doch etwas ziel- und ratlos. Wenn dann der Gesang einsetzt, ist man
halbwegs versöhnt, weil Andrea auch hier vortrefflich reüssiert mit einer sehr
schönen und gefühlvollen Interpretation, die Soul und Jazz Sängerinnen
jeglicher Couleur evoziert. Als Abschluss eines Gigs großartig. Hier jedoch...
ich weiß nicht. Insgesamt ein vielversprechendes Debüt, das sich jeglicher
Kategorisierung geschickt entzieht. ***
Lord
Litter – Transition (CD,
Trash Tone Records, www.LordLitter.de)
Lord Litter ist zurück mit einer neuen Sammlung von
Aufnahmen, die in den zurückliegenden Monaten in sehr entspannter Atmosphäre
entstanden sind. Litters Songwriting ist unverwechselbar. Man muss schon ein
Faible haben für diesen leisen, leicht verschmitzten und verschrobenen Stil,
der immer etwas kauzig und weltfremd wirkt. Verschiedene akustische Gitarren
sowie einige sachte und mit viel Fingerspitzengefühl eingesetzte elektronische
und Perkussionsinstrumente sind zu hören. Die Songs erzählen erlebte kleine
persönliche Geschichten. Gleich der Opener, den Litter mit Kumpel Lefty Leech
schrieb und vorträgt, ist ein Begrüßungssong für einen neuen Erdenbürger, in
diesem Fall die Tochter einer guten Freundin der beiden Musiker. Optimistisch
und zart verspielt. Ein anderer Song ist David Lynch gewidmet und
erwartungsgemäß weitaus unheimlicher. Aber noch bizarrer klingt „Life To
Death“, das von japanischen „Second Reality“ Filmen inspiriert
ist. In einem alten Artikel von Max Goldt über den Senatsrockwettbewerb anno
1987 oder 88 fand ich auch den Namen Lord Litter. Goldt bemitleidet dort
unseren Lord, der an jedem Wettbewerb teilnimmt, aber jedes Mal nur das
Unverständnis der Jury erntet. Falls Litters Musik damals schon so klang wie
diese unprätenziösen aber sehr eigenwilligen Perlen der Kleinkunst hier, dann
lag es wahrscheinlich an der durch Bier und Rotwein getrübten Aufmerksamkeit
der Jury Mitglieder, dass sie die Klasse dieser Aufnahmen so skandalös ignorierten.
Aber der Lord ließ sich bekanntlich nicht verdrießen. Und so kommt wer will
immer wieder auf’s Neue in den Genuss von Litters knurrigem Kabinett der
Schrulligkeiten. Acht eigene Songs und
ein Cover der Everly Brothers „I’m Here To Get My Baby Out Of
Jail”. Eine feine Sache, von Anfang bis Ende. Vom
Vogelgezwitscher zu Beginn bis zu der schrägen Hommage an Frank Duval,
Komponist von Filmmusik und Easy Listening Käse. ***1/2
The
Velvet Flow – Boy Of Marble (CDEP, Trash Tone Records, www.gaby-tiger.de)
Drei Songs, die Gaby Tiger in Düren schrieb und zur
Gitarre einsang. Lord Litter arrangierte dann noch etwas Elektronik und
Perkussion drum herum und sang eine weitere Stimme. Der „Lovesong“
ist eben dies. Verträumt und ein bisschen ätherisch. Bei „Alone“
spielt Ralf Muckel einen sehr tiefen Bass noch dazu. Der Track schwankt
zwischen Island und Karibik. Sehr atmosphärisch und irgendwie entrückt. Der
Titeltrack „Boy Of Marble“ ist am schönsten. Sehr zart und sehr
gefühlvoll. Tolle Atmosphäre!
