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letztes Update: 01. Dezember 2011


Neue Drucksachen

get happy!? magazine (A4, 98S., vierfarb hochglanz Druck, 6,90 € plus Versand, www.gethappymag.de)

get happy!?Die Idee zu diesem Magazin entstand im Internet Leser Forum des deutschen Rolling Stone. Das war vor ca. einem halben Jahr. Und nun liegt bereits die erste Ausgabe eines absolut professionell gestalteten Magazins zur Popkultur vor, das im deutschsprachigen Raum seinesgleichen sucht! Von der Titelstory abgesehen, die sich mit dem soeben erschienenen Mythen umrankten „Smile“ Album der Beach Boys beschäftigt, werden nur Themen behandelt, die vollkommen unabhängig von Erscheinungsterminen und äußerem Aktualitätsdruck sind. Die inhaltliche Bandbreite ist so groß wie die Vielfalt der Mitarbeiter des Heftes. Ein Schwerpunkt der Ausgabe ist die Musik Metropole Los Angeles mit The Beach Boys und „Smile“, einem Interview mit Domenic Priore dazu, Reviews der post-Smile Beach Boys LPs, Artikeln zu Charles Manson als Musiker sowie dem Country Produzenten Ken Nelson, Modern Jazz in L.A. und darüber hinaus, Frank Sinatra und Reprise, einem Blick auf die L.A. Soul Szene mit Gastbeiträgen internationaler Northern Soul DJs. Und auch Doebelings „definitives Dutzend“ konnte reaktiviert werden mit den besten Tracks zu L.A. Das ist aber längst nicht alles. Die Band Stereolab wird ausführlicher vorgestellt. Es gibt ein Porträt des französischen Liedermachers Renaud. Ein längeres Interview mit Howe Gelb, sowie ein etwas kürzeres mit Lloyd Cole und eines mit Steve Cradock gibt es. Über Judy Garland gibt es einen informativen Artikel, und einen anderen über Joao Gilberto. Moderner Electropop wird beleuchtet. Ingmar Bergman ist ein Bericht gewidmet und ein anderer Kenneth Anger. Exploitation Filme von Jack Hill werden vorgestellt. Man kann etwas zu „Classic British Comedy“ lesen. Es gibt einen Abriss zum britischen independent Label Sarah Records, und ein Singles Liebhaber stellt ein paar seiner liebsten Rock’n’Roll 45s vor. Zwei legendäre LPs werden etwas eingehender behandelt aus ganz individueller Sicht, „Marquee Moon“ von Television und „Hatful Of Hollow“ von The Smiths. Dem kanadischen Comiczeichner Dave Sim ist ein weiterer Artikel gewidmet. Und so geht es fort mit weiteren kleineren Beiträgen. Aktuelle Plattenbesprechungen fehlen wie gesagt völlig. Allen Artikeln gemeinsam ist die Tatsache, dass sie kenntnisreich und mit Begeisterung für ihr Sujet geschrieben sind. Dabei ist häufig eine individuelle persönliche Herangehensweise festzustellen. Davon profitieren diese Beiträge in besonderem Maße, wie ich finde. Man kann diese Zeitschrift immer wieder zur Hand nehmen und darin schmökern. Wirklich ein gelungenes Debüt! Ich hoffe, Vielfalt und Niveau bleiben so.  

Gilbert Blecken – Destination: Pop (Paperback, 288 S. 18,- € bei www.booklooker.de)Destination Pop

