
Die Kurzen (Singles, EP) Longplay (LP, CD) Re-Issues Live Gigs Fanzines Unsigned Talent Album des Monats News Links
letztes Update: 05. Oktober 2009
Neue
Drucksachen
Gilbert Blecken – Destination: Pop (Paperback, 288 S. 18,- € bei www.booklooker.de)
Dies ist eine erweiterte Neuauflage des Buches, das Gilbert
im Eigenverlag bereits vor zwei Jahren herausbrachte. (siehe auch GG145) 50
Interviews aus 20 Jahren heißt es nun im Untertitel, von ABC bis Zoot Woman.
Gilbert hat seine ganz eigene Herangehensweise an Popmusik und an das
Interviewen von Künstlern, Musikern. Das macht dieses Buch so lesenswert, ganz
abgesehen von seinem historischen und dokumentarischen Wert. Bei den neu
hinzugekommenen Gesprächen haben mir besonders die mit Madness, Wire und mit
Nina Persson /A Camp sowie mit Jaz Coleman von Killing Joke und Tim Burgess
/The Charlatans gefallen. Wegen der interessanten Fragen einerseits und weil
ich bisher wenig zu diesen Künstlern gelesen hatte. Der Druck ist besser als
bei der ersten Auflage, und die Farbfotos im Mittelteil kommen so noch besser
zur Geltung. Die Auflage ist klein, also sollte man sich beeilen, wenn man noch
ein Exemplar haben möchte.
Emo
– Porträt einer Szene (Paperback, 226 S. 16,90 €, www.ventil-verlag.de)
Der
Begriff „Emo“ geistert inzwischen schon seit über zwei Jahrzehnten
durch die Rock und Pop Musikrezeption, aber wie es scheint, weiß niemand so
recht was anzufangen damit. Seit Bands wie My Chemical Romance oder etwas
früher bereits Jimmy Eat World und Dashboard Confessionals über eine eingeschworene Szene hinaus bekannt
und erfolgreich wurden, taucht Emo als Genre auch immer häufiger in Mainstream
Publikationen von Musikexpress bis Bravo auf. Wobei man davon ausgehen darf,
dass die Autoren solcher Zeitschriften weder wissen, woher die Bezeichnung
stammt, noch was sie eigentlich bezeichnet. Allerdings, das muss man zugeben,
wissen oft auch Redakteure seriöserer Blätter nicht so genau, was gemeint ist
mit Emo Rock und welche durchaus unterschiedlichen Jugendszenen weltweit damit
verbunden sind. Die nun vorliegende Artikel und Essay Sammlung aus dem Ventil
Verlag wurde herausgegeben von Martin Büsser, Jonas Engelmann und Ingo Rüdiger.
Vor allem Büsser beschäftigt sich schon seit langem mit Jugend- und Subkulturen
im Zusammenhang mit Rock- und Popmusik. Emo als Mode, Jugendkultur und
Musikstil wird in diesem Buch erstmals ausführlich und von Insidern beleuchtet.
Dabei werden auch Emo Szenen in Russland, Mexiko, Chile, Ägypten und der Türkei
vorgestellt. Ist Emo eine Rebellion gegen traditionelle Geschlechterrollen?,
wird gefragt. Und welchen Anfeindungen sind Emo Anhänger durch
„normale“ Jugendliche und die etablierte Gesellschaft ausgesetzt?
In einer für den Ventil Verlag typischen Art und Weise wird kritisch
hinterfragt und zugleich versucht, einen möglichst breiten Überblick zu geben.
Mir persönlich kommt dabei die Musik ein bisschen zu kurz. Die chronologische
aber relativ subjektive und willkürliche Diskographie Kristof Künsslers (seit
Jahren Mitarbeiter des alternativen Musik Vertriebs und Mail Orders Flight 13)
ist zwar kenntnisreich, jedoch mit ihren Kurzcharakteristika auch das einzig
Brauchbare für den hauptsächlich musikinteressierten Leser. Wer jedoch das
Phänomen „Emo“ in seiner Vielschichtigkeit kennen lernen will,
findet hier ein paar Denkanstöße und auch weiterführende Verweise. Immerhin
reicht Emo von Straight Edge und Veganismus bis zu Tokio Hotel.