***1/2
Very
– Golden Age (CD,
www.myspace.com/verymusic)
Auch die Berliner Band Very hat fünf neue Songs
aufgenommen und wird eine CD davon im Selbstverlag rausbringen mit noch
weiteren vier Stücken. Vielleicht findet sich aber auch ein Label, das an
diesem erwachsenen und professionellen Indie RockPop Interesse hat. Stilistisch
hat sich im Prinzip nichts geändert seit ihrem ersten selbst produzierten Album
vor drei Jahren. Gute Songs, schöne einfallsreiche Gitarrenklänge, verhaltener
Gesang, der mitunter gar zu großen Gefühlsausbrüchen neigt. Suede höre ich
immer noch hier oder da. Aber nun auch Starsailor oder Coldplay. Manchmal ist
fast schon etwas zu viel Prätention da. Der Opener „Golden Age“ ist
am stimmungsvollsten und überzeugendsten. „Superheroine“ ist
wohl der rockigste Titel hier, der aber
mit viel Aplomb vorgetragen wird und so jeder Peinlichkeit entgeht. Ein wenig
Klischee darf schon sein. Bei „Nature“ hört man den Einfluss von
Muse ebenso wie beim folgenden „Lions“. Und bei „Pass
Out“ gehen die Jungs und das Mädel dann noch mal hart an die Grenze des
Klischees. ***
Late – Present (CD, Late, www.myspace.com/latepresent)
Diese Scheibe ist komplett
in eigener Regie der beiden Finnen Ville Lautjärvi (vocals) und Mika Raasakka
(guitars, bass, keyboards) entstanden. Sie selbst nennen ihre Musik „art
punk“ und „modern psych pop“. Nun, Punk im ursprünglichen
Sinn höre ich überhaupt nicht. Das muss also eher ihre Einstellung zur Musik
betreffen. Psychedelisch klingt diese Sammlung von 12 sehr abwechslungsreichen
und melodischen Tracks zum Teil schon. Dabei musizieren die Jungs aus Helsinki
näher an Robyn Hitchcock, XTC und Wire, als an The Byrds, Elvis Costello oder
The Electric Prunes (alles Namen, die sie selbst als Referenz angeben). Eine
sehr interessante und ansprechende musikalische Mixtur ist dabei
herausgekommen. Der Produktionsprozess zog sich mit drei verschiedenen Drummern
und verschiedenen Aufnahmestudios über einen längeren Zeitraum hin. Letztlich
hat sich aber die Arbeit und die dabei verwendete Sorgfalt gelohnt. Tatsächlich
gefällt mir die Platte immer besser, je öfter ich sie höre. Immer wieder
entdecke ich neue Feinheiten in Komposition und Arrangement. Es wäre schön,
wenn man die Jungs auch mal live erleben könnte. Und auf ihrer Myspace Seite
lese ich, dass sie inzwischen als Quartett auch live spielen können. Late
gehört zu meinen Entdeckungen und Geheimtipps des Jahres. Intelligente,
unterhaltsame, durchaus anspruchsvolle und vollkommen zeitlose Popmusik ist
hier zu hören. Sehr empfehlenswert! ****
Bryon Thompson – Starting Now (CD, Eigenverlag, www.bthompson.net/cd)
Bryon Thompson ist
eigentlich Grafiker, Illustrator, Designer, der auch gelegentlich Gitarre
spielt. Mit seiner Familie lebt er in Leo, Indiana. Sein Gitarrenspiel hat er
mit inzwischen vier selbst produzierten Instrumental LPs zu einer erstaunlichen
Souveränität und Virtuosität entwickelt. Seine Einflüsse und Vorbilder reichen
von Lindsey Buckingham über Leo Kottke bis zu Mark Knopfler. Und so klingen
seine gefälligen, so sauber wie abwechslungsreich produzierten
Gitarrenkompositionen dann auch. Auf dieser neuen Sammlung von zehn
Instrumental Tracks erfreut der Mann, der seine Godin Gitarren seit 26 Jahren
regelmäßig spielt, u.a. mit einem Cover von Danny Kirwans