Dies ist eine erweiterte Neuauflage des Buches, das Gilbert im Eigenverlag bereits vor zwei Jahren herausbrachte. (siehe auch GG145) 50 Interviews aus 20 Jahren heißt es nun im Untertitel, von ABC bis Zoot Woman. Gilbert hat seine ganz eigene Herangehensweise an Popmusik und an das Interviewen von Künstlern, Musikern. Das macht dieses Buch so lesenswert, ganz abgesehen von seinem historischen und dokumentarischen Wert. Bei den neu hinzugekommenen Gesprächen haben mir besonders die mit Madness, Wire und mit Nina Persson /A Camp sowie mit Jaz Coleman von Killing Joke und Tim Burgess /The Charlatans gefallen. Wegen der interessanten Fragen einerseits und weil ich bisher wenig zu diesen Künstlern gelesen hatte. Der Druck ist besser als bei der ersten Auflage, und die Farbfotos im Mittelteil kommen so noch besser zur Geltung. Die Auflage ist klein, also sollte man sich beeilen, wenn man noch ein Exemplar haben möchte. 

Emo – Porträt einer Szene (Paperback, 226 S. 16,90 €, www.ventil-verlag.de)

emoDer Begriff „Emo“ geistert inzwischen schon seit über zwei Jahrzehnten durch die Rock und Pop Musikrezeption, aber wie es scheint, weiß niemand so recht was anzufangen damit. Seit Bands wie My Chemical Romance oder etwas früher bereits Jimmy Eat World und Dashboard Confessionals  über eine eingeschworene Szene hinaus bekannt und erfolgreich wurden, taucht Emo als Genre auch immer häufiger in Mainstream Publikationen von Musikexpress bis Bravo auf. Wobei man davon ausgehen darf, dass die Autoren solcher Zeitschriften weder wissen, woher die Bezeichnung stammt, noch was sie eigentlich bezeichnet. Allerdings, das muss man zugeben, wissen oft auch Redakteure seriöserer Blätter nicht so genau, was gemeint ist mit Emo Rock und welche durchaus unterschiedlichen Jugendszenen weltweit damit verbunden sind. Die nun vorliegende Artikel und Essay Sammlung aus dem Ventil Verlag wurde herausgegeben von Martin Büsser, Jonas Engelmann und Ingo Rüdiger. Vor allem Büsser beschäftigt sich schon seit langem mit Jugend- und Subkulturen im Zusammenhang mit Rock- und Popmusik. Emo als Mode, Jugendkultur und Musikstil wird in diesem Buch erstmals ausführlich und von Insidern beleuchtet. Dabei werden auch Emo Szenen in Russland, Mexiko, Chile, Ägypten und der Türkei vorgestellt. Ist Emo eine Rebellion gegen traditionelle Geschlechterrollen?, wird gefragt. Und welchen Anfeindungen sind Emo Anhänger durch „normale“ Jugendliche und die etablierte Gesellschaft ausgesetzt? In einer für den Ventil Verlag typischen Art und Weise wird kritisch hinterfragt und zugleich versucht, einen möglichst breiten Überblick zu geben. Mir persönlich kommt dabei die Musik ein bisschen zu kurz. Die chronologische aber relativ subjektive und willkürliche Diskographie Kristof Künsslers (seit Jahren Mitarbeiter des alternativen Musik Vertriebs und Mail Orders Flight 13) ist zwar kenntnisreich, jedoch mit ihren Kurzcharakteristika auch das einzig Brauchbare für den hauptsächlich musikinteressierten Leser. Wer jedoch das Phänomen „Emo“ in seiner Vielschichtigkeit kennen lernen will, findet hier ein paar Denkanstöße und auch weiterführende Verweise. Immerhin reicht Emo von Straight Edge und Veganismus bis zu Tokio Hotel. 