40 Jahre
Musikexpress (Oktober 2009, Heft, 164 S. mit Beilagen, 6,90€, www.musikexpress.de)
Gekauft
habe ich mir diese Jubiläumsausgabe vor allem wegen des beiliegenden Nachdrucks
der ersten deutschsprachigen „musik express“ Ausgabe vom August
1969. Der „muziek expres“ war eigentlich eine in Holland
erscheinende Popmusik Zeitschrift, herausgegeben von einer Konzertagentur in
Den Haag. Ich kannte das Blatt damals in den 60ern nicht, aber offenbar wurde
es viel auch in Deutschland gelesen, da außer den Star Club News hierzulande
kein ernst zu nehmendes Blatt für Beat und Popmusik erschien. Die Konsequenz
war dann also ab August 1969 eine rein deutschsprachige Ausgabe. Die Werbung
darin war allerdings drolligerweise immer noch nur holländisch. In dieser
Nummer findet man Artikel über Steve Winwood und Blind Faith, Francoise Hardy,
Donovan, den Tod und die Beerdigung von Brian Jones, Procol Harum,
Aphrodite’s Child, The Lords, Bee Gees, die Stones und Mick Taylor, sowie
Brainbox und The Motions aus Holland, wie überhaupt holländische Bands
logischerweise damals stark vertreten waren in dieser ja eigentlich
holländischen Zeitschrift. Auch The Twangy Gang, eine Band aus Berlin, die ich
damals persönlich kannte, finden kurz Erwähnung mit Foto auf der News Seite. In
den 70er Jahren war der Musik Express dann eher Mainstream orientiert, während
Sounds Themen wie Westcoast Rock, Country Rock und die eher untergründigen oder
elitären Szenen ab-deckte. Nachdem Sounds Anfang der 80er an Auflage verlor und
ins Trudeln geriet, wurden beide Blätter, die nun eh im gleichen Verlag
erschienen, fusioniert. ME/Sounds bzw. Musikexpress/Sounds hieß es dann einige
Jahre. Inzwischen bedient der „musikexpress“ wieder den eher
Mainstream Rock orientierten aber auch Indie nicht abgeneigten jüngeren Leser,
der an längeren und tiefer gehenden Abhandlungen nicht so interessiert ist.
15 Jahre
Rolling Stone Deutschland (Oktober 2009, Heft, 148 S. mit CD, 6,90€, www.rollingstone.de)
Natürlich ist der Rolling Stone, der originale
US-amerikanische, viel älter; 42 Jahre, wenn ich nicht irre. Und in den 1980er
Jahren gab es einen kurzlebigen Versuch einer deutschen Ausgabe. 1994 aber
startete der Konzertveranstalter Werner Kuhls mit Bernd Gockel und Jörg Gülden
als Chefredakteuren den inzwischen als führende deutschsprachige Rock
Zeitschrift etablierten deutschen Rolling Stone. Der RS gehört heute, genauso wie der
musikexpress übrigens, zum Axel Springer Verlag. Die Redaktion, deren
Chefredakteur nach wie vor Gockel heißt, zieht gerade von der Isar um an die
Spree. Jörg Gülden ist leider am 8. Mai diesen Jahres unerwartet im Alter von
65 Jahren verstorben. Zu den Mitarbeitern und Autoren des deutschen Rolling
Stone gehören einige der besten und renommiertesten Musikjournalisten des
Landes wie Wolfgang Doebeling und Arne Willander, aber auch hervorragende
„Nachwuchs“kräfte wie etwa Maik Brüggemeyer. Die thematische
Vielfalt des Heftes orientiert sich am US Original. So gibt es immer wieder
auch aktuelle politische und gesellschaftspolitische Themen, neben Artikeln zu
Popkultur, Film und natürlich Musik. Dabei richtet der RS seinen Blick vor
allem auf die großen und etablierten Namen der Rockmusik. Doch neue Trends und
junge Bands werden deshalb nicht verschwiegen, auch wenn sie vielleicht
manchmal etwas mehr Raum und Aufmerksamkeit verdient hätten, als ihnen
zugestanden wird. Der letzten Ausgabe lag eine Vinylsingle bei, die Neuauflage
der ersten Stone Roses 7“. So etwas sollte fortgeführt werden. Auf die „New
Noises“ CD darf dafür gerne verzichtet werden. Überhaupt sollte man, da
man sich ja eh an ein speziell interessiertes Publikum wendet, den
Vinylausgaben aktueller wie neu aufgelegter Veröffentlichungen eine größere
Aufmerksamkeit schenken. Und wenn die nur darin besteht, dass auf Vinylausgaben
wenigstens gesondert hingewiesen wird. Die der Jubiläumsausgabe beiliegende CD
mit besonderen extra zum Geburtstag erstellten Beiträgen einiger namhafter und
auch weniger bekannter Künstler ist eine nette Geste, viel mehr dann aber auch
nicht.
