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letztes Update: 08. März 2017


Bücher und Zeitschriften über Musik

150 Einträge in die Punk Geschichte

Damaged Goods (herausgegeben von Jonas Engelmann, Ventil Verlag, 390 Seiten, broschiert, 20,- €)

 

Die Überschrift hier ist eigentlich der Untertitel dieser Essay Sammlung, die bereits im September 2016 erschien. Ich hab‘ das Buch erst jetzt in die Finger bekommen und zügig durchgelesen. Wie so oft beim Ventil Verlag lässt mich die Lektüre mit gemischten Gefühlen zurück. Oder anders gesagt, ich weiß nicht so recht, was dieses Buch soll. Die Vorgabe des Verlags war wohl, schreib etwas über eine Platte, die für dich zu Punk gehört, die du für bedeutend oder wichtig für das Thema Punk hältst. So oder ähnlich jedenfalls. Angesprochen durfte sich jede oder jeder aus dem Umkreis des Verlags fühlen. Herausgekommen ist dabei eine ziemlich zufällige und wilde Mischung aus Artikeln, Essays Rezensionen, die nach Meinung ihrer Verfasserinnen oder Verfasser irgendwie mit Punk zu tun haben. Das reicht zurück bis in die 1960er Jahre. Und die Beiträge sind auch grob chronologisch geordnet. Es beginnt mit The Monks, The Velvet Underground und The Fugs, geht über Ton Steine Scherben und The New York Dolls sowie Patti Smith, Kiev Stingl und Peter Hammill zu Blondie, den Ramones und den Sex Pistols. Und so geht es dann weiter bis in die Gegenwart zu Pussy Riot, Sleaford Mods und den Savages. Immer nach dem Motto, Punk ist, wenn man Punk daraus macht. Ein roter Faden fehlt mir da ehrlich gesagt. Sicher, soweit ich das beurteilen kann, kommen etliche Alben, die für das Thema Punk irgendwie bedeutend sind, in dem Buch vor. Es kommen auch einige vor, die mit Punk relativ wenig zu tun haben. Doch ist das ja vielleicht auch eine Frage des Standpunkts. Und man kann natürlich das Ganze auch von einer höheren Warte aus betrachten. Dann gehören die vielen New Wave und Post Punk Platten ebenso dazu, wie die Vorläufer und Vorbilder aus der Zeit, als man mit Punks eher nichtsnutzige Rumtreiber bezeichnete. Was mich am meisten ärgert ist die Tatsache, dass Punk als musikalisches Phänomen eigentlich gar nicht thematisiert wird. Zu der Zeit als er gesellschaftlich bedeutend war, fand Punk fast nur auf Singles statt, Das unterschlägt das Buch einfach. Es werden fast ausschließlich Alben vorgestellt und besprochen. Auf einzelne Artikel will ich hier gar nicht eingehen. Das Qualitätsgefälle ist jedoch ziemlich heftig. So erfährt man hier und da wirklich Wissenswertes und liest vernünftige Analysen, während man andererseits über Ahnungslosigkeit und Inkompetenz den Kopf schüttelt.

 

Rudi Protrudi – The Fuzztone, Raisin’ A Ruckus (A4, Hardcover, 200 S. incl. CD)

Rudi Protrudi – The Fuzztone, A Life At Psychedelic Velocity (A4, Hardcover, 200 S. incl. CD)

 

Rudi2.jpgRudi1.jpgSo. Rudi Protrudi hat also seine Memoiren geschrieben. Viel zu erzählen hat er ganz sicher aus einem nun schon 64 Jahre währenden Leben als Musiker und Garage Rock Kultfigur. Geboren wurde Rudi in Washington D.C. zehn Tage vor Weihnachten. Seine Mutter stammte aus New Jersey und sein Vater war Grieche. Aufgewachsen sind Rudi und seine Schwester Rene mit der Familie der Mutter. Rudi war schon als kleiner Junge Fan von Chuck Berry. Und natürlich erwischte ihn auch die Beatlemania voll und ganz. Schon bald fing er selbst an Gitarre zu spielen. Ein Ausflug nach New York City Mitte der 60er hat den jungen Rudi schwer beeindruckt. Und es dauerte nicht lang, da spielte er selbst in Bands. Sogar im lokalen Fernsehen trat er Ende der 60er mit einer dieser Bands auf. Rigor Mortis hieß die Band, und Rudi hieß damals noch Glen. Nach der Schule kam der Musterungsbescheid. Der Vietnam Krieg war in vollem Gange, und so wundert es nicht, dass Rudi ziemlichen Schiss hatte, eingezogen zu werden. Mithilfe einer radikalen Diät und dem Konsum von LSD schaffte er es jedoch gerade so, ausgemustert zu werden. Letztlich wuchs Rudi wohl ähnlich auf wie viele andere Jugendliche in den Sixties, auch wenn er tatsächlich immer etwas wilder und schräger drauf war als der Durchschnitt. Aufnahmen seiner Sixties Bands sind erst in den letzten Jahren veröffentlicht worden. Und die CDs, die den beiden Büchern hier beiliegen, enthalten auch so einiges Archivmaterial. Rudis erste Band, die dann auch in Vinyl verewigt wurde, war Tina Peel. Das war eine Power Pop und Art Punk Band aus Washington D.C., die Ende der 70er einige Singles veröffentlichte. Rudis Partnerin Deb O’Nair war da schon mit von der Partie. Mit ihr gründete Rudi dann Anfang der 80er The Fuzztones, die es bis heute in wechselnden Besetzungen gibt. Einzige Konstante über all die Jahre: Rudi Protrudi. The Fuzztones agierten zunächst von New York City aus, von der Lower East Side genauer gesagt. Später dann zog es Rudi nach Kalifornien an den Sunset Strip von L.A. Die Band The Fuzztones feierte ihre größten Erfolge in Europa. Und so ist es irgendwie auch konsequent, dass Rudi schließlich selbst übersiedelte. In Holland lebte er einige Zeit in den 90ern. Und in Berlin ist er nun schon seit rund zehn Jahren ansässig. All seine Erlebnisse und Erfahrungen sind in diesen beiden Büchern beschrieben von ihm selbst, aber auch in Interviews und Statements von Freunden, Familienangehörigen und Weggefährten. Das erste Buch behandelt Kindheit und Jugend sowie die musikalische Karriere bis Mitte der 80er Jahre. Im zweiten Band folgt dann der Rest bis in die Gegenwart hier in Berlin. Beide Bücher sind auf Englisch und enthalten zahlreiche Fotos und Abbildungen in Farbe und schwarz/weiß. Die beiden CDs bieten wie gesagt jede Menge unveröffentlichtes Material von den Sixties bis heute, von Rudis erster Band King Arthur’s Quart bis zu Aufnahmen mit Psychedelic und Garage Rock Legenden wie Arthur Lee, Sky Saxon, Sean Bonniwell und James Lowe. Jeder Band kostet 29,90 € und ist bei www.fanproshop.de erhältlich.

