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Letztes Update: 02. August 2010


Ungebundene Talente

Die Bewertungsskala:

* Materialverschwendung! - ** muss man nicht kennen - *** sollte man mal gehört haben - **** Anschaffung wohlwollend erwägen - ***** gehört in jede Plattensammlung!

Vor längerer Zeit war ich bei einem Treffen unabhängiger, ungebundener Rockmusiker und anderer Individuen im Dezibel in Berlin Friedrichshain. Zweck der Veranstaltung sollte wohl ein Gedanken- und Erfahrungsaustausch zum Thema Rockmusik in Berlin, Situation lokaler Bands, Auftrittsmöglichkeiten, allgemeine Schwierigkeiten mit GEMA etc. sein. Es waren rund 30 Menschen da mit z.T. recht unterschiedlichem Interesse und Background. Rührend fand ich die mitunter vehement vorgetragenen Bekenntnisse zum echten, ursprünglichen Rock'n'Roll, der vor allem authentisches Feeling und Selbstverwirklichung beinhalten soll. Allgemein wurden finanzielle Probleme sowohl auf Seiten der Bands wie der Veranstalter beklagt. Von der Musikindustrie erhoffte sich keiner der Anwesenden positive Impulse. Im Gegenteil. Verlogenheit, Plastikmusik und Kommerz wurden heftig attackiert. Das Übliche also. Solche Diskussionen kennt man seit Jahrzehnten. Was mich erstaunte, war einerseits die - ich nenne es mal Geschichtslosigkeit der Runde. Über andere oder ältere Initiativen, ganz einfach die Vergangenheit von unabhängiger Rockmusik in Berlin schien niemand informiert zu sein. Andererseits begeisterte mich wiederum der Elan, der Optimismus und die Selbstverständlichkeit, mit der einzelne Bands und Gruppen ihre Geschicke in die eigene Hand nehmen. Ein echtes Fazit des Gesprächs gab es nach gut zwei Stunden nicht. Lediglich den Appell, etwas gemeinsam auf die Beine zu stellen, einen Verein zu gründen. Die Deutschen sind eben doch die richtigen Vereinsmeier. Mein Fazit: es gibt nach wie vor jede Menge guten Rock'n'Roll abseits aller Vermarktungsstrategien und unabhängig selbst von bestehenden alternativen Netzwerken, Szenen, Fanzines etc. Deshalb werde ich hier unter der Überschrift "ungebundene Talente" ab sofort auch Demos bzw. Eigenproduktionen von Bands besprechen, die an keine Firma - und sei sie noch so klein - gebunden sind.

The PythagorasThe Pythagoras – s/t (9-Track Demo CD)

 

Neulich sah ich im Rickenbacker’s Music Inn in Berlin Wilmersdorf eine junge dreiköpfige Band aus Finnland, die mich wirklich überraschte. Mit Coverversionen von Robert Johnson über Chuck Berry bis zu den Beatles und Jimi Hendrix, aber auch eigenen Songs, die stilistisch stark im Bluesrock der frühen Led Zeppelin oder der Gruppe Cream wurzeln, wusste das Trio zu überzeugen. Zwischen 15 und 18 sind die drei Jungs aus Lahti. Schon seltsam. Da kommen drei Jünglinge aus der Pampa (nicht dass Lahti in der Pampa liegt, aber ihr wisst was ich meine) und spielen den Blues so selbstverständlich und mit Hingabe, dass man nur staunen kann. Die Demo CD haben sie nach dem Gig verkauft. Sieben eigene Songs, alle vom 15 Jahre alten Gitarristen Jonas Metsäkylä geschrieben und auch gesungen. Und wie der Junge Gitarre spielt! Unglaublich! Auch die beiden anderen Jungs beherrschen ihre Instrumente, Bass und Schlagzeug, ziemlich virtuos. Zwei Cover sind auch dabei. Chuck Berrys „Johnny B. Goode“ wird lässig aber mit Druck dargeboten. Und die Instrumentalversion von Lennon / McCartneys „A Day In The Life“ ist einfach groß. Sehr gefühlvoll aber auch brachial in Teilen. Leider habe ich nirgends eine Kontaktinformation oder eine Bezugsquelle für die CD gefunden. In Deutschland, in Kassel, gibt es übrigens eine gleichnamige reine Coverband, so viel hat die Internet Recherche ergeben. Also Augen und Ohren auf, wenn irgendwo ein Blues Rock Trio namens The Pythagoras angekündigt wird. Vielleicht denken die Jungs aber auch noch mal über den Namen nach.