Hans-Jürgen Klitsch – Otto & die Beatle-Jungs (Format
32x24 cm, 130 S., broschiert, Isensee Verlag, Oldenburg, 19,80 €, www.shakin-all-over.de)

Während die dritte überarbeitete und ergänzte Auflage
der deutschen Beat Bibel von Hans-Jürgen Klitsch „Shakin’ All
Over“ noch auf sich warten lässt, hat der rührige Chronist ein neues Buch
verfasst. Dieses Mal geht es ganz speziell um die Beatszene der 60er Jahre
zwischen Oldenburg, Emden und Wilhelmshaven. Und wer meint, in Aurich
war’s schaurich und in Leer noch viel mehr, der irrt gewaltig. Zwar
passierte in Ostfriesland und angrenzenden Landstrichen alles mit einer
gewissen zeitlichen Verzögerung (von knapp zwei Jahren etwa), aber die lokalen
Beat Clubs, Tanzschuppen und Gaststätten mit Live Musik waren dann auch nicht
weniger aufregend und beliebt bei der örtlichen Jugend als die in den großen
Städten Westdeutschlands. Bands wie The Flying Arrows, The Towners, The
Beatniks, The Stingrays, The Stirlings, The Starfyghters oder The Four Spirits
waren letztlich auch nicht schlechter oder weniger engagiert als die meisten
anderen deutschen Beatbands der 60er Jahre, die zwischen Flensburg und
Konstanz, zwischen Aachen und Helmstedt jedes Wochenende zum Tanz spielten.
Gewohnt akribisch hat Hans-Jürgen alles Material zusammen getragen, das er
finden konnte. 
Unzählige
Gespräche hat er geführt, ist an jedem freien Wochenende von Schortens, wo er
mit seiner Familie seit über 20 Jahren lebt, kreuz und quer durch Friesland
gefahren, um Originalschauplätze zu besichtigen und Augen- und Ohrenzeugen
aufzutreiben und zu befragen. Mit Otto Waalkes hat er gesprochen, der Mitte der
60er in Emden The Rustlers gründete, und mit vielen anderen Musikern, die
längst ganz gewöhnlichen Berufen nachgehen und nur noch ab und zu in
Erinnerungen schwelgen. Diese Erinnerungen hat HJK aufgeschrieben und ein
bisschen geordnet. So wie wir das aus „Shakin’ All Over“ kennen
hat er ausführliche Band Stories und viele Anekdoten und authentische Berichte
gesammelt und in einen historischen und chronologischen Zusammenhang gebracht.
Nicht nur Indo Bands aus dem nahen Holland, auch die eine oder andere englische
Band wie z.B. The Mark Four (prä-The Creation) spielte im Big-Ben-Club in
Wilhelmshaven oder im Star-Palast Oldenburg. Auch das hat HJK dokumentiert.
Eine Diskographie und ein ausführlicher Index sowie zahlreiche nie zuvor
gesehene Fotos runden das Buch ab. Zusätzlich hat HJK eine CD mit fast
ausschließlich unveröffentlichten Aufnahmen von Bands aus der Region
kompiliert. Diese CD ist auf 300 Stück limitiert. Man kann sie direkt beim
Autor erwerben für 12,50 € plus Porto, Kontakt: hjk@shakin-all-over.de. Auch wenn
diese CD kaum eigenes Material der Bands enthält, lohnt sich die Anschaffung
für den Fan deutscher Beatbands allemal. Einige verschärfte Versionen bekannter
Gassenhauer sind dabei und mit „Disturbance“ von The Stingrays aus
Oldenburg sogar eine ganz große Entdeckung deutscher Beatmusik!
Fanzine
Road Tracks #25 (A4 Heft, 60 S., s/w Druck, Farbcover, 3,- €
plus
Seit 1999 und 25 Ausgaben gibt es dieses Fanzine aus der
Mitte Deutschlands mit einem Faible für meist völlig undeutsche Musik. Es ist
das kleinere, unbekanntere aber eigentlich bessere Fanzine aus Aschaffenburg.