40 Jahre Musikexpress (Oktober 2009, Heft, 164 S. mit Beilagen, 6,90€, www.musikexpress.de)

Musik ExpressGekauft habe ich mir diese Jubiläumsausgabe vor allem wegen des beiliegenden Nachdrucks der ersten deutschsprachigen „musik express“ Ausgabe vom August 1969. Der „muziek expres“ war eigentlich eine in Holland erscheinende Popmusik Zeitschrift, herausgegeben von einer Konzertagentur in Den Haag. Ich kannte das Blatt damals in den 60ern nicht, aber offenbar wurde es viel auch in Deutschland gelesen, da außer den Star Club News hierzulande kein ernst zu nehmendes Blatt für Beat und Popmusik erschien. Die Konsequenz war dann also ab August 1969 eine rein deutschsprachige Ausgabe. Die Werbung darin war allerdings drolligerweise immer noch nur holländisch. In dieser Nummer findet man Artikel über Steve Winwood und Blind Faith, Francoise Hardy, Donovan, den Tod und die Beerdigung von Brian Jones, Procol Harum, Aphrodite’s Child, The Lords, Bee Gees, die Stones und Mick Taylor, sowie Brainbox und The Motions aus Holland, wie überhaupt holländische Bands logischerweise damals stark vertreten waren in dieser ja eigentlich holländischen Zeitschrift. Auch The Twangy Gang, eine Band aus Berlin, die ich damals persönlich kannte, finden kurz Erwähnung mit Foto auf der News Seite. In den 70er Jahren war der Musik Express dann eher Mainstream orientiert, während Sounds Themen wie Westcoast Rock, Country Rock und die eher untergründigen oder elitären Szenen ab-deckte. Nachdem Sounds Anfang der 80er an Auflage verlor und ins Trudeln geriet, wurden beide Blätter, die nun eh im gleichen Verlag erschienen, fusioniert. ME/Sounds bzw. Musikexpress/Sounds hieß es dann einige Jahre. Inzwischen bedient der „musikexpress“ wieder den eher Mainstream Rock orientierten aber auch Indie nicht abgeneigten jüngeren Leser, der an längeren und tiefer gehenden Abhandlungen nicht so interessiert ist.

15 Jahre Rolling Stone Deutschland (Oktober 2009, Heft, 148 S. mit CD, 6,90€, www.rollingstone.de)

Natürlich ist der Rolling Stone, der originale US-amerikanische, viel älter; 42 Jahre, wenn ich nicht irre. Und in den 1980er Jahren gab es einen kurzlebigen Versuch einer deutschen Ausgabe. 1994 aber startete der Konzertveranstalter Werner Kuhls mit Bernd Gockel und Jörg Gülden als Chefredakteuren den inzwischen als führende deutschsprachige Rock Zeitschrift etablierten deutschen Rolling Stone.  Der RS gehört heute, genauso wie der musikexpress übrigens, zum Axel Springer Verlag. Die Redaktion, deren Chefredakteur nach wie vor Gockel heißt, zieht gerade von der Isar um an die Spree. Jörg Gülden ist leider am 8. Mai diesen Jahres unerwartet im Alter von 65 Jahren verstorben. Zu den Mitarbeitern und Autoren des deutschen Rolling Stone gehören einige der besten und renommiertesten Musikjournalisten des Landes wie Wolfgang Doebeling und Arne Willander, aber auch hervorragende „Nachwuchs“kräfte wie etwa Maik Brüggemeyer. Die thematische Vielfalt des Heftes orientiert sich am US Original. So gibt es immer wieder auch aktuelle politische und gesellschaftspolitische Themen, neben Artikeln zu Popkultur, Film und natürlich Musik. Dabei richtet der RS seinen Blick vor allem auf die großen und etablierten Namen der Rockmusik. Doch neue Trends und junge Bands werden deshalb nicht verschwiegen, auch wenn sie vielleicht manchmal etwas mehr Raum und Aufmerksamkeit verdient hätten, als ihnen zugestanden wird. Der letzten Ausgabe lag eine Vinylsingle bei, die Neuauflage der ersten Stone Roses 7“. So etwas sollte fortgeführt werden. Auf die „New Noises“ CD darf dafür gerne verzichtet werden. Überhaupt sollte man, da man sich ja eh an ein speziell interessiertes Publikum wendet, den Vinylausgaben aktueller wie neu aufgelegter Veröffentlichungen eine größere Aufmerksamkeit schenken. Und wenn die nur darin besteht, dass auf Vinylausgaben wenigstens gesondert hingewiesen wird. Die der Jubiläumsausgabe beiliegende CD mit besonderen extra zum Geburtstag erstellten Beiträgen einiger namhafter und auch weniger bekannter Künstler ist eine nette Geste, viel mehr dann aber auch nicht.     