 

Diverse – RollingStone Forums CD 2 (CD, kein Label, http://forum.rollingstone.de/showthread.php?t=36321)

 

RollingStone Forums CDDiese Compilation von 16 zum Teil sehr unterschiedlichen Künstlern und Tracks ist das Ergebnis eines Aufrufs im Internet-Forum des deutschen Rolling Stone Magazins. Alle Beteiligten sind mehr oder weniger regelmäßige User dieses Forums. Und sie alle sind außerdem Musiker, mit Amateurstatus zumeist aber nichtsdestotrotz durchaus hörenswert und gewissermaßen professionell. Es folgt eine stichwortartige Kurzkritik aller Beiträge.

Kritikers Liebling – Song For You

Am Anfang muss ich ganz kurz an „Walk Like An Egyptian“ von den Bangles denken. Der Rhythmus ist es. Wenn auch etwas flotter, energischer. Ein schöner Auftakt. Kurz und knackig. Auf Englisch durchaus angenehm. KL singt sonst nämlich eher Deutsch. Kritikers Liebling? – Warum nicht.

Degaro – Fighting Song

Hübsch. Eher verhalten. So leicht intellektueller Indie Pop. Mehr fällt mir dazu eigentlich nicht ein.

Urubugalinhas – What Is Given

Ebenfalls am leichtesten mit Indie Pop umschrieben, aber irgendwie spannender und origineller als der Track davor. Die weibliche Stimme erinnert entfernt an Björk. Und das Arrangement hat was von Genialen Dilettanten, falls sich jemand an die erinnert.

A Very Sporting Gent – Starseeker #2

Klingt aufwändig produziert. So zwischen intelligentem Metal und modernem Prog Pop. Die Melodie gefällt. Das Arrangement bedient vielleicht zu viele Klischees. Die weibliche Gesangsstimme überzeugt jedoch.

Golden Stone Walls – Vinyl Stroll

Nun, diese Band kennen und mögen wir bereits. Der Gag mit dem Knistern zu Beginn ist ein bisschen ausgelutscht. Aber sonst überzeugt der Track vollkommen. Gefährlich, geheimnisvoll, spannend und leicht irritierend.

Fargo – Meine Freinde

Wenn ich das verstehen würde, wäre es vermutlich sogar gut. Ich hab so eine Ahnung, dass dieser Fargo was zu sagen hat, was gar nicht so blöd ist. Musikalisch unauffällig.

Ragged Glory – On & On

Schöner Song. Ich höre das hier als akustisches Demo, das noch durch Arrangement und Instrumentierung vervollkommnet werden sollte. Auf jeden Fall mit Potenzial.

The Peejays – Another Latte

Sehr angenehm. Schönes Arrangement, fast einschmeichelnd und durchaus professionell. Der Song überzeugt mich letztlich nicht wirklich.

Jan Dark – Sometimes

Noch viel angenehmer. Und noch viel einschmeichelnder. Latin Lover anyone? Das hat was, durchaus – jedoch weniger für mich.

Saffer & The Jukes – Kentucky Girl

Ach ja, Saffer. Auch ein alter Bekannter. Der Boss lässt grüßen. Sehr schön, sehr gefühlvoll, und auch sehr geschmackvoll. Wir schließen die Augen, und prompt sind wir irgendwo im Mittleren Westen an irgendeinem Lagerfeuer.

Tengo DiNero – Hennessy am Hennesee

Szenenwechsel. Fanta 4 anno 1992. Durchaus catchy. Aber sehr sehr oldschool. Auf jeden Fall gut gemacht. Und im ersten Moment sogar richtig witzig.

The 79ers – It’s Not You I’m Cryin’ For

Stilistisch ist mir dieser Track wohl am nächsten. Der Song ist leider eher Durchschnitt, das Arrangement eine Idee zu normal.

Golden Stone Walls – Change Your Live

Höre ich da gothic Einflüsse? Ist mir ganz klar zu lang dieser Track. Die Spannung, die ich von dieser Formation gewohnt bin, will sich hier nicht so recht aufbauen. Nee, das isses irgendwie nicht.

Urubugalinhas – Wolfes

Zunächst möchte ich das „f“ in „Wolfes“ gegen des „v“ in „Live“ beim vorigen Track tauschen. Ansonsten ist dieser Track leider weniger spannend als der erste der Kapelle.