„Der kleine Bruder vom großen Rolling Stone“ hab ich in einem
Review vor Jahren mal geschrieben. Und daran hat sich im Prinzip immer noch
nichts geändert, wobei Road Tracks weniger Alte Meister, weniger
Filmrezensionen, weniger große Namen, weniger Downloads und weniger unwichtigen
Klatsch und Tratsch bietet als der große Bruder. Die 10 Lieblingsplatten der
Redaktion aus 25 Ausgaben spiegeln eigentlich ganz gut wider, womit man sich
bei Road Tracks vornehmlich beschäftigt. Das reicht von Johnny Cash, QOTSA,
Ryan Adams, The White Stripes, Bob Dylan über Pearl Jam, Wilco, Bright Eyes bis
zu Adam Green und Bonnie Prince Billy. In der aktuellen Nummer 25 finden sich
Artikel zu und Interviews mit Hoodoo Girl aus Hamburg, Get Well Soon aus
Mannheim, den Jolly Goods aus dem Odenwald aber auch Two Gallants, Kim Gordon,
Sand Rubies und Christian Kjellvander. Manche Artikel dürften ruhig etwas
länger und ausführlicher sein. Aber immer wird mit viel Aplomb und Herzblut an
die Sache herangegangen. So soll es sein bei einem Fanzine. Zahlreiche
Plattenbesprechungen und Konzertreviews runden das Heft ab. Viel Erfolg für
mindestens weitere 25 Ausgaben!
Bücher
John M.
Borack – Shake Some Action (The
Ultimate Power Pop Guide, 200 S., broschiert, inkl. CD, Not Lame Publishing,
29,95 $, www.notlame.com)
„Quadratisch,
praktisch, gut!“, möchte man spontan sagen zu diesem längst überfälligen
Leitfaden in die Welt des Power Pop. Und tatsächlich ist dieses Buch
konkurrenzlos gut, eben weil es konkurrenzlos ist. John Borack ist ein
amerikanischer Musik Journalist (Goldmine, Amplifier u.a.) und ausgewiesener
Kenner des Genres Power Pop. Das Buch besteht aus ein paar einleitenden,
historischen und durchaus erhellenden Artikeln zum Thema Pop im Allgemeinen und
Power Pop im Besonderen. Den größten Teil machen dann allerdings Listen aus. Da
gibt es zunächst die 200 besten Power Pop Alben. Die Auswahl traf der Autor.
Das ist soweit ok. Dass er sich auskennt und den nötigen Überblick hat, darf
man voraussetzen. Schwierig wird’s allerdings bei seinen sozusagen außermusikalischen
Kriterien. Nur ein Album pro Künstler? – So nachvollziehbar sein Postulat
der möglichst großen Vielfalt ist, es gibt nun mal besonders wichtige und
großartige Bands des Genres, die mehr als ein hörenswertes Album veröffentlicht
haben. Auch dass Borack – in Ausnahmefällen schreibt er – Best Ofs
und CD-Twofer berücksichtigt, macht die Sache leider recht zweifelhaft. Erstens
lässt er so quasi durch die Hintertür doch mehr als ein Album pro Künstler zu.
Und zweitens ist eine solche Vorgehensweise ahistorisch und stilistische
Entwicklungen negierend. Zu jeder gelisteten Platte gibt es natürlich ein paar
lexigrafische und historische Angaben. Und eine stilistische Einordnung und
Kurzbeschreibung der Musik wird ebenfalls geliefert. Weitere Listen präsentieren
die besten Power Pop Compilations und die besten Tribute CDs. Beides eher
zweitrangige Kategorien, finde ich. Aber in Kreisen von Power Pop Fans leider
sehr beliebt. Überhaupt ist in diesen Kreisen die CD das favorisierte Medium.
Vinyl spielt nur noch ein untergeordnete Rolle. Und Neuerscheinungen auf Vinyl
sind bedauerlicherweise die große Ausnahme. Es gibt dann „The Ultimate
Power Pop Jukebox“, also die besten Tracks in einer Liste von 1-40. Und
weil wohl 40 doch zu wenig erschienen, werden noch mal 100 Tracks nachgereicht,
die auch „cool“ sind, wie der Autor bemerkt. Weiter werden „30 Great U.S. Indie Power Pop
45s“ gelistet sowie „10 Great Overlooked UK Power Pop 45s“. Schön,
dass 7“45s überhaupt vorkommen, aber wie das geschieht, wirkt auf mich
leider ein bisschen beliebig. Not Lame Boss Bruce Brodeen steuert dann noch
„30 Landmark Vinyl Albums from Power Pop’s Golden Age“ bei.
Auch sehr schön, kann man da nur etwas sarkastisch anmerken. Im nächsten
Abschnitt des Buches werden Power Pop Labels und Publikationen vorgestellt.