„Sunny Side Of Heaven“. Seine eigenen
Stücke zeichnen sich aus durch Einfallsreichtum sowohl in Spieltechnik wie in
Arrangement. Zwischen Folk und Rock, Country und Pop. ***
23 Current – Curve
Of The Universe (CD, Eigenverlag, www.myspace.com/23current)
Eine echte Entdeckung ist
diese Band aus Morgantown, West Virginia. Sehr intelligent gemachter moderner
Rock irgendwo im Spannungsfeld zwischen den Smashing Pumpkins, Queens Of The
Stone Age und Space Pop im Geiste der frühen Pink Floyd. Obwohl die Tracks
eigentlich eher kurz sind, wird die Band und diese Platte meist in Prog Rock
Zusammenhängen besprochen und gelobt. Nicht vollkommen abwegig, aber letztlich
zu kurz gedacht. Mich überzeugt vor allem die sehr erfindungsreiche und gekonnte
Gitarrenarbeit von Mastermind Shawn Burnette. Eine Platte zum Träumen,
Dahingleiten, aber auch zum Abrocken. ***1/2
Dunkelrot – Ich brauch mehr Zeit (CD, Dunkelrot, www.myspace.com/dunkelrot)
Er
hat es also wahr gemacht. Er hat’s geschafft! Klaus Mertens, Berliner
Paul Weller Fan mit tanzendem Herzen, hat ein neues Album mit eigenen Songs am
Start! Um es gleich zu sagen, es ist sein bestes bislang. Dunkelrot heißt die
Band, die er sich dafür zusammengesucht hat. Die deutsche Sprache ist für
Mertens mindestens so wichtig wie der amtliche Mod Sound seiner Band. Damit
macht er es sich nicht unbedingt leichter. Konsequenz nennt man das wohl. Klaus
meint, er könne sich nur in seiner Muttersprache so ausdrücken, wie er es für
richtig und angemessen hält. Und ich muss zugeben, er hat darin inzwischen eine
erstaunliche Souveränität erlangt. Neben ihm gibt es wenige deutsche Songwriter
– Liedschreiber muss ich wohl konsequenterweise sagen – die so selbstverständlich
angloamerikanische Popmusik und deutsche Sprache vereinen. Bernd Begemann ist
einer davon (obgleich dessen Großtaten inzwischen schon um die 15 Jahre
zurückliegen). Niels Frevert ist ein anderer. Aber auch dessen überzeugende
Werke erschienen vor mehr als zehn Jahren. Wie auch immer, reden wir lieber von
dieser Scheibe. Mike Strauß, der vor knapp zwei Jahren die Berliner Boots
anlässlich ihres Re-Union Gigs unterstützte, spielt hier eine wunderbar
stilvolle Hammondorgel. Die Rhythmus Sektion, bestehend aus Stephan Herzberg
(Bass) und Thomas Völker (Schlagzeug), ist so unauffällig wie zuverlässig. Im
Verein mit der Orgel sorgt sie für einen tollen Groove, der bei
„Warum“ zum Beispiel immer
noch erstaunlich an „Sookie Sookie“ in der Steppenwolf Version erinnert.
Die Songs von Klaus Mertens erinnern vor allem an Klaus Mertens. An seine
früheren Versuche in anderen Konstellationen. Aber auch – auf durchaus
nicht unangenehme Weise – an deutschsprachige Platten der späten 60er bis
70er Jahre aus beiden Teilen des damals geteilten Landes. Musikalisch schwebt
natürlich das Dreigestirn Ray Davies-Marriott/Lane-Paul Weller über den
Melodien. Doch erinnern die Arrangements fast noch eher an Humble Pie, Simon
Dupree & The Big Sound, The Alan Bown und ähnliche britische Bands der
späten 60er und frühen 70er Jahre. Einzelne Tracks hervorzuheben wäre
ungerecht. Diese Platte wirkt wie aus einem Guss. Und so sollte sie auch gehört
werden. Die bislang beste deutschsprachige VÖ dieses Jahres (2007)! ****
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