The Peejays – Trying To Get You

Sehr schön. Weit eingängiger als „Another Latte“. Dabei ist dieser Song durchaus schlichter. Mit der beste Track auf dieser Compilation. Man hört den Weller Einfluss, wenn ich das mal so sagen darf.

Stormy Monday & The Horse Badorties – Wind in den Segeln

„Wir lieben die Stürme, die brausenden Wogen…“. Welches Volkslied verbirgt sich dahinter? Netter Gag zum Schluss, aber das war’s dann auch schon.

Die Compilation bekommt man zum Selbstkostenpreis über das RS-Forum (Link s.o.)

 

Golden Stone Walls – Golden Stone Walls (CD, Dream Academy, www.myspace.com/goldenstonewalls)

 

Golden Stone WallsDiese Band, dieses Trio, lernte ich über das Leserforum des deutschen Rolling Stone kennen. Das CD Debüt der drei Bremer erscheint in Zusammenarbeit mit dem kleinen unabhängigen Label Dream Academy. Sieben Tracks sind da zu hören in gut 40 Minuten. Golden Stone Walls sind kein Rock’n’Roll Trio im herkömmlichen Sinn. Sie sind überhaupt nicht Rock’n’Roll im herkömmlichen Sinn. Es dominieren elegische und mitunter etwas vertrackte, scheinbar ziellose Gitarrenklänge gespielt von Christian Schnepf und Louis Schürmann. Dazu gesellen sich sparsame Keyboards, ein Akkordeon (beides gespielt von Louis Schürmann) und die teils klagende, teils schneidende, manchmal verloren wirkende, aber immer überzeugende Stimme von Andrea Hesse. Dunkel und kühl nennt das Bandinfo diese Stimme. Stimmt, kann ich dazu sagen. Ebenfalls laut Info nannte eine Konzertbesucherin die Musik der Golden Stone Walls „borderline music“. Hmm... ich weiß nicht so recht, was damit gemeint sein könnte. Grenzwertig klänge zu negativ, Grenzen über-schreitend passt schon eher. Ambivalent trifft es ganz gut, und sogar ein bisschen krank, ja. Ich widerspreche dem Info auch da nicht. Die Tracks im Einzelnen sind recht unter-schiedlich, auch wenn natürlich ein Gesamteindruck entsteht. Der Opener „Bones“ beginnt sogar mit einem sehr sparsamen Schlagzeug zu dem sich bald eine einsame Gitarrenfigur und ein dunkel dräuendes Keyboardcluster gesellen. Andreas Stimme sticht zum Teil kraftvoll heraus, zum Teil ist sie aber auch im Gesamtsound eingebettet. Mit fortschreitendem Geschehen wird der Sound dichter, und Andrea singt sogar mit sich im Duett. „Bones“ erinnert mich ein bisschen an die Musik von Rose Kemp, auch wenn die Gitarren dort viel stärker verzerrt sind. Die etwas düstere, sinistre Stimmung setzt sich bei „Vinyl Stroll“ zunächst fort. Allerdings sorgen hier Akustikgitarre und Akkordeon für einen versöhnlicheren  Unterton. Der Gesang besticht durch den Wechsel und das Zusammenwirken von Andrea und Louis, die hier die Hauptstimme abwechselnd und mitunter zugleich singen. Eine eigentümliche Spannung ergibt sich daraus. Faszinierend. Unwillkürlich muss ich an Gothic denken, aber im positiven Sinn. Die Anfangsequenz von „Hidden“ weckt bei mir  spontan Erinnerungen an die frühen Rainbirds. Andrea klingt hier fast so wie Katharina damals. Auch der Song und seine Struktur mit kraftvoll kurz geschlagener Gitarre ist typisch für die ersten Demos der Rainbirds. „Change Your Life“ ist mit einem Drum Computer Track unterlegt, was mir zunächst nicht sehr gefällt. Im weiteren Verlauf baut sich aber doch eine ganz interessante Spannung auf zwischen Synthi Figur und einer sehr sparsamen Gitarre. Dazu schafft ein immer wieder anschwellendes dunkles Synthie Riff erneut so eine eher sinistre Stimmung. Und vollends gerettet wird der Track von Andreas unvergleichlicher Stimme, die hier das Kunststück vollbringt verloren, einsam und eindringlich zugleich zu klingen. Schließlich baut sich aus den ständig wiederholten Keyboardläufen und immer lauter und verzerrter werdenden Gitarrenriffs eine Klanglandschaft auf, der man sich nun nicht mehr entziehen kann. Bei „Energy World“, das mit einem flächigen Akkordeonkluster beginnt, bevor Andrea mit einer dieses Mal fast an Nico gemahnenden Stimme einsetzt, bin ich sofort gefangen von der Atmosphäre des Tracks. Klasse hier auch solche kleinen unscheinbaren Dinge wie die vereinzelten Zimbel- oder Triangelschläge und der Countdown im Hintergrund, bevor der Track in einem furiosen Crescendo aus Stromgitarre und Shouts endet. Rein von der Songstruktur der eindringlichste und wohl auch kommerziellste (so man überhaupt in diesen Kategorien denken will) Track ist „Autumn Dawn“. Auch hier wieder eine unglaubliche Dynamik, die ganz ohne die üblichen Rockinstrumentarien auskommt. Erst sparsame leise, dann kraftvolle Akustikgitarre, ein Piano, das zumeist nur einzelne Töne, mitunter stakkatoartig spielt, eine überzeugende Melodie, die von Andrea fast beiläufig und dann aber trotzig fordernd gesungen wird. Zum Schluss eine Coverversion des Depeche Mode Songs „I Feel You“. Diesen Track hätte sich die Band als Zugabe für die Club Bühne aufheben sollen. Da mag das funktionieren. Hier wirken die Fingerübungen auf Gitarre und Klavier, die sich minutenlang hinziehen, doch etwas ziel- und ratlos. Wenn dann der Gesang einsetzt, ist man halbwegs versöhnt, weil Andrea auch hier vortrefflich reüssiert mit einer sehr schönen und gefühlvollen Interpretation, die Soul und Jazz Sängerinnen jeglicher Couleur evoziert. Als Abschluss eines Gigs großartig. Hier jedoch... ich weiß nicht. Insgesamt ein vielversprechendes Debüt, das sich jeglicher Kategorisierung geschickt entzieht. ***