Schließlich gibt es zum Schluss noch Listen von mehr oder weniger bekannten
Power Pop Musikern und Journalisten. Listen, die untereinander zum großen Teil
nicht vergleichbar sind. Die meisten Listenschreiber reden von Songs, obwohl sie
fast immer Tracks meinen. Die Formate gehen munter durcheinander oder werden
gar nicht genannt, so dass nur eigene Recherche aufklärt, ob eine Single, ein
Album oder ein bestimmter Track gemeint ist. Alles nicht schön, aber man nimmt
es hin. Denn dieses Buch ist trotzdem lesenswert. Einfach deshalb, weil es so
viele Informationen und kompetente Ansichten zum Thema Power Pop in derart
gebündelter Form noch nicht gab. Die beiliegende CD Compilation wird den
gemeinen Power Pop Fan sicher begeistern. Liefert sie doch 24 meist sehr
hörenswerte Tracks, die hier zum Teil erstmals erscheinen, manche auch nur
erstmals auf CD.
Mario Panciera – 45 Revolutions 1976/79, Vol. 1 2 kg, 85,- €, www.hurdygurdy.it/)
Dieses Nachschlagewerk könnte eine
Bibel für den Singles Sammler werden. Auf knapp 1800 Seiten werden weit über
3000 7“45s aus dem UK und Irland der Jahre 1976-1979 gelistet. Singles
aus den Bereichen Punk, New Wave, Mod, Power Pop, NWOBHM, Indie. Dabei ist es
zwar nicht immer ganz eindeutig klar, was drin ist und was nicht, als
Faustregel darf aber laut Vorwort gelten, dass alle Singles von Künstlern
berücksichtigt wurden, die nicht bereits vor 1976 eine Karriere mit
Plattenveröffentlichungen hatten und die im weitesten Sinne unter die genannten
Stilbereiche fallen. Ob Singles auf Major Labels oder independent erschienen,
spielt keine Rolle. Allerdings fehlen konsequenterweise die Ramones oder The Saints,
die zwar ihre größten Erfolge im UK (und Europa) feierten, aber eben nicht
daher stammen. Dafür finden wir die Dire Straits und U2, die trotz
Veröffentlichung bei großen Labels damals eher als New Wave galten und in
einschlägigen Fanzines besprochen wurden. Es gibt einige Grenzfälle in puncto
Release Date und in Bezug auf Stile und
Genres, die berücksichtigt wurden. Im Vorwort des Buches ist das alles genau
erklärt. Nur so viel: Neo-Rockabilly, Pub Rock, Rock’n’Roll ja
sogar Prog Rock sind drin, sofern die Künstler nicht vor 1976 bereits
veröffentlichten, Ska, Reggae, Disco, Funk und Avantgarde / Electronic sind
drin, falls die Künstler mit der damaligen Indie Szene eng verbunden waren und
nicht vor 1976 bereits veröffentlichten. Die Einträge sind alphabetisch nach
Künstlern und dann chronologisch geordnet. Zu jedem Eintrag gehören genaue
diskografische Angaben, Bewertung der Sammelwürdigkeit bzw. Rarität (aber kein
Preis), lexikalische Angaben zum Künstler soweit bekannt, mitunter originale
Reviews aus zeitgenössischen Publikationen und eine Cover bzw. Label Abbildung.
Im hinteren Drittel des Buches sind noch einmal Hunderte Cover in Farbe
abgebildet. Im Großen und Ganzen ist weit mehr aufgeführt, als man zunächst
vermutet. Nach dem Dezember 1979 ist aber konsequent Schluss. Das Buch ist in
englischer Sprache verfasst und so übersichtlich wie lesenswert, vom Wert als
Nachschlagewerk ganz zu schweigen.
Gilbert
Blecken – Destination: Pop (36
Interviews aus 18 Jahren, 210 S., Eigenverlag, 14,- €, bereits vergriffen)
So um die Wende von den 80er zu den 90er Jahren muss es
gewesen sein, da tauchte bei mir in der Twang-Tone Vinylwarenhandlung in Berlin
Schöneberg ein junger Mann auf, der sein Fanzine zum Verkauf anbot. Der Junge,
Typ linkischer schüchterner Oberschüler, ein Lumukarhu (Pflaumenbär) wie er im
Buche steht, blieb hartnäckig im Laden, bis ich seinem Druckerzeugnis die
gebührende Aufmerksamkeit zuteil werden ließ. Hieß das Fanzine damals schon
„Destination: Pop“? – Ich weiß es nicht mehr. Ich kann mich
auch nicht erinnern, ob ich je ein Exemplar verkauft habe. Aber Gilbert kam
regelmäßig wieder, um nach den Rechten zu sehen und um Nachschub zu liefern.