Neues zum Lesen

GetHappy7.jpgget happy!? #7 (A4, 96S. 6,90€)

Fast zwei Jahre sind vergangen, seit die letzte Ausgabe dieser sehr ambitionierten Musikzeitschrift erschien. Manch einer hatte sie vielleicht schon abgeschrieben. Aber nun ist sie wieder da in neuem und zugleich altem Glanz. Ein paar Namen im Editorial sind verschwunden, andere hinzugekommen. Inhaltlich ist die Qualität nach wie vor hoch. Ein zeitloses Kultur Magazin, das vor allem die Bereiche Musik, Film, Literatur und Comic abdeckt. Dabei ist die Bandbreite groß wie immer schon bei „get happy!?“. Schwerpunkt dieser Ausgabe ist Kalifornien. Auf 55 Seiten erfahren wir viel über Joni Mitchell, Woody Guthrie, The Beach Boys und ihr Album „Pet Sounds“, West Coast Jazz, The Sound Of Compton, The Beat Generation, die Comics von Jaime Hernandez, die Serie Transparent von Jill Soloway, die besten TV Serien aus dem Golden State, die 15 besten LPs Kaliforniens im Voting der Redaktion und Mitarbeiter und noch einiges mehr. Weitere Themen des Heftes sind die Ramones, Gil Scott-Heron, Brian Eno, die Pet Shop Boys, Sofia Coppola sowie Darius Jones, Neuheiten und Re-Issues im Jazz, und dann ist immer noch nicht Schluss. Alle Beiträge sind kompetent geschrieben wie immer. Und auch wenn einen nicht jeder Artikel brennend interessiert, man zieht aus allen einen Gewinn, man lernt etwas hinzu. Diese Zeitschrift sollte doch in Zukunft etwas regelmäßiger erscheinen, dann findet sie ja vielleicht auch noch mehr Leser.

Georgie Fame, There’s nothing else to do, Life and music – von Uli Twelker (492 S. Hardcover, 24,95 €)