 

Lord Litter – Transition (CD, Trash Tone Records, www.LordLitter.de)

 

Lord Litter ist zurück mit einer neuen Sammlung von Aufnahmen, die in den zurückliegenden Monaten in sehr entspannter Atmosphäre entstanden sind. Litters Songwriting ist unverwechselbar. Man muss schon ein Faible haben für diesen leisen, leicht verschmitzten und verschrobenen Stil, der immer etwas kauzig und weltfremd wirkt. Verschiedene akustische Gitarren sowie einige sachte und mit viel Fingerspitzengefühl eingesetzte elektronische und Perkussionsinstrumente sind zu hören. Die Songs erzählen erlebte kleine persönliche Geschichten. Gleich der Opener, den Litter mit Kumpel Lefty Leech schrieb und vorträgt, ist ein Begrüßungssong für einen neuen Erdenbürger, in diesem Fall die Tochter einer guten Freundin der beiden Musiker. Optimistisch und zart verspielt. Ein anderer Song ist David Lynch gewidmet und erwartungsgemäß weitaus unheimlicher. Aber noch bizarrer klingt „Life To Death“, das von japanischen „Second Reality“ Filmen inspiriert ist. In einem alten Artikel von Max Goldt über den Senatsrockwettbewerb anno 1987 oder 88 fand ich auch den Namen Lord Litter. Goldt bemitleidet dort unseren Lord, der an jedem Wettbewerb teilnimmt, aber jedes Mal nur das Unverständnis der Jury erntet. Falls Litters Musik damals schon so klang wie diese unprätenziösen aber sehr eigenwilligen Perlen der Kleinkunst hier, dann lag es wahrscheinlich an der durch Bier und Rotwein getrübten Aufmerksamkeit der Jury Mitglieder, dass sie die Klasse dieser Aufnahmen so skandalös ignorierten. Aber der Lord ließ sich bekanntlich nicht verdrießen. Und so kommt wer will immer wieder auf’s Neue in den Genuss von Litters knurrigem Kabinett der Schrulligkeiten. Acht eigene Songs und ein Cover der Everly Brothers „I’m Here To Get My Baby Out Of Jail”. Eine feine Sache, von Anfang bis Ende. Vom Vogelgezwitscher zu Beginn bis zu der schrägen Hommage an Frank Duval, Komponist von Filmmusik und Easy Listening Käse. ***1/2