Gilbert
ist ein typisches Kind der 80er und ein Riesenpopfan. Während andere Jungs
Fußball spielten, stand Gilbert stundenlang vor Hintereingängen von Clubs und
Venues oder lungerte vor der Garderobe von Künstlern rum und wartete auf seine
Chance. Meistens wurde seine Ausdauer belohnt. Seine Gespräche mit Musikerinnen
und Musikern, die ihm alle auf die eine oder andere Art etwas bedeuten, hat er
nun in einem kleinen Buch erstmals komplett und in deutscher Sprache
veröffentlicht. Darunter sind sehr aufschlussreiche und verblüffend offene
Interviews mit Kirsty MacColl, Billy MacKenzie (The Assiocates), Terry Hall,
Kim Wilde, Marc Almond, Damon Albarn und Alex James (Blur), Kurt Cobain, Billy
Corgan, Ben Folds, James Dean Bradfield (Manic Street Preachers), Claudia
Brücken (Propaganda), Green Gartside (Scritti Politti), Charlotte Hatherley,
Alison Goldfrapp, Andy Sturmer (Jellyfish), Martin Fry (ABC), Neil Hannon und
noch einigen mehr. Das Spannende an diesen Interviews ist, dass sie fast immer
vor dem großen Durchbruch der Gesprächspartner oder lange nach dem Zenith ihres
Erfolgs stattfanden. Außerdem war der Interviewer immer bestens vorbereitet und
stellte zum Teil wirklich tiefer gehende Fragen. Es macht richtig Spaß, diese
Gespräche zu lesen, und man hat mitunter fast das Gefühl, direkt dabei zu sein.
Wenn ein Gesprächspartner mal nicht so gut drauf war, merkt man das auch. Und
Gilbert erläutert in seinen Einführungen zu den einzelnen Interviews ja auch
die Umstände des jeweiligen Gesprächs. Gescheiterte Interviewversuche werden
ebenfalls aufgeführt. An Bob Dylan haben sich schon ganz andere die Zähne ausgebissen.
Und wenn Mike Scott auf die Frage „Was glaubst du, müssen die Leute
mitbringen, um die Waterboys wirklich schätzen zu können?“ sinniert:
„Zwei Ohren. Das müsste vermutlich reichen.“, dann sollte man es
auch dabei belassen. Ist eh ne überschätze Band.
Wie schon gesagt, das Besondere, das Überzeugende an diesen
Interviews ist die kenntnisreiche, ungekünstelte Fragestellung des echten Fans.
Und die Antworten sind dann zum Teil erstaunlich offen und ehrlich. Listen der
je zehn Lieblingsplatten der Interviewten sowie einiger prominenter
Musikliebhaber (Daniel Brühl z.B.) runden das Buch ab. Und ein paar von Gilbert
selbst gemachte Fotos seiner Gesprächspartner sind auch enthalten. Das von
Kirsty MacColl nicht. Sie wollte ja auch eigentlich nicht fotografiert werden.
Und mit dem Fußball hat es übrigens auch noch geklappt. Gilbert war einige
Jahre Redakteur des Fan Magazins von Hertha BSC.