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob das die erste Biographie von Georgie Fame ist, aber es ist mit Sicherheit die umfangreichste. Georgie Fame, geboren 1943 als Clive Powell in Leigh, nordwestlich von Manchester, ist der Pate des britischen R&B und bis heute einer der vielseitigsten R&B und Jazz Musiker Englands. Ich muss gestehen, bevor ich diese dicke Buch gelesen hatte, wusste ich nicht allzu viel über den Sänger und Organisten. Seine drei großen Sixties Hits kannte ich, „Yeh Yeh“, „Get Away“ und „The Ballad Of Bonnie and Clyde“. Dass er jahrelang bei Bill Wymans Rhythm Kings die Orgel oder das Piano spielte und gelegentlich auch sang, das wusste ich auch. Mehr aber auch nicht. Dieses Buch erzählt nun seine Geschichte von den Anfängen mit Duffy Power, Marty Wilde, Billy Fury unter den Fittichen eines gewissen Larry Parnes über die Zeit im legendären Flamingo Club in Soho mit den Blue Flames bis zum Erfolg als Solo Sänger. Und das sind noch nicht mal die kompletten Sixties. En passant erfährt man wer damals mit wem und wo gespielt hat, quasi die Geschichte der Londoner R&B und Mod Szene wird gleich mit erzählt. Fames Jahre als Jazz und Lounge Musiker mit und ohne Big Bands folgen. Dann die Zeit mit Alan Price als Duett Partner. In diese Zeit fällt auch die Hit Single „Rosetta“, an die ich mich natürlich leider auch erinnern kann. Fames Privatleben wird nur gestreift, aber man erfährt natürlich auch etwas über seine Familie, mit der er offenbar glücklich auf dem Land lebte und noch lebt. Seine beiden inzwischen erwachsenen Söhne haben oft genug auch mit ihm gemeinsam Musik gemacht. Aber das passierte natürlich erst viel später. In den Siebziger Jahren war Fame eine Zeitlang bei Chris Blackwell und Island unter Vertrag. Reggae und Ska Platten  machte er jedoch erst danach für Pye Records. Mit Stevie Wonder, mit Hoagy Carmichael, mit Van Morrison hat Fame zusammen gearbeitet. Elvis Costello hat einen Song für ihn geschrieben. Und immer wieder Jazz, und immer wieder Liveauftritte rund um den Globus. 1990 werden die Blue Flames wieder- bzw. neu belebt. Da sind dann auch die Söhne James und Tristan dabei. Und so geht das weiter über die Zeit mit den Rhythm Kings bis ins neue Jahrtausend. Jede LP, die Georgie Fame gemacht hat, wird ausführlich vorgestellt, Track für Track. Zahlreiche Interviews hat der Autor geführt. Nicht nur immer wieder mit Georgie Fame selbst, auch mit zahlreichen Wegbegleitern, Mitmusikern und anderen Zeitzeugen. Dabei herausgekommen ist eine sehr umfangreiche Geschichte eines Musikerlebens, die absolut spannend zu lesen ist, auch wenn man gelegentlich bei den vielen Namen und Querverweisen durcheinander geraten kann. 100 schwarz/weiß Abbildungen runden die Sache ab. Am Ende gibt es dann noch eine ausführliche Diskographie und Bibliographie. Geschrieben ist das Buch übrigens in Englisch. Uli Twelker ist zwar Deutscher, aber als Englischlehrer und Musikjournalist, der sich sein Leben lang mit angloamerikanischer Musik beschäftigt hat, fällt es ihm nicht schwer, sich in dieser Sprache auszudrücken. Georgie Fame ist inzwischen 71, aber wie es aussieht, hat er sich noch nicht aufs Altenteil zurückgezogen.

12Zoll.jpgDirk Weder – 12 Zoll, Vinylgeschichten (united p.c.)

Auf dieses kleine Buch bin ich durch das Leserforum des deutschen Rolling Stone aufmerksam geworden. Der Autor beschreibt dort autobiografisch und in Form kleiner Anekdoten, die Schwierigkeiten des Musikfans in der DDR. Wer wie ich Freunde und Verwandte in der DDR hatte, dem sind diese Geschichten zum Teil durchaus geläufig. Es gab ja damals in den 1970er und 80er Jahren in der DDR kaum Möglichkeiten, Schallplatten aus westlicher Produktion zu kaufen. Der Fan westlich geprägter Rockmusik hörte eifrig Radio und schrieb fleißig mit. Außerdem wurde so viel wie möglich auf Bänder und Kassetten aufgenommen. Das staatliche Amiga Label veröffentlichte zwar mehr oder weniger Platten mit westlicher Rock und Pop Musik in Lizenz, allerdings wusste der geneigte Fan nie, wann genau was in die Läden kam. Und so stellte man sich prophylaktisch immer an, wenn es hieß, eine neue Lieferung wird erwartet. Notfalls konnte man später auch noch Peter Alexander weiter verkaufen oder gar gegen Besseres eintauschen. Eine Reise in die CSSR oder nach Ungarn war für den DDR Rock Fan immer recht kostspielig. Dort fand man nämlich weit mehr Lizenzpressungen und sogar Originale aus dem kapitalistischen Ausland, zu entsprechenden Preisen versteht sich. Dirk Weder erzählt das alles recht amüsant und anschaulich. Auch von seiner Erfahrungen als Hobby DJ berichtet er. Wer wissen möchte, wie das damals war in der DDR und wer verstehen möchte, warum ehemalige DDR Bürger als Rock Fans so ticken, wie sie ticken, dem sei dieses Büchlein wärmstens empfohlen.

GetHappy6.jpgget happy!? #6 (A4, 96 S. mit 7“, 11,90 €)