 

The Velvet Flow – Boy Of Marble (CDEP, Trash Tone Records, www.gaby-tiger.de)

 

Drei Songs, die Gaby Tiger in Düren schrieb und zur Gitarre einsang. Lord Litter arrangierte dann noch etwas Elektronik und Perkussion drum herum und sang eine weitere Stimme. Der „Lovesong“ ist eben dies. Verträumt und ein bisschen ätherisch. Bei „Alone“ spielt Ralf Muckel einen sehr tiefen Bass noch dazu. Der Track schwankt zwischen Island und Karibik. Sehr atmosphärisch und irgendwie entrückt. Der Titeltrack „Boy Of Marble“ ist am schönsten. Sehr zart und sehr gefühlvoll. Tolle Atmosphäre! ***1/2

 

Very – Golden Age (CD, www.myspace.com/verymusic)

 

Auch die Berliner Band Very hat fünf neue Songs aufgenommen und wird eine CD davon im Selbstverlag rausbringen mit noch weiteren vier Stücken. Vielleicht findet sich aber auch ein Label, das an diesem erwachsenen und professionellen Indie RockPop Interesse hat. Stilistisch hat sich im Prinzip nichts geändert seit ihrem ersten selbst produzierten Album vor drei Jahren. Gute Songs, schöne einfallsreiche Gitarrenklänge, verhaltener Gesang, der mitunter gar zu großen Gefühlsausbrüchen neigt. Suede höre ich immer noch hier oder da. Aber nun auch Starsailor oder Coldplay. Manchmal ist fast schon etwas zu viel Prätention da. Der Opener „Golden Age“ ist am stimmungsvollsten und überzeugendsten. „Superheroine“ ist wohl  der rockigste Titel hier, der aber mit viel Aplomb vorgetragen wird und so jeder Peinlichkeit entgeht. Ein wenig Klischee darf schon sein. Bei „Nature“ hört man den Einfluss von Muse ebenso wie beim folgenden „Lions“. Und bei „Pass Out“ gehen die Jungs und das Mädel dann noch mal hart an die Grenze des Klischees. ***   

 

Late – Present (CD, Late, www.myspace.com/latepresent)

 

Diese Scheibe ist komplett in eigener Regie der beiden Finnen Ville Lautjärvi (vocals) und Mika Raasakka (guitars, bass, keyboards) entstanden. Sie selbst nennen ihre Musik „art punk“ und „modern psych pop“. Nun, Punk im ursprünglichen Sinn höre ich überhaupt nicht. Das muss also eher ihre Einstellung zur Musik betreffen. Psychedelisch klingt diese Sammlung von 12 sehr abwechslungsreichen und melodischen Tracks zum Teil schon. Dabei musizieren die Jungs aus Helsinki näher an Robyn Hitchcock, XTC und Wire, als an The Byrds, Elvis Costello oder The Electric Prunes (alles Namen, die sie selbst als Referenz angeben). Eine sehr interessante und ansprechende musikalische Mixtur ist dabei herausgekommen. Der Produktionsprozess zog sich mit drei verschiedenen Drummern und verschiedenen Aufnahmestudios über einen längeren Zeitraum hin. Letztlich hat sich aber die Arbeit und die dabei verwendete Sorgfalt gelohnt. Tatsächlich gefällt mir die Platte immer besser, je öfter ich sie höre. Immer wieder entdecke ich neue Feinheiten in Komposition und Arrangement. Es wäre schön, wenn man die Jungs auch mal live erleben könnte. Und auf ihrer Myspace Seite lese ich, dass sie inzwischen als Quartett auch live spielen können. Late gehört zu meinen Entdeckungen und Geheimtipps des Jahres. Intelligente, unterhaltsame, durchaus anspruchsvolle und vollkommen zeitlose Popmusik ist hier zu hören. Sehr empfehlenswert! ****

 

Starting NowBryon Thompson – Starting Now (CD, Eigenverlag, www.bthompson.net/cd)

 