Hans-Jürgen Klitsch – Otto & die Beatle-Jungs (Format 32x24 cm, 130 S., broschiert, Isensee Verlag, Oldenburg, 19,80 €, www.shakin-all-over.de)

The Four Spirits, Oldenburg, 1966The Rustlers, Emden, Otto Waalkes 2. von rechtsWährend die dritte überarbeitete und ergänzte Auflage der deutschen Beat Bibel von Hans-Jürgen Klitsch „Shakin’ All Over“ noch auf sich warten lässt, hat der rührige Chronist ein neues Buch verfasst. Dieses Mal geht es ganz speziell um die Beatszene der 60er Jahre zwischen Oldenburg, Emden und Wilhelmshaven. Und wer meint, in Aurich war’s schaurich und in Leer noch viel mehr, der irrt gewaltig. Zwar passierte in Ostfriesland und angrenzenden Landstrichen alles mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung (von knapp zwei Jahren etwa), aber die lokalen Beat Clubs, Tanzschuppen und Gaststätten mit Live Musik waren dann auch nicht weniger aufregend und beliebt bei der örtlichen Jugend als die in den großen Städten Westdeutschlands. Bands wie The Flying Arrows, The Towners, The Beatniks, The Stingrays, The Stirlings, The Starfyghters oder The Four Spirits waren letztlich auch nicht schlechter oder weniger engagiert als die meisten anderen deutschen Beatbands der 60er Jahre, die zwischen Flensburg und Konstanz, zwischen Aachen und Helmstedt jedes Wochenende zum Tanz spielten. Gewohnt akribisch hat Hans-Jürgen alles Material zusammen getragen, das er finden konnte. The Sting-Rays, Oldenburg, 1966The Shadocs, WilhelmshavenUnzählige Gespräche hat er geführt, ist an jedem freien Wochenende von Schortens, wo er mit seiner Familie seit über 20 Jahren lebt, kreuz und quer durch Friesland gefahren, um Originalschauplätze zu besichtigen und Augen- und Ohrenzeugen aufzutreiben und zu befragen. Mit Otto Waalkes hat er gesprochen, der Mitte der 60er in Emden The Rustlers gründete, und mit vielen anderen Musikern, die längst ganz gewöhnlichen Berufen nachgehen und nur noch ab und zu in Erinnerungen schwelgen. Diese Erinnerungen hat HJK aufgeschrieben und ein bisschen geordnet. So wie wir das aus „Shakin’ All Over“ kennen hat er ausführliche Band Stories und viele Anekdoten und authentische Berichte gesammelt und in einen historischen und chronologischen Zusammenhang gebracht. Nicht nur Indo Bands aus dem nahen Holland, auch die eine oder andere englische Band wie z.B. The Mark Four (prä-The Creation) spielte im Big-Ben-Club in Wilhelmshaven oder im Star-Palast Oldenburg. Auch das hat HJK dokumentiert. Eine Diskographie und ein ausführlicher Index sowie zahlreiche nie zuvor gesehene Fotos runden das Buch ab. Zusätzlich hat HJK eine CD mit fast ausschließlich unveröffentlichten Aufnahmen von Bands aus der Region kompiliert. Diese CD ist auf 300 Stück limitiert. Man kann sie direkt beim Autor erwerben für 12,50 € plus Porto, Kontakt: hjk@shakin-all-over.de. Auch wenn diese CD kaum eigenes Material der Bands enthält, lohnt sich die Anschaffung für den Fan deutscher Beatbands allemal. Einige verschärfte Versionen bekannter Gassenhauer sind dabei und mit „Disturbance“ von The Stingrays aus Oldenburg sogar eine ganz große Entdeckung deutscher Beatmusik!