Die Zeitschrift get happy!?, die aus dem Leserforum des deutschen Rolling Stone heraus entstand, ist nun fast schon etabliert. Die neue Ausgabe enthält sogar eine exklusive 7“ Single. Man kann das Heft aber auch ohne Platte erwerben. Dann kostet es die gewohnten 6,90 €. Die aktuelle Ausgabe hat Berlin als Schwerpunkt. Das ist schön. Es freut mich allein schon deshalb, weil ich in Berlin geboren bin und nach wie vor hier lebe. Was mich allerdings irritierte, als ich das Heft zum ersten Mal durchblätterte, das Berlin, das mir vertraut ist und am Herzen liegt, kommt eigentlich kaum vor. Da ich nun aber fast alles im Heft gelesen habe, bin ich schon wieder etwas versöhnt. Zwar ist das zumeist überhaupt nicht meine Musik, um die es da geht, aber einige Artikel sind dennoch ausgesprochen lesenswert. Besonders die Titelstory zu Nick Cave sowie der Artikel zu David Bowie haben sich gelohnt. Auch wenn ich kein großer Verehrer dieser beiden Musiker bin, war es interessant, Näheres über ihre Zeit in Berlin zu erfahren. Ganz spannend war auch der Blick eines noch jugendlichen Hagen Leibing auf Ton Steine Scherben, die er erst mit ihrer dritten LP und dadurch doch ganz anders kennen lernte als ich. Das Interview mit Thomas Fehlmann war zwar durchaus informativ, aber für mich letztlich verzichtbar. Ebenso habe ich dem Gespräch mit Andrew Unruh nichts Wesentliches entnommen, auch wenn er immerhin weit angenehmer wirkt als sein Kollege Blixa Bargeld. Der lange Tangerine Dream Artikel bot für mich auch nichts Neues. Mit Interesse las ich dagegen die Beiträge zum Chanson der Weimarer Republik, zum Swing der 20er Jahre und zum Thema Jazz in Berlin. Zwar hat keiner dieser Artikel zu Spontankäufen von Tonträgern geführt, aber man erweitert ja gerne den Horizont ein wenig. Mit der Sorte Gegenkultur der beiden Müllers, Wolfgang und Max, konnte ich noch nie etwas anfangen. Da finde ich es auch eher skurril, wenn sie einerseits den frühen Lindenberg loben, zum „Fun Punk“ der Ärzte aber auf Distanz gehen. Ihre beiliegende Single enthält zwar keinen Punk und auch kein Fun, aber mehr als 1x hören mag ich sie auch nicht. Doebelings Definitives Dutzend ist natürlich wie immer willkommen und erhellend. Und die Konzertfotos von Norbert Bauer sind schlicht toll. Was die Berlin Platten der Redaktion und der befragten Mitarbeiter betrifft, so finden sich meine Vorlieben da auch nur am Rande wieder, aber das stört mich nicht weiter. Das bin ich gewöhnt. Das gesamte Thema Film nimmt im Heft einen relativ breiten Raum ein. Das alles las ich mit großem Interesse, sei es nun das Interview mit Jörg Buttgereit oder die Geschichte des Films „Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich. Die literarischen Themen interessierten mich zwar nur peripher, und Sven Regeners Herrn Lehmann kennt man ja nun schon ganz gut, aber gelesen hab‘ ich das alles brav. Bei Berlin und Comic fällt mir durchaus noch mehr als der Reprodukt Verlag ein, aber was soll’s, der Artikel ist dennoch lesenswert. Fazit: das Heft ist lohnend, aber ein zweiter Teil mit den Berlin Themen, die mir wichtig sind, müsste noch erscheinen.

Favourite German 7” Sleeves

Single SleevesHermann Anschlag – 200 der schönsten deutschen Singles-Covers (www.otis-verlag.de)

Vor gut einem Jahr hat Hermann Anschlag seine 200 liebsten Singles in einem Buch vorgestellt, mit Coverabbildungen natürlich. Nun gibt es den zweiten Teil. Dieses Mal liegt der Schwerpunkt bei den Bildhüllen. Wie im Titel schon angedeutet war die Gestaltung des jeweiligen Covers ausschlaggebend für die Auswahl, wobei die Musik natürlich trotzdem als ursprüngliches Kriterium die Vorauswahl bestimmte. Hörenswert sollen die vorgestellten Singles schon sein. Dabei ist wieder ein sehr schön anzusehendes Buch entstanden mit vielen durchaus auch raren Coverabbildungen. In die Auswahl kamen nur deutsche Bildhüllen. Seit den späten 1950er Jahren gibt es eigene Single-Covers in Deutschland. Und auch wenn es noch in anderen Ländern ebenfalls gestalte Bildhüllen für 7“ 45s gab damals in den Sixties und später, so waren es doch die aus Deutschland – neben den französischen EP Covers – die besonders schön und eigenständig gestaltet waren. Hermann Anschlag zeichnet in seinem Buch die Entwicklung der graphischen Gestaltung dieser Covers sehr anschaulich nach. Von den frühen Singles der Everly Brothers etwa über die verschiedenen Varianten an Beatles und Stones Singlehüllen bis hin zu wirklich tollen Gebrauchsgrafiken für Covers von Hendrix, The Kinks, Fairport Convention u.v.a. Die Beispiele reichen bis weit in die 80er Jahre, wobei der Schwerpunkt naturgemäß in den Sixties liegt. In vielen Fällen werden verschiedene Covervarianten gezeigt. Erläuterungen zur Musik und den Platten sowie ungefähre Preisangaben für den Sammler runden die Sache ab. Das Buch kostet 22,80 € zzgl. Versand, was für so ein feines Nachschlagewerk und Bilderbuch wirklich nicht zu viel ist.

Favourite 45sHermann Anschlag – Favourite 45s (Broschur, A4, 120 S., www.otis-verlag.de)