Bryon Thompson ist eigentlich Grafiker, Illustrator, Designer, der auch gelegentlich Gitarre spielt. Mit seiner Familie lebt er in Leo, Indiana. Sein Gitarrenspiel hat er mit inzwischen vier selbst produzierten Instrumental LPs zu einer erstaunlichen Souveränität und Virtuosität entwickelt. Seine Einflüsse und Vorbilder reichen von Lindsey Buckingham über Leo Kottke bis zu Mark Knopfler. Und so klingen seine gefälligen, so sauber wie abwechslungsreich produzierten Gitarrenkompositionen dann auch. Auf dieser neuen Sammlung von zehn Instrumental Tracks erfreut der Mann, der seine Godin Gitarren seit 26 Jahren regelmäßig spielt, u.a. mit einem Cover von Danny Kirwans 23 Current„Sunny Side Of Heaven“. Seine eigenen Stücke zeichnen sich aus durch Einfallsreichtum sowohl in Spieltechnik wie in Arrangement. Zwischen Folk und Rock, Country und Pop. ***

 

23 Current – Curve Of The Universe (CD, Eigenverlag, www.myspace.com/23current)

 

Eine echte Entdeckung ist diese Band aus Morgantown, West Virginia. Sehr intelligent gemachter moderner Rock irgendwo im Spannungsfeld zwischen den Smashing Pumpkins, Queens Of The Stone Age und Space Pop im Geiste der frühen Pink Floyd. Obwohl die Tracks eigentlich eher kurz sind, wird die Band und diese Platte meist in Prog Rock Zusammenhängen besprochen und gelobt. Nicht vollkommen abwegig, aber letztlich zu kurz gedacht. Mich überzeugt vor allem die sehr erfindungsreiche und gekonnte Gitarrenarbeit von Mastermind Shawn Burnette. Eine Platte zum Träumen, Dahingleiten, aber auch zum Abrocken. ***1/2

 

DunkelrotDunkelrot – Ich brauch mehr Zeit (CD, Dunkelrot, www.myspace.com/dunkelrot)

Er hat es also wahr gemacht. Er hat’s geschafft! Klaus Mertens, Berliner Paul Weller Fan mit tanzendem Herzen, hat ein neues Album mit eigenen Songs am Start! Um es gleich zu sagen, es ist sein bestes bislang. Dunkelrot heißt die Band, die er sich dafür zusammengesucht hat. Die deutsche Sprache ist für Mertens mindestens so wichtig wie der amtliche Mod Sound seiner Band. Damit macht er es sich nicht unbedingt leichter. Konsequenz nennt man das wohl. Klaus meint, er könne sich nur in seiner Muttersprache so ausdrücken, wie er es für richtig und angemessen hält. Und ich muss zugeben, er hat darin inzwischen eine erstaunliche Souveränität erlangt. Neben ihm gibt es wenige deutsche Songwriter – Liedschreiber muss ich wohl konsequenterweise sagen – die so selbstverständlich angloamerikanische Popmusik und deutsche Sprache vereinen. Bernd Begemann ist einer davon (obgleich dessen Großtaten inzwischen schon um die 15 Jahre zurückliegen). Niels Frevert ist ein anderer. Aber auch dessen überzeugende Werke erschienen vor mehr als zehn Jahren. Wie auch immer, reden wir lieber von dieser Scheibe. Mike Strauß, der vor knapp zwei Jahren die Berliner Boots anlässlich ihres Re-Union Gigs unterstützte, spielt hier eine wunderbar stilvolle Hammondorgel. Die Rhythmus Sektion, bestehend aus Stephan Herzberg (Bass) und Thomas Völker (Schlagzeug), ist so unauffällig wie zuverlässig. Im Verein mit der Orgel sorgt sie für einen tollen Groove, der bei „Warum“  zum Beispiel immer noch erstaunlich an „Sookie Sookie“ in der Steppenwolf Version erinnert. Die Songs von Klaus Mertens erinnern vor allem an Klaus Mertens. An seine früheren Versuche in anderen Konstellationen. Aber auch – auf durchaus nicht unangenehme Weise – an deutschsprachige Platten der späten 60er bis 70er Jahre aus beiden Teilen des damals geteilten Landes. Musikalisch schwebt natürlich das Dreigestirn Ray Davies-Marriott/Lane-Paul Weller über den Melodien. Doch erinnern die Arrangements fast noch eher an Humble Pie, Simon Dupree & The Big Sound, The Alan Bown und ähnliche britische Bands der späten 60er und frühen 70er Jahre. Einzelne Tracks hervorzuheben wäre ungerecht. Diese Platte wirkt wie aus einem Guss. Und so sollte sie auch gehört werden. Die bislang beste deutschsprachige VÖ dieses Jahres (2007)! ****

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