Fanzine

Road Tracks #25 (A4 Heft, 60 S., s/w Druck, Farbcover, 3,- € plus Porto, www.myspace.com/roadtracksmagazine)

Seit 1999 und 25 Ausgaben gibt es dieses Fanzine aus der Mitte Deutschlands mit einem Faible für meist völlig undeutsche Musik. Es ist das kleinere, unbekanntere aber eigentlich bessere Fanzine aus Aschaffenburg. „Der kleine Bruder vom großen Rolling Stone“ hab ich in einem Review vor Jahren mal geschrieben. Und daran hat sich im Prinzip immer noch nichts geändert, wobei Road Tracks weniger Alte Meister, weniger Filmrezensionen, weniger große Namen, weniger Downloads und weniger unwichtigen Klatsch und Tratsch bietet als der große Bruder. Die 10 Lieblingsplatten der Redaktion aus 25 Ausgaben spiegeln eigentlich ganz gut wider, womit man sich bei Road Tracks vornehmlich beschäftigt. Das reicht von Johnny Cash, QOTSA, Ryan Adams, The White Stripes, Bob Dylan über Pearl Jam, Wilco, Bright Eyes bis zu Adam Green und Bonnie Prince Billy. In der aktuellen Nummer 25 finden sich Artikel zu und Interviews mit Hoodoo Girl aus Hamburg, Get Well Soon aus Mannheim, den Jolly Goods aus dem Odenwald aber auch Two Gallants, Kim Gordon, Sand Rubies und Christian Kjellvander. Manche Artikel dürften ruhig etwas länger und ausführlicher sein. Aber immer wird mit viel Aplomb und Herzblut an die Sache herangegangen. So soll es sein bei einem Fanzine. Zahlreiche Plattenbesprechungen und Konzertreviews runden das Heft ab. Viel Erfolg für mindestens weitere 25 Ausgaben!

Bücher

John M. Borack – Shake Some Action (The Ultimate Power Pop Guide, 200 S., broschiert, inkl. CD, Not Lame Publishing, 29,95 $, www.notlame.com)