Langjährige Mitglieder bzw. Leser des Leserforums des deutschen Rolling Stone kennen sicher Otis, der zu den ersten dort vor über zehn Jahren registrierten Usern gehört. Und sicher erinnern sie sich auch an seinen vor Jahren gestarteten Thread im Forum mit dem Titel „Favourite 45s“, in dem Otis (also der Musikfan und Singles Kenner Hermann Anschlag) seine liebsten 7“45s vorstellte. Wie so vieles andere ist dieser Thread im Forum irgendwann eingeschlafen. Nun hat Hermann/otis eine Auswahl von 200 Singles in einem limitierten Buch versammelt. Auf Grundlage seines Threads im RS-Forum wurden Beschreibungen und Kurzvorstellungen überarbeitet und aktualisiert. Einige Singles in diesem Buch kamen im Forum noch gar nicht zur Sprache. Die 200 Singles werden chronologisch vorgestellt. Es beginnt mit der ersten Elvis 7“ auf Sun Records aus dem Jahr 1954, und es endet vorläufig mit der Van Dyke Parks Single „Black Gold“ aus dem Jahr 2012. Jede Single wird abgebildet (meist mit einem Picture Sleeve) und in einem ca. halbseitigen Text vorgestellt, historisch eingeordnet und oft auch in sehr persönlichen Worten gewürdigt. Den Schwerpunkt bilden – nicht zuletzt aufgrund des Alters und der musikalischen Sozialisation des Autors – die Sechziger Jahre. Auch die Fünfziger und Siebziger Jahre sind gut repräsentiert. In den 70s ist es vor allem die zweite Hälfte, die was 7“ Veröffentlichungen betrifft von Punk und New Wave und den zahlreichen independent Singles geprägt wurde. Natürlich tauchen viele allgemein bekannte und schon anderswo dokumentierte und gewürdigte Platten auf, aber es gibt sicher auch die eine oder andere Entdeckung zu machen. Und die sehr informativen und zum Teil persönlichen Texte bieten uneingeschränkten Lesegenuss. Über ein paar kleine Fehler liest man da gerne hinweg. Sollte es eine zweite Auflage dieses auf 200 Exemplare limitierten Bandes geben, werden sie sicher ausgemerzt. Am Anfang des Buches steht eine Einführung des Autors, die eine kompromisslose Liebeserklärung an die 7“45 ist. Übertroffen wird sie nur noch vom Geleitwort des erklärten Singles Fans Wolfgang Doebeling, der wie gewohnt kein Blatt vor den Mund nimmt. Am Ende dann des Autors persönliche Top 100 der besten 7“45s aller Zeiten, sowie eine chronlogische Liste weiterer 200 Fave 45s. Insgesamt ein für Freunde und Hörer von Vinyl Singles sehr empfehlenswertes Buch. Aber auch nicht so Single affine Musikliebhaber finden hier interessanten Lesestoff, der vielleicht ja dann eine neue Leidenschaft für die kleinen runden schwarzen Scheiben begründet.  

Wolfgang Doebeling – Pleased To Meet You (Hardcover, 256 S., Wilhelm Fink Verlag)

Pleased To Meet YouWolfgang Doebeling muss ich hier wohl nicht erst ausführlich vorstellen. Wer sich für Pop Musik angloamerikanischer Herkunft mehr als nur oberflächlich interessiert, dem ist dieser Name bestimmt schon begegnet. Sei es als Autor des Tip Magazins in den 1980er Jahren, als Moderator der Sendung Roots, die es seit 25 Jahren allwöchentlich im Äther gibt, oder als Autor des deutschen Rolling Stone nun auch schon seit bald 20 Jahren. W.D. hat sich in all den Jahren als glühender Fan, als kompromissloser Verfechter seiner Prinzipien, aber auch als unbestechlicher Kritiker und vor allem als unvergleichlicher Kenner seines Sujets erwiesen. In den rund 35 Jahren, die er als Musikjournalist tätig ist, hat er mehr als tausend Interviews geführt. Viele davon wurden bisher gar nicht oder nur teilweise publiziert. Einige dieser Interviews werden nun in Auszügen veröffentlicht. Schwerpunkt des ersten Bandes von „Pleased To Meet You“ ist die Musikgeschichte des UK seit den 1950ern, abgebildet in der Erinnerung einiger daran nicht ganz Unbeteiligter. Mit allen vier noch lebenden Stones der Ur-Besetzung sprach Wolfgang Doebeling ebenso wie mit Paul McCartney und Ringo Starr, mit Pete Townshend und Ray Davies, Graham Nash, David Bowie, Elvis Costello und Joe Strummer. Dabei werden nicht einfach nur die Gespräche wiedergegeben. Doebeling führt den Leser in die jeweilige Gesprächssituation ein, liefert zusätzliche Informationen und fasst zusammen, wo es nötig scheint. Was beim Lesen dieser Interviews vor allem auffällt, W.D. ist immer bestens vorbereitet, und er kennt sich in der britischen Pop Geschichte aus wie kein Zweiter. Aber auch in der Tagespolitik Großbritanniens, in allen gesellschaftlichen und kulturellen Belangen des UK erweist er sich als Insider und kompetenter Gesprächspartner, was besonders im Gespräch mit Mick Jagger zu unerwarteter Tiefe und zu einem höchst lesenswerten Schlagabtausch führt. Im Übrigen versteht es Doebeling immer wieder, den jeweiligen Gesprächspartner in die Richtung zu lenken, die ihm am Ergiebigsten erscheint, was sicher nicht immer ganz einfach ist, wollen doch die Musiker in der Regel ihr gerade aktuelles Album promoten und nicht vornehmlich über ihre Anfänge in den Sixties und ihre musikalischen Wurzeln reden. Gelegentlich ist W.D. nicht ganz so erfolgreich mit seinen bohrenden Fragen. Aber bei aller Diplomatie redet er den Interviewten nie nach dem Mund. Die Gespräche finden immer auf Augenhöhe statt. Im Ergebnis ist dies also ein höchst lehrreiches, zum Teil auch vergnügliches Buch, das viele neue Einblicke und Einsichten gewährt. Das Vorwort von Fran Healy ist eine Art Liebeserklärung an Wolfgang und beschreibt den Mann auf das Schönste. Dieses Buch ist fast so spannend wie ein Krimi, und man hat es schnell ausgelesen. Wann erscheint der zweite Band?