Ein
Halbweltroman
Henning Richter – Das Buch des Schmugglers (Iron
Pages Books, www.henningrichter-online.de)
Henning Richter ist Musikjournalist. Ein Kollege also. Und
er hat das gemacht, was ich auch schon immer mal machen wollte, wozu ich aber letztlich
immer zu faul war. Er hat ein Buch geschrieben. Kein Sachbuch und keine
Musikerbiografie. Das wäre ja noch vergleichsweise einfach für einen
Journalisten. Nein, Henning hat einen Roman geschrieben, einen Halbweltroman,
wie der Untertitel verrät. Ich habe ein bisschen gebraucht, den Roman bis zum
Ende zu lesen. Zum einen war ich viel mit anderen Dingen beschäftigt, aber das
Buch fesselte mich auch nicht wirklich so, dass ich es nicht aus der Hand hätte
legen mögen. Dennoch ist es ein unterhaltsamer und letztlich sogar ganz
spannender Roman. Ein Roman über einen Aussteiger, der von illegalen Geschäften
lebt, kurz davor steht, richtig Karriere zu machen, und am Schluss dann doch
sich selbst treu bleibt. Oder auch nicht? Ich bin da nicht sicher. Will aber
nicht zu viel verraten. Denn empfehlen kann ich die Lektüre auf jeden Fall. Vor
allem all jenen, die sich in ihrer Haut als jung dynamischer Enddreissiger
Single ohne feste Perspektive nicht so ganz wohl fühlen und kurz vor einer
Midlife Crisis stehen. Das Leben, wie es in dem Roman beschrieben wird, ist
ganz sicher nicht meins. Aber es ist, so vermute ich, gut beobachtet und ein
Stück weit vielleicht sogar autobiografisch. Wer weiß? Henning Richter ist
Musikjournalist. Da spielt natürlich auch Musik eine nicht unbedeutende Rolle
im Leben seines Protagonisten. Allerdings musste ich immer wieder schmunzeln
über die Art und Weise, wie journalistische Versatzstücke und zum Teil recht
klischeehafte Formulierungen, die man aus Musikzeitschriften kennt, so ein ums
andere Mal Eingang finden in den Roman. Nun ja. Insgesamt ein gelungenes Debüt
und eine kurzweilige Lektüre, die sogar eine Art Moral am Schluss bereit hält.
TB, 240 S. 14,90 €
Fanzines
Für Fanzines vergebe ich
grundsätzlich keine Bewertungspunkte. Schon die Tatsache, dass sich jemand die
Mühe macht ohne finanzielle Interessen über seine Lieblingsbands und -themen zu
schreiben, ist jedes Lob und jede Empfehlung wert!
Noisy Neighbours #19 (A4, Farbcover, sonst s/w, 68 S., 1,50 €, www.noisy-neighbours.com)
Das Zine für Musik, Film, Literatur und. So steht es im
Untertitel auf dem Cover. Ein professionell und ansprechend gemachtes Magazin
(Fanzine müsste man eigentlich sagen) für independent Musik von Punk bis
Neo-Folk, Electro-Clash bis Emocore, von neudeutschem Pop bis zu ehrlichem
Rock. Mit 1,50 € ist es fast preiswert. Ich frage mich, ob die Kosten da
(trotz einer ganzen Menge Anzeigen im Heft) wirklich gedeckt werden. Inhaltlich
wird genau das an neuer Musik abgedeckt, was die größeren Musik Magazine von
Spex bis Rolling Stone noch zu popelig finden oder gar nicht mitbekommen. Dabei
liegt der Schwerpunkt nach meinem Eindruck bei solchen Themen, die von
deutschen independent Firmen und unabhängigen Promotern aktuell angeboten
werden. D.h. auch, dass bestimmte Themen, die eben nicht oder kaum promotet
werden, in Noisy Neighbours auch nicht stattfinden. Insofern also doch kein
Fanzine. In der vorliegenden Nummer fiel mir positiv auf, ein Interview mit
Earthbend aus Finsterwalde, ein weiteres Interview mit der Ska Truppe The
Valkyrians aus Finnland, und ein längerer Artikel über Anna Ternheim aus
Schweden. Dazu kommen zahlreiche Reviews von Platten, Büchern und Konzerten.
Noisy Neighbours erscheint alle drei Monate. Es kann und will die Lektüre
größerer Musikmagazine nicht ersetzen. Für manchen kann es aber eine brauchbare
Ergänzung sein.
Rock’n Rollin Picture Show (A4, 52S., s/w Comic Heft, 5 €
inkl. Porto, www.nattercomix.de)
Ich
hoffe es ist noch nicht zu spät, denn dieses schöne Comic Heft liegt schon eine
ganze Weile bei mir rum. Und es ist streng limitiert und nummeriert. Jens
Natter, den ihr vielleicht noch von The Deibelz kennt, hat das Heft
zusammengestellt. Zehn junge Nachwuchszeichner sind beteiligt. Alle Geschichten
drehen sich um das Thema Rockmusik. Punk bzw. Indie Rock zumeist. Dabei werden
Musiker und Fans, Szene Gänger und Eigenbrötler gleichermaßen persifliert und
liebevoll unter die Lupe genommen. Stilistik und Qualität der einzelnen Comics
sind natürlich recht unterschiedlich. Aber insgesamt macht es großen Spaß, die
Geschichten zu lesen und die z.T. sehr gekonnt und aufmerksam gezeichneten
Charaktere zu studieren. Neben kurzen Sketchen gibt es kleine Stories. Frank
Zappa wird eine wilde Collage gewidmet, und der Song „Gloomy
Sunday“ wird in starken Bildern illustriert. Wie schon gesagt ist die
Auflage beschränkt, so dass eine zügige Bestellung zu empfehlen ist.