Shake Some Action„Quadratisch, praktisch, gut!“, möchte man spontan sagen zu diesem längst überfälligen Leitfaden in die Welt des Power Pop. Und tatsächlich ist dieses Buch konkurrenzlos gut, eben weil es konkurrenzlos ist. John Borack ist ein amerikanischer Musik Journalist (Goldmine, Amplifier u.a.) und ausgewiesener Kenner des Genres Power Pop. Das Buch besteht aus ein paar einleitenden, historischen und durchaus erhellenden Artikeln zum Thema Pop im Allgemeinen und Power Pop im Besonderen. Den größten Teil machen dann allerdings Listen aus. Da gibt es zunächst die 200 besten Power Pop Alben. Die Auswahl traf der Autor. Das ist soweit ok. Dass er sich auskennt und den nötigen Überblick hat, darf man voraussetzen. Schwierig wird’s allerdings bei seinen sozusagen außermusikalischen Kriterien. Nur ein Album pro Künstler? – So nachvollziehbar sein Postulat der möglichst großen Vielfalt ist, es gibt nun mal besonders wichtige und großartige Bands des Genres, die mehr als ein hörenswertes Album veröffentlicht haben. Auch dass Borack – in Ausnahmefällen schreibt er – Best Ofs und CD-Twofer berücksichtigt, macht die Sache leider recht zweifelhaft. Erstens lässt er so quasi durch die Hintertür doch mehr als ein Album pro Künstler zu. Und zweitens ist eine solche Vorgehensweise ahistorisch und stilistische Entwicklungen negierend. Zu jeder gelisteten Platte gibt es natürlich ein paar lexigrafische und historische Angaben. Und eine stilistische Einordnung und Kurzbeschreibung der Musik wird ebenfalls geliefert. Weitere Listen präsentieren die besten Power Pop Compilations und die besten Tribute CDs. Beides eher zweitrangige Kategorien, finde ich. Aber in Kreisen von Power Pop Fans leider sehr beliebt. Überhaupt ist in diesen Kreisen die CD das favorisierte Medium. Vinyl spielt nur noch ein untergeordnete Rolle. Und Neuerscheinungen auf Vinyl sind bedauerlicherweise die große Ausnahme. Es gibt dann „The Ultimate Power Pop Jukebox“, also die besten Tracks in einer Liste von 1-40. Und weil wohl 40 doch zu wenig erschienen, werden noch mal 100 Tracks nachgereicht, die auch „cool“ sind, wie der Autor bemerkt. Weiter werden „30 Great U.S. Indie Power Pop 45s“ gelistet sowie „10 Great Overlooked UK Power Pop 45s“. Schön, dass 7“45s überhaupt vorkommen, aber wie das geschieht, wirkt auf mich leider ein bisschen beliebig. Not Lame Boss Bruce Brodeen steuert dann noch „30 Landmark Vinyl Albums from Power Pop’s Golden Age“ bei. Auch sehr schön, kann man da nur etwas sarkastisch anmerken. Im nächsten Abschnitt des Buches werden Power Pop Labels und Publikationen vorgestellt. Schließlich gibt es zum Schluss noch Listen von mehr oder weniger bekannten Power Pop Musikern und Journalisten. Listen, die untereinander zum großen Teil nicht vergleichbar sind. Die meisten Listenschreiber reden von Songs, obwohl sie fast immer Tracks meinen. Die Formate gehen munter durcheinander oder werden gar nicht genannt, so dass nur eigene Recherche aufklärt, ob eine Single, ein Album oder ein bestimmter Track gemeint ist. Alles nicht schön, aber man nimmt es hin. Denn dieses Buch ist trotzdem lesenswert. Einfach deshalb, weil es so viele Informationen und kompetente Ansichten zum Thema Power Pop in derart gebündelter Form noch nicht gab. Die beiliegende CD Compilation wird den gemeinen Power Pop Fan sicher begeistern. Liefert sie doch 24 meist sehr hörenswerte Tracks, die hier zum Teil erstmals erscheinen, manche auch nur erstmals auf CD. 

Mario Panciera – 45 Revolutions 1976/79, Vol. 1 UK/ Ireland (Hurdy Gurdy Books, 1780 S., gebunden, 25x17x6,5 cm, ca. 45 Revolutions2 kg, 85,- €, www.hurdygurdy.it/)

Dieses Nachschlagewerk könnte eine Bibel für den Singles Sammler werden. Auf knapp 1800 Seiten werden weit über 3000 7“45s aus dem UK und Irland der Jahre 1976-1979 gelistet. Singles aus den Bereichen Punk, New Wave, Mod, Power Pop, NWOBHM, Indie. Dabei ist es zwar nicht immer ganz eindeutig klar, was drin ist und was nicht, als Faustregel darf aber laut Vorwort gelten, dass alle Singles von Künstlern berücksichtigt wurden, die nicht bereits vor 1976 eine Karriere mit Plattenveröffentlichungen hatten und die im weitesten Sinne unter die genannten Stilbereiche fallen. Ob Singles auf Major Labels oder independent erschienen, spielt keine Rolle. Allerdings fehlen konsequenterweise die Ramones oder The Saints, die zwar ihre größten Erfolge im UK (und Europa) feierten, aber eben nicht daher stammen. Dafür finden wir die Dire Straits und U2, die trotz Veröffentlichung bei großen Labels damals eher als New Wave galten und in einschlägigen Fanzines besprochen wurden. Es gibt einige Grenzfälle in puncto Release Date und in Bezug auf  Stile und Genres, die berücksichtigt wurden. Im Vorwort des Buches ist das alles genau erklärt. Nur so viel: Neo-Rockabilly, Pub Rock, Rock’n’Roll ja sogar Prog Rock sind drin, sofern die Künstler nicht vor 1976 bereits veröffentlichten, Ska, Reggae, Disco, Funk und Avantgarde / Electronic sind drin, falls die Künstler mit der damaligen Indie Szene eng verbunden waren und nicht vor 1976 bereits veröffentlichten. Die Einträge sind alphabetisch nach Künstlern und dann chronologisch geordnet. Zu jedem Eintrag gehören genaue diskografische Angaben, Bewertung der Sammelwürdigkeit bzw. Rarität (aber kein Preis), lexikalische Angaben zum Künstler soweit bekannt, mitunter originale Reviews aus zeitgenössischen Publikationen und eine Cover bzw. Label Abbildung. Im hinteren Drittel des Buches sind noch einmal Hunderte Cover in Farbe abgebildet. Im Großen und Ganzen ist weit mehr aufgeführt, als man zunächst vermutet. Nach dem Dezember 1979 ist aber konsequent Schluss. Das Buch ist in englischer Sprache verfasst und so übersichtlich wie lesenswert, vom Wert als Nachschlagewerk ganz zu schweigen.