FlashbackFlashback

Etwas verspätet zwar, aber sicher nicht zu spät, möchte ich auf ein neues Periodikum hinweisen. Fanzine trifft es nicht ganz, denn es ist weit mehr als das. Und für ein „normales“ Musikmagazin ist es zu umfangreich und zu tiefgehend, finde ich. Flashback ist ähnlich wie Ugly Things eher ein Buch. Mit über 200 Seiten im A4 Format auf Hochglanzpapier und ganz in Farbe kommt dieses Werk daher. Mit den vergessenen oder übersehenen bzw. überhörten Geheimtipps der 1960er und 1970er Jahre will sich diese Zeitschrift beschäftigen. Psych, Prog, Jazz, Folk, Blues & beyond, so steht es auf dem Cover. In der ersten Ausgabe, die im Frühjahr erschien, gibt es eine äußerst umfängliche Geschichte der Band Mad River, ein nicht ganz so detailliertes aber sehr lesenswertes Porträt der ersten Frauenrockband Fanny, ein exklusives Interview mit Linda Hoyle, eine Geschichte der psychedelischen Musik bzw. ihrer Anfänge in den Fifties, die 100 unterbewertetsten Gitarristen der Sixties und Seventies in kurzen Einzelporträts und noch vieles mehr. Die Smile Sessions der Beach Boys werden analysiert und erläutert, und es gibt reichlich Reviews aktueller Re-Issues. Der Coverpreis beträgt 5,99 GBP, aber da das Magazin einiges wiegt, muss mit einem deutlich höheren Preis gerechnet werden, egal ob man es direkt beim Verlag bestellt oder es hier irgendwo im Fachhandel kauft. Weitere Infos unter www.flashbackmag.com.

get happy!? magazine (A4, 98S., vierfarb hochglanz Druck, 6,90 € plus Versand, www.gethappymag.de)

Die Idee zu diesem Magazin entstand im Internet Leser Forum des deutschen Rolling Stone. Das war vor ca. einem halben Jahr. Und nun liegt bereits die erste Ausgabe eines absolut professionell gestalteten Magazins zur Popkultur vor, das im deutschsprachigen Raum seinesgleichen sucht! Von der Titelstory abgesehen, die sich mit dem soeben erschienenen Mythen umrankten „Smile“ Album der Beach Boys beschäftigt, werden nur Themen behandelt, die vollkommen unabhängig von Erscheinungsterminen und äußerem Aktualitätsdruck sind. Die inhaltliche Bandbreite ist so groß wie die Vielfalt der Mitarbeiter des Heftes. Ein Schwerpunkt der Ausgabe ist die Musik Metropole Los Angeles mit The Beach Boys und „Smile“, einem Interview mit Domenic Priore dazu, Reviews der post-Smile Beach Boys LPs, Artikeln zu Charles Manson als Musiker sowie dem Country Produzenten Ken Nelson, Modern Jazz in L.A. und darüber hinaus, Frank Sinatra und Reprise, einem Blick auf die L.A. Soul Szene mit Gastbeiträgen internationaler Northern Soul DJs. Und auch Doebelings „definitives Dutzend“ konnte reaktiviert werden mit den besten Tracks zu L.A. Das ist aber längst nicht alles. Die Band Stereolab wird ausführlicher vorgestellt. Es gibt ein Porträt des französischen Liedermachers Renaud. Ein längeres Interview mit Howe Gelb, sowie ein etwas kürzeres mit Lloyd Cole und eines mit Steve Cradock gibt es. Über Judy Garland gibt es einen informativen Artikel, und einen anderen über Joao Gilberto. Moderner Electropop wird beleuchtet. Ingmar Bergman ist ein Bericht gewidmet und ein anderer Kenneth Anger. Exploitation Filme von Jack Hill werden vorgestellt. Man kann etwas zu „Classic British Comedy“ lesen. Es gibt einen Abriss zum britischen independent Label Sarah Records, und ein Singles Liebhaber stellt ein paar seiner liebsten Rock’n’Roll 45s vor. Zwei legendäre LPs werden etwas eingehender behandelt aus ganz individueller Sicht, „Marquee Moon“ von Television und „Hatful Of Hollow“ von The Smiths. Dem kanadischen Comiczeichner Dave Sim ist ein weiterer Artikel gewidmet. Und so geht es fort mit weiteren kleineren Beiträgen. Aktuelle Plattenbesprechungen fehlen wie gesagt völlig. Allen Artikeln gemeinsam ist die Tatsache, dass sie kenntnisreich und mit Begeisterung für ihr Sujet geschrieben sind. Dabei ist häufig eine individuelle persönliche Herangehensweise festzustellen. Davon profitieren diese Beiträge in besonderem Maße, wie ich finde. Man kann diese Zeitschrift immer wieder zur Hand nehmen und darin schmökern. Wirklich ein gelungenes Debüt! Ich hoffe, Vielfalt und Niveau bleiben so.  