The
Flying Revolverblatt #27 (B4, 110S. s/w einige Seiten 4-farbig, 2,50 €, www.flying-revolver.net)
Das neue
Heft (#28) ist für den Herbst angekündigt, wird also Zeit, dass ich dieses
vorstelle. Wie üblich widmet man sich ausgiebig und liebevoll den eher derben
und räudigen Spielarten des Rock’n’Roll. Auf dem Cover der
prominenteste Verstorbene des letzten Jahres, Link Wray. Aber auch Nikki Sudden
wird in einem Nachruf geehrt. Bei Syd Barretts und Arthur Lees Tod war das Heft
schon erschienen. Aber keine Bange, das Revolverblatt beschäftigt sich auch mit
lebenden Rockern. So gibt es Interviews bzw. auf neuen Interviews
beruhende Artikel zu Motörhead, Danko Jones, Art Brut, Smoke Blow, Hot Snakes,
The Cool Jerks, The Defectors, Gluecifer, The Reverend Horton Heat, Adam West,
The Priscillas, Fifty Foot Combo, Nashville Pussy, Spitting Of Tall Buildings,
Rocko Schamoni, Amplifier u.v.a. Das 10-jährige Label Jubiläum von Bad Afro
Records wird gebührend gewürdigt. Und dann gibt es wie immer zahlreiche Konzertberichte und
viele viele Platten Reviews.
Ein
Buch
John Peel – Margrave Of The Marshes (Bantam
Der
Markgraf der Sümpfe, wohl eher ein Insider Joke, den man nicht unbedingt
verstehen muss. Markgrafen gab und gibt es in Großbritannien nicht. Und
Sumpfland – zumindest da wo John Peel lebte – auch nicht. Die
Biographie, die John Peel Ravenscroft leider nicht mehr selbst zuende schreiben
konnte. Seine Frau Sheila hat – mit Unterstützung der vier Kinder der
Beiden – das Werk vollendet. Im ersten Teil, der die Kindheit, die
Schulzeit, die 18 Monate bei der britischen Armee, sowie die ersten Jahre in
den USA behandelt, schreibt John noch selbst. Sehr ausführlich und sehr offen
und ehrlich. Sein trockener Humor, seine flüssige Erzählweise und nicht zuletzt
der spannende und höchst aufschlussreiche Inhalt seines Berichts machen das
Lesen zu einem großen Vergnügen. Auch wenn einem die Freude durch manch
hässliches Detail seiner Erfahrung mit älteren Schülern, Lehrern und Vorgesetzten
in den 50er Jahren mitunter vergällt wird. Johns Bericht wird auf dem Weg zu
einem mexikanischen Bordell Mitte der 60er Jahre jäh unterbrochen. Seine Frau
Sheila nimmt die Berichterstattung ab 1968, dem Jahr in dem John und sie sich
kennen lernten, wieder auf. Auch wenn sie seinen Stil, seinen Wortwitz sehr gut
trifft, so ist ihr Bericht doch lange nicht so ausführlich und selten so
detailliert. Auch wenn die Chronologie gewahrt ist und immer wieder Zitate aus
Johns Tagebüchern und aus seinen Veröffentlichungen in Zeitschriften
einfließen, so bleibt Vieles doch unbeleuchtet oder wird nur kurz gestreift.
Johns Zeit beim Piratensender Radio London gehörte sicher mit zum
Interessantesten, das leider nun so gut wie undokumentiert ist. Auch seine
Außenseiterrolle bei der BBC hätte einiger klärender Worte aus seiner Feder
bedurft. Es hat nicht sein sollen. Sheila kann man freilich keinen Vorwurf
daraus machen. Sie hat in wunderbarer Weise den Vater, Großvater aber auch den
absoluten Musikenthusiasten und ständig auf der Suche nach Neuem befindlichen
John Peel beschrieben. Den unermüdlichen DJ ebenso wie den prinzipienfesten Fan
des FC Liverpool. Der Verlust, den wir durch seinen viel zu frühen Tod erlitten
haben, wird aus jeder Zeile dieses Buches überdeutlich.
Zurück zu Twang! News Singles Longplayer Re-Issues Konzertrückschau Fanzine Reviews Unsigned Talent Links Album des Monats