Ein Buch

John Peel – Margrave Of The Marshes (Bantam Press, UK, 420 S., ca. 25 €)

Der Markgraf der Sümpfe, wohl eher ein Insider Joke, den man nicht unbedingt verstehen muss. Markgrafen gab und gibt es in Großbritannien nicht. Und Sumpfland – zumindest da wo John Peel lebte – auch nicht. Die Biographie, die John Peel Ravenscroft leider nicht mehr selbst zuende schreiben konnte. Seine Frau Sheila hat – mit Unterstützung der vier Kinder der Beiden – das Werk vollendet. Im ersten Teil, der die Kindheit, die Schulzeit, die 18 Monate bei der britischen Armee, sowie die ersten Jahre in den USA behandelt, schreibt John noch selbst. Sehr ausführlich und sehr offen und ehrlich. Sein trockener Humor, seine flüssige Erzählweise und nicht zuletzt der spannende und höchst aufschlussreiche Inhalt seines Berichts machen das Lesen zu einem großen Vergnügen. Auch wenn einem die Freude durch manch hässliches Detail seiner Erfahrung mit älteren Schülern, Lehrern und Vorgesetzten in den 50er Jahren mitunter vergällt wird. Johns Bericht wird auf dem Weg zu einem mexikanischen Bordell Mitte der 60er Jahre jäh unterbrochen. Seine Frau Sheila nimmt die Berichterstattung ab 1968, dem Jahr in dem John und sie sich kennen lernten, wieder auf. Auch wenn sie seinen Stil, seinen Wortwitz sehr gut trifft, so ist ihr Bericht doch lange nicht so ausführlich und selten so detailliert. Auch wenn die Chronologie gewahrt ist und immer wieder Zitate aus Johns Tagebüchern und aus seinen Veröffentlichungen in Zeitschriften einfließen, so bleibt Vieles doch unbeleuchtet oder wird nur kurz gestreift. Johns Zeit beim Piratensender Radio London gehörte sicher mit zum Interessantesten, das leider nun so gut wie undokumentiert ist. Auch seine Außenseiterrolle bei der BBC hätte einiger klärender Worte aus seiner Feder bedurft. Es hat nicht sein sollen. Sheila kann man freilich keinen Vorwurf daraus machen. Sie hat in wunderbarer Weise den Vater, Großvater aber auch den absoluten Musikenthusiasten und ständig auf der Suche nach Neuem befindlichen John Peel beschrieben. Den unermüdlichen DJ ebenso wie den prinzipienfesten Fan des FC Liverpool. Der Verlust, den wir durch seinen viel zu frühen Tod erlitten haben, wird aus jeder Zeile dieses Buches überdeutlich.

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