Gilbert Blecken – Destination: Pop (Paperback, 288 S. 18,- € bei www.booklooker.de)Destination Pop

Dies ist eine erweiterte Neuauflage des Buches, das Gilbert im Eigenverlag bereits vor zwei Jahren herausbrachte. (siehe auch GG145) 50 Interviews aus 20 Jahren heißt es nun im Untertitel, von ABC bis Zoot Woman. Gilbert hat seine ganz eigene Herangehensweise an Popmusik und an das Interviewen von Künstlern, Musikern. Das macht dieses Buch so lesenswert, ganz abgesehen von seinem historischen und dokumentarischen Wert. Bei den neu hinzugekommenen Gesprächen haben mir besonders die mit Madness, Wire und mit Nina Persson /A Camp sowie mit Jaz Coleman von Killing Joke und Tim Burgess /The Charlatans gefallen. Wegen der interessanten Fragen einerseits und weil ich bisher wenig zu diesen Künstlern gelesen hatte. Der Druck ist besser als bei der ersten Auflage, und die Farbfotos im Mittelteil kommen so noch besser zur Geltung. Die Auflage ist klein, also sollte man sich beeilen, wenn man noch ein Exemplar haben möchte. 

John M. Borack – Shake Some Action (The Ultimate Power Pop Guide, 200 S., broschiert, inkl. CD, Not Lame Publishing, 29,95 $, www.notlame.com)

Shake Some Action„Quadratisch, praktisch, gut!“, möchte man spontan sagen zu diesem längst überfälligen Leitfaden in die Welt des Power Pop. Und tatsächlich ist dieses Buch konkurrenzlos gut, eben weil es konkurrenzlos ist. John Borack ist ein amerikanischer Musik Journalist (Goldmine, Amplifier u.a.) und ausgewiesener Kenner des Genres Power Pop. Das Buch besteht aus ein paar einleitenden, historischen und durchaus erhellenden Artikeln zum Thema Pop im Allgemeinen und Power Pop im Besonderen. Den größten Teil machen dann allerdings Listen aus. Da gibt es zunächst die 200 besten Power Pop Alben. Die Auswahl traf der Autor. Das ist soweit ok. Dass er sich auskennt und den nötigen Überblick hat, darf man voraussetzen. Schwierig wird’s allerdings bei seinen sozusagen außermusikalischen Kriterien. Nur ein Album pro Künstler? – So nachvollziehbar sein Postulat der möglichst großen Vielfalt ist, es gibt nun mal besonders wichtige und großartige Bands des Genres, die mehr als ein hörenswertes Album veröffentlicht haben. Auch dass Borack – in Ausnahmefällen schreibt er – Best Ofs und CD-Twofer berücksichtigt, macht die Sache leider recht zweifelhaft. Erstens lässt er so quasi durch die Hintertür doch mehr als ein Album pro Künstler zu. Und zweitens ist eine solche Vorgehensweise ahistorisch und stilistische Entwicklungen negierend. Zu jeder gelisteten Platte gibt es natürlich ein paar lexigrafische und historische Angaben. Und eine stilistische Einordnung und Kurzbeschreibung der Musik wird ebenfalls geliefert. Weitere Listen präsentieren die besten Power Pop Compilations und die besten Tribute CDs. Beides eher zweitrangige Kategorien, finde ich. Aber in Kreisen von Power Pop Fans leider sehr beliebt. Überhaupt ist in diesen Kreisen die CD das favorisierte Medium. Vinyl spielt nur noch ein untergeordnete Rolle. Und Neuerscheinungen auf Vinyl sind bedauerlicherweise die große Ausnahme. Es gibt dann „The Ultimate Power Pop Jukebox“, also die besten Tracks in einer Liste von 1-40. Und weil wohl 40 doch zu wenig erschienen, werden noch mal 100 Tracks nachgereicht, die auch „cool“ sind, wie der Autor bemerkt. Weiter werden „30 Great U.S. Indie Power Pop 45sgelistet sowie „10 Great Overlooked UK Power Pop 45s“. Schön, dass 7“45s überhaupt vorkommen, aber wie das geschieht, wirkt auf mich leider ein bisschen beliebig. Not Lame Boss Bruce Brodeen steuert dann noch „30 Landmark Vinyl Albums from Power Pop’s Golden Age“ bei. Auch sehr schön, kann man da nur etwas sarkastisch anmerken. Im nächsten Abschnitt des Buches werden Power Pop Labels und Publikationen vorgestellt. Schließlich gibt es zum Schluss noch Listen von mehr oder weniger bekannten Power Pop Musikern und Journalisten. Listen, die untereinander zum großen Teil nicht vergleichbar sind. Die meisten Listenschreiber reden von Songs, obwohl sie fast immer Tracks meinen. Die Formate gehen munter durcheinander oder werden gar nicht genannt, so dass nur eigene Recherche aufklärt, ob eine Single, ein Album oder ein bestimmter Track gemeint ist. Alles nicht schön, aber man nimmt es hin. Denn dieses Buch ist trotzdem lesenswert. Einfach deshalb, weil es so viele Informationen und kompetente Ansichten zum Thema Power Pop in derart gebündelter Form noch nicht gab. Die beiliegende CD Compilation wird den gemeinen Power Pop Fan sicher begeistern. Liefert sie doch 24 meist sehr hörenswerte Tracks, die hier zum Teil erstmals erscheinen, manche auch nur erstmals auf CD. 

Mario Panciera – 45 Revolutions 1976/79, Vol. 1 UK/ Ireland (Hurdy Gurdy Books, 1780 S., gebunden, 25x17x6,5 cm, ca. 45 Revolutions2 kg, 85,- €, www.hurdygurdy.it/)

Dieses Nachschlagewerk könnte eine Bibel für den Singles Sammler werden. Auf knapp 1800 Seiten werden weit über 3000 7“45s aus dem UK und Irland der Jahre 1976-1979 gelistet. Singles aus den Bereichen Punk, New Wave, Mod, Power Pop, NWOBHM, Indie. Dabei ist es zwar nicht immer ganz eindeutig klar, was drin ist und was nicht, als Faustregel darf aber laut Vorwort gelten, dass alle Singles von Künstlern berücksichtigt wurden, die nicht bereits vor 1976 eine Karriere mit Plattenveröffentlichungen hatten und die im weitesten Sinne unter die genannten Stilbereiche fallen. Ob Singles auf Major Labels oder independent erschienen, spielt keine Rolle. Allerdings fehlen konsequenterweise die Ramones oder The Saints, die zwar ihre größten Erfolge im UK (und Europa) feierten, aber eben nicht daher stammen. Dafür finden wir die Dire Straits und U2, die trotz Veröffentlichung bei großen Labels damals eher als New Wave galten und in einschlägigen Fanzines besprochen wurden. Es gibt einige Grenzfälle in puncto Release Date und in Bezug auf  Stile und Genres, die berücksichtigt wurden. Im Vorwort des Buches ist das alles genau erklärt. Nur so viel: Neo-Rockabilly, Pub Rock, Rock’n’Roll ja sogar Prog Rock sind drin, sofern die Künstler nicht vor 1976 bereits veröffentlichten, Ska, Reggae, Disco, Funk und Avantgarde / Electronic sind drin, falls die Künstler mit der damaligen Indie Szene eng verbunden waren und nicht vor 1976 bereits veröffentlichten. Die Einträge sind alphabetisch nach Künstlern und dann chronologisch geordnet. Zu jedem Eintrag gehören genaue diskografische Angaben, Bewertung der Sammelwürdigkeit bzw. Rarität (aber kein Preis), lexikalische Angaben zum Künstler soweit bekannt, mitunter originale Reviews aus zeitgenössischen Publikationen und eine Cover bzw. Label Abbildung. Im hinteren Drittel des Buches sind noch einmal Hunderte Cover in Farbe abgebildet. Im Großen und Ganzen ist weit mehr aufgeführt, als man zunächst vermutet. Nach dem Dezember 1979 ist aber konsequent Schluss. Das Buch ist in englischer Sprache verfasst und so übersichtlich wie lesenswert, vom Wert als Nachschlagewerk ganz zu schweigen.

John Peel – Margrave Of The Marshes (Bantam Press, UK, 420 S., ca. 25 €)

Der Markgraf der Sümpfe, wohl eher ein Insider Joke, den man nicht unbedingt verstehen muss. Markgrafen gab und gibt es in Großbritannien nicht. Und Sumpfland – zumindest da wo John Peel lebte – auch nicht. Die Biographie, die John Peel Ravenscroft leider nicht mehr selbst zuende schreiben konnte. Seine Frau Sheila hat – mit Unterstützung der vier Kinder der Beiden – das Werk vollendet. Im ersten Teil, der die Kindheit, die Schulzeit, die 18 Monate bei der britischen Armee, sowie die ersten Jahre in den USA behandelt, schreibt John noch selbst. Sehr ausführlich und sehr offen und ehrlich. Sein trockener Humor, seine flüssige Erzählweise und nicht zuletzt der spannende und höchst aufschlussreiche Inhalt seines Berichts machen das Lesen zu einem großen Vergnügen. Auch wenn einem die Freude durch manch hässliches Detail seiner Erfahrung mit älteren Schülern, Lehrern und Vorgesetzten in den 50er Jahren mitunter vergällt wird. Johns Bericht wird auf dem Weg zu einem mexikanischen Bordell Mitte der 60er Jahre jäh unterbrochen. Seine Frau Sheila nimmt die Berichterstattung ab 1968, dem Jahr in dem John und sie sich kennen lernten, wieder auf. Auch wenn sie seinen Stil, seinen Wortwitz sehr gut trifft, so ist ihr Bericht doch lange nicht so ausführlich und selten so detailliert. Auch wenn die Chronologie gewahrt ist und immer wieder Zitate aus Johns Tagebüchern und aus seinen Veröffentlichungen in Zeitschriften einfließen, so bleibt Vieles doch unbeleuchtet oder wird nur kurz gestreift. Johns Zeit beim Piratensender Radio London gehörte sicher mit zum Interessantesten, das leider nun so gut wie undokumentiert ist. Auch seine Außenseiterrolle bei der BBC hätte einiger klärender Worte aus seiner Feder bedurft. Es hat nicht sein sollen. Sheila kann man freilich keinen Vorwurf daraus machen. Sie hat in wunderbarer Weise den Vater, Großvater aber auch den absoluten Musikenthusiasten und ständig auf der Suche nach Neuem befindlichen John Peel beschrieben. Den unermüdlichen DJ ebenso wie den prinzipienfesten Fan des FC Liverpool. Der Verlust, den wir durch seinen viel zu frühen Tod erlitten haben, wird aus jeder Zeile dieses Buches überdeutlich.

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